2017 – das Jahr der Fake-News?

KOMMENTAR: Gerade sind wir im Jahr 2017 angekommen. Es steht unter dem Zeichen der Postfaktizität. Was das heißt? Wir sind scheinbar über die Fakten hinausgewachsen. Emotionen sind die neuen Fakten und gefühlte Wahrheiten werden immer mehr salonfähig. Der neue Trend-Begriff „Fake-News“ reiht sich hier verblüffend gut ein, denn der Anglizismus beschreibt eigentlich schlicht: Falschmeldungen. Informationen sollten nach journalistischen Leitsätzen immer geprüft werden, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen. Stattdessen ist es heute gängige Praktik – das haben wir nicht nur im vergangenen Jahr vielfach beobachten können – Schlagzeilen einfach voneinander abzuschreiben. Der Spiegel-Redakteur liest die Bild-Zeitung, die Süddeutsche, die FAZ und selbstverständlich auch umgekehrt. Außerdem erwerben alle Massenmedien Datensätze von Nachrichtenagenturen, die sie des Öfteren sogar wortwörtlich übernehmen.

2016 – ein Krisenjahr für die Massenmedien

Stichwort: Lügenpresse, leicht abgewandelt auch Lückenpresse. Überall heißt es: „Wem kann ich denn noch glauben?“ Von „Social Bots“ ist die Rede, die automatische Antworte generieren und von „Trollfabriken“, die im Auftrag des (russischen) Staates Manipulationen im Internet betreiben soll. Das sei gezielte Manipulation, manchmal wird sogar von Propaganda gesprochen: Flüchtlinge würden gegen eine Kirche urinieren, Hillary Clinton leite einen Kinderporno-Ring und es würden Koran-CDs mit Gift umher gehen – je empörender, also emotionalisierender die Nachricht, desto häufiger wird sie geteilt, geliked und besprochen. Prinzipiell war das nie anders: Menschen interessieren sich mehr für Skandale und Pannen als für positive Nachrichten. Deshalb ist der laute Ruf und der Fingerzeig auf die vermeintlichen Fake-News-Macher – zumeist selbsternannte „alternative“ Medien – überaus schädlich. Denn die schlagen schneller zurück, als erwartet. So wurde dieser Tage die Washington Post überführt, die Hacker-Verschwörung von Russland gegen den US-amerikanischen Wahlkampf lediglich behauptet zu haben. Quellen? Keine.

Die Suche nach dem Fehler

Der Fehler liegt doch tatsächlich im System: Menschen machen Nachrichten. Ob diese nun alternativ oder im Sinne des „mainstreams“ von etablierten Medienhäusern stammen – sie werden immer von Menschen gemacht, deren Intentionen nicht immer nur gut sind. Nur eins hat sich geändert: Heute ist es bei weitem einfacher, eine enorme Reichweite zu erzielen, viral zu gehen. Sobald dann der virale Sumpf gelichtet wird, werden nicht nur ein paar Trolle entlarvt, das sind Online-Provokateure, die sich daran erfreuen, wenn ihr Gegenüber überreagiert und die zu diesem Zwecke verbreiteten Falschmeldungen und Scherze, also Hoaxes nicht selten in die Netz-Welt setzen. Das eigentliche Problem sind wir, die Menschen. Menschen wollen Dinge glauben, die ihrer Meinung entsprechen, sie empören sich gerne und sind sensationsgeil. „Jeder darf doch wohl seine eigene Meinung haben, hier gibt es doch immerhin Meinungsfreiheit!“ Diese Ignoranz, die Suche nach Selbstbestätigung und die Schwierigkeit mehr als nur eine Wahrheit anzuerkennen, verhärtet die Fronten. Jeder hat am Ende seine eigene Agenda, seine eigene Wahrheit und eigene Weltverschwörung.

12 points go to – der Eurovision Song Contest 2016

Am 14. Mai 2016 fand der 61. Eurovision Song Contest, kurz ESC, in der schwedischen Hauptstadt Stockholm statt. Im letzten Jahr siegte der Sänger Måns Zelmerlöw aus Schweden mit seinem Song „Heroes“ und sorgte dadurch für die diesjährige Ausstragung des ESC in seinem Heimatland. Zusammen mit der Komikerin Petra Mede moderierte er den Musikwettbewerb, an dem in diesem Jahr 26 Länder teilnahmen.

Neues Punktesystem

Ein neues Punktesystem, bei dem die Punkte von Fachjury und Publikum der 42 stimmberechtigten Länder erstmals getrennt vergeben worden sind, sorgte für einige Überraschungen am Abend und machte den ESC spannend bis zum Schluss. Zuerst wurden die Punkte der Fachjurys der jeweiligen Länder verkündet. Danach hätte die Sängerin Dami Im aus Australien mit ihrem Song „Sound of silence“ den ESC gewonnen.

Gutaussehender Sänger: Amir aus Frankreich (Foto: Anna Velikova (EBU))

Gutaussehender Sänger: Amir aus Frankreich (Foto: Anna Velikova (EBU))

Platz zwei und drei wären nach Juryabstimmung an Sängerin Jamala aus der Ukraine und den sympathischen Sänger Amir mit seinem französisch-englischen Gute-Laune-Hit J’ai cherché” aus Frankreich gegangen. Der polnische Sänger Michał Szpak bekam für seinen Song „Colour of your life“ von der Jury lediglich sieben Punkte, was den vorletzten Platz bedeutet hätte.

Zuschauer teilten Jurymeinung nicht

Doch das Zuschauervoting kippte das Ergebnis. Das führte dazu, dass Michał Szpak vom Publikum 222 Punkte erhielt und mit einem guten achten Platz äußerst zufrieden sein konnte. Damir Im aus Australien hatte sich zu früh gefreut. Durch das Zuschauervoting stieß die Ukrainerin Jamala sie mit insgesamt 534 Punkten vom ersten auf den zweiten Platz und siegte mit ihrem Song „1944“ beim diesjährigen ESC.

Grund zur Freude: Jamala aus der Ukraine gewinnt den diesjährigen Eurovision Song Contest (Foto: Andres Putting (EBU))

Grund zur Freude: Jamala aus der Ukraine gewinnt den diesjährigen Eurovision Song Contest (Foto: Andres Putting (EBU))

Der Song hatte bereits im Vorfeld des ESC aufgrund seines Inhalts für Kritik gesorgt, denn er handelt von der Geschichte von Jamalas Uroma, die unter Stalin von der Krim vertrieben wurde. Auch nach dem Sieg gab es Kritik an der dadurch entstandenen Politisierung des ESC. Wäre es nach dem Publikum gegangen, hätte der Russe Sergey Lazarev den Wettbewerb gewonnen. Er konnte nicht nur gesanglich mit „You are the only one“, sondern auch mit seiner spektakulären Show, bei der die Videoanimationen im Hintergrund perfekt auf seine Performance abgestimmt waren, überzeugen. Da ihn die Jury jedoch nicht ganz so weit vorne sah, schaffte er es mit insgesamt 491 Punkten nur auf den dritten Platz.

Bewegungen auf die Videoleinwand abgestimmt: Sergey Lazarev aus Russland bei seinem Auftritt beim diesjährigen Eurovision Song Contest (Foto: Andres Putting (EBU))

Bewegungen auf die Videoleinwand abgestimmt: Sergey Lazarev aus Russland bei seinem Auftritt beim diesjährigen Eurovision Song Contest (Foto: Andres Putting (EBU))

Viele Höhepunkte und Jamie-Lee als Schlusslicht

Zu den Höhepunkten gehörten auch der Schwede Frans mit seinem Liebeslied „If I were sorry“ (Platz fünf) und der Niederländer Douwe Bob, der in seinem Song „Slow down“ dazu aufruft, im stressigen Alltag öfter mal innezuhalten, was er bei seiner Darbietung sowohl durch eine zehnsekündige Pause als auch durch eine rückwärtsgehende Uhr im Bühnenbild verdeutlichte (Platz elf). Jamie-Lee Kriewitz konnte mit ihrem Song „Ghost“ und ihrem Manga-Look weder Jury noch Publikum begeistern und belegte mit nur elf Punkten den letzten Platz.

Der diesjährige Eurovision Song Contest überzeugte durch viele tolle Songs und Auftritte sowie auffallend viele hübsche Sänger, die den ESC auch optisch zu einem Highlight machten.

Vorschau: Nächste Woche lest ihr hier mehr über Miles Davis.

Karneval der Kulturen – „Andere Länder, andere Sitten“

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Gehört für die Deutschen zum Karneval dazu: Konfetti, Luftschlangen, Verkleidungen und „Faschingskrapfen“ (Foto: Alexandra H./ pixelio.de)

Der Startschuss für die „jecke Zeit“ ist bereits am 11.11 um 11:11 Uhr gefallen und seitdem sind schon einige Prunk- und Kappensitzungen abgehalten worden. Das große „Finale“ der Karnevalszeit steht uns jedoch jetzt erst kurz bevor. Ein besonderes Highlight stellen dabei selbstverständlich die Rosenmontagszüge in den Fastnachtshochburgen Mainz und Köln dar, doch auch in anderen Teilen Deutschlands wird sich verkleidet, mit Kamellen geworfen und ausgelassen auf der Straße gefeiert. Doch während sich auch hierzulange die Bräuche teilweiße schon stark unterscheiden – so ist die in Köln traditionelle „Nubbelverbrennung“ am Karnevalsdienstag im Süden Deutschlands weitestgehend unbekannt – ist es noch interessanter, sich passend zur 5. Jahreszeit einmal den Karneval in anderen Kulturen anzuschauen. Klar, jeder hat schon einmal vom berühmten brasilianischen Karneval mit den farbenprächtigen Umzügen und seinen freizügigen Samba-Tänzerinnen und Tänzern gehört, doch wie sieht es aus mit den Traditionen in Russland, den USA oder unserem Nachbarn, der Schweiz?

Die „Butterwoche“ in Russland: Pfannkuchen, Volksmusik und sportliche Wettkämpfe

Karneval wird in Russland „Maslenitsa“ genannt, was so viel heißt wie „Butterwoche“. Und tatsächlich war es früher üblich, dass an diesen Tagen vorwiegend Nahrungsmittel aus Milch verzehrt wurden. Auch heute ist es noch üblich an Karneval heiße Pfannkuchen, traditionell mit Honig, Kaviar und Wodka, zu verzehren. Dabei wird zu russischer Volksmusik getanzt und sich in sportlichen Wettkämpfen gemessen, wie beispielsweise dem Hochklettern an Holzpfählen. Ähnlich wie die bereits angesprochene Nubbelverbrennung in Köln bildet auch in Russland das Anstecken der sogenannten „Maslenitsa-Puppe“ den Höhepunkt der Veranstaltung – sie soll den Winter vertreiben und das Frühjahr einläuten.

Bunte Paraden in New Orleans – Der „Mardi Gras“

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Ob „Mardi Gras“, Fasching oder Karneval: Gefeiert wird in der 5. Jahreszeit beinahe überall auf der Welt. (Foto: Timo Klostermeier/ pixelio.de)

Der Name „Mardi Gras“ für den Karneval in den USA kommt aus dem Französischen und heißt übersetzt „fetter Dienstag“. Seinen Ursprung hat diese Bedeutung im Religiösen: Früher hat man kurz vor Beginn der Fastenzeit darauf geachtet, nochmals besonders fett- und reichhaltige Nahrungsmittel zu sich zu nehmen – die sogenannte „Woche der sieben fetten Tage“. Der letzte Tag vor Aschermittwoch war demnach der „Fette Dienstag“, also „Mardi Gras“. Inzwischen werden alle Veranstaltungen zwischen dem 11.11 und dem Aschermittwoch so bezeichnet – und besonders New Orleans ist für seinen ausgelassenen „Mardi Gras“ bekannt. Die Paraden, die um diese Zeit durch die Straßen ziehen, sind von unterschiedlichsten kulturellen und musikalischen Eindrücken geprägt und sind so vielfältig wie ihre Besucher. Traditionell werden statt Süßigkeiten Perlenketten und Münzen aus Plastik von den Wägen geworfen. Gegessen wird der „Königskuchen“ (King Cake), angereicht mit Kaffee, Zimt, Beeren und Sahne – häufig eingefärbt in den Farben des „Mardi Gras“: violett, grün und gold.

Ein Umzug vor Sonnenaufgang – der düstere Karneval in Basel

Während sich der Karneval in den meisten Teilen der Welt tagsüber mit lauter Musik und bunten Kostümen abspielt, bildet in Basel der sogenannte „Morgestraich“ den Auftakt der Karnevalszeit – und das nicht nur am Montag nach Aschermittwoch, sondern auch um vier Uhr morgens! Zu diesem Zeitpunkt wird in der ganzen Stadt die Straßenbeleuchtung abgestellt, das einzige Licht kommt noch von den Laternen der sogenannten „Fastnachtscliquen“. Diese Gruppen von maskierten Pfeifern und Trommlern ziehen dann durch die Straßen von Basel und sorgen für eine einzigartige Atmosphäre. Das Spektakel geht 72 Stunden, innnerhalb derer die meisten Kneipen und Wirtschaften durchgehend geöffnet haben. Dort wird gefeiert und traditionelle Fastnachtsspeisen, wie zum Beispiel Mehlsuppe oder „Käsewähe“ (Käsekuchen) gegessen.

…. Und noch ein Tipp zum Schluss:

Wie man sieht, gibt es die unterschiedlichsten Wege und Traditionen, wie man Karneval verbringen kann, doch eines ist fast überall gleich: Die Menschen kommen zusammen, um ausgelassen zu feiern und das Leben zu genießen. Solltet ihr Lust bekommen haben, auch innerhalb Deutschlands mal ein Fest der etwas anderen Art zu feiern, würde ich den „Karneval der Kulturen“ in Berlin empfehlen – auch hier treffen die unterschiedlichsten Musik- und Lebensstile zusammen, um eine einzigartig vielfältige Parade zusammen zu stellen.

Nichts zu verlieren

Am Ende der Hauptrunde der Handball-Europameisterschaft in Polen, kommt es für die deutsche Auswahl mit dem Duell gegen Dänemark zu einem echten Endspiel um den Einzug ins Halbfinale. Die Face2Face-Sportredaktion wirft deshalb einen genauen Blick auf die deutschen Handballer und wiegt dabei die Siegchancen gegen den wohl größten Brocken des Turniers ab. 

Die Ausgangslage: Mit einem Sieg über Dänemark qualifizieren sich die Deutschen sicher für die Runde der letzten Vier. Bei einem Unentschieden müsste im Anschluss Spanien gegen Russland verlieren, damit die DHB-Auswahl weiterkommt.

Die deutschen Stärken: Diese liegen ganz klar in der Abwehrarbeit. Die selbsternannten „Bad Boys“ Hendrik Pekeler (Rhein-Neckar Löwen) und Finn Lemke (SC Magdeburg)  bilden allein schon wegen ihrer beachtenswerten Körpergröße – Pekeler misst 2,03 Meter, Lemke ist sogar 2,10 Meter groß – ein fast unüberwindbares Bollwerk. Auch im Angriff zeigte sich die DHB-Auswahl im bisherigen Turnierverlauf äußerst variabel. Mit Christian Dissinger, Steffen Weinhold (beide THW Kiel) und Steffen Fäth (HSG Wetzlar) besitzen die deutschen Durchschlagskraft und Qualität im Rückraum. Aber auch Matthias Strobel, Jannik Kohlbacher (beide HBW Balingen-Weilstetten), und der von der Siebenmeterlinie genauso variantenreiche wie effektive Tobias Reichmann (KS Vive Kielce) setzten Akzente.

Die deutschen Schwächen: Die Chancenverwertung. Die Deutschen erspielen sich zwar immer wieder gute Möglichkeiten, die Effizienz ist allerdings noch ausbaufähig. Auch die fehlende Kadertiefe stellt ein großes Manko dar. Fielen vor dem Turnier mit Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki (beide Rhein-Neckar Löwen), Patrick Wiencek (THW Kiel) und Paul Drux (Füchse Berlin) gleich vier Leistungsträger aus, gesellen sich mit Kapitän Steffen Weinhold und Christian Dissinger seit dem vergangenen Spiel gegen Russland zwei weitere dazu.

Die Überraschungen: Mit Finn Lemke und Andreas Wolff (HSG Wetzlar) stechen zwei Spieler aus dem aktuellen EM-Kader heraus, die vor dem Turnier keiner so wirklich auf dem Zettel hatte. Lemke ist zum Abwehrchef aufgestiegen und hat den beim Deutschland-Cup so gut mit Pekeler harmonierenden Erik Schmidt (TSV Hannover-Burgdorf) aus dem Mittelblock verdrängt. Wolff zeigte seine ganze Klasse bereits in der Auftaktbegegnung gegen Spanien, als er für die etatmäßige Nummer eins, Carsten Lichtlein (VfL Gummersbach), eingewechselt wurde und ab dem dritten Gruppenspiel auch dessen Startplatz übernahm.

Die Chancen gegen Dänemark: Das Gute zuerst: Die deutsche Mannschaft hat, anders als die favorisierten Dänen, nichts zu verlieren und kann deswegen befreit aufspielen. Die Krux: Die Dänen zeigen bislang die beste Abwehrarbeit des Turniers (98 Gegentreffer, Deutschland 106 – Rang vier) und sind im Angriff sehr schnell auf den Beinen. Auch die ungemeine Kadertiefe sucht bei diesem Turnier ihresgleichen. Des Weiteren wiegen die kurzfristigen Ausfälle von Weinhold und Dissinger auf deutscher Seite besonders schwer. Die nachnominierten Kai Häfner (TSV Hannover-Burgdorf) und Julius Kühn (VfL Gummersbach) sind zwar frisch, es ist jedoch fraglich, ob sie ohne Rhythmus gleich ins Turnier finden werden. Das Positive: Die eventuelle Müdigkeit der Dänen, die Skandinavier mussten bereits gestern gegen Schweden antreten, könnte der DHB-Auswahl beim erreichen ihres Ziels in die Karten spielen.

Fazit: Nur wenn die Deutschen sehr gut in der Abwehr stehen und Carsten Lichtlein und Andreas Wolff das Torwartduell gegen Niklas Landin und Kevin Möller gewinnen, ist die Chance auf die Sensation Halbfinale möglich.

Vorschau: Nächste Woche klären wir auf, welche Vor- und Nachteile ein Saunagang mit sich bringen kann.

Politisches Desinteresse – eine kulturwissenschaftliche Betrachtung

KOMMENTAR: Im Jahr 2014 mag man dem Eindruck erliegen, dass die Politik erschreckend wenige Menschen interessiert. Dabei sollte das, was da auf der politischen Bühne Tag für Tag geschieht, doch eigentlich jeden ansprechen, denn hier wird schließlich die Art und Weise verhandelt, in der wir alle zusammenleben. Warum also scheint das Interesse am politischen Tagesgeschehen so gering? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage wird dieser Artikel freilich nicht liefern können, denn das Phänomen politischer Unlust erscheint als viel zu komplex, um es in einem so knappen Rahmen abzuhandeln – was selbstverständlich nicht daran hindern soll, einige Deutungsansätze anzubieten.

Zunächst einmal scheint eine tiefe Diskrepanz zu bestehen, zwischen dem was früher war und dem, was heute ist: Glaubt man etwa Schulbüchern, die im Geschichtsunterricht zum Einsatz kommen, könnte man tatsächlich auf den Gedanken kommen, dass zu allen Zeiten eine breite Beteiligung am politischen Geschehen geherrscht hat – zu allen Zeiten eben, die in der Vergangenheit liegen. Die Menschen aber, die während der Französischen Revolution zuhause geblieben sind, haben es wohl einfach nicht in die Geschichtsbücher geschafft.

Digitale Revolution und steigende Vernetzung der Menschheit stehen zweifelsohne in der Reihe der ganz großen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Die Informationsexpansion erlaubt es heute, ohne größere Umstände zu erfahren, was an den entlegensten Orten der Welt geschieht. Diese Informationen liefert natürlich vor allem die Presse – doch es sind eben vor allem die schlechten Nachrichten, die von sich reden machen: Aktuell etwa der Gaza-Konflikt, die Krise um Russland und die Ukraine, die Ebola-Epidemie in Westafrika… Besonders erfüllend scheint die Auseinandersetzung hier kaum zu sein, im Gegenteil: Nachrichten sind bestens dazu geeignet, jede noch so gute Laune zu verderben.

Auch das Fehlen einer zentralen Jugendbewegung mag hier ein Grund sein: Wo früher vielleicht eine Jugendkultur oder eine Gegenkultur stand, steht heute eine unüberschaubare Anzahl an Subkulturen. Diese Pluralisierung der Lebenswelten ist ein großer Segen, denn inzwischen findet wohl fast jeder irgendwo seine Nische, in der er sich wohlfühlt. Doch durch Ausdifferenzierung fehlt eben auch die Möglichkeit der Bildung eines zentralen Bewusstseins, einer Art Wir-Gefühl, eines Wertekonsens; Auseinandersetzung mit Politik wird somit zu einer unheimlich anstrengenden Tätigkeit.

Auch im demokratischen System selbst ist ein Problem angelegt: Wenn Millionen und Abermillionen von Menschen zum Wahltag ihre Stimme abgeben, macht es überhaupt keinen Unterschied, ob der Einzelne wählen geht oder nicht. Und am Ende, das wird jeder Stammtisch bestätigen, tun die Politiker ja doch, was sie wollen. Warum also überhaupt Mühe und Zeit mit der trockenen Lektüre von Parteiprogrammen und dem überflüssigen Gang ins Wahllokal verschwenden?

Vielleicht ist die Demokratie, wie wir sie kennen, inzwischen tatsächlich überkommen: Einfach deshalb, weil durch moderne Technologie eine viel direktere Demokratie möglich wäre als die, die aktuell bei uns gelebt wird – in der es ja nach wie vor nicht einmal regelmäßige Volksentscheide gibt.

Weltschmerz

KOMMENTAR: Mitten im deutschen Sommer, wenn Maut, Ferienstaus und Bahnunfälle die größten Ärgernisse der Gesellschaft sind, wütet andernorts Krieg, Verwüstung und Tod. Die Krisenherde umfassen beinahe den ganzen Globus – und kein Konflikt macht aktuell den Anschein, auf ein friedliches Ende hinzustreben.

Mit dem Scheitern des Assoziierungsabkommens begann bereits im November 2013 der Konflikt in der Ukraine, der mittlerweile zu einem Krieg um Land, Bodenschätze und Identität angeschwollen ist. Scheinbar als ein Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland geführt, verhärten sich die Fronten zusehends: Als die Boeing 777 der Malaysia-Airlines-Flug 17 – kurz MH017 – am Donnerstag, den 17. Juli mit 283 Passagieren und 15 Crew-Mitgliedern auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine abstürzt, spitzt sich die Lage erneut zu. Seitens der USA und Europa wurden nun in der zweiten Runde Sanktionen gegen den vermeintlichen Rebellenunterstützer im Kreml verabschiedet: Diesmal sollen der Finanz- und Wirtschaftssektor des Landes entschieden getroffen werden. In der Ukraine wird derweil eine Kriegsabgabe von anderthalb Prozent auf alle steuerpflichtigen Privateinkommen im Land erhoben, die bis zum 1. Januar 2015 gelten soll – das beschloss das Parlament in Kiew mit großer Mehrheit. Auch lehnte das Parlament am Donnerstag das Rücktrittsgesuch von Regierungschef Arseni Jazenjuk ab und sprach ihm das Vertrauen aus. Somit muss Jazenjuk jetzt doch im Amt bleiben.

Derweilen rafft auch der seit Anfang 2011 entbrannte Bürgerkrieg in Syrien mehr als 170.000 Menschen hin; Millionen Menschen sind noch immer auf der Flucht, wie der Spiegel berichtet. Allerdings hat sich der anfänglich auf eine Demokratisierung ausgerichtete Konflikt zu einem entropischen Endzeitszenario entwickelt: Ausländische Interessengruppen gewinnen mehr und mehr Einfluss. Auch hier ließe sich von einer Neuauflage des Kalten Kriegs sprechen. Der Spiegel berichtet von einem neuen Bündnis, bei dem in jüngsten Gefechten offenbar IS-Extremisten, die einen Gottesstaat anstreben, an der Seite anderer islamistischer Brigaden kämpfen. Die Gruppen galten bislang als verfeindet. Die Regierungstruppen wurden dagegen von Mitgliedern der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah unterstützt. Auch Iran unterstützt das Assad-Regime: immer mehr Milizen drängen von außerhalb in die Kampfgebiete, die gleichzeitig immer weiter anwachsen.

Auch Epidemien verselbstständigen sich rund um den Erdball: Der afrikanische Kontinent, insbesondere Westafrika, wird seit Mai diesen Jahres von einer – mittlerweile – außer Kontrolle geratenen Ebola-Epidemie heimgesucht. Das Ebolafieber, das sich mutmaßlich von Primaten oder Flughunden auf den Menschen überträgt, hat am Mittwoch, den 2. Juli 2014, bereits 759 Menschen in Guinea, Liberia und Sierra Leone infiziert, von denen 467 verstarben. Das bedeutet eine Sterberate von 61 Prozent; in Guinea sollen sogar 75 Prozent der Infizierten verstorben sein. Mittlerweile fürchten die USA – und mit ihr die ganze Welt – ein Übergreifen der Krankheit auf andere Kontinente. Die WHO versucht schon seit Monaten, den Virus zurückzudrängen – allerdings mit wenig Erfolg. Die Eingeborenen sind kaum über die Krankheit informiert und besonders bei Beisetzungen ist die Infektionsgefahr hoch, da auch Leichen weiterhin als Wirte fungieren. 100 Millionen Dollar sind nochmals für den Einsatz der WHO in den verseuchten Ländern vorgesehen.

Im Südsudan, der vor nunmehr drei Jahren als jüngster Staat der Welt gefeiert wurde, verbreitet die Cholera Angst und Schrecken. Der Staat ist gebeutelt von Bürgerkriegen, die sich auf einen Machtkampf zwischen den hiesigen Volksgruppen, Nuer und Dinka, zurückführen lassen.

Gleichzeitig kursiert im südasiatischen Raum die Malaria, die möglicherweise aufgrund der kurzen Behandlungszeit von drei Tagen, eine Resistenz gegenüber den bisher wirksamen Arzneimitteln ausbildet. Die Grenzregionen im Norden und Westen von Kambodscha, im Osten von Myanmar, in Thailand und Vietnam sind besonders betroffen. Die mit dem Stich weiblicher Stechmücken der Gattung Anopheles übertragenen Erreger sind bisher kaum aufzuhalten. Die humanitäre Lage ist allerorts katastrophal, ebenso wie im umkämpften Gaza:

Der fünfte Kriegsausbruch in fünfeinhalb Jahren zwischen Israel und der islamistischen Hamas, bei der massenweise Zivilisten umkamen, dauert nun bereits mehrere Wochen an: am Donnerstag, den 17. Juli begann Israel die Bodenoffensive. Als Auslöser wird die Verschleppung und Tötung minderjähriger Religionsschüler angeführt. Jedweder Versuch einer Feuerpause wird – unter gegenseitiger Schuldzuweisung – innerhalb weniger Stunden gebrochen. Erklärtes Ziel Israels, die ihre Hauptstadt unter dem „Iron Dome“ – einem Raketenabwehrsystem, das, vom US-Kongress mit 225 Millionen Dollar bezuschusst werden soll, vor Angriffen aus dem Nachbarland schützt, sei es, die Tunnelsysteme der Hamas sowie ihre Waffenlager zu zerstören. Dagegen verschanzen sich die Hamas – und das wird in der Kriegsberichterstattung besonders hervorgehoben – in bewohnten Häusern oder in Krankenstationen; verkleiden sich als Helfer und verwenden demnach die Ortsansässigen als menschliche Schutzschilde.

Mediengleichschaltung, Zensur und Montagsdemonstrationen

KOMMENTAR:

Habt ihr einen Fernseher zuhause? Schaut ihr oft fernsehen? Schaltet das Ding ab! Wir brauchen es nicht mehr. Über das Internet bekommen wir Informationen, die sonst nicht zugänglich sind. Informationen, die von den Massenmedien totgeschwiegen werden. Je mehr man sich informiert, desto erschreckender wird es. Denn auch die bekannten Online- Medien gehören zum selben Netzwerk, dem nicht mehr zu trauen ist.

Das neuste Beispiel, das wir sehen können, ist die Berichterstattung zur „Krise“ in der Ukraine. Egal ob es die ProSieben Media AG, Der Spiegel Verlag oder die von uns gezahlten GEZ Medien ARD und ZDF sind, die momentan wegen einiger Fälle stark in der Kritik stehen, so stellen alle Russland und allen voran Putin als Feindbild hin, während die USA die Guten sind. Doch ist alles einseitig berichtet? Ein einzelner West-kritischer Bericht auf dem NDR um 23:20 Uhr gegen Hunderte Russland-feindliche. Nur ab und an werden die „Verdachte“ über eine beginnende Destabilisierung der Ukraine geäußert, jedoch nicht gegen Amerika.

Wer bei den großen Medien heutzutage Journalist werden will, muss unterschreiben, über bestimmte Themen nicht zu berichten. Die Leitsätze des Axel-Springer Verlages (hauptsächlich Die Bild und Die Welt) besagen sogar „Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika“. Doch wer nimmt sich die Zeit, sich die Gegenseite anzuhören? In der Ukraine selbst werden sogar russische Fernsehsender zensiert.

Der Westen, sprich USA, EU und NATO, bildet ein Bündnis und werfen der russischen Gegenseite Völkerrechtsverletzung vor. Doch wie können Völkerrechtsverletzer anderen Völkerrechtsverletzung vorwerfen (frei nach Gregor Gysi)?

Eine eindeutige Botschaft: Montagsdemonstrationen (Foto: Föhr)

Eine eindeutige Botschaft: Montagsdemonstrationen (Foto: Föhr)

1989 zerfällt die UDSSR und Deutschland wird wiedervereinigt. Die Montagsdemonstrationen der Bevölkerung tragen wesentlich dazu bei. Im Gegenzug für die Wiedervereinigung verspricht der Westen, dass die NATO sich nicht weiter nach Osten ausweiten wird. Keine zwei Jahrzehnte später wird dieses Versprechen gebrochen. Die Ukraine ist nur ein weiterer Schritt der NATO Ausweitung, direkt an Russlands Grenzen. Es droht sich zu einer kriegerischen Auseinandersetzung aufzuschwingen.

Die Montagsdemonstrationen flammen nun wieder auf. Diese sind jedoch nicht gegen die USA oder für Russland, noch sind sie von einer Partei organisiert oder sonst politisch engagiert. Es sind Mahnwachen FÜR den Frieden. Achtung! Freidenkeralarm! In Berlin haben sich innerhalb von 3 Wochen die Zahlen der Demonstranten von 1500 auf 3000 erhöht. Auch in 22 anderen Städten in Deutschland gibt es bereits diese Montagsdemonstrationen. Die Medien schweigen sich über das Thema aus.

Erst in den letzten Tagen zeigen sich aufgrund der immer lauter werdenden Proteste die ersten Reaktionen der Medien. Und wie immer, wenn eine Bewegung im Keim erstickt werden soll, wird die Nazikeule geschwungen. Jetzt liegt es an euch: Glaubt ihr also einfach alles, was die Medien euch berichten? Oder informiert ihr euch selbst? Habt ihr den Mut selbst bei einer dieser Mahnwachen vorbeizuschauen? Ob ihr da wirklich nur rechtsradikale sehen werdet oder Gleichgesinnte, die nur Frieden wollen, das müsst ihr selbst herausfinden. Und vielleicht werdet ihr ja den Demonstrationen beiwohnen oder eine eigene in eurer Stadt machen. Denn: „wer nicht mehr versucht zu kämpfen kann nur verlieren.“ (aus: Die Ärzte- Deine Schuld)

Bösewicht Russland?

KOMMENTAR: Die Krim-Krise ist derzeit das wohl bestimmende Thema der internationalen Politik und schnell herrscht Einigkeit: Russland ist der Bösewicht. Russland ist eine autoritär regierte Großmacht, die Menschen- und Völkerrecht mit Füßen tritt und auch vor provokativen militärischen Drohgebärden nicht zurückschreckt.

"Priwjet", "Hallo": Dialog auf Augenhöhe kann helfen, Ängste und Vorbehalte zu überwinden. (©Dieter Schütz/Pixelio.de)

„Priwjet“, „Hallo“: Dialog auf Augenhöhe kann helfen, Ängste und Vorbehalte zu überwinden. (© Dieter Schütz/Pixelio.de)

Natürlich ist diese Meinung nicht an den Haaren herbeigezogen, sie ist durchaus gerechtfertigt. Aber die gesamte Nation Russland pauschal als Verbrecher abzustempeln, das kann trotz allem nicht angehen.

Immerhin hat der Westen selbst genug Dreck am Stecken. Wer erinnert sich noch an die NSA-Affäre? War es nicht so, dass sich der amerikanische und der britische Staat hier ebenso wenig für die Rechte ihrer Bevölkerung und die anderer Staaten interessiert hat? Oder nehmen wir Guantánamo und den Anti-Terror-Kampf der westlichen Welt: Zählen hier Menschenrechte? Und was die Wahrnehmung als imperialistische, expansionistische Großmacht angeht – sind andere Nationen in diesem Punkt etwa besser, sticht Russland hier etwa als Ausnahme hervor? Nun ja, Moskau hat in der Angelegenheit um die Krim einen durchaus aggressiven und militanten Kurs eingeschlagen. Doch auch die US-Amerikaner und wir Europäer agieren als imperialistische Großmacht, wenn auch meist subtiler und perfider. Die Vereinigten Staaten und die europäischen Nationen greifen bevorzugt zur ökonomischen Keule und manipulieren andere Staaten mit wirtschaftlichen Zwängen so, dass sie nach ihrem Willen handeln. Und wenn der Westen unter der Führung der USA am Ende doch militärisch eingreift, dann ja nur im Namen der Menschenrechte als selbsternannte Weltpolizei.

Selbst wenn wir es so stehen lassen wollen, dass Russland eine aggressive und oft störrische Außenpolitik betreibt, dürfen wir dann das ganze russische Volk dämonisieren? Sind alle Russen gleich böse? Wer jemals die Gelegenheit hatte, Russen oder Bewohner anderer Nationen der ehemaligen UdSSR kennenzulernen, der wird schnell festgestellt haben: Die sind ja nett! Ja oftmals sogar netter, offener und herzlicher, als so mancher Vertreter aus dem „Westen“. Zu Beginn mögen Russen eher verschlossen und distanziert wirken. Aber wer sich die Mühe macht, einen tiefer gehenden Kontakt aufzubauen, der wird schnell merken, dass hinter der Fassade aus „Stahlbeton“ meist ein herzensguter Mensch versteckt ist.

Natürlich müssen wir bei solchen Annäherungen darauf achten, unsere westliche Arroganz im Zaum zu halten. Wer Russen begegnet, der sollte selbst offen genug sein, um zu wissen, dass es eben nicht überall exakt so wie im „Westen“ sein muss oder sein kann. Vielleicht ist es ja das überhebliche Auftreten des Westens, das unsere Nachbarn im Osten mit Kälte und Härte reagieren lässt. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass wir, der Westen, eben nicht das Mandat einer Weltpolizei innehaben, genauso wenig wie das Patent auf die einzig legitime Weltordnung und Weltanschauung. Wahrer Dialog kann nur mit Erfolg geführt werden, wenn er mit gegenseitigem Respekt, wenn er auf Augenhöhe stattfindet.

Wir müssen schlicht unsere Angst vor dem „Ungeheuer Russland“ überwinden. Diese Angst wurzelt wohl darin, dass Russland so fern und so unbekannt scheint. Auch mag ich nicht leugnen, dass so manche Erfahrung aus der Vergangenheit – sprich Weltkriege und später Kalter Krieg – zu dieser reflexartigen Furcht beigetragen haben mag. Trotzdem sollten wir uns daran machen, diese Angst abzuschütteln, indem wir offen und ohne erhobenen Zeigefinger auf Russland zugehen, sowohl im Großen auf der politischen Bühne, als auch im Kleinen auf privater Ebene.

Machtspiele am Schwarzen Meer

Nach den Protesten der letzten Wochen in der Ukraine (wir berichteten) und dem gewaltsamen Umsturz der Regierung in Kiew ist es in den vergangenen Tagen zu prorussischen Kundgebungen auf der autonomen Halbinsel Krim gekommen. Hierbei kam es zu Zusammenstößen zwischen der Mehrheit der ethnischen Russen und Oppositionellen – vor allem Angehörigen der Minderheit der auf der Halbinsel lebenden Tataren. Mit dem Eingreifen einer nicht näher identifizierten, paramilitärischen Gruppierung verschärfte sich die Auseinandersetzung zuletzt. Nach verstärkten Truppenbewegungen Russlands in der Region versetzte nun das ukrainische Militär seine Einheiten in Alarmbereitschaft. Dem Konflikt droht die geopolitische Eskalation.

Wehte am vergangenen Donnerstag über dem Parlament der Krim: Die russische Nationalflagge ( © Andrea Damm / pixelio.de )

Wehte am vergangenen Donnerstag über dem Parlament der Krim: Die russische Nationalflagge ( © Andrea Damm / pixelio.de )

In der Nacht auf Donnerstag hatten etwa 30 bewaffnete Männer das Parlament der Regionalregierung der Krim gestürmt und besetzt, sagte ein Mitarbeiter gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Die Männer selbst bezeichneten sich als Verteidiger der russischsprachigen Bevölkerung der Krim. Kernforderung der Gruppe ist die Organisation eines Referendums über die Zukunft der Halbinsel. Dieses sollte eigentlich am 25. Mai – parallel zur geplanten Wahl des neuen Präsidenten der Ukraine – stattfinden, wurde aber nun auf den 30. März vorgezogen. Es soll darüber abgestimmt werden, ob es zu einer Abspaltung der Krim von der Ukraine kommt. Viele auf der Krim lebende Russen fürchten um ihre kulturelle Selbstbestimmung unter einer nationalistischen Regierung in Kiew. Die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer ist eine autonome Teilrepublik innerhalb der Ukraine. Sie gehörte seit 1783 zu Russland, bevor sie im Jahr 1954 Teil der Ukraine wurde. Die Bevölkerung besteht daher heute zum größten Teil aus ethnischen Russen.

Sewastopol: Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte ( © Helga Ewert  / pixelio.de )

Sewastopol: Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte ( © Helga Ewert / pixelio.de )

Russland hat unterdessen in der Region eine Militärübung abgehalten, was von der Ukraine als direkte Drohung aufgefasst wird. Nach Berichten über die Landung mehrerer hundert zusätzlicher Soldaten auf einem russischen Luftwaffenstützpunkt nahe der Stadt Simferopol versetzte das ukrainische Militär seine Einheiten im Gegenzug in erhöhte Alarmbereitschaft. „Wir fordern die Regierung der Russischen Föderation und die Machthaber auf, ihre Streitkräfte zurückzuziehen und in den vorgesehenen Stützpunkten unterzubringen“, sagte der neue ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk am Samstag in Kiew. Die Nachrichtenagentur Reuters spricht mittlerweile von bis zu 6.000 zusätzlichen russischen Soldaten auf der Krim. Der Sondergesandte der ukrainischen Regierung, Sergej Kunizyn, sprach bereits am Freitagabend von einer „bewaffneten Invasion“.

Der neugewählte Regierungschef der Krim, Sergej Aksjonov, bat Russland in der Zwischenzeit um ein aktives Eingreifen in den Konflikt. „Aus Verantwortung für das Leben und die Sicherheit der Bürger bitte ich den russischen Präsidenten Wladimir Putin um Hilfe bei der Sicherung von Frieden und Ruhe auf dem Gebiet der Krim“, teilte er in einer Botschaft mit. Die Vereinigten Staaten riefen Putin unterdessen zur Zurückhaltung auf. „Jegliche militärische Intervention in der Ukraine wird ihren Preis haben“, sagte US-Präsident Barack Obama. Welche möglichen Folgen für Russland hiermit gemeint waren, blieb zunächst offen. Obamas Möglichkeiten auf das russische Vorgehen zu reagieren, scheinen im Moment sehr begrenzt zu sein.

Konfliktreiche Geschichte: Das monumentale Matrosendenkmal in Sewastopol erinnert an die Verteidigung der Stadt im Zweiten Weltkrieg ( © Bildpixel / pixelio.de )

Konfliktreiche Geschichte: Das monumentale Matrosendenkmal in Sewastopol erinnert an die Verteidigung der Stadt im Zweiten Weltkrieg ( © Bildpixel / pixelio.de )

In Russland gab der gestürzte ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch am Freitag eine erste Pressekonferenz nach seiner Flucht. „Niemand hat mich gestürzt. Ich wurde einfach nur gezwungen das Land zu verlassen“, teilte er den versammelten Journalisten mit. Janukowitsch erklärte, er wolle weiterhin um die Ukraine kämpfen. Von Russland erwarte er nun, „alle Möglichkeiten zu nutzen, um Chaos und Terror zu unterbinden, die es heute gibt in der Ukraine.“ Von einer militärischen Intervention distanzierte er sich.

Faktisch scheint die Besetzung der Krim durch russische Truppen jedoch bereits in vollem Gang zu sein. Ukrainische Medien berichten von einem Aufmarsch gepanzerter Verbände an der Küste des Schwarzen Meeres. Es bestehen auch kaum noch Zweifel daran, dass es sich bei den ungekennzeichneten Truppen, die Parlament und Flughäfen besetzt halten, um russische Spezialeinheiten handelt. Am Sonntag umstellten diese eine ukrainische Militärbasis auf der Krim. Es wurde zudem bekannt, dass größere Teile der ukrainischen Marine – darunter auch der befehlshabende Admiral – der prorussischen Regierung der autonomen Halbinsel die Gefolgschaft gelobt haben. Die Abspaltung der Krim von der Ukraine scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Proteste in der Ukraine – Tausende Menschen fordern Janukowitschs Rücktritt

In der Ukraine protestieren weiterhin hunderttausende Menschen in Kiew gegen Staatschef Viktor Janukowitsch. Dieser hatte den Unmut der Bevölkerung auf sich gezogen, als er ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union hatte scheitern lassen. Dies gilt zugleich als Zeichen der Annäherung an Russland.

Hier versammeln sich in den letzten Tagen Hunderttausende Menschen, um gemeinsam zu demonstrieren: Platz der Unabhängigkeit in Kiew (Foto: Helga Ewert/ pixelio.de)

Hier versammeln sich in den letzten Tagen Hunderttausende Menschen, um gemeinsam zu demonstrieren: Platz der Unabhängigkeit in Kiew (Foto: Helga Ewert/ pixelio.de)

Im Zentrum der Verhandlungen über das Abkommen stand auch der schlechte gesundheitliche Zustand der inhaftierten Oppositionellenführerin Julija Tymoschenko. Die ehemalige Ministerpräsidentin setzt sich stark für einen europafreundlichen Kurs der Ukraine ein. Die Europäische Union hatte nun eine Ausreise Tymoschenkos zur medizinischen Behandlung als Bedingung für die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens gemacht. Sie selbst hatte vor einigen Tagen die EU dazu aufgefordert, das Abkommen auch ohne ihre Ausreise zu unterzeichnen. Das lehnte diese jedoch ab.

Zudem hatte der russische Präsident Wladimir Putin mit wirtschaftlichen Konsequenzen für die Ukraine gedroht, sollte sie sich der EU nähern. Da Russland der wichtigste Handelspartner der Ukraine ist, könnte dies enorme wirtschaftliche Folgen mit sich bringen. Moskau versucht schon lange, die Ukraine in eine postsowjetische Eurasische Union mit Weißrussland und Kasachstan zu zwingen und somit von der EU fernzuhalten.

Mittlerweile hat Janukowitsch laut russischen Medienberichten den Demonstranten versprochen, die Annäherung an die Europäische Union weiter voran zu treiben. Näheres dazu gibt es aber noch nicht. Zuvor hatte sich Janukowitsch von der Polizeigewalt der letzten Tage distanziert. Bei den friedlichen Demonstrationen der letzten Tage waren etliche Menschen aufgrund der harten Polizeigewalt verletzt worden.