Portugal im Februar, Teil 2: Atlantikluft, noch mehr Fisch und der Klang von Fado

Nazare ist ein am Atlantik gelegener Küstenort. Wir machten uns von Aveiro mit dem Bus dorthin auf. Bekannt ist Nazare vor allem für seine Riesenwellen – viele Orte an der Atlantikküste Portugals sind wahre Surferparadiese. Der erste Eindruck von Nazare wollte nicht so ganz überzeugen – viele Hotels dicht an dicht gebaut. Beim Ausstieg aus dem Bus wussten wir noch nicht, wo wir übernachten würden, hatten aber von einem Hostel gehört. Als wir uns nach dem Weg erkundigten, erklärte uns eine ältere, unglaublich liebenswürdige Frau, deren Haut von Sonne und Meer gegerbt war, auf Portugiesisch (wir sprachen alle kein Wort!) wie wir dorthin kämen. Sie kam gar nicht mehr aus ihrem Redefluss heraus und küsste uns alle vier zum Abschied auf die Backen. Was für eine Begrüßung! Als wir eine Häuserzeile nahe der Strandpromenade entlangschlenderten, winkte uns eine Frau zu, die uns mit unseren riesigen Backpacking-Rucksäcken wohl sofort als Touristen ausgemacht hatte. Sie zeigte uns ein Apartment in einem Hinterhof. Es hatte einen kleinen Balkon, Küche, zwei Schlafzimmer und Wohnzimmer. Der Preis war akzeptabel und wir wollten uns auch nicht länger als eine Nacht in Nazare aufhalten.

Unsere Abendplanung für Nazare – Fisch essen. Der Atlantik lag direkt vor unserer Nase und wir hatten bereits ein Fischrestaurant ins Visier gefasst. Das war bereits gut gefüll. Ein kleines Lokal mit, wen wundert es, Mosaiken an den Wänden. Wir wurden hereingebeten und bekamen erst einmal einen Schnaps serviert. An der Theke Fisch und Meeresfrüchte wo man hinsah. Allerdings taten wir uns bei der Bestellung schwer – doch der überaus nette und attraktive Kellner eilte uns zur Hilfe und verriet uns seine Lieblingsgerichte – er war der Sohn des Inhabers. Hier arbeiteten alle mit – Geschwister, Vater, Mutter. Ein richtiger Familienbetrieb. Wir bestellten zwei gegrillte Fische, Garnelen in Knoblauch, sowie einen Art Reiseintopf mit Meeresfrüchten, der in einem Tongefäß serviert wurde. Das Essen war himmlisch. Doch leider machten sie bei mir und einer Freundin Magenschmerzen bemerkbar während wir diese leckeren Gerichten schlemmten – nein, am Fisch war nichts auszusetzen, um euch zu beruhigen. Das Restaurant empfehle ich jedem weiter. Doch leider schienen unsere Mägen an eine solche Wucht an Eiweiß und Omega-3-Fettsäuren nicht gewöhnt zu sein. Wir hatten den halben Tag im Bus verbracht und uns die Reise über nicht gerade ausgewogen ernährt. Leider verabschiedeten sich die Magenkrämpfe auch nachts nicht. Doch diesen Teil der Geschichte erspare ich euch lieber. Meinen Geburtstag verbrachte ich traurigerweise im Bett, während meine Freundinnen am nächsten Morgen Nazare erkundeten.

Faszinierender Ausblick auf Lissabon (Foto: Mätzke-Hodzic)

Faszinierender Ausblick auf Lissabon (Foto: Mätzke-Hodzic)

Gegen Mittag machten wir uns nach Lissabon auf. Die Stadt kam uns riesig vor. Am Busbahnhof angekommen, fuhren wir mit der U-Bahn ins Zentrum, wo sich unser Apartment befand, das wir über Airbnb gebucht hatten. Auch durch Lissabon schlängeln sich viele kleine Straßen steile Hänge hoch. In einer solchen Straße war unser Apartment gelegen. Die Lage war perfekt und wir fühlten uns sofort pudelwohl. Nachdem wir Lissabon eingehend erkundet hatten, eine abenteuerliche Bahnfahrt mit der ältesten Straßenbahnlinie, die enge Gassen knarrend bergauf (!) ächzt, nichts für schwache Nerven, erlebt und Kirschschnaps in portugiesischer Manier getrunken hatten – die Kirschkerne werden einfach auf den Boden gespuckt – unternahmen wir einen Tagesausflug  ins nahegelegene Sintra. Dort befinden sich gleich mehrere Unesco-Weltkulturerbe auf quasi einem Fleck – eine alte maurische Festung, Schlösser mit Einflüssen aus unterschiedlichen Epochen und ein großflächig angelegter Park mit einer beeindruckenden Flora und Fauna. (Ich habe das erste Mal einen Korkbaum gesehen!)

A Tasca de Maja - Berauscht von Wein und Fado (Foto: Mätzke-Hodzic)

A Tasca de Maja – Berauscht von Wein und Fado (Foto: Mätzke-Hodzic)

Unseren letzten Abend verbrachten wir ihm alten, maurischen Stadtteil Alfama, dem wir auch tagsüber schon einen Besuch abgestattet hatten. Nachts versprühte dieser Stadtteil einen ganz besonderen Charme. Eine ganze Straße war vom sanften Gitarrenklang und dem melancholischen Fado-Gesang erfüllt.  Fado – die Nationalmusik Portugals entstand vermutlich, als sich portugiesische Seemänner oft monatelang auf See befanden und sowohl die Männer als auch die zurückgelassenen Frauen in Liedern ihre Sehnsucht ausdrückten. A Tasca de Maja ist eine kleine gemütliche Fadobar. Gegründet wurde sich von Maja,  einer gebürtigen Bosnierin, die dort an der Musikakademie studierte, eher zufällig auf Fado aufmerksam wurde, als sie Lieder der populären Sängerin Amalia Rodrigues hörte und sich in die Musik verliebte. In Portugal hat sie bereits beächtliche Bekanntheit erlangt und spricht nebenher auch noch fließend Portugiesisch. Während wir Hauswein tranken und würzige Käsehäppchen naschten, lauschten wir gebannt dem für mich ganz neuen Klang der traditionellen Fado-Lieder. Eine junge Frau zeichnete während des Abends eine Karikatur von mir und meinen Freundinnen – ein Andenken, an diesen schönen Urlaub.

Portugal im Februar, Teil 1: Süßer Portwein, der Duft gegrillten Fisches und das Venedig Portugals

Drei gute Freundinnen und ein gemeinsamer Portugal-Urlaub – das klang sofort nach einer verlockenden Idee. Unser kleiner Portugal-Trip sollte in Porto beginnen und uns am Ende unserer Reise nach Lissabon führen.  Auf Grund der Nebensaison blieben wir fast gänzlich vom Touristentrubel verschont und konnten in drei Tagen gemächlich das malerisch an der Douro-Mündung gelegene Porto erkunden.

Eine Kulisse die zum Träumen einlädt - Porto bei Abenddämmerung (Foto: Mätzke-Hodzic)

Eine atemberaubende Kulisse – Die hiostorische Hafenstadt Porto bei Abenddämmerung (Foto: Mätzke-Hodzic)

Das Stadtbild von Porto ist geprägt von steilen Straßenhängen, in denen sich unzählige pittoreske Wohnhäuser, viele von ihnen leerstehend, aus dem frühen 20. Jahrhundert wiederfinden. Die Fassaden sind vielfach mit mühevoll handgefertigten Keramikfliesen in den unterschiedlichsten Ausführungen verziert. Diese befinden sich auch an Kirchen und anderen Monumenten. Die sogenannten „Azuljeos“ blicken in Portugal auf eine lange Tradition zurück und gelangten ursprünglich durch die Eroberung der Mauren nach Portugal.

Ein letzter Schluck Porwein - dazu ein fantastischer Ausblick auf Porto und den Fluss Douro (Foto: Mätzke-Hodzic)

Ein letzter Schluck Portwein – das Anwesen des traditionsreichen Portweinbetriebs Taylor’s lässt einen ganz schön staunen (Foto: Mätzke-Hodzic)

Auf der anderen Flussseite hat sich eine Vielzahl von Portweinkellereien niedergelassen. Die großformatigen Plakate nennenswerter Portweinhäuser, wie etwa Taylors, Sandeman und Graham, bleiben einem nicht verborgen. Portwein entstand durch den Handel zwischen Großbritannien und Portugal. Die Engländer sollen dem Traubenmost Brandy beigefügt haben, da die Qualität des Weines zu wünschen übrig ließ. Durch diesen wurde der Gärungsprozess gestoppt und der Alkohol in Zucker umgewandelt – Ergebnis war der süßliche Portwein, deren Trauben zumeist aus dem Douro-Tal stammen, durch welchen Porto weltweite Bekanntheit erlangte. Bei Taylors bezahlen wir 5 Euro für eine Weinverkostung inklusive Führung – eine definitiv lohnenswerte Investition. Das beeindruckende Gut befindet sich hoch über der Stadt, hat einen eher nach englischem Stil angelegten Garten und von der Terrasse aus offenbart sich einem die Stadt in ihrer ganzen Pracht. Bei der Führung werden wir in einem düsteren Keller, in dem Dutzende Weinfässer aus Eichholz lagern, von einer Dame, die in einen schwarzen Umhang gehüllt ist und zur wohl beabsichtigten, mystischen Stimmung beiträgt, in die Geheimnisse der Portweinherstellung eingeweiht. Ein einmaliges Erlebnis!

Da kommen Sommergefühle auf: Blauer Himmel und der Atlantik (Foto: Mätzke-Hodzic)

Ein Abstecher zum Fischerdorf Afurada: Dort erwartet uns ein blauer Himmel und die Weite des Atlantiks (Foto: Mätzke-Hodzic)

Wer ein paar Tage in Porto verweilt, sollte einen Tagesauflug in das nahegelegene Fischerdorf Afurada in Erwägung ziehen. Es hat den Ruf, einige leckere Fischrestaurants zu beherbergen. Zudem soll es den Charme eines verschlafenen Dorfes versprühen. Ein kleines Boot, das von einer eher unscheinbaren Stelle ablegt, schippert einen für 3 Euro auf die andere Seite. Dort steigt einem sofort der unwiderstehliche Geruch von gegrilltem Fisch in die Nase.

Waschtag - in Afurada hängen unzählige Wäscheleinen mit frischgewaschener Wäsche (Foto: Mätzke-Hodzic)

Waschtag – in Afurada hängen rundherum um eine gemeinschaftliche Waschstelle unzählige Wäscheleinen mit frisch gewaschener Wäsche (Foto: Mätzke-Hodzic)

Dem können wird jedoch (zu Beginn) noch Stand halten, da wir uns einen Eindruck von dem kleinen Dorf verschaffen wollen, in dem tatsächlich, die Zeit etwas langsamer zu ticken scheint. Von weitem sichten wir den Atlantik und lassen uns nach einem kleinen Fußmarsch oberhalb einer Meeresbrandung nieder, von der aus wir fasziniert den brausenden Atlantik und das Spiel der Wellen beobachten. Auf dem Rückweg gibt es dann den wohlverdienten frischen Fisch vom Grill in einem mehrheitlich von Einheimischen besuchten Restaurant. Außerdem werden weitere Speisen, die nicht bestellt wurden, an den Tisch gebracht –  in Portugal ganz gewöhnlich. Es kann freundlich abgelehnt werden. Wer sich aber an die nicht bestellten Speisen hermacht, muss auch bezahlen.

Als nächste Station steuern wir Aveiro, auch das Venedig Portugals genannt, an. Dafür begeben wir uns auf die einstündige Zugfahrt ausgehend von Portos märchenhaften Bahnhof, dessen hohe Eingangshalle mit blauleuchtenden Azulejos verziert ist. Die Landschaft auf dem Weg Richtung Aveiro ist eher karg und die kleinen Örtchen, die wir passieren, scheinen ihre blühenden Jahre hinter sich gelassen zu haben. Zu blühen scheinen dafür, die während der Fahrt immer wieder auftauchenden und hellleuchtenden Orangen- und Zitrusbäume.

Aveiro - auf Grund seiner Kanäle auch Venedig Portugals genannt (Foto: Mätzke-Hodzic)

Aveiro – auf Grund seiner Kanäle und den gondelähnlichen Booten auch Venedig Portugals genannt (Foto: Mätzke-Hodzic)

Aveiro präsentiert sich als kleines, gemütliches Städtchen, durch welches sich Kanäle hindurchschlängeln, auf denen bunt bemalte Flosse unter den Brücken hindurchgleiten. In der Altstadt schmiegen sich farbenfrohe Häuserzeilen eng aneinander. Wir lassen uns im Hostel Rossio nieder, in dem wir in einem 8-Bett-Zimmer, ansonsten alleine, untergebracht sind. (14 Euro pro Person und Nacht) Das Hostel  befindet sich in einem historischen Gebäude, mit knarrenden Holztreppen und ist geräumig und liebevoll eingerichtet.

In Aveiro stürzen wir uns das erste Mal ins Nachtleben. Das „Mercado Negro“, zu Deutsch Schwarzmarkt, stellt eine Art alternatives Kulturzentrum dar, dessen Räumlichkeiten sich gleich über ein ganzes Stockwerk erstrecken. In einem Zimmer mit Theke bestellen wir unsere Getränke und machen es uns sogleich in einem anderen Raum mit schummrigen Licht auf Seconhand Möbeln gemütlich. Nach ein paar Drinks ziehen wir beseelt von diesem Ort weiter und gelangen an einen Platz nahe des Fischmarkts (Mercado do Peixe) im alten Stadtkern, an welchem sich für uns völlig unerwartet, unzählige Grüppchen von Studenten lauthals lachend und unterhaltend, tummeln. Hier wird statt Döner als Mitternachtssnack, „Tripas“ geschlemmt – eine Crepe-ähnliche Spezialität mit verschiedenen Füllungen. Auch wir kommen nicht drum herum, die verlockende Süßspeise zu kosten. Langsam ist für uns nun aber Schlafenszeit –  es gilt unsere Kräfte zu schonen. Denn es warten noch Nazare, Sintra und als krönender Abschluss Lissabon auf uns.

Vorschau: Am 17. März nimmt die Reise-Redaktion Euch mit auf einen Abstecher nach Rom. Seid gespannt!

Sparen durch Steuern

Nach den heftigen Massenprotesten der letzten Wochen hat der portugiesische Finanzminister Vítor Gaspar beschlossen auf die geplante Erhöhung der Sozialabgaben zu verzichten. Auch eigentlich gestrichene Urlaubs- und Weihnachtsgeldzahlungen sollen nicht komplett wegfallen. Die portugiesische Regierung musste einräumen, dass sie das Haushaltsdefizit-Ziel von 4,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes nicht einhalten könne, weshalb zusätzliche Einsparungen notwendig seien, um die Sparvorgaben der europäischen Geldgeber zu erfüllen.

Bisher gilt der Krisenstaat als Vorbild in Europa. Für die 78 Millionen Euro, die das Land im letzten Jahr erhalten hatte, wurden die auferlegten Sparvorgaben weitgehend erfüllt. Neben der Kürzung der Staatsausgaben, brachte die Regierung vor allem Steuererhöhungen und Lohnkürzungen im öffentlichen Sektor auf den Weg. Seitdem stagniert die Wirtschaftsleistung aber immer mehr. Das Geld für zusätzliche Investitionen fehlt, die Arbeitslosenrate kletterte auf über 15 Prozent. Wo kein Geld mehr da ist, kann man auch nichts investieren, um die Produktion und den Konsum wieder anzukurbeln. Die nötige Balance zwischen Kürzungen und Ankurbelung der Wirtschaft zu finden, ist sehr schwer. Jedenfalls ist es kaum verwunderlich, dass die Menschen das Gefühl haben, der „Robin Hood der Reichen“ – wie der Finanzminister in kritischen Kreisen oft verunglimpft wird – will ihnen mit den neuen Sparplänen noch mehr Geld aus der Tasche ziehen.

Dass gerade in Krisenzeiten der Zusammenhalt in der Bevölkerung und die zumindest grundlegende Unterstützung der Regierung, die versucht die Rezession zu bekämpfen, unheimlich wichtig ist, hat der Finanzchef in Lissabon erkannt. Statt höherer Sozialabgaben sollen die Portugiesen in Zukunft mehr Steuern zahlen. Steigen sollen die Einkommens-, Kapital- und Vermögenssteuern, um das Haushaltsdefizit in den kommenden Perioden zu reduzieren. Außerdem denkt Gaspar über die Einführung einer Finanztransaktionssteuer nach. Damit würde Portugal, neben Frankreich, wo die Steuer seit August 2012 existiert, zu den Pionieren in Europa gehören.

Mit einer Finanztransaktionssteuer würden bestimmte Umsätze besteuert, die an den Finanzmärkten generiert wurden, wie zum Beispiel Wertpapierkäufe und deren Erwerb oder Veräußerung mittels Finanzderivaten. Das Ziel die Eindämmung risikoreicher Spekulation durch eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte. Auch der technisierte Hochfrequenzhandel, der mittels komplexer Computermodelle zum Beispiel von Hedge Fonds betrieben wird, soll durch die Steuer strenger überwacht und reduziert werden. In Deutschland ist die Steuer allerdings ein ewiges Streitthema zwischen den Parteien. Ein Ergebnis ist hier vorerst nicht absehbar.

Änderung der Sparpläne in Portugal hin oder her – die größte Gewerkschaft hat bereits zu einem Generalstreik gegen „Ausbeutung und Verarmung“ aufgerufen. Dem Aufruf werden sicherlich viele Portugiesen folgen. Viele Menschen werden jedoch keinen wirklichen Fortschritt wahrnehmen. Denn sie sind es letztendlich, die die höheren Steuern zahlen werden. Die Erhöhung der Reichensteuer dürfte allerdings zweifellos von den Bürgern als gerecht aufgefasst werden.

Nun auch Spanien „unter der Haube“

Erleichterung letzten Samstag bei Finanzminister Wolfgang Schäuble, der EU-Kommission, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und den USA: Spaniens Wirtschaftsminister Luis De Guindos verkündet die Absicht, Hilfen aus dem EU-Rettungsschirm in Anspruch zu nehmen. Mit dem Geld soll ein Programm zur Rekapitalisierung und zukünftiger Kapitalsicherung des angeschlagenen spanischen Bankensektors in Gang gebracht werden. Das Geld soll an Auflagen für den Finanzsektor geknüpft sein, nicht jedoch an die harten strukturellen Sparauflagen der gefürchteten „Troika“, die Sparkommissare der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und des IWF. Dies betonte De Guindos ausdrücklich auf der Pressekonferenz am Samstag. Die Spanier wollen nicht in eine Schublade mit den Krisenländern Griechenland, Portugal und Irland gesteckt werden, die bereits Hilfen aus dem EU-Rettungsfonds EFSF erhalten (Face2Face berichtete). Dies ist einer der Gründe für das lange Zögern und wiederholte Dementieren der Regierungssprecher, wenn es um die Frage ging, ob Spanien einen Antrag auf Kredite bei der EU-Kommission stellen würde.

Das Land kämpft gegen den Kollaps des Bankensystems, ausgelöst durch faule Immobilienpapiere. Nach dem Bauboom vergangener Jahre können zahlreiche Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden (Face2Face berichtete). Kredite zur Rettung der Banken vom Kapitalmarkt scheiden aufgrund der hohen Zinssätze, denen sich das Land gegenübersieht, weitgehend aus. Das Haushaltsziel der spanischen Regierung für das laufende Jahr steht auf der Kippe. Die Unterstützung durch Gelder der Euro-Gruppe war für viele die logische Konsequenz aus der aktuellen Situation und praktisch unausweichlich.

Realistisch erscheint eine Summe von 100 Milliarden Euro, welche den Kapitalbedarf beinhaltet, um die Geldinstitute zahlungsfähig zu halten und einen zusätzlichen Puffer. Allerdings sollten Garantien nicht zu vorschnell erteilt werden. Spanien hat bisher nur eine Absichtserklärung abgegeben, aber noch keinen formellen Antrag eingereicht. Des Weiteren sind die Konditionen, zu denen die Kredite gewährt werden, noch nicht ausgehandelt. Trotz der Vorbehalte Madrids gegen allgemeine Wirtschafts- und Strukturreformen wird das Land nicht um einige Mindestkonditionen herumkommen. Das Grundprinzip des EU-Rettungsschirms, Geld gegen Reformen zur Stabilisierung der Wirtschaft, muss erhalten werden, sonst könnten womöglich die anderen Empfängerländer ihrerseits Forderungen an die EU-Kommission stellen.

Unklar ist, ob Spanien das Geld aus dem provisorischen Rettungsfond EFSF oder dem neuen, dauerhaften Fond ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus) erhalten wird. Ein Vorteil des neueren Modells wäre der bevorzugte Gläubigerschutz, das heißt im Insolvenzfalle würden die Kredite der EU an das Land bevorzugt bedient, bevor die privaten Gläubiger an der Reihe wären. Ein negativer Aspekt dieser Regelung ist das erhöhte Risiko für private Investoren, die in zweiter Reihe „abgestellt“ würden. Ein weiterer Vorteil des ESM ist die Beteiligung der Länder, die sich bereits unter dem Rettungsschirm befinden, an den Kreditgarantien. Nach dem alten Modell würde Spanien nach Erhalt des Geldes aus dem Kreis derjenigen, die für die Rückzahlung einstehen, ausscheiden. Dies würde eine zusätzliche Belastung für Deutschland und die anderen zahlenden Staaten bedeuten. Zurzeit ist der ESM-Vertrag jedoch noch nicht von genügend Mitgliedsländern unterzeichnet, darunter paradoxerweise auch Deutschland, wo die Ratifizierung von ESM-Vertrag und Fiskalpakt Gegenstand heftiger Streitereien ist.

Es bleibt spannend im Ringen um die Wirtschaft Spaniens. Ist die Bankenrettung mit EU-Geld die passende Lösung für ein Land, dessen Hauptproblem die enorme Arbeitslosigkeit ist? Oder bedeutet die komplette Abhängigkeit Madrids vom EU-Rettungsschirm ein dauerhaftes Abschrecken der Investoren für spanische Staatsanleihen? Experten sind sich weitgehend einig, dass Spanien bessere Chancen hat aus der Krise zu kommen als zum Bespiel Griechenland. Dies könne aber nur durch die Ergänzung der Bankenregulierung mit zusätzlichen Strukturreformen, und mit der Bekämpfung der Kernprobleme der spanischen Wirtschaft erreicht werden.

Europas Profilneurotiker

José Manuel Barroso ist unzufrieden. Der Sozialdemokrat, der als Maoist (Anm. d. Red.: Ein Maoist ist ein Kommunist „Made in China“) seine politische Karriere begann und von 2002 bis 2004 Premierminister von Portugal war, ist seit November 2004 Präsident der Europäischen Kommission und steckt gerade in einer politischen Midlife-Crisis. Vorbei sind die goldenen Zeiten, in denen er erfolgreich gegen das Böse – namentlich den US-amerikanischen Technologiekonzern „Microsoft“ und dessen Webbrowser „Internet Explorer“ sowie das Audio- und Videoabspielprogramm „Windows Media Player“ – zu Felde ziehen konnte und mit reicher Kriegsbeute – „Microsoft“ wurde zu Strafzahlungen in Höhe von 1,7 Mrd. Euro verurteilt – aus den Schlachten hervorging.

In der jüngeren Vergangenheit konnte er lediglich durch die geniale Idee, Benzin mit aus Lebensmitteln gewonnenem Ethanol zu strecken und damit die Abhängigkeit Europas von den ölexportierenden Ländern zu verringern und gleichzeitig das Klima und damit die Welt zu retten, glänzen. Dass dies Auswirkungen auf Lebensmittelpreise haben oder gar die Brandrodung etwa in Brasilien beschleunigen könnte, wurde durch entsprechende Studien ausgeschlossen. Und wie sicher jeder weiß, ist E10 ein Bestseller an der Tankstelle, senkt den Kraftstoffverbrauch und hat in keiner Weise zu einer allgemeinen Erhöhung der Kraftstoffpreise beigetragen.

Doch wenn es um die wirklich wichtigen Dinge in Europa – also Geld und im Speziellen das Recht, Geld von anderen zu fordern – geht, hat die Europäische Kommission noch nicht die totale Kontrolle. Hinzu kommt, dass durch die Staatsschuldenkrise Frankreichs Präsident Sarkozy und Bundeskanzlerin Merkel auf der politischen Bühne in Brüssel die Hauptrollen übernommen haben. Das alles ärgert Herrn Barroso.

Darum setzt er sich vehement für die Einführung einer Finanzmarkttransaktionssteuer – die natürlich unter der Aufsicht der Europäischen Kommission eingetrieben wird und direkt in den EU-Haushalt einfließt – in Europa ein. In einem jüngst vorgestellten Grünbuch (Anm. d. Red.: als Grünbuch wird ein Diskussionspapier zu einem Gesetzesvorschlag bezeichnet) schlug Barroso auch wieder die Einführung von „Stabilitätsanleihen“ – das ist Neusprech für „Eurobonds“ – in drei verschiedenen Varianten vor. Das Grünbuch enthält keine konkreten Forderungen oder Vorschläge, sondern nur grobe Ideen. Es erfüllt aber seinen Zweck insofern, dass es dem Autor die Aufmerksamkeit der Medien sicherstellt.

Barroso, der die kritische Hinterfragung seiner Handlungen und Kritik an seiner Person übrigens gerne als Verleumdung und Rufschädigung bezeichnet, erinnert im Zusammenhang mit der Schuldenkrise und dem Thema Finanzdisziplin gerne daran, dass ihm während seiner Amtszeit als Premierminister Portugals die Einhaltung des Euro-Stabilitätspaktes gelungen sei und er nicht mit den negativen Entwicklungen der letzten Jahre in Verbindung gebracht werden könne. Dass die Einhaltung des Euro-Stabilitätspaktes jedoch nur deshalb gelang, weil Lissabon staatliche Beteiligungen verkaufte, den Pensionsfonds des staatlichen Postunternehmens anzapfte und einen Weg fand, zukünftige Steuereinnahmen zu verbriefen und an der Börse zu verkaufen – ein Schelm, wer jetzt an Enron denkt – wird in diesen Ausführungen gerne verschwiegen.