Alt, aber glücklich? Vernetzt sein bis zum letzten Tag

Wenn ich an meine Großmutter denke, fällt mir ein: Sie ist alt. In diesem Fall ist das nicht als Degradierung ihrer zweifellos liebenswerten Persönlichkeit zu begreifen, schließlich kann man bei 89 Jahren getrost von einem stattlichen Alter sprechen. Dass sie, selbst jetzt noch, kaum fremde Hilfe in Anspruch nehmen muss, grenzt für mich schon fast an ein Wunder. Schließlich ist sie in unserer hochtechnisierten, mit immer innovativerer Unterhaltungselektronik um sich greifenden Welt geradezu verloren. Ihr allein beizubringen, wie der Fernseher und vor allem seine Lautstärkeregelung verantwortungsvoll zu bedienen ist, erwies sich bereits als schwieriges Unterfangen und kostete alle Beteiligten einige Nerven – die nach regelmäßiger Lärmbelästigung letztendlich auf nimmer Wiedersehen verzogenen Nachbarn nicht eingeschlossen. Doch noch schwieriger als das Verständnis für Errungenschaften wie „dieses Internet“ dürfte für meine werte Oma der immer seltener werdende Kontakt zu ihren Nächsten, ach – was sag‘ ich – zur gesamten Außenwelt sein. Wie das Leben so spielt, hat sich die Familie zusehends in alle Winde verstreut und die Bindung an jahrelange Freunde ist auch nicht mehr dieselbe. Letzteres könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass viele Altersgenossen schlichtweg bereits verstorben sind.

Was zurückbleibt, trägt den Titel „Alterseinsamkeit“. Was gemeint ist, liegt auf der Hand: Das Gefühl von fehlender Zugehörigkeit, Alleinsein, sozialer Isolation im Rentenalter. Nichts, was mir auch nur im Ansatz ein Begriff wäre, bin ich doch schließlich jung, mobil, und nahezu stets in gesellschaftliches Miteinander integriert – ob in meiner Realität oder in der virtuellen Ersatzwirklichkeit. Es drängt sich mir also die, aus jetziger Sicht recht utopisch wirkende Frage auf, wie es mir selbst wohl ergehen wird, wenn ich einmal in den Filzpantoffeln meiner Großmama stecke, rund 60 Jahre in der Zukunft. Mit allem technischen Schnickschnack, der uns den Alltag und besonders das In-Verbindung-Bleiben zu erleichtern verspricht. Machen mich diese Hilfsmittelchen alt, aber glücklich?

Statistiken zufolge soll die Einsamkeit im Alter in 60 Jahren sogar noch weiter zunehmen. Schuld daran seien sogenannte Single-oder Ein-Personen-Haushalte. Die sind heute schwer im Trend, weil viele auf Berufswegen notgedrungen ihren Standort wechseln und mehr oder minder kostengünstige Refugien anmieten müssen, in denen niemand außer ihnen selbst Platz findet. Außerdem bestehen die Jungen Wilden zumeist auf ihre Unabhängigkeit und, leben sie auch in noch so festen Beziehungen, auf ihren ganz privaten „Space“. Will man also den Schreckensprognosen Glauben schenken, so sind die Ausgangsvoraussetzungen für die perfekte Einsamkeit bereits gegeben. Doch selbst, wenn nicht: Erwiesenermaßen ist die Lebenserwartung bei Männern geringer als bei Frauen, sodass Letztere wohl oder übel Gefahr laufen, als Witwen zu enden – mögen sie zuvor auch Teil eines Pärchen-Haushaltes gewesen sein.

Von gemeinsam einsam kann in dieser Hinsicht also keine Rede mehr sein; ich frage mich, wie vielen auf diesem Erdenrund es wohl genauso ergangen sein wird. Wie viele verwitwete Freundinnen wohl meinen Anruf – selbstverständlich Videotelefonie – ungeduldig herbeisehnen? Wie viele Kilometer werden mich bis dahin wohl von ihnen trennen? Die Zeit kann schließlich nicht still gestanden haben in den letzten 60 Jahren; Facebook und E-Mail sei Dank werde ich meine Liebsten immerhin nicht aus den Augen verlieren. Und da vermutlich ohnehin jeder seine Lebensereignisse nahezu mechanisch, einzeilig und tagesaktuell twittern wird, verpasse ich auch garantiert nichts. „Mein Mann hatte einen Herzinfarkt“. Retweet mit Beileidsbekundungen. „Tochter hat um 11.13 Uhr einen gesunden Jungen zur Welt gebracht“. Anbei ein Bild aus dem Kreissaal. Ich drücke den Like-Button. Es fühlt sich an, als wäre ich fast live dabei gewesen.

In ist, wer drin ist: Vielleicht retten uns Facebook und Co. ja im Alter vor der Einsamkeit. (Foto: Perlowa)

Bleibt einmal ein Status-Update aus, fange ich an, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Ob wohl etwas passiert ist? Für den Notfall hält sie doch bestimmt ihr Smartphone griffbereit. Ich lasse bestimmt nichts unbemerkt; dass eine meiner Freundinnen fünf Jahre lang tot in ihrer Wohnung vor sich hinmodert, ehe sie zufällig jemand entdeckt (Quelle: http://www.derwesten.de/politik/einsamkeit-im-alter-nimmt-in-den-naechsten-jahren-zu-id6662395.html), erscheint mir dieser Tage kaum noch möglich. Dass einer von uns überhaupt noch so alt werden kann wie das vereinsamte Beispiel aus Hagen fällt mir, bei der vorrangig durch das Internet verursachten Reizüberflutung, ebenfalls schwer zu glauben. Denn sind soziale Netzwerke einerseits unsere letzte Hoffnung im Alter, posten sie gleichzeitig unser Todesurteil: Zu schnelllebig, um richtig greifbar zu sein – ganz besonders dann, wenn in uns selbst nach und nach verdiente Ruhe einkehren soll, wir uns darauf freuen, das Hamsterrad, welches nur von innen wie eine Karriereleiter aussieht, verlassen zu können. Facebook, Partnerbörsen und Co. werden auch in 60 Jahren den gefühlsechten menschlichen Kontakt nicht ersetzen können.

Es gibt und wird auch zukünftig mehr als genug Menschen geben, die sich außerhalb dieser selbstkreierten Parallelwelt einsam, leer und haltlos fühlen. Ihnen wird kein tumblr-Blog der Welt dabei helfen, reale Freundschaften zu pflegen – und das funktioniert, damals wie heute wie morgen, indem man den anderen besucht und gemeinsam immer neue Erinnerungen erschafft. Schön, wenn man die dann via Instagram hochladen kann. Noch schöner, wenn man sie zuhause eingerahmt auf den Nachttisch stellen kann. Ich sollte meiner 89-Jährigen Oma dringend ein paar Bilder in einem Briefumschlag schicken. Wie E-Mail funktioniert, wird sie vermutlich in ihrem Leben nicht mehr lernen. Den Briefkasten öffnen und glücklich sein kann sie jedoch – ganz und gar offline.

Vorschau: In der kleinen Kolumne des kleinen Sascha geht es in der nächsten Woche um – wer hätt’s gedacht – kleine Leute.

Unsere Stimme für unser Morgen – Online Petitionen

Wer das Wort „Petition“ hört, denkt an Menschen in Fußgängerzonen, die an Klapptischen mit riesigen Plakaten Unterschriften für hungernde Kinder oder gequälte Tiere sammeln. Manch ein Unterhaltungsfernsehsender hat schon aufgedeckt, dass manche dieser Organisationen nichts als Schein sind und die Menschen, die sich ihre Füße wundstehen wie Sklaven behandelt werden. Nicht alle natürlich, das ist klar.

Doch in multimedialen Zeiten und der Internetgesellschaft ist das Sammeln von Unterschriften auf neue Ebenen gestiegen. Vielen sind Online-Petitionen allerdings nicht geheuer, sie zögern, ihre Adressen und ihren Namen anzugeben. Datenschutzdebatten klingeln noch in ihren Ohren. Andere kennen Organisationen wie ‚Avaaz‘ oder ‚Campact‘ nicht und was der Bauer nicht kennt …

Dabei können Online-Petitionen tatsächlich etwas bewirken und die junge Generation weißt das. 2007 wurde das Kampagnennetzwerk ‚Avaaz‘ gegründet und sammelt seitdem global Stimmen für Petitionen und organisiert unter anderem Flashmobs. In 14 Sprachen arbeitet das Netzwerk und sammelte beispielsweise 2010 über 110 000 digitaler Unterschriften gegen die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken in Deutschland. Finanziert werden die Kampagnen über Spenden aus der ganzen Welt. Über zwölfeinhalb Millionen Mitglieder hat Avaaz im Februar 2012, noch im Herbst 2011 berichtete der „Fluter“ von zehn Millionen Aktiven. Kein schlechter Schnitt. Mitglieder registrieren sich für den Newsletter, in dem auf aktuelle Petitionen und Aktivitäten hingewiesen wird, unterschreiben Petitionen, die sie wichtig finden, leiten die Petitionen an Freunde weiter oder teilen sie über Facebook und Twitter. So viele Mitglieder zeigen, dass Online-Petitionen keine ziellosen Ideen sind. Im Januar 2012 erst vollbrachte es eine Petition von Avaaz in 36 Stunden 500 000 Unterschriften von Indern für eine umfassende Reform in Indien zu sammeln. Die Aktion folgte auf die Ankündigung Anna Hazare, sollte die Regierung keinen Entwurf für ein Anti-Korruptionsgesetzt erlauben, bis zu seinem Tod zu fasten. „Innerhalb von 4 Tagen brachte der öffentliche Aufschrei Indiens Regierung dazu, eine schriftliche Vorlage aller Forderungen Hazares zu unterzeichnen. Wir haben gewonnen!!“ schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite.

Mit über 500 000 Mitgliedern ist das Netzwerk ‚Campact‘ zwar kleiner als Avaaz, allerdings arbeitet ‚Campact‘ nur in Deutschland und fokussiert wichtige Themen unseres Landes. Ende 2004 ging ‚Campact‘ an den Start, 2009 half ‚Campact‘ mit, die Aussaat von Genmais zu verhindern. Momentan sammelt das Netzwerk Stimmen gegen das Atomendlager in Gorleben und für Regelungen zur effizienteren Energienutzung. Die Metapher des globalen Dorfes trägt die Fußgängerzone in unser Wohnzimmer, an unseren PC. Niemand muss das Haus verlassen, um seine Unterschrift unter eine Kampagne zu setzen, die er unterstützen will. Ganz im Geheimen kann er das tun und sich in Ruhe aussuchen, was er interessant findet. Mitmachen statt über die Zustände zu schimpfen, so lautete die Devise der Kampagnennetzwerke. Mitmachen und Bewegen. Wer keiner Partei so schnell seine Stimme leihen will, kann selbst sagen, was er gut und lohnenswert findet. Und wir kommen tatsächlich dank ‚ Organisationen wie Avaaz‘ und ‚Campact‘ an einen Punkt, wo wir sagen können: Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.

Zusammen stark: Kampagnennetzwerke leben vom Engagement ihrer Mitglieder (Foto: Beutler)

Wer aber immer noch Angst vor Datenschutzmängeln hat und gesichtslosen Internetseiten nicht traut, sollte erst einmal einen Blick auf die Netzwerke werfen, ehe er seine Meinung bildet. Strenge Datenschutzrichtlinien werden sowohl bei ‚Avaaz‘, als auch bei ‚Compact‘ verfolgt und eingehalten. Der Newsletter ist schnell wieder abbestellt, ein persönliches Passwort bei ‚Compact‘ bietet noch mehr Schutz. Tatsächlich sind diese Netzwerke wesentlich übersichtlicher und sicherer, als manche Unterschriftssammlungen in der Fußgängerzone. Wichtig ist aber auch hier: Wir müssen mitmachen, müssen unsere Stimme nutzen und dank ‚Avaaz‘ und ‚Campact‘ können wir das auch.

 

 

Vorschau: Nächste Woche startet unser neuer Kolumnist Sascha mit seinem Text über die Männer unserer Zeit.