Philosophie des Fleisches – haben Tiere Rechte?

Ist es falsch, Fleisch und andere tierische Produkte zu essen? Wieso streicheln wir unsere Katze und essen sie nicht? Moral und Veganismus – wie geht das zusammen? Veganismus-Kritiker Jens und Neu-Veganerin Tatjana diskutieren über Moral, Ernährung und Gewohnheiten.

Jens:

Hallo Tatjana,
der Verzehr von tierischen Produkten ist moralisch indifferent. „Moral“ umfasst den Bereich dessen, was in einer Gesellschaft bezüglich der Individuen als „richtiges“ oder „falsches“

Moral und Veganismus

Finanziert sich seine Doktorarbeit als Zusteller bei der Post: Veganismus-Kritiker Jens (Foto: privat)

Handeln angesehen wird. Am Verzehr von Tieren oder Tierprodukten gibt es nichts, was in moralischer Hinsicht relevant sein könnte, da ich mit meiner Handlung niemandem schade, der ein Subjekt oder Objekt moralischer Pflichten ist. Man kann diese Tatsache leicht überprüfen, indem man sich vergegenwärtigt, dass dies tagtäglich in unserer Gesellschaft vollzogen wird, ohne dass eine Person für diese Handlung zur Rechenschaft gezogen werden müsste.

Tatjana:

Hallo Jens,
Moral kann aber ebenso gut das Empfinden einer einzelnen Person meinen. Ich als Individuum kann das Töten von Tieren und das Essen tierischer Produkte sowie die mit der Massentierhaltung einhergehende Umweltschädigung, die übrigens durchaus auch Menschen als „Subjekte moralischer Pflicht“ betrifft, als „falsch“ empfinden.

Moral und Veganismus

Setzt auf den „Tomateneffekt“ in Sachen Veganismus: Neu-Veganerin Tatjana (Foto: privat)

Du schreibst, dass der Verzehr von Tieren nicht bestraft wird, weil die Gesellschaft ihn als nicht moralisch verwerflich empfindet. Wir befinden uns jedoch alle in stetigem Wandel. Wieso sollte bezüglich des Konsums tierischer Produkte nicht auch irgendwann der sogenannte „Tomateneffekt“ zum Tragen kommen? Tomaten galten Jahrhunderte lang als giftig trotz überwältigender Gegenbeweise. Damals wurden sie gemieden, heute lieben wir sie. Nicht nur in der Geschichte der Medizin gibt es Beispiele dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zu Gunsten konventioneller Weisheiten ignoriert werden. Der Philosoph Arthur Schopenhauer beschreibt den Weg der Wahrheit in drei Stufen: Erstens wird sie verspottet. Zweitens wird sie gewaltsam bekämpft. Drittens wird sie als offensichtlich angenommen. Vielleicht ist eine rein pflanzlich basierte Ernährung in ein paar Jahren unsere Wahrheit und entspricht der gesellschaftlichen Moral?

Jens:

Das Regelsystem der oben angesprochenen Normen ist, wie du in deiner Antwort bereits angedeutet hast, nicht absolut, sondern unterliegt einem steten Wandel. Aus diesem Grund würde ich auch den von dir verwendeten Begriff „Wahrheit“ kritisch sehen, da er den Absolutheitsanspruch besitzt, der der Moral fehlt. Es gibt bezüglich vieler moralischer Themen eine gesellschaftliche Debatte, zu der seit einigen Jahren eben auch die Veganismus-Debatte bzw. die Frage, ob Tiere moralische Rechte wie das Recht zu leben besitzen, gehört.

Ich vertrete die Ansicht, dass Tiere keinerlei Rechte haben können, da Begriffe wie „Recht“ oder „Moral“ vom Menschen geschaffene Konstrukte sind, die folglich auch nur das Zusammenleben von Menschen betreffen können. Wo immer es ein bestimmtes Recht gibt, ergibt sich reziprok auch die moralische Pflicht, dieses Recht zu respektieren. Wenn wir Tiere zu Objekten von moralischem Handeln machen würden, ergäbe sich hingegen jedoch die absurde Situation, dass diese dann zwar Rechte, aber keinerlei Pflichten hätten, da Tiere ihr Handeln nicht wie Menschen reflektieren können. Kein Tier wird jemals verstehen, was dieses „Recht“ ist, das wir ihm da zugestehen.

Dieser Widerspruch wird an einem Problem besonders offensichtlich: Tiere essen Tiere. Wenn man das Essen von Tieren durch den Menschen unter Strafe stellen würde, müsste man sich auch die Frage stellen, ob Tiere andere Tiere essen dürfen. Wir Menschen sind zwar Omnivore, also „Allesfresser“, und können somit die Art unserer Ernährung entscheidend verändern. In der Tierwelt gibt es hingegen auch Carnivore, also „Fleischfresser“, deren Verdauungssystem ausschließlich auf den Verzehr von Fleisch ausgelegt ist und die keine oder kaum pflanzliche Nahrung vertragen. Diese Tiere könnten sich niemals selbstständig von ihrer natürlichen Ernährungsweise distanzieren. Wenn wir Tieren jedoch zugestehen, Fleisch zu essen, dies aber Menschen verbieten, verstoßen wir gegen das oberste moralische Prinzip der Gleichbehandlung.

Tiere können somit keine Träger moralischer Rechte oder Pflichten sein. Trotzdem halte ich es für wichtig, dass wir uns mit Themen wie Umwelt- und Tierschutz beschäftigen und die Lebensbedingungen von Tieren in Massentierhaltung verbessern. Ich halte es ebenso wie du für durchaus realistisch, dass sich unsere Gesellschaft in Zukunft immer weiter in Richtung veganer Ernährung entwickelt.

Tatjana:

Du schreibst, dass es absurd wäre Tiere zu Objekten moralischen Handelns zu machen, weil sie ihre neugewonnenen „Rechte“ nicht verstehen und gleichzeitig ihre „Pflichten“ nicht erfüllen könnten, weil sie ihr Handeln nicht wie Menschen reflektieren können. Aber was ist mit Haustieren? Eine Katze ist genauso ein Tier wie ein Kälbchen – aber die Katze hat das „Recht“ rundum versorgt und nicht als Sonntagsbraten serviert zu werden.

Moral_Veganismus

Hat dieses Schweinchen weniger Rechte als eine Katze? (Foto: Jerzy / pixelio.de)

Vielleicht sagst du jetzt, dass Haustiere ihre „Pflicht“ erfüllen, indem sie aufs Katzenklo gehen oder als Hund Stöckchen holen. In einigen asiatischen Ländern werden Katzen und Hunde gegessen. Einen einheitlichen Moralbegriff in Bezug auf „Tiere als moralische Objekte“ gibt es nicht.

Tiere essen Tiere, aber ein Raubtier würde niemals zehn Beutetiere reißen und sie dann liegenlassen. Beim Menschen hingegen sieht das schon anders aus.

Auch wenn das vielleicht den Eindruck macht – ich will gar nicht darauf hinaus, dass der Veganismus der einzig richtige Weg ist. Mit der von mir aus freien Stücken gewählten Ernährungsform fühle ich mich wohl. Daneben zählt für mich auch der gesundheitliche Aspekt. Es gibt inzwischen diverse Studien, die zeigen, welche negativen Auswirkungen tierische Produkte auf unseren Körper haben: Bei der Autopsie von 632 US-Amerikanern und 632 Ugandern, die im selben Alter starben, zeigte sich, dass 136 der US-Amerikaner an einem Herzinfarkt gestorben waren. Bei den Ugandern war genau einer an einem Herzinfarkt gestorben. Die Afrikaner – die China-Studie bescheinigt übrigens dasselbe für das ländliche China – hatten einen außergewöhnlich niedrigen Cholesterinspiegel, weil ihre Ernährung überwiegend aus pflanzlichen Lebensmitteln bestand.

Jens:

Ich gebe zu, dass der Begriff „Objekt“ in Bezug auf Tiere zunächst etwas sonderbar wirken mag; allerdings soll dieses Wort nicht abwertend gemeint sein. Vielmehr ist damit der Kreis an Lebewesen gemeint, auf die unser moralisches Denken gerichtet ist. Man könnte auch sagen: Moralische Objekte sind die Empfänger von Rechten, moralische Subjekte hingegen sind die Träger von Pflichten, womit auch deutlich wird, dass wir Menschen im Normalfall beides sind, Tiere hingegen – wenn überhaupt – nur ersteres sein könnten. Wir essen unsere Katzen und andere Haustiere nicht, weil wir eine Beziehung zu ihnen aufbauen und sie liebgewinnen. Das hat aber nichts mit dem moralischen Status dieser Tiere an sich zu tun.

Bezüglich des gesundheitlichen Aspekts hast du natürlich zu großen Teilen Recht – gerade in den westlichen Industrienationen ist der unreflektierte Fleischkonsum zu einem großen Problem geworden, wodurch natürlich auch die Massentierhaltung weiter forciert wird. Die Tatsache, dass wir Menschen als Allesfresser Fleisch verdauen können, bedeutet nicht, dass wir uns ausschließlich von Fleisch oder tierischen Produkten ernähren sollten. Das Ziel sollte hier eine ausgewogene Ernährung sein, die zu einem großen Teil auf pflanzlichen Produkten basieren, aber eben auch gelegentlich Fleisch, Fisch oder andere tierische Produkte umfassen sollte.

In den Ernährungswissenschaften existiert die einhellige Meinung, dass eine rein vegane Ernährung nur kerngesunden Menschen empfohlen werden kann und für viele Gruppen wie Kinder, Schwangere oder kranke Menschen eine Risiko- bzw. Mangelernährung darstellt. So sprachen sich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Bundesregierung deutlich gegen eine vegane Ernährung aus. Demnach könne langfristig gesehen eine vegane Ernährung nicht empfohlen werden, da sie zu Muskelabbau, Leistungseinbußen und Mangelerscheinungen führe. Durch bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und medizinische Aufklärung kann man diese Probleme sicherlich überwinden, auch wenn vegane Ernährung keine „natürliche“ Ernährung für uns Menschen darstellen wird.

Tatjana:

Ich stimme dir völlig zu, wenn du schreibst, dass vegane Ernährung nicht für jeden geeignet ist. Pauschal zu sagen, dass sie für Schwangere und Kranke nicht gut ist, kann jedoch so nicht stehen bleiben. Der Verzehr von gegrilltem Fleisch im ersten Schwangerschaftsdrittel steht laut Wissenschaftlern in Zusammenhang mit einem geringeren Geburtsgewicht, ebenso wie das bloße Einatmen der Grilldämpfe. Letzteres bringen die Wissenschaftler zudem mit einer kleineren Kopfgröße des Säuglings in Verbindung. Atmet eine Schwangere Grilldämpfe ein, kann das negative Auswirkungen auf die zukünftige kognitive Entwicklung des Kindes haben. Die Folge kann bspw. ein geringerer IQ sein.

vegan grillen

Lecker und gesundheitsschädlich? Grillen (Foto: 110stefan / pixelio.de)

Bei einem wissenschaftlichen Versuch in Schweden wurden hingegen 35 Asthmapatienten auf eine pflanzenbasierte Diät gesetzt. Von den 24 Patienten, die bei der veganen Ernährung blieben, ging es 70% nach vier Monaten, 90% nach einem Jahr besser. Gut, das ist nicht repräsentativ, aber ich möchte Dr. Michael Greger zitieren, der alle hier genannten Experimente in seinem Buch „How not to die“ aufgeführt hat: „Schaut man sich die gesundheitlichen Vorteile im Vergleich zu den Risiken an, ist eine pflanzenbasierte Ernährung den Versuch auf jeden Fall Wert.“

Tatsache ist, dass alle Vitamine und Nährstoffe bis auf B12 in Pflanzen enthalten sind. Auch die von dir erwähnte Deutsche Gesellschaft für Ernährung legt Menschen, die sich entgegen ihrer Empfehlung vegan ernähren wollen, nur ein Vitamin-B12-Präparat ans Herz – keine weiteren Nahrungsergänzungsmittel.

Trotzdem reagieren wir natürlich alle anders. Ich esse seit wenigen Monaten überwiegend vegan. Davor habe ich über zehn Jahren kein Fleisch aber Fisch gegessen, war per definitionem also Pescetarier. Und das komplett ohne Mangelerscheinungen, worauf ich mich regelmäßig untersuchen lasse. Ich kenne jedoch einen ähnlichen Fall, bei dem der Verzicht auf Fleisch zu einem starken Eisenmangel geführt hat, der selbst durch Nahrungsergänzungsmittel nicht kuriert werden konnte. In so einem Fall geht die Gesundheit natürlich vor.

Zudem kann vegane Ernährung ein Ansatz gegen die Umweltzerstörung sein. Knapp die Hälfte der Treibhausgase kommt aus der Massentierhaltung. Für Sojabohnen, die zu etwa 80% als Futter in die Massentierhaltung gehen, wird hektarweise Regenwald abgeholzt und das proteinhaltige Futter dann noch kilometerweit zu uns geschifft oder geflogen.

Jens:

Fakt ist, dass man sich mit einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung, in jedem Fall auf der sicheren Seite befindet. Sucht man im Internet nach den Auswirkungen veganer Ernährung, findet man unzählige sich widersprechende Aussagen. Für viele Gruppen wie Sportler oder Menschen mit einem hohen Stoffwechsel ist vegane Ernährung überwiegend kritisch zu sehen, wie zahlreiche durch Ärzte begleitete Selbstversuche (u.a. DIESER in der „Welt“ erschienene) belegen.

Auch, wenn wir zweifelsfrei feststellen würden, dass wir Menschen uns nicht gesund auf vegane Art ernähren könnten, könnte es trotzdem die moralische Forderung geben, dass wir Tiere nicht töten dürften, um sie anschließend zu essen. Auch der umgekehrte Fall wäre denkbar. Aber es ist doch viel interessanter, der Frage nachzugehen, ob hinter veganer Ernährung denn mehr steckt als nur ein subjektiver Lifestyle – ob Veganismus gar „richtig“ oder „falsch“ sein kann. Und richtig oder falsch kann etwas eben nur im faktischen, was hier auszuschließen ist, oder moralischen Sinne sein. Ethik ist ja geradezu definiert als die Suche nach dem Richtigen oder Falschen (vgl. hierzu u.a. das Standardwerk John Leslie Mackies).

Wenn Veganismus ein ethisches Grundprinzip wäre, an das sich jeder halten müsste, müsste es auch zwangsläufig für Tiere, die andere Tiere töten und essen, gelten. Denn obwohl du es nicht wahrhaben willst, töten Raubtiere nicht nur, um zu essen, sondern auch einfach so zum Spaß. Tiere töten ihre eigenen Jungen, um sich nicht mehr um sie kümmern zu müssen, sie töten ihre männlichen Artgenossen, um sich so eines Nebenbuhlers um ein Weibchen zu entledigen. Unsere geliebten Katzen spielen mit gefangenen Mäusen und quälen sie, anstatt sie schnell zu töten. Entgegen der allgemeinen romantischen Stimmung in Bezug auf das Tierreich muss man also festhalten: Tiere töten. (Vgl. hierzu den im „Spiegel“ erschienene Artikel „Killer mit Kulleraugen“)

Ich möchte gerne mit einem letzten hypothetischen Beispiel abschließen, um zu verdeutlichen, dass es nichts gibt, was am Fleischkonsum an sich moralisch relevant sein kann: Ich entschließe mich – rein hypothetisch gesprochen – einen Spaziergang zu machen und bemerke auf dem Waldweg einen toten Hasen. Es sind keine äußeren Zeichen von Gewalteinwirkung erkennbar und es hat noch kein Verwesungsprozess begonnen. Ich entschließe mich, den toten Hasen mitzunehmen und zu Hause zu verzehren. Die Gretchen-Frage: Was ist an meiner Handlung verwerflich?

Tatjana:

Tiere töten, da widerspreche ich nicht. Wir Menschen dagegen sind „Allesfresser“ und besitzen die Intelligenz abzuwägen, was wir essen wollen und was nicht. Übrigens auch noch ein kleiner Unterschied zwischen Mensch und Tier: Tiere verzehren ihr Beutetier. Menschen hingegen kaufen ihr Fleisch gerne abgepackt und wollen möglichst nicht mit der Tatsache konfrontiert werden, dass das Stück Fleisch auf ihrem Teller vor ein paar Stunden noch gelebt hat. Wieso sollten sie sonst so gereizt reagieren, wenn man sie darauf anspricht?

Gibt es wirklich keine Argumente dafür, dass Veganismus „richtig“ ist? Ich als Mensch möchte keinem Lebewesen Leid zufügen oder darüber entscheiden, ob es getötet wird. Hier kommt Arthur Schopenhauers Mitleidsethik ins Spiel: Moralisches Handeln lässt sich dann als solches verstehen, wenn wir ein empirisches Motiv finden – Motive wie altruistische Gefühle oder Mitleid beispielsweise. Die Anwendbarkeit des Mitleids auf alle Wesen ergibt einen gleichen moralischen Status für Mensch und Tier. Inwiefern wir aus diesem Mitleid unsere Konsequenzen ziehen, bleibt uns selbst überlassen. So beispielsweise auf deine hypothetische Geschichte mit dem Hasen bezogen: Tatsächlich ist es so, dass ich Tiere nicht mehr als Nahrungsquelle wahrnehme. Ich hätte ihn also begraben.

Vegane Ernährung kann gesund sein und sogar heilen – und für mich ist sie „richtig“. Trotzdem bleibt es jedem selbst überlassen, was er isst, solange er mit den Konsequenzen – gesundheitlicher oder ethischer Art – leben kann.

Jens:

Da kann ich dir nur zustimmen. Ich denke jedoch, dass du dir über die Tatsache bewusst bist, dass du als Veganerin mit dieser Aussage gleichzeitig eine Form von Toleranz gegenüber „Fleischessern“ zeigst, die viele andere Veganer gerade nicht teilen würden. Gerade weil wir „Allesfresser“ sind, ist die Entscheidung, sich ausschließlich von pflanzlicher Nahrung zu ernähren, eine individuelle, die man kritisch sehen und die niemandem vorgeschrieben werden kann.

Es ist interessant und lobenswert zugleich, dass du Schopenhauers Mitleidsethik heranziehst, um moralische Rechte für Tiere zu begründen. Diese Form der Ethik wurde in der Vergangenheit vielfach kritisiert, unter anderem besonders vehement von Friedrich Nietzsche, und besitzt in meinen Augen ein zentrales Problem: Es ist ein rein emotionaler Ansatz und aus diesem Grund nicht generalisierbar. Nicht jeder Mensch empfindet Mitleid in dem gleichen Maße und mit den gleichen Lebewesen. Es gibt durchaus ethische Gründe, um sich vegan zu ernähren, aber diese sind individuell und nicht generalisierbar.

Generell sollten Tier- und Umweltschutz in unserer Gesellschaft und in der Politik einen höheren Stellenwert einnehmen als dies momentan der Fall ist. Ich denke aber unser Gespräch konnte auch zeigen, dass es sehr schwierig ist, moralische Rechte für Tiere zu begründen oder den Verzehr von Fleisch an sich in Frage zu stellen. Ohne diese Grundlage bleibt Veganismus ein – für den einen mehr, für den anderen weniger – erstrebenswertes Ideal, das jedoch keine moralische Vorgabe sein kann.

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Idealismus und Träume – mein täglich Brot

Es sind diese beiläufigen Sätze, die uns immer wieder vor Augen halten, dass gewisse Lebensträume belächelt werden. Vor kurzem war ich bei einem Basketballspiel und plauderte während der Pause draußen mit der Frau eines Spielers. Sie erzählte von ihrer Familie, dass ihr Vater Musiker in Südafrika war und nach Deutschland immigrierte. „Und dann fragte ich neugierig: „Und hat er hier weiter Musik gemacht?“.  Sie tat meine Frage gleich als überflüssig ab: „Nee, davon kann man ja nicht leben.“

Solche Sätze machen mich traurig. Ich mache dieser jungen Frau gar keinen Vorwurf. Sondern eher unserer Gesellschaft oder auch der Art, wie wir lernen, mit unseren Träumen umzugehen – und zwar sie oft völlig außer Acht zu lassen. Wir schätzen unsere Träume, unsere Leidenschaften nicht. Bekommen oftmals vermittelt, dass sich damit kein Geld verdienen lässt, dass das ein viel zu steiniger Weg ist etc.pp. Besser auf die wichtigeren Dinge im Leben konzentrieren ist die Devise. Ich denke mir dann oft: Na klar, man soll nicht in der Illusion leben, dass es ein Zuckerschlecken wird, wenn wir eine Leidenschaft zum Beruf machen wollen. Aber was ist mit Musikern oder Schauspielern, die heute große Nummern sind? Die haben auch mal klein angefangen. Und es gab sicherlich zig Leute, die sie davon abbringen wollten und nicht an sie geglaubt haben. Was wäre, wenn ein Jimi Hendrix auf halber Strecke aufgegeben hätte? Uns wäre seine geniale Musik entgangen, die Millionen von Menschen bis heute begeistert.

Weit weg von zu Hause: Die richtige Zeit um sich seiner Träume bewusst zu werden (Foto: Mätzke-Hodzic)

Weit weg von zu Hause: Die richtige Zeit um sich seiner Träume bewusst zu werden (Foto: Mätzke-Hodzic)

Wir verlernen das Brennen für eine Sache eigentlich schon ganz früh. Weil uns sogleich gespiegelt wird: Deine Träume sind nichts wert. Ach, du willst Tänzerin werden? Ein müdes Lächeln unseres Gegenübers, das bereits alles sagt. Als wäre für diese Profession kein Platz. Aber woran liegt es, dass wir so schlampig mit Träumen umgehen? Sie belächeln. Was sagt das über die Wertevorstellung einer Gesellschaft? Ich finde es etwas wertvolles Leidenschaften zu haben oder sie vielleicht gerade erst zu entdecken. Aber sie müssen auch gefördert und genutzt werden. Sonst liegen sie brach und verwesen früher oder später völlig ungenutzt. Und schließlich ist noch kein Genie vom Himmel gefallen. Aber wir tragen mit dazu bei, dass viele erst gar nicht beginnen, an sich zu glauben. Wer weiß, wie viele potenzielle Schriftsteller, Musiker und Schauspieler ihr Talent in den Wind schießen oder es schon getan haben. Die sich unter uns tummeln mit ihren verborgenen Leidenschaften und Talenten. Die mit ihrem Schaffen Menschen beglücken, begeistern und inspirieren könnten. Viele Menschen schätzen die Künste, aber jeder rät davon ab, Künstler zu werden. Komisch, oder?

Ich bewundere Menschen, die sich einen Lebenstraum erfüllen. Die dieses eine kleine Café eröffnet haben, deren Einrichtung als detaillierte Skizze schon immer in ihrem Kopf spukte. Die alles auf eine Karte setzen. No risk no fun. Nicht wahr? Sind diese Menschen am Ende nicht nur Traumtänzer und gibt es nicht genug Beispiele für gescheiterte Existenzen, die sich verschuldet haben, die sich mit ihrem Lebenstraum in den Ruin getrieben haben? Ja, vielleicht darf man bei aller Träumerei, die Realität nicht aus den Augen verlieren. Und vermutlich gehört auch immer eine gehörige Prise Glück dazu.

Ich bekomme oft zu hören, ich sei zu idealistisch. Aber wenn ich diesen Idealismus nicht an den Tag legen würde, wäre dieses Leben für mich ziemlich trist und unerträglich. Mein Idealismus gibt mir immer wieder aufs Neue Kraft, er verpasst mir einen Schubs und ich rapple mich von neuem auf. Er verdeutlicht mir immer wieder, was ich ändern will und womit ich mich nicht abfinden kann. Mein Idealismus hat mich schon weitgebracht. Deshalb versteht dies als Aufruf: Nehmt eure Träume ernst. Seid Traumtänzer, probiert euch aus, habt Ideale und schenkt dem nächsten dahergelaufenem Deppen, der eure Träume belächelt, erst gar keine Beachtung.

Vorschau:  Nächste Woche erwartet euch hier wieder eine spannende Kolumne.

Erlebnis Buchkauf – drei preisverdächtige Heidelberger Buchhandlungen

Zum ersten Mal wird am Donnerstag, 17. September der Deutsche Buchhandlungspreis verliehen. Das Ziel der Auszeichnung: Sie soll inhabergeführte Geschäfte gegenüber dem Internethandel und den großen Ketten fördern. Mit von der Partie sind auch drei Heidelberger Buchhandlungen.

„Sie müssen nicht in den Amazonas reisen, wenn es Bücher bei Ihnen um die Ecke gibt.“ – Eine Tafel mit diesem Werbeschriftzug des Diogenes Verlags steht vor der kleinen Bücherstube an der Tiefburg in Handschuhsheim.
Neben Hassbeckers Galerie & Buchhandlung und artes liberales ist sie eine von drei Heidelberger Buchhandlungen, die für den Deutschen Buchhandlungspreis nominiert sind.
Er wird in der kommenden Woche in Frankfurt durch Prof. Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien, vergeben.
108 Buchhandlungen in ganz Deutschland sind nominiert. Laut der offiziellen Seite des Preises sollen sie alle folgenden Kriterien erfüllen: Sie müssen ein kulturelles Veranstaltungsprogramm bieten, sich für die Lese- beziehungsweise Literaturförderung einsetzen, ein besonderes literarisches Sortiment vertreten und ein innovatives Geschäftsmodell haben. Dabei darf ihr durchschnittlicher Jahresumsatz der letzten drei Jahren eine Million Euro nicht überschritten haben. Der Preis ist in drei Kategorien von Gütesiegeln unterteilt, sodass alle 108 prämiert werden können.

Eine freundliche Einladung zum Stöbern (© Bücherstube an der Tiefburg)

Die Bücherstube an der Tiefburg setzt sich vor allem für die Leseförderung bei Grundschulkindern ein und bietet ein äußerst vielfältiges Kulturprogramm. Dieses reicht von einer Kinderlesenacht über ein Gartencafé im Sommer bis hin zu Autorenlesungen und Literaturreisen auf den Spuren verschiedener Schriftsteller.
Seit 1982 gibt es die Bücherstube. Sie ist trotz des zweimaligen Umzuges schon seit langem ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens in Handschuhsheim. Obwohl sie in 33 Jahren auch um 85 m² gewachsen ist, herrscht hier immer noch eine familiäre Atmosphäre. Im kleinen Hof neben der Buchhandlung befindet sich ein Garten, der teilweise mit Ranken überwachsen ist und mit Cafétischen und Strandkorb bei gutem Wetter dazu einlädt, eine Weile zu verweilen.

„Wir legen besonders großen Wert auf persönliche Beratung und eine enge persönliche Bindung zu unseren Kunden. Es ist wichtig die Kunden zu kennen“, erklärt Regina Kaiser-Götzmann, die Inhaberin der Buchhandlung. Sie findet es gut, dass durch den Preis gezeigt wird, was der Buchhandel leistet. Deshalb hat sie sich für die Bewerbung entschieden.

Die zweite Buchhandlung ist artes liberales am anmutigen Kornmarkt.
Auch sie ist von hier, nicht mehr wegzudenken. Nur aus einem einzigen kleinen Raum bestehend, ist das Sortiment nicht besonders groß, aber sorgfältig ausgewählt. Der

© artes liberales - Buchladen, Heidelberg 2015

Ein Ort zum Schmökern und Verweilen: Die Buchhandlung artes liberales (© artes liberales – Buchladen, Heidelberg 2015)

Schwerpunkt der Buchhandlung liegt auf der Philosophie, aber auch auf mit ihr verbundenen Gebieten wie Dichtung, Künsten und Wissenschaften. Es folgt demnach nicht den aktuellen Bestsellerlisten und Empfehlungen, sondern enthält auch Schriften, die mitunter über 2000 Jahre alt sind. Artes liberales bietet auch ein großes Kulturprogramm und zwar über die zugehörige Organisation artes liberales-universitas. Dazu gehören Kolloquien, Vorträge und Lesungen.
Sehr wichtig ist Clemens Bellut, Inhaber der Buchhandlung, eine einladende Atmosphäre. „Wenn jemand sich den ganzen Tag oder auch nur einige Stunden in den Liegestuhl setzt und ein Buch liest, ist das schon ein großer Gewinn für die Buchhandlung“, erklärt er. Willkommen sei auch immer das persönliche Gespräch. Tatsächlich steht in der Buchhandlung ein Liegestuhl, direkt am Fenster, das weit nach oben geschoben werden kann, sodass man den Eindruck hat, man sitze draußen. Drum herum reichen die Regale bis unter die Decke, doch die großen Fenster sorgen stets für viel Licht.

Hassbeckers Galerie & Buchhandlung in der Haspelgasse ist die dritte der nominierten Heidelberger Buchhandlungen. Inzwischen führt Barbara Schulz die Buchhandlung weiter, die ihr verstorbener Lebensgefährte Egon Hassbecker ursprünglich in Eberbach gegründet hatte.
Die Galerie und die Buchhandlung sind inzwischen untrennbar miteinander verbunden. Das Sortiment wird mit viel persönlichem Interesse ausgewählt und bietet eine große Bandbreite.
Zudem gehört zu der Galerie und der Buchhandlung auch das Museum im Haus Cajeth. Teil des Programms sind unter anderem Lesungen, Buchvorstellungen und natürlich die Ausstellungen des Museums. Sie zeigen Bilder naiver und primitiver Künstler, deren Bilder auch an den Wänden der Buchhandlung zu finden sind. Im ersten Zimmer sind die Wände frei von Regalen geblieben, um Platz für die Bilder zu bieten. Weiter hinten, im verwinkelteren Teil der Buchhandlung, sind die Regale so hoch wie die Räume selbst, das Ambiente erinnert an ein Antiquariat mit heimeliger Atmosphäre.

Wer sich also einmal wieder ein Buch kaufen möchte, sollte in jedem Fall einmal eine der Buchhandlungen ausprobieren. Und wer weiß – vielleicht hat er dann bald ein Buch aus einer der drei besten Buchhandlungen in Deutschland?

Vorschau: Am Freitag den 25. September lest Ihr Vanessas Filmkritik zu Fack ju Göhte 2.

Die Kunst des Liebens

Stellt euch vor, Liebe wäre eine Kunst, die man erlernen kann. Schenkt man Erich Fromm Glauben dann kann jeder – an dieser Stelle können diejenigen, die die Hoffnung an die Liebe endgültig aufgegeben haben einmal aufatmen – das Lieben erlernen. Eins sei aber gleich zu Beginn gesagt: Diese Kunst zu erlernen ist kein Zuckerschlecken. Ob es weniger talentierte Liebeskünstler gibt, darüber sind mir keine Informationen bekannt. Gehen wir also vom Idealfall aus: Jeder kann das lieben lernen. Liebe – das scheint ein Thema zu sein, mit dem sich jeder früher oder später rumärgern muss und sich zeitweise so sehr den Kopf darüber zerbricht, dass man nach stundenlanger Grübelei trotzdem nicht schlauer geworden ist. Dass die Liebe sich zur Abwechslung von ihrer unkomplizierten und harmoniebedürftigen Seite zeigt , ist eher eine Seltenheit, oder bin ich zu pessimistisch? Dabei ist das doch entgegen ihres Gemütes, oder nicht?

Die Liebe: So viel schöne Mythen ranken sie um die Liebe, doch sie bringt auch viel Kummer (Foto: Bluetenzauber  / pixelio.de )

Die Liebe: So viel Mythen ranken sie um das Phänomen Liebe, doch sie bringt auch viel Kummer (Foto: Bluetenzauber / pixelio.de )

Sprechen wir von Liebe, gehen wir zumeist wie ganz selbstverständlich von romantischer Liebe zwischen zwei Menschen aus. Ich weiß, ich will nicht wieder ein altes Fass aufrollen. Doch ich muss diese kitschigen Liebes- und Disneyfilme tadeln. Sie tragen eine enorme Schuld an unserer endlosen Suche nach dem richtigen, vollkommenen Partner. Diesen Filmen ist es zu verdanken, dass wir in Sachen Liebe nicht ganz richtig ticken und einge von uns schon wiederholte Male an einem gebrochenen Herzen gelitten haben. Heutzutage sind einige dahinter gekommen, dass diese vorgegaukelten Liebesideale wenig mit der Realität zu tun haben. So viele Menschen, scheinen bei der Suche nach diesem Mr. oder Mrs. Perfect schier zu verzweifeln, an ihrer zwanghaften Suche zu zerbrechen und die Hoffnung fast aufgegeben zu haben, dass sich dort draußen dieser eine Mensch, dieses sagenumwobene Gegenstück zu uns, wie es so lächerlicherweise angepriesen wird, tummelt. Es gibt so viele unterschiedliche Formen der Liebe. Angefangen von der Liebe zu Freunden oder der Familie. Liebesformen die in ihrer Intensivität genauso Anerkennung verdienen. Doch immer scheint die romantische Liebe, den anderen Liebesformen die Show zu stehlen. Wir suchen, der eine weniger verbissen als der andere, nach der „wahren Liebe“, scheinen unser ganzes Leben darauf hinzuarbeiten und wissen doch nie genau, was wir darunter eigentlich verstehen und wo wir danach Ausschau halten müssen.

Wir wollen geliebt werden, gleichzeitig aber auch unseren eigenen Interessen nachgehen und uns selber verwirklichen. Doch passt das alles unter einen Hut? Ist Liebe etwas, das man findet und dann einfach nur nach Gebrauchsanleitung hegen und pflegen muss?  Muss die Liebe zwischen zwei Menschen, nur wie ein junger Welpe etwas Benehmen anerzogen bekommen und ist fortan ein treuer Begleiter, der nicht weiter Ärger macht und an dem man sich tagtäglich erfreut? Ich fürchte so ist es ganz und gar nicht. Und ich glaube, dies ist auch der Grund warum so viele Beziehungen scheitern. Wir machen es uns zu einfach und haben so unglaublich hohe Erwartungen. Erich Fromm scheint mit seiner Vermutung Recht zu behalten. Im Kern wissen nur ganz wenig Menschen, wie man wirklich liebt. Doch kann man uns das zum Vorwurf machen? Wo lernen wir zu lieben? Idealerweise sollte die Familie der erste Ort sein an dem wir uns geborgen und geliebt fühlen und auch lernen andere zu lieben. Das erste Verliebtheitsgefühl ist großartig – keine Frage. Doch wir sind enttäuscht, wenn dieses sich langsam aber sicher verflüchtigt und nur noch einer schönen, fernen Zeit gleicht, an die man sich gerne zurückerinnert. Und wir scheinen nicht zu verstehen, dass eine Beziehung, dass der Weg zu Liebe, mit ungeheuer viel Geduld und Arbeit verbunden ist. Ja, genau ihr habt richtig verstanden. Arbeit und Geduld!

Viele Menschen scheinen naiver Weise zu glauben, dass, wenn sie einmal den richtigen Partner gefunden haben, die Liebe auch beständig erhalten bleibt. Doch an der Liebe zu seinem Lebenspartner muss man tagäglich arbeiten, sich selbst als Person weiterentwickeln, sich im Gedulidgsein üben, dem anderen seinen Freiraum lassen.

Wirkliche Liebe ist ein Projekt, das viel Zeit Anspruch nimmt. Und das gilt für Freundschaften und romantische Zweier-Beziehungen gleichermaßen! Die Mühe und Arbeit sollte ihr aber nicht Scheuen. Denn wer weiß – vielleicht werdet ihr eines Tages zu herausragenden Liebeskünstlern!

Vorschau: Eva widmet sich nächstes Mal dem Thema der Gleichberechtigung in Partnerschaften

Grün vor Neid? Warum wir dieser Eigenschaft schleunigst den Laufpass geben sollten

Grün vor Neid - aber haben wir wirklich Gründe neidisch zu sein? (Foto: uschi dreiucker  / pixelio.de)

Grün vor Neid – aber haben wir wirklich Gründe auf andere neidisch zu sein? (Foto: uschi dreiucker / pixelio.de)

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Eigenschaft Neid erst mit dem Älterwerden einstellt. Vielleicht romantisiere ich das Kind sein aber auch zu sehr. Sogleich fällt mir nämlich ein, dass ich mich mit Freundinnen im Kindesalter in die Haare bekam, mit ihnen raufte, wenn es sich etwa um die Aufteilung von Süßigkeiten drehte und jemand ungefragt diese schon früher anrührte, als abgemacht. Ist Neid eine ganz gewöhnliche, menschliche Eigenschaft? Bei längerem Überlegen fällt mir noch eine weitere Kindheitsanekdote ein: Früher war ich neidisch auf die beeindruckende Überraschungsei-Figurensammlung einer guten Freundin, die schon damals aus seltenen sowie begehrten Elefanten und „Hippos“ bestand. Was dazu führte, dass ich gelegentlich unauffällig eine Figur mitgehen ließ. Ja, noch heute schäme ich mich dafür in Grund und Boden.

Jeder will das größte Stück vom Kuchen: Das scheint sich auch mit dem erwachsen werden nicht zu ändern. Vielmehr weitet sich dieser Neid oft auf andere Lebensbereiche aus (Foto: Gabi Eder  / pixelio.de)

Jeder will das größte Stück vom Kuchen: Das scheint sich auch mit dem erwachsen werden nicht zu ändern. Vielmehr weitet sich dieser Neid oft auf andere Lebensbereiche aus (Foto: Gabi Eder / pixelio.de)

Ist es normal, dass wir auf den Teller des anderen rüber lugen, in der Befürchtung, der Sitznachbar, könne mehr vom leckeren Essen auf den Teller geschaufelt haben? Geht es euch auch manchmal so, dass ihr neidisch seid, wenn das Weihnachtsgeschenk der Geschwister viel besser ausgefallen ist und deren Geschmack getroffen hat? Neid – das bedeutet, dass wir Besitztümer, die sich nicht nur auf das Materielle begrenzen müssen, anderen Menschen nicht gönnen, oder aber uns an Ihre Stelle wünschen. Mit dem Älterwerden, habe ich festgestellt, dass das neidisch sein auch vor dem eigenen Freundeskreis nicht Halt macht. Und das ist etwas, was ich unmöglich akzeptieren kann. Ich würde mich als Menschen bezeichnen, der sich von Herzen für andere freut. Es macht mich gleichermaßen glücklich und stolz, wenn Freunde mir von Erfolgen berichten, sich einen langersehnten Wunsch erfüllen, oder für kontinuierlichen Fleiß belohnt werden und eine verdiente Praktikumsstelle erhalten. Aber ich will mich nicht als Heilige rühmen. Auch in mir macht sich ab und an der Neid breit. Wenn ich Menschen begegne und völlig davon geblendet bin, was diese in ihrem Leben bereits alles erreicht haben, erweckt das auch in mir bisweilen den abscheulichen Neid zum Leben. Plötzlich plustert er sich auf wie noch was. Langsam spüre wie er sich in mir ausbreitet und fast ganz Besitz von mir zu ergreifen scheint.

Lernen wir neidisch zu sein? Ich für meinen Teil  verabscheue es, wenn ich Menschen schon im Gesicht ablesen kann, dass sie auf etwas neidisch sind. Gespielte Freude, ein unbeholfenes, in die breite gezogenes Grinsen, das mehr einer Clownsgrimasse als einem ehrlichgemeinten Lächeln ähnelt – so könnt ihr den Neid garantiert sofort entlarven.  Neid – das ist eine Eigenschaft, die schleunigst aus der Welt verdammt werden muss. Sie beschwört nämlich nur Schlechtes herauf und macht selbst den hübschesten Menschen unsagbar hässlich.

Erfolg macht andere neidisch: Aber wieso gönnen wir Menschen ihren Erfolg oftmals nicht? (Foto: I-vista  / pixelio.de)

Erfolg macht andere neidisch: Aber wieso gönnen wir Menschen ihren Erfolg,  der viel Fleiß und Mühe abverlangt hat, oftmals nicht? (Foto: I-vista / pixelio.de)

Kein Wunder, dass im Christentum Neid eine schlechte Tugend ist und sogar eine der sieben Todsünden darstellt. Und auch im Islam wird Neid als etwas angesehen, dass es zu  überwinden gilt. Jener Miesepeter scheint wohl auch in direkter Verbindung mit dem Egoismus zu stehen. Darum geht es doch im Kern? Wir wollen unentwegt, dass sich alles um uns dreht. Und ja, in dieser Gesellschaft, werden wir zu egoistischen Wesen herangezogen, die nur auf ihr eigenes Wohl aus sind. Ich habe mir eine gute Taktik überlegt, wie ich den Neid, übers Ohr legen kann. Treffe ich Menschen, die ich bewundere, nennen wir das Kind ruhig beim Name, beneide, halte ich mir immer vor Augen, dass diese einen ganz anderen Lebensweg als ich eingeschlagen haben, durch andere Umstände, dorthin gelangten, wo sie heute stehen. Neidisch zu sein, ist bei genauerem Überlegen völlig unsinnig. Nie im Leben nämlich, werde ich wie diese Person sein, die vor mir steht. In meinem Leben haben sich andere Dinge ereignet, die mich an andere Stationen gebracht haben. Wir sollten nicht immer von uns aus gehen und immer sofort alles auf uns beziehen. Womit wir wieder beim Egoismus angelangt wären. Scheint ganz so als seien der Neid und der Egoismus alte Bekannte. Ich habe mir angewöhnt, Menschen zunächst einmal anzuhören und dabei nicht sofort irgendwelche Rückschlüsse auf mich zu ziehen. Das hilft. Und tut zudem Freundschaften gut und fördert neue Bekanntschaften. Deshalb sollten wir alle dem Neid den Laufpass geben. So kann zumindest ich mich viel besser auf Menschen einlassen, mich an Konversation erfreuen, etwas Nützliches daraus ziehen und am Ende vielleicht sogar motiviert und angespornt aus dieser hervorgehen.

Vorschau: Eva verrät nächstes Mal, warum wir öfter mal zum Stift greifen und Briefe schreiben sollten.

Entspannung pur? Schluss mit den Yoga-Klischees

Wer hat eigentlich das lächerliche Gerücht in die Welt hinausposaunt, Yoga sei entspannend? Es hält sich nämlich hartnäckig. Erst kürzlich kam mir so ein Kommentar wieder zu Ohren. Ich war gerade vom Yoga nach Hause gekommen, hatte mich frisch geduscht und wollte meine Freundin in Empfang nehmen. Eher beiläufig erwähnte ich, dass ich ziemlich erschöpft sei. Was mir mit meinen roten Bäckchen durchaus abzukaufen war! Sie blickte mich darauf ungläubig an. „Vom Yoga etwa?“ „Das ist doch entspannend, oder?“ Da wunderte ich mich, nicht zum ersten Mal darüber, wieviel Unwissen und Skepsis über die Yoga-Praxis herrscht. Ich muss allerdings gleich zu Beginn anmerken – eigentlich habe ich mit Yoga erst vor wenigen Monaten begonnen. Ich bin also alles andere als eine Yoga-Expertin. Ich habe allerdings genügend Einblicke erhalten, es quasi am eigenen Körper erfahren, um klarstellen zu können – Yoga ist alles andere als Entspannung pur! Aber beginnen wir von Anfang an:

Meditation und der Geruch von Räucherstäbchen: Wer glaubt, darum gehe es im Yoga ausschließlich, der hat weit gefehlt.(©Paulwip  / pixelio.de)

Meditation und der Geruch von Räucherstäbchen: Wer glaubt, darum gehe es im Yoga ausschließlich, der hat weit gefehlt! (©Paulwip / pixelio.de)

Das Yoga eine uralte philosophische Lehre ist, die aus Indien stammt, ist den Meisten wohl bekannt. Yoga beruht auf sehr alten Schriften – die älteste geht dabei auf das zweite Jahrhundert nach Christus zurück. Diese heiligen Schriften von verschiedenen Gelehrten, bilden heute das Grundgerüst einiger Yoga-Arten. Die Körperübungen, sogenannte Asanas, gesellten sich erst sehr viel später dazu, machen heute aber einen bedeutenden Teil des Yogas, wie er zumindest in westlichen Ländern gelehrt wird, aus. Gegenwärtig existiert eine breite Fülle an Yoga-Ausrichtungen, welche sich in den Übungen und in der Intensität in der Asanas ausgeführt werden, wesentlich unterscheiden. Das Tolle daran ist – für jeden Geschmack ist etwas dabei! Für diejenigen, die Spaß an körperlichen Herausforderungen haben, aber auch für jene, die es lieber ruhiger angehen lassen. Noch toller: Yoga lässt sich problemlos in den Alltag integrieren. Matte ausgerollt und los geht‘s! (zugegeben eine gehörige Portion Motivation gepaart mit Disziplin ist unabdingbar!)

Ganzheitliche Beansprunchung: Yoga verlangt viel Körperbeherrschung und Disziplin von einem ab (©Philipp Wiebe  / pixelio.de)

Ganzheitliche Beanspruchung des Körpers: Yoga verlangt viel Körperbeherrschung und Disziplin von einem ab (©Philipp Wiebe / pixelio.de)

Ich übe mich im Hatha-Yoga, einer sehr körperbetonten, klassischen Yoga-Form, in der die Übungen langsam und bewusst im Wechsel mit Entspannungsphasen ausgeführt werden. Dieses Yoga eignet sich besonders für Anfänger, da Fehlhaltungen von den „Yogis“ (so nennen sich die, die Yoga praktizieren, sich allerdings schon auf einem fortgeschrittenen Level befinden) schnell erkannt werden. Wer ordentlich schwitzen will, sollte sich im Ashtanga-Yoga probieren, welches viel Kondition erfordert und in dem die Übungen in einer flotten Tempoabfolge durchgeführt werden. Schwitzen ist also Programm! Und wer Schwitzen im wortwörtlichen Sinne versteht, sollte mal eine Runde Bikram-Yoga in Erwägung ziehen – In einem auf 40 Grad Celsius aufgeheizten Raum, werden 26 Asanas in einer genauen Abfolge ohne Pause vollführt. Klingt nach purer Entspannung, oder? Wer aber wirklich die Absicht hat, im Yoga zur Ruhe zu kommen, dem sei Kundalini-Yoga ans Herz gelegt. Hier wird der spirituellen Seite des Yogas viel Raum gegeben und die Meditation steht im Vordergrund. Wer gerne dem Beispiel von Prominenten wie etwa Madonna folgt, der könnte Freude am dynamischen Jivamukti-Yoga haben. Hier werden kraftbetonte Übungen in einem fließenden Ablauf praktiziert und mit der Lehre von heiligen Schriften und Mediation vereint. Jivamukti setzt sich aus Jiva (Seele) und mukti (Befreiung) zusammen und bedeutet so viel wie „Befreiung der Seele“. Klingt doch vielversprechend, oder?

Und irgendwann kommt dann die Erleuchtung? Sicher ist Yoga ist wohltuend für Körper und Geist! (©Thorben Wengert  / pixelio.de)

Und irgendwann kommt dann die Erleuchtung? Sicher ist – Yoga ist wohltuend für Körper und Geist! (©Thorben Wengert / pixelio.de)

Yoga bedeutet weitaus mehr als ausschließlich verrenkende, fast akrobatisch anmutende Körperübungen zu vollführen. Vielmehr ist es die philosophische Lehre auf der alles begründet. Gerade in heutigen Zeiten, wo ein häufiges Volksleiden Stress ist und nie dagewesene Krankheitsbilder wie Burn-Out auftauchen, wo Menschen gehäuft an körperlichen Beschwerden leiden, scheinen die Yoga-Studios Hochkonjunktur zu verzeichnen. Nicht umsonst ist mittlerweile bei vielen Krankenkassen Yoga als Präventionsmaßnahme anerkannt.

Wer seine Vorurteile einmal von Bord wirft und sich auf Yoga einlässt wird bemerken, dass Yoga neben schweißtreibenden Übungen, auch ein völlig neues Lebensgefühl verleiht. Yoga lehrt den Mensch, auf sich Acht zu geben, seine Gedanken zu fokussieren, zugleich aber auch die eigenen Grenzen und Ängste zu überwinden und sich so vom „inneren Leiden“ zu heilen. Und deshalb ein kleiner Wink an denjenigen, der dieses unsinnige Gerücht, von wegen Yoga sei entspannend, in die Welt setzte: Yoga wirkt sogar entspannend UND anstrengend zugschleich! Schreib dir das gefälligst hinter die Ohren. Namaste!

Vorschau: Eva setzt sich nächste Woche mit einem hochaktuellen Thema auseinander: 70 Jahre nach Ausschwitz gibt es AfD und Pegida.

 

„Frohes Neues“ – von Vorsätzen für das neue Jahr

Mit Karacho ins neue Jahr: Mit den richtigen Vorsätzen steht dem nichts mehr im Wege (©Tim Reckmann  / pixelio.de)

Mit Karacho ins neue Jahr: Mit den richtigen Vorsätzen steht dem nichts mehr im Wege (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Das neue Jahr hat begonnen. Es wird wieder einige Wochen dauern, bis wir gleich beim ersten Anlauf die Jahreszahl des Datums korrekt schreiben. Eigentlich ist fast alles beim Alten geblieben, doch der Jahreswechsel weckt in vielen ungeahnte Kräfte. Plötzlich scheinen wir Berge versetzen zu können, können es kaum abwarten unsere neu geschmiedeten Pläne in die Tat umzusetzen oder uns schnell noch ein paar zusätzliche Vorsätze zu überlegen. Neigt sich das Jahr langsam dem Ende zu, scheint es ganz natürlich, dass wir es Revue passiere lassen. Wir malen uns aus was das neue wohl mit sich bringen mag. Die Silvesternacht ist die Nacht der Nächte. Etwas Magisches liegt in der Luft und wir murmeln gleich einem Zauberspruch unsere Vorsätze für das neue Jahr vor uns her. Doch wie sinnvoll ist es eigentlich, solche Vorsätze für das neue Jahr zu machen?

Bei der diesjährigen Silvesterfeier, die ich relativ unvorhergesehen in einer Berliner-Wohngemeinschaft verbrachte, waren die unterschiedlichsten Leute und Nationen vertreten. Kurz vor Mitternacht, bereits gut angeheitert und gesättigt von allerhand leckerem Essen, rannten wir wie Kinder voller Vorfreude raus, um ein paar Raketen abzufeuern oder uns einfach nur an der leuchtenden Wunderkerze in unserer Hand zu erfreuen. Um zwölf Uhr Nachts fielen wir uns dann alle überschwänglich in die Arme und wünschten einander ein frohes neues Jahr. Unglaublich eigentlich, dass sich bei so einer Silvesterfeier teilweise fremde Menschen in die Arme fallen und auf eine solch herzliche sowie aufrichtige Weise das Beste für das neue Jahr wünschen. Die eine oder andere Person fragte ich neugierig, ob sie mir einen Vorsatz für das neue Jahr verraten würde. Interessant ist, dass ich eigentlich von jedem einen persönlichen Vorsatz erzählt bekam. Niemand stellte sich quer. Niemand schien es lächerlich oder altmodisch zu finden explizit Vorsätze zu haben. Vorsätze für das neue Jahr zu machen scheint alles andere als aus der Mode gekommen zu sein!

 Schnell noch eine Wunderkerze angezündet. Die liegt zu Silvester auch bei Erwachsenen hoch im Kurs (© Sandra Probstfeld  / pixelio.de)

Schnell noch eine Wunderkerze angezündet. Die steht zu Silvester auch bei Erwachsenen hoch im Kurs (© Sandra Probstfeld / pixelio.de)

Die Vorsätze sind dabei von ganz unterschiedlicher Natur. Sie drehen sich darum ein bestimmtes Hobby zu vertiefen oder akademische Abschlüsse zu erreichen. Sich ein Stückchen mehr Selbstständigkeit zu erkämpfen indem zum Beispiel endlich das Bestehen des Führerscheins in Angriff genommen wird. Doch ich bekam durchaus auch solche Vorsätze zu hören, die sich eher allgemein auf das Leben beziehen. Es drehte sich dabei um ein bestimmtes Lebensgefühl, das man erlangen möchte oder es wurden Sehnsüchte beschrieben, die vielleicht sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, um in Erfüllung zu gehen. Mir hat diese kleine, spontan durchgeführte Feldforschung deutlich gemacht, dass es ungemein wichtig ist Vorsätze zu haben.

Diese Zeit kurz vor dem neuen Jahr ist ganz seltsam. Sie ähnelt einer Schwellenphase in der die Person zwischen zwei Welten schwebt. Fast möchte unsereiner aus dem Kokon schlüpfen und endlich dieses vollkommene Ich, das einem schon immer vorschwebte, aller Welt offenbaren.

Ich fühle ich mich etwas wehmütig und noch nicht bereit, dass Jahr schon gehen zu lassen. Doch diese letzten Stunden, Minuten und Sekunden, die einem bis zum neuen Jahr bleiben, lassen sich hervorragend dazu nutzen sich unserer Ziele bewusst zu werden oder den einen oder anderen Vorsatz nochmals zu überdenken. Zu sich selbst zu kommen und ganz einfach dankbar zu sein für bestimmte Erlebnisse die sich im letzten Jahr ereigneten, neue Bekanntschaften mit besonderen Menschen, die sich ganz zufällig ergaben. So sollten wir vor lauter ehrgeiziger Vorhaben nicht zu streng mit uns sein, auch das Unerwartete und Unvorhergesehene als Teil des Lebens akzeptieren und den Charme darin erkennen.

Vorschau: Eva berichtet nächstes Mal von dem Hype um den neuen Star Wars Film.

 

 

Die Geduld und Ich – eine Hass-Liebe

Schon Konfuzius wusste: „Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.“ Klingt eigentlich sehr geistreich. Aber woran liegt es bloß, dass ich mir im geduldig sein so unheimlich schwer tue?

Schon von klein auf bekommen wir beigebracht, dass Geduld eine wichtige Tugend ist. Wir lernen es, wenn wir als Kinder mit Mama durch die Spielwarenabteilung schlendern und sehnsüchtig die bunt-glitzernden Regale hinaufschauen. Der Anblick der unzähligen verlockenden Spielwaren, lässt unser Kinderherzchen höher schlagen. Doch unsere Traumwelt kollidiert schlagartig mit der Realität, wenn uns die Mutter auf das nächste Jahr vertröstet. Da können wir uns dann diese eine besondere Puppe mit dem wallenden Haar, diese eine beliebte Action-Spiel-Figur wünschen, die das Budget in diesem Jahr nicht mehr hergibt. Ja, teilweise endete der harmlose, anfänglich freudenvolle Gang ins Kaufhaus dramatisch. Tränenüberströmt und schreiend weigerten wir uns aus dem Spielwarenhaus zu gehen. Nur mit Mühe und Not brachten es unsere Mütter fertig uns aus dem Kaufhaus zu zerren und blickten dabei peinlich berührt, die umstehenden Kunden entschuldigend an.

Hier hatten wir also unsere erste Lektion in Sachen Geduld gelernt: Man bekommt nicht alles, was man sich wünscht. Stattdessen wird man auf später vertröstet. Im Kaufhaus musste ich diese schmerzhafte Erfahrung machen und verstand, was es mit der Geduld auf sich hat. Ich hatte dieses Wort schon zuvor öfters in Gesprächen aufgeschnappt, doch erst jetzt hatte ich die wahrhafte Bedeutung verstanden. Ich hatte die Geduld durchschaut: Sie ist ein böses Monster, das einem wann immer es ihm möglich ist, einen Strich durch die Rechnung macht. Mit erhobenem Zeigefinger weist es einen darauf hin, dass man gefälligst zu warten hat und zwar viele, viele Jahre bis ein Herzenswunsch in Erfüllung geht. Die Geduld war im Kindesalter für mich der Inbegriff für einen miesen Spielverderber. Als Kind hatte ich außerdem insgeheim die Befürchtung, dass die Geduld sich mit meinen Eltern verbündet hatte.

Die Geduld begegnete mir erneut, als ich am Esstisch ungeduldig darauf wartete mit dem Abendbrot zu beginnen. Ich setzte schon mit der Gabel an, als mich meine Eltern streng dazu ermahnten, doch abzuwarten bis alle am Tisch Platz genommen hatten. Hinter meiner Mutter erhaschte ich in Dunst gehüllt, die Geduld wie sie schadenfreudig und siegessicher zugleich Grimassen zog.

Aber mal Spaß beiseite. Natürlich. Im Nachhinein erscheinen diese Vorfälle wie Lappalien und sind natürlich auch etwas überspitzt dargestellt. Meine Entwicklung gestört haben sie auch in keiner Weise. (das hoffe ich zumindest) Im Gegenteil haben diese Zurechtweisungen uns Kindern, wie es so oft heißt, ja nur Grenzen aufgezeigt.

In den letzten Jahren ist es allerdings so weit gekommen, dass ich den Sinn und Nutzen der Geduld völlig in Frage stelle! Dabei brauche ich die Geduld vielleicht viel mehr als mir lieb ist. Ich habe das Gefühl, dass ich meine mir gesteckten Ziele nicht schnell genug erreiche. Momentan schreibe ich an meiner Bachelor-Arbeit. Das heißt: Auf meinem Computer ist eine angefangene Abschlussarbeit, die ich eher stiefmütterlich behandle.
Viel lieber würde ich allerdings verreisen. Was ich auch tue. Immer wieder verschwinde ich für ein verlängertes Wochenende. Mit dem Hintergedanken danach viel motivierter arbeiten zu können.

Mit Schneckentempo zum Ziel? : Eine Schnecke kriecht gemählich auf einem Holzboden, Thailand (Foto: Gartner)

Mit Schneckentempo zum Ziel? Eine Schnecke kriecht gemählich auf einem Holzboden (Foto: T. Gartner)

Ich neige dazu, viele Dinge auf einmal haben zu wollen. (Ein Hoch auf das Kind in uns!) Ich würde gerne mehr schreiben, Yoga praktizieren, regelmäßig reisen, eine Band gründen, unzählige Bücher von bedeutenden Schriftstellern lesen, tolle Rezepte ausprobieren, ein außergewöhnlich kreatives Projekt auf die Beine stellen, eigene Gedichte und Texte veröffentlichen und in mir eine wirkliche Leidenschaft entdecken, die ich dann vorantreiben kann. Ich könnte die Auflistung problemlos bis in die Unendlichkeit weiterführen. Aber ich denke, ihr merkt schon wo das Problem liegt.

Aber auch, wenn die Geduld und ich wohl nie beste Freunde werden, lehrt sie uns doch etwas Wichtiges: Sie bereitet uns auf das Erwachsenenleben vor, in dem man nicht mehr einfach eine Wunschliste verfasst und sich darauf verlassen kann, dass diese Wünsche im Handumdrehen in Erfüllung gehen. Die Geduld, mit der man ungewollt in jungen Jahren schon Bekanntschaft macht, zeigt einem schon früh auf, dass man oftmals verbissen kämpfen muss, um an seine Ziele zu gelangen. Lass dich nicht entmutigen. Das ist wohl die geheime Botschaft der Geduld.

Ich versuche mich gerade darin einen bosnischen Eintopf zu kochen. Dafür habe ich mir ausgiebig Zeit genommen. Während der Eintopf noch gute zwei Stunde vor sich hin köcheln soll, verfasse ich diesen Text und spüre eine gewisse Ruhe in mir aufkommen. Was wenn es die Geduld doch gut mit mir meint? Vielleicht sollte ich der Geduld eine Chance geben! Meine erste Probe auf dem Weg zu einem geduldigen Menschen habe ich mit Bravur gemeistert: Denn der Eintopf ist fertig und ich immer noch die Ruhe selbst. Der gute Konfuzius – wie Recht er doch hatte!

Vorschau: Sascha berichtet von Veränderungen und wie man aktiv anpacken kann, auch wenn es nicht immer leicht fällt.

Last man sceptic – Noch irgendwelche Zweifel?

Vor einigen Jahren hatte ich einen Freund.

Nein, was jetzt folgt, ist keine pathosüberladene, herzzerreißende Trennungserfahrung aus meinen jungen Jahren – das hier ist lediglich der erste Anreiz für einen Skeptiker, um seinen Job zu erfüllen, das heißt, um eventuelle Zweifel anzubringen. Wer weiß, womöglich habe ich diesen Freund ja bloß erfunden, damit er als Einleitung in das Thema dieser Woche herhalten kann?

Ja, sie sind manchmal schon unfassbar nervtötend, diese ewig Zweifelnden: Wie sie nicht einmal banalste Fakten als gegeben hinnehmen, sondern alles, wirklich alles bis ins Detail dargelegt und verifiziert haben müssen. Eingefleischte Anhänger des Skeptizismus würden an dieser Stelle fotografische Beweise einfordern, die die Existenz dieser Jugendliebe belegen. Sie ließen nicht locker, ehe ich in der Mottenkiste nach alten Erinnerungsstücken gekramt oder gar eine Kontaktadresse von diesem Ex-Lebensabschnittsgefährten – weiß Gott, was der Kerl heutzutage eigentlich macht –aufgetrieben hätte. Ich wäre so lange mit der Suche nach Beziehungsrelikten beschäftigt, dass diese Kolumne wahrscheinlich gar nicht erst fertig geworden wäre.

Affenfamilie

Wie im Affenhaus: Skeptikern ist das wilde Durcheinander vertrauter als das familiäre Miteinander.( Foto: T.Gartner)

Da ich mir von meiner Leserschaft allerdings etwas mehr Vertrauen erhoffe, erlaube ich mir an dieser Stelle, wieder dort anzusetzen, wo meine Geschichte ursprünglich ihren Ursprung nehmen sollte: Bei meinem damaligen Freund aus der Schulzeit. Wann immer ich das Vergnügen hatte, ihn Zuhause zu besuchen, kam ich nicht umhin, mindestens eine Mahlzeit am langen Esszimmertisch mitsamt allen Mitgliedern der sechsköpfigen Großfamilie einzunehmen. Wann immer ich mir zwischen Kauen und Schlucken die Zeit nahm, um mich intensiver in der Runde umzusehen, überkamen mich befremdliche Gefühle. Mit diesen Gefühlen von Unbehagen und – ich kann es nicht anders sagen: Skepsis – gingen häufig Fragen einher, die in meinem Kopf Autoscooter fuhren. Ist diese Familienidylle nur gespielt? Sind seine Eltern wirklich so verliebt und glücklich miteinander, wie sie sich zeigen, während sie ihm die Butter reicht? Wann bricht denn endlich der große Streit zwischen seinen Geschwistern aus?

Noch während ich mich dabei ertappte, wie ich Beziehungsstrukturen in Frage stelle, die mich zweifelsohne eigentlich überhaupt nichts angehen und somit nicht einmal gedanklich tangieren sollten, fühlt sich ein Teil von mir direkt wie der Menschenfeind schlechthin. Schließlich ist es nicht nur skeptisch, sondern vor allem auch absolut zynisch von mir, in einem so harmlosen Moment wie diesem einen vermeintlich schönen Schein entlarvt sehen zu wollen. Käsestulle und Pfefferminztee entlocken dem Vater ja auch nicht auf der Stelle den herrischen Haustyrann mit Alkoholproblem, der Mutter die Langzeitaffäre mit dem Dorfpfarrer und den Kindern die hörigen Lemminge, die sie unter Umständen ja sein könnten. Oder, und das wäre für jemanden, der Skepsis längst zu seiner Paradedisziplin erklärt hat, schier undenkbar: Es handelt sich bei dieser Tischrunde schlicht und ergreifend um eine heile Familie. Sie mag ihre Probleme haben, was nur allzu menschlich wäre, aber ist dabei im Großen und Ganzen dennoch zufrieden in ihrer aktuellen, zwischenmenschlichen Konstellation.

Ich vermute, die ewige Skepsis in mir ist – nach Sigmund Freud – meiner eigenen Familiensituation geschuldet, denn die war, wie man es heutzutage nicht selten innerhalb der Gesellschaft vernimmt, eine nicht immer ganz einfache.

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Stets wachsam: Der professionelle Skeptiker deckt zwischenmenschliche Problematiken noch vor allen anderen auf. (Foto: C.Gartner)

Kurzum: Geschiedene Eltern führten zu Patchwork führten dazu, dass ich heute annehme, es wäre an jeder Ecke Vorsicht geboten, an der es nach Friede, Freude, Eierkuchen riecht. Hinzu kommt – wie könnte es anders sein – der mediale Einfluss, welcher ganz gewiss dazu beigetragen haben muss, dass meine idealistische Vorstellung von Mutter-Vater-Kind(ern) allmählich getrübt wurde. Sitcoms wären schließlich um einige Lacher ärmer, Spielfilme hätten einige sesselpupsende Kinobesucher und namhafte weltliterarische Werke einige Buchseiten weniger, würde nicht latent Kritik am althergebrachten Familienalltag geübt werden. Allerdings wären die jungen Konsumenten von heute, die schon morgen potentielle Familiengründer sein könnten, ohne jene Unterhaltungsmedien auch weitaus weniger prüfend in ihrem Urteil über eine heile Familie.

Im Falle meines späteren Ex-Freundes kam ich zu einem vernichtenden Urteil, das bei allen Skeptikern jedoch zu jähem Frohlocken führen dürfte: Die Familie hatte Probleme. Der Vater unterjochte seine Sprosse, die Mutter interessierten ihre Haustiere mehr als ihre eigene Ehe, der älteste Bruder entpuppte sich als gehässig und mein Freund leider als kleinlaute Niete. Zumindest hatten sie, nachdem ich der ohnehin recht kurzweiligen Beziehung ein ebenso schnelles Ende setzte, ein Problem – meint, einen scharfen und heimlichen Kritiker – weniger. Ich wollte schlussendlich sowieso weder „Super Nanny“ noch eine weniger prominente Hobby-Sozialarbeiterin sein. Zu einer weniger leidenschaftlichen Zweiflerin hat mich diese Erfahrung aus meiner Jugendzeit jedenfalls nicht gemacht. Eher noch fühlte ich mich seitdem bestätigt darin, dass Skepsis hin und wieder angebracht ist und womöglich sogar einen aufmerksamen Beobachter ausmachen kann. Die kommen doch selbst in den besten Familien vor – oder?

Vorschau: Aus brandaktuellem Anlass hat Kolumnist Sascha in der kommenden Woche die Qual der Wahl – an der Urne.