Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Die Flüchtlingskrise: Ein Update

KOMMENTAR: Mittlerweile ist es November. Die sogenannte Flüchtlingskrise ist schon lange zum innenpolitischen Problem erhoben worden. Offiziell befindet sich diese Krise jetzt in ihrem zweiten Jahr – völlig ungeachtet der Tatsache, dass auch vor 2015 Einwanderung auf diesem Weg stattfand. Zur Erinnerung: Der Krieg in Syrien dauert bereits fünf Jahre an. Bisher wurde angenommen, dass etwa eine 250.000 Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Allerdings wurde die Zählung der Opfer Mitte 2014 eingestellt, da zuverlässige Daten nicht zugänglich seien, so der UNHCR. Seit 18 Monaten können die Verluste also nicht einmal mehr erhoben werden. Wissenschaftler des Syrischen Zentrums für Politikforschung gehen bereits von einer Dopplung der Zahl aus.

Es haben zwar über den gefährlichen Seeweg mehr als 171.000 Personen von der Türkei aus die Ägäischen Inseln Griechenlands erreicht. Aber mit den Rekordzahlen des Vorjahres hat das nur noch wenig zu tun. Noch in den ersten beiden Monaten des Jahres kamen ganze Flüchtlingsströme auf den Inseln an. Der Strom aber hat sich seit dem Inkrafttreten des Abkommens zwischen der Türkei und der Europäischen Union vom 20. März 2016 verlagert. Nach Griechenland kommen vor allem Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak – knapp die Hälfte sind Syrer.

In Syrien verschlimmert sich die Lage zusehends. So erklärte Stephen O’Brien –UN-Koordinator für humanitäre Hilfe – , vor dem New Yorker UN-Sicherheitsrat, dass dort derzeit 974.080 Menschen in belagerten Städten und Dörfern ausharren. Vor einem halben Jahr sei weniger als die Hälfte betroffen gewesen. Dazu komme noch der Winter. Die Menschen  seien abgeschnitten von Hilfsleistungen. Fassbomben und Chlorgasangriffe kosten nicht nur unzählige Leben, mittlerweile seien auch die letzten verbleibenden Krankenhäuser und zivilen Einrichtungen unter Beschuss genommen. Schuldig sei daran – in der Regel durch Augenzeugen und lautstarke Äußerungen der US-Regierung bekundet – die Syrische Armee samt russischen Verbündeten. Eine Waffenruhe ist nicht in Sicht. Trotzdem sind die Ankunftszahlen seit März massiv abgefallen. Dass die Umsetzung eines politischen Abkommens derart signifikant auf den Flüchtlingsstrom einwirken kann, lässt tief blicken und eröffnet dabei trotzdem Raum für Spekulationen über eine Beteiligung – oder zumindest die Mitwisserschaft – der türkischen Regierung.

Signifikant steigt daraufhin allerdings die Zahl derer, die die Küsten Italiens ansteuern: Knapp 165.000 Personen kamen über das Mittelmeer aus Nigeria, Eritrea und anderen afrikanischen Ländern. Der Ausspruch „Afrika sitzt auf gepackten Koffern“ macht nicht nur die Runde, sondern auch Angst, denn Afrika ist groß und das Boot für viele schon voll.

Farbe, Licht und etwas Krieg

Einer meiner Lieblingsfilme ist „10 Dinge, die ich an dir hasse“, eine schön kitschige Shakespeare-Adaption von Der Widerspenstigen Zähmung. Heath Ledger mimte den Bezähmer, der die wilde Kat ausgerechnet mit einem Paintball-Spiel aus der Reserve lockt und auflockern kann. Sie klatschen sich Farbe ins Gesicht und knutschen. Hach. Make love not war.

Farbbälle und Lichterschüsse

Licht und Farbe: Lasertag und Paintball haben jeder seine eigene Besonderheit (©Peter Kästel / pixelio.de)

Licht und Farbe: Lasertag und Paintball haben jeder seine eigene Besonderheit (©Peter Kästel / pixelio.de)

Der Kontrast ist natürlich genial gemacht. Beim Kriegsspiel küssen, Spaß haben, eben mehr spielen, als Krieg. Was wir früher mit Knallplatikpistolen an Fasching gemacht haben, geht jetzt in groß, mit bunten Bällen. Ja, ok, es tut ganz schön weh, wenn jemand so ein Geschoss abbekommt, so ein Druckluftgewehr ist eben doch kein Spielzeug. Über 200 km/h hat so ein Ball beispielsweise in Stuttgart. Schutzkleidung ist Pflicht und unter 18 ist mitspielen oft verboten. Die Grenze zwischen Sport, Spiel und Ernst schwankt hier ganz schön. Spaß und Spiel stehen angeblich auch bei Lasertag im Vordergrund. Wesentlich weniger schmerzhaft ist das Hallenspiel, schon allein, weil mit Licht geschossen wird und nicht mit Farbkugeln. Trotzdem gibt es auch hier Altersbeschränkungen. Auf Lastertag-Deutschland wird das Spiel als Räuber und Gendarm Variante beschrieben. Zwei Gruppen spielen gegeneinander – wie auch bei Paintball. Je nach Spielvariante geht es aber nicht darum, der letzte zu sein, der noch steht, sondern es werden pro Treffer Punkte gesammelt. Anders als bei den bunten Geschossen wird der Spielspaß auch nicht erstmal unterbrochen, wenn ich abgeschossen werde. Nach wenigen Sekunden geht es weiter – voll elektronisch.

Spiel und Spaß?

So lustig einfach wie bei „10 Dinge, die ich an dir hasse“, geht es in einer Paintball-Arena also wahrscheinlich nicht zu. Aber was finden wir überhaupt an diesen Kriegsspielen? Oh Gott, denkt ihr, kommt jetzt das böse, zeternde Muttertier, dass Gewaltspiele verbieten will? Eher nicht. Denn erstens sind diese Waffenspiele ja altersbeschränkt (wie virtuelle Varianten ja auch), und zweitens sind es genau das. Spiele. Kinder spielen, um zu lernen. Meine Tochter imitiert an ihrer Puppenküche, wie ich koche, während der kleine Bruder die Seiten seines Bilderbuches umblättert (ich tue es ihm synchron mit meinem Roman gleich). Und der große zockt am PC, ganz wie Papa. Dass er dabei wieder etwas lernt, logisches Denken, Textverständnis, Medienumgang, kommt noch dazu. Wir spielen Arzt und werden später vielleicht Mediziner, wir bauen Matschbrücken und können später Architekten werden. Und selbst wenn nicht, haben wir spielerisch erfahren, wie wir uns um Wunden kümmern und etwas bauen können. Kein Kind spielt, um Spaß zu haben, es hat Spaß am Lernen und wir Erwachsenen interpretieren es als Spielen.

Die armen Fußballer

Macht's noch Spaß? Wenn aus Spaß Ernst wird, ist das Spiel vorbei (© Hasan-Anac / pixelio.de)

Macht’s noch Spaß? Wenn aus Spaß Ernst wird, ist das Spiel vorbei (© Hasan-Anac / pixelio.de)

Sind Kriegsspiele also Lernspiele für den Krieg? Nur, wenn wir mit bunten Farbkugeln und Lasern aufeinander schießen. Natürlich lernen wir in diesen spielen taktisches Verständnis. Wo wir Deckung suchen können, wie wir uns anschleichen, den nächsten Zug des Gegners voraussehen, miteinander arbeiten, um als Gruppe erfolgreicher zu sein. Wir erwerben soziale und kognitive Kompetenzen. Und wir haben jede Menge Spaß dabei. Unser Alltag wird aus Pause gestellt und in diesen Versionen gelingt das wesentlich besser, als vor einem Bildschirm, wenn wir doch wissen, dass wir nur auf unserem Hintern sitzen. Bei Paintball und Lasertag bewegen wir uns tatsächlich, unser Körpergefühl verändert sich für diese paar Minuten. Adrenalin schießt in unseren Körper, alles arbeitet. Und, ich wiederhole es gerne noch einmal, das macht Spaß. Es gibt Menschen, die Fifa auf der Playstation zocken und solche, die mit Freunden auf dem Bolzplatz stehen. Beide Gruppen haben ihren Spaß und kennen die Vorzüge ihres jeweiligen Spiels. Manche sind an der Konsole besser, andere auf dem Feld, wieder andere können beides. Und dann gibt es noch die armen Schweine, die das als Beruf machen. Immer Trainieren, immer Kicken, immer Treffen müssen. Ein Fußballheld zu sein klingt in diesem Vergleich plötzlich gar nicht mehr so rosig. In der Paintball- oder Lasertag-Arena geht es nicht zu wie auf dem Schlachtfeld. Das ist ein Unterschied von Welten.

Vorschau: In zwei Wochen erzähle ich euch, warum ich auf meine Familie nicht verzichten kann.

Mein Land – Dein Land

Wilkommen: Mein Deutschland heißt Flüchtlinge willkommen (© IESM / pixelio.de)

Wilkommen: Mein Deutschland heißt Flüchtlinge willkommen (© IESM / pixelio.de)

Manchmal bin ich mir sicher, dass dieses Deutschland in dem ich lebe, ein anderes ist. Ein anderes als das derjenigen, die vor Häusern stehen, in denen Menschen sitzen, die alles verloren haben, Todesangst und sich überall fremd fühlen. Ein anderes als das derjenigen, die sich trotzig wegdrehen, „Meins“ schreien, und meinen ihre vollen Taschen seien so leer, dass sie niemandem etwas abgeben wollen. Dann bin ich sehr traurig. Ich schaue in die Neuigkeiten bei Twitter und Facebook und merke, dass die Menschen, mit denen ich dort vernetzt bin, genauso fassungslos sind wie ich. Ich rede mit meinen Freunden und erkenne dasselbe. Dass da eine Grenze in unseren Köpfen ist, die keinen Halt vor Ländergrenzen macht.

Es gibt immer wieder diese Vergleiche, die aufwecken sollen. Dass mit dem Geld für einen Panzer zehntausende Flüchtlinge versorgt werden könnten, oder Griechenlands Schulden um soundso viel Prozent gemindert werden könnten. Irgendwie ziehen diese Zahlen an uns vorbei. Sie winken mahnend, wie eine alte Tante mit Blümchenhut, den Zeigefinger erhoben, schreien erbarmungslos, wie ein aufmüpfiger Jugendlicher, der die Welt eben ganz anders sieht. Ein Politiker sagt seine stammtischwürdige Meinung und schon wird Deutschland als Zerstörer Europas betitelt. Recht haben sie. Wie sollen wir uns in eine Gemeinschaft einfügen können, wenn wir in uns selbst so unendlich zerstritten sind.

Alles verloren: Kriegsflüchtlinge haben keine Heimat mehr (© Anna-Lena Ramm / pixelio.de)

Alles verloren: Kriegsflüchtlinge haben keine Heimat mehr (© Anna-Lena Ramm / pixelio.de)

Als meine Großmutter zehn war – wenig älter, als mein Sohn heute – hatte sie den Krieg gesehen. Sie war vertrieben worden aus dem Land, in dem sie geboren wurde, dem heutigen Ungarn, und in ein Land geschickt, in dem sie als „Nicht-Reichs-Deutsche“ Flüchtling war. Ihre Mutter, zwei ihrer Geschwister, viele, die sie kannte, waren tot. Eine kleine Schwester lief an ihrer Hand mit. Sie lebten in einem Lager. Unvorstellbar, was sie erlebt hat, ein Trauma, das sie nie verarbeiten konnte. Wenn ich von den Flüchtlingen höre, die vor dem Krieg in Syrien, vor dem IS, vor irgendeiner Art der Verfolgung in unser Land gekommen sind, muss ich an sie denken. Wenn ich höre, dass Flüchtlingsheime und Unterkünfte für Asylsuchende angezündet wurden, bin ich nicht einfach wütend oder traurig, es schmerzt mich richtig.

Ich kann verstehen, dass wir alle Angst haben. Angst vor Veränderung, Angst vor dem Fremden, Angst vor Fehlern, die andere machen. Davor, dass wir unser eigenes Leben nicht mehr so weiterführen können, wie wir wollen oder jetzt können. Aber ich verstehe keine Gewalt gegen Unschuldige, gegen Geflohene, die bereits alles verloren haben, gegen Familien und Kinder, gegen die, die uns die Hand entgegen gestreckt haben und „Hilfe“ gesagt haben.

Mein Land: nicht immer auch dein Land (©AR.Pics / pixelio.de)

Mein Land: nicht immer auch dein Land (©AR.Pics / pixelio.de)

Wenn ich mir Europa vorstelle, dann als Gemeinschaft, als überdimensionale Familie. Verantwortung füreinander heißt nicht, sich hinzustellen und den Finger auszustrecken „Du musst tun, was ich sage. Ich hab dir doch gesagt, so geht das nicht. Du kannst aber auch gar nichts.“ Es heißt, auf den anderen einzugehen und keine Anschuldigungen zu finden, sondern Lösungen, die nicht nur eben schnell für ein Jahr funktionieren, sondern wirklich helfen. Wie viele von uns haben das vergessen? Das ist doch der große Vorteil, dass wir gemeinsam stark sind und nicht einfach nur die Starken wie Schulhoffieslinge alles beherrschen.

Wir sind gut darin, uns schnell Urteile zu machen. Unser Hab und Gut zur Seite zu legen, schützend die Hand darüber zu legen. „Das nimmt mir jetzt keiner mehr weg.“ Wir sehen überall habgierig Hände danach greifen und erkennen zu spät, dass es bittende Hände sind, verzweifelte Hände, dünne, knochige, einsame. Und zuletzt sehen wir, dass unsere Hand genauso aussieht, egal wie groß der Haufen ist. Wenn ich sehe, was dieses fremde Deutschland anrichtet, will ich es schütteln, zur Vernunft bringen, es anschreien, dass es so falsch liegt, wie man nur falsch liegen kann. Dass Flüchtlinge keine Gefahr darstellen, dass Griechenland uns an seiner Seite braucht und nicht als drohenden Zeigefinger über sich. Dass „Zusammen“ immer mehr bringt als „Gegeneinander“. Dass das, was uns unterscheidet nur von uns selbst gemacht wird, nicht von der Natur, nicht von irgendeinem Gott, sondern nur von uns und unserer Vorstellung.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anna über Sinti, Roma und die Vorurteile ihnen gegenüber.

Herz verloren in Bosnien

Nach dem Abitur wollte ich in die weite Welt hinaus. Gelandet bin ich in Bosnien. Rund 1000 Kilometer entfernt von München, in der Stadt Tuzla, deren Name sich vom türkischen Wort Tuz (Salz) ableitet, wovon sich unter der Stadt reichlich verbirgt.

Eine Lehrerin nannte meine Entscheidung damals mutig. Ich stach mit Bosnien auch wirklich aus der Reihe. Work und Travel in Australien stand hoch im Kurs. Vielleicht auch ein Aufenthalt in einem afrikanischen Land. Mit dem Backpack durch Asien. Aber ein Freiwilliges Soziales Jahr in Bosnien? Auf eine solche Idee, war niemand aus meinem Abitur-Jahrgang gekommen. Meiner Lehrerin waren vermutlich sofort die grauenhaften Bilder vom Krieg in den 90-er Jahren durch den Kopf geschossen. Doch dieser war immerhin zu diesem Zeitpunkt (2009) schon 14 Jahre vorbei.

Die Brücke über die Drina - viele alte Brücken sichtet man in Bosnien (Foto: Julian Nitzsche  / pixelio.de)

Die Brücke über die Drina – viele alte Brücken sichtet man in Bosnien (Foto: Julian Nitzsche / pixelio.de)

Meine erste lebhafte Erinnerung an Bosnien ist die Ankunft. Nach einer nicht enden wollenden Busfahrt, kamen wir in den frühen Morgenstunden am Busbahnhof der drittgrößten Stadt Bosniens in Tuzla an. Die Familie, in deren Haus wir im obersten Stockwerk ein Jahr lang wohnen würden, erwartete uns bereits und hievte unser Gepäck in einen VW Golf. Ein Auto, das das bosnische Straßenbild beherrscht. Im Wohnzimmer der Familie wartete Kaffee, frischgebackene Pita und Gemüse aus dem eigenen Garten auf uns. Es duftete verheißungsvoll. Wir waren nervös, müde und gespannt. Die Wärme und Herzlichkeit, die von unseren neuen Nachbarn ausging, erleichterte uns das Eingewöhnen unglaublich. Hier verbrachten wir viele Stunden. Übten uns in unseren ersten bosnischen Sätzen, für welche wir immer großes Lob einkassierten. Wobei unsere bosnischen Sprachkenntnisse ab und an auch lautes Gelächter entfachten, wenn eine von uns einen lustigen Fehler gemacht oder eine für die Region typische Redeweise verwendet hatte. Wie oft bog ich den kleinen Weg zu unserem Haus ein, sah von weiten bereits die Vermieterin oder  eine ihrer Töchter. Und schon war man zum Kaffeetrinken eingeladen. Kaffeetrinken. Das ist in Bosnien eine Zauberformel. Schnell begriffen ich und meine drei Mitbewohnerinnen, die ebenfalls ein FSJ machten, das Kaffeetrinken ein fester Bestandsteil des bosnischen Alltags war.

Kaffee und Rakija:. Ohne Kaffee geht hier gar nichts! (Foto: Mätzke-Hodzic)

Kaffee und Rakija:. Ohne Kaffee geht hier gar nichts! (Foto: Mätzke-Hodzic)

Ich arbeitete ein Jahr lang in einem Tageszentrum für junge Erwachsene mit Behinderungen, genannt Koraci Nade, zu Deutsch, Schritte der Hoffnung. Die Mittagspause war für gewöhnlich erfüllt von den lautstarken Gesprächen meiner durchweg weiblichen Mitarbeiterinnen, die eine Kaffeetasse nach der anderen schlürften. Einmal lehnte ich ab, als mir bereits zum x-ten Mal nachgegossen wurde. Als ich mich rechtfertigte, dass mein kleines Herz so viel Kaffee nicht vertrage, lachten sie – lauthals. Serviert wird der bosnische Kaffee für gewöhnlich in kleinen Tassen. Feingemahlenes Kaffeepulver wird in einem Gefäß (bosnisch dzezva) auf dem Herd kurz erhitzt, bis sich der Kaffeegeruch im ganzen Raum verbreitet, sodann wird kochendes Wasser hinzugegossen und der Kaffee einige Male zum Kochen gebracht, bis oben ein cremig, hellbrauner Schaum entsteht. Ich liebe dieses kleine Kaffeeritual. Heute finde auch ich es total überbewertet, wenn deutsche Freunde entgegnen, dass der Kaffee so stark sei. Mittlerweile trinke ich sogar abends Kaffee. Ganz gewöhnlich in Bosnien. Noch so eine bosnische Eigenheit: Reden. Ein Taxifahrer erklärte mir bei einer Fahrt, dass die Bosnier ein geselliges Völkchen seien und ihnen nie der Gesprächsstoff ausginge. Schweigen sei einfach nicht so ihr Ding. Für meine Arbeitsstelle traf das alle Male zu – es war eine Seltenheit, dass einfach mal Stille herrschte. Und tatsächlich ergaben sich oftmals ganz unerwartete Gespräche und Begegnungen während meines FSJ-Aufenthalts. An der Bushaltestelle. Oder in einer Kneipe. Und ganz plötzlich war man in ein Gespräch verwickelt und hatte nebenher ein paar neue Bekanntschaften gemacht.

Stadtzentrum Tuzla (Foto: Mätzke-Hodzic)

Stadtzentrum Tuzla  – die Stadt mit dem Salz unter der Erde (Foto: Mätzke-Hodzic)

Aber halt stopp. Weshalb genau habe ich mich denn nun in Bosnien verliebt? Des guten Kaffee wegen? Waren die spontanen Begegnungen ausschlaggebend? Eigentlich habe ich das Land erst so wirklich nach meinem Aufenthalt in mein Herz geschlossen. Plötzlich fing ich an mich mit Musik, Filmen und allem was in irgendeiner Weise mit Bosnien zu tun hatte, zu beschäftigen. Aber vielleicht sehnte ich mich da bereits nach dem Land zurück. Und einem besonderen Menschen, den ich dort kennengelernt hatte – meinem jetzigen Mann. Ich hatte mein Herz also sogar in doppelter Weise verloren. Egal wieviel Zeilen mir zur Verfügung stehen – es ist zu wenig um wirklich in Worte zu fassen, was mich an diesem Land begeistert.

Die Stadt Travnik - wo Kirchglocken läuten und der Muezzin zum Gebet aufruft (Foto: Die Brücke über die Drina - viele alte Brücken sichtet man in Bosnien (Foto: Julian Nitzsche  / pixelio.de)

Die Stadt Travnik – osmanisches Erbe wo man hinsieht (Foto: Foto: Julian Nitzsche / pixelio.de)

Komischerweise denke ich, wenn ich über Bosnien spreche, nicht als erstes an Krieg. Auch wenn dieser sichtbare und viele unsichtbare Spuren hinterlassen hat. Mir hat sich jedoch ein Land offenbart, das jenseits von Krieg und Brutalität, existiert. Ein Bild, das man vom diesem Land hier in Deutschland leider nicht vermittelt bekommt. Ich denke an die Landschaft, die von Bergen und türkisblauen Flüssen durchgezogen ist. An die Menschen, die lachen, auch wenn es viel zu beklagen gibt. Ein Land mit den unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen, die von der osmanischen Herrschaft, bis zur Österreichischen Monarchie reichen und sich im Essen, in der Architektur und ja, auch in der Mentalität der Menschen wiederspiegeln. Ein Land in dem sich der Ruf des Muezzins mit dem Läuten der Kirchglocken vermischt. Ein Land in dem alte Frauen, mit bunten Kopftüchern, in ihren Fluchkünsten, der Jugend in nichts nachstehen. Und ich muss meiner Lehrerin in einem Punkt recht geben: Ja, meine Entscheidung war durchaus mutig. Aber ich denke, dass jeder Mensch, der sich in ein fremdes Land begibt und versucht sich auf dieses einzulassen, mutig ist. Ob dies nun in Afrika, Asien oder Europa ist – das spielt keine Rolle.

Soziales Engagement – Können wir die Welt (im Kleinen) verbessern?

Angesichts der unzähligen Kriege und Krisen, die auf der Welt wüten, Flüchtlingen, die vor dessen monströsen und unmenschlichen Ausmaßen flüchten, Armut, die für Familien das Überleben schier unmöglich macht, Kindern, die statt zur Schule zu gehen, harte Arbeiten verrichten, Rassismus und Homophobie, die Menschen weltweit diskriminieren und oftmals aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließen. Die Welt scheint aus einem Meer von Ungerechtigkeiten zu bestehen.

Viele Menschen fliehen vor den Kriegsumständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller  / pixelio.de)

Viele Menschen fliehen vor den Kriegszuständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller / pixelio.de)

Das regelmäßige Verfolgen der Nachrichten könnte einen schier verzweifeln lassen, wenn uns die Berichterstattung mal wieder mit einer neuen Welle an Katastrophen und Kriegen überflutet und den letzten Funken Optimismus erstickt. Den Glaube an die Menschheit völlig verlieren lässt. Manchmal fühle ich mich machtlos. Frage mich, wie ich etwas ändern kann. Was für eine Ironie steckt dahinter, dass ich mir darüber Gedanken mache, WIE ich helfen kann, während im selben Moment, Menschen um ihr Leben bangen.

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger  / pixelio.de)

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Jeder Mensch hat die Wahl sich gegen Ungerechtigkeit unterschiedlicher Art einzusetzen, das Problem an der Wurzel zu packen und die Ursachen zu bekämpfen. Leider gibt es viel zu viele Bereiche, in denen unserer Engagement und unserer Aktivismus tagtäglich gefragt wären. Wieso finden wir uns mit so viel Ungerechtigkeit einfach ab? Argumentieren damit, dass es auch schon früher schlimme Kriege gab. Dass wir eben nicht für alle Probleme der Welt aufkommen können. Wir scheinen oftmals zu unterschätzen, was für eine Macht wir eigentlich besitzen. Denn jeder Einzelne von uns kann etwas verändern. Und schließlich muss irgendwo begonnen und angesetzt werden. Gewiss kann sich jeder für etwas stark machen. Doch ich will nicht unzähligen Menschen Unrecht tun, die tagtäglich für etwas kämpfen. Seien es NGOs (Non-Governmental Organization) die weltweit auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen, Kundgebungen veranstalten oder Nothilfe in Krisengebieten leisten. Aktivisten die Networking mit unzähligen Länder betreiben, sich so über die Lage in diesen austauschen und solidarisieren.

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer "Fremd" ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer „Fremd“ ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Initiativen wie „teachers on the road“ geben Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschunterricht, auch „Save me“, eine deutschlandweite Initiative, begleitet Flüchtlinge bei Behördengängen, veranstaltet Kochabende und andere Aktivitäten, um so Flüchtlingen, deren Aufenthalt in den meisten Fällen sowieso ungewiss ist, dabei zu helfen, sich im Alltag zurecht zu finden und trotz der schwierigen Flüchtlingspolitik, nicht in Lethargie zu verfallen. Wieder andere haben sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben.  Manch einer mag glauben, Rassismus – das sei ein Randphänomen geworden und seit Apartheid und den Aufständen in Amerika längst bekämpft. Aber machen wir uns doch bitte nichts vor! In Amerika, im Bundesstaat North Carolina, sind vor einigen Tagen 3 junge amerikanische Muslime erschossen worden.  Der Täter wird weder als Terrorist bezeichnet, noch scheinen die westlichen Medien dem Geschehen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Alles „nur“ ein Nachbarschaftsstreit um Parkplätze? So berichten es zu mindestens die Medien. Kaum jemand scheint dahinter zu vermuten, dass ein Motiv des Täters vielleicht Islamhass gewesen sein könnte. Seltsam. Gehen wir einige Monate zurück: Im August 2014 wird in Ferguson, Missouri, ein unbewaffneter schwarzer Jugendliche von einem Polizisten erschossen. Das entfachte in Amerika eine Welle von Unruhen und Protesten und hauchte der Rassismus-Debatte in den USA neues Leben ein. Die schwarze Bevölkerung organisierte sich, hielt Plakate mit dem Slogan „Black Lives Matter“ in die Luft. Rassismus ist im 21. Jahrhundert noch weit davon entfernt, abgeschafft worden zu sein. Aber Rassismus ist durchaus kein Problem Amerikas alleine. Wer sich mehr mit dieser Thematik beschäftigen möchte, sollte einen Blick auf den sehr lesenswerten Blog von der  Aktivistin Emine werfen.

Frauen mit Kopftuch haben in Deutschland mit allerhand Vorurteile zu kämpfen. Bekommen trotz exzellenter Abschlüsse Arbeitsstellen auf Grund ihres Kopftuches, das für viele Ausdruck ihrer Religion ist, verwehrt. In Deutschland wird ein Asylant in Dresden tot aufgefunden. Asylantenheime werden fast regelmäßig mit rassistischen Slogans beschmiert.

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein Foto: ( © I(ESM)  / pixelio.de )

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein (Foto:  © (IESM) / pixelio.de )

Wir sollten uns mit Menschen solidarisieren. Gegen solche Diskriminierungen, die im eigenen Land geschehen, aber auch in anderen Teilen der Welt,  aufstehen und unsere Stimme erheben. Es geht uns alle an! Eher unabsichtlich habe ich mich vor allem auf das Thema Rassismus bezogen. Was wohl auch mit einer Bewegung, die sich mittlerweile – Gott sei Dank – aufgelöst hat, zu tun hat und den vielen rassistischen Übergriffen, die ich vermehrt zu hören bekomme, die mich sehr erbosen lassen, zugleich aber auch erschrecken. Wichtig ist, DASS wir etwas tun. Wir sollten nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, benachteiligter Menschen sein. Jeder Mensch kann nur ein wenig seiner wertvollen Zeit entbehren und zum Beispiel in seinem Umfeld an sozialen Initiativen mitwirken oder aber selbst Projekte auf die Beine stellen. Und wie sollen wir die Welt mitgestalten und verändern, wenn wir nicht in unserem Umfeld beginnen. Vielleicht sogar jetzt sofort!

Vorschau: Eva beschäftigt sich nächste Woche damit, weshalb es so gut tut, sich in Gesellschaft aufzuhalten.

Die Kinder und der Krieg

Krieg - Ein Wort, das Angst macht (© Katharina Wieland-Müller/ pixelio.de)

Krieg – Ein Wort, das Angst macht (© Katharina Wieland-Müller/ pixelio.de)

„Ist das nicht schrecklich“, seufzt meine Großmutter und erzählt von einem Jugendlichen, dessen Eltern die Polizei gebeten haben, ihn am Flughafen abzufangen, damit er sich nicht dem sogenannten Islamischen Staat (kurz IS oder ISIS) anschließen kann. Ich kenne meine Oma, ich kenne ihre Geschichte, ich weiß, was sie denkt. Sie denkt, ist es nicht schlimm, dass die Jugendlichen in den Krieg ziehen, voller Begeisterung. Sie denkt, ist es nicht schlimm, dass sie sich ausgerechnet der „anderen“ Seite anschließen. Sie denkt, ist es nicht schlimm, dass es überhaupt Krieg gibt. Hat die Welt denn nichts gelernt?

Meine Großmutter ist 85. Sie hat den Zweiten Weltkrieg relativ behütet miterlebt, dank einer Mutter, die darauf bestanden hat, dass ihre Tochter nicht zum Bund deutscher Mädchen (BdM) geht. Eine Tatsache, die meine Großmutter später fast das Lehramtsstudium gekostet hat, denn als sie anfing musste sie noch ausweisen, dass sie im BdM gewesen ist. Sie hat eine andere Angst vor dem Krieg, als ich, denn sie weiß, was das Wort bedeutet.

Fataler Enthusiasmus - für viele Jugendliche endet der Krieg tragisch (©Thomas Schaal / pixelio.de)

Fataler Enthusiasmus – für viele Jugendliche endet der Krieg tragisch (©Thomas Schaal / pixelio.de)

Und ich denke über ihre Worte nach. Sie sind einfach zu beantworten. „Ja, es ist schrecklich.“ Und dann frage ich mich, warum. Warum gibt es das, warum machen sie das? Und weil ich dabei immer an meine Oma denke, denke ich diese Frage nicht nur für die Gegenwart. Reisen wir etwas zurück. Der Erste Weltkrieg. Voller Enthusiasmus rennen die jungen Männer und Jungen aus den Schulen in den Krieg, von dem sie glauben, ihn auf jeden Fall zu gewinnen. Sie sind begeistert, glauben an ihr Land, haben die jugendliche Überzeugung, die auch in den Köpfen derer existiert, deren Eltern heute die Polizei zum Flughafen bitten.

Jugendlicher Enthusiasmus, seien wir ehrlich, ist verwegen, ist abenteuerlustig, denkt nicht an Konsequenzen. Er ist kraftvoll und mitreisend. Und obwohl die Menschheit gesehen hat, wie der erste Weltkrieg ausgegangen ist, sind es wieder die Jugendlichen, die sich reihenweise für die SS melden und an die Front wollen, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Wie Günter Grass, der mit 17 eingezogen wird, kurz vor Kriegsende. Sie glaubten, mit der Inbrunst eines Kindes und der Hoffnung eines jungen Erwachsenen. Sie glaubten und folgten, waren überzeugt und hätten ihr Leben dem Großen geopfert, dem sie angehören wollten. Nur wenige Monate später, im Gefangenenlager der Alliierten, als sie die Wahrheit erfahren, hören und sehen, was die Nationalsozialisten – was sie selbst – angerichtet haben, sind sie beherrscht von Scham, traumatisiert.

Eine vergessene Lektion? Nie wieder Krieg (©Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft / pixelio.de)

Eine vergessene Lektion? Nie wieder Krieg (©Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft / pixelio.de)

Jüngst las ich bei Spiegel online von einer Mutter, die ihre Tochter wieder von der IS zurück geholt hat, auf eigene Faust, weil das Mädchen seine Meinung geändert hatte und Hilfe brauchte. Aber wie viele erkennen rechtzeitig, wenn sie falsch liegen? Und wie wenige nur sind bereit das zuzugeben und nicht die Augen in der Sturheit der Menschen zu verschließen? Die wenigstens. So schrecklich es klingt, Gut und Böse sind relative Absolute, sie hängen von der Perspektive ab. Für die IS sind wir die Bösen. Ich, die ich hier diesen Artikel schreibe und ihre Anhänger teilweise als Kinder enttarne, die das Abenteuer suchen und auf eine Überzeugung hereingefallen sind. Für mich, hoffentlich für uns sind es die, die andere unterdrücken und verfolgen, aufgrund ihres Glaubens, ihrer Zugehörigkeit, ihrer Abstammung. Perspektiven. Sie können wechseln, sie können angedichtet werden und „aufgeredet“.

Als der spanische Bürgerkrieg 1936 ausbrach schlossen sich unzählige den Kämpfern gegen Franco an, andere aber auch den Putschisten. Wir hören heute hauptsächlich von den Jugendlichen, die sich der IS anschließen. Als die Revolutionen begannen habe ich auch viel von Studenten gelesen, die beispielsweise nach Syrien gereist sind, um die Rebellen zu unterstützen. Jene, die von der unterdrückenden Regierung als Terroristen angesehen wurden. Unser Bild ist gezeichnet von dem, was wir in den Medien zu sehen bekommen. Wir kennen „nur“ unsere Perspektive, unsere Überzeugung.

Ich erzähle das alles meiner Oma und sie nickt. Traurig zwar, aber sie nickt. Sie wünschte, wie ich, dass es anders wäre. Dass diese Jugendlichen nicht in den Krieg zögen, wie unzählige vorher, die nie wieder heim gekehrt sind – egal für welche Seite. Aber sie weiß auch, dass dieses Phänomen nicht neu ist, dass es sich wiederholt und vielleicht auch immer wieder wiederholen wird, so lange die Menschen aufeinander losgehen. Wir können nur immer wieder darüber reden, aufklären, aufzeigen, dass Krieg keine Lösung ist und hoffen, dass das irgendwann auch alle verstanden haben. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Vorschau: Anna macht sich hier nächste Woche auf die Suche nach Heimat.

Weltschmerz

KOMMENTAR: Mitten im deutschen Sommer, wenn Maut, Ferienstaus und Bahnunfälle die größten Ärgernisse der Gesellschaft sind, wütet andernorts Krieg, Verwüstung und Tod. Die Krisenherde umfassen beinahe den ganzen Globus – und kein Konflikt macht aktuell den Anschein, auf ein friedliches Ende hinzustreben.

Mit dem Scheitern des Assoziierungsabkommens begann bereits im November 2013 der Konflikt in der Ukraine, der mittlerweile zu einem Krieg um Land, Bodenschätze und Identität angeschwollen ist. Scheinbar als ein Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland geführt, verhärten sich die Fronten zusehends: Als die Boeing 777 der Malaysia-Airlines-Flug 17 – kurz MH017 – am Donnerstag, den 17. Juli mit 283 Passagieren und 15 Crew-Mitgliedern auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine abstürzt, spitzt sich die Lage erneut zu. Seitens der USA und Europa wurden nun in der zweiten Runde Sanktionen gegen den vermeintlichen Rebellenunterstützer im Kreml verabschiedet: Diesmal sollen der Finanz- und Wirtschaftssektor des Landes entschieden getroffen werden. In der Ukraine wird derweil eine Kriegsabgabe von anderthalb Prozent auf alle steuerpflichtigen Privateinkommen im Land erhoben, die bis zum 1. Januar 2015 gelten soll – das beschloss das Parlament in Kiew mit großer Mehrheit. Auch lehnte das Parlament am Donnerstag das Rücktrittsgesuch von Regierungschef Arseni Jazenjuk ab und sprach ihm das Vertrauen aus. Somit muss Jazenjuk jetzt doch im Amt bleiben.

Derweilen rafft auch der seit Anfang 2011 entbrannte Bürgerkrieg in Syrien mehr als 170.000 Menschen hin; Millionen Menschen sind noch immer auf der Flucht, wie der Spiegel berichtet. Allerdings hat sich der anfänglich auf eine Demokratisierung ausgerichtete Konflikt zu einem entropischen Endzeitszenario entwickelt: Ausländische Interessengruppen gewinnen mehr und mehr Einfluss. Auch hier ließe sich von einer Neuauflage des Kalten Kriegs sprechen. Der Spiegel berichtet von einem neuen Bündnis, bei dem in jüngsten Gefechten offenbar IS-Extremisten, die einen Gottesstaat anstreben, an der Seite anderer islamistischer Brigaden kämpfen. Die Gruppen galten bislang als verfeindet. Die Regierungstruppen wurden dagegen von Mitgliedern der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah unterstützt. Auch Iran unterstützt das Assad-Regime: immer mehr Milizen drängen von außerhalb in die Kampfgebiete, die gleichzeitig immer weiter anwachsen.

Auch Epidemien verselbstständigen sich rund um den Erdball: Der afrikanische Kontinent, insbesondere Westafrika, wird seit Mai diesen Jahres von einer – mittlerweile – außer Kontrolle geratenen Ebola-Epidemie heimgesucht. Das Ebolafieber, das sich mutmaßlich von Primaten oder Flughunden auf den Menschen überträgt, hat am Mittwoch, den 2. Juli 2014, bereits 759 Menschen in Guinea, Liberia und Sierra Leone infiziert, von denen 467 verstarben. Das bedeutet eine Sterberate von 61 Prozent; in Guinea sollen sogar 75 Prozent der Infizierten verstorben sein. Mittlerweile fürchten die USA – und mit ihr die ganze Welt – ein Übergreifen der Krankheit auf andere Kontinente. Die WHO versucht schon seit Monaten, den Virus zurückzudrängen – allerdings mit wenig Erfolg. Die Eingeborenen sind kaum über die Krankheit informiert und besonders bei Beisetzungen ist die Infektionsgefahr hoch, da auch Leichen weiterhin als Wirte fungieren. 100 Millionen Dollar sind nochmals für den Einsatz der WHO in den verseuchten Ländern vorgesehen.

Im Südsudan, der vor nunmehr drei Jahren als jüngster Staat der Welt gefeiert wurde, verbreitet die Cholera Angst und Schrecken. Der Staat ist gebeutelt von Bürgerkriegen, die sich auf einen Machtkampf zwischen den hiesigen Volksgruppen, Nuer und Dinka, zurückführen lassen.

Gleichzeitig kursiert im südasiatischen Raum die Malaria, die möglicherweise aufgrund der kurzen Behandlungszeit von drei Tagen, eine Resistenz gegenüber den bisher wirksamen Arzneimitteln ausbildet. Die Grenzregionen im Norden und Westen von Kambodscha, im Osten von Myanmar, in Thailand und Vietnam sind besonders betroffen. Die mit dem Stich weiblicher Stechmücken der Gattung Anopheles übertragenen Erreger sind bisher kaum aufzuhalten. Die humanitäre Lage ist allerorts katastrophal, ebenso wie im umkämpften Gaza:

Der fünfte Kriegsausbruch in fünfeinhalb Jahren zwischen Israel und der islamistischen Hamas, bei der massenweise Zivilisten umkamen, dauert nun bereits mehrere Wochen an: am Donnerstag, den 17. Juli begann Israel die Bodenoffensive. Als Auslöser wird die Verschleppung und Tötung minderjähriger Religionsschüler angeführt. Jedweder Versuch einer Feuerpause wird – unter gegenseitiger Schuldzuweisung – innerhalb weniger Stunden gebrochen. Erklärtes Ziel Israels, die ihre Hauptstadt unter dem „Iron Dome“ – einem Raketenabwehrsystem, das, vom US-Kongress mit 225 Millionen Dollar bezuschusst werden soll, vor Angriffen aus dem Nachbarland schützt, sei es, die Tunnelsysteme der Hamas sowie ihre Waffenlager zu zerstören. Dagegen verschanzen sich die Hamas – und das wird in der Kriegsberichterstattung besonders hervorgehoben – in bewohnten Häusern oder in Krankenstationen; verkleiden sich als Helfer und verwenden demnach die Ortsansässigen als menschliche Schutzschilde.

Krisenherd Afrika

Ein erneuter Einsatz für die Bundeswehr? In der vergangenen Woche war dies zumindest in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Nachdem die Vereinten Nationen am Donnerstag, den 16.1., vor der Gefahr eines Völkermordes in Zentralafrika warnte, sieht die Große Koalition nun schließlich Handlungsbedarf. In Kooperation mit der französischen Armee sollen deutsche Soldaten die bereits laufende Operation in Mali und Zentralafrika unterstützen und helfen, die Lage vor der von der UN prognostizierten Eskalation zu bewahren. Während die Süddeutsche weiter von konkreten Plänen spricht, lässt das auswertige Amt dagegen verlauten, dass noch nichts entschieden sei.Eine schlussendliche Entscheidung ist für den heutigen Montag zu erwarten.

Die Lage in Afrika ist mehr als prekär: In Mali gibt es seit 2012 einen stets schwelenden, bewaffneten Konflikt im nördlichen Teil des Landes. Bereits seit 2013 befindet sich die französische „Opération Serval“ vor Ort, die offiziell von der dortigen Regierung angefordert und von der UN gebilligt wurde, um militante Islamisten an einem weiteren Vorstoß in den Landeskern zu hindern. Doch dass es sich tatsächlich nicht um einen Kampf „Islam gegen Christentum“ handelt, sondern dass das medial aufgesetzte Schablonen eines schwarz-weiß-Denkens sind, stellt ein Blick auf die Historie der umkämpften Länder deutlich heraus. Die Marginalisierung der Tuareg in Mali und Niger, die sich bereits seit der Kolonialzeit vollzieht, beschreibt eine Missachtung und Unterdrückung dieser ethnischen Gruppe, die somit stets an den Rand der vorherrschenden Gesellschaft gedrängt wird. Dagegen wehren sich diese mit Aufständen, die ihren Anfang schon in der ersten Tuareg-Rebellion 1961 beziehungsweise 1962 nahm. Heute bricht bereits die dritte Rebellionswelle über Afrika herein. Ihren Höhepunkt erreichte diese im April 2012, als die Tuareg einen autonomen, eigenen Staat – Azawad genannt –  ausriefen, der zwar einen de facto Separatstaat bildet, allerdings international nicht anerkannt wird.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen haben dazu geführt, dass allein in der letzten Woche mehr als tausend Menschen getötet wurden. „Die Zeit“ spricht von insgesamt mehr als einer Million Menschen, die vor den anhaltenden Kämpfen geflohen seien. Der Vergleich, den die UN mit Ruanda oder Bosnien anstellt, macht es deutlich: es besteht dringender Interventionsbedarf.  Die Verhältnisse in dem Land würden alle Elemente von Gewalt enthalten wie sie früher in Ruanda oder Bosnien ausgeübt worden seien. So wurde der UN-Beauftragte für humanitäre Einsätze, John Ging, zitiert. Die Saat für einen Genozid sei seiner Meinung nach gesät und die staatlichen Strukturen völlig zusammengebrochen. Die Religionen werden, bei diesem auf gesellschaftlicher Ungleichheit basierenden Konflikt als Deckmantel instrumentalisiert. Dadurch formierte sich auch eine christliche Bewegung. Die Frontenbildung ist in vollem Gang und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung steigt täglich an.

Zuletzt war es Soldaten der „Sudanesischen Volksbefreiungsarmee“ von Präsident Salva Kiir – kurz SPLA genannt – zwar gelungen, die Aufständischen aus der Anfang des Jahres eroberten, strategisch gut gelegenen und als Schlüsselstadt geltenden Gegend Bor zu verdrängen. Doch ein Ende der Auseinandersetzungen scheint in weiter Ferne. Eine Intervention wird von der UN proklamiert, denn noch habe das Blutvergießen zwar nicht das Ausmaß eines innerreligiösen Konflikts angenommen – allerdings habe es das Potenzial dazu, so Ging.

Friedensgespräche für den Südsudan

In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba haben am vergangenen Freitag erste Gespräche über ein Ende der Gewalt im Südsudan begonnen. Die Delegationen von Regierung und Rebellen trafen sich zunächst getrennt mit Vertretern der nordostafrikanischen Organisation IGAD, die zwischen den Konfliktparteien vermitteln will. Ungeachtet der Gespräche ging die Gewalt im Südsudan weiter.

Hintergrund der Kämpfe ist der seit etwa drei Wochen offen ausgetragene Konflikt zwischen Präsident Salva Kiir sowie der ihn unterstützenden Volksgruppe der Dinka und dem im Juli 2013 aus seinem Amt entlassenen Vizepräsidenten Riek Machar, der dem Volk der Nuer angehört. Es geht neben dem generellen Machtanspruch um die Kontrolle der Ressourcen des Landes – vor allem der lukrativen Ölfelder im Norden.

Im Zuge des sich zu einem Bürgerkrieg ausweitenden Konflikts kamen bereits mehrere tausend Menschen ums Leben. Zudem wird die Lage für die Zivilbevölkerung im Südsudan immer kritischer. Nach Angaben der Vereinten Nationen befinden sich mittlerweile mehr als 200.000 Menschen auf der Flucht. Die Betroffenen können in den verschiedenen Flüchtlingslagern des Landes aber nur unzureichend versorgt werden. Für nur etwa ein Drittel gibt es überhaupt Platz in den Lagern der Vereinten Nationen. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor drohenden Massenepidemien.

Die amerikanische Botschaft zieht unterdessen weitere Mitarbeiter aus dem Land ab. Im Gegensatz zu Deutschland werden die Vereinigten Staaten ihre Vertretung allerdings nicht schließen, sagte US-Botschafterin Susan Page am Freitag. Bereits im Dezember hatten viele Nationen die meisten ihrer Staatsbürger in andere Länder ausgeflogen und die verbliebenen zur Ausreise aufgefordert. Es ist aber unklar, wieviele Ausländer sich noch in der Krisenregion befinden.

Um eine Ausweitung der Kampfhandlungen zu verhindern verabschiedete der UN-Sicherheitsrat bereits am Heiligabend eine Verdoppelung der im Südsudan stationierten Friedenstruppe auf insgesamt 12.500 Soldaten. „Wir müssen jetzt verhindern, dass aus den Kämpfen ein ethnisch motivierter Bürgerkrieg wird, der das ganze Land erfasst“, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

Ob die nun begonnenen Gespräche allerdings zu einer Lösung des Konflikts führen, bleibt zweifelhaft. Nach der Eroberung der Stadt Bor planen die Aufständischen offenbar den Marsch auf die Hauptstadt Juba. Die Rebellen seien zur Zeit in der Offensive und hätten kein Interesse an einem Waffenstillstand, sagte ein Sprecher der südsudanesischen Armee der Onlinezeitung „Sudan Tribune“.

Nach Jahrzehnten des Konflikts hatte die Unabhängigkeit des Südsudan im Jahre 2011 die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft des Landes geweckt. Nun scheint ein schnelles Ende der Gewalt nicht absehbar.