Die Würfel rollen – mein erstes Rollenspiel

Mehr braucht es nicht: Stift und Papier ( Foto: EsaRiutta / pixabay.de)

Mehr braucht es nicht zum Rollenspiel: Stift und Papier ( Foto: EsaRiutta / pixabay.de)

Die Würfel explodieren. Aus sechs Augen werden 12, dann 18, 23. Ein anerkennendes Raunen geht durch den Raum. Der Golem fällt um wie ein Becher auf dem Kinderessplatz. Laut, aber wirkungsvoll. Noch ein zwei Würfe und das Spiel ist vorbei. Natürlich gab es keinen echten Golem, keine echten Dämonen oder Monsterspinnen. Nach drei abendfüllenden Treffen habe ich nun mein erstes Rollenspiel hinter mich gebracht. Es schäme sich, wer nun an etwas Schmutziges denkt. Ich meine ein einfaches „Pen & Paper“ Rollenspiel, zu dem ich mich habe verleiten lassen. Und ich fand es grandios.

Der Weg dorthin

Nun gibt es bestimmt Augenrollen und Schulterzucken. Gerne werden Rollenspiele mit Stift und Papier als Kram für sogenannte ‚Nerds‘ oder ‚Geeks‘ abgetan. Manche behaupten auch, die Spielart sei auf dem Rückzug, längst überholt. Immerhin gibt es virtuelle Möglichkeiten in andere Welten einzutauchen und Abenteuer zu erleben, ‚Quests‘ zu absolvieren und Erfahrungspunkte (EPs) zu sammeln. Und auf der anderen Seite gibt es die, die aufs Ganze gehen und Rollenspiele als ‚live Rollenspiele“ erleben wollen. In Gewandung und mit einer Biografie, die aus dem Geschichtsbuch stammen könnte. Ich aber bin um diese Bereiche immer wieder herumgestreunt, habe aber weder das eine noch das andere ausprobiert. Bis jetzt.

Mit Stift oder Gewandung

Wie Sitting Bull und Buffalo Bill: Wild West live Rollenspiele (Foto: skeeze / pixabay.de)

Wie Sitting Bull und Buffalo Bill: Wild West live Rollenspiel (Foto: skeeze / pixabay.de)

Es wäre zu einfach mal wieder dem Mann die Schuld zu geben, der ‚Pen & Paper“ während der Schulzeit gespielt hat. Und außerdem irgendwie sexistisch. Wahrscheinlich wäre dies aber eine Erfahrung gewesen, die ich zwar immer interessant gefunden hätte, aber nie vom Gedanken zur Tat gekommen wäre, gäbe es da nicht unsere Freunde. Diese Freunde meinen es ganz ernst. Am liebsten tauchen sie in ihre Rollen beim Wild West ‚live‘ Rollenspiel, mit Kind und Kegel, historischem Kinderwagen und selbstgenähten Kleidern, die hier nicht Kostüme heißen, sondern Gewandung. Historische Rollenspiele also. Aber sie kennen sich auch aus in der Welt der Star Trek Rollenspiele, bei Herr der Ringe, Star Wars, und und und. Und neben der Begeisterung für das vollständige Eintauchen in eine selbst gewählte Rolle mögen diese Freunde auch noch das klassische ‚Pen & Paper‘. Nach einem gemeinsamen Krimi Dinner hatten sie mich schließlich soweit. Wir kauften uns Würfelsets und der Spaß konnte beginnen.

Spielleiter …

Zu viert bestritten wir unser erstes Abenteuer, zusätzlich muss es immer einen Spielleiter geben, der kreativ auf die Entscheidungen der Spieler eingeht, die Regeln beherrscht, die Handlung sowieso. Außerdem gibt es solche Figuren, die nicht von den Spielern gesteuert werden, NSCs. Das können Dorfbewohner, Helfer, fantastische Wesen, aber auch die Gegner sein. Dass wir dabei in eine fantastische Welt gerieten lag dann wohl wirklich an mir, denn dieses Genre ist mein liebstes. Genauso gut wäre aber ein Horror-Plot, ein Science Fiction Abenteuer oder sonst eine Geschichte möglich gewesen.

… und Spieler

Werden gebraucht: viele, viele bunte Würfel (Foto: cocozi / pixabay.de)

Werden beim Rollenspiel gebraucht: viele, viele bunte Würfel (Foto: cocozi / pixabay.de)

Als Spieler gibt es erst einmal einen Charakterbogen, der erklärt, welche Eigenschaften die Figur hat, die im Spiel gesteuert wird. Entscheidungen und Aktionen hängen dann vom Würfelergebnis ab. Bei uns mussten wir mindestens eine Vier würfeln, um überhaupt Möglichkeiten auf Erfolg zu haben. Wer den höchstmöglichen Wurf schafft – beim klassischen Würfel mit maximal sechs Augen (ein W6) wäre das also eine Sechs – darf noch einmal würfeln. Es gibt aber noch mehr Würfel die beim ‚Pen & Paper‘ genutzt werden können. Vom W4 bis zum W100 ist eigentlich alles möglich. Ganz so wild wurde es bei uns dann nicht. Erstaunlich schnell war ich in der Materie, in meiner Rolle, in meinem Element. Spaß macht so ein Rollenspiel mit Stift und Papier – das nichts anderes als ein kreatives Gesellschaftsspiel ist – vor allem dann, wenn der Plot sich entwickelt. Wer direkt durch die Handlung marschiert, kommt zwar schneller ans Ziel, lernt aber auf ungeahnten Wegen auch weniger kennen. Wir jedenfalls haben uns direkt ins nächste Abenteuer mit unserer Gruppe gewagt. Mein Mann als narzisstischer Elf und ich als naturverbundene Animistin. Und die Würfel rollen.

Farbe, Licht und etwas Krieg

Einer meiner Lieblingsfilme ist „10 Dinge, die ich an dir hasse“, eine schön kitschige Shakespeare-Adaption von Der Widerspenstigen Zähmung. Heath Ledger mimte den Bezähmer, der die wilde Kat ausgerechnet mit einem Paintball-Spiel aus der Reserve lockt und auflockern kann. Sie klatschen sich Farbe ins Gesicht und knutschen. Hach. Make love not war.

Farbbälle und Lichterschüsse

Licht und Farbe: Lasertag und Paintball haben jeder seine eigene Besonderheit (©Peter Kästel / pixelio.de)

Licht und Farbe: Lasertag und Paintball haben jeder seine eigene Besonderheit (©Peter Kästel / pixelio.de)

Der Kontrast ist natürlich genial gemacht. Beim Kriegsspiel küssen, Spaß haben, eben mehr spielen, als Krieg. Was wir früher mit Knallplatikpistolen an Fasching gemacht haben, geht jetzt in groß, mit bunten Bällen. Ja, ok, es tut ganz schön weh, wenn jemand so ein Geschoss abbekommt, so ein Druckluftgewehr ist eben doch kein Spielzeug. Über 200 km/h hat so ein Ball beispielsweise in Stuttgart. Schutzkleidung ist Pflicht und unter 18 ist mitspielen oft verboten. Die Grenze zwischen Sport, Spiel und Ernst schwankt hier ganz schön. Spaß und Spiel stehen angeblich auch bei Lasertag im Vordergrund. Wesentlich weniger schmerzhaft ist das Hallenspiel, schon allein, weil mit Licht geschossen wird und nicht mit Farbkugeln. Trotzdem gibt es auch hier Altersbeschränkungen. Auf Lastertag-Deutschland wird das Spiel als Räuber und Gendarm Variante beschrieben. Zwei Gruppen spielen gegeneinander – wie auch bei Paintball. Je nach Spielvariante geht es aber nicht darum, der letzte zu sein, der noch steht, sondern es werden pro Treffer Punkte gesammelt. Anders als bei den bunten Geschossen wird der Spielspaß auch nicht erstmal unterbrochen, wenn ich abgeschossen werde. Nach wenigen Sekunden geht es weiter – voll elektronisch.

Spiel und Spaß?

So lustig einfach wie bei „10 Dinge, die ich an dir hasse“, geht es in einer Paintball-Arena also wahrscheinlich nicht zu. Aber was finden wir überhaupt an diesen Kriegsspielen? Oh Gott, denkt ihr, kommt jetzt das böse, zeternde Muttertier, dass Gewaltspiele verbieten will? Eher nicht. Denn erstens sind diese Waffenspiele ja altersbeschränkt (wie virtuelle Varianten ja auch), und zweitens sind es genau das. Spiele. Kinder spielen, um zu lernen. Meine Tochter imitiert an ihrer Puppenküche, wie ich koche, während der kleine Bruder die Seiten seines Bilderbuches umblättert (ich tue es ihm synchron mit meinem Roman gleich). Und der große zockt am PC, ganz wie Papa. Dass er dabei wieder etwas lernt, logisches Denken, Textverständnis, Medienumgang, kommt noch dazu. Wir spielen Arzt und werden später vielleicht Mediziner, wir bauen Matschbrücken und können später Architekten werden. Und selbst wenn nicht, haben wir spielerisch erfahren, wie wir uns um Wunden kümmern und etwas bauen können. Kein Kind spielt, um Spaß zu haben, es hat Spaß am Lernen und wir Erwachsenen interpretieren es als Spielen.

Die armen Fußballer

Macht's noch Spaß? Wenn aus Spaß Ernst wird, ist das Spiel vorbei (© Hasan-Anac / pixelio.de)

Macht’s noch Spaß? Wenn aus Spaß Ernst wird, ist das Spiel vorbei (© Hasan-Anac / pixelio.de)

Sind Kriegsspiele also Lernspiele für den Krieg? Nur, wenn wir mit bunten Farbkugeln und Lasern aufeinander schießen. Natürlich lernen wir in diesen spielen taktisches Verständnis. Wo wir Deckung suchen können, wie wir uns anschleichen, den nächsten Zug des Gegners voraussehen, miteinander arbeiten, um als Gruppe erfolgreicher zu sein. Wir erwerben soziale und kognitive Kompetenzen. Und wir haben jede Menge Spaß dabei. Unser Alltag wird aus Pause gestellt und in diesen Versionen gelingt das wesentlich besser, als vor einem Bildschirm, wenn wir doch wissen, dass wir nur auf unserem Hintern sitzen. Bei Paintball und Lasertag bewegen wir uns tatsächlich, unser Körpergefühl verändert sich für diese paar Minuten. Adrenalin schießt in unseren Körper, alles arbeitet. Und, ich wiederhole es gerne noch einmal, das macht Spaß. Es gibt Menschen, die Fifa auf der Playstation zocken und solche, die mit Freunden auf dem Bolzplatz stehen. Beide Gruppen haben ihren Spaß und kennen die Vorzüge ihres jeweiligen Spiels. Manche sind an der Konsole besser, andere auf dem Feld, wieder andere können beides. Und dann gibt es noch die armen Schweine, die das als Beruf machen. Immer Trainieren, immer Kicken, immer Treffen müssen. Ein Fußballheld zu sein klingt in diesem Vergleich plötzlich gar nicht mehr so rosig. In der Paintball- oder Lasertag-Arena geht es nicht zu wie auf dem Schlachtfeld. Das ist ein Unterschied von Welten.

Vorschau: In zwei Wochen erzähle ich euch, warum ich auf meine Familie nicht verzichten kann.

Computerspielsucht – wenn aus Spiel Ernst wird

Videospielsucht ist ein in vielen Bereichen heiß diskutiertes Thema – sei es in der Politik, der Psychologie oder in den Medien. Trotz der zahlreichen Debatten und Diskurse ist das Gebiet der Computerspielsucht bis heute kaum erforscht. Ob es sich dabei um eine Sucht handelt, wie viele Menschen bereits abhängig sind und welche Gründe für das Suchtverhalten vorliegen – all diese Fragen werden noch immer diskutiert, erwiesen und wieder widerlegt. Sicher scheint nur, dass den Betroffenen dabei geholfen werden muss.

Computerspielsucht

Verhängnisvoll: Aus einem harmlosen Spiel kann eine Krankheit werden (© Gerd Altmann / pixelio.de)

Wie es zu der Krankheit kommt, ist durch zweierlei Faktoren bedingt – durch das Spiel und dem Spieler selbst. Videospiele basieren auf der Grundlage eines psychologischen Belohnungssystems. Nutzer werden dazu animiert, ein Spiel durchzuspielen und sich zu verbessern, um aufsteigen zu können. Aber auch der Spieler selbst kann prädestiniert für sein eigenes Suchtverhalten sein: Ist der Betroffene psychisch belastet, depressiv und mit seinem Leben unzufrieden, nimmt er die virtuelle Welt als neuen Rückzugs- und Fluchtort wahr. Das virtuelle Videospiel dient somit als Ersatzbefriedigung für reelle Bedürfnisse wie Sicherheit und Anerkennung.

Die Folgen einer Computerspielsucht unterscheiden sich dabei kaum von denen anderer Süchte: Die Leistungen im Beruf und in der Schule lassen nach, soziale Kontakte werden vernachlässigt oder wenden sich ab. Das Verhalten und die Gedanken der Betroffenen engen sich auf das Videospiel ein, so dass es zu Konzentrationsschwächen im Alltag kommen kann. Die negativen Auswirkungen auf das reale Leben steigern wiederum das Bedürfnis, sich immer weiter in das Computerspiel zurück zu ziehen. Auch Symptome wie Unruhe, Nervosität und Angst können dabei Symptome für eine Erkrankung sein. Oft geht mit dem Suchtverhalten eine Toleranzentwicklung, der Verlust der Selbstkontrolle und eines gesunden Zeitgefühls einher. Da der Tagesablauf sich nur noch nach dem Spielverlangen richtet, gehen geregelte Alltagsabläufe verloren. Die Sucht kann durch den Bewegungsmangel und die schlechte Ernährung weitere gesundheitliche Konsequenzen mit sich ziehen.

Daher ist es bei der Behandlung wichtig, zu strukturierten Tagesabläufen zurück zu finden und soziale Kontakte auszubauen. Das tägliche Spielpensum sollte dabei nach und nach eingeschränkt werden. Ein abrupter, völliger Entzug steigert nämlich die Gefahr eines Rückfalls. Hier lohnt es sich, Zeitpläne zu erstellen und sich der Spieldauer bewusst zu werden. Außerdem sollten Alternativen zum Spiel aufgesucht werden – so beispielsweise, reale soziale Kontakte, Hobbys und nicht digital geführte Freizeitbeschäftigungen. Zu normalen Schlaf- und Essensrhythmen zurück zu finden und die eigenen psychischen Probleme und Belastungen abzubauen fördert dabei die Heilungsmöglichkeiten. Vor allem professionelle, psychologische Hilfe in Form von Therapeuten, Behandlungszentren, Kliniken und Selbsthilfegruppen ist für eine erfolgreiche Behandlung unabdingbar.

Info:
Sabine Grüsser-Sinopoli Ambulanz für Spielsucht
Beratungshotline: 0800 1 529 529 (kostenlos)
Mo – Fr von 12.00 – 17.00 Uhr
Checkliste und Selbsttest der Universitätsmedizin Mainz

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch hier ein leckeres Rezept für gefüllte Eier.

Game Over – Wenn Glücksspiel zur Sucht wird

Einfühlsam: Mit Tuncay kann man auch Verbotenes denken (Foto: privat)

„Ich selbst spiele auch mal Lotto. Gewettet habe ich auch schon“, gesteht Mete Tuncay, Sozialpädagoge und Berater aus Mannheim. Aus einem Praktikum im Drogenverein Mannheim e.V. wurde eine Leidenschaft und so ist der 32-Jährige bereits mehr als neun Jahre in der Suchtarbeit tätig. Dabei sieht er bei der Glücksspielsucht vor allem die Gefahr, dass diese – anders als bei substanzbezogenen Drogenproblemen wie Alkohol – äußerlich keine Zeichen mit sich tragen. Erkrankte seien meist jahrelang süchtig, bevor sie sich Hilfe holen.

Face2Face: Wie kann aus einem Spiel eine Sucht werden? Wodurch wird Glücksspielsucht ausgelöst?
Mete Tuncay: Das ist ein schleichender Prozess, der individuell und unterschiedlich lange ausfallen kann. Für die Suchtentwicklung spielen persönliche Faktoren, glücksspielspezifische Faktoren, aber auch die Gesellschaft eine Rolle. Ein Auslöser ist dabei das Gewinnerlebnis. Wenn der Spieler gedanklich durch den Tunnel fährt, er könne mit Spaß und Geschick in nur kurzer Zeit viel Geld machen, kann daraus ein gewohnheitsmäßiges und problematisches Spielen werden. Um denselben Effekt zu erzielen, muss der Spieler schließlich immer länger spielen und höhere Einsätze bieten. Man spielt immer weiter mit dem Motiv, eine Leere zu füllen oder den Verlust wieder gut zu machen.

Face2Face: An welchen Symptomen kann man eine Sucht erkennen?
Mete Tuncay: Ganz banal am Geldverkehr, am Kontoauszug und an den Schulden. Daran, dass eigene Verpflichtungen und Hobbys vernachlässigt werden und das Glücksspiel eine immer größere Rolle einnimmt. Beispielsweise, wenn man von den Spielerlebnissen fantasiert und träumt oder nur noch vom Spielen reden kann. Spielt man gerade nicht, so empfindet man eine innere Unruhe und Nervosität. Man lügt bezüglich des Ausmaßes, den das Glücksspiel einnimmt, verschuldet sich oder begeht kriminelle Handlungen, um die Einsätze bieten zu können.

Face2Face: Wie sehen die möglichen Folgen einer Glücksspielsucht aus?
Mete Tuncay: Eine mögliche Folge ist die finanzielle Verschuldung. Dies kann wiederum Depressionen und Suizidgedanken hervorrufen. Man ist einfach verzweifelt und sieht keinen Ausweg mehr. Mit dem finanziellen Ruin kann aber auch der Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung und der Familie einhergehen. Glücksspielsucht gefährdet nicht nur eine Person, sondern auch das nähere Umfeld. Der Verlust der Familie, die soziale Isolation, kann dann zu psychischen Erkrankungen beziehungsweise Depressionen beitragen.

Face2Face: Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es für Betroffene und wie wird genau therapiert?
Mete Tuncay:Es gibt Beratungsstellen, ambulante Therapieangebote, aber auch teil- und vollstationäre Entzugs-Behandlungen. Bei uns kann man zu den offenen Sprechstunden kommen, anrufen – auch bei der Beratungshotline – und sich anonym und kostenlos Hilfe holen. Bei einer Therapie steht der Mensch im Mittelpunkt. Man muss die Selbstbestimmung des Menschen wahren, auch wenn er sich gegen eine Therapie entscheidet. Dann versuchen wir den Schaden zu begrenzen und das Potential des Menschen auszuschöpfen. Entscheidet sich der Betroffene für eine Therapie, frage ich danach, welche Probleme der Patient hat, welches Ergebnis er aus der Sitzung ziehen möchte. Dabei unterhalten wir uns auf gleicher Augenhöhe, da der Mensch selbst der Experte für sein eigenes Leben ist und ich ihm nichts überstülpen möchte. Ziel sollte es sein, den Menschen zurück ins Leben zu holen.

Gefährlich: Aus harmlosem Spaß kann purer Ernst werden (© Thomas Siepmann / pixelio.de)

Face2Face: In welchem Maße kann das Umfeld angemessen reagieren und helfen? Beispielsweise durch Fremdsperre?
Mete Tuncay (lacht): Wenn es doch so einfach wäre. Sperren lassen kann man sich von den staatlichen Spielbanken, jedoch nicht von gewerblichen Spielhallen, Gaststätten, Imbissen oder dem Internet. Deshalb sollte sich das Umfeld unbedingt über das Thema erkundigen und keinesfalls im Affekt handeln. Es sollte alles auf einer guten Informationsbasis erfolgen. Man sollte mit dem Betroffenen darüber sprechen können, ohne dabei die Person zu kritisieren oder zu beschuldigen. Das gelingt aber kaum jemandem. Deshalb sollte man sich Hilfe suchen.

Face2Face: Wie kann man sich als Betroffener vor weiterem Glücksspiel schützen?
Mete Tuncay: Indem man sich Hilfe und Unterstützung sucht. Süchtige sollten selbst Respekt vor der Erkrankung haben, sich diese als solche eingestehen und sich über den eigenen Kontrollverlust bewusst werden.

Face2Face: Welches Bild sollte Kindern und Jugendlichen hinsichtlich des Glücksspiels suggeriert werden?
Mete Tuncay: Jugendliche müssen wissen: Der Automat gewinnt immer. Das hat nichts mit Können zu tun. Es ist egal, welche Tasten man drückt. Automaten sind nun mal programmierbar und man hat selbst keinen Einfluss darauf. Außerdem sollte man ihnen die möglichen Konsequenzen näher bringen und sie dafür sensibilisieren, dass aus dem Spiel ein Problem werden kann.

Face2Face: Sie sind der Meinung, dass Migranten aus dem orientalischen Kulturraum häufiger von Glücksspielsucht betroffen sind als andere. Woran liegt das?
Mete Tuncay: Laut Ergebnissen der „PAGE“-Studie (Anm. d. Red.: „PAGE“ steht für das Projekt „Pathologisches Glücksspielen und Epidemiologie“) sind Migranten dreimal mehr betroffen als andere. Es handelt sich um Menschen, die nur eingeschränkt sozial eingebunden sind und am gesellschaftlichen Leben nur bedingt partizipieren können. Durch das Glücksspiel versuchen sie Erlebnisse, die im Alltag vielleicht zu kurz kommen, nachzuholen: Erfolg, Selbstbewusstsein, das Gefühl, es zu etwas zu bringen beispielsweise.

Face2Face: Stichwort „Call-in-TV“, Pokerabende, Internet-Glücksspiel: Inwieweit spielen heutzutage die Medien, vor allem Fernsehen und Internet, eine Rolle bei der Glücksspielsucht?
Mete Tuncay: Die Medien haben einen massiven Einfluss auf das Glücksspiel. Es wird dadurch erst salonfähig gemacht. Glücksspiel ist omnipräsent und 24 Stunden lang verfügbar – die Werbung funktioniert dabei sehr perfide: Man inszeniert Erfolgstypen und Situationen, die in der Realität so nicht auftreten. Und je mehr man Glücksspiel bewirbt, umso mehr legitimiert man es und steigert die Toleranz. Man bereichert sich massiv an den Problemen einzelner. Das ist zwar juristisch legitim, moralisch jedoch nicht sauber.

Kontakt:
Drogenverein Mannheim e.V.

Mete Tuncay
Dipl.-Sozialpädagoge (BA)
K3, 11-14
Tel.: 0621/1 59 99 26
Fax: 0621/1 59 99 39
E-Mail: tuncay@drogenverein.de
Bundesweite Beratungshotline: 0800 137 27 00
Für türkischstämmige Anrufer: 0800 326 4762 (donnerstags von 20-22 Uhr)

Vorschau: Nächste Woche erscheint der siebte Teil unserer Traumberufe-Serie. Dieses Mal erzählt ein Radiologe, wie er zu seinem Beruf kam und weshalb er ihn schätzt.

Auf den Brettern, die die Welt bedeuten…

Stimmengemurmel. Rascheln. Lachen. Irgendwo hinter dem schwarzen Vorhang sitzen unsere Zuschauer und warten darauf, dass das Stück „Küsschen, Küsschen“ beginnt. Wir haben uns eingeschworen, jedem über die Schulter „Toi, toi, toi“ gewünscht und sind ganz nervös. Für mich ist es das erste Mal, dass ich selbst auf der Theaterbühne stehe und nicht Zuschauer bin. Einerseits freue ich mich wahnsinnig, gleich in eine andere Rolle zu schlüpfen, auf der anderen Seite habe ich Angst, dass etwas schief geht. Meine Hände zittern und mein Magen scheint einen Salto rückwärts hinzulegen, als es endlich losgeht.

 Acht Geschichten des bekannten englischen Schriftstellers Roald Dahl hat die Theatergruppe Dicke Luft aus Speyer unter Norbert Franck auf die Bühne gebracht. Roald Dahl wurde in den 50-iger und 60-iger Jahren durch seine Kindergeschichten wie „Charly und die Schockoladenfabrik“ oder „Matilda“ sowie durch seine makaberen, oftmals mit schwarzem Humor versehenen Kurzgeschichten für Erwachsene bekannt. Die berühmtesten Kurzgeschichten finden sich in den Sammelbänden „Küsschen, Küsschen“ oder „… und noch ein Küsschen“. Die Zuschauer durften sich also auf einen schaurig-schönen Abend freuen und auf die Umsetzung gespannt sein.

 Etwas über zwei Monate hatten wir an den einzelnen Stücken geprobt und viel Herzblut hineingelegt – und nun war es so weit: Wir durften vor einem Publikum spielen. Während ich auf meinen Einsatz als schwarzhaarige Hebamme wartete, lugte ich ab und an durch den schwarzen Vorhang, um einen kurzen Blick auf die Zuschauer und deren Gesichter zu erhaschen. Erleichterung durchflutete mich. Das Stück gefiel. Auf manchen Gesichtern erkannte ich ein breites Grinsen, auf anderen Skepsis, um bei manch einem Zuschauer auf Verwunderung oder gar leichten Ekel zu treffen. Alles in allem Reaktionen, die unsere kleinen Geschichten hervorrufen sollten.

 Schließlich war es auch für mich an der Zeit – zusammen mit Dorothea Förster, Bernhard Friedmann und Stefan Sold – die Bühne zu betreten und unsere Geschichte aufzuführen. Im schummrigen Dunkel traten wir nach draußen, nahmen unsere Plätze ein und warteten, bis das Scheinwerferlicht wieder anging und wir beginnen konnten. In diesem Augenblick schoss mir ein passender Auszug aus dem Lied von Juli durch den Kopf: „Elektrisches Gefühl, ich bin völlig schwerelos; elektrisches Gefühl, wie beim ersten Atemzug…“. Genauso fühlte ich mich, als das Licht anging und ich einfach alles um mich ausblendete. Adrenalin floss durch meinen Körper und ich konzentrierte mich nur noch auf das Spielen. Es war unglaublich – alles, was zählte, war das, was ich gerade tat. Nichts weiter…

 Der Abend verging wie im Flug. Keine Pannen und fast fehlerfrei brachten wir zweieinhalb Stunden hinter uns. Der Applaus der Zuschauer zum Schluss riss uns wieder zurück in die Realität. Die Premiere war geschafft, und wir mit unseren Leistungen zufrieden. Mittlerweile haben wir sechs weitere Aufführungen hinter uns und bisher eine gute Resonanz bekommen. Die vorerst letzte Aufführung von „Küsschen, Küsschen“ wird am 21. Juni 2011 um 20Uhr im Kulturbeutel im Domgarten in Speyer stattfinden.

 Ich habe während dieser Zeit viel über mich selbst gelernt. Rollenspiele können uns eine Menge erkennen lassen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich bin über mich selbst hinausgewachsen, in dem ich in zwei verschiedene Rollen geschlüpft bin, die mit mir so gar nichts zu tun haben. Kein einfaches Unterfangen und dennoch ist es mir zum Schluss gelungen. Diese Erfahrungen sind wertvoll. Theaterspielen kann wirklich gut für die eigene Psyche sein, denn man lernt fast spielerisch – bedingt durch den Perspektivenwechsel – einerseits Fremdes aber auch sich selbst besser zu verstehen. Ansätze, die sich beispielsweise bei Kaspar H. Spinner und auch im heutigen Unterricht oft finden lassen. Außerdem wird die Imaginationsfähigkeit gefördert und das eigene Ich-Verständnis, da man sich teilweise recht intensiv mit der zu spielenden Figur auseinandersetzen muss.

 Aber nicht nur das zeichnet das Theaterspielen an sich aus, sondern auch der Kontakt zu neuen Menschen, das Sammeln neuer Erfahrungen und die Erinnerungen an lustige, schaurige und großartige Momente. Es kann uns dabei helfen, mehr über uns selbst zu erfahren und unseren oft hektischen Alltag hinter uns zu lassen. Denn mit dem Theaterspielen machen wir uns ja nicht nur selbst eine Freude, sondern schenken auch anderen – nämlich denjenigen, die uns zuschauen – einen Moment jenseits des Alltagsgeschehens. Voraussetzung ist natürlich, dass man selbst Theater spielen möchte und auch Spaß daran hat, sonst ist das Ganze wohl eher kontraproduktiv

 In diesem Sinne wünsche ich euch eine kreative Woche!

Eure Lea

Vorschau: Was EHEC eigentlich ist, und warum Eva der ganze Medienrummel suspekter ist, als der Erreger selbst, lest ihr hier nächste Woche.

 

Zuhause ist es doch am schönsten…

… und das sollte es auch sein! Wer geht bei diesem – entschuldigt meine Ausdrucksweise – Sauwetter denn schon gerne nach draußen. Regen, Wind, grauer Himmel, Eiseskälte – kein wirklicher Anreiz für große Unternehmungen. Ein paar Ideen wie man sich trotzdem und zwar in den eigenen vier Wänden allein oder mit Freunden einen schönen Tag/Abend machen kann, gibt´s hier.

 Kleine Bemerkung am Rande: Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass die folgenden Tipps nicht wirklich innovativ sind, aber sind wir doch mal ehrlich. Oft ist es doch so, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, wenn ihr versteht, was ich meine. Und da ist es unglaublich hilfreich, die guten – ich nenne sie jetzt mal Second-Hand-Ideen – auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Hier sind sie also: Meine Top 4 (nein, auf drei konnte ich mich diesmal nicht beschränken) der „Daheim-Beschäftigungstipps“:

Erstens: Ich persönlich stehe gar nicht drauf, aber wer´s mag, warum nicht? Tipp Nummer eins ist der Spieleabend! Hierbei muss es sich nicht immer um monotone Karten- und Brettspiele handeln, obwohl die – wie ich gehört habe – auch gaaanz viel Spaß machen können. Eine Empfehlung für die kultivierte Männerrunde: Poker. Hierbei kann nach Herzenslust geblufft und das beste Pokerface trainiert werden. Wer weiß wozu man das mal noch gebrauchen kann. Wer es lieber etwas moderner mag, kann natürlich auch seine Wii-Konsole auspacken. Bei einer Partie Golf, Tennis oder Baseball vergisst man ganz schnell, dass man sich eigentlich im heimischen Wohnzimmer befindet!

Muss nicht unbedingt teuer sein: Wellnessbehandlung in den eigenen vier Wänden (© S.K. / pixelio.de)

Zweitens: Alleine oder mit Freundinnen – ein Beauty- und Wellnesstag kommt immer gut an! Denn so eine Gesichtsmaske macht nicht nur unglaublich schön (nachdem sie abgewaschen wurde, versteht sich), mit ihr fühlt man sich auch gleich viel entspannter. Dazu in der heißen Badewanne liegen, im romantischen Schein einiger Kerzen, der Duft von Vanille-, Zimt- oder sonst was –badezusatz in der Luft und dazu Bob Marleys „Three little birds“ im Ohr („Don´t worry about a thing…“) – was könnte beruhigender sein? Übrigens kann so ein Wellnesstag auch dem männlichsten aller Männer nicht schaden – wir Frauen stehen nämlich drauf, wenn ihr gepflegt seid und gut riecht!

Drittens:Ein Kinobesuch ist toll! Ein DVD-Abend in den eigenen vier Wänden noch viel toller und außerdem günstiger! Vorbereitet ist das Ganze schnell: Kurz in die Videothek, die gesamte Herr der Ringe-Trilogie ausgeliehen (alternativ kann man sich natürlich unter anderem auch die Harry Potter Filme oder Stieg Larssons Trilogie „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ reinziehen, aber Achtung: bei letzterem sind starke Nerven gefragt!), danach noch schnell in den Supermarkt geflitzt, Chips, Softdrinks, Bier (falls Männer anwesend sein sollten) und Mikrowellenpopcorn eingepackt und schon kann´s losgehen!

Da ist garantiert für jeden Geschmack etwas dabei: Raclette-Zutaten (© Ich-und-Du / pixelio.de)

Viertens:Wer sich bei allen bisherigen Vorschlägen zu tatenlos und unkreativ fühlt, für den habe ichselbstverständlich auch noch einen Tipp parat. Wie wäre es zum Beispiel mit einer gemeinsamen Kochsession? Funktioniert mit der besten Freundin, dem Partner, aber auch mit der ganzen Clique. Wobei ich bei letzterem dazu raten würde auf etwas eher Unkompliziertes wie Raclette zurückzugreifen. Kartoffeln, Paprika, Schicken – hier kann jeder etwas schnibbeln und es ist außerdem auch für jeden etwas dabei. Als originellen Nachtisch kann man ein Schokofondue machen. So macht das Obstessen doch gleich viel mehr Spaß (und schmeckt außerdem auch besser mit so einem warmen Schokomantel drumherum) – Hmmm!

Vorschau: Ich hoffe ich konnte euch weiterhelfen! In der nächsten Woche gibt´s kreative Weihnachtsgeschenketipps. Wer also noch nichts für seine Lieben hat und ihnen etwas ganz besonderes bieten will, sollte nächsten Samstag wieder reinschauen!