Prokrastination, Baby – Über einen gepflegten Anti-Umgang mit unangenehmen Verpflichtungen

Da liegt der Brief. Auf einem Stapel von Werbeprospekten für Weinreisen und Döner.Er ist von der Krankenkasse. Ich öffne ihn nicht, starre ihn nur von außen an und weiß, was drin steht. Ich grinse in mich hinein. Die Krankenkasse will wieder Informationen zu einer Operation von mir haben, die schon einige Zeit zurück liegt. Sie hat diesen Brief schon dreimal geschickt. Ich hatte nie geantwortet. „Sowas liegt mir einfach nicht“, sagte ich letztens zu einer Freundin und sie starrte mich an, als hätte ich ein Kapitalverbrechen begangen, oder als sei ich zumindest ein minderbemitteltes Kleinkind.

Ich beneide tatsächlich die Menschen, die sich gut fühlen, wenn sie Bürokratie erledigen, ja, ich beneide Pedanten, Bürokraten und Kleinkrämer dafür, dass sie sich in der „Welt der Erwachsenen“ wohler fühlen als ich. Falls es Glück in dir hervorruft, wenn du dich an den Schreibtisch setzt, Formulare ausfüllst und Dinge abheftest, kannst du in unserer Welt sowas von happy werden. Ich hingegen habe solche Situationen nicht im Griff, ich werde entweder wütend, verzweifle oder lasse mich von klingelnden Telefonen, Fernsehprogrammen aller Art, Tapetenmustern, leckeren Speisen, tanzenden Einhörnern und sogar Wohnungsstaub ablenken. Von wegen es liegt nur am Smartphone!

Prokrastination ist das Modewort für das, worin ich gut bin. Ich schiebe Dinge auf, bis es zu spät ist und alles im Chaos versinkt. Oft verfalle ich aber auch regelrecht in Aktivismus, wenn ich Dinge zu erledigen habe. Ich tue nur halt andere Dinge, als die, die ich tun sollte. Wenn ich zum Beispiel einen Artikel fertig schreiben muss, dann brauche ich nur meine To-do Liste mit den anderen, dringenderen Aufgaben (z.B. Uni, Putzen, Behördengänge) anzuschauen und schon sprudelt die Kreativität aus mir heraus. Im letzten Jahr habe ich ein Buch entdeckt, das mich in dieser Hinsicht sehr erleichtert hat: „Dinge geregelt kriegen, ohne einen Funken Selbstdisziplin“ von Sascha Lobo und Kathrin Passig.

Die meisten Fachbücher zu Organisation und Selbstmanagement scheinen nicht für mich geschrieben zu sein, sondern setzen paradoxerweise einen gut organisierten Menschen voraus, der immer 10 verschiedene Farben von Post-ITs und mehrere gut gepflegte Kalender im Haus hat (ich habe 3 kaputte Kulis und einen leeren, schwarzen Kalender). Diese Menschen haben meines Erachtens kein wirkliches Problem mit Organisation, sie befinden sich höchstens im Optimierungswahn. Ich, als minderbemitteltes Kleinkind mit einem organisatorischen IQ von maximal 30, finde das „Pfui“.

Und die Leute mit echten Problemen (wie ich) stehen vor diesen übertriebenen Anforderungen, die sich an die perfekten Optimierer richten, mit einem tiefen Gefühl von Schuld und Scheitern in der Brust, recken die Arme in die Luft und sagen: Ich bin ein Alien. Ich werde nie, nie aufgenommen im Doodle-Universum.

Was für ein Druck sich in mir drin aufgrund gesellschaftlicher Anforderungen aufgebaut hatte und wie völlig handlungsunfähig er mich machte, bemerkte ich erst, als ich das Buch las. Ich heulte mindestens zwei Stunden wie ein sehr erleichterter Schlosshund. Das Buch ist super. Es macht Prokrastinierern (im Buch heißen sie LOBOS) Mut. Es sagt aus, dass wir normale liebenswerte Menschen sind und keine Außerirdischen. Es gesteht uns eine Putzfrau zu und wenig Sport. Es erlaubt uns Briefe später zu beantworten. Es sagt sogar, dass aus Prokrastination etwas Tolles entstehen kann. Meine Kreativität zum Beispiel speist sich aus den Abfallprodukten meiner Prokrastination. Viele gute Dinge, die wir in dieser Welt sehen, darunter die besten Geschichten, Bilder, Erfindungen und ganze Welten aus Lego sind aus Prokrastination heraus entstanden. Und wie wüsste man sonst, wie großartig es ist, stundenlang Noppenfolie platzen zu lassen, oder dass man eine Nadel durch die Haut ganz oben auf den Fingerkuppen stechen kann, ohne dass es weh tut.

Der Brief von der Krankenkasse liegt übrigens jetzt ungeöffnet im Müll. Vor ein paar Tagen rief eine nette Sachbearbeiterin an und bat mich äußert höflich um Informationen. Es stellt sich heraus, dass kein Recht der Krankenkasse auf eine Antwort bestand. Ich gab ihr telefonisch ein paar spärliche Angaben durch, danach bedankte sie sich höflich und ich fühlte mich wie der triumphierende King Louie der Prokrastination. Bis der nächste wirklich wichtige Mensch mir einen Brief schreibt und ich wieder die Inkasso-Schränke vor der Tür haben, die mich grün und blau prügeln wollen. Nein, Spaß. Oder doch nicht? Und wenn schon: Im Knast ist es doch auch schön, da gibt es immerhin feste Strukturen und man hat nur zehn Dinge, die man aufräumen muss. Ganz ehrlich, das klingt gar nicht schlecht.

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch eine weitere spannende Kollumne auf Face2Face.

Entspannung pur? Schluss mit den Yoga-Klischees

Wer hat eigentlich das lächerliche Gerücht in die Welt hinausposaunt, Yoga sei entspannend? Es hält sich nämlich hartnäckig. Erst kürzlich kam mir so ein Kommentar wieder zu Ohren. Ich war gerade vom Yoga nach Hause gekommen, hatte mich frisch geduscht und wollte meine Freundin in Empfang nehmen. Eher beiläufig erwähnte ich, dass ich ziemlich erschöpft sei. Was mir mit meinen roten Bäckchen durchaus abzukaufen war! Sie blickte mich darauf ungläubig an. „Vom Yoga etwa?“ „Das ist doch entspannend, oder?“ Da wunderte ich mich, nicht zum ersten Mal darüber, wieviel Unwissen und Skepsis über die Yoga-Praxis herrscht. Ich muss allerdings gleich zu Beginn anmerken – eigentlich habe ich mit Yoga erst vor wenigen Monaten begonnen. Ich bin also alles andere als eine Yoga-Expertin. Ich habe allerdings genügend Einblicke erhalten, es quasi am eigenen Körper erfahren, um klarstellen zu können – Yoga ist alles andere als Entspannung pur! Aber beginnen wir von Anfang an:

Meditation und der Geruch von Räucherstäbchen: Wer glaubt, darum gehe es im Yoga ausschließlich, der hat weit gefehlt.(©Paulwip  / pixelio.de)

Meditation und der Geruch von Räucherstäbchen: Wer glaubt, darum gehe es im Yoga ausschließlich, der hat weit gefehlt! (©Paulwip / pixelio.de)

Das Yoga eine uralte philosophische Lehre ist, die aus Indien stammt, ist den Meisten wohl bekannt. Yoga beruht auf sehr alten Schriften – die älteste geht dabei auf das zweite Jahrhundert nach Christus zurück. Diese heiligen Schriften von verschiedenen Gelehrten, bilden heute das Grundgerüst einiger Yoga-Arten. Die Körperübungen, sogenannte Asanas, gesellten sich erst sehr viel später dazu, machen heute aber einen bedeutenden Teil des Yogas, wie er zumindest in westlichen Ländern gelehrt wird, aus. Gegenwärtig existiert eine breite Fülle an Yoga-Ausrichtungen, welche sich in den Übungen und in der Intensität in der Asanas ausgeführt werden, wesentlich unterscheiden. Das Tolle daran ist – für jeden Geschmack ist etwas dabei! Für diejenigen, die Spaß an körperlichen Herausforderungen haben, aber auch für jene, die es lieber ruhiger angehen lassen. Noch toller: Yoga lässt sich problemlos in den Alltag integrieren. Matte ausgerollt und los geht‘s! (zugegeben eine gehörige Portion Motivation gepaart mit Disziplin ist unabdingbar!)

Ganzheitliche Beansprunchung: Yoga verlangt viel Körperbeherrschung und Disziplin von einem ab (©Philipp Wiebe  / pixelio.de)

Ganzheitliche Beanspruchung des Körpers: Yoga verlangt viel Körperbeherrschung und Disziplin von einem ab (©Philipp Wiebe / pixelio.de)

Ich übe mich im Hatha-Yoga, einer sehr körperbetonten, klassischen Yoga-Form, in der die Übungen langsam und bewusst im Wechsel mit Entspannungsphasen ausgeführt werden. Dieses Yoga eignet sich besonders für Anfänger, da Fehlhaltungen von den „Yogis“ (so nennen sich die, die Yoga praktizieren, sich allerdings schon auf einem fortgeschrittenen Level befinden) schnell erkannt werden. Wer ordentlich schwitzen will, sollte sich im Ashtanga-Yoga probieren, welches viel Kondition erfordert und in dem die Übungen in einer flotten Tempoabfolge durchgeführt werden. Schwitzen ist also Programm! Und wer Schwitzen im wortwörtlichen Sinne versteht, sollte mal eine Runde Bikram-Yoga in Erwägung ziehen – In einem auf 40 Grad Celsius aufgeheizten Raum, werden 26 Asanas in einer genauen Abfolge ohne Pause vollführt. Klingt nach purer Entspannung, oder? Wer aber wirklich die Absicht hat, im Yoga zur Ruhe zu kommen, dem sei Kundalini-Yoga ans Herz gelegt. Hier wird der spirituellen Seite des Yogas viel Raum gegeben und die Meditation steht im Vordergrund. Wer gerne dem Beispiel von Prominenten wie etwa Madonna folgt, der könnte Freude am dynamischen Jivamukti-Yoga haben. Hier werden kraftbetonte Übungen in einem fließenden Ablauf praktiziert und mit der Lehre von heiligen Schriften und Mediation vereint. Jivamukti setzt sich aus Jiva (Seele) und mukti (Befreiung) zusammen und bedeutet so viel wie „Befreiung der Seele“. Klingt doch vielversprechend, oder?

Und irgendwann kommt dann die Erleuchtung? Sicher ist Yoga ist wohltuend für Körper und Geist! (©Thorben Wengert  / pixelio.de)

Und irgendwann kommt dann die Erleuchtung? Sicher ist – Yoga ist wohltuend für Körper und Geist! (©Thorben Wengert / pixelio.de)

Yoga bedeutet weitaus mehr als ausschließlich verrenkende, fast akrobatisch anmutende Körperübungen zu vollführen. Vielmehr ist es die philosophische Lehre auf der alles begründet. Gerade in heutigen Zeiten, wo ein häufiges Volksleiden Stress ist und nie dagewesene Krankheitsbilder wie Burn-Out auftauchen, wo Menschen gehäuft an körperlichen Beschwerden leiden, scheinen die Yoga-Studios Hochkonjunktur zu verzeichnen. Nicht umsonst ist mittlerweile bei vielen Krankenkassen Yoga als Präventionsmaßnahme anerkannt.

Wer seine Vorurteile einmal von Bord wirft und sich auf Yoga einlässt wird bemerken, dass Yoga neben schweißtreibenden Übungen, auch ein völlig neues Lebensgefühl verleiht. Yoga lehrt den Mensch, auf sich Acht zu geben, seine Gedanken zu fokussieren, zugleich aber auch die eigenen Grenzen und Ängste zu überwinden und sich so vom „inneren Leiden“ zu heilen. Und deshalb ein kleiner Wink an denjenigen, der dieses unsinnige Gerücht, von wegen Yoga sei entspannend, in die Welt setzte: Yoga wirkt sogar entspannend UND anstrengend zugschleich! Schreib dir das gefälligst hinter die Ohren. Namaste!

Vorschau: Eva setzt sich nächste Woche mit einem hochaktuellen Thema auseinander: 70 Jahre nach Ausschwitz gibt es AfD und Pegida.

 

Wo, was und wie? – Fragen, die sich Einwanderer stellen

Nahezu jedes Ein- oder Auswandern folgt ausschlaggebenden beruflichen oder persönlichen Gründen. Sei es die Chance auf eine vielversprechende Karriere oder die persönliche Entfaltung und Hoffnung auf eine bessere Lebensqualität. Jedoch kommen bei diesem entscheidenden Schritt einige wichtige Fragen auf: Wo muss ich als erstes hin? Was muss ich dabei beachten und wie lange wird es dauern? Face2Face berichtet über die persönlichen Erfahrungen einer erst kürzlich zugewanderten jungen Frau:

Den Entschluss Auszuwandern fasst auch die 21-Jährige Slowakin Stanka (Stanislava) Leštinská. In ihrer Heimat habe sie „Angewandte Ethik und Deutsche Sprache und Literatur“ studiert. Allerdings sei ihr das Lernen der deutschen Sprache schwer gefallen, weswegen sie vor etwas mehr als einem Jahr beschlossen habe die Slowakei zu verlassen. „Ich wollte Geld verdienen und meine deutsche Sprache verbessern.“ Da ihr Heimatland ein Mitglied der EU ist, musste sie nicht viele Vorkehrungen treffen. Als Erstes sei sie zu ihrer Krankenkasse gegangen, um sich eine Auslandsversicherung machen zu lassen. Dort habe sie ein Zertifikat erhalten, das sie für drei Monate in Deutschland versicherte. Nach Ablauf des Quartals habe die 21-Jährige eine neue Versicherungskarte bekommen. Das Einwandern erfolgte ohne Probleme, berichtete Stanka – die sich gleich nach der Ankunft in der kleinen Ortschaft Brensbach registrierte. Nach nur zwei Wochen Aufenthalt fand Stanka bereits Arbeit: „Ich war einmal einkaufen im REWE und da stand, dass sie in der Bäckerei eine Aushilfe suchen. Ich habe meine Bewerbung da gelassen und gleich war ich in Probe und dann haben sie mich genommen. Allerdings habe sie ein Dokument vom Gesundheitsamt benötigt, damit sie die Genehmigung hatte mit Lebensmitteln zu arbeiten.

Glücklich: Stanislava Leštinská ist über ihre Entscheidung nach Deutschland auszuwandern sehr zufrieden. (Foto: privat)

Glücklich: Stanka ist über ihre Entscheidung nach Deutschland ausgewandert zu sein sehr zufrieden. (Foto: Stanislava Leštinská)

Darüber hinaus habe sich Stanka bei der Ausländerbehörde angemeldet und ihren Arbeitsvertrag abgegeben. „Jetzt muss ich alle drei Monate bei der Ausländerbehörde meine Arbeitsbescheinigung schicken.“, was die 21-Jährige ziemlich lästig findet.
Die jetzige Bäckereiverkäuferin sei sowohl mit ihrer Entscheidung als auch mit ihrer Arbeit zufrieden. „Ich bin sehr froh, dass ich so eine nette Arbeitsumgebung habe. Meine Kolleginnen sind ganz nett und mein Chef auch.“ Demnach gibt es aus ihrer Sicht keine nötigen Veränderungen die Deutschland bezüglich Einwanderer treffen müsse. „Deutschland gefällt mir sehr! Die Natur ist hier auch sehr schön. Letztes Wochenende hatte ich die Möglichkeit ein wenig von Bayern zu sehen und da ist es auch sehr schön.“
Das Land würde viele Arbeitsmöglichkeiten bieten und es gebe nette Menschen. Aus diesem Grund wolle auch ihr Bruder diese Chance nutzen. Ihre Familie habe bezüglich ihrer Entscheidung keine Einwände – lediglich die Mutter sei traurig, dass sie ihre Tochter selten sehe. Vor allem weist die 21-Jährige Slowakin anderen Einwanderern darauf hin, dass sie die deutsche Sprache unbedingt können müssen, „weil ohne Sprache sind sie hier verloren.“ Es würde ihrer Meinung nach ausreichen, wenn sie auch nur ein wenig Deutsch reden können. Auf die Frage hin, welche Zukunftspläne sie hat, antwortete Stanka wie folgt: „Ich hatte andere Zukunftspläne, ich wollte normalerweise wieder zurück in die Slowakei fahren und weiter studieren. Vor vier Monaten habe ich aber einen Mann getroffen und jetzt sind wir glücklich zusammen und frisch verlobt.“ Zudem sei Stanka vor drei Monaten nach Höchst gezogen.

Vorschau: Da wir uns bald in der vierten Jahreszeit befinden, folgt hier nächste Woche ein Rezepttipp, wie man Berliner selbst macht.