Andere Zeiten – Andere Ehe

Heiraten, Kinder kriegen, Familienleben.  So sah der Lebensentwurf viele Jahre lang aus. Doch die bedeutungsschwangeren Worte eines „Ja, ich will“ kommen mittlerweile immer weniger Paaren über die Lippen. Es stellt sich gar die Frage, ob wir überhaupt noch dazu bereit sind uns die Treue zu schwören – es muss ja nicht bis ans Lebensende sein.

Solidarisch: Ist die Ehe ein Auslaufmodell? (Foto: V.Wahlig)

Solidarisch: Ist die Ehe ein Auslaufmodell? (Foto: V.Wahlig)

Fest steht: Die Zahl der Eheschließungen geht zurück. Während 1988 noch 534903 Paare in den Hafen der Ehe einliefen, waren es 2013 nur noch 373 600, also rund 30% weniger. Ob es an dem zu schnellen Lauf der Zeit, zu hohen Ansprüchen an eine Partnerschaft oder an der Angst den letzten Schritt in einer Beziehung zu gehen liegt, lässt sich nicht ganz so einfach beantworten. Deutlich wird aber bei dem heutigen Lebensstil: Heiraten steht nicht mehr so weit oben auf der To-Do-List. Schnell wird das Verlangen laut zu heiraten ohne zu heiraten. Also ein Ja ohne einen Trauschein.

Diesen Wunsch hegen auch immer mehr junge Franzosen und Frankreich bietet seinen Verliebten seit 1999 die Möglichkeit Ja zu einer solidarischen Beziehung und Nein zur Ehe zusagen. Die Lösung heißt Ziviler Solidaritätspakt (PACS aus dem Französischen  für pacte civil de solidarité). PACS bietet die Chance eine zivilrechtliche Partnerschaft  mit Gütergemeinschaft, gemeinsamer steuerlicher Veranlagung und steuerlich günstigen Erbbestimmungen zu führen. Dabei ist er nicht abhängig von der sexuellen Orientierung Rund 95% der PACS werden von heterosexuellen Paaren eingegangen.

Im Unterschied zur Ehe wird der PACS nicht vor dem Bürgermeister, sondern vor dem Amtsgericht geschlossen. Es reicht der Personalausweis um sich die gegenseitige Solidarität zu bekunden. Aber ist das romantisch, sich die Liebe zu schwören ganz so als ob man gerade mal seinen Wohnsitz ändern möchte? Das haben sich einige Bürgermeister auch gefragt und erlauben nun eine kleine Zeremonie für jedes Paar, das einen PACS schließt.  Aber was bedeutet diese Form der Partnerschaft? In erster Linie verpflichten sich die Paare zu gegenseitiger Hilfe mit Freiheiten für die individuelle Ausgestaltung. Aber sollten diese Pflichten nicht in jeder gesunden Beziehung selbstverständlich sein? Eigentlich ja schon, aber junge Franzosen bekunden ihre Entscheidung zum PACS mit dem Gefühl ihre Partnerschaft auf eine neue Ebene zu erheben. Man schwört sich Solidarität und nicht unbedingt Treue. Aber wozu braucht man eine Eintragung in ein Register, um Ja zueinander zu sagen? Naja, auch rechtlich hält diese Form der Solidarität so manchen Vorteil bereit. So dürfen unversicherte Partner gegebenenfalls die Sozialversicherung des Partners in Anspruch nehmen. Beim Mietrecht haben die Partner, die den Mietvertrag für die gemeinsame Wohnung nicht mit unterzeichnet haben, automatisch das Recht auf die Übernahme des Mietverhältnisses.Zudem wurde auch das Erbrecht dem von Ehepaaren angeglichen. Darüber hinaus ermöglicht der zivile Solidaritätspakt eine bessere Bewertung bei der Ausstellung einer Aufenthaltserlaubnis für einen ausländischen Partner.

Es scheint also, als ob dieser partnerschaftliche Pakt so einige Vorteile bietet. Soziale und rechtliche Vorteile gepaart mit einem „Ja, ich will (solidarisch sein)“.

Falls die Solidarität dann schwindet ist eine Loslösung vom Paktpartner einfacher als eine vielleicht mühevolle und teure Scheidung. Es genügt eine gemeinsame schriftliche Erklärung der beiden Partner beim Amtsgericht des Wohnortes. Entscheidet sich einer der beiden Partner dann doch zu einer Hochzeit, mit einem anderen Partner, löst sich der Pakt ganz von alleine auf. Aber auch wenn dies Art von Solidarität unromantisch klingt, bleibt eine Frage: Ob so ein Solidaritätspakt nach dem Vorbild Frankreichs auch in Deutschland angenommen werden würde?

Mainstream – Musik ohne Message?

Vor allem im Radio läuft Mainstream-Musik. (Foto: V.Wahlig)

Eintönig: Vor allem im Radio läuft Mainstream-Musik. (Foto: V.Wahlig)

Das ist ja mal wieder voll Mainstream, das neueste Lied in den Charts!“ – diesen Satz habt ihr bestimmt schon mal gehört, wenn ihr gerade beschwingt einen aktuellen Song im Radio gehört habt. Aber was ist eigentlich Mainstream und was soll daran so schlecht sein?

Unter Mainstream (zu Deutsch: Hauptstrom) versteht man den Geschmack, der einem Großteil der Gesellschaft gefällt. Aber bedeutet dies, dass Musik die von einer breiten Masse gehört wird, dann auch inhaltsleer ist?

Die meisten Lieder in den aktuellen Charts drehen sich um Liebe, Tanzen oder Party. Hinzu kommt noch eine Brise von Gute-Laune-Klängen und fertig ist der Song. So singt uns Pharrell Williams gut gelaunt ein „Happy“ (zu Deutsch: glücklich) entgegen und Miley Cyrus scheint nur mit ihrer halbnackten Performance auf einer Abrissbirne noch schockieren zu können. Muss man dann die Frage nach inhaltsleerer Mainstream-Musik klar mit einem Ja beantworten? Ist Gesellschaftskritik in Mainstream-Musik ein Tabuthema?! Ist das Ziel der Musiker wirklich nur schnell reich und berühmt zu werden? Müssen wir uns fragen, ob wir als Hörer lieber die inhaltsleeren Gute-Laune-Lieder kaufen und ob uns der Style des Musikers wichtiger ist, als der Text des Liedes?

Es wäre zu schnell geurteilt, wenn man behauptet, dass die Lieder in den Charts fern von Gesellschaftskritik sind. Unser Anspruch an politischer Beteiligung nimmt zu und so äußern sich auch viele Musiker in ihren Songs zu aktuellen Themen wie Gewalt oder Homophobie. Natürlich handelt nicht jedes Lied in den Charts von solch schwerer Kost. Doch es werden eben auch Gefühle zu den meist diskutierten Themen von Musikern in ihren Songs verarbeitet.

Bestes Beispiel ist der momentan bekannte und erfolgreiche Rapper Mackelmore zusammen mit seinem Produzenten Ryan Lewis. Mit dem Song „Same Love“ (2012) äußerte er sich öffentlich zum Thema Homophobie. „Same Love“ erschien während eines Volksentscheids in Washington zur Legalisierung der Homo-Ehe. Zudem ist Mackelmore ein Beispiel dafür, dass man mit kritischen Liedern die breite Masse für sich gewinnen kann. In 17 verschiedenen Charts konnte sich der Song über mehrere Wochen halten. Außerdem erhielt der Song einen VMA (MTV Video Music Award) für das beste Video mit einer sozialen Botschaft. Nach diesem Preis stieg „Same Love“ nochmals in den Charts auf, da immer mehr Leute den Song kauften.

Mackelmore ist keineswegs ein Einzelfall in der Mainstream-Musik. Pink griff 2006 mit ihrem Song „Dear Mr. President“ den damaligen Präsidenten der USA – George W. Bush an und landete damit in Europa und Kanada Chartplatzierungen. Aber auch deutsche Musiker stehen ihren amerikanischen Kollegen in nichts nach. Xavier Naidoo ist einer von ihnen. Er singt über Ungerechtigkeit, Ausländerfeindlichkeit oder Drogenmissbrauch und ist dabei einer der erfolgreichsten Musiker, der auch die breite Masse für sich begeistern kann.

Schlussendlich lässt sich also sagen, dass Mainstreammusik zwar hauptsächlich gute Laune und Liebe in den Fokus stellt. Aber sie kann eben auch gesellschaftskritisch sein und den Hörer auffordern, über diese Kritik nachzudenken.

Vorschau:     Nächsten Samstag gibt es einen Ausgeh-Tipp für das Rhein-Main-Gebiet.

Wie aus Nena Helene Fischer wurde…

Bekommt man einen Flyer für eine Party in die Hand gedrückt, so sind Musikrichtungen, wie zum Beispiel Elektro – in allen möglichen Ausführungen von Elektro-Swing bis Dubstep -, Hip-Hop und auch Oldies vertreten. Was aber auffällt ist, dass auf solchen Partys zunehmend auch Schlager gespielt wird. Es gibt heute nicht mehr nur die kleine Ecke im hinteren Teil des Clubs in der die Mallorca-Hits 1999 gespielt werden, sondern auch auf der Haupttanzbühne wird Schlager gespielt.

Vor noch fünf Jahren war dies unvorstellbar. Wie ist die Schlagermusik zu Mainstream geworden?

Es gibt eine Entwicklung, die mit der „Neue Deutschen Welle“ in den 80er-Jahren begonnen hat: Deutschsprachige Musik war zuvor noch Alt-Herren- und Damen-Musik. Für die damalige Jugendkultur war eine solche Musikrichtung spießig, verstaubt und als Partymusik nicht vorzustellen.

Aber mit der richtigen instrumentalen Untermalung und den passenden frechen Texten kam es zum Wandel. Nena, die Spider Murphy Gang, Falco, Trio und Co. modernisierten die biedere Fassade der deutschsprachigen Musik und wurden bekannt und berühmt.

Bis heute besitzen Lieder wie „Skandal im Sperrbezirk“, „Rock me Amadeus“ und „99 Luftballons“ Kultstatus. Hier wurde erstmals gezeigt, dass deutschsprachige Musik kein Kaffee und Kuchen-Ambiente, sondern auch einen „Kippe-anzünden-und-Feiern-gehen-Charakter“ besitzt. Aus braver Heintje-Musik wurde erstmalig rockige deutschsprachige Musik.

Gute Stimmung: Auch bei Schlagermusik gibt es nicht viel Platz auf der Tanzfläche (© Nik Styles / pixelio.de)

Gute Stimmung: Auch bei Schlagermusik gibt es nicht viel Platz auf der Tanzfläche (© Nik Styles / pixelio.de)

Die Schlagerszene schlafend zurücklassend, entwickelte sich nur die Popmusik: Nur zwanzig bis dreißig Jahre später, gibt es nun eine immense Vielfalt an deutschsprachiger Musik: Hits der „Neuen Deutschen Welle“, Chillmusik von Clueso und Philip Poisel, Rock von Kraftklub und Jennifer Rostock, Hip-Hop von Freundeskreis über die Sekte bis hin zu Kollegah und Materia, aber auch Party-Reaggae von Seeed gingen hervor.

Laut einer Auswertung von FOCUS und der Marktforschungsfirma Media Control waren 2012 43,28 Prozent der meistverkauften Alben in Deutschland deutschsprachig. Das ist noch mehr als zu den Besten Zeiten der Neuen Deutschen Welle.

Einzig und allein der Schlager entwickelte sich zunächst nicht weiter. Doch durch Sängerinnen wie Andrea Berg und Helene Fischer entstand aus Schlager etwas Neues: Ein Grund für den Erfolg des Schlagers war zum einen der Hype der deutschsprachigen Musik, der sich auch auf die Schlagerszene ausübte. Deutsche Musik wurde angesehener und mit ihr wuchs auch die Fangemeinschaft.

Doch wie schaffte es die von der Mehrheit der jungen Menschen ignorierte Musik den Sprung zum Mainstream? Der Siegeszug wächst und an ihrer Spitze steht im Moment Helene Fischer.

Die noch 29-Jährige –in der ehemaligen Sowjetunion Geborene, schafft es gleichermaßen Schlagersängerin und Entertainerin zu sein. Fans schätzen ihre Bühnenpräsenz, ihre unterhaltsame Show, bei der auch das Publikum eingebunden wird. Ihre Methode ist es moderne Pop- und Elekto-Elemente mit ihren eingängigen Schlagertexten zu mischen. Das Ergebnis ist ihr Erfolg. Ihr Album „Farbenspiel“, das am 4. Oktober 2013 erschien, erreichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz Platz Eins.

Die Entwicklung, die in den 80er Jahren begonnen hat, zeigt immer wieder neue Ergebnisse: Es gibt zwar keine „Neue Deutsche Welle 2.0“, aber es sind die leicht verständlichen Texte mit einfachen Beats, die bei der breiten Masse der Bevölkerung ins Ohr gehen und nun auch immer mehr junge Menschen dazu bringt ihre Körper zum typisch deutschen 4/4-Takt zu bewegen.

Nachdem die Face2Face-Redaktion nun mit Helene Fischer „atemlos durch die Nacht“ ging und mit Udo Jürgens „griechischen Wein“ getrunken hat, liegen wir abschließend mit Jürgen Drews in unserem „Bett im Kornfeld“ und denken uns mit unserem Freund Roy Black: „Schön ist es auf der Welt zu sein“.

Vorschau: Am 08. März lest hier mehr über das Thema: „Mainstream-Musik ohne Message?“

BeSINGLEiche Festtage: Diskriminierung von Singles in der Weihnachtszeit

Als Single seinen Mann oder seine Frau zu stehen, ist an jedem Tag im Jahr eine echte Herausforderung. Da können die Leute mir erzählen, was sie wollen. „Jetzt brauchst du noch Niemanden an deiner Seite, du bist doch jung, genieße einfach deine Freiheit, wenn du dich auf andere Dinge konzentrierst, wird er schon ganz von alleine kommen!“, sind nicht nur inflationär angebrachte Binsenweisheiten, sondern leiten auch Argumentationsstränge ein, die ich unter normalen Umständen erstmal wirklich nicht aushebeln kann. Schließlich sieht man sich im als „beste Zeit seines ganzen Lebens“ deklarierten studentischen Alltag tatsächlich allerhand aufregenden Einflüssen ausgesetzt – eine Geburtstagssause hier, ein Kneipenabend da. Theoretisch bieten solcherlei Veranstaltungen natürlich Gelegenheit genug, um immer neue Bekanntschaften zu machen, wenn nicht gar vom Fleck weg mit ihnen anzubandeln, nur damit man sie kurze Zeit später wieder fallen und die Spiele von Neuem beginnen lassen kann.

Von dieser Warte aus gesehen ist das Single-Dasein also sicher ein Prächtiges, wie wahr. Pünktlich zu Beginn der Vorweihnachtszeit soll sich das allerdings ändern. Zu jeder Weihnachtsfeier erscheinen die vormals Freiheit proklamierenden Freunde urplötzlich nur noch paarweise. Eine solche Härteprobe überstehen Alleinstehende nur mit einer geballten Portion Zynismus, mindestens einer Zweier-Portion vom Buffet und einigen, die mitleidigen Blicke abwehrenden menschlichen Schutzschilden – geteiltes Leid ist eben manchmal eben doch halbes Leid – am Katzentisch. Mit dem Glühwein-Ausschrank auf dem Weihnachtsmarkt wird die für Single-Frauen und -Männer besonders ungemütliche Jahreszeit eingeläutet.

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Stille Nacht, eilige Nacht: Unterm Weihnachtsbaum rotten sich auf einmal alle paarweise zusammen (Foto: Perlowa)

Jene Wochen der vorgeblichen Besinnlichkeit treiben Ungebundene nun nicht mehr in das nächstgelegene fremde Bett, in dem es nach Abenteuer und muffigen Laken riecht, sondern geradewegs in eine Spirale der Sinnlosigkeit. Schuld daran geben wir wie immer den anderen: Die in der Regel ohnehin immer die armen Singles diskriminierende Werbeindustrie, die kompromittierenden Familienfeste – „Kind, wann heiratest du denn endlich?“ – das Umfeld, das uns in den Ohren damit liegt, dass es noch immer auf der Jagd nach dem perfekten Geschenk für ihre Partnerinnen und Partner sei. Oder sind in Wahrheit wir es, die sich Heiligabend nur zum Anlass für ein weiteres Klagelied nehmen? Ist es nicht vielleicht gar Teil unseres Überlebenstrainings, dass wir stillschweigend unser selbstbeschertes Päckchen tragen, getreu dem Motto „Stille Nacht, heilige Nacht?“

Alles, was ich weiß, ist, dass es im vergangenen Jahr anders, nicht aber unbedingt einfacher war. Ich hatte erstmals zu dieser Zeit einen Freund und mit ihm eine zweite Familie, die zum heiligen Fest ihrerseits natürlich ebenfalls nach kleinen materiellen Aufmerksamkeiten verlangte. Und so schön es auch war, sich über die Weihnachtstage nicht allein, sondern gemeinsam die Bäuche vollzuschlagen, Geschenkpapier aufzureißen und der lieben Verwandtschaft mehr oder weniger aus dem Herzen kommende gute Wünsche auszurichten: Geändert hat das an meiner generellen Abneigung gegenüber der kommerzialisierten, artifiziellen Nächstenliebe leider wenig. Noch immer wollte ich mich pünktlich zum 24. Dezember in den grünen Grinch verwandeln und dem Christmas-Kitsch ein Ende bereiten.

Dass ich nur wenig später auch meiner Beziehung ein Ende bereiten würde, war dato zwar noch nicht absehbar, aber für den dreitägigen Ausnahmezustand zum Jahresende im Grunde auch völlig irrelevant. Ich hatte es gehabt, dieses vermeintlich erstrebenswerte Weihnachtsfest mit Partner an meiner Seite und statt mich von der Diskriminierung endlich ausgenommen und somit über alle Maßen „oh so fröhlich und oh so selig“ zu fühlen, war ich genauso genervt von den überkandidelten Veranstaltungen wie an allen anderen Geburtstagen Christi auch.

Offenbar ist es also Tatsache, dass sich der Winter mit Wärme im Herzen zwar deutlich weniger kalt, Weihnachten dabei aber nicht minder anstrengend anfühlt. Single zu sein bleibt für Singles alle vier Jahreszeiten hindurch eine nervenaufreibende, aber zuweilen auch aufregende Zeit, die von Lametta und Christbaumkugeln weder verschlimmert noch beschönigt werden kann.

Ich glaube, Single zu sein, das ist, was es eben ist – für so manchen Vermählten eine nostalgische Erinnerung an feucht-fröhliche Feten und sorglose Unabhängigkeit und für das ein oder andere einsame Herz ein Grund, sich nach besseren Tagen, nach Zugehörigkeit zu sehnen. Über die Weihnachtszeit ist letztere ohnehin schon zwangsläufig gewährleistet, schließlich bleibt Familie in dieser Hinsicht ebenfalls etwas, das man nicht ändern, aber auch nicht verleugnen kann. Die Bedeutung des Festes der Liebe liegt somit nicht in der (romantischen) Liebe selbst. Sie liegt hier, in deftigem Essen, einem „Kevin allein Zuhaus“-Marathon vor dem Fernseher und der extended Version von Whams „Last Christmas“ bei Kerzenlicht.

 Vorschau: In der nächsten Wochen begrüßen wir mit Kolumnist Sascha zwar das neue Jahr, verabschieden uns jedoch vom Betriebssystem Windows XP. Und auch für mich heißt es Abschied nehmen: Liebe Kolumnen-LeserInnen, es war schön mit euch!

Weihnachtsspecial Teil 2 – SIE beschenkt IHN: Schöne Bescherung für den modischen Mann

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – spätestens jetzt gibt es vor dem heiligen Fest kein Entkommen mehr. Zwölf Tage bleiben uns noch, um uns neben dem alltäglichen Wahnsinn nun zusätzlich mit der ominipräsenten Frage nach DEM richtigen Weihnachtsgeschenk auseinanderzusetzen.

Unter besonderem Druck dürften wohl dieser Tage die Liebenden stehen. Denn wann, von Geburts-, Valentins- und Jahrestag mal abgesehen, könnte man seinem Gegenüber besser zeigen, was man empfindet, als unterm Christbaum?

Nachdem sich die Herren der Schöpfung vergangene Woche  bereits inspirieren lassen durften, sind heute die Damen an der Reihe. Face2Face hat auf einige Weihnachtseinkaufslisten linsen dürfen und präsentiert euch daraus nun die modische Crème de la Crème, mithilfe derer sich auch kurzentschlossene Shoppingqueens noch fürs Fest der Liebe wappnen und den Beschenkten ganz bestimmt ein frohes Fest bereiten können:

Beginnen wir mit der 24-jährigen Sonderschullehramts-Studentin Lisa aus Mainz, die beschlossen hat, sich in diesem Jahr auf Vergangenes zu berufen. Letztes Weihnachten nämlich gab es für ihren Freund eine Lomo-Kamera, die jetzt, so findet sie, endlich eine adäquate Kameratasche verdient. Generell scheinen Accessoires wie Taschen und Hüllen für unsere Elektronik in diesem Jahr schwer angesagt zu sein. Das gilt bei weitem nicht nur für Handys, für die es heutzutage bekanntlich allerhand glitzernden und funkelnden Schnickschnack gibt, der allerdings nur in den seltensten Fällen über einen ästhetischen Zweck hinaus auch einen praktischen Nutzen erfüllt. Das ist – und das wird vor allem einen Tollpatsch freuen – bei Hüllen, Tasche oder anderen Schutzvorrichtungen anders, da diese in erster Linie dazu dienen sollen, unsere technischen Alltagshelden selbst bei Schmutz und Extremsportarten am Leben zu erhalten. Außerdem sind sie in rauhem Leder und gedeckten Farben in Männerhänden liegend natürlich auch absolut hübsch anzusehen.

Zusätzlich entschied sich Lisa, ebenso wie auch die 21 Jahre alte Lehrämtlerin Melanie aus Kassel, dafür, ihrem Herzbuben an kalten Tagen Wärme zu spenden, selbst wenn sie einmal nicht bei ihm sein kann. Die Geschenkidee mag leicht abgedroschen klingen, ist aber modisch gesehen gerade in dieser Saison ein absolutes Must-Have: Der Winterschal: In Grobstrickfassung, ob nun in Handarbeit gefertigt oder mit Bedacht im Lieblingsladen ausgewählt, taugt er als ständiger Begleiter fast so sehr wie die Freundin selbst. Das favorisierte Modell ist und bleibt dabei der Tube-, auch Loopscarf oder zu Deutsch Schlauchschal genannt, der sich an Männlein wie Weiblein locker umgelegt hervorragend trägt. Farblich sollten der Experimentierfreude keine Grenzen gesetzt werden, sofern man dabei stets die Farbe von Winterjacke oder -Mantel seines Partners im Blick behält, damit sich diese nicht mit dem kuscheligen Accessoire beißt, aber dabei dennoch unter Umständen farblich einen Akzent setzt.

Herzblatt

Was mit Herz: Für unser Herzblatt soll es alle Jahre wieder zum Weihnachtsfest etwas Besonderes sein. (Foto: T.Gartner)

Bei der angehenden Humanmedizinerin Anna Maria aus Kiel hingegen darf es etwas ausgefallenes sein, das ebenso besonders ist wie ihr Freund selbst. Als bekennender VW-Fahrer fehlt ihm, so die 23-jährige, der zu seinem Cabrio passende Schlüsselanhänger. Einen solchen hat sie für ihn aufgetrieben und will ihn damit ein Statement setzen lassen. Vielleicht bringt uns das ja auf die Idee, unsere Accessoire-Liste noch um eine hübsche Idee zu ergänzen. Allerdings macht auch gerade sie uns bewusst, dass Individualität bei der Geschenkauswahl ein nicht ganz unwichtiges Kriterium darstellt. In Wahrheit ist es sogar höchst bedeutsam, schließlich sagt das Geschenkte nicht nur eine Menge über die Frau als Schenkerin selbst, sondern im Idealfall ebenso viel über den Bescherten aus. Schließlich soll ja gerade letzterem eine Freude gemacht werden.

Also ist im Vorfeld höchste Aufmerksamkeit gefragt – und womöglich das ein oder andere spitzfindige Nachhaken.
Wovon spricht er immer wieder, beklagt er sich über etwas, das in letzter Zeit immer wieder fehlt oder womöglich gerade kaputt gegangen ist? Melanie formulierte es ganz richtig: „Mein Freund ist manchmal einfach zu geizig, um sich selbst eine Freude zu machen.“ Diese „Schwäche“ sollte die Frau an Weihnachten für sich nutzen.

Nicht viel falsch machen kann man darüber hinaus mit Düften, wie etwa Jean Paul Gaultiers Klassiker „Le Male“ und modischen Fanartikeln wie zum Beispiel Band-Shirt, genau wie Melanie es für ihren Freund eingekauft hat, sofern der Musikgeschmack des Mannes nicht gerade Gruppen mit absonderlichen Namen und Motiven vorsieht.

Abschließend lässt sich wohl feststellen, dass das Erfolgsrezept für ein perfektes Weihnachtsgeschenk offensichtlich noch nicht erfunden wurde. Vermutlich ist das aber auch ganz gut so, denn sonst gäbe es wohl erstens nicht alle Jahre wieder Weihnachtsspecials wie diese und zweitens würden alle Frauen ihren Männern die Glossybox for men oder ein Paar Unterhosen schenken – es lässt sich schnell erahnen, was von beidem dem Herrn wohl häufiger untergekommen sein dürfte – und vor allem wäre das Fest der Liebe oder vielmehr dessen Sinn schlichtweg verfehlt. Schließlich sollte trotz Konsumrausch und dem leider immer wieder zum Schenken verpflichtenden Zugzwang immer noch die Verbindung zwischen zwei Menschen im Vordergrund stehen. Oder, wie BWL-erin Hanna es so schön ausdrückte: „In diesem Jahr bekommt mein Freund En Kuss und en diggen Abbel!“

Vorschau: Alles, was es über die Sendung „Fashion Hero“ zu wissen gibt, erfahren wir von Moderedakteurin Clarissa in der nächsten Woche.

Das Prinzip Öffnung – wie viel Freiheit erträgt die Liebe?

„Ich will frei sein / frei wie ein Stern,der Himmel steht“, tönen die Goldkehlchen von Xavier Naidoo und „Glashaus“-Leadsängerin Cassandra Steen in ihrer Selbstverständlichkeit. Fast so, als wäre diese sogenannte Freiheit das erklärte und sogleich höchste Ziel eines jeden Menschen. Beinahe, als gäbe es nichts erstrebenswerteres als das. Ich frage mich ernsthaft, wie die beiden sich das in der Praxis wohl vorstellen.

Schließlich ist das mit der absoluten Freiheit ein ziemlich zweischneidiges Schwert. Einerseits wünscht sie sich jeder in gewisser Weise – sonst würde es vermutlich weit weniger junge Leute auf Reisen ins Ausland verschlagen und der besagte Song wäre wohl kaum mit derart goßer Begeisterung rezipiert worden – andererseits jedoch geht mit der Idee, sich selbst und andere von sich frei zu machen auch immer ein gigantischer Kompromiss einher. Ich denke da an niemand geringeren als meinen letzten Mehr-oder-minder-Freund zurück, als dieser mir den Vorschlag unterbreitete, unsere Hin-und-wieder-Beziehung auf eine ganz neue Ebene zu bringen und damit offener zu gestalten.

Schätzungsweise versprach er sich von dieser äußerst zeitgemäßen Alternative vor allem Eines: Freiheit. Damit ist jedoch keineswegs bloß die offensichtliche Freiheit, namentlich die Polygamie, gemeint. Hinter dem „Prinzip Öffnung“ steckt nämlich noch weit mehr als das. Zunächst einmal untersagt es mir, all die Dinge zu tun, zu sagen oder auch nur zu denken, die typischerweise einer Beziehung zugeschrieben werden. So hatte ich mir jedes Mal auf die Zunge zu beißen, wenn ich ihn in vollgekleckerten Jogginghosen in der Universität traf. Das Prinzip Öffnung entmündigte mich insoweit, als dass es mir die Rechtsgrundlage für Kritik entzog – schließlich sind nur feste Freundinnen befugt, für ihr Gegenüber die Style-Polizei zu spielen und bei Regelverstoß Sanktionen anzudrohen („Ich lasse mich mit dir nirgendwo mehr blicken, wenn du weiterhin außerhalb deiner Wohnzimmercouch keine vernünftigen Hosen trägst! Ach ja, und Sex bekommst du dann auch keinen mehr.“)

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Propagiert die uneingeschränkte Freiheit: Der deutsche R’n’B-Sänger Xavier Naidoo (Foto: Laljak)

Formulieren wir meinen persönlichen Präzedenzfall allerdings einmal nicht ex negativo, so haben wir es eigentlich doch mit einem richtigen Glückspilz zu tun. Hier hat sich jemand das Prinzip Öffnung beispielhaft zunutze machen können, sich eine rechtsfreie Zone geschaffen, in der ihm mehr als nur Beinfreiheit zusteht. Er kann sich melden, sooft oder so selten es ihm beliebt, schließlich darf niemand am anderen Ende der Leitung sitzen und über seine telefonischen An-und Abmeldungen Strichliste führen. Es erfordert seinerseits keiner besonderen „Investitionen“, im finanziellen wie im ideellen Sinn. Beinahe ist es so, als hätte das Prinzip Öffnung jede noch so kleine aufmerksame Geste, jeden widerwilligen Theaterbesuch und jedes Kaffeekränzchen mit versteinertem Lächeln und den angereisten Schwiegereltern einfach aus dem Programm verbannt.

Nun, wo man sämtliche vermeintliche Störfaktoren ausgemerzt hat, sollte doch als Essenz des selbst geschaffenen Weder-Fisch-noch-Fleisch-Verhältnisses pure Glückseligkeit übrig geblieben sein? Dem Namen nach haben wir es so immerhin mit keinem widerspenstigen Fisch zu tun, der uns, seinem glitschigen Naturell entsprechend, aus den Händen entflutscht. Allerdings hält das Prinzip Öffnung leider ebenso wenig Fleisch bereit, an dessen Substanz wir uns in guten wie in schlechten Tagen festhalten können, mag es manchmal auch von etwas zäher und knorpeliger Konsistenz sein.

So bleibt das Gefühl zurück, Xavier wie auch Cassandra könnten mir und dem Produkt meiner erprobten Freiheit unter Umständen die Kehrseite der Medaille vorenthalten haben – ich fühle mich um eine Beziehung betrogen. Doch vor allem haben sie mir mit ihrem musikalischen Populismus die Freiheit genommen, mich von vorneherein gegen das Prinzip Öffnung zu entscheiden. In dem Wissen, dass ich kein Vegetarier bin, möchte ich mir nämlich doch ganz gern die Optionen, mal Fisch und mal Fleisch sein zu dürfen, fürs Erste offenhalten.

Vorschau: Pünktlich zum Winteranfang lesen wir nächste Woche an dieser Stelle Saschas Hasstirade auf Schnee und Eis.

e-Wiedersehen

Die Revolution der Kontaktanzeigen: Das Internet macht es möglich (Juergen Jotzo/ pixelio.de).

Die Revolution der Kontaktanzeigen: Das Internet macht es möglich (Juergen Jotzo/ pixelio.de).

GLOSSE: Die große Liebe: gesucht, gesehen, gepostet, gefunden. Spotted macht es möglich (Anm. d. Red.: Bei Spotted handelt es sich um Facebook-Fan-Seiten auf denen man Anonym seine Kontaktanzeigen veröffentlichen lassen kann.). Gestern noch schüchtern hinter vorgehaltener Hand angeschmachtet. Heute führt das Internet zusammen, was zusammengehört. Liebe erfordert Mut. Mut zur Lücke und zu diversen Spotted-Gruppen auf Facebook.

Das Konzept ist alt wie das Rezept von Bier, wurde jahrelang erfolgreich in „Wiedersehens“-Rubriken in Tageszeitungen praktiziert und seit geraumer Zeit im Internet wieder unter dem Titel „Spotted“ aufgegriffen.

Du siehst jemand, spielst aber lieber den Angsthasen, anstatt etwas zu wagen und verpasst den Moment deines Lebens? Sei kein Waschlappen! Für was gibt es Facebook? Hier wo jeder jeden trifft, kannst du verschwitzte Chancen wieder ausbügeln. Und das ganz anonym. Ganz sicher wird es der auserwählten Person genauso gehen. Ganz sicher schaut diese Person genau zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Seite. Denn diese Person war ja zuvor schon zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Schicksal würden jetzt viele sagen, oder: Gelegenheit macht Liebe und hält ein Leben lang.

Aber der Teufel ist nun mal ein Eichhörnchen und was, wenn das gesuchte Nugget sich wirklich finden lässt. Man chattet, telefoniert, ruft sich immer wieder diese eine Begegnung in den Kopf: auf der anderen Seite der Hauptstraße durch den Regen zur S-Bahn keuchend. Es folgt, was folgen muss: das erste Date. Schmetterlinge im Bauch, Hummeln im Hintern und der eine Augenblick, der das ganze bisherige Leben bis auf die Grundfesten verändern wird. Dann der ernüchternde Moment der Wahrheit, denn der Schatz glitzert und glänzt doch nicht so, wie in der Erinnerung. Die Vorfreude war das Vergnügen nicht wert.

Schade, aber der eroberte Lerneffekt ist unbezahlbar. Beim nächsten Mal wird der Waschlappen wieder zum Draufgänger und macht es auf die gute alte Art, die unsere Großväter zu Gentlemen und unsere Großmütter zu Ladies machte. Denn das „Hallo, ich würde dich gerne kennenlernen“ live und in Farbe ist wieder in.

Vorschau: Hier erscheint als nächstes ein Artikel über das System hinter der Namensgebung bei IKEA-Produkten.

 

Das Phänomen Tussi – wer sie ist, woher sie kommt und wo sie eigentlich hin will

Tussis begegnen uns im Alltag regelmäßig. Ob in der Fußgängerzone, der Straßenbahn oder abends auf der Piste – letztes ist ihr bevorzugtes Territorium – sind sie aus dem Stadtbild praktisch gar nicht wegzudenken.

Da sie das genaue Gegenteil von Tarnung betreiben, lassen sie sich auch nur unschwer an den immergleichen Merkmalen erkennen: Mehrschichtig aufgetragene Foundation, schwarz getuschte oder, in fortgeschrittenem Tussi-Stadium, lange, mit Klebstoff befestigte, künstliche Wimpern zu glitzerndem Lidschatten im Smokey-Eyes-Look und feuerroten Lippen. Dank der Reizüberflutung für das menschliche Auge kaum noch wahrnehmbar sind die Maske aus Puder und die knallpink gerougten Wangen. Ein Hingucker sind außerdem die Brauen, die zumeist hauchdünn gezupft oder wahlweise abrasiert und mit Augenbrauenstift nachgezogen wurden. Die Nageldesign-Variationen reichen zudem von schrillen Farbtönen über Drachenmotive und Tribal-Verzierungen bis hin zu dramatischen Überlängen der French-Tips.

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Manche mögen’s opulenter: Tussis tragen Perlen, Strass und Diamanten im Überfluss (Foto: T.Gartner)

Doch auch in Sachen Haarstyling und Outfit lassen sich die Tussis gestern wie heute nichts anbrennen. Sie haben es gern ausgefallen, um aufzufallen und darüber hinaus eine klare Zugehörigkeit auszudrücken. Protzige Sneakers – man erinnere sich an das Aufkommen (und das ebenso schnelle wieder Versumpfen) der von Rapperin Missy Elliot designten „Respect M.E.“-Kollektion – sind schließlich nicht einfach protzige Sneakers. Sie sind auch immer ein Fashion-Statement und zugleich eine Solidarisierung mit dem Hiphop und den legeren Streetwear-Styles.

Weitaus lieber als auf leisen Sohlen sind Tussis allerdings auf hohen Hacken unterwegs. Je schwindelnder die Absatzhöhe, desto glänzender der Auftritt. Sie gewinnen damit nicht nur die Anerkennung ihrer Mitmenschen („Wow, wie kann sie auf diesen High Heels bloß laufen, ohne sich beide Beine zu brechen?“), sondern nehmen auch eine unnachahmlich imposante Körperhaltung an. Niemand würde so auch nur auf die Idee kommen, sich einer über den Asphalt staksenden Tussi in den Weg zu stellen. Ja, man muss wahrlich zugeben: Die Optik einer Tussi ist bisweilen angsteinflößend.

Der Grat zwischen Ästhetik und Alptraum scheint damit folglich ein schmaler zu sein und ist, wie so oft, höchst subjektiv. Die Tussi hält ihr Erscheinungsbild, auch wenn man bei einem Blick in ihr Kosmetiktäschchen eher auf Manhattan und Essence stößt als auf MAC und Estée Lauder, für die ausgekochte Perfektion. Diese scheinbar durch nichts in der Welt trübbare Selbstsicherheit macht eine Tussi aus – eine Eigenschaft, die sie glatt bewundernswert macht.

Doch wenn die Fassade aus Make-Up einmal gebrökelt ist und sich der Nebel des großzügig aufgetragenen Parfums erst verzogen hat, kommt das Mädchen zum Vorschein, das die Tussi durch aufwendige, oft lange Vorbereitung bedürfende Beauty-Prozeduren zu verbergen sucht. Und das ist im Wesentlichen komplexbehaftet und ganz und gar nicht selbstüberzeugt.

Es eifert aufkeimenden Trends nach, ohne mit den strassbesetzten Fake Eye Lashes zu zucken. Sie investiert in kostspielige Modelabels, sofern sie es sich leisten kann – nur wenige der oben charakterisierten Tussis haben streng genommen eine ernstzunehmende Karriere hingelegt und müssen daher auf Textilien gängiger Billighersteller zurückgreifen – und schwimmt so, bei allem zwanghaften Streben nach Individualität, doch vollständig mit dem Strom. Ihr Heischen nach Aufmerksamkeit kommt einem Schrei nach Liebe gleich, weil es ihr in erster Linie massiv an Selbstliebe mangelt.

Eine Tussi fordert durch ihr aggressives Auftreten Achtung vor ihrer Person ein, was sie jedoch hinterrücks umso mehr zum Objekt von Hohn und Spott werden lässt. Das besagte kleine Mädchen sehnt sich heimlich nach einer Umarmung. Nach einem Menschen, der ihr ungeschminktes Ich annimmt, vor dem sie Natürlichkeit nicht erst aus Cremetiegeln auftragen muss.

Vorschau: In der nächsten Woche begleiten wir Mode-Redakteurin Olivia auf die Pariser Fashion Week.

Last man sceptic – Noch irgendwelche Zweifel?

Vor einigen Jahren hatte ich einen Freund.

Nein, was jetzt folgt, ist keine pathosüberladene, herzzerreißende Trennungserfahrung aus meinen jungen Jahren – das hier ist lediglich der erste Anreiz für einen Skeptiker, um seinen Job zu erfüllen, das heißt, um eventuelle Zweifel anzubringen. Wer weiß, womöglich habe ich diesen Freund ja bloß erfunden, damit er als Einleitung in das Thema dieser Woche herhalten kann?

Ja, sie sind manchmal schon unfassbar nervtötend, diese ewig Zweifelnden: Wie sie nicht einmal banalste Fakten als gegeben hinnehmen, sondern alles, wirklich alles bis ins Detail dargelegt und verifiziert haben müssen. Eingefleischte Anhänger des Skeptizismus würden an dieser Stelle fotografische Beweise einfordern, die die Existenz dieser Jugendliebe belegen. Sie ließen nicht locker, ehe ich in der Mottenkiste nach alten Erinnerungsstücken gekramt oder gar eine Kontaktadresse von diesem Ex-Lebensabschnittsgefährten – weiß Gott, was der Kerl heutzutage eigentlich macht –aufgetrieben hätte. Ich wäre so lange mit der Suche nach Beziehungsrelikten beschäftigt, dass diese Kolumne wahrscheinlich gar nicht erst fertig geworden wäre.

Affenfamilie

Wie im Affenhaus: Skeptikern ist das wilde Durcheinander vertrauter als das familiäre Miteinander.( Foto: T.Gartner)

Da ich mir von meiner Leserschaft allerdings etwas mehr Vertrauen erhoffe, erlaube ich mir an dieser Stelle, wieder dort anzusetzen, wo meine Geschichte ursprünglich ihren Ursprung nehmen sollte: Bei meinem damaligen Freund aus der Schulzeit. Wann immer ich das Vergnügen hatte, ihn Zuhause zu besuchen, kam ich nicht umhin, mindestens eine Mahlzeit am langen Esszimmertisch mitsamt allen Mitgliedern der sechsköpfigen Großfamilie einzunehmen. Wann immer ich mir zwischen Kauen und Schlucken die Zeit nahm, um mich intensiver in der Runde umzusehen, überkamen mich befremdliche Gefühle. Mit diesen Gefühlen von Unbehagen und – ich kann es nicht anders sagen: Skepsis – gingen häufig Fragen einher, die in meinem Kopf Autoscooter fuhren. Ist diese Familienidylle nur gespielt? Sind seine Eltern wirklich so verliebt und glücklich miteinander, wie sie sich zeigen, während sie ihm die Butter reicht? Wann bricht denn endlich der große Streit zwischen seinen Geschwistern aus?

Noch während ich mich dabei ertappte, wie ich Beziehungsstrukturen in Frage stelle, die mich zweifelsohne eigentlich überhaupt nichts angehen und somit nicht einmal gedanklich tangieren sollten, fühlt sich ein Teil von mir direkt wie der Menschenfeind schlechthin. Schließlich ist es nicht nur skeptisch, sondern vor allem auch absolut zynisch von mir, in einem so harmlosen Moment wie diesem einen vermeintlich schönen Schein entlarvt sehen zu wollen. Käsestulle und Pfefferminztee entlocken dem Vater ja auch nicht auf der Stelle den herrischen Haustyrann mit Alkoholproblem, der Mutter die Langzeitaffäre mit dem Dorfpfarrer und den Kindern die hörigen Lemminge, die sie unter Umständen ja sein könnten. Oder, und das wäre für jemanden, der Skepsis längst zu seiner Paradedisziplin erklärt hat, schier undenkbar: Es handelt sich bei dieser Tischrunde schlicht und ergreifend um eine heile Familie. Sie mag ihre Probleme haben, was nur allzu menschlich wäre, aber ist dabei im Großen und Ganzen dennoch zufrieden in ihrer aktuellen, zwischenmenschlichen Konstellation.

Ich vermute, die ewige Skepsis in mir ist – nach Sigmund Freud – meiner eigenen Familiensituation geschuldet, denn die war, wie man es heutzutage nicht selten innerhalb der Gesellschaft vernimmt, eine nicht immer ganz einfache.

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Stets wachsam: Der professionelle Skeptiker deckt zwischenmenschliche Problematiken noch vor allen anderen auf. (Foto: C.Gartner)

Kurzum: Geschiedene Eltern führten zu Patchwork führten dazu, dass ich heute annehme, es wäre an jeder Ecke Vorsicht geboten, an der es nach Friede, Freude, Eierkuchen riecht. Hinzu kommt – wie könnte es anders sein – der mediale Einfluss, welcher ganz gewiss dazu beigetragen haben muss, dass meine idealistische Vorstellung von Mutter-Vater-Kind(ern) allmählich getrübt wurde. Sitcoms wären schließlich um einige Lacher ärmer, Spielfilme hätten einige sesselpupsende Kinobesucher und namhafte weltliterarische Werke einige Buchseiten weniger, würde nicht latent Kritik am althergebrachten Familienalltag geübt werden. Allerdings wären die jungen Konsumenten von heute, die schon morgen potentielle Familiengründer sein könnten, ohne jene Unterhaltungsmedien auch weitaus weniger prüfend in ihrem Urteil über eine heile Familie.

Im Falle meines späteren Ex-Freundes kam ich zu einem vernichtenden Urteil, das bei allen Skeptikern jedoch zu jähem Frohlocken führen dürfte: Die Familie hatte Probleme. Der Vater unterjochte seine Sprosse, die Mutter interessierten ihre Haustiere mehr als ihre eigene Ehe, der älteste Bruder entpuppte sich als gehässig und mein Freund leider als kleinlaute Niete. Zumindest hatten sie, nachdem ich der ohnehin recht kurzweiligen Beziehung ein ebenso schnelles Ende setzte, ein Problem – meint, einen scharfen und heimlichen Kritiker – weniger. Ich wollte schlussendlich sowieso weder „Super Nanny“ noch eine weniger prominente Hobby-Sozialarbeiterin sein. Zu einer weniger leidenschaftlichen Zweiflerin hat mich diese Erfahrung aus meiner Jugendzeit jedenfalls nicht gemacht. Eher noch fühlte ich mich seitdem bestätigt darin, dass Skepsis hin und wieder angebracht ist und womöglich sogar einen aufmerksamen Beobachter ausmachen kann. Die kommen doch selbst in den besten Familien vor – oder?

Vorschau: Aus brandaktuellem Anlass hat Kolumnist Sascha in der kommenden Woche die Qual der Wahl – an der Urne.

3 Tage + 4 Bühnen + 50 Künstler = Maifeld Derby

Am vergangenen Wochenende hieß es in großen Teilen Deutschlands “Land unter!“ und auch unser sonst so sonnenverwöhnter Südwesten blieb nicht verschont. Doch das schreckte die Festivalbesucher des nun schon dritten Maifeld Derbys auf dem Mannheimer Maimarktgelände nicht ab. Im Gegenteil – die Gummistiefel und Regencapes wurden ausgepackt und dem Sommer, der sich eher anfühlte wie November, wurde gehörig getrotzt. Wo sonst zukünftige Eigenheimbesitzer in der Fertighaussiedlung schlendern und die Mannheimer Oberschicht Hutgrößen beim Pferderennen vergleicht, wurden für drei Tage wieder die Zelte aufgeschlagen, um auf dem kleinen aber feinen Festival zu feiern und zu tanzen. Dass das Festival mittlerweile jedoch seine Wellen auch außerhalb Mannheims gezogen hat, war deutlich an der ansteigenden Besucherzahl zu merken – somit leider auch an diversen Schlangen an Klo, Essenstand oder an der seit diesem Jahr neuen „Derbydollar“ Ausgabe.

Großer Matsch: Der Regen war unser ständiger Begleiter (Foto: face2face)

Großer Matsch: Der Regen war unser ständiger Begleiter (Foto: face2face)

Der ein oder andere Festivalbesucher war am Freitag vorerst verärgert, denn langes Schlangestehen im strömenden Regen erwartete ihn am Einlass. Umso mehr verzauberte der erste Headliner Daughter aus England die Menge im regenfreien Palastzelt und machte die leicht genervte Stimmung wieder wett. Die Frontsängerin Elena Tonra faszinierte mit ihrer zerbrechlichen, einzigartigen Stimme und ihrer zurückhaltend-charmanten Art. Doch nicht nur fürs Publikum, sondern auch für die Veranstalter war Daughter ein ganz besonderer Fang, denn sie hatten sich die aktuell sehr beliebte Band schon seit dem ersten Maifeld Derby als Act gewünscht. Damit bewiesen die Veranstalter wieder mal ihr musikalisches Gespür, denn mit ihrem melancholischen, geheimnisvollen Folk-Rock trafen Daughter mitten ins Herz und waren ein Highlight des dritten Maifeld Derbys.

Ein weiteres Highlight am Freitag waren CocoRosie. Die schon 2003 gegründete Band zweier Schwestern lieferte nicht nur eine beeindruckende Show für die Ohren sondern auch für die Augen ab. Ihre Musik ist kaum in Worte zu fassen, so vielfältig ist sie. CocoRosie kombinieren klassischen Operngesang und kindlichen Fantasiegesang mit elektronischen Klängen und Hip Hop Beats. Zudem spielen die Schwestern noch Instrumente wie Flöte und Harfe. Für die Hip Hop Beats sorgte auf beeindruckende Weise der Livebeatboxer TEX, eine Hip Hop Tänzerin im Tütü untermalte zwischendurch die Show mit Tanzeinlagen. Die Energie der Band übertrug sich schnell auf das Publikum, das sichtlich angetan war.

Auch am weniger verregneten Samstag versammelte sich eine beachtliche Menge im Palastzelt für den Headliner Efterklang. Die Dänen sind ebenfalls Künstler der interessanten musikalischen Mischung, so fanden sich in ihrem Repertoire poppige, rockige und elektronische Einflüsse, natürlich alles mit Liveband. Da der Skandinavier an für sich sehr stilbewusst ist, war es nicht sehr wunderlich, dass Efterklang auch optisch einiges hermachte – mit Fliege und perfekt sitzendem Sakko präsentierte sich die Band dem Mannheimer Publikum. Obwohl alles zu stimmen schien, sprang die Stimmung nicht vollständig auf die Zuhörer über.

Die Jungs aus Landau: Sizarr (Foto: wobbe)

Die Jungs aus Landau: Sizarr (Foto: wobbe)

Bei der Band Sizarr sprang die Stimmung allerdings schon eher auf das Publikum. Die Landauer Jungs, die zurzeit in Mannheim wohnen, hatten auf dem Maifeld Derby ein Heimspiel und überzeugten die Menschen im Palastzelt durch die Lieder ihres Debutalbums Psycho Boy Happy. Man merkte den Künstlern durch ihre Interaktionen mit dem Publikum an, dass auch sie Spaß an dem Konzert hatten.

Aber auch für Literaturfans gab es verschiedene Angebote: So las zum Beispiel MC Rene aus seinem Buch vor. Der Hip Hop-Star aus den 90ern hatte vor drei Jahren sein gesamtes Hab und Gut verkauft und reist seitdem mit einer Bahncard 100 durch Deutschland. Seine Erfahrung aus diesen Reisen und seiner Arbeit in einem Callcenter beschreibt er in dem Buch Alles auf eine Karte.  MC Rene, der mit bürgerlichem Namen René El Khazraje heißt, ließ es sich natürlich auch nicht nehmen kurz für seine Zuhörer zu rappen, was auf große Zustimmung traf.

Gegen Mitternacht wurde es Zeit für Thees Uhlmann, der schon ein alter Hase im Musikbusiness ist. Hausgemachter, deutschsprachiger Indierock mit intelligenten Texten geht eben immer beim Maifeld Derby und so war die Stimmung auf dem Höhepunkt. Thees Uhlmann, entspannt und ohne Allüren, gab Geschichten aus seinem Alltag zwischen Tour und Spielplatz vom Besten und wirkte so ein bisschen wie der Papa des deutschen Indierocks. Als dann spontan plötzlich Casper für ihr gemeinsames Lied auf der Bühne erschien, war die Menge kaum zu halten. Weil es so schön war blieb Casper noch, er hat ja schließlich auch ein Lied, bei dem Thees Uhlmann mitsingt. Und Bier trinken mit Kumpel Thees geht auch auf der Bühne bestens. Spätestens jetzt war jeder am Tanzen.

Pünktlich zum Sonntag ließ sich auch die Sonne blicken und trocknete die letzten Pfützen aus. Im Palastzelt trat eine zierliche Blondine in Bomberjacke mit der Aufschrift „twisted sister“ auf die Bühne – die von vielen an diesem Wochenende lang erwartete Leslie Clio. Was auf Platte nach Energiebündel klingt, konnte live nicht wirklich überzeugen. Etwas verloren hielt sich die Wahlberlinerin am Mikrofonständer fest und agierte eher verhalten und kaum hörbar mit dem Publikum. Selbst Hits wie „Told you so“ wurden nur mit müdem Applaus belohnt.

Doch nicht nur die Headliner überzeugten. Im Palastzelt sorgen die Österreicher Jungs von Steaming Satellites für Stimmung mit engergiegeladenem Synthie Alternative Rock. Am Sonntag gab es noch eine weitere Überraschung aus Dänemark – When Saints Go Machine. Live funktioniert diese Band sehr gut und bewegt sich zwischen Pop, Rock, Electro und Hip Hop Beats. Auch auf den kleineren Bühnen wie Open Air und dem wunderbaren Parcours d’amour gab es einige Schmuckstücke zu finden wie die exotischen Sea&Air, dem polarisierenden Schlagerboy Dagobert, die träumerischen Immanu El und die rockigen We Were Promised Jetpacks, um nur einige zu nennen.

Den Abschluss am Sonntagabend bildete Sophie Hunger. Die 1983 in Bern geborene Schweizerin spielte mit einer herausragenden Band englische, französische sowie deutsche Lieder. Die Musik war ein Mix aus Klavier, Cello, Schlagzeug, Trompete und E-Gitarre. Die Freude, die die junge Frau beim Musizieren ausstrahlte, sprang schnell auf das Publikum über und alles tanzte und sang mit so gut es ging. Aber auch bei den ruhigen Liedern lauschten die Zuhörer andächtig. Alles in allem war jeder von dieser Frau begeistert. Auch dem männlichen Teil der anwesenden Musikredaktion fiel es schwer, dass Palastzelt ohne Sophie Hunger zu verlassen.

Abschließend lässt sich sagen, dass das Maifeld Derby ein wunderbares Festival für musikbegeisterte Menschen ist, die sich auch gerne auf eher unbekannte Bands einlassen. Viele der anwesenden Bands waren nicht dem Mainstream angehörend. Dies lässt zeitgleich aber auch einen Spielraum zu, bei dem man sehr viel entdecken kann. Bands, wie zum Beispiel Steaming Satellites und Sophie Hunger, gelten zu den absoluten neuen Lieblingen der Musikredaktion von Face2Face. Nächstes Jahr also gerne wieder!

 Vorschau: Nächsten Samstag gibt esfür euch einen Artikel über das legendäre Rock am Ring.