Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Exam next week: You shall not fail – Motivationszitate für die Klausurenphase

Februar: Es ist dunkel, wenn man das Haus verlässt, dunkel, wenn man von der Uni nach Hause kommt.
Die Kälte ist nicht nur draußen zu spüren, sie erfüllt auch unser Herz bei dem Gedanken an die anstehenden Klausuren.
Es ist Klausurenphase: Diese Zeit zwei Mal im Jahr, in der Schokolade zum Haupternährungsmittel wird, Fressorgien dem Stressabbau dienen, Kaffee dein engster Verbündeter ist, Jodel voll ist von Kommentaren, dass der Partner nur für Sex herbestellt wird und dann wieder verschwinden soll, weil man lernen muss. Kurz um: Wir wühlen uns im Selbstmitleid.
Doch was kann man gegen die ständige Müdigkeit, Demotivation und die Tatsache, dass selbst das Anstarren der Wand interessanter als Lernen erscheint, unternehmen?
Sich Motivation von den großen Herren und Frauen der Kulturlandschaft besorgen!

Natürlich geht es – auch wenn es sich oft so anfühlt – in der Klausurenphase nicht um das pure Überleben. Trotzdem lehren uns die halb nackten Damen aus „Sucker Punch“  nicht nur, dass man 90 Minuten mit dramatischen Zeitlupen und sexy Tanzszenen füllen kann, sondern auch, dass wir stärker sind, als wir glauben und keine Angst haben müssen. Alles, was wir tun müssen, ist endlich unseren Hintern hochzubekommen und zu lernen beziehungsweise zu kämpfen.

¨You don’t think you’re strong enough? You are. You’re afraid. Don’t be. You have all the weapons you need. Now fight!¨

Und wie kriegen wir das hin? Indem wir den weisen Worten aus „Der Herr der Ringe“ Aufmerksamkeit schenken und uns klar machen,  dass sich die Klausur eben nur bestehen lässt, wenn wir auch etwas dafür tun. Redet euch ein: Der „Triumph“¨ über die bestandene Klausur ist umso schöner, wenn ihr wisst, ihr habt es auch dank Lernen wirklich verdient. Wäre doch auch langweilig gewesen, wenn der Ring gleich am Anfang zerstört worden wäre – keine epischen Schlachten, kein „you shall not pass!“¨, keine Hochzeit zwischen Aragon und Arwen:

¨There can be no triumph without loss. No victory without suffering. No freedom without sacrifice.¨

Der Berg an Aufgaben, der zu erledigen ist und die Verzweiflung darüber, wie man das alles nur strukturiert bekommen soll, lassen einen trotzdem oftmals schon zu Beginn am liebsten den Kopf im Sand stecken. Über allem kreist unaufhörlich der Gedanke an das Versagen, an das Scheitern. In dieser scheinbar perfekten Gesellschaft von heißen Instagramm-Fotos und faszinierenden Facebook-Accounts ist kein Platz mehr für das Versagen. Doch hinter jedem Facebook-Profil verstecken sich auch weniger schöne Lebensereignisse, die nicht gepostet wurden, hinter jedem Instagramm-Bild mit Filter ist irgendwo ein Pickel auf der Haut – und so ist es auch mit der Uni: Keiner ist immer perfekt. Vielleicht wird die Klausur nicht gut, vielleicht sind wir schon beim Lernen überfordert, aber das einzige Versagen liegt darin, sich davon Angst machen zu lassen und es daher erst gar nicht zu probieren. Herr Coelho, ein brasilianischer Schriftsteller, fasst diese lange Rede treffend in ein paar Worten für euch zusammen:

¨Nur eines macht sein Traumziel unerreichbar: Die Angst vor dem Versagen.¨

Daher: Weg mit der Angst und her mit den verwirrenden Notizen aus der Vorlesung! Schließlich hat uns schon John Green in seinen schmerzlich-schönen Büchern aufgezeigt wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist.  Also haltet euch an seine Worte und macht etwas aus eurem Leben:

¨What is the point of being alive if you don´t at least try to do something remarkable?¨

Wollt ihr irgendwann im Vormittagsprogramm der Privatsender landen? Euch immer darüber ärgern, dass ihr den Traumjob nicht bekommen habt, weil alles an einer Statistik-Klausur gescheitert ist? Euch von eurem Gewissen weiter peinigen lassen, während ihr versucht, es mit endlosem Netflix schauen, zu unterdrücken und euch so vor dem Lernen zu drücken?

Ein Tipp zuletzt: Schreibt euch eine to-do-Liste mit den Sachen, die ihr nach (!) der Prüfung machen wollt und nicht müsst. Wenn erst einmal der fehlenden Schlaf nachgeholt wurde, könnt ihr es mit dem amerikanischen Schriftsteller Hunter S. Thompson halten und euer Leben nach der Klausurenphase, im Wissen, ihr habt alles dafür gegeben, so richtig  genießen:

¨Sleep late, have fun, get wild, drink whiskey and drive fast on empty streets with nothing in mind but falling in love and not getting arrested.¨

Vorschau: Am Freitag, 19. Februar geht es weiter mit ¨Helden¨: ¨Helden für Herzen¨ stehen dann im Fokus.

Das mulmige Gefühl überwinden

Die Zeit steht niemals still. Die Uhr tickt und nichts bleibt wie es ist. Allein schon die Jahreszeiten zeigen uns, dass alles in Bewegung ist, auch wenn Leuten wie mir ewiger Sommer ganz gut gefiele. Die Jahreszeiten kommen und gehen, wir können uns nicht dagegen wehren.

Wandel: Alles verändert sich, ob wir wollen oder nicht.

Wandel: Alles verändert sich, ob wir wollen oder nicht. (©Norbert Wilke/Pixelio.de)

Genauso ist es mit der ganzen restlichen Welt. Alles bewegt und verändert sich ständig. Egal, ob es uns nun gefällt oder nicht, der Wandel ist da – unsere Umgebung verändert sich, unsere Mitmenschen, auch wir selbst bleiben nicht die gleichen, und sei es nur das pure Altern.

Veränderung ist immer und überall, trotzdem haben wir Menschen Angst vor Neuem. Ich gebe offen zu, dass auch ich bei ungewohnten Dingen ein leichtes Unbehagen spüre. Wenn ich in einer neuen Abteilung arbeiten soll, dann sorge ich mich schon ein wenig, wie es dort sein wird. Werde ich die Aufgaben schaffen? Wird die Arbeit überhaupt interessant? Werde ich mit den neuen Kollegen klar kommen?

Der Mensch neigt zur Kontrollsucht. Alles, was sich unserem Einfluss und unseren Plänen entzieht, verursacht ein Gefühl des Unwohlseins. Es könnte ja sein, dass alles ganz anders wird, als wir uns das erhoffen. Vielleicht haben wir ja die falsche Entscheidung getroffen, vielleicht wäre eine andere Arbeitsstelle besser gewesen – Reue ist eine furchtbares Gefühl.

Auch wenn wir uns gegen Veränderungen entscheiden und doch nicht in der neuen Abteilung anfangen, stattdessen unseren alten Gewohnheiten nachgeben, bleibt nichts beim Alten. Dann kommt in unserer vertrauten Abteilung ein neuer Chef, und schon weht ein ganz anderer Wind.

Besser ist es, aktiv Neues in Angriff zu nehmen, um nicht Opfer der Veränderungen um uns herum zu sein. Klar bedeutet das Überwindung, wir müssen alte Gewohnheiten und das Gefühl von Sicherheit aufgeben. Aber am Ende bleibt uns mehr Kontrolle, als wenn wir bloß tatenlos da säßen.

Wer sagt denn auch, dass Neues immer schlecht sein muss? Möglicherweise entpuppt sich die neue Stelle ja als die Gelegenheit schlechthin und ich kann mein Potenzial viel besser ausschöpfen, mehr aus mir machen. Mehr Geld, mehr Spaß, neue Freunde – alles ist möglich. Doch dafür müssen wir das Risiko eingehen und den Wandel akzeptieren. Ansonsten werden wir nie wissen, was wir hätten schaffen und erreichen können. Am Ende plagt uns dann die Reue: „Hätte ich damals nur die neue Stelle genommen!“

Der Schlüssel zum Erfolg ist Veränderung. In einer Welt, die immer flexibler wird, die immer schneller immer neue Anforderungen parat hält, müssen auch wir flexibel und offen sein. Aller Angst zum Trotz heißt es „auf zu neuen Ufern“.

Auch ich bin jetzt mutig und verändere aktiv mein Leben. Nach fast drei Jahren in der Kolumnen-Redaktion von Face2Face muss ich „Adieu“ sagen. Ich hatte jede Menge Spaß hier in der Redaktion und möchte allen Kollegen, darunter vor allem Eva, der „Kolumnen-Chefin“ und Tatjana unserer Chef-Redakteurin für die tolle Zeit danken. Auch danke an alle Face2Face-Leser, ich werde es vermissen für euch zu schreiben. Doch wie sagte Konfuzius: „Wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern.“

Vorschau: Warum wollen junge Menschen auf das Schlachtfeld ziehen? Eva wird nächste Woche versuchen, diese Frage zu beantworten, wenn sie der Faszination des Krieges nachgeht.

Halbzeitprinzessin – warum sie sich hin und wieder mal „anstellt“

Wir alle kennen sie, ob aus unserem Freundeskreis oder von der GMX-Startseite: Die moderne Frau. Besonders zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie wahnsinnig unabhängig ist. Alles kann sie selbst und über alles schaltet und waltet sie ganz allein – die eigene Karriere, das eigene Geld, die eigene Behausung. Sie scheint die ganze Welt in ihrer Hand zu halten und kann sich darauf auch mit Recht etwas einbilden. Sie arbeitet hart, um sich ihren Luxus, mag er auch noch so überflüssig erscheinen, ganze ohne fremde Unterstützung ermöglichen zu können. Doch vor allem schuftet sie von morgens bis abends, um ihn nicht gleich wieder zu verlieren. So weit, so gut – bis die Urlaubszeit vor der Tür steht. Und ausgerechnet dann, wenn Frau von Welt endlich einmal die Zeit findet, um zumindest für ein Weile zur Ruhe zu kommen, kommt ihr Umfeld auf die grandiose Idee, man könnte doch campen gehen. So käme man der Natur ein Stückchen näher, sagen sie. So spare man eine Menge Geld, predigen sie. Sorry, aber spätestens hier muss einfach jede Miss Independent unweigerlich zur Prinzessin auf der Erbse mutieren. Zecken! Mücken! Andere Insekten! Und die sanitären Anlagen? Nicht auszudenken, was öffentliche Campingplätze da für Überraschungen bereithalten. Das kann doch nicht euer Ernst sein, liebe Leute!

Ich mag zwar dem Klischee der kosmopolitischen, berufstätigen Single-Frau nicht in allen Punkten voll entsprechen, aber was etwaige Freilufturlaubsreisen anbetrifft, so bin ich doch ganz diejenige, die sich um Dreck unter ihren Fingernägeln mehr sorgt als um ein paar Euro mehr für ein anständiges Hotel. Einerseits bin ich Vollzeitfrau, andererseits aber eben auch Prinzessin – zumindest unter Halbzeitvertrag. Fraglich bleibt jedoch, ob ich mich ganz im Stil von Frau Katzenberger „anstelle“, sprich die simple Politik von „Sei schlau, stell dich dumm“ verfolge oder ob sich tiefer liegende Motive hinter dem ganzen „Herumgepienze“, wie es meine rheinhessischen Freunde so treffend auszudrücken pflegen, verbirgt.

Einen Grund vermute ich in der Erziehung, während ich in Gedanken die kleine, runde Brille von Sigmund Freud aufsetze. Meine Mutter hat mich nach russischen Richtlinien erzogen und dort kamen – auch auf die Gefahr hin, damit die Pauschalitätskeule zu schwingen – beileibe keine Zelturlaube vor, ebenso wenig wie darin mit Elektrik hantiert, Motoröl gewechselt oder in Rasierwasser gebadet wurde. Meine Landsmädchen berichten da übrigens Ähnliches. Auch sie reiften in ihren rosa Kleidchen zu Kleinstadtprinzessinnen heran, die zum einen schon früh das Augenbrauenzupfen lernten, doch zum anderen neben Modezeitschriften auch Weltliteratur auf ihrem Nachtschränkchen platziert hatten. Unser Männerbild war gleichsam zweischneidig: Wir wollten unabhängig genug sein, um in der bösen, bösen Welt den Ellenbogen gegen die Konkurrenz ausstrecken zu können, statt ihn an einem Männerarm eingehakt zu verlieren. Jedoch wussten wir ganz genau, dass wir einen Mann nicht vollständig entbehren können, dass er bei aller Emanzipation immer noch ein Teil des Ganzen ist und bleiben soll. Mit großen Kulleraugen haben wir doch unseren Vätern damals beim Verlegen neuer Küchenfliesen und dem Verkabeln der Stereoanlage zugesehen – und das gewiss nicht ohne Stolz. Wozu sich selbst am Handwerkeln versuchen, wenn es dazu doch Papi gab?

Ein paar Jahre später, ohne Papa, mag zwar der Internetanschluss funktionieren, nicht aber das Deckenlicht. Gefühlte Ewigkeiten schon ragen die hässlichen, nackten Kupferdrähte aus der Decke, als wären sie die Fühler einer niederträchtigen Kakerlake, deren Dasein mich offensichtlich verspotten will: Na, wartest du immer noch auf den Traumprinzen, der dir die Lampe anbringt? Hast du nichts Besseres zu tun, als sämtliche Einzelteile einzukaufen und dann in einer Tüte liegen zu lassen, wo sie niemand mehr sehen kann? Nein, möchte ich der Schabe dann antworten, ich habe tatsächlich nichts Besseres zu tun! Ich habe alles eingekauft und hoffe jetzt darauf, endlich meinem edlen Ritter zu begegnen – optimalerweise kann der mich nicht nur von eingebildetem Ungeziefer befreien, sondern auch gleich noch mein nächstes Abendessen zaubern. Der Teil wurde in meiner vorbildlichen, russischen Erziehung nämlich auch elegant übersprungen.
Und das, obwohl gängige Vorurteile doch besagen, wir Russinnen wären echte Hausmütterchen, die ihren Männern von morgens bis abends lauter fettige Speisen auf drei Gänge verteilt zubereiten können.

So erscheint es mir in conclusio also naheliegender, dass die Erziehung weit weniger eine Rolle spielt als die schlichte Bequemlichkeit. Der Komfort, all diese Arbeiten sehr wohl auch selbst verrichten zu können – schließlich sind Frauen doch auch dazu fähig, Bundeskanzler, Oberfeldwebel oder Nonne zu werden – aber nur einfach hin und wieder keine Lust dazu zu haben. So verhält es sich mit der Zelturlaubsangelegenheit wie auch mit der Küchen-, äh – Schlafzimmerschabe und nicht zuletzt auch das Halten eines Mannes. Die moderne Frau, ob von Virginia Woolf oder aus dem Neckermann-Katalog, zeichnet sich durch ihren freien Willen aus. Und der ist nicht nur unabhängig von Nationalität und Hautfarbe, sondern auch bisweilen von Kochbüchern und Iso-Schlafmatten. Manchmal will Frau eben einfach ganz die Halbzeitprinzessin sein.

Vorschau: In der nächsten Woche wird es heiß! Kolumnist Sascha beklagt die Hitze des Sommers.

Der einmalige Musikfilm Once

Ein Film lebt von der Musik. Sie trägt die Stimmung, betont traurige und glückliche Momente und verdeutlicht Gestik und Mimik. Was wäre nun, wenn die im Film dargestellten zwei Schauspieler, auch die Musik für den Film selbst komponieren? Es entsteht ein Zusammenspiel zwischen den Schauspielern und der Musik wie es nur ganz selten zu sehen und hören ist. Die Nähe der Handlung zur Musik lässt eine intensive Atmosphäre entstehen. Wenn nun noch die Schauspieler ein angehendes Liebespaar spielen und auch abseits des Drehort zu einem Paar werden, so entsteht der Musikfilm Once. Ein in seiner Art einmaliger Film, der eine fiktive Handlung so lebendig gestaltet, wie selten ein Film zuvor.

Das Werk feierte am 15. Juli 2006 seine Premiere in Irland. Der Umfang des Budgets zeigt die amateurhafte Anfertigung. Für 130.000 Euro, von denen allein 100.000 Euro vom Irish Film Board (Anmerkung der Redaktion: der nationalen Agentur für Filmentwicklung) gestiftet wurden, konnten die Hauptdarsteller Glen Hansard und Markéta Irglova mit dem Regisseur John Carney in beinahe 17 Tagen ein Oscar-reifes Werk produzieren.

Die Handlung ist schnell erzählt. Die beiden Hauptfiguren werden nur als The Guy und The Woman (zu Deutsch: der Mann und die Frau) vorgestellt. Der Fokus der Geschichte liegt auf ihrem Leben in Dublin. Die männliche Hauptfigur ist von seiner Freundin getrennt nach Dublin zurückgezogen, wohnt von Beginn des Films an bei seinem Vater und hilft in dessen Geschäft aus. Seine große Leidenschaft, die Musik, lebt er tagsüber in der Innenstadt aus, indem er in der Fußgängerzone stehend musiziert. Er ist an einem Punkt seines Lebens angekommen, der sich am besten unter dem Wort Krise zusammenfassen lässt. Er besitzt keine Orientierung beziehungsweise keinen Mut nach ihr zu suchen. Die Frau ist in einer ähnlichen Situation. Die gebürtige Tschechin lebt ebenfalls getrennt von ihrem Mann mit ihrem Kind und ihrer Mutter in Dublin.

Der Film wurde zum Teil in den Wohnungen der Schauspieler gedreht.
Hier: Dublin, Temple Bar (Foto: privat)

 Sie erledigt kleinere Tätigkeiten, wie zum Beispiel das Putzen von Haushalten wohlhabender Familien oder den Verkauf von Rosen in der Innenstadt. Als die beiden sich nun zufällig in der Fußgängerzone treffen, dreht sich von Beginn an alles um Musik. Die Frau, die in ihrer Heimat Klavierenspielen gelernt hat, spielt mit dem Mann zusammen einige seiner selbst geschriebenen Lieder. Aus diesem gemeinsamen Musizieren, entsteht Zuneigung und ein gegenseitiger Halt, der bei ihnen die verloren geglaubte Zuversicht in Besserung und Mut umschlagen lässt. Durch die Musik entsteht bei den beiden wieder Lebensfreude. Nachdem die Zwei mit weiteren Straßenmusikern ein Album produziert haben, dessen Prozess für sie eher wie eine Therapie wirkte, endet kurze Zeit später der Film. Man erfährt noch, dass die Frau ihren Ehemann angerufen hat, damit dieser zu ihr zurückkommt und die beiden endlich wieder eine Familie sind. Der männliche Hauptdarsteller hat nun endlich den Mut gefasst den Kontakt mit seiner ehemaligen Freundin zu suchen und mit einem Startkapital, was ihm sein Vater geschenkt hat, nach London zu ziehen, um ein professioneller Musiker zu werden.

Die rein platonische Beziehung der beiden Hauptdarsteller ermöglicht es die volle Wirkung der Musik zu spüren. Am Beispiel der beiden Schauspieler sieht man, dass Musik eine eigene Atmosphäre erschafft, wodurch der Glaube an die eigene Person gestärkt und das Selbstvertrauen so gesteigert wird, dass man den Mut findet neue Wege einzuschlagen. Once ist, wie bereits erwähnt durch das Zusammenspiel der Schauspieler und der Musik in seiner Wirkung einzigartig. Der Film gibt dem Zuschauer ein gutes Gefühl und im Falle von Regisseur Steven Spielberg sogar mehr. Der USA Today sagte er: „Dieser kleine Film hat mir genügend Inspiration geschenkt, um damit durchs ganze Jahr zu kommen.“  Die Kraft der im Film gespielten Songs, war am Ende sogar so groß, dass sie auch allein stehend wirkten. Hansard und Irglová konnten als Belohnung 2008 den Oscar für den besten Song entgegennehmen. Wahrlich einmalig.

Vorschau: Nächste Woche erscheint hier ein exklusives Hamburg Feature.

Menschen MUT machen

In einer hektischen Großstadt wie Berlin stellt sich der Verein „Mensch – Umwelt – Tier e.V.“ („MUT“)vor eine besonders anspruchsvollen Aufgabe: Die Mitarbeiter wollen den Menschen mit ihrer Arbeit einen Ausgleich zum Alltag bieten und sie wieder mehr mit Tier und Natur verbinden.

Pferd, Mensch und Natur sind miteinander verbunden: Diezemann bei einem Pferdeprojekt mit Kindern (Foto: Diezemann)

Pferd, Mensch und Natur sind miteinander verbunden: Diezemann bei einem Pferdeprojekt mit Kindern (Foto: Diezemann)

„MUT“ unterstützt 22 Projektpartner bundesweit, mit Schwerpunkt in Berlin, indem er engagierte Bürger animiert, Bauernhöfen, Hospizen oder Seniorenheimen zu helfen. Alexandra Diezemann (42), die Pressesprecherin des Vereins, hat face2face von den sozialen Projekten mit Tier, Mensch und Natur berichtet.

Face2Face: Wie sieht Ihre Vereinsarbeit mit Menschen und Tieren konkret aus?
Alexandra Diezemann: Mit dem Ziel, bestehende Einrichtungen wie Kinderbauernhöfe, Seniorenheime oder Hospize personell und finanziell zu unterstützen, wurde der Verein vor elf Jahren gegründet. Wir stellen uns mit unseren Infoständen vor allem an hoch frequentierte Plätze und wollen die Menschen auf der Straße aufrütteln. Der Verein funktioniert sozusagen als Sprachrohr der sozialen Institutionen, die engagierte Bürger so dringend gebrauchen können. Wir animieren die Bürger zum Helfen. Das können diese, indem sie Mitglied werden, Geld- oder Sachspenden bringen, bei Arbeitseinsätzen in den Einrichtungen helfen oder mit ihrem Tier in den Institutionen den Menschen eine Freude bereiten.

Glücklich mit ihrem Job: Die Pressesprecherin des Vereins, Alexandra Diezemann (Foto: privat)

Glücklich mit ihrem Job: Die Pressesprecherin des Vereins, Alexandra Diezemann (Foto: privat)

Face2Face: Und wie wollen Sie bedürftigen Bürgern helfen?
Diezemann: Wir geben zum Beispiel Tierhaltern Tipps und klären Eltern auf, welche günstigen Freizeitmöglichkeiten es für ihre Kinder gibt. Wir bieten nämlich unter anderem Veranstaltungen auf Kinderbauernhöfen an. Da dürfen die Teilnehmer zum Beispiel helfen, eine Holzhütte oder ein Kaninchenhaus zu bauen, auf dem Dachboden übernachten und mit den Tieren in Kontakt kommen. Für all das müssen sie nicht viel zahlen und kommen mal raus aus der hektischen Stadt.

Face2Face: Wie reagieren die Menschen auf Ihre Einrichtung?
Diezemann: Viele sind von Infoständen natürlich abgeschreckt, aber wir bieten ja tolle Sachen an und das merken die Passanten schnell. Wir wollen sie motivieren, etwas Gutes für sich und ihre Mitmenschen zu tun – dafür sind die meisten offen und nehmen sich ein paar Minuten Zeit. Einige entscheiden sich zu Hause noch, über das Formular in unserem Flyer für vier Euro im Monat Mitglied zu werden. Es gibt aber auch viele, die sich in ihrer Freizeit bei einzelnen Projekten direkt melden und beim Kuchenverkauf helfen, spenden oder sich an Hilfsaktionen beteiligen.

Face2Face: Mit welchen Tieren arbeiten Sie in Ihrem Verein?

Im Auftrag sozialer Institutionen: "MUT" setzt sich seit vielen Jahren für soziale Projekte unter anderem in Kinderbauernhöfen und Seniorenheimen ein (Foto: privat)

Im Auftrag sozialer Institutionen: "MUT" setzt sich seit vielen Jahren für soziale Projekte unter anderem in Kinderbauernhöfen und Seniorenheimen ein (Foto: privat)

Diezemann: Die Tiere, die wir als Verein haben, nämlich zwei Esel, zwei Ziegen, zwei Schafe, Meerschweinchen und Vögel – wohnen auf dem Sonnenhof. Das ist ein Kinderhospiz in Berlin-Pankow, das von der Björn-Schulz Stiftung gegründet wurde. 2003 haben wir da diesen 300 Quadratmeter großen Streichelzoo aufgebaut und dem Hospiz komplett zur Verfügung gestellt. Wir als Verein tragen alle Kosten von der Renovierung bis zu den Tierarztkosten. Der Streichelzoo soll den erkrankten Kindern und deren Familien Freude bereiten und die Verbindung zwischen ihnen und den Nachbar- und befreundeten Kindern herstellen. So fühlen sich die kranken Kinder vielleicht auch weniger ausgegrenzt. Auf dem Hof herrscht nämlich immer ein lustiges, buntes Treiben. Manchmal macht der Kindergarten um die Ecke mal einen Ausflug dorthin oder Schulgruppen besuchen den Sonnenhof. Vor allem aber freitags, beim Eltern- und Geschwistertag, erfreuen sich die Bewohner des Sonnenhofs bei einem Rundgang durch den Streichelzoo.

Face2Face: Welches sind Ihre aktuellen Projekte?
Diezemann: Gerade stehen wir, nach fünf Jahren, wieder vor der Renovierung des Streichelzoos. Wir müssen natürlich gewährleisten, dass die Tiere auf gesundem Sand stehen, deshalb muss dieser jetzt mal wieder erneuert werden. Wir suchen jetzt eine Firma, die uns dafür Sand spendet. Außerdem starten wir einen Aufruf an Mitarbeiter und Bürger, die helfen sollen, den Sand zu erneuern. Das andere Projekt ist momentan die Unterstützung unseres Projektpartners „Therapiehunde Berlin“. Der Verein ermöglicht, dass private Hundebesitzer mit braven Hunden zum Beispiel Senioreneinrichtungen besuchen und die Bewohner mit dem Tier zusammen bringen. Der Verein sucht gerade dringend Nachwuchs und braucht eben vor allem Mitarbeiter, die die Einrichtungen regelmäßig besuchen können, da sich die Bewohner dann auf „ihren“ Hund jede Woche freuen.

Face2Face: Seit wann arbeiten Sie selbst im Verein „MUT“ mit und warum?

Das Spielhaus im Kinderbauernhof Pinke Panke in Berlin Pankow: Gebaut von helfenden Händen aus dem Verein MUT (Foto: privat)

Das Spielhaus im Kinderbauernhof Pinke Panke in Berlin Pankow: Gebaut von helfenden Händen aus dem Verein MUT (Foto: privat)

Diezemann: Ich bin seit Januar 2002 dabei, also seit zehn Jahren. Damals habe ich mich auf eine Anzeige hin gemeldet. Ich war freie Journalistin und wurde direkt für die redaktionelle Betreuung des Vereins beschäftigt. Ich bin sozusagen die Buchstabentante. Ich wollte schon seit meiner Kindheit immer irgendwas mit Tieren und Schreiben machen. Das hat sich jetzt erfüllt. Es ist sehr schön, wenn man weiß, dass man einen Beruf ausübt, bei dem man etwas verändern kann. Wir sind ja immer bemüht, das Leben der Menschen und Tiere positiver zu gestalten und das gibt mir persönlich auf jeden Fall ein befriedigendes Gefühl.

Loslassen, Ausziehen, Neues entdecken…

Das Leben besteht aus unterschiedlichen Phasen, die jeder von uns irgendwann einmal durchläuft. Phasen, die uns dabei helfen, unsere Persönlichkeit sowie verschiedene Kompetenzen zu entwickeln. Manche nennen es auch Stufen – was an das gleichnamige Gedicht von Hermann Hesse erinnert, in dem daran erinnert wird, den Lebensfluss zu akzeptieren und stets offen für Neues zu sein. Natürlich bringt nicht jede Phase nur schöne Seiten mit sich, man erinnere sich selbst vielleicht an die eigene Pubertät. Da hatte jeder mit Pickeln, dem Stimmbruch und dem ersten Liebeskummer zu kämpfen. Und dennoch hat auch diese Zeit jeden individuell intensiv geprägt und dazu beigetragen, dass wir heute die Menschen sind, die wir sind.

Aber damit endet ja der Entwicklungsprozess nicht auf einmal. Er geht weiter. Immer.

Und plötzlich bemerken wir eine innere Unruhe, ein Gefühl der Sehnsucht, vielleicht sogar Fernweh. Der Gedanke, das Altgewohnte hinter sich zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen, ist allgegenwärtig und treibt uns an. Zweifel gibt es vielleicht auch – bei den ein oder anderen, aber warum sich davon aufhalten lassen? Das habe ich mich auch gefragt, habe die Gelegenheit, die sich mir geboten hat, beim Schopf gepackt und bin nach Dresden zu einer Freundin gefahren. Da ich an meiner jetzigen Uni nicht den Master machen kann, werde ich also ab nächstem Jahr woanders studieren. Und wieso nicht in einer Stadt, die mir gefällt, die etwas weiter weg von zu Hause liegt, in der es so viel Neues zu entdecken gibt?

Natürlich ist Dresden nicht die einzige Stadt, die auf meiner Liste steht, aber ich muss zugeben, dass ich schwer beeindruckt gewesen bin und mich schon etwas verliebt habe. Da gibt es die Semperoper, den Zwinger, die Prager Straße und natürlich die Frauenkirche. Und noch etliches mehr, was es sich zu erkunden lohnt…
Für mich persönlich steht fest, dass ich mich dort bewerben werde – und der Rest liegt ja ohnehin nicht in meiner Hand. Für mich beginnt ab nächstem Jahr eine neue Lebensphase: raus von zu Hause und rein in ein neues Leben. Selbständiger werden und daran wachsen. Neue Leute kennenlernen und sich alleine zu Recht finden. Ein Stück weit erwachsener werden. Natürlich sind mit diesem Gedanken auch Zweifel verbunden und gewisse Ängste, aber irgendwann wird es Zeit, loszulassen und seinen eigenen Weg zu gehen. Der eine findet ihn früher, der andere eben etwas später – außerdem muss man sich das Ausziehen auch erst einmal leisten können.

Viele Schüler in Rheinland-Pfalz schreiben ja gerade ihre letzten Kursarbeiten vor dem schriftlichen Abitur. Manche wissen schon, was sie danach machen wollen. Andere weniger. Für die einen steht fest, dass sie gleich anfangen wollen zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Für die anderen kommt das erst einmal nicht infrage – da wird erst einmal ein freiwilliges soziales Jahr angestrebt oder Work and Travel. Ganz im Sinne von: loslassen, losreisen und Neues kennenlernen. Und auch wenn immer ein bisschen Mut zu einem solchen Schritt dazugehört, so ist es doch im Nachhinein eine wunderbare Erfahrung, die einen beeinflusst und vielleicht auch zur Entwicklung beigetragen hat.
Und wenn wir die Möglichkeit doch haben, warum sie dann nicht einfach ergreifen?

In diesem Sinn: eine schöne Woche!

Eure Lea

Vorschau: Eva schreibt nächste Woche über die Welt des Tees und warum sie so gerne darin eintaucht.

Auf den Brettern, die die Welt bedeuten…

Stimmengemurmel. Rascheln. Lachen. Irgendwo hinter dem schwarzen Vorhang sitzen unsere Zuschauer und warten darauf, dass das Stück „Küsschen, Küsschen“ beginnt. Wir haben uns eingeschworen, jedem über die Schulter „Toi, toi, toi“ gewünscht und sind ganz nervös. Für mich ist es das erste Mal, dass ich selbst auf der Theaterbühne stehe und nicht Zuschauer bin. Einerseits freue ich mich wahnsinnig, gleich in eine andere Rolle zu schlüpfen, auf der anderen Seite habe ich Angst, dass etwas schief geht. Meine Hände zittern und mein Magen scheint einen Salto rückwärts hinzulegen, als es endlich losgeht.

 Acht Geschichten des bekannten englischen Schriftstellers Roald Dahl hat die Theatergruppe Dicke Luft aus Speyer unter Norbert Franck auf die Bühne gebracht. Roald Dahl wurde in den 50-iger und 60-iger Jahren durch seine Kindergeschichten wie „Charly und die Schockoladenfabrik“ oder „Matilda“ sowie durch seine makaberen, oftmals mit schwarzem Humor versehenen Kurzgeschichten für Erwachsene bekannt. Die berühmtesten Kurzgeschichten finden sich in den Sammelbänden „Küsschen, Küsschen“ oder „… und noch ein Küsschen“. Die Zuschauer durften sich also auf einen schaurig-schönen Abend freuen und auf die Umsetzung gespannt sein.

 Etwas über zwei Monate hatten wir an den einzelnen Stücken geprobt und viel Herzblut hineingelegt – und nun war es so weit: Wir durften vor einem Publikum spielen. Während ich auf meinen Einsatz als schwarzhaarige Hebamme wartete, lugte ich ab und an durch den schwarzen Vorhang, um einen kurzen Blick auf die Zuschauer und deren Gesichter zu erhaschen. Erleichterung durchflutete mich. Das Stück gefiel. Auf manchen Gesichtern erkannte ich ein breites Grinsen, auf anderen Skepsis, um bei manch einem Zuschauer auf Verwunderung oder gar leichten Ekel zu treffen. Alles in allem Reaktionen, die unsere kleinen Geschichten hervorrufen sollten.

 Schließlich war es auch für mich an der Zeit – zusammen mit Dorothea Förster, Bernhard Friedmann und Stefan Sold – die Bühne zu betreten und unsere Geschichte aufzuführen. Im schummrigen Dunkel traten wir nach draußen, nahmen unsere Plätze ein und warteten, bis das Scheinwerferlicht wieder anging und wir beginnen konnten. In diesem Augenblick schoss mir ein passender Auszug aus dem Lied von Juli durch den Kopf: „Elektrisches Gefühl, ich bin völlig schwerelos; elektrisches Gefühl, wie beim ersten Atemzug…“. Genauso fühlte ich mich, als das Licht anging und ich einfach alles um mich ausblendete. Adrenalin floss durch meinen Körper und ich konzentrierte mich nur noch auf das Spielen. Es war unglaublich – alles, was zählte, war das, was ich gerade tat. Nichts weiter…

 Der Abend verging wie im Flug. Keine Pannen und fast fehlerfrei brachten wir zweieinhalb Stunden hinter uns. Der Applaus der Zuschauer zum Schluss riss uns wieder zurück in die Realität. Die Premiere war geschafft, und wir mit unseren Leistungen zufrieden. Mittlerweile haben wir sechs weitere Aufführungen hinter uns und bisher eine gute Resonanz bekommen. Die vorerst letzte Aufführung von „Küsschen, Küsschen“ wird am 21. Juni 2011 um 20Uhr im Kulturbeutel im Domgarten in Speyer stattfinden.

 Ich habe während dieser Zeit viel über mich selbst gelernt. Rollenspiele können uns eine Menge erkennen lassen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich bin über mich selbst hinausgewachsen, in dem ich in zwei verschiedene Rollen geschlüpft bin, die mit mir so gar nichts zu tun haben. Kein einfaches Unterfangen und dennoch ist es mir zum Schluss gelungen. Diese Erfahrungen sind wertvoll. Theaterspielen kann wirklich gut für die eigene Psyche sein, denn man lernt fast spielerisch – bedingt durch den Perspektivenwechsel – einerseits Fremdes aber auch sich selbst besser zu verstehen. Ansätze, die sich beispielsweise bei Kaspar H. Spinner und auch im heutigen Unterricht oft finden lassen. Außerdem wird die Imaginationsfähigkeit gefördert und das eigene Ich-Verständnis, da man sich teilweise recht intensiv mit der zu spielenden Figur auseinandersetzen muss.

 Aber nicht nur das zeichnet das Theaterspielen an sich aus, sondern auch der Kontakt zu neuen Menschen, das Sammeln neuer Erfahrungen und die Erinnerungen an lustige, schaurige und großartige Momente. Es kann uns dabei helfen, mehr über uns selbst zu erfahren und unseren oft hektischen Alltag hinter uns zu lassen. Denn mit dem Theaterspielen machen wir uns ja nicht nur selbst eine Freude, sondern schenken auch anderen – nämlich denjenigen, die uns zuschauen – einen Moment jenseits des Alltagsgeschehens. Voraussetzung ist natürlich, dass man selbst Theater spielen möchte und auch Spaß daran hat, sonst ist das Ganze wohl eher kontraproduktiv

 In diesem Sinne wünsche ich euch eine kreative Woche!

Eure Lea

Vorschau: Was EHEC eigentlich ist, und warum Eva der ganze Medienrummel suspekter ist, als der Erreger selbst, lest ihr hier nächste Woche.