Sag, wie hältst du’s mit Satire?

An einem Donnerstagabend saßen mein Mann und ich auf dem Sofa, es war spät. Es war das erste Mal, das er mit mir eine meiner Lieblingssendungen sehen sollte. Bisher war er immer im Arbeitszimmer verschollen, eingedöst, unterwegs, eben nicht da, wenn ich auf ZDFneo schaltete. Der aktuelle Spiegel schreibt, dass die Wenigsten die Sendung, in der Jan Böhmermann seinen mit dem Titel Schmähgedicht versehenen Text vortrug, gesehen haben dürften. Wir gehören dazu, warfen uns einen Blick zu, zogen scharf die Luft ein, mutmaßten über die Reaktionen des nächsten Tages. Dass dieses Steinchen nicht nur Wellen, sondern einen Tsunami auslösen sollte, wussten wir da nicht.

Äpfel und Birnen

Was soll denn das? Satire zu verstehen ist nicht immer leicht (© Wolfgang Resmer / pixelio.de)

Was soll denn das? Satire zu verstehen ist nicht immer leicht (© Wolfgang Resmer / pixelio.de)

Nun sind die Medien überfüllt – wie sich auch in dieser Kolumne zeigt – vom „Fall Böhmermann“. Ein Wortspiel nach meiner Meinung, denn das konsequente Zurückziehen des Satirikers und die Mutmaßung, was ihm noch alles bevorsteht, könnten auch ein Fall sein, ein Hinfallen. Hingefallen ist aber vor allem unser Verständnis von Satire. Große Debatten werden geführt um Meinungs- und Pressfreiheit, um Regierungsoberhäupter und die Justiz. Am Wochenende wieder auf einem Geburtstag, eine junge Frau fängt davon an und ich schweige, koche innerlich. Weil ich nach dem ersten Satz weiß, dass sie die Sendung nicht gesehen hat, dass sie das Gedicht für sich alleine sieht und noch nicht mal den vollen Wortlaut kennt, weil sie, wie so viele dieser Tage, Äpfel mit Birnen vergleicht. Weil ich, würde ich anfangen würde, nicht aufhören könnte.

Kontext sagt alles

Vor ein paar Jahren schlug ein anderes, literarisch nicht gerade wertvolles Gedicht, mediale Wellen. Günter Grass meldete sich in renommierten Zeitungen zu Wort, Thema war Israel.

Empört? Satire darf wehtun (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Empört? Satire darf wehtun (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Auch da gab es Äpfel und Birnen. Vorwürfe, Fokussierungen auf einzelnen Wörtern, ein Aufschrei. Grass hatte sein Gedicht als Kritik veröffentlicht, als Kommentar am Zeitgeschehen. Die Reaktionen darauf waren – im weitesten Sinne – Kommentare auf diesen Kommentar. Böhmermann aber hat einen Text in einer satirischen Sendung vorgelesen. Allein dieser Kontext sollte für sich sprechen. Dass er dabei kindergartenreif „Gell, das darf man nicht sagen“ gespielt hat muss auch innerhalb der Satire gesehen werden. Dass jetzt alle Medien Zeilen des Gedichtes wiedergeben – mit dem Anspruch zu zeigen, was nicht gesagt werden darf, aber gesagt wurde – Teil der entstandenen Realsatire.

Realsatire?

Satire darf wehtun, muss wehtun, muss einen Aufschrei all jener nach sich ziehen, die sie nicht verstehen. Das ist kein lockerer Witz über den jeder schmunzeln kann. Dass der türkische Staatspräsident kein Freund solchen Humors ist, zeigt nicht nur seine Reaktion auf das Video von extra3, die Böhmermanns Gedicht erst hervorgebracht hat, sondern auch die Anklagen, die er in der Türkei selbst erhebt. Gegen Journalisten, gehen Komiker, gegen Schulkinder. Dass erinnert mich an die Geschichten meiner Großmutter von einem anderen Staatsoberhaupt, unter dem auch Kinder kein Wort der Schmähung sagen durften. Niemand wundert sich ernsthaft, dass Erdogan Strafanzeige gestellt hat, dass er glaubt, einer Satiresendung sagen zu können, was sie zeigen darf.

Fausts Ende

Aus dem Gleichgewicht: unser Rechtssystem (© Martine Moritz / pixelio.de)

Aus dem Gleichgewicht: unser Rechtssystem (© Martine Moritz / pixelio.de)

Erschüttert bin ich dagegen von unserer Bundesregierung, die, wenn auch uneinig, beschlossen hat, dass er damit im Recht ist. Sollte die Regierung bestimmen, ob ein Prozess rechtens ist oder nicht? Nein, dafür haben wir die Justiz. Im Grunde darf die Regierung das nicht – in Deutschland. Und doch gibt es diesen Paragraphen 103, den es wohl „bald“ nicht mehr geben wird. Und dieser erlaubt es der Regierung ausdrücklich, fordert sie sogar auf. Und sie sagte ja, verurteilte damit bereits im Vorfeld, setzte einen Riegel und schickt uns Deutsche zum Lachen in den Keller, wo es bitte niemand sieht und niemand weiß. Der faustsche Pakt der Flüchtlingskrise mag Grund sein, vorgeschoben oder nicht. Gretchen ist dann nicht etwa Böhmermann, sondern unser Humor. Und wie Faust endet, ist bekannt.

Vorschau: In zwei Wochen geht es hier weiter, wenn ich euch etwas zum Stubenhockerdasein erzähle.

Durchfallquote und Sexnotruf – Die Satiregruppe „Die LISTE“ im Universitätswahlkampf

Wer eine Weile lang an einer deutschen Hochschule eingeschrieben war – und sich dabei regelmäßig auf dem Campus aufgehalten hat – der kennt sie: Flyer, Plakate, Informationsstände, auf denen politische Hochschulgruppen ihre Inhalte bewerben. Besieht man sich allerdings die Wahlbeteiligung der Universitätswahlen, mag man dem Gedanken erliegen, dass diese Wahlkämpfe an den meisten Studenten einfach vorbeigehen: Zur Wahl gehen selten einmal mehr als 25 Prozent der wahlberechtigten Studierenden. Hat Hochschulpolitik ein Imageproblem?

Wahlkampf: "Die LISTE" und die Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Mannheim (Foto: privat).

Wahlkampf: „Die LISTE“ und die Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Mannheim (Foto: privat).

Mit solchen Oberflächlichkeiten hält sich die Mannheimer Hochschulgruppe „Die LISTE“ nicht auf. Als der Satirepartei „Die PARTEI“ nahestehende Gruppe scheint sie mehr damit beschäftigt, den Studierendenalltag aufs Korn zu nehmen – und das offenbar mit Erfolg: Nach Gründung im Jahr 2013 hatte die LISTE bereits innerhalb einer Woche mehr als 1.000 Likes auf Facebook errungen. „Bei den Studiosi der Uni Mannheim kamen wir sehr gut an“, teilt eine Vertreterin der LISTE auf Anfrage mit, „die anderen Hochschulgruppen allerdings waren wenig begeistert. Sie befürchteten, dass sie Sitze im Studierendenparlament an uns verlieren würden“. Das Studierendenparlament der Universität Mannheim umfasst 23 Sitze, von denen 2013 kein einziger an die LISTE entfiel. Damals hatte man zwar Wahlkampf gemacht, zur Wahl angetreten war die LISTE allerdings nicht.

Nachdem bekannt geworden war, dass eine andere Hochschulgruppe im Wahlkampf ihre Unterstützerschriften gefälscht hatte, wurde bereits ein halbes Jahr später erneut gewählt. Die LISTE hatte damals mit parolenartigen Statements wie „Erstis raus!“ und mit Forderungen nach der Exmatrikulation hässlicher Menschen oder nach FKK-Hörsälen um Stimmen geworben – und erreichte mit diesen Kreativleistungen aus dem Stand drei Sitze im Studierendenparlament. Aufgrund des Wahlergebnisses war die LISTE nun plötzlich für die anderen Hochschulgruppen ein ernstzunehmender Akteur der Mannheimer Hochschulpolitik geworden. Denn eine Koalitionsbildung ohne die LISTE war zu diesem Zeitpunkt weder für den Block aus Jusos und grün alternativer Hochschulgruppe (GAHG), noch für den Block von RCDS und der liberalen Hochschulgruppe (LHG) möglich. Ohne Inhalte – aber mit Humor und Dreistigkeit – hatte sich die LISTE in eine Koalition mit den Jusos und der GAHG manövriert; infolge der Verhandlungen durfte die junge Hochschulgruppe einen eigenen Vorstand des Allgemeinen Studierendenausschusses – kurz AStA genannt – stellen und ein eigenes Referat für Öffentlichkeitsarbeit besetzen.

Verwirrend: Die Wahlkampfauftritte der LISTE (Foto: privat).

Verwirrend: Die Wahlkampfauftritte der LISTE (Foto: privat).

Nun stehen die Wahlen in Mannheim wieder kurz bevor: Gewählt wird am kommenden Dienstag, 21. April und Mittwoch, 22. April. Um einen Wiedereinzug in die Gremien scheint sich die LISTE bislang keine Sorgen zu machen. Freimütig haben sie auch in den vergangenen Tagen den hochschulpolitischen Alltag mit Verwirrung, Unfug und Anarchie angereichert. So warb die LISTE etwa für Einführung einer „Durchfallquote“ für die Mannheimer Mensa, richtete einen Sex-Notruf ein und nahm gesammelte Wahlflyer konkurrierender Gruppen in Empfang – um die Spender mit Bier zu entlohnen.

"Bier für Flyer": Alternative Strategien bei Stimmenjagd (Foto: privat).

„Bier für Flyer“: Alternative Strategien bei Stimmenjagd (Foto: privat).

Man mag nun mit einiger Berechtigung fragen: Was soll das? Die LISTE ist um eine Antwort nicht verlegen: „Unsere Aufgabe ist es, auf aktuelle Missstände in der Hochschulpolitik aufmerksam zu machen und die verkrusteten Strukturen zu lösen. Satiregruppen gibt es an der Universität schon genug – etwa der RCDS“.

Fingergate und Varoufake

In den letzten Jahren hat sich im Journalismus eine bedenkliche Entwicklung offenbart: Immer wieder werden Inhalte – ob in Schrift oder in Bild – als schlecht recherchiert enttarnt. Im Zentrum dieser Medienskandale steht stets dasselbe Phänomen: Die Tücken der Internetrecherche. ZDF-Satiriker Jan Böhmermann hat sich einen Spaß daraus gemacht. Mit einem im Internet veröffentlichten Clip führte er die ganze TV-Nation an der Nase herum – und schuf damit einen bedeutenden Moment deutscher Mediengeschichte.

Auslöser war ein am Sonntag, den 15. März 2015, gezeigter Clip im ARD-Talkformat „Günther Jauch“: Dort war eine Aufzeichnung des griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis zu sehen, der dem deutschen Volk symbolisch den Mittelfinger präsentierte. Der der Show live zugeschaltete Varoufakis bestritt allerdings die Echtheit dieser Aufnahmen. Das rief Böhmermann auf den Plan. Wenige Tage später veröffentlichte er einen Clip, in dem er äußerte, das Video selbst gefälscht zu haben. Aber nicht nur das: Dem Clip waren gar Aufnahmen beigefügt, die ein Making-Of der vermeintlichen Fälschung enthielten. Der Mittelfinger sei in Wirklichkeit gar nicht da gewesen, vielmehr habe man diesen via Videobearbeitung in die Aufnahme hineinmontiert.

Die Aufregung war natürlich groß: War da tatsächlich ein von Böhmermanns Redaktion manipulierter Clip zur besten Sendezeit im beliebten ARD-Format ausgestrahlt worden? I & u TV, die Produktionsfirma der Talksendung Jauchs, blieb Böhmermanns Clip gegenüber skeptisch und wies auf die Aussagen von Experten hin: Die Aufnahmen des griechischen Finanzministers seien echt.

Nach großem Hin und Her war schließlich klar: Tatsächlich waren die Aufnahmen des Griechen nicht manipuliert worden. Dennoch kamen Jauch und Konsorten nicht auf einen grünen Zweig. Zwar war das Video tatsächlich nicht von Böhmermann beziehungsweise seiner Redaktion bearbeitet worden; Jauch aber hatte es vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Denn die Aufnahmen zeigen eine Rede des damals noch nicht im Amt des Finanzministers tätigen Varoufakis – eine Rede, die dieser auf einem als „subversiv“ betitelten Festival hielt. Und eben das erwähnte Jauch an besagtem Sonntag nicht. Vor dem Hintergrund der Debatten um die vermeintliche „deutsche Lügenpresse“ freilich ein äußerst peinlicher Vorfall für die Redaktion von Jauch.

Auch Varoufakis, der vehement betonte, dass es sich um eine gefälschte Aufnahme handelt, steht bei der ganzen Aktion schlecht dar: Wäre Böhmermann nicht gewesen, hätte kaum einer der Experten sich darum bemüht, die Echtheit der Bilder zu prüfen. Nun ist Varoufakis – der die Aufnahmen durch schlichte Kontextualisierung hätte entschärfen können – öffentlich der Lüge überführt. Und Jan Böhmermann? Der hat mit dem „Fingergate“ sicher ein Stück Mediengeschichte geschrieben und wieder einmal mehr demonstriert, wie unterhaltsam sowie entlarvend gut gemachte Satire sein kann.

„Heute ist alles so ernst“ – Dustin Hoffmann im Interview, Teil 2

Im ersten Teil des Interviews mit Dustin Hoffmann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der PARTEI des Landesverbandes Berlin, gewährte er den Lesern bereits einen Einblick in seinen persönlichen Werdegang: von der PARTEI-Karteileiche bis zu den Büroräumlichkeiten des Europaparlaments in Straßburg und Brüssel, wo er seit Dienstag, 1. Juli 2014, tätig ist. Auch die PARTEI-Sicht auf aktuelle Mauerbauvorhaben in der Ukraine präsentierte er exklusiv – noch vor der offiziellen Stellungnahme des fraktionslosen Neuparlamentariers und PARTEI-Vorsitzenden Martin Sonneborn. Die PARTEI beweist sich regelmäßig durch Positionen, die recht absurd anmuten. In diesem zweiten Teil des Interviews stellt Face2Face die rhetorischen Fähigkeiten von Dustin Hoffman auf die Probe:

Face2Face: Haben Sie einen Lieblingspolitiker außerhalb der PARTEI?

Hoffmann: Interessante Frage. Ich bin Fan von Frau Beatrix von Storch aus der AfD. Sie ist immer mit interessanter und konstruktiver Kritik zur Stelle – etwa in Familienfragen. Oder sie stellt Geschäftsordnungsanträge.

Face2Face: Die AfD bringt scheinbar viele charismatische Menschen in die Politik. Das erinnert doch an das Konzept der Satire-PARTEI. Angesichts der Wahlergebnisse muss hier die Frage erlaubt sein: Plagiiert die AFD das Konzept der Partei, nur erfolgreicher?

Hoffmann: Was heißt denn erfolgreicher? Diese Partei verfolgt vor allem ein ganz anderes Konzept als wir: Ganz im Gegensatz zu uns, versuchen sie Inhalte zu vermitteln – manchmal auch unter dem Deckmantel der Inhaltslosigkeit. Aber immerhin haben sie das Potenzial, eine Lücke zu füllen: Gerade erst ist die FDP aus den allermeisten Regierungsämtern und Parlamenten entbunden worden.

Face2Face: Welche Emotionen weckt die „FDP“ in Ihnen?

Hoffmann: Mitleid, denn man muss das ja so sehen: die FDP war immer auch ein gewisser Garant für Unterhaltung und schon in fünf Jahren werden wir sagen: „Ha, wisst ihr noch die 18 Prozent-Kampagne von der FDP?“ Und irgendwann werde ich auch meinen Kindern davon erzählen: „Damals gab es so eine tolle Spaßpartei, heute ist alles so ernst!“

Face2Face: Wenn sich auf politisch-strategischer Ebene kein Vergleich anbietet: Wie ist es bei einer physischen Auseinandersetzung? Was schätzen Sie, wer wäre der oder auch die Stärkste im Plenarsaal des Europaparlaments?

Hoffmann: Wiederum eine interessante Frage. Unsere Nachbarn aus Österreich sehen sehr schlagkräftig aus. Aber grundsätzlich ist es so, dass das alles keine Preisboxer sind. Ich sehe die Voraussetzungen für eine solche Eskalation momentan noch nicht gegeben. Aber vielleicht mag das noch kommen. Darüber haben wir uns aber noch keine Gedanken gemacht.

 

Face2Face: Abschließend sei die Frage erlaubt: Wie viel Geld würden Sie denn für ein solches Interview normalerweise in Rechnung stellen?

Hoffmann: Normalerweise. Heißt das, dass ich das hier nicht mehr in Rechnung stellen kann? (Lacht) Nein, wirklich – Wir haben großen Respekt vor der Presse. Ich würde mich höchstens in Essen und Champagner bezahlen lassen. Das ist die Währung im Europaparlament.

Face2Face: Vielen herzlichen Dank für das Interview!

Die anderen Gewinner

Kommentar: Die politische Institution Europa scheint nicht einmal jeden zweiten Deutschen zu interessieren: Gerade einmal knapp 48 Prozent der Wahlberechtigten hat es vor zwei Wochen in die Wahllokale getrieben. Dass die Nichtteilnahme an einer Wahl prinzipiell kleine Parteien begünstigt, ist allgemein bekannt. Und siehe da: Mit dem Wegfall der Sperrklausel sind es statt sieben Parteien, die Deutschland in das Europaparlament entsendet, plötzlich vierzehn. Reizthema nach der Wahl ist das Erstarken der eurokritischen Alternative für Deutschland, die beachtliche sieben Sitze erreichen konnte. In diesem Glanz scheint ein anderes Phänomen unterzugehen: Der Triumph der Satirepartei Die PARTEI.

Mit 0,6 Prozent gelang es der Spaßpartei aus dem Umfeld des Satiremagazins Titanic, einen Sitz in Straßburg zu erringen. Der Erkenntnisgewinn auf politischer Ebene ist von mäßigem Interesse. Hier bestätigt sich das, was längst bekannt ist: Der Europawahl wird nicht mit gebührendem Ernst begegnet – immerhin haben knapp 185.000 Wähler ihr Kreuz bei der Partei Die PARTEI gesetzt.

Aufschlussreicher erscheint es da, den größeren, kulturellen Rahmen zu betrachten, sofern eine solche Trennung überhaupt vollzogen werden kann. Ernste, politische Ziele sind es kaum, die den Spaßmachern ihren Sitz beschert haben. Niemand wird ernsthaft daran interessiert sein, die Schweiz einzumauern. Politische Nichtpolitik – Blödeleien mit politischem Anstrich – ist es, die sich die Partei auf ihre Banner und vor allem auf ihre Plakate schreibt: G1-Schulsystem, Faulenquote, Markus Lanz und vieles mehr.

Es sind Sätze wie „Kein deutscher Manager ist mehr als 25.000 mal mehr wert als ein beliebiger Arbeiter“, die die Erklärung der Forderung nach Begrenzung von Managergehältern auf das 25.000-fache eines Arbeiterlohns illustrieren und den Charme der Organisation charakterisieren: Die PARTEI greift Kontroversen auf, reagiert mit absurden Forderungen und stellt politisch inkorrekte bis menschenverachtende Erklärungen nach. Was andere Parteien Kopf und Kragen kosten würde, ist hier Erfolgsrezept: Die Parolen sind so grotesk, dass sie eine eigene politisch-unpolitische Gegenwelt erschaffen. In ihr wird das politische Treiben durch gewitzten Einsatz politischer Sprache und gekonntem Schauspiel so dermaßen karikiert, dass jeder noch so grobe Unfug sofort vergeben wird.

In dieser Groteske demonstriert sich die PARTEI als wahrer Meister politischer Popkultur: Die Nonsensstatements referieren regelmäßig auf mehr oder weniger aktuelle Streitthemen, Geschichte und Erinnerungskultur sowie politische und außerpolitische Prominenz. Vielleicht – so kann man schlussfolgern – muss die Partei mehr als Mediensatire denn als Politiksatire gelesen werden. Vor allem das mediale Auftreten politischer Größen nämlich ist es, das die Partei – allen voran Chefsatiriker Martin Sonneborn – persifliert. Unterstrichen wird das durch ein gehöriges Maß an geradezu dreister Selbstinszenierung. Dass es einer solchen Gruppe nun gelingt, ins Europaparlament einzuziehen – das ist ganz große Kunst, die das politische System ad absurdum führt. Es ist kein politisches, sondern ein unterhalterisches Kapital, mit dem die PARTEI die Interessen der Bevölkerung bedient.

Verlässt man die Ebene des Scheinbar-politischen und kehrt zurück auf die Ebene des Tatsächlich-politischen, kann man – natürlich mit einiger Berechtigung – fragen: „Was ist denn damit nun gewonnen?“ Zunächst einmal recht wenig: Wie subtil die Satiriker ihren Holzhammer auch schwingen mögen, es ist eben doch ein Holzhammer, der geschwungen wird. Die PARTEI mag polarisieren – man findet sie lustig oder nicht. Die Frage nach Identifikation mit Inhalten – oder vielmehr mit Gegeninhalten – stellt sich aber kaum. Ein vorhandenes Unrechtsbewusstsein mag bedient werden, geweckt wird es aber durch die Äußerungen noch lange nicht. Dafür sind diese eben doch zu absurd.
Umsonst ist der Wahlerfolg der Gruppe aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Einerseits besteht natürlich die Chance, dass sich amüsierte Politikverdrossene durch Interesse an den Äußerungen indirekt mit politischer Materie auseinandersetzen. Andererseits aber – und das ist die viel größere Chance – kann die PARTEI über die kommende Legislaturperiode dem gesamten Wahlvolk massiv auf die Nerven gehen. Treibt die mögliche Empörung über Unfug im Europaparlament bei den nächsten Wahlen auch nur ein paar Wähler mehr in die Wahllokale, ist eine ganze Menge erreicht – und ganz nebenbei, das ist nicht zu vergessen, verspräche das ja auch einige Unterhaltung.

„Inhalte abschaffen“ – die Hochschulpartei Die LISTE im Interview

In den vergangenen Wochen mischte eine Partei den Hochschulwahlkampf der Universität Mannheim kräftig auf: Sie provozierten, parodierten, deformierten, echauffierten und stürmten Wahlkampfveranstaltungen. Sie warben mit Wahlkampfparolen wie „Externe angreifen“, eine „Männerquote in Geisteswissenschaften“ oder ein „Aussageverweigerungsrecht in Klausuren!“ – die Rede ist von der Hochschulpartei Die LISTE – Liste für Individualethik, Studium, Tierliebe und Eschatologie. Eine Welle der Begeisterung erhob sich und brachte dem Parteisprössling der Partei Die PARTEI über tausend neue Facebook-Anhänger. An der Wahl haben sie allerdings nicht teilgenommen. Face2Face ist es gelungen, den sogenannten „Propagandaminister“ Phillip Stremlau zum Werdegang und zur weiteren Zielsetzung des Projekts zu befragen.

Visionär: Die Liste "Die LISTE" der Universität Mannheim (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Visionär: Die Hochschulpartei „Die LISTE“ der Universität Mannheim (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Face2Face: Was hat euch motiviert eine eigene Hochschulpartei ins Leben zu rufen?

Stremlau: Das waren ganz klar die ehemaligen Hochschulgruppen. Wir haben einfach gesehen, dass da in der Vergangenheit sehr viel falsch gelaufen ist und konnten nicht länger schweigen. Vielen der bräsigen Fotogesichter auf den Werbeplakaten der anderen Initiativen schien auch schlicht der Ernst abzugehen, den gute Hochschulpolitik verlangt. In Anlehnung an unser bundespolitisches Vorbild der Partei Die PARTEI haben wir deshalb die Liste Die LISTE aufgestellt.

Face2Face: Wie habt ihr euren Wahlkampf gestaltet?

Haushalt: Zeit für eine Genderdebatte (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Haushalt: Zeit für eine Genderdebatte (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Stremlau: Als moderne und zukunftsorientierte Turbopartei haben wir von konkreten Inhalten so weit wie möglich Abstand genommen und sind populistisch gegen den politischen Gegner ins Feld gezogen. Mit unseren Forderungen nach einer Maut für ausländische Studierende, nach Körpergewalt gegen Externe und der vollen gesellschaftlichen Akzeptanz von Wirtschaftspädagogik-Kommilitonen haben wir auf jeden Fall starke Signale gesetzt und die Hochschulpolitik ein Stück weit auf den richtigen Weg zurück gebracht.

Face2Face: Wie ist das Ergebnis der Hochschulwahlen aus eurer Sicht zu bewerten?

Stremlau: Das Wahlergebnis halten wir für ungültig. Wir haben die Nichtigkeit der Wahl auch schon öffentlich erklärt. Den sechs antretenden Parteien kann ohne große Recherchemühe die Ernsthaftigkeit abgesprochen werden und eine Wahlbeteiligung von circa drei Prozent ist nicht repräsentativ. Außerdem häufen sich Vorwürfe von Wahlbetrug und Korruption – dabei hat uns niemand etwas gezahlt.

Face2Face: Was sind eure langfristigen Ziele? Wo seht ihr euch in der Zukunft?

Stremlau: In Zukunft wollen wir die Macht im Allgemeinen und Speziellen, Konkreten und Abstrakten und überhaupt. Danach werden Schritte für eine Verbesserung des Studienlebens der Studiosi an der Universität Mannheim erlassen: die Abschaffung der Studieninhalte, Einführung eines Aussageverweigerungsrechts in Prüfungssituationen zur Vermeidung von Selbstbelastung und verbindliche Einführung der Uni-Uniform. Zudem wollen wir mit unserer neuen Währung, der „UniMark“, die Weltwirtschaft unter unsere alleinige Kontrolle bringen, um diese nachhaltig zu destabilisieren.

Face2Face: Globalpolitisch gesprochen – würdet ihr euch mehr nach Russland oder nach Amerika orientieren?

Wahlprogramm: Als Hochschulgruppe bezieht die LISTE zu allen möglichen Wahlkampfthemen Stellung (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Wahlprogramm: Als Hochschulgruppe bezieht die LISTE zu allen möglichen Wahlkampfthemen Stellung (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Stremlau: Hier möchten wir unbedingt auf das Programm unserer Mutterpartei der Partei Die PARTEI verweisen, die sich mit ihrem Slogan zur Europawahl „Ja zu Europa! Nein zu Europa!“ ganz klar positioniert hat. Mauern werden auf jeden Fall auch international an Bedeutung gewinnen.

Face2Face: Wie sieht eure Lösung für die Endlagerproblematik in Deutschland aus?

Stremlau: Bei der Entscheidung über mögliche Endlager wollen wir starke Feindbilder aufbauen und uns verachtungsvoll von anderen Bildungseinrichtungen absetzen. Das funktioniert unabhängig von Themengebiet und Position und ist besonders in einem emotional aufgeladenen Thema wie der Atomkraft ein probates Wahlkampfmittel. Folgerichtig werden in unserer Amtszeit Endlager in den Kellern der DHBW, der Musikhochschule und der Popakademie ausgebaut werden – nach Möglichkeit auch irgendwo in Ludwigshafen, aber der genaue Standort soll aus Angst vor Angriffen geheim bleiben.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Hochschulpartei Die LISTE im universitären Politzirkus etabliert. Beliebt ist sie unter den Studenten zwar, aber als außerparlamentarische Opposition hat sie einen schweren Stand. Schließlich bleibt sie von den Entscheidungen der Verfassten Studierendenschaft – als eigene Teilkörperschaften öffentlichen Rechts – ausgeschlossen.

Hochschulpolitik: Die noch junge Liste Die LISTE ganz vorne mit dabei (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Hochschulpolitik: Die noch junge Liste Die LISTE ganz vorne mit dabei (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Machtphantasie und Eschatologie, eine Rebellion gegen Konservatismus und Ernsthaftigkeit – damit bringt die Partei frischen Wind in die Hochschulpolitik Mannheims, die es im Urnengang Anfang April nur zu einer Wahlbeteiligung von 17 Prozent brachte.

Karriereangst

Ronald Pofalla hat einfach kein Glück: Nachdem er sich beim Management des NSA-Skandals kaum mit Ruhm bekleckert hat und bei der Bildung des neuen Kabinetts aus der Regierung geschieden ist, sieht er sich nun erneut mit Anfeindungen konfrontiert. In den vergangenen Tagen war bekannt geworden, dass der ehemalige Kanzleramtsminister zukünftig einen Posten im Vorstand der Deutschen Bahn bekleiden wird.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Auf eine Anfrage der Linken hin äußerte die Bundesregierung, dass Pofalla in seinem Amt als Kanzleramtschef neunmal mit der Deutschen Bahn verhandelt habe. Die mangelnde Transparenz sorgte für Empörung – und schnell wurde Kritik aus den Reihen der Opposition laut: Vizechef der Bundestagsfraktion der Grünen, Konstantin von Notz, sprach sich für Karenzzeiten aus, die den Übergang von Politikern in die Wirtschaft regeln sollen, um so dem Eindruck von Vetternwirtschaft vorzubeugen. Eine Sperrfrist von fünf Jahren forderte gar Linken-Chefin Katja Kipping.

Tatsächlich erscheint ein Wechsel aus einer so enormen Machtposition heraus in ein Staatsunternehmen zumindest unglücklich. Das Amt, das Pofalla zukünftig einnehmen wird, wurde explizit für diesen Anlass geschaffen. Der ehemalige Kanzleramtsminister soll für Kontakte zwischen Bahn und Politik zuständig sein und vor allem Lobbyarbeit in Nähe der Europapolitik leisten. Bahnchef Rüdiger Grube hatte einen solchen Posten zuvor abgeschafft und plante, sich persönlich um die Kontakte zur Politik zu kümmern.

Nachdem in den letzten Tagen eine breitere Debatte um eine Karenzzeit aufgeflammt ist – eine Position, die inzwischen auch von der Union diskutiert wird – ist der Wechsel für Pofalla längst nicht mehr so sicher , wie er zunächst zu sein schien: Aktuelle Meldungen sprechen von einem Wechsel zur Bahn im Jahr 2015 – vom Aufstieg in einen Vorstandsposten ist gar erst für 2017 die Rede.

Einen besonderen Spaß aus der Personalie Pofallas machte sich das Satire-Portal „Der Postillon“: Nachdem am Donnerstag, 2. Januar, bekannt wurde, dass Pofalla zur Bahn wechseln möchte, hatte das Magazin seine Meldung dazu um einen Tag zurückdatiert, woraufhin kurzzeitig die Annahme kursierte, die Medien seien auf eine Ente des Portals hereingefallen.