Selbstversuch: Inwiefern werden wir durch Wahlwerbung beeinflusst?

***Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Meinungsbeitrag. Er gibt die Ansichten der Autorin wieder, nicht jedoch die der gesamten Face2Face-Redaktion. Als unabhängiges Online-Magazin ermöglichen wir unseren Mitarbeitern eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit.***

Heute ist es soweit: Die Wahl zum 19. Deutschen Bundestag findet statt. Schon seit Wochen werben die Parteien für ihre Programme und hoffen die Stimmen der Bürger für sich zu gewinnen. Aber wie genau sieht diese Werbung aus und vor allem: Wie sehr werden wir dadurch beeinflusst? Mit dieser Frage habe ich mich näher befasst und einen Selbstversuch gestartet. Bewusst habe ich darauf geachtet, wo man überall mit Werbung von Parteien konfrontiert wird und inwiefern diese mich hinsichtlich meiner Stimme manipulieren kann.

Ein wohlüberlegtes Kreuzchen
Schon einige Wochen vor der Wahl rühren die Parteien kräftig die Werbetrommel. Dadurch wird man früh mit der Bundestagswahl konfrontiert und macht sich Gedanken, wo man sein Kreuz machen wird. Das finde ich auch gut, denn schließlich sollte das keine unüberlegte Handlung sein. Wir haben nämlich das Recht auf eine Stimme, dank der wir Einfluss auf die Politik nehmen können.

Wahlplakate soweit das Auge reicht

Wahlplakate soweit das Auge reicht (Foto: M. Boudot)

Seit mehreren Wochen hängen an Straßen, Fahrrad- und Gehwegen dutzende Wahlplakate. Von überall lächeln mich diese herausgeputzten Menschen an, geben Versprechen ab und behaupten, dass ihre Partei die beste für Deutschland sei. So heißt es zum Beispiel von der SPD „Die Zukunft braucht neue Ideen und einen, der sie umsetzt“ oder von der CDU „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Klingt doch beides auf den ersten Blick vielversprechend, aber können die Parteien ihre Versprechen auch einhalten? In diesem Punkt sind sie sich ausnahmsweise alle einig und von der Umsetzbarkeit ihrer Visionen vollkommen überzeugt.

Promis werben für „ihre“ Partei
Neben zahllosen Berichten im Fernsehen, Radio und in der Zeitung, rufen auf Social Media-Plattformen, wie Facebook, Twitter und Instagram auch Prominente dazu auf, das Kreuz für eine bestimmte Partei zu machen. Handelt es sich dabei um bezahlte Kooperation oder haben sich die Promis wirklich intensiv mit dem Wahlprogramm ihrer Partei auseinandergesetzt und sind davon überzeugt? Letzterem bin ich kritisch gestimmt, fühle mich von solcher Werbung nicht angesprochen und lasse mich dadurch auch nicht beeinflussen.

Politische Stolperfallen im Alltag
Vor allem in den letzten Wochen vor der Wahl zeigen sich die Parteien präsent. So schlendere ich an einem Samstagmorgen über den Flohmarkt und entdecke neben gebrauchter Kleidung einen Stand der SPD. Eigentlich eine gute Sache, den Bürgern in ihrem Alltag die Möglichkeit zu geben sich zu informieren. Aber muss man denn wirklich überall an die Wahl erinnert werden? Mein Vorhaben gedankenlos nach tollen Schnäppchen zu suchen ist somit nicht ganz aufgegangen.

Eine Woche später stoße ich, auf dem Weg zum Supermarkt, auf Stände der CDU und Grünen. Hier gibt es neben ehrbaren Versprechen auch Werbegeschenke. Ich freue mich über meinen neuen Kugelschreiber und Notizblock, fühle mich den Parteien gegenüber aber nicht schuldig und nicht dazu gezwungen ihnen dafür etwas zurückgeben zu müssen.

Eine ganz ähnliche Situation an einem anderen Tag: Ich genieße die letzten Sonnenstrahlen auf einer Liegewiese am Fluss. Am liebsten möchte ich die Seele baumeln lassen und mir über nichts Gedanken machen müssen. Doch kurze Zeit später baut die SPD einen Stand auf dem Rasen auf. Und schon wieder werde ich mit dem Thema Wahlen und mit Werbung einer Partei konfrontiert.

Alles freundliche Menschen, die das gleiche Ziel vor Augen haben – egal aus welcher Partei sie kommen: Meine Stimme für sich zu gewinnen und heute mein Kreuz vor ihrem Parteinamen zu erreichen. Gut ist, dass die Bevölkerung schon frühzeitig auf die bevorstehende Wahl aufmerksam gemacht wird und sich jeder somit rechtzeitig überlegen kann, welche Partei er in den Bundestag wählen möchte. Aber in meiner Freizeit will ich nicht dauerhaft mit dem Thema konfrontiert werden und ständig über Wahlwerbung stolpern.

Beeinflussung im engsten Kreis?
Während meines Selbstversuchs ist mir zudem aufgefallen, dass sogar meine Familie und Freunde mich hinsichtlich meiner Stimme in gewisser Weise beeinflussen können. Denn die Bundestagswahl ist in aller Munde und wird auch unter uns stark diskutiert. Familie und Freunde werben für „ihren“ Kandidaten. Der Vorteil: Ich werde auf einige Aspekte aufmerksam gemacht, die mir so vorher nicht bewusst waren und mich zum Nachdenken anregen.

Ich habe das Gefühl, dass vor allem die Meinung meiner Eltern mir hinsichtlich der Wahl und der Kandidaten wichtig ist. Denn sie sind für mich Vorbilder und nach den Normen und Werten, die sie mich gelehrt haben, strebe ich und lege Wert auf diese. So auch bei meiner Wahl eines Bundestagskandidaten.

Wähle ich wirklich frei? – Mein Fazit
Meiner Meinung nach sollte sich jeder selbst eine Meinung bilden. Dabei schadet es allerdings nicht, gewissen Input von außerhalb, zum Beispiel durch den engsten Kreis, zu bekommen. So könnt ihr verschiedene Eindrücke bekommen, unterschiedliche Meinungen vergleichen und neue Blickwinkel gewinnen. Auch die Werbung der Parteien ist hilfreich bei der Entscheidung, vor allem durch den direkte Kontakt im Alltag. Hier können noch offene Fragen beantwortet werden und man bekommt einen ganz anderen Bezug zu der Partei – auch wenn es in diesem enormen Maß lästig werden kann.

Meine Entscheidung habe ich nicht zuletzt getroffen, indem ich mich im Vorfeld über die verschiedenen Wahlprogramme der Parteien informiert habe. Das hat die Auswahl schon mal etwas eingegrenzt. Außerdem haben mir einige Fernseh-, Radiobeiträge und Zeitungsartikel bei meiner Entscheidung geholfen – ebenso wie Gespräche mit Verwandten und Freunden. Am Ende zählt meiner Meinung nach vor allem die Sympathie, die man für einen Kandidaten aufbringt und wie sich dieser präsentiert.

Egal, wie man sich letzten Endes entscheidet, wichtig ist es überhaupt zu wählen und sich somit für seine politischen Anliegen einzusetzen – also auf in die Wahllokale!

Bitte keine GroKo

***Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Kommentar. Er gibt die Ansichten der Autorin wieder, nicht jedoch die der gesamten Face2Face-Redaktion. Als unabhängiges Online-Magazin ermöglichen wir unseren Mitarbeitern eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit.***

Bundestagswahl. Alle vier Jahre wieder kommt der Urnengang. Für mich selbstredend. Wer nicht wählt, darf nicht meckern, und mal ehrlich, wir meckern doch alle gern. Spaß beiseite. Natürlich will ich mein Recht, mitzubestimmen, wie der Laden so läuft, ausnutzen. Denn so gut es uns hier geht, ich glaube, es könnte noch viel besser sein. Ich wähle nicht, weil ich glaube, jeder Punkt im Wahlprogramm könne umgesetzt werden, sondern mit der Hoffnung, dass im Ganzen Dinge verbessert werden. Manchmal für mich, manchmal für andere Menschen und Gruppen. Für dieses Land, das aus Vielfalt besteht. Tatsächlich ist da in unserer Regierung wenig zu merken. Da gibt es Einheitsbrei. Schuld daran: Die große Koalition.

Alle gemeinsam?

GroKo: Bringt uns gerade nicht weiter (Foto: clareich/pixabay.de)

Die große Koalition aus den beiden großen etablierten Parteien CDU/CSU und SPD. Seit 2013 besteht sie wieder und davor gab es nur eine Legislaturperiode Pause, denn bereits von 2005-2009 hieß es GroKo. Ich kann das echt verstehen. Große Koalition bedeutet weniger Konflikt, weniger innerdeutsche Politik, denn wenn die beiden großen sich gegenseitig nicht angreifen dürfen, ist es angenehm ruhig. Denn dann gibt es einen Vertrag, was gemacht wird und was nicht, den Lob darf die Regierungspartei einheimsen, auch wenn der Grund nicht auf ihrem Mist gewachsen ist. Beispielsweise bei der Mütterrente oder der Mietbremse. Der Wahlkampf beginnt spät, denn auch hier muss der politische Gegner, der koaliert hat, ja warten bis die alte Regierung ausläuft. Das merken wir gerade. Keinen Monat bis zu Wahl und alles ist relativ lau. Angenehm? Vielleicht. Politik sieht anders aus.
Konfrontationskurs

Unsere Entscheidung: Wie der Bundestag nach der Wahl zusammengestellt ist, bestimmen die Wähler (Foto: FelixMittermeier/pixabay.de)

Wie genau durften wir tatsächlich im Mai erahnten. Stichwort Ehe für alle. Weil im Koalitionsvertrag steht, dass die Ehe für alle diese Legislaturperiode nicht angegangen wird, hat sich die SPD zwangsweise zurückgezogen. Die CDU musste das Thema nicht fürchten. Bis die Bundeskanzlerin erklärt hat, man könne das ja in der nächsten Regierungsperiode angehen. Toller Schachzug. Erst nicht wollen und dann dem Gegner den Wind aus den Segeln nehmen. Das war clever. Mit dem nächsten Schritt hat die SPD im Grunde die Koalition gebrochen. Sie hat das Thema auf den Plan gebracht. Vom ersten Wort bis zu Abstimmung in drei Tagen. Wow. Deutschland jubelte, Merkel stimmte mit Nein, die Ehe für alle war beschlossen. Von den Nachwehen der Umsetzung spreche ich jetzt nicht. Denn es geht um die Begeisterung der Menschen. Der Konfrontationskurs zwischen den beiden großen Parteien in dem Thema hat Deutschland in Bewegung gesetzt. Ob dafür oder dagegen, es wurde diskutiert, geredet, gefeiert oder geflucht. Die Leute haben sich interessiert, informiert, die live Schaltung des Bundestags hatte endlich mal einen Grund und Zuschauer. Das ist Politik. Und keine GroKo.
Die Stärke der Kleinen

Hingehen : am 24.September sind Bundestagswahlen (Foto: stux/pixabay.de)

Dieser Konfrontationskurs wird tatsächlich vermisst. Wir meckern über die politischen Reden und das große Geschrei der Politiker. Aber wenn sie nicht da sind, weil alle leise sein müssen, werden die kleinen laut. In einer Regierung mit großer Opposition hätte der aufgekommene rechte Populismus wahrscheinlich nicht so groß werden können. Auch weil die Regierungspartei ihren Standpunkt weniger mittig gestaltet hätte. Mehr Konflikt heißt auch mehr Reaktion. Weil die Großen sich zwangsweise annähern mussten, wurde es in der Regierung mittiger. Eine Partei der Mitte ist wie das Fähnlein im Wind. Sie richtet sich nach Moden aus, hat aber keinen klaren Kurs. Und das Problem haben jetzt CDU/CSU wie SPD gleichermaßen. Natürlich habe ich einen Wunsch, wie die Wahl ausgeht. Der muss hier gar nicht stehen. Denn fast noch wichtiger ist mir, dass die Regierung danach keine große Koalition ist. Eine starke Opposition ist so viel mehr Wert und kann immer noch viel erreichen – oft mehr, als eine Partei, die ihre Kraft dem politischen Gegner zur Verfügung stellt.

2017 – das Jahr der Fake-News?

KOMMENTAR: Gerade sind wir im Jahr 2017 angekommen. Es steht unter dem Zeichen der Postfaktizität. Was das heißt? Wir sind scheinbar über die Fakten hinausgewachsen. Emotionen sind die neuen Fakten und gefühlte Wahrheiten werden immer mehr salonfähig. Der neue Trend-Begriff „Fake-News“ reiht sich hier verblüffend gut ein, denn der Anglizismus beschreibt eigentlich schlicht: Falschmeldungen. Informationen sollten nach journalistischen Leitsätzen immer geprüft werden, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen. Stattdessen ist es heute gängige Praktik – das haben wir nicht nur im vergangenen Jahr vielfach beobachten können – Schlagzeilen einfach voneinander abzuschreiben. Der Spiegel-Redakteur liest die Bild-Zeitung, die Süddeutsche, die FAZ und selbstverständlich auch umgekehrt. Außerdem erwerben alle Massenmedien Datensätze von Nachrichtenagenturen, die sie des Öfteren sogar wortwörtlich übernehmen.

2016 – ein Krisenjahr für die Massenmedien

Stichwort: Lügenpresse, leicht abgewandelt auch Lückenpresse. Überall heißt es: „Wem kann ich denn noch glauben?“ Von „Social Bots“ ist die Rede, die automatische Antworte generieren und von „Trollfabriken“, die im Auftrag des (russischen) Staates Manipulationen im Internet betreiben soll. Das sei gezielte Manipulation, manchmal wird sogar von Propaganda gesprochen: Flüchtlinge würden gegen eine Kirche urinieren, Hillary Clinton leite einen Kinderporno-Ring und es würden Koran-CDs mit Gift umher gehen – je empörender, also emotionalisierender die Nachricht, desto häufiger wird sie geteilt, geliked und besprochen. Prinzipiell war das nie anders: Menschen interessieren sich mehr für Skandale und Pannen als für positive Nachrichten. Deshalb ist der laute Ruf und der Fingerzeig auf die vermeintlichen Fake-News-Macher – zumeist selbsternannte „alternative“ Medien – überaus schädlich. Denn die schlagen schneller zurück, als erwartet. So wurde dieser Tage die Washington Post überführt, die Hacker-Verschwörung von Russland gegen den US-amerikanischen Wahlkampf lediglich behauptet zu haben. Quellen? Keine.

Die Suche nach dem Fehler

Der Fehler liegt doch tatsächlich im System: Menschen machen Nachrichten. Ob diese nun alternativ oder im Sinne des „mainstreams“ von etablierten Medienhäusern stammen – sie werden immer von Menschen gemacht, deren Intentionen nicht immer nur gut sind. Nur eins hat sich geändert: Heute ist es bei weitem einfacher, eine enorme Reichweite zu erzielen, viral zu gehen. Sobald dann der virale Sumpf gelichtet wird, werden nicht nur ein paar Trolle entlarvt, das sind Online-Provokateure, die sich daran erfreuen, wenn ihr Gegenüber überreagiert und die zu diesem Zwecke verbreiteten Falschmeldungen und Scherze, also Hoaxes nicht selten in die Netz-Welt setzen. Das eigentliche Problem sind wir, die Menschen. Menschen wollen Dinge glauben, die ihrer Meinung entsprechen, sie empören sich gerne und sind sensationsgeil. „Jeder darf doch wohl seine eigene Meinung haben, hier gibt es doch immerhin Meinungsfreiheit!“ Diese Ignoranz, die Suche nach Selbstbestätigung und die Schwierigkeit mehr als nur eine Wahrheit anzuerkennen, verhärtet die Fronten. Jeder hat am Ende seine eigene Agenda, seine eigene Wahrheit und eigene Weltverschwörung.

Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Die Flüchtlingskrise: Ein Update

KOMMENTAR: Mittlerweile ist es November. Die sogenannte Flüchtlingskrise ist schon lange zum innenpolitischen Problem erhoben worden. Offiziell befindet sich diese Krise jetzt in ihrem zweiten Jahr – völlig ungeachtet der Tatsache, dass auch vor 2015 Einwanderung auf diesem Weg stattfand. Zur Erinnerung: Der Krieg in Syrien dauert bereits fünf Jahre an. Bisher wurde angenommen, dass etwa eine 250.000 Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Allerdings wurde die Zählung der Opfer Mitte 2014 eingestellt, da zuverlässige Daten nicht zugänglich seien, so der UNHCR. Seit 18 Monaten können die Verluste also nicht einmal mehr erhoben werden. Wissenschaftler des Syrischen Zentrums für Politikforschung gehen bereits von einer Dopplung der Zahl aus.

Es haben zwar über den gefährlichen Seeweg mehr als 171.000 Personen von der Türkei aus die Ägäischen Inseln Griechenlands erreicht. Aber mit den Rekordzahlen des Vorjahres hat das nur noch wenig zu tun. Noch in den ersten beiden Monaten des Jahres kamen ganze Flüchtlingsströme auf den Inseln an. Der Strom aber hat sich seit dem Inkrafttreten des Abkommens zwischen der Türkei und der Europäischen Union vom 20. März 2016 verlagert. Nach Griechenland kommen vor allem Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak – knapp die Hälfte sind Syrer.

In Syrien verschlimmert sich die Lage zusehends. So erklärte Stephen O’Brien –UN-Koordinator für humanitäre Hilfe – , vor dem New Yorker UN-Sicherheitsrat, dass dort derzeit 974.080 Menschen in belagerten Städten und Dörfern ausharren. Vor einem halben Jahr sei weniger als die Hälfte betroffen gewesen. Dazu komme noch der Winter. Die Menschen  seien abgeschnitten von Hilfsleistungen. Fassbomben und Chlorgasangriffe kosten nicht nur unzählige Leben, mittlerweile seien auch die letzten verbleibenden Krankenhäuser und zivilen Einrichtungen unter Beschuss genommen. Schuldig sei daran – in der Regel durch Augenzeugen und lautstarke Äußerungen der US-Regierung bekundet – die Syrische Armee samt russischen Verbündeten. Eine Waffenruhe ist nicht in Sicht. Trotzdem sind die Ankunftszahlen seit März massiv abgefallen. Dass die Umsetzung eines politischen Abkommens derart signifikant auf den Flüchtlingsstrom einwirken kann, lässt tief blicken und eröffnet dabei trotzdem Raum für Spekulationen über eine Beteiligung – oder zumindest die Mitwisserschaft – der türkischen Regierung.

Signifikant steigt daraufhin allerdings die Zahl derer, die die Küsten Italiens ansteuern: Knapp 165.000 Personen kamen über das Mittelmeer aus Nigeria, Eritrea und anderen afrikanischen Ländern. Der Ausspruch „Afrika sitzt auf gepackten Koffern“ macht nicht nur die Runde, sondern auch Angst, denn Afrika ist groß und das Boot für viele schon voll.

Mein Land – Dein Land

Wilkommen: Mein Deutschland heißt Flüchtlinge willkommen (© IESM / pixelio.de)

Wilkommen: Mein Deutschland heißt Flüchtlinge willkommen (© IESM / pixelio.de)

Manchmal bin ich mir sicher, dass dieses Deutschland in dem ich lebe, ein anderes ist. Ein anderes als das derjenigen, die vor Häusern stehen, in denen Menschen sitzen, die alles verloren haben, Todesangst und sich überall fremd fühlen. Ein anderes als das derjenigen, die sich trotzig wegdrehen, „Meins“ schreien, und meinen ihre vollen Taschen seien so leer, dass sie niemandem etwas abgeben wollen. Dann bin ich sehr traurig. Ich schaue in die Neuigkeiten bei Twitter und Facebook und merke, dass die Menschen, mit denen ich dort vernetzt bin, genauso fassungslos sind wie ich. Ich rede mit meinen Freunden und erkenne dasselbe. Dass da eine Grenze in unseren Köpfen ist, die keinen Halt vor Ländergrenzen macht.

Es gibt immer wieder diese Vergleiche, die aufwecken sollen. Dass mit dem Geld für einen Panzer zehntausende Flüchtlinge versorgt werden könnten, oder Griechenlands Schulden um soundso viel Prozent gemindert werden könnten. Irgendwie ziehen diese Zahlen an uns vorbei. Sie winken mahnend, wie eine alte Tante mit Blümchenhut, den Zeigefinger erhoben, schreien erbarmungslos, wie ein aufmüpfiger Jugendlicher, der die Welt eben ganz anders sieht. Ein Politiker sagt seine stammtischwürdige Meinung und schon wird Deutschland als Zerstörer Europas betitelt. Recht haben sie. Wie sollen wir uns in eine Gemeinschaft einfügen können, wenn wir in uns selbst so unendlich zerstritten sind.

Alles verloren: Kriegsflüchtlinge haben keine Heimat mehr (© Anna-Lena Ramm / pixelio.de)

Alles verloren: Kriegsflüchtlinge haben keine Heimat mehr (© Anna-Lena Ramm / pixelio.de)

Als meine Großmutter zehn war – wenig älter, als mein Sohn heute – hatte sie den Krieg gesehen. Sie war vertrieben worden aus dem Land, in dem sie geboren wurde, dem heutigen Ungarn, und in ein Land geschickt, in dem sie als „Nicht-Reichs-Deutsche“ Flüchtling war. Ihre Mutter, zwei ihrer Geschwister, viele, die sie kannte, waren tot. Eine kleine Schwester lief an ihrer Hand mit. Sie lebten in einem Lager. Unvorstellbar, was sie erlebt hat, ein Trauma, das sie nie verarbeiten konnte. Wenn ich von den Flüchtlingen höre, die vor dem Krieg in Syrien, vor dem IS, vor irgendeiner Art der Verfolgung in unser Land gekommen sind, muss ich an sie denken. Wenn ich höre, dass Flüchtlingsheime und Unterkünfte für Asylsuchende angezündet wurden, bin ich nicht einfach wütend oder traurig, es schmerzt mich richtig.

Ich kann verstehen, dass wir alle Angst haben. Angst vor Veränderung, Angst vor dem Fremden, Angst vor Fehlern, die andere machen. Davor, dass wir unser eigenes Leben nicht mehr so weiterführen können, wie wir wollen oder jetzt können. Aber ich verstehe keine Gewalt gegen Unschuldige, gegen Geflohene, die bereits alles verloren haben, gegen Familien und Kinder, gegen die, die uns die Hand entgegen gestreckt haben und „Hilfe“ gesagt haben.

Mein Land: nicht immer auch dein Land (©AR.Pics / pixelio.de)

Mein Land: nicht immer auch dein Land (©AR.Pics / pixelio.de)

Wenn ich mir Europa vorstelle, dann als Gemeinschaft, als überdimensionale Familie. Verantwortung füreinander heißt nicht, sich hinzustellen und den Finger auszustrecken „Du musst tun, was ich sage. Ich hab dir doch gesagt, so geht das nicht. Du kannst aber auch gar nichts.“ Es heißt, auf den anderen einzugehen und keine Anschuldigungen zu finden, sondern Lösungen, die nicht nur eben schnell für ein Jahr funktionieren, sondern wirklich helfen. Wie viele von uns haben das vergessen? Das ist doch der große Vorteil, dass wir gemeinsam stark sind und nicht einfach nur die Starken wie Schulhoffieslinge alles beherrschen.

Wir sind gut darin, uns schnell Urteile zu machen. Unser Hab und Gut zur Seite zu legen, schützend die Hand darüber zu legen. „Das nimmt mir jetzt keiner mehr weg.“ Wir sehen überall habgierig Hände danach greifen und erkennen zu spät, dass es bittende Hände sind, verzweifelte Hände, dünne, knochige, einsame. Und zuletzt sehen wir, dass unsere Hand genauso aussieht, egal wie groß der Haufen ist. Wenn ich sehe, was dieses fremde Deutschland anrichtet, will ich es schütteln, zur Vernunft bringen, es anschreien, dass es so falsch liegt, wie man nur falsch liegen kann. Dass Flüchtlinge keine Gefahr darstellen, dass Griechenland uns an seiner Seite braucht und nicht als drohenden Zeigefinger über sich. Dass „Zusammen“ immer mehr bringt als „Gegeneinander“. Dass das, was uns unterscheidet nur von uns selbst gemacht wird, nicht von der Natur, nicht von irgendeinem Gott, sondern nur von uns und unserer Vorstellung.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anna über Sinti, Roma und die Vorurteile ihnen gegenüber.

Die Welt ändert sich eben

Es weht ein frischer Wind: Die Debatte um die Ehe für alle wächst weiter (©manwalk / pixelio.de)

Es weht ein frischer Wind: Die Debatte um die Ehe für alle wächst weiter (©manwalk / pixelio.de)

Oh nein, höre ich euch rufen. Nicht noch ein Beitrag zur Befürwortung der Ehe-für-alle, in manchen Kreisen auch Homo-Ehe genannt. Seit die Iren mit über 60 Prozent „Ja“ gesagt haben, liest der aufmerksame Mensch ja nichts anderes mehr. Petitionen und offene Briefe, Kolumnen (na eben wie diese) und Leitartikel, alles dreht sich nur noch darum. Der Korruptionsskandal der Fifa, die unerklärliche Wiederwahl und der Rücktritt von Blatter, die Geheimdienstaffäre der Republik, alles tritt da in den Hintergrund und alle machen munter mit.

Und ja, sie ist wichtig, logisch und eigentlich selbstverständlich, das Zögern der CDU/CSU ein Zeichen einer vergangenen Ära. Oder? Immerhin waren es doch die erzkatholischen Iren, die so ihre Probleme mit Abtreibung haben, die zugestimmt haben. Und im europäischen Vergleich hinken wir, ausgerechnet wir, die einst einen homosexuellen Außenminister hatten, eine Frau an der Spitze der Regierung und sowieso und überhaupt doch so aufgeschlossen und modern sind, knallhart hinterher.

Aber warum tun sie sich eigentlich so schwer, die Konservativen, die christlichen Demokraten, wo doch sogar die Kirche Homosexualität nicht mehr so verschärft sieht, auch wenn der Vatikan sich noch mal anders gemeldet hat (die wissen ja auch nicht mehr, was sie wollen). Immerhin sind sich die Befürworter der Ehe-für-alle einig, es ändert sich nichts für alle andern, Kinder haben damit sowieso kein Problem damit und die Welt wäre ein bisschen gerechter und schöner.

Zeichen der Liebe: die Ehe sollte wie die Liebe nicht von Geschlecht abhängen (©E.-Kopp / pixelio.de)

Zeichen der Liebe: die Ehe sollte wie die Liebe nicht von Geschlecht abhängen (©E.-Kopp / pixelio.de)

Tatsache ist, die Ehe-für-alle ist nicht nur ein Problem für die CDU/CSU und die Bundeskanzlerin, weil einige Politiker es hinterm Mond gemütlicher finden, sondern weil ein Teil der Wählerschaft vehement dagegen ist. Und Wähler wird die Partei brauchen, sollten die Menschen bei der nächsten Bundestagswahl mal merken, dass die großen sozialen Projekte der Legislaturperiode eher weniger auf ihr Konto gehen. Gleichzeitig kann sie aber auch Wähler verlieren, wenn sie sich jetzt querstellt, wichtige, junge Wähler. Ein echtes Dilemma. Da unsere Gesellschaft aber so viel ältere Menschen umfasst, dass wir im weltweiten Vergleich im Schnitt die niedrigste Geburtenrate haben, vermute ich stark, die sogenannten christlichen Demokraten werden es aussitzen wollen, abwarten, hoffen, dass der Sturm vorüber geht, ein paar Zugeständnisse, die ohnehin geplant waren, absegnen und es dabei belassen. Schwach.

Aber seien wir ehrlich, natürlich ändert sich etwas, wenn die Ehe-für-alle erlaubt wird. Sehr viel für jeden von uns. Die Eltern müssen ihren Kindern nicht mehr nur erklären, wo die Babys herkommen, wieso Meryem so anders spricht und Ben so dunkle Haut hat sondern auch wie die Tina zwei Papas haben kann und der Jonas gar keinen – und wo dann die Babys hergekommen sind. Puh. Das schlimmste aber – das allerschlimmste – ist, dass wir selbst umdenken müssen. Mit der Ehe-für-alle wird endgültig die Norm der Zweierbeziehung von „er und sie“ abgeschafft. Die Frage, wann ein Heterosexueller gemerkt hat, dass er auf das andere Geschlecht steht, ist kein Kalauer mehr. Nach der Frage: „Sind sie verheiratet“, wird erst das Geschlecht und dann der Name des Ehepartners erfragt. Wir werden ein Stück gleicher. Wir müssen umdenken. Und, oh Gott, das klingt doch furchtbar anstrengend.

Liebe CDU/CSU, ja es ist anstrengend, seine Meinung zu ändern, sich zu öffnen und umzudenken. Aber, ganz sicher, ist es diese Anstrengung wert. Gerade die Frau Bundeskanzlerin sollte das wissen. Und darum ist es wichtig, dass wir Artikel schreiben, Kolumnen und Kommentare, dass wir Unterschriften sammeln und offene Briefe veröffentlichen, so lange, bis wir genug genervt haben, bis das Umdenken da ist, bis endlich die Ehe für alle möglich ist.

Soziales Engagement – Können wir die Welt (im Kleinen) verbessern?

Angesichts der unzähligen Kriege und Krisen, die auf der Welt wüten, Flüchtlingen, die vor dessen monströsen und unmenschlichen Ausmaßen flüchten, Armut, die für Familien das Überleben schier unmöglich macht, Kindern, die statt zur Schule zu gehen, harte Arbeiten verrichten, Rassismus und Homophobie, die Menschen weltweit diskriminieren und oftmals aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließen. Die Welt scheint aus einem Meer von Ungerechtigkeiten zu bestehen.

Viele Menschen fliehen vor den Kriegsumständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller  / pixelio.de)

Viele Menschen fliehen vor den Kriegszuständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller / pixelio.de)

Das regelmäßige Verfolgen der Nachrichten könnte einen schier verzweifeln lassen, wenn uns die Berichterstattung mal wieder mit einer neuen Welle an Katastrophen und Kriegen überflutet und den letzten Funken Optimismus erstickt. Den Glaube an die Menschheit völlig verlieren lässt. Manchmal fühle ich mich machtlos. Frage mich, wie ich etwas ändern kann. Was für eine Ironie steckt dahinter, dass ich mir darüber Gedanken mache, WIE ich helfen kann, während im selben Moment, Menschen um ihr Leben bangen.

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger  / pixelio.de)

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Jeder Mensch hat die Wahl sich gegen Ungerechtigkeit unterschiedlicher Art einzusetzen, das Problem an der Wurzel zu packen und die Ursachen zu bekämpfen. Leider gibt es viel zu viele Bereiche, in denen unserer Engagement und unserer Aktivismus tagtäglich gefragt wären. Wieso finden wir uns mit so viel Ungerechtigkeit einfach ab? Argumentieren damit, dass es auch schon früher schlimme Kriege gab. Dass wir eben nicht für alle Probleme der Welt aufkommen können. Wir scheinen oftmals zu unterschätzen, was für eine Macht wir eigentlich besitzen. Denn jeder Einzelne von uns kann etwas verändern. Und schließlich muss irgendwo begonnen und angesetzt werden. Gewiss kann sich jeder für etwas stark machen. Doch ich will nicht unzähligen Menschen Unrecht tun, die tagtäglich für etwas kämpfen. Seien es NGOs (Non-Governmental Organization) die weltweit auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen, Kundgebungen veranstalten oder Nothilfe in Krisengebieten leisten. Aktivisten die Networking mit unzähligen Länder betreiben, sich so über die Lage in diesen austauschen und solidarisieren.

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer "Fremd" ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer „Fremd“ ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Initiativen wie „teachers on the road“ geben Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschunterricht, auch „Save me“, eine deutschlandweite Initiative, begleitet Flüchtlinge bei Behördengängen, veranstaltet Kochabende und andere Aktivitäten, um so Flüchtlingen, deren Aufenthalt in den meisten Fällen sowieso ungewiss ist, dabei zu helfen, sich im Alltag zurecht zu finden und trotz der schwierigen Flüchtlingspolitik, nicht in Lethargie zu verfallen. Wieder andere haben sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben.  Manch einer mag glauben, Rassismus – das sei ein Randphänomen geworden und seit Apartheid und den Aufständen in Amerika längst bekämpft. Aber machen wir uns doch bitte nichts vor! In Amerika, im Bundesstaat North Carolina, sind vor einigen Tagen 3 junge amerikanische Muslime erschossen worden.  Der Täter wird weder als Terrorist bezeichnet, noch scheinen die westlichen Medien dem Geschehen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Alles „nur“ ein Nachbarschaftsstreit um Parkplätze? So berichten es zu mindestens die Medien. Kaum jemand scheint dahinter zu vermuten, dass ein Motiv des Täters vielleicht Islamhass gewesen sein könnte. Seltsam. Gehen wir einige Monate zurück: Im August 2014 wird in Ferguson, Missouri, ein unbewaffneter schwarzer Jugendliche von einem Polizisten erschossen. Das entfachte in Amerika eine Welle von Unruhen und Protesten und hauchte der Rassismus-Debatte in den USA neues Leben ein. Die schwarze Bevölkerung organisierte sich, hielt Plakate mit dem Slogan „Black Lives Matter“ in die Luft. Rassismus ist im 21. Jahrhundert noch weit davon entfernt, abgeschafft worden zu sein. Aber Rassismus ist durchaus kein Problem Amerikas alleine. Wer sich mehr mit dieser Thematik beschäftigen möchte, sollte einen Blick auf den sehr lesenswerten Blog von der  Aktivistin Emine werfen.

Frauen mit Kopftuch haben in Deutschland mit allerhand Vorurteile zu kämpfen. Bekommen trotz exzellenter Abschlüsse Arbeitsstellen auf Grund ihres Kopftuches, das für viele Ausdruck ihrer Religion ist, verwehrt. In Deutschland wird ein Asylant in Dresden tot aufgefunden. Asylantenheime werden fast regelmäßig mit rassistischen Slogans beschmiert.

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein Foto: ( © I(ESM)  / pixelio.de )

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein (Foto:  © (IESM) / pixelio.de )

Wir sollten uns mit Menschen solidarisieren. Gegen solche Diskriminierungen, die im eigenen Land geschehen, aber auch in anderen Teilen der Welt,  aufstehen und unsere Stimme erheben. Es geht uns alle an! Eher unabsichtlich habe ich mich vor allem auf das Thema Rassismus bezogen. Was wohl auch mit einer Bewegung, die sich mittlerweile – Gott sei Dank – aufgelöst hat, zu tun hat und den vielen rassistischen Übergriffen, die ich vermehrt zu hören bekomme, die mich sehr erbosen lassen, zugleich aber auch erschrecken. Wichtig ist, DASS wir etwas tun. Wir sollten nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, benachteiligter Menschen sein. Jeder Mensch kann nur ein wenig seiner wertvollen Zeit entbehren und zum Beispiel in seinem Umfeld an sozialen Initiativen mitwirken oder aber selbst Projekte auf die Beine stellen. Und wie sollen wir die Welt mitgestalten und verändern, wenn wir nicht in unserem Umfeld beginnen. Vielleicht sogar jetzt sofort!

Vorschau: Eva beschäftigt sich nächste Woche damit, weshalb es so gut tut, sich in Gesellschaft aufzuhalten.

„Heute ist alles so ernst“ – Dustin Hoffmann im Interview, Teil 2

Im ersten Teil des Interviews mit Dustin Hoffmann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der PARTEI des Landesverbandes Berlin, gewährte er den Lesern bereits einen Einblick in seinen persönlichen Werdegang: von der PARTEI-Karteileiche bis zu den Büroräumlichkeiten des Europaparlaments in Straßburg und Brüssel, wo er seit Dienstag, 1. Juli 2014, tätig ist. Auch die PARTEI-Sicht auf aktuelle Mauerbauvorhaben in der Ukraine präsentierte er exklusiv – noch vor der offiziellen Stellungnahme des fraktionslosen Neuparlamentariers und PARTEI-Vorsitzenden Martin Sonneborn. Die PARTEI beweist sich regelmäßig durch Positionen, die recht absurd anmuten. In diesem zweiten Teil des Interviews stellt Face2Face die rhetorischen Fähigkeiten von Dustin Hoffman auf die Probe:

Face2Face: Haben Sie einen Lieblingspolitiker außerhalb der PARTEI?

Hoffmann: Interessante Frage. Ich bin Fan von Frau Beatrix von Storch aus der AfD. Sie ist immer mit interessanter und konstruktiver Kritik zur Stelle – etwa in Familienfragen. Oder sie stellt Geschäftsordnungsanträge.

Face2Face: Die AfD bringt scheinbar viele charismatische Menschen in die Politik. Das erinnert doch an das Konzept der Satire-PARTEI. Angesichts der Wahlergebnisse muss hier die Frage erlaubt sein: Plagiiert die AFD das Konzept der Partei, nur erfolgreicher?

Hoffmann: Was heißt denn erfolgreicher? Diese Partei verfolgt vor allem ein ganz anderes Konzept als wir: Ganz im Gegensatz zu uns, versuchen sie Inhalte zu vermitteln – manchmal auch unter dem Deckmantel der Inhaltslosigkeit. Aber immerhin haben sie das Potenzial, eine Lücke zu füllen: Gerade erst ist die FDP aus den allermeisten Regierungsämtern und Parlamenten entbunden worden.

Face2Face: Welche Emotionen weckt die „FDP“ in Ihnen?

Hoffmann: Mitleid, denn man muss das ja so sehen: die FDP war immer auch ein gewisser Garant für Unterhaltung und schon in fünf Jahren werden wir sagen: „Ha, wisst ihr noch die 18 Prozent-Kampagne von der FDP?“ Und irgendwann werde ich auch meinen Kindern davon erzählen: „Damals gab es so eine tolle Spaßpartei, heute ist alles so ernst!“

Face2Face: Wenn sich auf politisch-strategischer Ebene kein Vergleich anbietet: Wie ist es bei einer physischen Auseinandersetzung? Was schätzen Sie, wer wäre der oder auch die Stärkste im Plenarsaal des Europaparlaments?

Hoffmann: Wiederum eine interessante Frage. Unsere Nachbarn aus Österreich sehen sehr schlagkräftig aus. Aber grundsätzlich ist es so, dass das alles keine Preisboxer sind. Ich sehe die Voraussetzungen für eine solche Eskalation momentan noch nicht gegeben. Aber vielleicht mag das noch kommen. Darüber haben wir uns aber noch keine Gedanken gemacht.

 

Face2Face: Abschließend sei die Frage erlaubt: Wie viel Geld würden Sie denn für ein solches Interview normalerweise in Rechnung stellen?

Hoffmann: Normalerweise. Heißt das, dass ich das hier nicht mehr in Rechnung stellen kann? (Lacht) Nein, wirklich – Wir haben großen Respekt vor der Presse. Ich würde mich höchstens in Essen und Champagner bezahlen lassen. Das ist die Währung im Europaparlament.

Face2Face: Vielen herzlichen Dank für das Interview!

„Jede Mauer ist eine gute Mauer“ – Teil 1 des Interviews mit dem stellvertretenden PARTEI-Vorsitzenden des Landesverbandes Berlin, Dustin Hoffmann

Es ist Samstag: An diesem Tag hat der Büroleiter; der „Mann im Europabüro in Brüssel“ – so stellt Dustin Hoffmann seine Tätigkeit vor – frei. Gut gelaunt begrüßt mich der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative in Berlin – kurz: die PARTEI –, der gerade in seiner Heimat zugegen ist, am Telefon. Bereits 2011 war der 27-Jährige in Wahlwerbespots mit den Rappern K.I.Z. zu sehen, in denen sie gemeinsam die politische Landschaft „aufmischten“. Im exklusiven Interview gewährt  Hoffmann sowohl einen Einblick in den ganz normalen Alltagswahnsinn im Europaparlament wie auch ganz persönliche Eindrücke.

Face2Face: 2009 führte Sie Ihr Weg zu der Partei „die PARTEI“. Wie sind Sie denn genau dazu gekommen?

Gemeinsame Planungsaktivität: der Parteivorsitzende Martin Sonneborn (links), gemeinsam mit dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Landesverbandes Berlin, Dustin Hoffmann (rechts). (Foto: © Anne Fischer)

Gemeinsame Planungsaktivität: der Parteivorsitzende Martin Sonneborn (links), gemeinsam mit dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Landesverbandes Berlin, Dustin Hoffmann (rechts). (Foto: Anne Fischer)

Hoffmann: Eigentlich wurde ich bereits 2007 Mitglied der Partei, allerdings war ich zunächst zwei Jahre eine Karteileiche. Als dann aber 2009 der Partei durch ein Verbot die Möglichkeit abging, für die Bundestagswahlen zu kandidieren, blieb mir mein demokratisches Herz beinahe stehen. Das konnte meiner Meinung nach nicht so stehenbleiben, also passte ich den ehrwürdigen Parteivorsitzenden, Martin Sonneborn, im Kino ab.

Face2Face: Welchen Film haben Sie denn gesehen?

Hoffmann: Den Kinofilm „die PARTEI – der Film“ versteht sich! Der kam 2009 in die Kinos und ich war mir sicher, dass Martin Sonneborn sich jede Vorstellung ansehen würde – und ich hatte Glück.

Face2Face: An dieser Stelle übrigens Gratulation zum Abschluss Ihres Studiums der Rechtswissenschaft! Welche Zusatzqualifikationen ergeben sich denn aus ihrer frisch abgeschlossenen Ausbildung?

Hoffmann: Es ist ja ohnehin so, dass sich Juristen grundsätzlich anmaßen, jedwede Tätigkeit – bis hin zum politischen Betrieb – ausführen zu können. Und das maße ich mir jetzt natürlich selbst an.

Face2Face: Und wer hat sich für Sie als Unterstützer – oder in Ihrer Terminologie – als „Steigbügelhalter“ am besten bewährt?

Hoffmann: Das funktioniert in der Partei folgendermaßen: Alle Mitglieder werden gleichermaßen von unserem Parteioberhaupt gefördert. Wir haben einen großartigen Stab an Leuten und jeder der vorankommt, wird natürlich vom Vorsitzenden befördert. Wir sind ja eine harmonische Partei, in der das einfach gut funktioniert – schließlich sind wir nicht bei den Piraten.

Face2Face: Das bringt uns auch schon direkt in das Europaparlament: Sie leben dort mit dem Parteivorsitzenden zusammen – so zitiert die „Deutsche Welle“ Martin Sonneborn in ihrem Artikel von Donnerstag, 03. Juli 2014. Wie gestaltet sich Ihre Partnerschaft bisher?

Hoffmann: Für mich ist es natürlich eine außerordentliche Ehre, unter der Weisung des großen Vorsitzenden zu arbeiten. Die Arbeit gestaltet sich sehr angenehm – wie gesagt, das Europaparlament ist kein richtiges Parlament, vielmehr handelt es sich dabei um ein Spaßparlament. Das einzige Problem im Parlament ist, dass wir nicht so tolle Nachbarn haben, aber man kann ja nicht alles haben. Leider bin ich selbst bei den Sitzungen eher nicht zugegen. Nur die Parlamentarier und die Putzkräfte dürfen da rein. Ich verfolge die Sitzungen häufiger auf den kleinen Fernsehern, die es in jedem Büro gibt. Dort erscheint ohnehin alles viel bedeutungsvoller und besser, denn das Plenum ist nur zu Abstimmungen voll besetzt, danach stürmen alle davon. Das sieht man allerdings nur, wenn man selbst vor Ort ist.

Face2Face: Fühlen Sie sich denn als Nummer Zwei – hinter Martin Sonneborn?

Hoffmann: Selbstverständlich nicht! Ich bin ja nur der Mann im Europabüro in Brüssel. Die Nummer Zwei müsste man im Bundesvorstand suchen. Allerdings finde ich es schwierig von einer Nummer Zwei zu sprechen, denn als Vorsitzender ist Martin Sonneborn klar die Nummer Eins, aber weiterhin würde ich da eigentlich nicht von Nummern sprechen wollen.

Face2Face: Zu Ihren Aufgaben gehört es unter anderem, die Beziehungen zur koreanischen Halbinsel zu gestalten. Sind Sie schon in Kontakt mit dem nordkoreanischen Herrscher Kim Jung Un gekommen?

Hoffmann: Wir arbeiten daran! Bisher ist es uns noch nicht gelungen. Die nordkoreanischen Diplomaten scheinen etwas zurückhaltend zu sein. Aus Südkorea allerding bekamen wir schon Gratulationspost und eine Einladung. Das erhoffen wir uns auch von Nordkorea.

Face2Face:In dieser Woche erreichten uns beunruhigende Nachrichten über den Gesundheitszustand von Kim Jung Un. Sehen Sie darin einen guten Ansatzpunkt für eine zukünftige Einflussnahme auf das Land?

Hoffmann: Wir denken ja eher daran, von Kim Jung Un zu lernen – in seiner Funktion als absoluter Herrscher. Wir können ihm nur anbieten, dass wir eine humanitäre Mission einleiten, ihn besuchen und ihm eine Packung Aspirin vorbeibringen.

Face2Face: Wie ergeht es Ihnen denn im Hinblick auf interessierte Lobbygruppen? Wurden Sie bereits bestochen?

Hoffmann: Oh, darüber kann ich natürlich nicht reden. Aber gefühlt belagern die Lobbyisten das Europaparlament. Sie sind überall und sie sind nett zu einem. Bisher herrscht eine vorsichtige Distanz vor, die sie noch zu überwinden haben, aber hoffentlich folgen auf die zahllosen Beglückwünschungen in naher Zukunft Umschläge mit gedeckten Schecks. Da wir als einzige Partei offen zugeben, korrupt zu sein, wird sich da sicherlich ein Anschlusspunkt finden lassen.

Face2Face: Bezüglich ihrer Mauerbau-Pläne: Zum 25-jährigen Gedenken an den Fall des Eisernen Vorhangs plant die Ukraine, einen Schutzwall gegen Russland zu erbauen . Stielt Ihnen die Ukraine damit die Show?

Hoffmann: Nein, wir haben bereits diplomatischen Kontakt aufgenommen, wir begrüßen das Vorgehen. Schließlich geht es nicht nur darum, einen Schutzwall zu errichten, sondern Mauern zu bauen. Und wenn sich das ukrainische Volk dafür entscheidet, können wir nur unsere Glückwünsche aussprechen.

Face2Face: Wenn ich einen Satz beginne: Jede Mauer ist…

Hoffmann: Jede Mauer ist eine gute Mauer, denn sie verbindet.