Warum ich Musicals so mag und was Disney damit zu tun hat

Im Januar waren mein Mann und ich gleich zweimal in Musicalvorstellungen. Aus unserer normalen Ausgeh-Statistik macht das ein Plus von etwa 200%. Darum wahrscheinlich kam nicht nur ich auf die Idee, dass wir mal wieder öfter raus müssen, auch mein Schwiegervater sorgte für Tickets. Glücklicherweise nicht zum gleichen Termin oder zur gleichen Inszenierung. Während ich mich für Die Schöne und das Biest entschieden habe, dessen Geschichte dieses Jahr noch mit einer Realverfilmung mit Emma Watson zu sehen sein wird, gab es vom Herrn Schwiegerpapa ein buntes Sammelsurium mit Die Nacht der Musicals.

Handlung und Musik
Mit dem Liebsten ins Musical: erholsame Paarzeit (Foto: Pexels / pixabay.de)

Mit dem Liebsten ins Musical: erholsame Paarzeit (Foto: Pexels / pixabay.de)

Ich muss aber gestehen, dass die Vielfalt bei Die Nacht der Musicals zwar toll ist und die Sängerinnen und Sänger beeindruckend waren, gefehlt hat mir aber das, was ein Musical eigentlich ausmacht. Die Handlung. Denn da liegt doch der Reiz. Dass Musik und Handlung miteinander verwoben werden. Nicht umsonst eignen sich Disney-Filme grandios als Vorlage. Daher kennen wir doch alle den Moment, wenn die Figuren plötzlich anfangen zu singen. Wer genug dieser Filme kennt, weiß vorher, wann es soweit ist. Oh Cinderella putzt den Boden, Gaston muss aufgeheitert werden, Rapunzel und Flint sehen fliegende Lichter, Elsa wandert den Berg hoch: Lalalalala.

Die Musik im Hintergrund
Musicals: Vereinen Musik und Handlung - wie ein Disney-Film (Foto: skeeze / pixabay.de)

Musicals: Vereinen Musik und Handlung – wie ein Disney-Film (Foto: skeeze / pixabay.de)

Dabei gibt es noch eine ganz andere Geschichte, die mir jedes Mal einfällt, sobald im Film oder auf der Bühne Musik sich nahtlos ins Geschehen einzupflanzen versucht. Als Michael Endes Momo bei Meister Hora die Zeitblumen sieht, hört sie die Musik des Herzens, der leise Klang, der sie in der in stillen Moment schon immer berührt hat. Vielleicht ist es sehr vermessen von dieser Szene auf den Ausdruck „Soundtrack des Lebens“ zu leiten, aber eigentlich passt es sehr gut. Denn manchmal, manchmal gibt es diese Lieder, die einfach genau passen, den Moment, das Gefühl, den Augenblick einfangen und ausdrücken können.

Zwischen Prägung …
Musik gehört zum Leben! Von Kindesbeinen an fühlen wir Rhythmus (Foto: maura24/pixabay.de)

Musik gehört zum Leben! Von Kindesbeinen an fühlen wir Rhythmus (Foto: maura24/pixabay.de)

Ich kann schon bei meinen Kindern sehen, wie prägend die Erfahrung von Geschichten wie Momo und Filmen wie denen von Disney sein kann. Meine Tochter stellt sich breitbeinig in ihr Kinderzimmer und schmettert „Ich lass los“, als wollte sie sofort auf die große Bühne und der Kleinste bleibt bei keiner Melodie ruhig sitzen. Er wippt sogar in der Kirche, während seine Schwester heute Morgen auf dem Weg zum Kindergarten im Anhänger vom Fahrrad durchweg geträllert hat. Und das ist doch auch kein Wunder. Unsere Welt ist eine sehr musikalische, wenn auch nicht immer eine harmonische. Gerade Kinder werden nicht nur mit Einschlafliedern und behütendem Summen zur Ruhe gebracht, sie kennen auch Werbejingles, die Intros von Hörspielen, die Musik, die wir Erwachsenen hören. Meinem Bruder musste ich früher immer das Eingangslied von „Bibi und Tina“ vorsingen. Kurz: Musik gehört zu unserem Leben.

…und Rhythmus
Erlebniss schenken: immer wieder eine gute Idee (Foto: LKP_LKD / pixabay.de)

Erlebniss schenken: immer wieder eine gute Idee (Foto: LKP_LKD / pixabay.de)

Vielleicht ist ja der Rhythmus, der uns gar an die unterschiedlichen Ausprägungen des Herzklopfens erinnert. Immerhin können auch Taube Menschen Musik durch den Rhythmus von Schlagzeug oder Bass wahrnehmen. Musik bringt Luft (und manchmal auch den Boden unter unseren Füßen) zum Schwingen und damit auch uns. Bei einem Musical nun soll die Music die unterschiedlichen Stadien von Spannung, Sehnsucht und Gefahr wieder geben. Und wir Zuschauer (und Zuhörer) spüren das geradezu – schon allein über die Vibration. Die ist freilich bei einem Musical mit Orchester wesentlich intensiver als bei einfachen Fernseh-Lautsprechern. Dadurch erlebe ich beim Musicalbesuch die Handlung noch intensiver und darum ist mir gerade dann die Handlung auch so wichtig. Und deren ganz eigener Rhythmus.

Die Qual der freien Zeit

Urlaub: Und plötzlich haben wir Zeit (© Uwe Schlick / pixelio.de)

Urlaub: Und plötzlich haben wir Zeit (© Uwe Schlick / pixelio.de)

Die Sommerferien überschwemmen das Land mal wieder mit Kindern und Jugendlichen, die von einer Sache mehr als genug haben: Freizeit. Im Schlepptau haben sie Studenten, die Semesterferien haben, Eltern, die sich frei nehmen, um die Kinder betreuen zu können, Menschen aller Altersklassen, die von paradiesischen Stränden und Cocktails mit Schirmchen oder schweißtreibenden Wanderstrecken träumen. Jedem, das seine. Übermütig will jeder seinen ihm zugestanden Urlaub auf einmal verprassen, die Faulheit ruft, die Erholung klopft an und die große Unbekannte Zeit verspricht viel.

Mein Urlaub dieses Jahr fällt eher bescheiden aus. Zwar fahre ich mit Mann und Kindern zwei Wochen weg, aber zur Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes. Für mich heißt das zwar auch Erleben und Erfahren, aber vor allem auch, täglich Seminar, ein Referat, das vorbereitet sein will und jede Menge Sekundärliteratur. Nicht wirklich das, was ich mir unter Urlaub vorstelle, wenn ich an Ausschlafen, schnödes Nichtstun und Spontanität denke. Noch dazu nehme ich mir Arbeit von zu Hause mit, wie das oft so ist. Und danach geht es gleich wieder an die Arbeit, denn immerhin werde ich ab Ende Oktober im Mutterschutz noch mehr als genug Zeit haben, mich zu langweilen.

Über kurz oder lang: freie Zeit heißt oft keinen Rhythmus (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Über kurz oder lang: freie Zeit heißt oft keinen Rhythmus (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Denn alles eines haben alle Urlaube und Ferien gemeinsam: Sind sie nicht so kurz, dass sie nicht zur Erholung gereichen können, werden sie schnell zu lang. Nach sechs Wochen Sommerferien waren wir jedes Jahr wieder froh, als die Schule wieder Rhythmus in unser Leben gebracht hat. Drei Monate Semesterferien fallen da nicht weniger ins Gewicht. Was sollen wir nur tun, wenn der ersten süßen Müßigkeit die schwere der Faulheit folgt? Die alten Unterlagen sind sortiert, der Bücherstapel verkleinert, die Verwandten besucht, die Freunde getroffen. Und schnell schlafft der Erfahrungsdrang ab. Das Schlafzimmer könnte gestrichen werden – könnte. Und das Auto verdient es mal wieder geputzt zu werden – eigentlich. Das neue Spiel / Puzzel oder der hochinteressante Film macht doch nur zusammen Spaß, und der andere, so viel ist sicher, hat immer gerade zu tun oder eben keine Zeit, zumindest nicht dafür.

Kein Wunder, wo Schüler und Studenten, sofern sie keine Ferienpraktika nutzen, um fleißig zu erscheinen, an der Freizeit schnell versagen, sind einem brav arbeitenden Bürger die Freizeitmöglichkeiten schon begrenzter. Da müssen die Urlaubstage mit denen der Kollegen in Einklang gebracht werden, die vielleicht triftige Gründe haben, ausgerechnet dann frei zu nehmen, wenn ich frei haben will. Urlaub muss geplant werden, das super Angebot ist natürlich gerade ausgebucht, im letzten Moment kündigt sich dann noch eine Erkältung an, ein Umzug oder sonst eine Haken an der Sache. Der sogenannte Urlaubsstress beginnt lange vor dem Urlaub, und er potenziert sich auch bei den fleißigen Bienen in der Lethargie der Urlaubstage.

Tick Tack: Die Zeit wird lang, selbst wenn die kurz ist (© Wolfgang Dircherl / pixelio.de)

Tick Tack: Die Zeit wird lang, selbst wenn die kurz ist (© Wolfgang Dircherl / pixelio.de)

Selbst, wer nur eine Woche oder zwei Urlaub hat, findet ein oder zwei Tage, an denen er sich in Faulheilt suhlen kann, mit Ausreden oder ohne. Der Tagesrhythmus gerät durcheinander, wir stehen Abends auf und feiern in der Nacht bis wir am Morgen ins Bett fallen, oder kommen nur ein paar Stunden aus dem Takt. Plötzlich sind wir Herr unserer Zeit und sind, zugegeben, leicht überfordert mit der Aufgabe. Dafür haben wir ja noch Zeit, denken wir, und dann verstreichen die kostbaren Tage mit diesem oder jenem, nur was wir eigentlich geplant hatten, das entwischt uns. Am Ende des Urlaubs müssen wir jedes Jahr wieder zugeben: Wir hatten Zeit. Nur genutzt haben wir sie nicht, jedenfalls nicht so, wie geplant.

Und ja, ich weiß um die Ausnahmen. Die ihre Ferien akribisch planen, die ihren Urlaub mit der Stoppuhr begleiten, um ihren Zeitplan durch zu bringen. All jene, die Häkchen setzen für Erlebtes und der Faulheit Einhalt gebieten wollen. Und ich glaube fest, dass auch diesen Menschen etwas durchrutscht, dass sie am Ende Lücken in ihrer Liste finden müssen. Selbst, wenn nicht, fehlt ihnen eines zumindest, was alle anderen vorweißen können. Das Gefühl der zufriedenen Faulheit, die Urlaubstage hat verstreichen lassen, ohne, dass wir es merkten. Sie hat unser Leben durcheinander geschmissen, hat uns durchgeschüttelt, entspannt, aufgeregt und den ersten Arbeitstag als nicht ganz so schlimmes Übel erscheinen lassen, wie wir anfangs des Urlaubs noch gedacht hatten. Es ist die Erinnerung an Ferientage, die nicht enden wollen und Semesterferien, die unsere Tage in Nächte verwandelt haben. Lang kann sie uns werden, die freie Zeit. Zum Glück.

Vorschau: Nächste Woche ärgert sich Sascha über die Telekom und den IP-Zwang in der Telefonie-Welt.