You are too good to be true – Coversongs und Originale

Ihr kennt das bestimmt auch: Ihr schaltet das Radio an, zappt durchs TV oder bekommt im Newsfeed auf Facebook die neusten Lieder. Ihr hört die ersten Takte und denkt „irgendwo habe ich das schon Mal gehört“. Schnell merkt ihr, so neu ist der Song irgendwie auch nicht, aber trotzdem erwischt ihr euch wie ihr mit dem Fuß mit wippt. Na klar, die Rede ist natürlich von Coversongs.

Gecovert wird schon immer – frei nach dem Motto „ was einmal gut war, wird auch beim zweiten Mal zum Kassenschlager“. Ob das wirklich stimmt, wollen wir für euch klären und haben ein paar Songs etwas genauer unter die Lupe genommen.

Musikalisch: Viele Musiker versuchen sich an erfolgreichen Songs und covern diese

Musikalisch: Viele Musiker versuchen sich an erfolgreichen Songs und covern diese (Foto: V. Wahlig).

Unter einem Coversong versteht man ein Musikstück, das von einem neuen Künstler noch einmal veröffentlicht wird. Neben dem „typischen Coversong gibt es noch das Remake. Dabei handelt es sich um eine Neuinterpretation durch denselben Interpreten. Eine weitere, sehr beliebte, Form ist aber auch der Remix. Hierbei handelt es sich um ein neues Abmischen der schon vorhandenen Tonspuren. Bei einem Coversong oder Remix muss natürlich der Urheber des Originals gefragt werden. Ohne Nennung des Urhebers spricht man bei einem solchen Musikstück von einem Plagiat (das gibt es also nicht nur bei Doktortiteln).

Die momentan wohl bekannteste Coverband ist Walk off the earth (WOTE). Bekannt wurden sie mit dem Lied Somebody That I Used to Know, das im Januar 2012 innerhalb weniger Monaten bei YouTube rund 125 Millionen Mal aufgerufen wurde. Auf ihren Youtube- und Facebookseiten präsentiert die kanadische Band fast wöchentlich neue Coverversionen. Mit einem ihrer Version reihen sie sich in die Riege von Künstlern eines echten Coverklassikers ein. Zusammen mit der Sängerin Selah Sue coverten sie den Song „Can’t Take My Eyes Off You“ von Frankie Valli aus dem Jahr 1967. Insgesamt wurde der Liebessong schon über 150 Mal von Künstlern auf der ganzen Welt neu interpretiert, darunter viele sehr berühmte Sänger wie Gloria Gaynor, Diana Ross & the Supremes, The Killers, Hermes House Band oder The Overtones. Und manche der Covernummern waren erfolgreicher als das Original. Dass dies nicht selten der Fall ist, sieht man auch an den folgenden Liedern.

Zahlreich: Beim durchstöbern der CD- Sammlung finden sich zahlreiche Coversongs.

Zahlreich: Beim durchstöbern der CD- Sammlung finden sich zahlreiche Coversongs (Foto: V. Wahlig).

Im Jahr 2007 lieferten Amy Winehouse und Mark Ronson den Ohrwurm des Jahres. Mit „Valerie“ feierten sie einen weltweiten Erfolg. Nur die wenigsten wissen, dass es sich bei diesem Song um ein Cover handelt. Die englische Indie Rock Band „The Zutons“ veröffentlichte „Valerie“ bereits ein Jahr zuvor und erreichte immerhin Platz 9 der UK-Charts. Den Song „Killing me softly“ verbindet man mittlerweile ausschließlich mit der Hip-Hop Band The Fugess. 1996 erreichten sie damit unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Chartspitze. Dabei wurde der Song ursprünglich wurde der Song US-amerikanische Sängerin Lori Lieberman geschrieben „Killing Me Softly with His Song“ erschien jedoch 1973 von der Sängerin Roberta Flack und wurde schon damals ein Erfolg in Amerika.

Absoluter Evergreen der Coverhits ist laut Guinness Buch der Rekorde der Beatlessong „Yesterday“. Mit über 1600 Versionen zwischen 1965 und 1985 ist es das bislang am häufigsten gecoverte Lied.

Bei diesen Liedern kann man ja auch nur nach mehr Covernummern schreien und wir sind uns sicher: Der ein oder andere Song wird uns bestimmt bald wieder im Radio, Internet oder TV begegnen.

Vorschau: Nächste Woche gibt es wieder Neuigkeiten aus der Musikwelt!

On Air – Bürger vorm Mikrofon

Für viele gehört es zum täglichen Leben. Meistens läuft es nur nebenbei. Ob beim Autofahren, als Wecker am Morgen oder zur Entspannung schalten es viele Leute an. Natürlich ist die Rede vom Radio. Als eines der beliebtesten Medien bietet die Radiolandschaft ein breites Angebot an Sendern. Ob Pop, Rock, Schlager oder nur für Nachrichten beheimatet Deutschland rund 400 Radiosender. Neben staatlichen Radiosendern gibt es auch eine ganze Reihe privater Rundfunkstationen. Neben dem herkömmlichen Empfangen über das Radio, werden im Internet zahlreiche Plattformen angeboten, wo weitere, sogenannte Internetradios empfangen werden können. Hier haben vor allem Hobbyradiomacher die Möglichkeit, einen eigenen Channel (zu Deutsch: Kanal) zu betreiben. Aber bei den unzähligen Angeboten, die das Internet offe­riert, gehen kleine Radiomacher in der weiten Radiowelt leider unter.

Dauerbrenner: Das Radio gehört schon seit fast 100 Jahren zu den beliebtesten Medien (Foto: V.Wahlig)

Dauerbrenner: Das Radio gehört schon seit fast 100 Jahren zu den beliebtesten Medien (Foto: V.Wahlig)

Anders ist das bei Radio RheinWelle 92,5. Hier haben „einfache“ Bürger die Chance ihre Ideen und Musikgeschmäcker über UKW (Ultrakurzwelle) on Air zu präsentieren. Das in Wiesbaden ansässige Bürgerradio ist ein Forum für die unterschiedlichsten Menschen. Ob Schüler oder Rentner – für alle gibt es ausreichend Sendezeit um vergessene Lieder, die neusten Hits oder Kultur pur in die eigene Sendung zu packen. Bei Radio RheinWelle sind die Hobbyradiomacher nicht nur für die Auswahl der Musik zuständig, sondern fahren ihre Sendung auch ohne technische Hilfe. Jeder Regler oder CD-Recorder muss selbst bedient werden. So kann es natürlich auch dazu kommen, dass während der Live-Sendung der ein oder andere charmante Fehler passiert. Mal ein Versprecher oder eine falsch angekündigte Musikeinspielung gehört beim Bürgerradio zum Alltag, macht jedoch auch jede Sendung und jeden Moderator zum Unikat.

Gemütlich: Jeder Handgriff wird im Studio des Bürgerradios RheinWelle selbst gemacht (Foto: V.Wahlig)

Gemütlich: Jeder Handgriff wird im Studio des Bürgerradios RheinWelle selbst gemacht (Foto: V.Wahlig)

Radio RheinWelle 92,5 ist ein nicht kommerzieller lokaler Sender. Zu empfangen ist der Sender in Wiesbaden, Mainz und dem Rheingau oder mittels Livestream auf der ganzen Welt. Finanzieren kann sich der eingetragene Verein über Mitgliederbeiträge, Spenden und Fördermittel der LPR Hessen (Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk). Neben den Mitgliedern des Vereins gestalten auch Gruppen und Initiativen wie Greenpeace, Amnesty International oder Campusradio Mainz Sendungen.

Unter dem Motto „Wir senden gegen den Strom“ sind viele unterschiedliche Musikstile zu hören. Viele Musikrichtungen werden auch in eigenen Schwerpunktsendungen zelebriert.

Einprägend: Seit 2001 gehört die 92,5 in Wiesbaden, Mainz und Umgebung Radio RheinWelle (Foto: V.Wahlig)

Einprägend: Seit 2001 gehört die 92,5 in Wiesbaden, Mainz und Umgebung Radio RheinWelle (Foto: V.Wahlig)

Die Geschichte des Wiesbadener Radiosenders begann bereits im Dezember 1996. Im Rahmen des Weihnachtsmarktes in Wiesbaden ging vom 6. bis 8. Dezember 1996 Radio RheinWelle 92,5 zum ersten Mal on Air. Aus dem Projekt in der Wiesbadener Fußgängerzone entwickelte sich eine Radioinitiative zusammen mit Radio Rüsselsheim (K2R). So ging das Bürgerradio am 13. September 1997 offiziell auf Sendung. Seit Mai 2001 sendet Radio RheinWelle 92,5 eigenständig ein lokales Hörfunkvollprogramm und reiht sich somit in die Reihe der großen Radiosender ein. An sieben Tagen die Woche wird 24 Stunden am Tag gesendet. Das Programm überrascht jeden Tag aufs Neue durch verschiedene Musikstile, Kulturen und Persönlichkeiten, die im Bürgerradio ein Forum erhalten.

Wer also Lust hat, den etwas anderen Radiosender kennenzulernen, der sollte Radio RheinWelle 92,5 einschalten und sich in die Welt des „Nicht-so-perfekten-Radios“ entführen lassen. Mehr Informationen zum Radio und den Möglichkeiten dort eine eigene Sendung zu machen gibt es auf der Internetseite von Radio RheinWelle 92,5.

Vorschau: Für nächste Woche haben wir mal wieder eine ganz besonderen Playlist für euch zusammengestellt.

Musik aus den 90ern – heute wieder beliebt

Manche Lieder scheinen für die Ewigkeit gemacht zu sein. Egal ob jung oder alt – hört man die ersten Takte, weiß man immer schon, was nun kommt. Gemeint sind die typischen Lieder der 90er Jahre. Ob „Wannabe“ von den Spice Girls oder „Everybody“ von den Backstreet Boys, jeder kennt sie und jeder kann, ob er es zugeben mag oder nicht, mindestens ein paar Strophen Text mitsingen.

Anfang der 2000er, als der ganze 90er-Zauber vorbei war, nahmen viele an, zusammen mit den grellen Klamotten des letzten Jahrhunderts auch die Musik der letzten Jahre irgendwie aus seinem Leben verbannen zu können. Hier und da hörte man noch ein paar Klassiker aus den vorherigen Jahren. Aber die wirklich richtigen Lieder der 90er, die wahren Techno-Kompositionen, waren aus dem Leben der breiten Masse verschwunden. Nicht verwunderlich, fragt man sich doch heute beim Anhören alter Lieder, warum genau man die hämmernden Techno-Klänge eigentlich so toll fand.

Doch es gibt verschiedene Wege, auf denen sich genau diese Lieder in unser Leben zurückgeschlichen haben. Denkt man genauer darüber nach und hört im Radio mal ganz genau hin, sind diese alten Kompositionen noch lange nicht verschwunden.

Natürlich gibt es Radiosender, die sich auf die Musik der letzten 40 Jahre spezialisiert haben oder die neben der neuen, aktuellen Musik auch mal alte Lieder spielen. Aber selbst bei den Sendern, die sich nur auf das Neueste vom Neuesten spezialisiert haben, kann man alte Lieder hören. Zwar nicht mehr in ihrer originalen Version, dafür aber gecovert. Fast jeder bekannte Sänger hat schon einmal Lieder gecovert. Gerade die Newcomer im Musikbusiness werden heutzutage durch Youtube oder andere soziale Netzwerke berühmt, in denen sie ihr Gesangstalent in selbst gedrehten Videos mit alten Liedern zur Schau stellen. Beispiele zu Coversongs werden am 8. November bei Face2Face vorgestellt.

Aber nicht nur Cover von alten Liedern sind momentan beliebt, auch einfache Remixe. Plattformen wie Soundcloud haben es für jedermann einfach gemacht, die selbst gemischte Musik hochzuladen und der Welt zum Anhören oder sogar Downloaden anzubieten.

Aber wer dann doch das Original hören will, der geht am besten auf eine 90er-Party. In fast jeder großen Stadt gibt es regelmäßig Veranstaltungen, auf denen man sich von den Klängen der 90er Jahre beschallen lassen kann. Nicht nur die 90er Musik wird dort gespielt, die DJs greifen auch meist auf Musik der 80er oder auch der 2000er zurück. Dort trifft man nicht nur auf junggebliebene Mitt-Vierziger oder Mitt-Fünfziger, sondern auch auf junge Leute, die diese Musik eigentlich nur aus Kindertagen kennen.

Und genau diese jungen Erwachsen kennen trotzdem so gut wie jeden Text. Man ist ja schließlich damit aufgewachsen. Ob man diese Musik schlussendlich mag oder nicht, bleibt einem selbst überlassen. Wer weiß was die nächste Generation über die heutige Musik sagt…

Vorschau: Nächste Woche berichtet Vanessa zusammen mit Radio Rheinwelle.

Spielt denselben Song nochmal!

Ende Oktober startet beim SWR1 Baden-Württemberg die bekannte SWR1-Hitparade. Tagelang wird ein guter Song nach dem anderen gesendet. Dieses wahnsinnige Radioprogramm in voller Länge zu erleben, ist wohl kaum möglich. Und doch versuchen wir es! Es folgen: Erinnerungen an sechs Tage Dauerparty.

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„Kennste den? Setzt sich ‘ne alte Frau im Zug neben mich…“. Deutsche Komiker, Kolumnisten und andere unterhaltsame Menschen bedienen sich scheinbar gerne ganz bestimmter Situationen, auf die sie ihre Geschichten aufbauen. Einen hohen Beliebtheitsgrad besitzen dabei all jene Stories, die sich im öffentlichen Personennahverkehr abspielen. Offensichtlich bieten Geschichten übers Pendeln ein hohes Identifikationspotential. Doch was ist es, mit dem sich das Publikum da identifiziert? Es gibt wenige Dinge, die so deprimierend sein können wie eine Zugfahrt im Berufsverkehr.

Unerklärliche Notizen: Paranoia und Verwirrung schimmern durch unsere dokumentierten Gedanken hindurch (Foto: Denzinger)

Menschen fahren zur Arbeit, wo sie die nächsten acht Stunden verbringen sollen. Menschen fahren nach Hause, wo sie bei gesundem Schlafrhythmus vielleicht sieben oder acht Stunden zur freien Verfügung haben. Sieben oder acht Stunden zum Abschalten. Danach: Schlafen. Danach: Alles von vorne. Spielt denselben Song nochmal! Jahrzehntelang. Die große Routine des 21. Jahrhunderts heißt: Arbeitsleben. Pendler, so scheint es, lieben die Routine, der sie sich Tag für Tag beugen müssen. Tunlichst bedacht, ihre Sitznachbarn zu ignorieren beugen sie sich über ihre Smartphones, über ihre Bücher, über ihre Zeitungen oder starren angestrengt aus dem Fenster, wo ihr ganzes Leben lang die immer gleiche Landschaft an ihnen vorbeizieht. Bloß keinen Augenkontakt aufbauen! Bin vielleicht ich selbst die alte Dame, die Mutter mit den aufdringlichen Kindern, der penetrante Schaffner, bin vielleicht ich der Mensch, über den man sich amüsiert, während man vorm Fernseher hängt und wartet, dass der nächste Zug zur Arbeit fährt? Kaum. Ich lese keine Zeitung, aber ich besitze ein Smartphone und unzählige Bücher. Und schaue gerne aus dem Fenster und träume vor mich hin. Normalerweise. Doch nicht in dieser Woche. Im Moment ist mein Smartphoneakku chronisch dreiviertelleer. Meinen Rucksack trage ich mehr aus Gewohnheit bei mir, denn um Bücher zu transportieren. Eine Flasche Wasser steckt darin, aber das Etikett bietet kaum Unterhaltungswert. Die Welt vorm Fenster ist so grau, wie sie Ende Oktober nur sein kann. Langweilig. Und Zeitunglesen habe ich in dieser Woche auch nicht begonnen. Yeah, Baby, ich verfalle immer noch ständig in Träumereien. Doch auch diese vermögen es in diesen wahnsinnigen sechs Tagen nicht, mich länger in ihren Bann zu ziehen. Denn sobald ich beginne, von dem mich umgebenden Geschehen abzuschweifen, bricht aus mir ein irrsinniges Gelächter hervor. Ich bin vielleicht nicht die alte Dame, vielleicht nicht die Mutter mit den aufdringlichen Kindern, vielleicht nicht der penetrante Schaffner – du kannst mich mal, deutsche Comedy! – aber ich bin mir sicher: Diese Woche bin ich das versoffene, nach Schnaps stinkende Wrack, das da so laut Musik hört, dass Bücherlesen, dass Zeitunglesen, dass Smartphonelesen, dass Ausdemfensterlesen nicht mehr ungestört möglich ist. Und Ungestörtheit, das ist offensichtlich ein Aspekt des Alltags, auf den der stereotypische Pendler höchsten Wert legt. In dieser Woche sitze ich im Zug häufig allein. Bevor ich in den Zug steige; sobald ich aussteige: Volle Lautstärke, alter! Aber sobald ich im Zug sitze – ich sitze oft im Zug, weil Uni und Freunde nicht da wohnen, wo ich wohne – geht die Lautstärke runter. Diese Woche geht das leider nicht. Denn: Es ist SWR1-Hitparade! Klingt nach ZDF-Schlagerweinberg, ist aber cool.

Erste kleine Verwahrlosungen: Über die Woche hinweg verkommt unsere Umgebung immer wieder zur klischeehaften RTL2-Kulisse. Links an der Wand: Die zwei Bilder, die wir im Rahmen unseres „legal highs“-Projektes angefertigt haben (Foto: Denzinger)

Von Montagmorgen, 5.00 bis Freitagabend, 22:00 werden 1.101 Songs gespielt. Die 1.101 Songs, für die in den Wochen zuvor die meisten Stimmen abgegeben wurden. Ohne Unterbrechung, rund um die Uhr. Über Wochen hinweg konnte jeder, der wollte, fünf Stimmen abgeben. Das Resultat wummert diese Woche durch den Äther. Für gewöhnlich findet sich zum Feiern immer eine Ausrede. Diese Woche heißt meine Ausrede: Ich muss einen Artikel über die SWR1-Hitparade schreiben. Ich bin quasi dazu gezwungen, das Radioprogramm möglichst intensiv zu erleben. Ein tragisches Opfer der Umstände. Und so weiter. Man kann das weiter ausführen. Aber eigentlich ist mir jeder Anlass zum Pendlerdaseindurchbrechen recht. Also: Eine Woche Dauerparty! Von Sonntagabend (aufwärmen) bis Freitagabend hänge ich in meiner Lieblings-WG in Mannheim rum und höre Musik. Radio. SWR1. Meine Erinnerung an diese Woche: Hochgradig getrübt. Ein Polizeieinsatz wegen Ruhestörung nach einem „Wer kann nachts im Freien am lautesten schreien“-Wettbewerb. Ratten. Fingerfarben. Spucknäpfe. Ein Pokémon-Trinkspiel aus Wuppertal. Flunkyball. Thomas G. Hornauer. Ein geflutetes Badezimmer. Seifenblasen. Ein Meer von Gesichtern. Der gescheiterte Versuch, eine Krankenversicherung abzuschließen. Ein Meer von Gesichtern (schon wieder! Verdammt großes Meer!) – mindestens zwei weitere Face2Face-Mitarbeiter sind an all dem Wahnsinn beteiligt! – verschwimmt vor meinen Augen und zieht sich zu einem einzigen, sehr, sehr langen Moment zusammen. In den ersten 72 Stunden der SWR1-Hitparade schlafe ich insgesamt elf Stunden. Was im Grunde zu wenig Schlaf für zwei Tage ist, ist für diese ersten drei Tage zu viel. Denn wir machen den Fehler, die Songs nachzulesen, die wir schlafenderweise verpasst haben. „Wir sollten den Scheiß nicht nachlesen“, sagt Melanie, „das pisst uns eh nur an.“ Stimmt. Selbst die Radiomoderatoren schlafen. Sie arbeiten abwechselnd in drei Schichten. Und doch können wir uns das Nachlesen nicht verkneifen. „Wir haben Bicycle Race von Queen verpasst!“, ärgert sich Christoph. „Nein Mann!“, blöke ich, „lief doch gestern Nacht noch, als wir geraucht haben“.

Das schönste Fenster der Welt: Fingerfarben werden zu Fensterfarben (Foto: Glaser)

Christoph erinnert sich nicht mehr. Flunkyballzeit! Der wirkliche Wahnsinn ist der Versuch, die Hitparade in den Alltag zu integrieren. Montag, Dienstag, Mittwoch heißt bei mir: Arbeiten! An massivem Schlafentzug und exzessivem Alkoholüberkonsum leidend schleppe ich mich die ersten drei Tage zur Arbeit nach Speyer, um danach wieder nach Mannheim zu fahren. Manchmal erwartet die Universität Mannheim in dieser Woche meine Anwesenheit. Leider muss ich krankheitsbedingt aussetzen. Gehe nicht über START und verdiene keine verfickte Million. Unser größtes Problem in dieser Woche ist die Bleibunkerasbestisolierung des Kauflands am neuen Messplatz, Mannheim. Da kommt kein Radiosignal durch. Trotzdem brauchen wir Bier. Eine verfluchte Tragödie. Dienstag kaufen wir deswegen gar kein Bier. Da wir dennoch durstig sind, schlurfe ich auf die benachbarte Wohnheimparty und kaufe dort Bier. Morgens um fünf steht die Wohnheimsprecherin in der Terrassentür. „Braucht ihr noch Bier? Wir wollen langsam dicht machen…“. Mittwoch schaffen wir es gerade rechtzeitig aus dem Kaufland heraus, um „The Passenger“ von Iggy Pop zu erleben. Eines Morgens stehe ich in Melanies Zimmer. Es muss Donnerstag oder Freitag sein. „MELANIE!“, brülle ich, „MELANIE! ECHOES VON PINK FLOYD EY! STEH AUF!“ Melanie steht auf und stürmt in den Gemeinschaftsraum. Da steht das Radio. Da sitzen wir. Zu dem Zeitpunkt bedeutet „wir“: Christoph und ich. Zu dritt – Melanie, Christoph und ich – versuchen wir, so viele gute Songs mitzunehmen wie möglich. Der Hausmeister kommt, sagt, wir ziehen Ratten an und beschlagnahmt das WG-Maskottchen. Die Putzfrau kommt und sagt, Fingerfarben an der Decke sind nicht OK. Die Polizei kommt und sagt, die Nachbarn wollen schlafen. Nadine kommt und bemalt das Fenster. Ein Lapras grinst fröhlich in die Welt. „GOOD NIGHT, WHITE PRIDE“, steht irgendwo daneben. Wir wissen längst – lange schon, bevor die Hitparade überhaupt begonnen hat – welcher Song auf Platz 1 gelandet ist. So ist es auch kein Problem, dass wir – es muss irgendwann zu Beginn der Top 10 sein – Bier kaufen gehen. „Wir“, das heißt in diesem Fall Melanie und Christoph. Alkoholbedingt kann ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr laufen. Meine Erinnerung setzt aus. Meine Erinnerung setzt wieder ein. Irgendwo bei Platz 4

Was geschieht hier? Pokémon-Trinken, Fingerfarben und Seifenblasen verschönern die Woche ungemein (Foto: Denzinger)

(Die Toten Hosen – Tage wie diese – höchster Neueinsteiger!). Vor mir: Eine Kloschüssel. Platz 4 verstreicht. Gonzo. Platz 3 beginnt. Brothers in Arms von den Dire Straits. Ich muss an meine Kampfgefährten denken. Melanie und Christoph, die weitab des Geschehens Bier kaufen, und irgendwie auch an Nadine, die die halbe Woche mitgefeiert hat. Wir werden das Finale wohl alle nicht gemeinsam erleben. Ich kann nicht mehr laufen. Der zweitbeliebteste Song aus 1.101 Songs beginnt. „Bohemian Rhapsody“ von Queen. „Konzentrier dich, Joe!“, denke ich über meinem porzellanernem Freund, „du musst Laufen lernen. Wackel mit dem großen Zeh!“ Es funktioniert. Aufrichten. Spülung ziehen. Saubermachen. Ist die Hose zu? Yeah! Und jetzt… Ganz vorsichtig… Einen Fuß vor den anderen. Wankend verlasse ich die Toilettenkabine, wasche meine Hände (so viel Hygiene muss sein!) und torkle aus der Toilettentür. Seltsame, mir unbekannte Gestalten lungern auf der Couch herum. „Öy!“, gröhle ich, „ich kann wieder laufen! Bohemian Rhapsody!“ Freddie Mercury besingt gerade Galileo, als ein Schlüssel in die WG-Tür dringt. „Wir haben Bier. Finale ey!“, brüllt die plötzlich im Raum stehende Melanie. Der an Krücken gehende Christoph kommt hinterher gehumpelt. „Finale!“, weiß auch er. Vom Laufenlernen bis hin zu einem unendlichen Glücksgefühl ist es offensichtlich gar nicht so weit. Unendliches Glück? Fast! Melanie und Christoph sind zurück und haben sogar Bier dabei. Ziemlich gut. Das Finale beginnt. Auf Platz 1 der SWR1-Hitparade steht natürlich – wie sollte es auch anders sein?! – „Stairway to Heaven“. Kaum sind die ersten Gitarrenklänge des Intros verhallt – noch lange bevor die Flöte einsetzt! – klingelt mein Handy. „Eh Langaaa!“, empöre ich mich, „SWR1-Hitparade! Finale ey!“. „Joe“, sagt Nadine, „ich ruf an, weil ich das Finale mit euch erleben wollte“. Unendliches Glück. Melanie, Christoph, Nadine. Ich. Wir vier. Irgendwie beisammen. Zum Finale.  „ Running over the

Göttliche Intervention: „Helicopter“ von Bloc Party hat es trotz meiner Stimme nicht in die Hitparade geschafft. Doch die Becks-Brauerei offenbart, dass sie auf meiner Seite steht. Im Hintergrund: Ein Spucknapf (Foto: Glaser)

same old ground. What have we found? The same old fears. Wish you were here” Freitagabend. Kurz nach 22 Uhr. Die SWR1-Hitparade ist vorbei. Ich habe in den letzten sechs Tagen etwa 20 Stunden geschlafen. Ich bin nicht nur betrunken, ich bin körperlich am Limit. Ein totales Wrack. Nach der schönsten Woche meines Lebens. Zertrümmert verabschiede ich mich von meinen Leidensgenossen. Auf zum Bahnhof! Richtung Bett! Und schön die Musik leise machen…

Vorschau: Nächste Woche erscheint hier ein CD-Review