Farbe, Licht und etwas Krieg

Einer meiner Lieblingsfilme ist „10 Dinge, die ich an dir hasse“, eine schön kitschige Shakespeare-Adaption von Der Widerspenstigen Zähmung. Heath Ledger mimte den Bezähmer, der die wilde Kat ausgerechnet mit einem Paintball-Spiel aus der Reserve lockt und auflockern kann. Sie klatschen sich Farbe ins Gesicht und knutschen. Hach. Make love not war.

Farbbälle und Lichterschüsse

Licht und Farbe: Lasertag und Paintball haben jeder seine eigene Besonderheit (©Peter Kästel / pixelio.de)

Licht und Farbe: Lasertag und Paintball haben jeder seine eigene Besonderheit (©Peter Kästel / pixelio.de)

Der Kontrast ist natürlich genial gemacht. Beim Kriegsspiel küssen, Spaß haben, eben mehr spielen, als Krieg. Was wir früher mit Knallplatikpistolen an Fasching gemacht haben, geht jetzt in groß, mit bunten Bällen. Ja, ok, es tut ganz schön weh, wenn jemand so ein Geschoss abbekommt, so ein Druckluftgewehr ist eben doch kein Spielzeug. Über 200 km/h hat so ein Ball beispielsweise in Stuttgart. Schutzkleidung ist Pflicht und unter 18 ist mitspielen oft verboten. Die Grenze zwischen Sport, Spiel und Ernst schwankt hier ganz schön. Spaß und Spiel stehen angeblich auch bei Lasertag im Vordergrund. Wesentlich weniger schmerzhaft ist das Hallenspiel, schon allein, weil mit Licht geschossen wird und nicht mit Farbkugeln. Trotzdem gibt es auch hier Altersbeschränkungen. Auf Lastertag-Deutschland wird das Spiel als Räuber und Gendarm Variante beschrieben. Zwei Gruppen spielen gegeneinander – wie auch bei Paintball. Je nach Spielvariante geht es aber nicht darum, der letzte zu sein, der noch steht, sondern es werden pro Treffer Punkte gesammelt. Anders als bei den bunten Geschossen wird der Spielspaß auch nicht erstmal unterbrochen, wenn ich abgeschossen werde. Nach wenigen Sekunden geht es weiter – voll elektronisch.

Spiel und Spaß?

So lustig einfach wie bei „10 Dinge, die ich an dir hasse“, geht es in einer Paintball-Arena also wahrscheinlich nicht zu. Aber was finden wir überhaupt an diesen Kriegsspielen? Oh Gott, denkt ihr, kommt jetzt das böse, zeternde Muttertier, dass Gewaltspiele verbieten will? Eher nicht. Denn erstens sind diese Waffenspiele ja altersbeschränkt (wie virtuelle Varianten ja auch), und zweitens sind es genau das. Spiele. Kinder spielen, um zu lernen. Meine Tochter imitiert an ihrer Puppenküche, wie ich koche, während der kleine Bruder die Seiten seines Bilderbuches umblättert (ich tue es ihm synchron mit meinem Roman gleich). Und der große zockt am PC, ganz wie Papa. Dass er dabei wieder etwas lernt, logisches Denken, Textverständnis, Medienumgang, kommt noch dazu. Wir spielen Arzt und werden später vielleicht Mediziner, wir bauen Matschbrücken und können später Architekten werden. Und selbst wenn nicht, haben wir spielerisch erfahren, wie wir uns um Wunden kümmern und etwas bauen können. Kein Kind spielt, um Spaß zu haben, es hat Spaß am Lernen und wir Erwachsenen interpretieren es als Spielen.

Die armen Fußballer

Macht's noch Spaß? Wenn aus Spaß Ernst wird, ist das Spiel vorbei (© Hasan-Anac / pixelio.de)

Macht’s noch Spaß? Wenn aus Spaß Ernst wird, ist das Spiel vorbei (© Hasan-Anac / pixelio.de)

Sind Kriegsspiele also Lernspiele für den Krieg? Nur, wenn wir mit bunten Farbkugeln und Lasern aufeinander schießen. Natürlich lernen wir in diesen spielen taktisches Verständnis. Wo wir Deckung suchen können, wie wir uns anschleichen, den nächsten Zug des Gegners voraussehen, miteinander arbeiten, um als Gruppe erfolgreicher zu sein. Wir erwerben soziale und kognitive Kompetenzen. Und wir haben jede Menge Spaß dabei. Unser Alltag wird aus Pause gestellt und in diesen Versionen gelingt das wesentlich besser, als vor einem Bildschirm, wenn wir doch wissen, dass wir nur auf unserem Hintern sitzen. Bei Paintball und Lasertag bewegen wir uns tatsächlich, unser Körpergefühl verändert sich für diese paar Minuten. Adrenalin schießt in unseren Körper, alles arbeitet. Und, ich wiederhole es gerne noch einmal, das macht Spaß. Es gibt Menschen, die Fifa auf der Playstation zocken und solche, die mit Freunden auf dem Bolzplatz stehen. Beide Gruppen haben ihren Spaß und kennen die Vorzüge ihres jeweiligen Spiels. Manche sind an der Konsole besser, andere auf dem Feld, wieder andere können beides. Und dann gibt es noch die armen Schweine, die das als Beruf machen. Immer Trainieren, immer Kicken, immer Treffen müssen. Ein Fußballheld zu sein klingt in diesem Vergleich plötzlich gar nicht mehr so rosig. In der Paintball- oder Lasertag-Arena geht es nicht zu wie auf dem Schlachtfeld. Das ist ein Unterschied von Welten.

Vorschau: In zwei Wochen erzähle ich euch, warum ich auf meine Familie nicht verzichten kann.

Ein Kranz erobert die Welt

Einmalig: der selbstgemachte Adventskranz

Einmalig: der selbstgemachte Adventskranz (Foto: Obermann)

Der Termin steht im Kalender, meine Mutter hat Urlaub, ich habe frei. Unserem alljährlichen Adventskranzbinden steht nichts mehr im Weg. Wenn andere ihre Lichter auf gekauften, universellen Kränzen anzünden, auf runden immergrünen Versionen oder länglichen modernen Varianten die Adventskerzen aufleuchten lassen, greifen wir auf Selbstgemachte zurück. Manch einer greift dafür auch ganz schön in die Tasche. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir damit angefangen haben. Schon als ich noch bei ihr wohnte, machte ich mir einen kleinen eigenen Kranz für mein Zimmer, aus Liebe zu Tannennadelduft und Kerzenschein. Später kam ein Kranz für meinen heutigen Schwiegervater hinzu, heute verharze ich meine Finger für meine kleine Familie.

Wie immer sind wir damit spät dran. Manches Jahr kamen wir erst am ersten Advent zusammen und konnten nach ein paar Stunden das erste Licht anzünden. Die Idee des Adventskranzes stammt aber nicht etwa von einem heidnischen Vorläufer des Weihnachtsbaumes, der die Christianisierung überlebt hätte. Tatsächlich wurde der Adventskranz erst 1839 erfunden, als eine Art Adventkalender – oh Schreck, den muss ich ja auch noch aufhängen – , den ein protestantischer Pastor für arme Kinder gebastelt hatte, die er betreute. Neben kleinen Kerzen für die Tage des Dezembers hatte er dabei auch vier große für die Adventssonntage angebracht. Noch heute gibt es diese Variante des Adventskranzes beispielsweise in der Sankt Michaelis Kirche in Hamburg. Die Version des Kranzes, den meine Mutter und ich basteln – mit Tannengrün – gibt es seit etwa 1860. Der Siegeszug der vier Kerzen in die Wohnzimmer ist dennoch ungebrochen. Aus Deutschland in die ganze Welt.

Inwieweit die beliebten Deutungen der Symbolik stimmen, wenn es doch eigentlich ein Adventskalender war, der den Anfang machte, sei dahingestellt. Mit dem beliebten Lied „Wir  sagen euch an den lieben Advent“ wird aber suggeriert, die vier Kerzen stehen für die zunehmende Helligkeit, die durch die Ankunft Jesu Christi auf Erden entstünde. Ob die Kreisform für die Ewigkeit steht und das Tannengrün das Bestehen des Lebens in der kalten Jahreszeit darstellt, ist noch einmal eine andere Frage. Für mich steht der Adventskranz ganz einfach für Weihnachten. Für ein paar besinnliche Minuten beim Anzünden der Kerzen in einer der hektischsten Zeiten des Jahres, wenn noch Geschenke besorgt und Schnee geschippt werden muss.

Weihnachtlich: Mit dem Adventskranzbasteln beginnt für mich die Weihnachtszeit (Foto: Obermann)

Weihnachtlich: Mit dem Adventskranzbasteln beginnt für mich die Weihnachtszeit (Foto: Obermann)

Methoden, den Adventskranz zu basteln, gibt es viele. Manche kleben die Zweige und Dekorationen mit Heißkleber an einem Stroh- oder Styroporkranz fest. Das finde ich weniger praktisch, denn Kranz und Deko können dann nur einmal benutzt werden. Andere binden den Kranz ganz klassisch mit Schnüren, die oft auch noch bunt sind oder glitzern und so schon Teil der Deko werden. Meiner Meinung nach sieht das Ganze dann verpackt aus und die Zweige wirken eben eingeschnürt. Meine Mutter und ich stecken mit Metallkrampen die Zweige an den Kranz, rundherum, bis er schön voll ist. Mit wenig Schnur wird zu Buschiges zurückgehalten, Dekorationen werden festgesteckt und Untersetzer für die Kerzen.

Doch das Stecken des Adventskranzes ist für mich der Eingang in die Weihnachtszeit. Selbst wenn meine Hände danach vor Harz kleben und ich drei Tage nach Tannennadeln dufte. Schon das Aussuchen der diversen Nadelzweige bei der Baumschule hat etwas Besinnliches. Doch das Zusammenkommen und Arbeiten danach beruhigt. Zweig für Zweig stecken wir fest, atmen die ätherischen Dämpfe ein, reden über dieses und jenes. Oft sitzen wir den halben Tag an den Kränzen – vor allem wenn zwischendurch irgendein Kind irgendwas will – bis wir mit uns zufrieden sind. Auf großen Tellern bekommen die guten Stücke dann Sonderplätze auf den Wohnzimmertischen. Und weit über Weihnachten hinaus steht der Adventskranz bei uns für etwas Grün im Winter, etwas Licht im Dunkeln, etwas Ruhe im Stress, denn so ein selbstgemachter Kranz hält um einiges länger, als ein gekaufte Massenware.

Wer selbst aber nicht dazu kommt und trotzdem gern ein Unikat hätte, sollte nicht verzagen. Nicht nur auf Weihnachtsmärkten gibt es immer wieder einzigartige Kränze, auch das Internet hat mittlerweile gute Quellen für Selbstgemachtes, beispielsweise der Markplatz DaWanda. Ich werden jetzt erst mal meine lila Lieblingsadventskranzdeko aus dem Keller holen, die vier großen Kerzen richten und dann kann es losgehen. In diesem Sinne einen schönen Advent aus der Kolumnenrubrik.

Vorschau: Bei Alexandra lest ihr hier nächste Woche  alles über das Prinzip Öffnung und darüber, wie viel davon im Zwischenmenschlichen gut tut.