Einmal um die Wette reisen

On the road - die Landschaft auf Reisen genießen (Foto: Mätzke-Hodzic)

On the road – die Landschaft auf Reisen genießen (Foto: Mätzke-Hodzic)

Was einem für Menschen auf Reisen begegnen. Da sind Weltenbummler, die ihren Job an den Nagel gehängt haben und für mehrere Monate die Welt bereisen. Rastlose Seelen, die einen kleinen Hafenort Tausende Kilometer vom eigentlichen zu Hause zu ihrem neuen Wohnsitz auserkoren haben. Da ist ein junger Schriftsteller, der zufälligerweise auch noch Ernest heißt und in einer marokkanischen Stadt deren Fassaden fast vollständig in blau leuchten, in einem ruhigen Garten an seinem Roman schreibt und hier neue Inspiration findet. Oder zwei ältere Berber, die kurzerhand unseren von uns ernannten Guide  (ein italienischer Schweizer, der uns unverhofft vom Straßenrand aufsammelte, wo uns die sengende Hitze fast einen Sonnenstich beschert hätte) darum baten einen Brief auf Italienisch zu übersetzen. Der tat ihnen den Gefallen und verschwand in einem Laden, der vor Berberschmuck, alten Spiegeln, Truhen und Möbeln nur so überquoll. Wenige Mintuen später saßen wir auf kleinen Hockern vor diesem lebenden Antiquariat, tranken Tee und der Inhaber wollte zum Dank für das Übersetzen (was ja nicht mein Verdienst war) mir Schmuck anbieten. Am Ende baumelte an meinem Arm ein riesiger Reif verziert mit kleinen Steinchen und ich war um ein Erlebnis reicher.

Lieblingshostel - ein Hostel, das uns in sehr guter Erinnerung bleibt (Foto: Mätzke-Hodzcic)

Lieblingshostel – ein Hostel, das uns in sehr guter Erinnerung bleibt (Foto: Mätzke-Hodzic)

Ich trefe auf Reisen auch immer auf eine besondere Spezies – junge Mitzwanziger, die schon die halbe Welt bereist haben. Ich begutachte sie meistens mit einer anfänglichen Skepsis. Eigentlich bin ich aber auch ein klein bisschen neidisch. Stampfe innerlich wie ein kleines Kind auf den Boden und schreie lauthals: Ich will aber auch für acht Monate am Stück weg.

Der Traum von der Weltreise -  zum Greifen nah? (Foto: M. Hermsdorf  / pixelio.de)

Der Traum von der Weltreise – zum Greifen nah? (Foto: M. Hermsdorf / pixelio.de)

Oft drehen sich die Gespräche während so einer Reise auch ums…genau Reisen. Jeder packt seine größten Abenteuer aus der Erzählkiste und der Stolz der in Stimme mitschwingt ist nicht zu überhören. Aber Reiseerinnerungen können einem sehr ans Herz wachsen. Manchmal fange ich dann auch an mich an diesem Wettstreit zu beteiligen, man schaukelt sich gegenseitig hoch und insgeheim geht es darum, dass jemand aus der Gruppe, die vorherige Urlaubsanekdote toppt. Ein Lieblingsspiel von Backpackern? Ich muss mich dann manchmal zurücknehmen und wieder darauf konzentrieren dem Verlauf des Gespräches zu lauschen. Ich muss doch nicht auf Teufel komm raus jedem meine für mich besondere Reisemomente ausplaudern – vor allem nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass es eigentlich nicht um das Erlebnis geht sondern darum mächtig anzugeben.

Essen teilen - ein erster Freundschaftsbeweis (Foto: Mätzke-Hodzic)

Essen teilen – ein erster Freundschaftsbeweis (Foto: Mätzke-Hodzic)

Ja, auch ich würde gerne mal für eine Zeit aussteigen. Nicht nur einen Monat sondern gleich mehrere Monate am Stück verschiedene Länder bereisen. Doch dann kommen mir Zweifel auf. Während unserer Marokkoreise war ich oft völlig überwältigt von den vielen neuen Eindrücken. Wie ergeht es einem da, wenn man mehrere Monate quasi im Minutentakt mit neuen Eindrücken überflutet wird? Wenn man so viele Monate reist, lässt es das Budget auch nicht unbedingt zu bei den Übernachtungen wählerisch zu sein. Ich kann mich erinnern, wie sehr ich mich angekommen in Mainz auf mein Bett und eine richtige Dusche freute. In Marokko hatten wir in acht verschiedenen Hostels übernachtet – für den Preis waren alle akzeptabel. Eine Zeit lang kann man seine Bedürfnisse runterschrauben. Das ist eine super Sache und macht mal wieder deutlich was für einen Komfort wir in Deutschland gewöhnt sind. Die letzten Tage unserer Reise hatte ich dann aber genug. Eines Morgens war mein ganzer Körper mit roten Flecken übersät. Bisse von Bettwanzen. Das diese Mistviecher ausgerechnet an den letzten Tagen, die wir unbeschwert am Meer verbrachten, über mich herfielen und mein Mann völlig verschont von ihren mörderisch juckenden Bissen blieb. Ja, es gibt so einiges was man auf Reisen aushalten muss, wenn man backpackt. Und auch ein paar Sachen, die man nicht vermisst. Die Bettwanzen gehören definitiv dazu. Aber um eine weitere Reiseanekdote bin ich allemal reicher geworden.

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch hier wieder eine spannende Kolumne.

Oum Khaltoum – die Göttin der arabischen Klassik

Oum Khaltoum, eigentlich Umm Kultum Fatima Ibrahim as-Sayyid al-Baltagi, geboren im Ägypten des frühen 20ten Jahrhunderts, ist die legendäre Sängerin und Musikerin des Abendlandes und genießt heute noch Ruhm und Anerkennung im mittleren Osten wie kein anderer Künstler vor oder nach ihr. Ihr Vermächtnis an die arabische Musik kann mit dem von Maria Callas und den Beatles in der westlichen Welt verglichen werden.

Die Tochter eines Iman wuchs mit zwei Geschwistern in einem kleinen Dorf namens Ad-Daqahilyya und begann ihre Karriere auf ziemlich ungewöhnlichem Wege. Oum Khaltoums Vater war Iman in der Moschee ihres Dorfes. Er verdiente als Koranrezitator, begleitet von seinem kleinen Sohn und einem Orchester das Familieneinkommen. Ihr Vater entdeckte ihre Stimme und ihr Talent, als er sie mal dabei ertappte, wie sie seine Rezitationen nachahmte. Ihr Vater entschied, sie von nun an, gemeinsam mit ihrem Bruder mit auftreten zu lassen.

Lange war Oum Khaltoum mit diesem Ensemble mit Bruder und Vater unterwegs und war schnell in ganz Kairo bekannt. Im Jahre 1920 begegnete sie Scheich Zakariyya Ahmad, dem sie vorsang. Er sagte später, dass er ihre Stimme nicht mehr vergessen konnte. Er war der erste, der ihr musikalisch die Türen öffnete und derjenige, der ihr Engagements in Kairo verschaffte. Auch Scheich Abu I-lla, einer der führenden religiösen Sänger und Hauptvertreter der klassischen islamischen Gesangstradition, den sie 1923 kennenlernte, unterrichtete Oum Khaltoum und zeigte ihr vor allem wie man Worte in Töne ausdrückt.

Im sogenannten „Goldenen Zeitalter des Gesangs“, den 50er und 60er Jahren, schaffte die Ägypterin auch ihren internationalen Durchbruch und trat in Städten wie Damaskus, Bagdad, Beirut und Tripolis auf. Im Mai 1934 weihte sie den ersten ägyptischen Rundfunksender „Radio Cairo“ ein. Sie startete sogar eine Schauspielkarriere.

Zu ihren größten und unvergesslichen Meisterwerken zählen wohl „Enta Omri“ (dtsch.: Du bist mein Leben) und „Alf Leyla wa Leyla“ (dtsch.: 1001 Nacht). Ihre romantischen, teils melancholischen Texte, verbunden mit ihrer starken und doch zärtlichen Stimme werden auch heute noch von Marokko bis Oman mit Nostalgie und Liebe zelebriert.

Am 03. Februar 1975 starb Oum Khaltoum an einer Nierenentzündung, nachdem sie Jahre zuvor Erkrankungen an Galle und Leber erlitt. Mehrere Millionen versammelten sich bei ihrer Beerdigung und trugen ihren Sarg stundenlang durch die kleinen Straßen und Gassen Kairos, bevor sie beigesetzt wurde.
Sie bleibt die Stimme Ägyptens, die Göttin der arabischen Musik. Ihr Lebenswerk, womit sie die arabische Kultur und Musik bereicherte, bleibt unsterblich.

Marokko Teil 2, die Schattenseite

Marokko, ein Land der Gegensätze: Hier werden drei Sprachen gesprochen, leben zwei unterschiedliche Kulturen und es gibt einen König. Zudem ringen drei Kulturen um das nordwestlichste Land Afrikas: Die arabische Kultur von Osten aus, die europäische aus dem Norden und die berberische aus dem Süden. Heute stellt euch Face2Face die Probleme des Landes und die Schattenwirtschaft des Landes vor.

Straßenszene in Essaouira

Küstenstadt im Umbruch: Strassenbild aus Essaouira (Foto: Homolka)

Salomen ist gelernter Töpfer in der Küstenstadt Safi. Wie fast alle in der Stadt ist er auf den Tourismus angewiesen und wie viele hat er das Töpferhandwerk von seinem Vater übernommen. „Im Winter kommen zu wenige Touristen in die Stadt, dann muss man sich sehr um die Kunden bemühen.“, erzählt er.  Ein zweites Standbein hat sich Salomen zusätzlich zugelegt: Zusammen mit seinen Freunden verkauft er Marihuana an die Touristen.

800.000 Marokkaner leben nach Schätzungen der Zeit vom Drogenanbau. Dies liegt zum einem an der langen Tradition, die der Anbau von Marihuana, Haschisch und Co. seit der Kultivierung des Landesdurch die Mauren besitzt und zum anderen an den nahen europäischen Nachbarländern. Auch aus Amerika kamen schon mache berühmten Konsumenten nach Marokko, wie zum Beispiel Ausnahmegitarrist Jimi Hendrix.

Berber

Berber mit traditioneller Kapuze: Der Hauptdrogenanbau liegt seit Jahrhunderten in berberischer Hand (Foto: Homolka)

In einem ganz anderen Sektor übt Europa ebenfalls einen kritisch zu sehenden Einfluss auf die marokkanischen Küstenstädte aus: Krabbenpulen. Eine der wenigen Tätigkeiten, die heute noch keine Maschine schneller als eine geübte Menschenhand lösen kann. Von Staaten an der Nordsee, wie den Niederlanden, Deutschland oder Großbritannien werden jährlich Tonnen von Krabben nach Marokko verschickt, um dort von ihrer Schale befreit zu werden und danach wieder auf dem europäischen Markt oder weltweit verkauft zu werden. Sowohl ökologisch ist das ein höchst fragwürdiges Unterfangen, als auch wenn man die Hafenstädte und ihre Bewohner besucht. Ein permanenter beißender Fischgeruch dominiert die Sinneswahrnehmung bei einem Besuch der Stadt ElJadida. Auch ist am Stadtbild gut zu erkennen, dass die Krabbenpulerei in Marokko sich nur lohnt, weil die Arbeitskräfte billig sind und die Arbeitsstandards niedrig.  Trotz alledem ist das Krabenpulen für die mittelgroße Stad ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Djemaa el Fna

Klassische Szene auf dem Djemaa el Fna: Schlangenbeschwörung (Foto: Homolka)

Noch einmal zurück zur Tourismusbrache, dieses Mal nach Marrakech. In der Mitte der Altstadt befindet sich der Djemaa el Fna, der historische Hauptmarkt der Stadt, der zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit nach der UNESCO gehört. Auch dieser Platz spiegelt einen besonderen Teil der marokkanischen Gesellschaft wieder. Liegt zwar der Königspalast nicht weit entfernt vom Zentrum der Altstadt, so ist der Kern selbst den Touristen und ärmeren Schichten der Bevölkerung vorbehalten. Während sich Mittel- und Oberschicht kulturell immer mehr in Richtung Europa orientieren, sind die ärmeren Marokkaner auf die Touristen als einzige lukrative Einkommensquelle angewiesen. Für die Touristen selbst ein zweiseitiges Schwert. Kommen sie doch, um einen klassischen arabischen Markt zu beobachten, sind aber gleichzeitig der wichtigste Kundenstamm auf diesem Markt.

Als Tourist sollte man sich immer dieser Situation bewusst sein, egal ob man über Märkte bummelt oder in Safi vorhat eine getöpferte Schale zu kaufen.  Man selbst ist die größte Einkommensquelle der Leute, die auf den Tourismus angewiesen sind und das gilt besonders für die ärmeren Schichten Marokkos.

Vorschau: Am Dienstag, 4. März geht es um die altehrwürdigen Kaffeehäuser Wiens.

Marokko Teil 1, das blühende Land

P1030469

Wie in tausend und einer Nacht: Die Hassan-II.-Moschee, das höchste sakrale Gebäude der Welt (Foto: Homolka)

Marokko, ein Land der Gegensätze: Hier werden drei Sprachen gesprochen, leben zwei unterschiedliche Kulturen und es gibt einen König. Zudem ringen drei Kulturen um das nordwestlichste Land Afrikas: Die arabische Kultur von Osten aus, die europäische aus dem Norden und die berberische aus dem Süden. Von allen diesen Einflüssen stellt euch Face2Face heute die dominantesten vor und besonders diejenigen, welche einem Großteil der Bevölkerungen ein Leben in einem Staat ermöglichen, der von seinen Nachbarn auch als arabische Schweiz bezeichnet wird.

273 Kilometer führt die A7 von Casablanca –  der größten Stadt des Landes –  nach Marrakesch ins Landesinnere. Heute – es ist der 28. Dezember 2013 – steht jede 500 Meter an ein Polizist oder Soldat in blauer oder grüner Uniform am Straßenrand, denn es ist hoher Besuch unterwegs: Der König von Katar wird mit Mohammed VI. König von Marokko, einem seiner besten Freunde, Silvester in Marrakesch verbringen.

Sicherheit wird in Marokko groß geschrieben. Das enorme Aufgebot an Sicherheitskräften lässt aus europäischer Sicht schnell an einen Unrechtsstaat oder an eine absolutistische Monarchie denken, aber wenn man das ganze aus marokkanischer Sicht sieht, ist es für die meisten Einwohner der Mittel- und Oberschicht ein Grund stolz zu sein auf diese Art der Stabilität.

Markt in Essaouira

Das touristische Marokko: Markt in der Altstadt von Essaouira (Foto: Homolka)

Als einziges Land Nordafrikas hat der arabische Frühling in den letzten drei Jahren in Marokko praktisch nicht stattgefunden und dies überwiegend aus positiven Gründen: Mohammed der VI. hatte bis zu den folgenschweren Anschlägen von Casablanca im Jahr 2003 den harten Regierungsstil seines Vaters ersetzt durch eine zunehmende Demokratisierung des Landes . Seitdem laviert die Politik Marokkos  zwischen einer zunehmenden Modernisierung und Liberalisierung einerseits und auf der anderen Seite einer repressiven Politik gegen alle radikalislamischen Tendenzen.

Wirtschaftlich und kulturell ist diese Politik aus heutiger Sicht mit großem Erfolg verbunden. Besonders in den Brachen Bankenwesen, Chemieindustrie, Tourismus und Filmindustrie ist großes Wachstum zu verzeichnen. So wurden in den letzten Jahren Filme wie Gladiator oder Königreich der Himmel sowie zahlreiche Bibelfilme in Marokko gedreht. Auch die Musikszene Marokkos erfreut sich in den letzten Jahren einer großen Vielfalt, da die Künstler versuchen die traditionellen Einflüssen der arabischen und berberischen Musik  mit  französischsprachigem Rap und modernen Pop zu kombinieren.

In der Architektur ist bis heute vor allem in touristischen oder traditionellen Vierteln der maurische Stil erkennbar, wohingegen sich das moderne Marokko stark an der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich orientiert mit gläsernen Hochhäuser und auch zwei neueröffneten Metrolinien die seit letztem Jahr das enorme Verkehrschaos der knapp vier Millionen Einwohner Stadt Casablanca etwas lindern sollen.

Das arme Casablanca

Die Schattenseite: ärmeres Viertel in Casablanca (Foto: Homolka)

Wenn man alles diese Punkte zusammen betrachtet ergibt sich das Bild eines progressiven arabischen Staats in den sich eine Reise – eventuell auch zu einem größeren Fußballturnier  – lohnt. Dennoch ist Marokko auch ein Land für das eine Reisewarnung vom auswärtigen Amt besteht und dass auch mit großer Armut verbunden ist. Davon berichtet euch Face2Face in 4 Wochen in Marokko Teil 2, die Schattenseiten.

Vorschau: Am Dienstag, 28. Januar geht es um die Plattform Airbnb, die Couchsurfing gegen Bezahlung vermittelt.

Hindi Zahra – eine musikalische Kosmopolitin

Blues, Soul und jazzige Rhythmen, World Folk, nordafrikanische Klänge und orientalische Harmonien – das musikalische Erbe der jungen marokkanisch-französischen Sängerin Hindi Zahra schlägt weite Wellen. Doch egal wohin die sanft fließenden Melodien ihrer Songs und die Billie Holiday-ähnliche Stimme den Zuhörer tragen – Hindi Zahras Musik enthält vor allem eines: Eine geballte Ladung Originalität.

Zahra Hindi kommt 1979 als Tochter einer Marokkanerin und eines französischen Militärs im marokkanischen Khouribga auf die Welt. Musik, Kreativität und Kunst beherrschen Zahras Leben von Anbeginn, da sich bereits in ihrer Familie zahlreiche Künstler und Musiker finden lassen.
Zahra wächst zunächst bei ihrer Mutter – einer Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin – auf. Auch drei ihrer Onkel sind selbst Musiker und machen die junge Zahra bereits in frühen Jahren nicht nur mit traditionellen Klängen der Gnawa (Anm. der Redaktion: Ethnische Minderheit in Marokko)  bekannt, sondern bringen sie auch mit Stücken von Bob Dylan, Reggae-Songs und populären Melodien aus dem Orient in Berührung.
Mit nur 14 Jahren lässt Zahra Marokko hinter sich, um ihrem Vater – einem ehemaligen Armeeangehörigen – nach Paris zu folgen. Knapp vier Jahre später verlässt sie die Schule und beginnt im Alter von 18 Jahren im Louvre zu arbeiten. „Das war mein großes Treffen mit der Kunst. Als Kind war ich nachdenklich und eng mit der Natur verbunden. Die Gemälde haben bei mir ganz ähnliche Empfindungen ausgelöst“ (Quelle: laut.de), so die Musikerin.

Beherbergt eine Sammlung von Schätzen aus aller Welt: Hindi Zahras wunderschöner World Folk (Foto: A.Boss)

Und auch weiterhin erweisen sich Kunst und Musik als ihre ewigen Wegbegleiter: Tagsüber umgeben sie die Gemälde von Delacroix, Vermeer und da Vinci, nachts widmet sie sich Melodien und Texten und beginnt eigene Songs zu schreiben.
Ende der 90er Jahre ist sie hauptsächlich als Backgroundsängerin in Hip Hop- und Soul-Bands quer durch Europa unterwegs und lernt so nicht nur Singen, sondern auch unterschiedliche musikalische Einflüsse kennen, die ihren Musikstil später bedeutend prägen werden.
2005 hat sie bereits über 50 eigene Songs geschrieben, von denen „Beautiful Tango“, „Oursoul“, „Try“ and „Stand Up“ auf ihrer EP „Hindi Zahra“ im Jahr 2009 veröffentlicht werden.
Von da an steht die Welt Kopf – und das nicht nur im musikalischen Sinne, denn Zahra Hindi schafft ihren Künstlernamen, indem sie einfach Vor- und Nachnamen invertiert. Die Dame mit der bezaubernden Gipsy-Stimme betört fortan unter dem Namen „Hindi Zahra“ ihre Fans rund um den Globus.
2010 erscheint dann ihr Debütalbum „Handmade“, das Zahra weitestgehend selbst geschrieben und produziert hat, beim Jazz-Label „Blue Note Records“.
Kurz darauf gewinnt sie den „Prix Constantin“ für das beste Album und im Februar 2011 den „Victoires de la Musique Qward“ für das beste „World Music Album“ – ihr musikalischer Erfolg ist nun besiegelt.

Durch stark artikulierte Gitarrenschläge, leichtes Klatschen sowie den Rhythmus der Bendir (Anm. der Redaktion: Rahmentrommel, die einem europäischen Tamburin ähnelt) kreiert die junge Sängerin, die von Berbern und Tuareg abstammt, in ihren Songs eine Welt voller Leidenschaft, die eine bemerkenswerte musikalische Tiefe an den Tag legen. Denn egal wie oft man ihrer sinnlichen Stimme – die mal sanft, mal ein wenig rau klingt – und den bukolischen Klängen ihrer Musik lauscht, die mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden sind – jedes Mal scheint sich eine neue Welt aufzutun. So singt Hindi Zahra ganz nonchalant mit immerwährender Unergründlichkeit von den Geheimnissen der Wüsten und Städte, von Liebe und den Launen des Lebens. Obwohl viele ihrer Songs in Englisch geschrieben sind, besticht ihre Musik vor allem durch Stücke wie „Imik Simik“, die teilweise in Berber gesungen werden.

Die junge Sängerin bedient sich in ihren Songs nicht nur des Chansons, Folks, Hip Hops und Souls, sondern schöpft ebenso aus dem Repertoire traditioneller nordafrikanischer Rhythmen und Melodien und macht sich somit ihren multikulturellen Hintergrund zum Vorteil. Musikalisch vielseitig und immer wandelbar birgt ihre Musik so einen authentischen Charakter, der durch Persönlichkeit und künstlerische Einzigartigkeit besticht.

Vorschau: Nächste Woche lest ihr hier ein Portrait des australischen Soul-Sängers Chet Faker.

Gabriele Boiselle, Teil 1: Pferde in Freiheit portraitieren

Kreativ: Boiselle weiß, mit den edlen Geschöpfen umzugehen (Foto: Caro Lobig)

Die Fotografie setzt Gabriele Boiselle nicht mit der reinen Dokumentation gleich, sie will die Tiere vor ihrer Linse portraitieren und mit ihren Fotos Geschichten erzählen. Nach ihrem Journalismusstudium hat die Speyererin ihre Leidenschaft für das Schreiben mit der des Fotografierens verknüpft. Jährlich veröffentlicht sie über zwanzig Tier- und vor allem Pferdekalender, nachdem sie auf ihren Reisen vom Aussterben bedrohte Pferde und deren Wesen mit der Kamera eingefangen hat.


Den Blick der Pferdenarren schärfen

„Warum machen Sie ein Fotoseminar bei mir? Was bedeuten Ihnen die Pferde?“ – Auf Boiselles Fotoseminaren steigt die Gruppe immer mit einer Kennenlernrunde ein. Draußen stehen schon drei Pferde mit drei verschiedenen Farben bereit. „Stellt die Kamera für alle gleich ein und fotografiert sie hintereinander“, sagt Boiselle. Der Blick der Teilnehmer soll auf diese Weise geschärft werden. Sie sollen sich die Tiere von allen Perspektiven einprägen. Die Seminarleiterin knipst fleißig mit. Hier eine raschelnde Tüte, dort ein Futtereimer, hin und wieder ein wieherndes Handy. So schauen die Vierbeiner aufmerksam. Die Ohren stellen sich nach vorne, sie heben den Kopf, sind interessiert.  Boiselle kniet, hält die Kamera auf Höhe der Pferdebauchlinie. „Einen guten Pferdefotografen erkennt man an den schmutzigen Knien.“ Der Rest der Gruppe lässt sich ebenfalls nieder. Manche liegen schon auf dem Bauch. Die Kleider werden sandig, die Fotos dafür atemberaubend.

Ein Foto sagt mehr als tausend Worte

 Fünf Jahre sei die heute 56-jährige Pferdenärrin alt gewesen, als sie eine Katze vor die Linse bekam und erkannte, dass die Fotografie ihre Berufung ist. „Man kann mit Fotos mehr ausdrücken als mit Worten. Das hat mich schon als Kind fasziniert“, so die Speyererin. Einfach nur Fotografie studieren wollte sie nicht, „da wird man zu sehr in die Werbung hineingedrängt“. So habe sie sich ihren Beruf selbst zusammengezimmert: Zunächst studierte Boiselle Kommunikationswissenschaften in München und arbeitete dann für den Rundfunk. Schon in jungen Jahren verfasste sie daher Reiseberichte über Länder wie Äthiopien, Tunesien und Saudi-Arabien. „Ich wollte neben dem Fotografieren auch über Dinge berichten, in ferne Länder reisen und diese den Menschen näher bringen“, erklärt sie. Aus ihrer Arbeit als Reporterin habe sie sich vor über 20 Jahren in die Richtung entwickelt, die sie auch heute noch verfolgt. Sie wolle als Fotografin etwas bewirken und andere mit den Geschichten, die sie mit ihren Bildern erzähle, berühren. In dieser Rolle habe sie eine Verantwortung, auch den Tieren gegenüber, mit der sie kreativ umgehe.

Ihre Fotos sollen vor dem Aussterben bewahren

Engagiert: Die Speyererin will ihr Wissen weitergeben

 „Wenn Gabriele eine Kamera in der Hand hält und die Pferde sich frei bewegen dürfen, ist sie voll in ihrem Element und sprüht nur so vor Leben“, berichtet Tanja Münster, die in Boiselles Edition mit für die Bildarchivierung zuständig ist. Boiselle sei es vor allem ein Anliegen, alte traditionelle Reitweisen in ihren Fotos und Kalendern wiederzugeben. „Ich möchte dokumentieren, was bald verschwunden sein könnte“, betont die 56-jährige. Gefährdet seien nämlich einige Rassen wie das turkmenische Pferd. Boiselle reiste deshalb vor kurzem selbst nach Turkmenistan. „Ich wollte mir ein Bild davon machen, wie viele Pferde es von dieser Rasse tatsächlich noch gibt und wer sie noch züchtet“, erzählt sie. Auf die Wirkung von Boiselles Arbeit verlässt sich sogar der König von Marokko, für den die Speyererin aktuell ein Buch entwickelt. Durch seine Initiative fotografiert sie Araber-Berber und Berberpferde in der freien Natur, um die Menschen wieder aufmerksam auf die seltene Tierart zu machen.
Indem sie mit ihrer Kamera vom Aussterben bedrohte Rassen für die Ewigkeit dokumentiert, hoffe sie darauf, dass die Menschen sich wieder über deren Bestehen und die Bedeutung jeder einzelnen Rasse bewusst werden.

Vorschau: Nächste Woche folgt Teil 2 über Gabriele Boiselle und ihre Zusammenarbeit mit Linda Tellington-Jones