Immer auf der Flucht – Interview mit einem Flüchtlingsmädchen

Liliane ist 17 Jahre alt. Zusammen mit ihrer Mutter kam sie vor einem dreiviertel Jahr als Wirtschaftsflüchtling nach Deutschland. Wie der Zufall es will, trifft sie die deutsche 19-jährige Nina, die ebenfalls an einem Bahnhof in Deutschland auf einen Zug wartet und mit der sie schnell ins Gespräch kommt. Für beide ist klar: Sie verbindet eine tiefe Freundschaft. Wie Liliane nach Deutschland kam, wie es ihr erging und warum sie das Land schätzt, verrät sie uns im Interview. (Anm. d. Red.: Die Namen sind aus Sicherheitsgründen geändert worden; Nina dolmetscht das Interview für Liliane)

Face2Face: Warum bist du aus deiner Heimat geflohen – welche Schwierigkeiten gab es?
Liliane: Dort, wo ich herkomme, ist die Polizei bestechlich. Auch wenn kein Krieg herrscht, habe ich täglich Angst, mein Leben zu verlieren. In meinem Herkunftsland regiert die Mafia – das bedeutet, ständig auf der Flucht zu sein – und das im eigenen Land.

Face2Face: Wie war die Anreise und die Ankunft in Deutschland – was waren deine ersten Eindrücke?
Liliane: Unsere Reise nach Deutschland war eine Nacht- und Nebelaktion. Wir sind zwei Tage lang mit dem Bus gefahren und hatten nur sehr wenig Essen und Trinken dabei. In der ersten Auffangstation für Flüchtlinge war ich sehr dankbar über die heiße Dusche, die ich dort nehmen durfte. Von dort aus wurden wir immer wieder verlegt – von Flüchtlingsheim zu Flüchtlingsheim. Uns wurde nicht mitgeteilt, wohin wir kommen oder warum wir wieder umziehen müssen. Das ging mehrere Monate so. Die Wohnverhältnisse waren und sind zum Teil katastrophal. Wir trauen uns nicht, auf „unsere“ Toilette zu gehen, weil wir Angst haben, uns mit Krankheiten anzustecken oder drogenabhängig zu werden, da viele ihre Spritzen und Ähnliches liegen lassen.

Face2Face: Wie sind deine aktuellen Wohnverhältnisse – hat sich für dich irgendetwas gebessert?
Liliane: Meine Mutter und ich wohnen mit mehreren Flüchtlingen in einem Zimmer – insgesamt sind wir zu sechst. Dort ist es immer laut, man hat niemals seine Ruhe. Ich bin froh, dass ich Nina kennen gelernt habe – bei ihr fühle ich mich wohl und kann abschalten.

Face2Face: Du bist dabei, Deutsch zu lernen – welche Angebote gibt es hierfür und wie kommst du mit dem Lernen voran?
Liliane: Ich besuche von Montag bis Freitag einen Deutschkurs. Dort war es anfangs sehr schwer für mich, die Sprache zu lernen. Wir haben z. B. gelernt, ob ein Wort groß oder klein geschrieben wird – wussten aber nicht, was das Wort bedeutet. Erst durch meine Freundin Nina, die mich unter die Leute bringt und aktiv mit mir Zeit verbringt, lerne ich die Sprache immer schneller. Vorher habe ich mich zurückgezogen und mich nur mit meiner Mutter auf meiner eigenen Sprache unterhalten.

Face2Face: Wie ergeht es deiner Mutter – hat sie die Möglichkeit, arbeiten zu gehen?
Liliane: Meine Mutter hat Schwierigkeiten Deutsch zu lernen – ihr ergeht es wie mir am Anfang. Aber sie besucht ebenfalls einen Deutschkurs und schlägt sich wacker. Meine Mutter würde sehr gerne arbeiten gehen, um uns mehr Lebensqualität verschaffen zu können. Leider ist es so, dass sie so gut wie keine Chance hat, eine Arbeitsstelle zu bekommen. Auf dem Amt heißt es, man müsse zwölf Monate warten – erst wenn nach dieser Zeit die ausgeschriebene Stelle von keinem deutschen Arbeitslosen/Arbeitssuchenden angenommen wird, hat ein Flüchtling die Chance darauf. Was man außerdem noch dazu sagen muss: Der Mindestlohn von 8,50 Euro steht nur einem deutschen Staatsbürger über 18 Jahren zu – das heißt, es wird schwierig für mich und meine Mutter, uns eine Zukunft aufzubauen – als Wirtschaftsflüchtlinge haben wir eigentlich kein Asylrecht und müssen immer mit der Angst leben, wieder ausgewiesen zu werden.

Face2Face: Was wünschst du dir für die Zukunft?
Liliane: Ich möchte dem Staat nicht weiter auf der Tasche liegen, sondern möchte arbeiten und mein Leben selbst in die Hand nehmen. Gerne möchte ich hier in Deutschland bleiben, weil ich die Sicherheit hier sehr schätze. Ich möchte diesen Staat unterstützen und Herr über mein eigenes Einkommen sein und wie jeder Mensch auch, meine eigene Zukunft gestalten können.

Vorschau: Im nächsten Panorama-Artikel gehen wir den Ausgehmöglichkeiten in Speyer auf die Spur.

Do they know it´s Christmas? – Zum 30. Jubiläum des Songs

Es weihnachtet wieder sehr. Der Duft von Maronen, die Wärme des ersten Punschs und das Glänzen der Weihnachtskugeln sind wohl jetzt in jeder deutschen Stadt angekommen. Das Fest der Liebe steht vor der Tür und die meisten sind schon am Geschenke kaufen für die Liebsten. Beim Bummeln durch die Stadt wird man hier und da um eine weihnachtliche Spende für Menschen in Not gebeten und auch im Radio werden wieder Charitysongs hoch und runter gespielt, immer mit dem Appell  verbunden das Lied doch zu kaufen, um etwas Gutes zu tun.

Weihnachtlich: Die Gemüter sind langsam weihnachtlich gestimmt (Foto: V.Wahlig)

Weihnachtlich: Die Gemüter sind langsam weihnachtlich gestimmt (Foto: V.Wahlig)

Die Face2Face-Musikredaktion hat sich den diesjährigen Charitysong von Band Aid mal genauer angeschaut und wirft für euch auch einen Blick zurück auf vergangene Versionen.

Vor 30 Jahren entstand die Idee durch den Verkauf von Platten etwas Gutes für die dritte Welt zu tun. Die Ideengeber waren die Sänger Bob Geldof und Midge Ure. Zusammen mit zahlreichen internationalen Stars nahmen sie den Weihnachtssong „Do They Know It’s Christmas?“ auf. Damals galten die Gewinne der Bekämpfung der Hungersnot in Äthiopien. Aber auch im Jahr 2014 kämpft die Welt gegen Katastrophen. Wieder wendet sich unser Blick in Richtung Afrika. Diesmal heißt die Notlage Ebola.

Die allererste Version des Weihnachtsklassikers wurde am 28. November. 1984 in Großbritannien veröffentlicht. In 13 Ländern erreichte der Song Platz 1, auch in der Bundesrepublik Deutschland. Durch den Erfolg des Projekts wurde auch bei anderen Krisen der Welt wieder auf die musikalische Spendenidee zurückgegriffen. Fünf Jahre später, also 1989, wurde mit dem Projekt Band Aid II „Do they know it´s Christmas?” nach einer erneuten Dürre in Äthiopien nochmals aufgenommen. In Großbritannien erreichte diese zweite Version des Songs wieder Platz 1 der Charts, in den anderen Ländern blieb der Erfolg leider aus.

Anders war dies 2004 mit der dritten Version des Songs. Auf Anregung des Musik-Journalisten Dominic Mohan wurde 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Songs eine neue Fassung aufgenommen. Auch diesmal richtete sich der Blick in Richtung Afrika. Im Jahre 2004 herrschte in Dafur im Sudan eine Hungersnot. Im Heimatland des Projekts stieg das Lied wieder für elf Wochen auf Platz 1 der Charts. In den anderen Ländern konnte der Song zwar nicht an die Erfolge der ersten Fassung anknüpften, stieg jedoch beispielsweise in Deutschland in die Top 10 der Charts ein.

30 Jahre nach der Entstehung des Charitysongs für Menschen in der dritten Welt, tragen die Medien wieder schlechte Nachrichten aus Afrika an uns heran. Die Krise heißt Ebola und diesmal scheint die Reichweite eine ganz andere zu sein wie die der Hungersnöte. Im Jahr 2014 wird eine Krise aus Afrika auch in Deutschland greifbar, denn Ebola-Patienten werden auch in Deutschland behandelt. Die Bilder, die währenddessen über den Fernsehbildschirm flattern, versetzen alle in Hilflosigkeit. Kann man überhaupt etwas tun? Bob Geldof glaubt auch dieses Mal an die „Power of Music“ und trommelt diesmal nicht nur in Großbritannien Künstler für eine neue Version zusammen, sondern beauftragt auch den Toten Hosen Frontmann Campino damit, für Deutschland eine Version schreiben und produzieren zu lassen. Für die deutsche Version haben Campino, Marteria, Thees Uhlmann und der Textdichter Sebastian Wehlings einen neuen Text geschrieben. Zu den Künstlern gehören bekannte Größen aus der deutschen Musikbranche. Musiker wie 2raumwohnung, Adel Tawil, Andreas Bourani, Anna Loos, CRO, Clueso, Die Toten Hosen, Donots, Gentleman, Ina Müller, Jan Delay, Jan Josef Liefers, Jennifer Rostock, Joy Denalane, Max Herre, Max Raabe, Michi Beck (Die Fantastische Vier), Milky Chance, Patrice, Peter Maffay, Philipp Poisel, Sammy Amara (Broilers), SEEED, Silbermond, Sportfreunde Stiller, Udo Lindenberg, Wolfgang Niedecken haben sich unentgeltlich dazu bereit erklärt an dem Projekt mitzuwirken. Veröffentlicht wurde der Song am 21. November 2014. Am selben Tag wurde das Video in einer gekürzten Fassung vor der Tagesschau um 20 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Die Gewinne, die mit dem Verkauf des Songs erzielt werden, kommen der Bekämpfung der Ebola-Katastrophe zu Gute. Momentan ist die deutsche Version Platz 1 der Downloadcharts, dicht gefolgt von der diesjährigen englischen Version. Es scheint also, als ob das Projekt auch in diesem Jahr erfolgreich werden wird.

Gestenreich: Vielleicht legt ja der Weihnachtsmann eine CD unter den Baum. (Foto: V.Wahlig)

Gestenreich: Vielleicht legt ja der Weihnachtsmann eine CD unter den Baum. (Foto: V.Wahlig)

Aber auch Kritik wird bei dieser Form von Charity laut. Besonders dieses Jahr wurde über das Lied und vor allem über den Videoclip der deutschen Version viel diskutiert. Entfacht wurde die Kritik dabei von einem Mitwirkenden der deutschen Version. So sagte Patrice, dass er die Darstellungsweise als „krassen Charity Porn“ empfindet. Grund sei die Darstellung einer Ebolakranken in der Anfangssequenz des Videos. Bereits in den Jahren zuvor ernteten die englischen Versionen Kritik, da das Band Aid-Projekt laut den Kritikern einen unreflektierten Blick auf den afrikanischen Kontinent zeigt und die Menschen dort von der westlichen Welt in eine reine Opferrolle gedrängt werden. Auch wenn diese Kritik nachvollziehbar ist, sollte man sich die neuen Versionen nicht entgehen lassen. Denn die Idee dahinter ist doch, am Fest der Liebe an all seine Mitmenschen zu denken. Wenn man mit einer kleinen Spende helfen kann, dann ist das doch schon eine schöne Geste!

Falls ihr die deutsche Version nicht kennt, dann schaut sie euch doch einfach mal an!