Die Magie der Realität – Bettina Belitz über ihren Roman ‚Vor uns die Nacht‘

Der neue Roman von Bettina Belitz: Liebe mal anders mit einer einzigartigen Sprachmelodie und vielen Einflüssen (mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Der neue Roman von Bettina Belitz: Liebe mal anders mit einer einzigartigen Sprachmelodie und vielen Einflüssen (mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

In ihrem neuen Roman Vor uns die Nacht betritt die Autorin Bettina Belitz, die für ihre Fantasyreihen Splitterherz und Luzie und Leander bekannt ist, neues, wenn auch nicht ganz unbekanntes Terrain. Die Liebesgeschichte spielt in der realen Welt und überzeugt dabei mit realistischen Details. Face2Face sprach mit der Autorin über ihren Roman und die Zukunft.

face2face: Bettina, du hast mit Vor uns die Nacht diesmal einen Roman geschrieben, der nicht in einer Fantasie-Welt spielt. Warum hast du die Entscheidung getroffen, die reale Welt als Hintergrund zu wählen?
Bettina Belitz: Mit ist aufgefallen, dass viele Leser gerne in die Fantasy-Welten meiner Bücher geflüchtet sind und am liebsten gar nicht mehr heraus wollten. Das hat mir zu denken gegeben, weil ich finde, dass auch in der Realität viel Magisches existiert. Ich wollte mit dem Roman auch zeigen, wie wundervoll es ist, Mensch zu sein.

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face2face: Im Roman wird die Sprache des Herzens für den Werdegang der Heldin Ronia entscheidend. Ist die Herzsprache auch ein besonders Anliegen deinerseits?
Bettina Belitz: Mein Kopf denkt unheimlich gerne, aber ich habe mich in den letzten Jahren durch das Schreiben wieder zur Herzsprache entwickelt. Das ist träumerischer und poetischer. Da schwingt mein Herz mit und ich hoffe, auch das Herz der Leser zu erreichen. Im Schreiben versuche ich ja auch, Dinge zu beschreiben, die sich den Worten entziehen. Das spielt besonders in Vor uns die Nacht eine Rolle. Auch Ronia muss erst lernen, die Herzsprache, die jedes Kind noch beherrscht, wieder zu entdecken.

Ein Herz, das schwingt: Autorin Bettina Belitz schreibt mit einer Herzsprache, die den Leser erreicht (Foto:  Fabian Stürtz)

Ein Herz, das schwingt: Autorin Bettina Belitz schreibt mit einer Herzsprache, die den Leser erreicht (Foto: Fabian Stürtz)

face2face: Da könnte der Leser ja schon eine Gemeinsamkeit zwischen dir und deiner Figur erkennen. Gibt es denn tatsächliche Parallelen zwischen deinem Leben und der Romanhandlung?
Bettina Belitz: Eigentlich nicht. Manchmal kommt natürlich ein kleines Anekdötchen mit hinein, aber zu eigenem erlebten fehlt dann doch die Distanz, die für einen Autor meiner Meinung nach gut ist. Trotzdem ist ein Buch immer wie ein Baby, es ist immer ein Stück von mir selbst. Im regionalen Bezug sieht man da mehr Gemeinsamkeiten. Wie Ronia habe ich eine Zeit lang in Heidelberg studiert und Vorlage für die namenlose Heimatstadt im Roman war Speyer. Der Fluss, an dem Ronia laufen geht, war in meiner Vorstellung immer der Rhein.

face2face: Dein Roman zeigt ja neben der besonderen Sprache auch viele Motive. Woher kommen denn die vielen religiösen Verweise?
Bettina Belitz: Die haben sich auch zu meiner Überraschung eingeschlichen. Während einer nötigen Pause wegen Erschöpfung habe ich viel Meditatives gemacht und das ist fester Bestandteil meines Lebens geworden. Ich setze mich auch mit den damit verbundenen Themen auseinander. Das hat mich wohl unbewusst beeinflusst und für eine gewisse Spiritualität zwischen Ronia und Jan, dem Mann, in den sie sich verliebt, gesorgt. Aber ich finde, das passt gut zum Roman und den Figuren.

face2face: Ziemlich entgegen gesetzt sind ja die durchaus erotischen Momente, wenn Ronia und Jan aufeinandertreffen. Hattest du keine Angst, „Vor uns die Nacht“ könnte als Erotikroman abgestempelt werden?
Bettina Belitz: Eher weniger davor, dass die Leser das tun, als davor, dass die Presse und Kritiker darauf aufspringen. Das ist aber nicht passiert. Wobei es schon ein komisches Gefühl ist, wenn die eigene Mutter dann dieses Buch liest. Aber die tiefere Bedeutung in diesen Szenen scheint klar geworden zu sein.

Regionaler Bezug und weltoffene Geschichte: Bettina Belitz vereint in ihrem neuen Roman viele Elemente zu einer berauschenden Liebesgeschichte (Foto: Fabian Stürtz)

Regionaler Bezug und weltoffene Geschichte: Bettina Belitz vereint in ihrem neuen Roman viele Elemente zu einer berauschenden Liebesgeschichte (Foto: Fabian Stürtz)

face2face: Daneben gibt es auch großen psychologischen Einfluss auf die Geschichte. Auch Ronias und Jans anfängliches Unvermögen, miteinander zu reden, fällt da rein. Ist das denn Absicht?
Bettina Belitz: Der psychologische Einfluss kommt bei mir immer automatisch. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch sein Päckchen trägt und das es in jeder Familie ein Geheimnis gibt, das ans Licht kommen muss. Im Roman ist Jan da ganz wichtig, weil er Licht auf den Staub wirft und einen Reifeprozess für Ronia anstößt. Das Problem der mangelnden Kommunikation betrifft ja auch nicht nur Jan und Ronia, sondern alle Beziehungen in Ronias Leben, zu ihren Eltern, ihren Freunden, ihrem Professor. Meine Lieblingsszene ist darum auch die, wenn Jan in Ronias Badewanne liegt und die zwei endlich miteinander reden. Da zeigt Jan etwas Bodenständiges, aber auch etwas Weiches. Wenn zwei Menschen etwas aneinander liegt, ist es wichtig auf sprachlicher Ebene zusammen zu finden. Insofern ist das Buch durchaus ein Plädoyer für Gespräche und Kommunikation.

face2face: Zum Schluss noch: Gibt es denn schon einen Ausblick auf deinen nächsten Roman?
Bettina Belitz: Der ist bereits geschrieben und wird im Frühjahr 2015 erscheinen. Viel darf ich noch nicht verraten, aber es wird wieder ein Liebesroman für junge Erwachsene mit ungewöhnlichen Helden. Handwerklich wird er allerdings etwas anderes sein, als die bisherigen Romane.

Vor uns die Nacht ist im März 2014 bei Script5 erschienen als gebundene und elektronische Ausgabe.

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Vorschau: Nächste Woche durchleuchten wir  die deutsche Fernsehkultur und fragen uns: Was schauen wir nach der Fußball WM?

Abschied von der Kirche – Abschied von der Menschlichkeit?

Zweifelhaft: Bedeutet der Austritt aus der Kirche, dass ich ein schlechter Mensch bin?

Zweifelhaft: Bedeutet der Austritt aus der Kirche, dass ich ein schlechter Mensch bin? (©Lisa Spreckelmeyer/Pixelio.de)

„Heide“, „Ketzer“, „Antichrist“ – so in etwa hätten mich die Leute vor 500 Jahren beschimpft. Vor einem halben Jahrhundert wäre es undenkbar gewesen, einfach so aus der Kirche auszutreten. Wer sich gegen die Institution Kirche wandte, der landete schnell auf dem Scheiterhaufen. Zum Glück schreiben wir heute das 21. Jahrhundert. So darf ich unbehelligt weiter leben, obwohl ich mich von der Kirche verabschiedet habe.

Meine Kindheit war nicht wirklich christlich im streng gläubigen Sinne, meine Eltern verschonten mich vor einer übermäßig religiösen Erziehung. Ich wurde getauft und musste die Konfirmation wohl oder übel über mich ergehen lassen. Doch davon abgesehen waren wir nie sehr kirchlich. Wir waren so gut wie nie im Gottesdienst, das Thema Religion an sich war kaum präsent. Und so bin ich jetzt aus der Kirche ausgetreten. Bin ich deswegen jetzt ein schlechter Mensch?

Wir sollten daran denken, dass die Mitgliedschaft im „Verein“ Kirche nicht automatisch bedeutet, dass alle in der Gemeinde gute Menschen sind. Manchmal entpuppt sich die überdurchschnittliche Frömmigkeit bei besonders überzeugten Kirchgängern als geheuchelte Maske. Dahinter steckt dann ein schlechtes Gewissen oder auch der Wunsch, sich selbst als guten Menschen und ordentlichen Christen zu bestätigen.

Egal, wie ehrlich die Einstellung der Gemeindemitglieder am Ende auch sein mag, insgesamt bleibt die Kirche für mich verstaubt und alt. Die sehr starren Regeln, die schwerfällige Liturgie, vor allem in der römisch-katholischen Konfession – das ist eher Machtgehabe, denn Bekenntnis zur Menschlichkeit. Was haben Zölibat und eine engstirnig verneinende Haltung zu Homosexualität und Abtreibung mit der Würde des Menschen zu tun? Diese Doktrin ist weder lebensbejahend noch steht dabei der Mensch selbst im Mittelpunkt.

Zu Eng: Der Zwang der christlichen Kirche ist nicht jedermanns Sache.

Zu Eng: Der Zwang der christlichen Kirche ist nicht jedermanns Sache. (©Kai Stachowiak/Pixelio.de)

Der Kirchenaustritt ist für mich ein Ausbruch aus einem zu engen religiösen Korsett: Die christliche Lehre unter kirchlichem Zwang war für mich nur verkrampft. Ich ziehe es vor, frei zu sein, auch für andere Kulturen und Religionen: Ein respektvoller Eklektizismus, der allen Denkweisen gegenüber offen ist. Das heißt auch, dass ich gut und gerne den ein oder anderen christlichen Standpunkt übernehme. Mein Kirchenaustritt bedeutet keine absolute Abkehr vom Christentum als Religion, sondern vielmehr eine Verabschiedung von der Institution Kirche.

Denn auch ohne Kirchen gibt es genügend Möglichkeiten Gutes zu tun: Wenn ich in der Schlange beim Bäcker den gehetzten Busfahrer vorlasse, der nur zwei Minuten Pause hat, bis er weiter fahren muss. Oder wenn ich der gebrechlichen Nachbarin helfe, ihre schweren Einkaufstüten in den dritten Stock zu tragen. Und das ganz ohne Kirchenzwang. Allein schon ein freundlicher Gruß auf der Straße kann eine Wohltat sein und dem anderen ein gutes Gefühl schenken. Und sobald mir der Sinn nach etwas Größerem ist, dann kann ich auch als „Heide“ ehrenamtlich beim Stadtteilfest mithelfen oder spenden – ohne es gleich in der Gemeinde breit treten zu müssen.

Ich mag nicht leugnen: Aus der Kirche auszutreten ist ein Bruch mit Tradition und Konvention. Doch wer sagt denn, dass unkonventionell gleich schlecht ist? Jedenfalls sollte das nicht so sein in einer Gesellschaft, die sich Toleranz und Menschenwürde auf die Fahne geschrieben hat.

Vorschau: Unsere Kolumnistin Eva schwärmt für Wissensspiele à la Quizduell oder Trivial Pursuit. Warum das so ist, erfahrt ihr in der nächsten Kolumne.

Beschnittene Religionsfreiheit

Ein Urteil des Kölner Landgerichts sorgt derzeit für Aufsehen: Rituelle Beschneidungen gelten fortan als Körperverletzung, so hat das Gericht entschieden. Auf Unverständnis und Unmut stößt dieses Urteil, da die Beschneidung zum Habitus großer Religionsgemeinschaften, etwa dem Islam und dem Judentum, zählt.

So kann auch dem Kölner Landgericht dieses Urteil nicht leicht gefallen sein. Denn es geht hier im Grunde um nicht weniger als um die gesellschaftliche beziehungsweise die rechtliche Akzeptanz religiöser Praktiken. Haben religiöse Praktiken in Deutschland im 21. Jahrhundert mehr Gewicht als das Recht auf körperliche Unversehrtheit?

Häufig entscheiden sich die Betroffenen nicht selbst für die Beschneidung – sie findet in früher Kindheit statt und wird von den Eltern veranlasst. Diese fügen ihrem Kind – so die Juristen – eine Verstümmelung zu. Und auch wenn die Eltern als Erziehungsberechtigte die Beschneidung wünschen: Ein Arzt, der einen Jungen in religiöser Tradition beschneidet, begeht Körperverletzung.

Anfang November 2010 wurde ein Junge in Köln beschnitten – zwei Tage später wurde das Kind in die Notaufnahme eingeliefert. Von der Staatsanwaltschaft wurde Anklage gegen den Arzt erhoben. Dieser Prozess zog schließlich das Beschneidungsurteil nach sich. Zwar habe der Arzt einwandfrei gearbeitet – und wurde schließlich freigesprochen. Das Gericht entschied allerdings auch, dass die Beschneidung nicht durch den Wunsch der Eltern gerechtfertigt sei.

Nun muss der Fall möglicherweise vorm Bundesverfassungsgericht entschieden werden. Denn das Urteil wird von vielen Politikern als Einschränkung religiöser Praktiken begriffen. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass ein Beschneidungsverbot in Deutschland lediglich einen Beschneidungstourismus auslöst.

So forderte der Bundestag die Bundesregierung mit breiter Mehrheit dazu auf, ein Gesetz zu verabschieden, welches eine fachgerechte Beschneidung aus religiösen Gründen zulässt. Auf die Schnelle – so der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts – sei ein solches Gesetz aber nicht zu machen.