Prokrastination – wenn Aufschieben zum Problem wird

Bedenklich: Hinter dem oft belächelten Aufschieben kann eine psychische Störung zugrunde liegen (© Rainer Sturm / pixelio.de)

Bedenklich: Hinter dem oft belächelten Aufschieben kann eine psychische Störung zugrunde liegen (© Rainer Sturm / pixelio.de)

Die Tüchtigkeit – sie wird im Volksmund durch Redewendungen wie „Fleißig wie eine Biene sein“, „Ohne Fleiß kein Preis“ und „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ zur Tugend erklärt. Im religiösen Kontext finden sich wiederum Umschreibungen wie „Dem Fleißigen hilft Gott“, sodass die Untätigkeit in der Bibel – durch den Begriff der Trägheit geprägt – gar zur Sünde stilisiert wird. Auch das lateinische Verb „procrastinare“, das zunächst das wertfreie Vertagen einer Handlung bezeichnete, unterzog sich – einer zum Negativen tendierenden – Bedeutungsverschiebung. So mag es nicht verwundern, dass scheinbar untätige Menschen gesellschaftlich mit Begriffen wie „Faulenzer“, „Taugenichts“ und „Tunichtgut“ stigmatisiert werden. Selten jedoch wird dieses Verhalten als psychologisches Problem beziehungsweise psychische Störung erkannt und in diesem Rahmen diskutiert.

Frau Dr. Anna Höcker von der Prokrastinationsambulanz der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster unterscheidet dabei zwischen einem normalen und einem pathologischen Aufschiebeverhalten, die es voneinander zu unterscheiden gilt: „Prokrastination ist eine tiefgreifende Arbeitsstörung, genauer eine Störung der Selbststeuerung, die nicht gleichzusetzen ist mit alltäglichem Aufschieben, das fast alle von sich hin und wieder kennen. Unter Prokrastination – also dem Aufschiebeverhalten in einem pathologischen Ausmaß – verstehen wir das wiederholte unnötige Aufschieben notwendiger oder wichtiger Tätigkeiten, das in den letzten sechs Monaten an mindestens der Hälfte der Tage vorgekommen ist, obwohl eigentlich Zeit für deren Erledigung zur Verfügung gestanden hätte“. Dabei würden Betroffene zu Ersatztätigkeiten zurückgreifen, die sie als angenehmer erachten.

Dass das Verhalten zum Problem werden kann, weiß auch Höcker zu berichten: „Aufgrund des pathologischen Aufschiebeverhaltens wird das Erreichen persönlicher Ziele stark beeinträchtigt. Zusätzlich können die Betroffenen als Folge des Aufschiebens unter körperlichen und psychischen Beschwerden leiden, ebenso wie unter der eigenen Selbstabwertung. Prokrastination beeinträchtigt demnach nicht nur das psychische Wohlbefinden, sondern kann zudem zu ernsthaften beruflichen und persönlichen Konsequenzen führen“.

Aus diesem Grunde wurde für die Studierenden der Universität Münster die Prokrastinationsambulanz eingeführt, um die psychische Störung, die als solche „noch nicht als Bestandteil der anerkannten Diagnosesysteme“ erfasst ist, angemessen behandeln zu können. Vor allem Studiengänge und Branchen, in denen Selbstorganisation und Zeitmanagement eine große Rolle spielen, sehen sich mit dem Problem konfrontiert: „In Bezug auf Studiengänge sind dies vor allem diejenigen Fächer, in denen es weniger verschult zugeht, in denen viele Hausarbeiten geschrieben werden müssen und in denen die Studierenden auch die Möglichkeit haben, Prüfungsleistungen zeitlich nach hinten zu schieben. Im Berufsleben scheint es eher Freiberufler zu betreffen und allgemein Menschen, die an längerfristigen Projekten ohne feste Deadlines arbeiten“, erzählt Stephan Förster, der in der Prokrastinationsambulanz tätig ist.

Wer an Prokrastination leidet, sollte sich in psychologische Behandlung begeben, um dem pathologischen Aufschiebeverhalten entgegenwirken zu können. Unmittelbar damit verbunden sind Änderungen in der Herangehens- und Arbeitsweise von Aufgaben:

Strukturiert: Das Arbeitstagebuch sorgt für Ordnung im  Chaos (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Strukturiert: Das Arbeitstagebuch sorgt für Ordnung im Chaos (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Das Arbeitstagebuch
Allem voran steht die Selbstbeobachtung mittels eines Arbeitstagebuchs. Nicht nur, dass sich die Prokrastination bereits durch die Selbstanalyse vermindert: „Durch die Protokollierung der positiven Veränderungen wird die Aufmerksamkeit auf bereits erreichte Fortschritte und erfolgreich erledigte Aufgaben gelenkt“, ist im 2013 veröffentlichten „Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens“ zu lesen, an dem Höcker mitgewirkt hat. Zudem lassen sich durch die Selbstbeobachtung schnell bekannte Störquellen und Ablenkungsmöglichkeiten ausfindig machen, die es im Anschluss auszuschalten gilt. Im Arbeitstagebuch selbst wird die eigentliche Planung für den Tag sowie die tatsächliche Durchführung festgehalten, wobei auch gesondert auf die Pünktlichkeit des Arbeitsbeginns geachtet werden sollte.

Pünktliches Beginnen
Um das eigene Aufschiebeverhalten zu durchbrechen, ist es wichtig, die Arbeit rechtzeitig zu beginnen. Auch wenn man diese lediglich um fünf Minuten verschiebt, greifen dieselben Mechanismen, die bei einer Verspätung von 30 Minuten oder mehr einsetzen. Die Einführung eines Rituals – sei es das Kochen einer Tasse Tee, dem Aufräumen des Arbeitsplatzes oder das Hören eines bestimmten Liedes – kann dabei helfen, die Tätigkeit pünktlich und motiviert zu beginnen.

Realistisches Planen
Beim realistischen Planen der Aufgabe bis zu einem bestimmten Abgabeschluss ist vor allem das Einplanen von Puffer- und Erholungszeiten zu beachten. Realistisch planen heißt in diesem Falle, die eigene Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeitsspanne, das eigene Arbeitstempo und den –rhythmus in die Planung miteinfließen zu lassen.

Arbeitszeit verdienen
Eine weitere Methode zur Beseitigung des Aufschiebeverhaltens ist die Arbeitszeitrestriktion: Die in der Selbstbeobachtungswoche gearbeitete Zeit wird zunächst als zeitlicher Arbeitsrahmen festgesetzt, den es nicht zu überschreiten gilt. So findet eine klare Unterscheidung zwischen Arbeitszeit und Freizeit statt, die dem schlechten Gewissen entgegenwirkt. „Eine Arbeitseinheit abschließen zu müssen, das heißt darüber hinaus nicht mehr arbeiten beziehungsweise lernen zu ‚dürfen‘, steigert den Anreiz zum pünktlichen Beginn und führt damit zur Reduktion des Aufschiebeverhaltens“, heißt es dazu im Manual. Als Ziel gilt dabei, sich durch die Einhaltung des Arbeitszeitfensters und dessen effizienter Nutzung weitere Arbeitszeit – einer Belohnung gleichkommend – zu verdienen.

Das pünktliche Beginnen der Tätigkeit, die realistische Zeitplanung sowie die Arbeitszeitrestriktion sind Maßnahmen, die auch mit in der psychologischen Therapie der Prokrastination integriert sind. Ob das eigene Aufschiebeverhalten dabei eine pathologische Störung ist, die es zu behandeln gilt, lässt sich durch einen Selbsttest der Prokrastinationsambulanz feststellen. Höcker betont schließlich: „Prokrastination hat nichts mit Faulheit zu tun. Es handelt sich um ein ernsthaftes Problem der Selbststeuerung, für das es professionelle psychologische Hilfe gibt“.

Marshmallows und der Erfolg

Die Macht des Marshmallows: Walter Mischel testete damit Kinder (© Brigitte Heinen / pixelio.de)

Die Macht des Marshmallows: Walter Mischel testete damit Kinder (© Brigitte Heinen / pixelio.de)

In der Schokoladenwerbung sitzen Kinder allein in einem Raum mit dem Versprechen, zwei Naschereien zu bekommen, wenn sie warten, bis eine erwachsene Person zurückkommt. Kennen wir alle. Nicht nur aus der Werbung, die uns vormacht, kein Kind könne Schokoeiern mit Nippes drin wiederstehen. Auch von „Wenn Mama wiederkommt, bekommst du ein Gummibärchen“ oder von „Wenn wir uns wiedersehen, geht’s so richtig zur Sache“. Entbehrung, warten, ausharren. Dann steht am Ende das goldene Leuchten der Erfüllung.

In den späten 1960ern führte Walter Mischel einen psychologischen Test mit Kindergarten, Vorschul- und Schulkindern durch. Die Kinder wurden in einen einfachen Raum gesetzt, ohne Spielzeug oder Flimmerkiste, vor ihnen wurde eine Süßigkeit ihrer Wahl platziert. Die Versuchsleitung verließ den Raum mit dem Versprechen, eine zweite Süßigkeit dazu zu geben, wenn die Kinder warten könnten. Wenn sie es selbst nicht mehr aushielten, sollten die Kleinen eine Glocke läuten und durften die eine Nascherei vertilgen.

Schlüssel zum Erfolg? Kinder, die länger warten, sind später erfolgreicher (© Matthias Riesenberg / pixelio.de)

Schlüssel zum Erfolg? Kinder, die länger warten, sind später erfolgreicher (© Matthias Riesenberg / pixelio.de)

Und – Überraschung – die Kinder stürzten sich nicht etwa sofort auf das süße Stückchen (einige schon, aber viele eben nicht), sondern warteten. Unterschiedlich lange. Manche schafften es nicht und läuteten irgendwann. Andere hielten nicht nur die angesetzten 20 Minuten durch, sondern packten voller Stolz die zwei Süßigkeiten ein und warteten noch den restlichen Tag, bis sie ihren Eltern zeigen konnte, was sie geschafft hatten. Ein gewiefter Junger wollte Oreo-Kekse und schleckte die Creme heraus, ohne zu klingeln, steckte den Keks wieder zusammen und wurde für diesen Trick tatsächlich belohnt – den Keks hatte er schließlich nicht gegessen.

Der Forscher begleitete seine kleinen Versuchspersonen über Jahrzehnte, schickte Fragebogen an Eltern und später an die erwachsen gewordenen Kinder. Es zeigte sich, dass diejenigen, die lange warten konnte, später erfolgreicher waren. Sie konnte schon als kleine Kinder entbehren um später belohnt zu werden. Jetzt leiden und später feiern. Emsige kleine Ameisen, die lieber Samen sammeln, statt schon im Sommer die Beine hoch zu legen. Das Ziel unserer Gesellschaft, schaffe, schaffe, Häußle baue un ned noch de Mädels schaue.

Jetzt hat Mischel die Erkenntnisse seiner Forschung in einem Buch zusammengefasst, das der Marshmallow-Test heißt. Warum? Weil Marshmallows der Hit unter den getesteten Kindern waren und ein Journalist der Testreihe darum den klebrigen Namen gegeben hat. Ferrero wäre entsetzt, aber statt die Schokolade vom Papier zu befreien, würden manche Kinder Lieder singen, zählen wie oft ihr Finger auf den Tisch passt, oder gar einschlafen. Die Taktiken, sich selbst zu beruhigen, zu täuschen und abzulenken, sind endlos. Verdrängung funktioniert ganz einfach.

Von Kindesbeinen an: Ist Erfolg vorherbestimmt? © Gila Hanssen / pixelio.de)

Von Kindesbeinen an: Ist Erfolg vorherbestimmt? © Gila Hanssen / pixelio.de)

Und sind wir jetzt schlauer? Können wir schon im Kindergarten, oder gar im Krippenalter, wenn das begehrte Gut, auf das gewartet werden muss nicht etwa Schokolade ist, sondern ein Elternteil, aussortieren, wer zur Elite der Welt gehören wird und wer eher nicht? Wer später erfolgreich wird und wer sein Leben lang zu früh an der Glocke läuten will?

Bloß nicht! Erstens bereitet jeder Test nur eine Statistik vor, eine Regel. Und Ausnahmen bestätigen die Regel. Sie fallen immer wieder auf. Der erfolgreiche Wissenschaftler Mischel etwa selbst behauptet von sich furchtbar ungeduldig zu sein und nicht warten zu können. Und viel wichtiger. Erfolg ist nicht alles. Auch wenn wir das gerne vergessen. Erfolg macht nicht glücklich. Erfolg heißt nicht, dass jemand mit sich selbst zufrieden ist, dass er liebt und geliebt wird und abends meist mit einem Lächeln einschlafen kann. Erfolg heißt, immer wieder zu entbehren, um im ominösen Später irgendetwas zu bekommen. Kein „I want it all and I want it now“, sondern den Blick immer auf morgen gerichtet zu haben und den Sinn für das heute dabei mitunter zu verlieren.

Die Magie der Realität – Bettina Belitz über ihren Roman ‚Vor uns die Nacht‘

Der neue Roman von Bettina Belitz: Liebe mal anders mit einer einzigartigen Sprachmelodie und vielen Einflüssen (mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Der neue Roman von Bettina Belitz: Liebe mal anders mit einer einzigartigen Sprachmelodie und vielen Einflüssen (mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

In ihrem neuen Roman Vor uns die Nacht betritt die Autorin Bettina Belitz, die für ihre Fantasyreihen Splitterherz und Luzie und Leander bekannt ist, neues, wenn auch nicht ganz unbekanntes Terrain. Die Liebesgeschichte spielt in der realen Welt und überzeugt dabei mit realistischen Details. Face2Face sprach mit der Autorin über ihren Roman und die Zukunft.

face2face: Bettina, du hast mit Vor uns die Nacht diesmal einen Roman geschrieben, der nicht in einer Fantasie-Welt spielt. Warum hast du die Entscheidung getroffen, die reale Welt als Hintergrund zu wählen?
Bettina Belitz: Mit ist aufgefallen, dass viele Leser gerne in die Fantasy-Welten meiner Bücher geflüchtet sind und am liebsten gar nicht mehr heraus wollten. Das hat mir zu denken gegeben, weil ich finde, dass auch in der Realität viel Magisches existiert. Ich wollte mit dem Roman auch zeigen, wie wundervoll es ist, Mensch zu sein.

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face2face: Im Roman wird die Sprache des Herzens für den Werdegang der Heldin Ronia entscheidend. Ist die Herzsprache auch ein besonders Anliegen deinerseits?
Bettina Belitz: Mein Kopf denkt unheimlich gerne, aber ich habe mich in den letzten Jahren durch das Schreiben wieder zur Herzsprache entwickelt. Das ist träumerischer und poetischer. Da schwingt mein Herz mit und ich hoffe, auch das Herz der Leser zu erreichen. Im Schreiben versuche ich ja auch, Dinge zu beschreiben, die sich den Worten entziehen. Das spielt besonders in Vor uns die Nacht eine Rolle. Auch Ronia muss erst lernen, die Herzsprache, die jedes Kind noch beherrscht, wieder zu entdecken.

Ein Herz, das schwingt: Autorin Bettina Belitz schreibt mit einer Herzsprache, die den Leser erreicht (Foto:  Fabian Stürtz)

Ein Herz, das schwingt: Autorin Bettina Belitz schreibt mit einer Herzsprache, die den Leser erreicht (Foto: Fabian Stürtz)

face2face: Da könnte der Leser ja schon eine Gemeinsamkeit zwischen dir und deiner Figur erkennen. Gibt es denn tatsächliche Parallelen zwischen deinem Leben und der Romanhandlung?
Bettina Belitz: Eigentlich nicht. Manchmal kommt natürlich ein kleines Anekdötchen mit hinein, aber zu eigenem erlebten fehlt dann doch die Distanz, die für einen Autor meiner Meinung nach gut ist. Trotzdem ist ein Buch immer wie ein Baby, es ist immer ein Stück von mir selbst. Im regionalen Bezug sieht man da mehr Gemeinsamkeiten. Wie Ronia habe ich eine Zeit lang in Heidelberg studiert und Vorlage für die namenlose Heimatstadt im Roman war Speyer. Der Fluss, an dem Ronia laufen geht, war in meiner Vorstellung immer der Rhein.

face2face: Dein Roman zeigt ja neben der besonderen Sprache auch viele Motive. Woher kommen denn die vielen religiösen Verweise?
Bettina Belitz: Die haben sich auch zu meiner Überraschung eingeschlichen. Während einer nötigen Pause wegen Erschöpfung habe ich viel Meditatives gemacht und das ist fester Bestandteil meines Lebens geworden. Ich setze mich auch mit den damit verbundenen Themen auseinander. Das hat mich wohl unbewusst beeinflusst und für eine gewisse Spiritualität zwischen Ronia und Jan, dem Mann, in den sie sich verliebt, gesorgt. Aber ich finde, das passt gut zum Roman und den Figuren.

face2face: Ziemlich entgegen gesetzt sind ja die durchaus erotischen Momente, wenn Ronia und Jan aufeinandertreffen. Hattest du keine Angst, „Vor uns die Nacht“ könnte als Erotikroman abgestempelt werden?
Bettina Belitz: Eher weniger davor, dass die Leser das tun, als davor, dass die Presse und Kritiker darauf aufspringen. Das ist aber nicht passiert. Wobei es schon ein komisches Gefühl ist, wenn die eigene Mutter dann dieses Buch liest. Aber die tiefere Bedeutung in diesen Szenen scheint klar geworden zu sein.

Regionaler Bezug und weltoffene Geschichte: Bettina Belitz vereint in ihrem neuen Roman viele Elemente zu einer berauschenden Liebesgeschichte (Foto: Fabian Stürtz)

Regionaler Bezug und weltoffene Geschichte: Bettina Belitz vereint in ihrem neuen Roman viele Elemente zu einer berauschenden Liebesgeschichte (Foto: Fabian Stürtz)

face2face: Daneben gibt es auch großen psychologischen Einfluss auf die Geschichte. Auch Ronias und Jans anfängliches Unvermögen, miteinander zu reden, fällt da rein. Ist das denn Absicht?
Bettina Belitz: Der psychologische Einfluss kommt bei mir immer automatisch. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch sein Päckchen trägt und das es in jeder Familie ein Geheimnis gibt, das ans Licht kommen muss. Im Roman ist Jan da ganz wichtig, weil er Licht auf den Staub wirft und einen Reifeprozess für Ronia anstößt. Das Problem der mangelnden Kommunikation betrifft ja auch nicht nur Jan und Ronia, sondern alle Beziehungen in Ronias Leben, zu ihren Eltern, ihren Freunden, ihrem Professor. Meine Lieblingsszene ist darum auch die, wenn Jan in Ronias Badewanne liegt und die zwei endlich miteinander reden. Da zeigt Jan etwas Bodenständiges, aber auch etwas Weiches. Wenn zwei Menschen etwas aneinander liegt, ist es wichtig auf sprachlicher Ebene zusammen zu finden. Insofern ist das Buch durchaus ein Plädoyer für Gespräche und Kommunikation.

face2face: Zum Schluss noch: Gibt es denn schon einen Ausblick auf deinen nächsten Roman?
Bettina Belitz: Der ist bereits geschrieben und wird im Frühjahr 2015 erscheinen. Viel darf ich noch nicht verraten, aber es wird wieder ein Liebesroman für junge Erwachsene mit ungewöhnlichen Helden. Handwerklich wird er allerdings etwas anderes sein, als die bisherigen Romane.

Vor uns die Nacht ist im März 2014 bei Script5 erschienen als gebundene und elektronische Ausgabe.

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Vorschau: Nächste Woche durchleuchten wir  die deutsche Fernsehkultur und fragen uns: Was schauen wir nach der Fußball WM?

„Nimm dich ernst!“ – wenn der Stress überhandnimmt

Berät gestresste Menschen: Diplom-Psychologe Hubert Blanz (Foto: privat)

„Stress ist nützlich“, sagt Hubert Blanz. Der Diplom-Psychologe beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit dem Thema Stress und veranstaltet in seiner Mannheimer Praxis regelmäßig Kurse zur Stressbewältigung. Was Stress eigentlich ist, wie man mit ihm umgehen kann und vor allem, was das Gute am Stress sein soll, verrät er in einem exklusiven Interview.

Face2Face: Was versteht man unter Stress?
Blanz: Stress ist die Auseinandersetzung einer Person mit ihrer Umwelt – so die klassische Definition. Es werden ständig Anforderungen an einen Menschen gestellt und dieser setzt dann seine individuellen Fähigkeiten zur Bewältigung dieses Stresses ein. So entwickelt das Individuum weitere Fähigkeiten und Fertigkeiten – ein nützlicher Effekt von Stress. Nehmen die Anforderungen zu und vielleicht sogar überhand – sind also für den Einzelnen nicht mehr zu bewältigen – entsteht negativer Stress, den man möglichst vermeiden sollte.

Face2Face: Was können die Ursachen für Stress sein?
Blanz: Sogenannte Stressoren können beispielsweise typische Prüfungssituationen sein, Vorstellungsgespräche, aber auch zu erledigende Telefonate. Theoretisch kann alles zum Stressauslöser werden, was die Person beschäftigt und womit sie in ihrem Alltag umgeht.

Face2Face: Wie sollte man denn reagieren, wenn man in eine Stresssituation gerät?
Blanz: Menschen, die in Stress sind, sind außer sich. Daher ist es notwendig sich zu zentrieren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ein Satz, den ich hier gerne anbringe, lautet: Ich traue mir und ich traue mich. Das heißt so viel wie: Wenn ich an mich selbst glaube, dann kann ich alles schaffen – auch eine Stresssituation meistern. In Kursen wie meinen kann man lernen sich selbst zu regulieren. Gelegentliche negative Gefühle, wie Ratlosigkeit, Verzweiflung und Ahnungslosigkeit gehören aber immer dazu und können auch mit der besten Therapie nicht aus der Welt geschafft werden.

Face2Face: Gibt es Techniken, die kurzfristig Erleichterung bei zu viel Stress schaffen können?
Blanz: Ja, die gibt es. Helfen kann es sich kontrolliert abzureagieren, also Dampf abzulassen, beispielsweise mittels Sport. Darüber hinaus gibt es diverse Entspannungstechniken, zum Beispiel Atemübungen, die spontan angewendet werden können. Auch positive Selbstgespräche oder Wahrnehmungsablenkung können schnell Abhilfe schaffen. Zur längerfristigen Stressbewältigung eignen sich unter anderem regelmäßiges Entspannungstraining, Sport oder der Aufbau sozialer Kontakte zur Unterstützung.

Laden zum Entspannen ein: Die Räumlichkeiten der Lösungswege-Praxis in Mannheim (Foto: T. Gartner)

Face2Face: Was können die Resultate aus übermäßigem Stress sein?
Blanz: Durch nicht abgebaute körperliche Erregung, strake Belastung und fehlende Erholung kann sich ein chronisch erhöhtes Aktivierungsniveau entwickeln. Langfristig kann so die Immunkompetenz geschwächt werden – Stress kann also ernsthafte Gesundheitsgefahren mit sich bringen.

Face2Face: Wie kann man als Verwandter oder Freund einem von übermäßigem Stress Betroffenen helfen?
Blanz: Eine konkrete Hilfe gibt es nicht, es kann aber sinnvoll sein, dem Betroffenen dessen momentane Situation deutlich zu machen, indem man ihn darauf anspricht, dass er sich verändert hat, beispielsweise mit einem Satz wie „früher hast du viel mehr gelacht“. In keinem Fall sollte man versuchen dem Betroffenen seine Kompetenzen abzusprechen und ihm Vorschriften zu machen. Die Aufgabe eines professionellen Stresstherapeuten wie mir ist es, dann dem Patienten helfend zur Seite zu stehen, solange bis die Alltagstauglichkeit wiederhergestellt ist und sich der Profi somit überflüssig gemacht hat.

Wie kann ich optimal mit Stress umgehen? Das zeigt Diplom-Psychologe Hubert Blanz in seiner Praxis (Foto: T. Gartner)

Face2Face: Gibt es eine Altersgruppe, die besonders stark von übermäßigem Stress betroffen ist? Lässt sich sagen, welches Geschlecht eher durch Stress gefährdet ist?
Blanz: Diese Fragen der Polarisierung stehen bei meinen Kursen nicht im Vordergrund, da ich finde, dass sie vom Wesentlichen ablenken. Der Einzelne – unabhängig von Geschlecht oder Alter – steht im Mittelpunkt. Ziel ist es sich auf seine eigenen Probleme zu konzentrieren und den Vergleich mit anderen zu vermeiden. „Nimm dich ernst!“, lautet hier das Motto. Schließlich hat man es ja mit Menschen zu tun, nicht mit Kategorien.

Face2Face: Einen Kurs bei Ihnen zu belegen kostet 120 Euro. Übernehmen die Krankenkassen einen Teil oder vielleicht sogar den gesamten Betrag?
Blanz: Die Krankenkassen übernehmen 2/3 der Kosten, also etwa 80 Euro. Ich habe feststellen müssen, dass Leute, die eine Behandlung ganz bezahlt bekommen, sich weniger engagieren.

Info:
Der nächste Stressbewältigungs-Kurs bei Herrn Blanz findet voraussichtlich im Herbst statt. Aktuelle Informationen finden sich auf seiner Homepage. Alle Teilnehmer erhalten ein kostenfreies persönliches Reflexionsgespräch von einer halben Stunde, sofern sie es wünschen.

Kontakt:
Lösungswege – Psychologische Praxis
Rennershofstraße 3
68163 Mannheim
Tel.: 0621/9783045
E-Mail: kontakt@loesungswege.info
Homepage: www.loesungswege.info

Vorschau: Nächste Woche startet eine neue Serie in der Tipps&Tricks-Rubrik: In „Ich hab die Haare schön, Teil I“ erfahrt ihr wie man eine missglückte Coloration schonend wieder los wird.