Wutnacht

Es ist heiß, der Sommer hat Deutschland fest im Griff. Die Sonne ballert derartig vom Himmel herunter, dass man schon wieder vor Schweiß starrt, wenn man die Dusche verlässt. Nicht, dass mich das stören würde; wenn die Sonne so richtig knallt, fühle ich mich wohl. Warum also nicht in die Strandbar gehen?

Dieser Gedanke kommt mir an einem Donnerstagabend gegen halb zehn. Das ist einigermaßen problematisch. In einer Kleinstadt wie Speyer ist man unter der Woche quasi stets mit dem Dilemma konfrontiert, dass ungefähr jede Kneipe so früh schließt, dass man noch nicht einmal den Gutenmorgenkaffee halb heruntergewürgt hat. Doch mir als Großmeister der Soziologie erscheint das an diesem Abend als vernachlässigbar. Vor gerade einmal zwei Tagen hat das Speyrer Brezelfest seine Tore geschlossen. Ungeachtet des Wochentags wankten Dienstagnacht unzählige Schnapsleichen durch die Partyzelte auf dem Messplatz. Und die müssen ja heute Abend auch irgendwo sein! Wo? Na klar, bei dem Wetter hängen die selbstverständlich alle in der Strandbar rum! So früh wird da schon noch nicht dicht sein…

Schnell ist ein Kumpel organisiert, der mich begleitet. Besonders flott kommen wir allerdings nicht voran. Mehrfach müssen wir rasten, um Kippen zu drehen und mit den Weizendosen zu kämpfen, an denen wir uns wässern. Ernsthaft: Wer kauft eigentlich Weizen in der Dose? Vermutlich sind das dieselben Leute, die sich die Wohnung mit „Swarovski“-Kristallfiguren vollstellen.

Nach langen Umwegen und einer unterhaltsamen Diskussion über die Weltreligionen kommen wir endlich in der Strandbar an. Aber wo sind denn alle? Vor der Bar hat sich eine längere Schlange gebildet. Bringen die etwa gerade alle ihr Pfand zurück?

„Öy!“, will ich von der Barkeeperin wissen, „Öy! Macht ihr schon zu?“.
„Nein, erst um zwölf, wie jeden Abend“, erklärt sie.
Ich schaue auf mein Handy. Viertel nach elf. Shit.

Zwei Bier später verlassen wir die Strandbar und stehen vor der beißenden Frage: Wohin? Das Problem löst sich an diesem Abend jedoch verblüffend schnell. Etwa hundert Meter entfernt vom Ausgang der Strandbar sitzt eine Gruppe aus etwa fünfzehn Hippies auf dem Boden. Die Hippies, die eigentlich gar keine Hippies sind, haben zwar keine Ahnung, wo noch etwas los sein könnte, laden uns aber freundlich ein, uns zu ihnen zu setzen. Ein Abschlussseminar eines freien sozialen Jahres wird hier gefeiert, danach will ein Großteil der Gruppe scheinbar soziale Arbeit studieren. Sympathische Leute, eigentlich.

Wir sitzen also am Rhein, die knallende Sonne ist längst untergegangen. Irgendein Fabian drückt mir ein Bier in die Hand, was viel zu schnell verzehrt ist. Wir könnten an die Tankstelle laufen, denke ich mir, bleibe dann aber doch sitzen. Die Gruppe ist ziemlich unterhaltsam. Ein Mexikaner und ein Kolumbianer sitzen neben mir und erzählen irgendwelche Geschichten, denen ich nicht mehr so ganz folgen kann.

Stattdessen werfe ich mit allgemeinen Ratschlägen um mich: „Ihr solltet studieren gehen!“, „Fahrt mit uns nach Rock’n’Heim!“ und „Ey, lasst uns mal an die Tanke laufen, wir brauchen Bier!“. Die Leute fangen an, mich mit dem Namen eines Hendrix-Songs anzureden. Da fällt mir ein: Wir brauchen eine Gitarre!

Also schnell hinters Telefon geklemmt und ein wenig Sozialkapital mobilisiert. Es ist kurz vor eins, als ich tatsächlich eine Gitarre aufgetrieben habe. Problem: Sie steht im Nachbarkaff am Bahnhof. Noch problematischer: Keine Sau kann mehr Auto fahren. Tja.

Viele unserer Probleme an diesem Abend hängen mit unserer Immobilität zusammen. „Lasst uns mal zu mir nach Hause fahren, Ghettoblaster holen!“ – Geht nicht. „Lasst uns mal zur Tanke fahren, wir brauchen Bier“ – Pech gehabt. „Alter, wir müssen sofort nach Freiburg, da gibt’s ’ne Wasserrutsche mit ’nem Looping!“ – Woah, geil! Kann noch wer fahren? Wir drehen uns ein wenig im Kreis.

Zumindest Musik kriegen wir tatsächlich aufgetrieben. Irgendjemand zaubert einen CD-Spieler herbei, den ich nach wenigen Minuten kapere. „Los! Alle müssen tanzen! Major Lazer!“, verkünde ich – und alles tanzt. Danach Deichkind. Danach Prodigy. Danach Prinz Pi. Und immer noch tanzt alles.

Doch da kippt die Stimmung. Offensichtlich davon überzeugt, dass wir ihr Bier oder ihre Telefone klauen wollen, beginnt eine Frau – nennen wir sie „Conny“, denn ich weiß leider nicht mehr, wie sie wirklich hieß – die Grüppchen abzuschreiten und gegen meinen Kumpel und mich herumzuhetzen. Ich mag manchmal ein wenig paranoid sein, aber so etwas merke ich dann doch. Mein Gewissen schaltet sich ein. Gehen wir den Leuten hier etwa auf den Wecker? Ich frage in die Runde. „Nö, alles okay!“. Beruhigt tanze, trinke, rauche ich weiter.

Der Hammer kommt um kurz vor zwei. Conny baut sich vor der Gruppe auf: „Ey, wir hauen jetzt ab!“, brüllt sie.
„Was? Wieso?“, will ich wissen.
„Verpiss dich jetzt, du blöder Spack!“, schreit es mir entgegen. Was zur Hölle?!

Sinnlose Streitereien kann ich einfach nicht mehr ertragen. Ständig raufen sich die Leute aus den allerschwachsinnigsten Gründen. Ich habe diesen Sommer schon einige wirklich doofe Anfeindungen erlebt: „Du hast beim Flunkeyball übertreten. Fick dich, du Spastie! Du hast einen anderen Glauben als ich, gleich macht’s Klatsch“. „Woah, bist du blöd. Ich trete dir gleich ins Gesicht!“. Ich kann einfach nicht verstehen, dass sich manche Leute immer wieder streiten müssen. Warum denn auch? Ist unsere Gesellschaft heute wirklich so frustriert, dass da nur noch ungezügelte Wutausbrüche Abhilfe schaffen? Mich macht das traurig.

Und Lust zu streiten habe ich auch nicht. „Yeah, ich bin ein blöder Spack! Aber was hab ich dir eigentlich getan?“.

Darüber will Conny nicht sprechen. Stattdessen befiehlt sie mir plötzlich, die Hosentaschen auszuleeren. Scheinbar unzufrieden über das Ergebnis und über die Tatsache, dass wir wirklich nichts geklaut haben, steigert sie sich immer weiter in einen Wutanfall hinein. Mehrfach entschuldige ich mich für was weiß ich was. Ich habe wirklich keine Lust, einen so schönen Abend kaputtzustreiten. Es wird Zeit, sich vom Acker zu machen.

Aber nicht, ohne was zu rauchen. Vorher müssen natürlich Wegkippen gedreht werden. Conny links liegen lassend verkünde ich in die gerade aufbrechende Runde: „Tja, also Leute. War schön, euch kennengelernt zu haben. Wir machen uns noch ’ne Kippe und sind dann auch weg“. Das will sie aber auch nicht hören. Conny baut sich vor uns auf und brüllt uns laut an. Abhauen sollen wir. „Chill jetzt, verdammt. Wir machen noch Kippen und sind dann weg“. Schließlich wird sie weggezerrt. „Zu viel gesoffen“, verkündet ihr Seminarkollege und verabschiedet sich. Und lässt uns doch einigermaßen desillusioniert zurück am Rhein sitzen.

Was ist da gerade passiert? Keine Ahnung, aber es ist doch alles in allem ein ziemlich niederschmetternder Einblick in die menschliche Psyche.