Elisa Wächtershäuser: 24, Schriftstellerin und Ärztin – Teil 2

Elisa bei einer Lesung

Elisa bei einer Lesung

Abitur mit 17, Medizinstudium mit 23, nun 24 Ärztin und Schriftstellerin: Elisa Wächtershäuser hat bereits letzte Woche im ersten Teil des Interviews darüber berichtet, wie sie zur Medizin und Literatur gekommen ist (siehe dazu auch Teil 1 des Interviews: http://face2face-magazin.de/2016/05/27/elisa-waechtershaeuser-24-schriftstellerin-und-aerztin/). Diese Woche erzählt sie unter anderem wie sie zu ihren Geschichtsideen kommt.

Face2Face: Medizin klingt für mich sehr analytisch, objektiv, strategisch. Für die Literatur benötigt man doch vor allem Kreativität – wie passt das zusammen? Und was macht dir mehr Spaß: Medizin oder Literatur?
Elisa: In der Medizin ist vieles klar strukturiert, häufig gibt es eindeutige  Leitlinien zu Diagnostik und Therapie einer Erkrankung. Aber nicht immer ist alles eindeutig. Oft genug muss man kreative Lösungswege erarbeiten. Sei es, um ein untypisches Symptom  mit dem Krankheitsbild des Patienten in Verbindung zu bringen oder eine Operation bei einer nicht mit der Lehrbuchdarstellung übereinstimmenden Anatomie durchzuführen, oder auch nur, um einem Patienten zu erklären, warum das Essen aus der Krankenhausküche nicht so gut wie zu Hause schmeckt. Als Ärztin sieht man jeden Tag sehr viele unterschiedliche Menschen, die sich teilweise in außengewöhnlichen Situationen befinden oder außergewöhnliche Geschichten zu erzählen haben. Auch wenn nichts davon direkt in einen Text von mir einfließt, entsteht so doch ein Sammelsurium an Eindrücken, aus denen sich manchmal Personen oder Handlungselemente für einen Text herauskristallisieren. Als Medizinstudent bekommt man immer gesagt, die wichtigste Eigenschaft eines Arztes sei Empathie. Ich denke, dass Empathie auch für jemanden, der schreibt, eine unerlässliche Eigenschaft ist. Ob ich empathisch bin, müssen andere beurteilen, ich bemühe mich zumindest.Und was mehr Spaß macht? Unmöglich zu sagen. Die Kombination von beidem macht am meisten Spaß!

Face2Face: Wie kommst du zu deinen Geschichtsideen  und wie verläuft der Prozess von der Idee bis zum endgültigen Text?
Elisa: Die Ideen für meine Texte können überall herkommen, durch eine Person, eine Begegnung, einen Ort, ein Bild, ein bestimmtes Wort. Meistens sind diese Ideen anfangs noch sehr skizzenhaft. Einige vergesse oder verwerfe ich schnell wieder, über andere denke ich so lange nach, bis sie konkreter werden. Irgendwann mache ich mir eine Notiz, dann sammele ich weitere Details, eine grobe Struktur, einzelne Sätze und irgendwann schreibe ich einen Text. Mit der ersten Textfassung bin ich fast nie zufrieden, deswegen kommt nach der ersten Fassung die Korrektur, dann die zweite Fassung, dann vielleicht eine dritte und irgendwann wird der Text fertig.

Face2Face: Gibt es aktuell eine Kurzgeschichte an der du arbeitest? Um was geht es?
Elisa: Klar! Ich arbeite meistens an zwei oder drei Texten parallel. Aber worum es geht wird nicht verraten.

Face2Face: Du wurdest auch schon von Verlegern und Schriftstellern auf einen bevorstehenden Roman angesprochen, weil sie deine Kurzgeschichten interessant fanden. Wann ist damit zu rechnen und was ist der Inhalt?
Elisa: Momentan plane ich keinen Roman, zumindest nicht in der nächsten Zeit. Ich habe ein paar Ideen für ein längeres Schreibprojekt, aber gerade gefällt mir die übersichtliche, straffe Form der Kurzgeschichte einfach besser. Ich möchte mich gern noch an einigen kürzeren Texten austoben, bevor ich die Geduld und Disziplin für einen Roman aufbringe.

Face2Face: Was war dein schönstes Erlebnis bezüglich des Schreibens? Eine gewisse Auszeichnung? Das Lesen vor Publikum? Sich mit anderen jungen Schriftstellern bei den Workshops auszutauschen…?
Elisa: Jedes Mal, wenn ein Text, in dem zuerst gar nichts zu funktionieren scheint, doch noch fertig wird. Das ist jedes Mal das schönste Erlebnis.

Elisa Wächtershäuser: 24, Schriftstellerin und Ärztin

Elisa bei einer Lesung

Elisa bei einer Lesung

Elisa Wächtershäuser ist 24 Jahre alt. Ihr Abitur hat sie mit 17 Jahren gemacht. Es folgte ein Medizinstudium, das  sie im letzten Jahr abgeschlossen hat. Nun arbeitet sie als Ärztin in der Chirurgie und schreibt nebenbei ihre Doktorarbeit. In ihrer Freizeit schreibt  sie literarische Werke – genauso erfolgreich. So erfolgreich, dass renommierte Verleger und Schriftsteller sie immer wieder dazu motivieren, endlich einen Roman zu schreiben. Mit ihren Kurzgeschichten hat sie mittlerweile nämlich fast alles gewonnen, was man in jungen Jahren an Literaturpreisen gewinnen kann: Von 2007 bis 2015 war sie Preisträgerin des OVAG-Jugendliteraturpreises. Zudem erhielt sie 2013 den Hattinger Förderpreis für junge Literatur, hat am Literaturlabor Wolfenbüttel, am Treffen junger Autoren in Berlin und am Klagenfurter Literaturkurs teilgenommen.
Jeder, der gerade so um 11 Uhr schafft, aufzustehen, um zur einzigen Vorlesung des Tages zu gehen, mag sich jetzt damit trösten, dass Elisa ein abnormaler, überehrgeiziger  Freak mit Inselbegabung und fehlender sozialer Kompetenz sein muss.  Aber das ist keineswegs der Fall: Sie ist nett, hilfsbereit und hat einfach nur Spaß an dem, was sie macht. Grund genug, sie für ein Interview zu treffen.

Face2Face: Wenn man sich deinen Lebenslauf anschaut, mag man  den Eindruck gewinnen, dass du eigentlich gar keine Zeit hast: Doktorarbeit, arbeiten in der Chirurgie, Literaturwettbewerbe. Schläfst du auch irgendwann mal? Wie schaffst du das alles? 
Elisa: Dadurch, dass ich Dinge, für die ich mich weniger begeistern kann, auf das absolut notwendige Minimum reduziere. Staubsaugen zum Beispiel. Fenster putzen. Bügeln. Geschirr spülen. Und so weiter. Die Liste ist ziemlich lang …

Face2Face: Wenn man nun dich anschaut, könntest du auch als Geistes-oder- Sozialwissenschafts-Studentin im fünften Bachelor-Semester durchgehen. Warum hast du dich aber ausgerechnet für die Medizin entschieden? Warst du früher unsterblich in Patrik Dempsey aus Grey´s Anatomy verliebt und hattest gehofft, so deinen Traummann zu finden?
Elisa: Ich habe bisher ehrlich gesagt keine einzige Folge von Grey´s Anatomy gesehen, was zugegebenermaßen eine Bildungslücke für einer Medizinerin ist, und ich weiß auch gar nicht, wie Patrik Dempsey aussieht. Wohl auch eine Bildungslücke. Ist das wirklich so ein Traumtyp, dass man deswegen ein Medizinstudium beginnt? Vielleicht sollte ich mal einen Abend vor dem Fernseher verbringen!
Mich hat am Medizinstudium vor allem die breite Ausbildung interessiert, die Kombination aus naturwissenschaftlichen Fächern, Psychologie, Sozialwissenschaft, Ethik. Das Studium ist sehr vielfältig und man muss sich nicht wie in vielen anderen Fächern bereits während des Studiums für einen Schwerpunkt entscheiden. Mir fiel es immer schwer, mich festzulegen.

Face2Face: Ein Medizinstudium ist sicherlich schon anstrengend genug, vor allem, wenn man zu Beginn des Studiums nicht einmal volljährig ist. Wie war es für dich so jung ein so anspruchsvolles Studium zu meistern?
Elisa: Das war nie ein Problem. Ich wurde nie nach meinem Ausweis gefragt, an der Uni nicht und auch auf keiner Studentenparty. Ich glaube nicht, dass das Alter eine Qualifikation für das Studium ist. Man muss motiviert und interessiert sein und darf nicht den Spaß an der Sache verlieren, auch wenn gerade eine lernaufwändige Prüfung ansteht.

Face2Face: Wie bist du zur Literatur gekommen?
Elisa: Zur Literatur bin ich lange vor der Medizin gekommen. Ich habe mir schon immer gern Geschichten ausgedacht. Und seit ich Schreiben gelernt habe, habe ich  Geschichten aufgeschrieben und bis jetzt nicht damit aufgehört. Obwohl es natürlich auch Phasen gibt, in denen ich fast gar nicht schreibe, ist es für mich ein ganz natürlicher Ablauf, dass man eine Idee, nachdem sie einem lange genug durch den Kopf gegeistert ist, zu Papier bringt. Ob man dieses Papier dann an eine andere Person weitergibt, oder gar veröffentlicht, ist eine andere Sache.

Vorschau: Am Freitag, 3.Juni berichtet Elisa unter anderem darüber wie sie zu ihren Geschichtsideen kommt und wie Medizin und Literatur für sie zusammen passen.

Sehnsucht trifft Erinnerung VIII / Marissa Conrady

Ich bin aufgebrochen. Eines Morgens im Januar, bin ich los gegangen. Ich habe mich noch ein paar Mal umgedreht, um zurück zu blicken, aber dann – ich war gerade abgelenkt vom Glitzer und Glitter der neuen Umgebung und großen Welt, die ich so ersehnte – drehte ich mich erneut um, und alles, was ich zurück gelassen hatte, war fort. Ich erschrak erst, als ich sah, dass es schon April geworden war mittlerweile. Und da erkannte ich, dass ich unwissend zu einem fünfstöckigen Haus gelaufen war. Ich war angekommen. Mein Herz raste, aber ich war zur selben Zeit innerlich so ruhig, wie noch nie in meinem Leben. Etwas in mir hieß mich willkommen in meinem Zuhause.

Ein heißer Schmerz durchzuckte mich, als ich die Hand auf die Klinke des Gartentürchens legte. Ich zog die Hand zurück. Sie kribbelte. Zu gerne wollte ich in das Haus gehen, mich im Garten unter die verlockenden Buchenbäume legen und die Gedanken schweifen lassen. Kurz hatte ich mir eingebildet, eine blaue Taube im Geäst zu sehen, aber nach einem ungläubigen Blinzeln war der Anblick wiederum verändert. Die Hoffnung schob sich in mein Blickfeld, groß und stattlich, wie eh und je; und ohne Haare, weil sie sich selbiges stets zu raufen pflegt.

„Begehrst Du Einlass?“ fragte er. Er hatte gut reden, immerhin war er schon auf der anderen Seite des Zaunes. Ich nickte scheu. „So sei er Dir gestattet. Denn Dein Anblick hier vor unserem Tor gefällt mir. Aber, bedenke, Du wirst nur Eintritt zu einem Teil des gesamten Grundstückes und des Hauses bekommen. Wähle weise“. Er öffnete das Gartentor gerade weit genug, um mich einzulassen. Ohne zu zögern trat ich ein. Sachte schloss er die Tür hinter mir. Ich blickte mich derweil im Garten um.

Mannheim, jenen Abend: das aktuelle Buch der Autorin (Foto: Conrady)

Dies war definitiv der paradiesischste, den ich bisher betreten hatte – und die Sehnsucht war oft zu Gast an den verschiedensten Orten bisher. „Du kannst“, fuhr die Hoffnung fort, „in diesem Garten bleiben. Breite Dich aus, bau Deine Zelte auf; aber dann wirst Du nie das Haus betreten“. Ich sah zu den fünf Buchenbäumen und dem Schatten, den sie spendeten. In einigen Baumkronen nisteten Vögel, die ich nur an ihrem bunten Gefieder erkennen konnte in den dichten Blätterwerken. Der Schatten lud ein, viele Tage und Abende dort zu verbringen, Blumen blühten rings umher; es duftete köstlich und versprach die süßesten Zeiten.

Es war der friedlichste und einladendste Platz, den ich je betreten hatte. Ich wusste, ich würde dort unvergessliche Momente verbringen. „Werden Andere den Garten mit mir teilen?“ fragte ich. Die Hoffnung nickte nur: „Du wirst, wenn Du im Garten verweilst, immerzu nur Eine unter Vielen sein“. „Stell mir die anderen Optionen vor“, forderte ich dann. Ich wollte erst alle Möglichkeiten kennen. „Ins Haus gelangst Du, wenn es Dich ängstigt, nächtelang allein im Garten zu sein, denn es wird Zeiten geben, in denen niemand bei Dir sein wird.

Das Gelände ist groß. Es wird zwangsläufig so sein. Außerdem wird es wohl oder übel so sein, dass die Bewohner eines Tages weg ziehen. Du wirst nie erfahren, wann das geschieht oder wohin sie gehen, doch Du wirst bleiben; zumindest bis Du einen anderen Garten gefunden oder Deinen eigenen hast. Das lass Dir noch gesagt sein, ehe wir fortfahren. Du darfst jetzt einen Blick in das Haus werfen“, sprach die Hoffnung und öffnete einladend die Tür.

Er stoppte mein Eintreten und fuhr fort: „ Wenn Du Dich für den Garten entscheidest, kannst Du alleine sein, wann immer Du willst. Er ist endlos. Am hinteren Eck wird Dich niemand stören, aber Du kannst zurück gehen und Dich mit Anderen zusammen tun. Es wird Dir von unserer Seite an nichts mangeln. Alles jedoch wird seine Vor- und Nachteile haben“. Die Hoffnung rückte sich die Brille zurecht und nahm mich unaufgefordert an die Hand. Wir gingen gemeinsam in das Haus hinein. Aber bereits im Flur war die Besichtigung für mich beendet.

Das Haus war anders, als mein erdachtes; aber es war umso beeindruckender. Der Wunsch zu bleiben, wurde fast übermächtig. Es war mir gleich, welche Bedingungen an mein Bleiben gebunden waren. Ich wollte bleiben. Es wurde mein dringendes Verlangen, zu bleiben. Die Hoffnung jedoch schenkte meiner Aufregung kaum Beachtung und sprach weiter. „Es gibt für jede Etage einen Bewohner. Ich kann Dir nicht versprechen, dass man Dich einlassen wird und dass Du bleiben darfst, wenn es soweit ist“. Eine kleine Pause entstand. Ich blickte betreten zu Boden. Die Auswahl, die Möglichkeiten und die Optionen waren überwältigend. Fast fühlte ich mich  nicht in der Lage, mir jemals klar zu werden, was ich wollte, wenn alles ein Für und ein Wider beinhalten würde.

„Ich wohne im Stockwerk darüber“, sagte die Hoffnung da in meine Gedanken hinein. „Ich kann Dir bieten, was Du ersehnst: Einen Arm, der Dich hält, wenn Du stolperst; eine Umarmung, wenn Du frierst; ein Bett, in das Du Dich legen kannst, nicht nur, wenn Du müde bist“. „Aber?“ fragte ich nach. „Ich kann Dich nicht lieben – und Du mich auch nicht. Du wirst nicht alleine sein“. „Nun, es wäre ein Angebot – eine Alternative zum Garten, immerhin“, erwiderte ich. „Nicht Jedem wird das Angebot gemacht“, lächelte die Hoffnung gewinnend.

„Die restlichen Stockwerke werden Dein Interesse wecken“, erläuterte er dann. „Was geschieht, wenn ich alle anderen Bewohner kennen lernen könnte? Geht das denn?“ Die Hoffnung ließ meine Hand los. „Du kannst versuchen, sie kennen zu lernen. Aber bedenke, momentan bin ich Dein Schlüssel zum Haus. „Ich könnte mich also komplett falsch entscheiden, verstehe ich das richtig?“ Die Hoffnung blickte mich durchdringend an. „Was ich tue oder lasse – es kann mir später, oder jetzt gleich sogar, das Genick brechen“. Wir traten zusammen hinaus in den Garten. „Wir haben Zeit“, sagte er und setzte sich auf eine Bank vor dem Haus, ohne mich aus den Augen zu lassen. Eine Träne rinnt mir aus dem Augenwinkel. Sie hinterlässt keine Spur auf dem Boden. Ich mache einen Schritt auf das Haus zu.

©Marissa Conrady

Die Autorin:

Erziehlte bereits große Preise mit ihren Werken: Marissa Conrady (Foto: Conrady)

Marissa Conrady wurde am 4. Juli 1985 als Einzelkind geboren. Schon zu Schulzeiten veröffentlichte sie in der Schülerzeitung ihre Texte. Diese, sowie die Abiturzeitung  2006 wurden von ihr redaktionell betreut. Nach dem Ablegen des Abiturs am Gymnasium im Heimatort Wald-Michelbach (Hessen), fiel die Wahl des Studienganges nicht schwer: Germanistik, Anglistik sollten es sein – an der Universität Mannheim, als Bachelor-Studiengang; aufbauend darauf den Master Literatur und Medien.

Schon in der Grundschule war ihr Berufswunsch Autorin.  Neben zwei Gedichten, die 2007 in Anthologien erschienen sind, veröffentlicht sie regelmäßig Berichte in der Lokalzeitung. Das liegt nicht nur daran, dass Conrady dort freie Mitarbeiterin ist – sie kann das Schreiben einfach nicht lassen. Schon ihr Großvater war Schriftsteller.

Unter anderem wurden ihr Kurzgeschichten „Sehnsucht trifft Erinnerung 1“ und „Der Fahrstuhl“ in einer anderen Anthologie veröffentlicht. Ihr Debütroman „Der letzte Amerikaner“ (2010) wurde mit der Web Walpurga ausgezeichnet und auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellt. 2011 erschien „Adam kam nie mehr mit dem Abend“, 2012 „Mannheim, jenen Abend“ im Selbstverlag bei epubli.de.