Trimm dich krank!

„Ich habe mit Spaß am Sport angefangen“, sagt Anja (22). „Es war toll, Erfolge zu erzielen, Veränderungen wahrzunehmen und sich gesund und fit zu fühlen.“ Aber dann wurde aus dem Spaß ein Zwang und aus dem Zwang eine Sucht.

„Traumbody“ dank Fitness- und Ernährungsprogrammen

Die Kombination aus Sport und Ernährung wird uns oft als Lösung für nahezu alles verkauft. „Mit effektivem Training und gesunder Ernährung zum Traumbody“ oder „durch kohlenhydratarme, eiweißreiche Ernährung und moderates Workout den Körper auf schlank trimmen“ versprechen die Fitness- und Ernährungsprogramme der Promis. Dass man Sport und Ernährung aber auch gegen den eigenen Körper einsetzen kann, weiß sie besser als die meisten anderen: Anja hat sich aus Sportsucht und Essstörung gekämpft und ist heute… Foodbloggerin!

Kontrolle über das Essen

Superheldin oder Kontrollfreak: Das haben Sportsucht und Mangelernährung aus Anja gemacht (Foto: Anja)

Superheldin oder Kontrollfreak: Das haben Sportsucht und Mangelernährung aus Anja gemacht (Foto: Anja)

Pancake-Stapel mit Blaubeeren und Schokosauce, Pastateller mit Kirschtomaten und frischen Kräutern, Frühstücksbowls mit frischem Obst… Wem bei Anjas Instagram-Posts nicht das Wasser im Mund zusammenläuft, der hat wahrscheinlich gerade erst gegessen. Die 22-Jährige selbst zeigt sich dafür eher selten auf ihrem Profil. Und die Bilder, die es zu sehen gibt, passen so gar nicht zu den Foodporn-Beiträgen. Ein zartrosa, beinahe körperloses Geschöpf, dem selbst die coole Superman-Unterhose zu groß zu sein scheint, steht da vor dem Spiegel. Statt der Superheldin, die ihr Gewicht voll im Griff hat, sieht Anja heute nur noch den Kontrollfreak.
„Kontrolle war damals das Wichtigste für mich. Kontrolle über mein Essen, Kontrolle über mein Gewicht. Ich habe mich komplett auf eine bestimmte Zahl fixiert“, erklärt sie. Das Problem bei der Sache: „Kein Sixpack, keine Size-Zero und kein Gewicht haben dazu geführt, dass ich mich wohlgefühlt habe.“ Aber von vorne!

Zerfressen von Selbsthass

„Irgendwann diente der Sport nur noch zum „Kalorien-Verbrennen“, damit ich mir das Essen überhaupt erlauben konnte. Ich habe aufgehört, mich mit meinen Freunden zu treffen und habe stattdessen Sport gemacht“, erzählt Anja, „Sport, Kalorien zählen und Verzicht haben meinen Alltag geprägt und eingeschränkt.“ So wurde aus Spaß und Probieren eine Sucht. Phasen, in denen sie wenig bis gar nichts essen konnte, wechselten sich mit Heißhungerattacken ab. Das schlechte Gewissen darüber, zu viel gegessen zu haben und die Angst vor einer Gewichtszunahme mündeten in Bulimie oder, wie Anja selbst sagt, „einen Teufelskreis aus Heißhunger, schlechtem Gewissen und, Erbrechen“. Aus der Bulimie wurde eine Magersucht. Und dann endlich erkannte sie, was uns heute von den Fotos geradezu entgegenbrüllt: eine wandelnde Hülle, zerfressen von Selbsthass, Selbstzweifel und Unzufriedenheit.

Man muss damit aufhören. Ganz.

"Es ist möglich Sportsucht und Essstörung zu überwinden", sagt Anja und zeigt es auch (Foto: Anja)

„Es ist möglich Sportsucht und Essstörung zu überwinden“, sagt Anja und zeigt es auch (Foto: Anja)

„Wenn man etwas ändern möchte, muss man zunächst ehrlich zu sich selbst sein, auch wenn es weh tut. Man muss sein eigenes Verhalten, seine Gedanken und die Beweggründe hinterfragen. Und wenn man merkt, dass es etwas gibt, was einem nicht guttut, dann muss man damit aufhören. Ganz. Es bringt nichts, es nur „halb“ aus seinem Leben zu streichen. Der Anfang ist immer das Schwerste. Aber ich habe mir selbst bewiesen, dass es Hoffnung für alle gibt. Es ist möglich, Essstörungen und Sportsucht zu überwinden, wenn man dranbleibt und diesen schweren Weg durchhält. Es wird einfacher. Es lohnt sich“, sagt Anja. Also trainierte sie sich etwas Wichtiges an: gesundes Verhalten. Und das geht sogar ganz bequem von zu Hause aus – ohne Geräte, Joggingstrecke und Fitnessstudio. Dafür aber mit sehr viel Stärke und Willenskraft.

Die Kraft zu Laufen

„Heute kann ich Sport wieder aus Spaß betreiben und meiner Psyche und meinem Körper etwas Gutes zu tun. Ich liebe zum Beispiel Yoga am Morgen. So spüre ich meinen Körper auf eine ganz andere Weise und kann seitdem wieder eine Verbindung zu ihm herstellen, die lange verloren war. Außerdem gehe ich drei- bis viermal die Woche laufen. Es ist schön, wieder die Kraft zu haben laufen gehen zu können. Es hilft mir dabei von meinem Uni-Alltag herunter zu kommen, meine Gedanken zu ordnen und mich lebendig zu fühlen.“ Und das Essen?

Essen macht schön!

„Essen ist nicht länger mein Lebensmittelpunkt, kontrolliert und bestimmt mich nicht mehr. Essen hält meinen Körper am Leben, macht mich schön und gesund“, ist Anja heute überzeugt. „Ich habe Spaß an der veganen Ernährung gefunden, da sie sehr vielseitig ist und ich mich damit sehr gut fühle.“ Vor erneuter Mangelernährung hat sie keine Angst: „Wenn man darauf achtet, ausgewogen zu essen, kann man sich mit nahezu jeder Ernährungsweise gesund ernähren.“

Gute und schlechte Tage

Mit ihrem Instagram-Profil und ihrem Youtube-Kanal möchte Anja anderen den Druck nehmen, perfekt sein zu müssen. „Auf Social Media wird oft ein Scheinbild gezeigt – eine optimale Welt ohne Rückschläge und Fehler. Ich teile dort sowohl die guten als auch die schlechten Tage. Es kann nicht immer gut laufen und das ist auch völlig in Ordnung. Oft geht es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern zu lernen, mit ihnen umzugehen.“

 

Anleitung zum Kranksein

Erkältungszeit? Hier eine Anleitung zum Kranksein (© S--Hofschklaeger / pixelio.de)

Erkältungszeit? Hier eine Anleitung zum Kranksein (© S–Hofschklaeger / pixelio.de)

Es regnet. Und mit jedem Tropfen vor der Tür schwillt die Nase, die Augen tränen, der Kopf brummt. Herbst heißt Erkältungszeit, Grippezeit, Krankenzeit. Überall hustet, keucht, schnieft und röchelt es, denn – jetzt mal ehrlich – nicht mal krank sein können wir richtig. Im letzten Jahr verbuchte das statistische Bundesamt, hat sich jeder Arbeitnehmer neun Tage krank gemeldet. Neun Tage. Für die alte Regel, dass eine Erkältung vierzehn Tage lang dauert und mit Medikamenten zwei Wochen heißt das, dass kaum jemand diese Krankenzeit auch wirklich krank war. Wahrscheinlicher ist, dass er mehr als die Hälfte dieser Zeit gearbeitet hat.

Ja, ich weiß, nicht jede Erkältung zwingt uns in die Knie. Manch einer lässt sich von keinem Schnupfen die Stirn bieten und andere gehen sogar mit Fieber arbeiten. Gesund ist das nicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Dann schleppen wir die Krankheit tapfer mit uns, verschwinden am Wochenende mit Wickeln im Bett, betäuben uns mit Medikamenten und Hausmittelchen. Thymiantee, Ingwertropfen, Kräuterbalsam, Lutschpastillen.

Richtig Kranksein: Mit Kräutertee und Lutschpastillen (© w.r.wagner / pixelio.de)

Richtig Kranksein: Mit Kräutertee und Lutschpastillen (© w.r.wagner / pixelio.de)

Warum sind wir nicht mal wieder so richtig krank. Schlagen dem Tag, der immer nur fordert, einfach die Nase vor der Tür zu und sagen: Nö, du, heute mal nicht. Wir legen uns ins Bett oder auf das Sofa, mit Wärmflasche und Kirschkernkissen, die dampfende Teekanne steht neben unserer Tasse, ein großes Glas Honig und eine Tüte Bonbons daneben. Wir stehen erst auf, wenn die Suppe kommt, gekocht von Mutti, Papa, dem Partner oder dem Lieferservice. Und danach legen wir uns wieder hin. Wir schauen miese Wiederholungen im Fernsehen oder hören den ganzen Tag das gleiche Hörbuch, bei dem wir immer wieder einschlafen. Wir besorgen uns ein Lavendelkuscheltier für die Mikrowelle, eine Decke mit Ärmeln.

Lasst uns krank sein – und es genießen. Der Druck auf unsere Nebenhöhlen ist groß genug, da können uns die Arbeit, die Kinder, der Abwasch und der Müll einfach mal egal sein. Unser Körper kämpft in einem Krieg und wir können die Alliierten sein. Für ein oder zwei Tage ticken die Uhren anders, wir hören nur auf uns, unser Wehklagen, unsere Bedürfnisse. Wir sind große Babys, die bemuttert werden wollen, denn wir sind verdammt nochmal krank. Singt das Katzentanzlied für uns, wer auch immer gerade noch auf den Beinen steht.

Kranksein genießen? Geht, wenn wir umsorgt werden (© Stefan Bayer / pixelio.de)

Kranksein genießen? Geht, wenn wir umsorgt werden (© Stefan Bayer / pixelio.de)

Kosten wir unsere Situation aus, die Hilfsbereitschaft von Verwandten, Freunden und Nachbarn, die schnelle Krankschreibung beim Arzt, die volle Tüte aus der Apotheke. Gönnen wir uns ein bisschen von dieser Aufmerksamkeit, dem Mitleid, der Sorge. Solange wir nicht wirklich ernsthaft krank sind – und die Zeiten, dass eine Grippe die Massen der Bevölkerung hinweggerafft hat, sind vorbei – können wir uns ziemlich sicher sein, dass unser Körper den Sieg davon trägt und die Viren, so oder so, in die Flucht schlägt.

Dann kommt das dicke Ende. Unsere Stimme klingt wieder normal, unsere Nase wird frei, unsere Gedanken fassen wieder, was da noch alles vor uns liegt. Dann können wir uns immer noch sorgen, hetzten, wieder einsteigen in die Beschleunigung des Alltags. Die Arbeit läuft uns nicht davon, die Möglichkeit, uns wirklich zu kurieren schon. Frisch erholt arbeiten wir schneller, effektiver, besser, als mit triefender Nase. Wenn wir nur etwas mehr Zeit in unsere Genesung investieren würden, hätten alle etwas davon. Unsere Kollegen, die wir nicht anstecken. Unser Stapel auf dem Schreibtisch, der plötzlich erklimmbar wird, schon allein, weil wir unseren Kopf wieder ohne Stechen in den Nebenhöhlen heben können. Unsere Familie, die sich auch einmal um uns kümmern durfte und weiß, dass sie etwas bei uns gut hat. Denn die nächste Grippe kommt bestimmt und wer weiß schon, wer dann auf der Couch landet.

Die richtige Pille? Manchmal müssen wir einfach krank sein (© l-Vista / pixelio.de)

Die richtige Pille? Manchmal müssen wir einfach krank sein (© l-Vista / pixelio.de)

Ich für meinen Teil koche meinem kranken Mann jetzt noch einen Tee und rate ihm dringend, das Kranksein doch auch mal als Möglichkeit der Entschleunigung zu sehen. Als Erholungsurlaub, wenn der Körper ihn dringend nötig hat. Er wird mir nicht recht geben, aber ein bisschen, so ein kleines bisschen freut er sich, dass die Couch für ihn reserviert ist, die Kinder etwas leiser spielen und die Welt sich auch ohne ihn weiterdrehen kann.

Vorschau: Nächste Woche meint Anna hier, wir sollten uns mehr den Jahreszeiten anpassen.

Wenn Obst krank macht

Verlockendes Angebot: das gilt leider nicht so sehr für Menschen mit Fructose-Intoleranz (Foto: Koepke)

Überall wird uns heute vorgehalten, wie wir uns gesund ernähren. Viel Obst und Gemüse spielen dabei eine sehr wichtige Rolle. Wer viel davon isst, der ernährt sich gut und gesund. Das habe ich bislang auch stets so gehalten, denn ohne Obst geht es bei mir einfach nicht, vor allem im Sommer. Was gibt es Besseres als frisch gepflückte Kirschen vom Baum meiner Eltern, am liebsten gleiche eine ganze Schüssel voll, oder einem leckeren Obstsalat bei strahlendem Sonnenschein?

Bis ich dann im April die Diagnose Fructose-Intoleranz beziehungsweise Fructose-Malabsorption bekommen habe. Der Ursprung jahrelanger Probleme und Beschwerden, die weder ich noch irgendein Arzt richtig zuordnen konnte. Wie auch? Die Beschwerden sind so zahlreich und ließen sich fast jeder beliebigen anderen Krankheit problemlos zuordnen. Auf eine Unverträglichkeit – egal welcher Art – kommt der Arzt meist erst nach einem sogenannten Wasserstoff-Atemtest.

Bei diesem trinkt man zu Beginn 250 Milliliter Wasser oder, wie bei mir, Pfefferminztee, dem 50 Gramm Fruchtzucker beigemengt wurden – das war schon abartig süß. Danach sollte ich drei Stunden lang alle 30 Minuten 70 Sekunden lang in ein Gerät pusten und mir auftretende Beschwerden notieren. Anhand des Wertes – der bei mir jedem Gipfelstürmer Konkurrenz gemacht hätte – und der Beschwerden, die leider recht früh eingetreten sind, wusste der Arzt dann, ob eine Unverträglichkeit besteht oder nicht, und wie ausgeprägt diese ist. Beim Laktose-Test ist überhaupt nichts passiert. Den Fructose-Test „durfte“ ich dafür sogar schon vorzeitig beenden und musste dann erst einmal auf ein Örtchen rennen. Ab 12 Stunden vor solch einem Test darf man nichts mehr essen und nur noch stilles Wasser trinken, auch die Zähne müssen ungeputzt bleiben.

Heute weiß ich, es spielt sich bei einer Fructose-Malabsorption Folgendes ab:  Fruchtzucker, der zum Beispiel in Obst oder Honig vorkommt, wird im Dünndarm nicht richtig oder vollständig aufgenommen. Deshalb gelangt er in größeren Mengen in den Dickdarm und da entsteht das ganze Dilemma. All die dubiosen Bauchschmerzen, Magenkrämpfe, die Übelkeit, der aufgeblähte Bauch, das Völlegefühl, Aufstoßen, aber auch weitere sehr unangenehme Beschwerden wie Blähungen oder Durchfall und Erbrechen. Das unterscheidet sich bei jedem Betroffenen. Der eine hat „nur“ Bauchschmerzen, der andere das volle Programm. So wie meine Wenigkeit.

Knackige Äpfel: sehen lecker aus, sorgen aber für zahlreiche unangenehme Beschwerden (Foto: Ralf Meilen / pixelio.de)

So unterschiedlich wie die Beschwerden, ist aber auch der Grad der Unverträglichkeit – deswegen wird euch jeder Internet-Ratgeber –  und auch die Ernährungsberaterin raten, eine Diätphase von 2-3 Wochen einzuhalten – die sogenannte „Karenzphase“ –, in der auf jeglichen Fruchtzucker verzichtet werden muss. Danach kann ich wieder anfangen, mit kleineren Mengen Obst zu experimentieren. Mit Fruchtzucker-Verzicht ist aber nicht einfach „nur“ Obst gemeint. Fruchtzucker findet sich in handelsüblichem Zucker, aber auch in allen Säften, Marmeladen, Gelees, Obstkonserven, Trockenfrüchten, Erfrischungsgetränken, Back- und Süßwaren, Eis, Alkohol, Müslimischungen, Fruchtjoghurts und vielem anderem.  Auch in manchen Gemüsesorten, zwar meist als geringer Anteil, aber auch der kann bei einigen Menschen schon Beschwerden auslösen.

Was ich immer noch verwirrend finde, sind die vielen Tabellen zu verträglichen und eher schlecht verträglichen Lebensmitteln, denn auch da gibt es einige Ausnahmefälle. Nehmen wir beispielsweise die Tomate, die in der Regel gut verträglich sein „sollte“. Das ist sie in der Praxis aber bei den wenigsten. Warum, kann mir kein Mensch sagen. Auch nicht die Ernährungsberaterin, bei der ich war. Auch ich habe schon gemerkt, dass Tomaten für mich eher „böse“ sind. Schade. Dann gibt es keinen Tomaten-Mozzarella Salat mehr. Jedenfalls vorerst.

Was ich schon des Öfteren gehört und auch in diversen Kolumnen gelesen habe ist, dass es regelrecht „in“ zu sein scheint, irgendetwas nicht zu vertragen. Es mag sicher Menschen geben, die sich damit besonders machen wollen. Eine Lebensmittelunverträglichkeit ist aber kein Spaß und Menschen, die eine haben, geht es damit oftmals schlecht. Verrückt machen lassen darf man sich damit dennoch nicht, auch, wenn ich schon oft kurz davor war. Vor allem, wenn der Ernährungsberater das eine, diverse Bücher das andere und der Hausarzt wiederrum etwas drittes sagt. Also am besten auf den eigenen Bauch hören, der meldet sich sofort, wenn ihm etwas nicht passt.

Ich rate euch daher bei Beschwerden nicht zu lange mit einem Test zu warten. Es wird euch sehr viel besser gehen mit der Gewissheit, was ihr habt oder auch nicht habt. Auch, wenn ihr erst einmal auf Einiges verzichten müsst. Aber wenn es mir dadurch besser geht, dann ist es mir das wert. Und es heißt ja auch nicht, dass ich nicht mal sündigen darf. Ich werde trotz der Intoleranz immer das Backliesl bleiben, auch wenn ich nicht mehr mit normalem Zucker backen kann, sondern stattdessen Traubenzucker nehmen muss.

Vorschau: Nächste Woche stellen wir euch unsere neue Literaturrubrik vor und erzählen euch, was euch in Zukunft dort so alles erwarten wird.

Sprossenweise Aufklärung

Bedenkenlos genießbar? Noch gibt es keine Entwarnung (© Sigrid Rossmann / Pixelio.de)

Manchmal ist die Welt wirklich gemein. Von epedemieartigen Krankheitsausbrüchen hören wir normalerweise im Winter. Dann grassieren Vogel- und Schweinegrippen und sonstige per Tröpfcheninfektionen übertragbare Leiden. Und jetzt das: Bakterien, die auf Gemüse und Obst zu Erregern werden, gerade im Sommer, wenn alles zu reifen beginnt und wir am liebsten auf frische Zutaten zurückgreifen. Gerade für Vegetarier ist diese Tage nicht gut Gurkenessen. Oder etwa doch?

 Ich persönlich bin noch ziemlich unberührt von der EHEC-Infektionswelle. Natürlich, es ist immer schrecklich, wenn Menschen sterben, weil ihre normale Nahrung irgendwie verseucht war. In gewissem Maße ist es natürlich schrecklicher, wenn das Ganze auch noch bei jungen Leuten passiert, die ansonsten als kerngesund gelten. Und trotzdem – vielleicht liegt es daran, dass ich in dem Bundesland mit der geringsten Erkrankungsrate lebe – meinen Speiseplan möchte ich jetzt nicht ändern.

Ohne Frage ist das Medienspektakel eines, das seines Gleichen sucht. Oder habt ihr vor diesem Sommer schon viel von EHEC gehört? Nein? Seltsam, wo doch an jeder Stelle mittlerweile genannt wird, dass jedes Jahr deutschlandweit mehrere Hundert Menschen daran erkranken. Seltsam, dass wir diesen Namen erst seit Mai 2011 kennen, wo wir doch so oft davon reden, wenn wir von Magen-Darm-Krankheiten sprechen. Noch viel seltsamer finde ich allerdings, dass diese besondere Mutation für so viel Aufsehen sorgt. Antibiotikaresistent soll es sein. Und an mancher Stelle wird gemunkelt, es sei eben nicht aus natürlichem Wege per Mutation entstanden, sondern in geheimen, oder auch nicht so geheimen Genlaboren entwickelt worden. Einige extreme Verschwörungstheoretiker unterstellen gar, der Erreger sei absichtlich platziert worden. Ein Anschlag mit biologischen Waffen oder nur ein Testlauf?

 Zur Komödie wird derweil die Suche nach dem sogenannten Herd. Und das, obwohl der Erreger bei 70 Grad Celsius sein bakteriöses Leben lassen muss. Spanische Gurken haben zumindest die Schuld an den Erkrankungen wieder abgesprochen bekommen. Dennoch sehe ich nicht, wieso die Spanier so groß jubeln sollten. Ihre Finanzprobleme lassen sich dadurch nicht lösen und Fakt bleibt, dass auf ihren Gurken Erreger gefunden wurden, die ursprünglich aus dem Darm von Mensch und Tier stammen und Magen-Darm-Infektionen auslösen können. Da kann auch der Freispruch mich nicht dazubekommen, meinen Keller mit spanischen Gurken zu füllen.

Was können wir eigentlich noch essen? Jetzt gibt es schon wieder Keime auf Gurken (© BettinaF / Pixelio.de)

Nach einem Lübecker Restaurant, in dem sich angeblich einige Menschen angesteckt haben – wer weiß, ob es die Speisen waren, oder irgendwelche Schmierinfektionen – waren es Anfang dieser Woche Sprossen. Keine Leitersprossen, sondern Keimsprossen, die, wie könnte es anders sein, auf einem Bio-Hof gezüchtet werden. Zu blöd, dass die Überprüfung Entwarnung gab, anstatt endlich einen Schuldigen zu präsentieren. Dabei liebt die Presse, gerade in den Sommermonaten, Schuldige, mit denen sich Überschriften basteln lassen. Mal davon abgesehen: den Erregerherd nicht gefunden zu haben bedeutet, dass sich jederzeit wieder viele Menschen anstecken können. Also doch in Panik geraten und auf puren Fleischgenuss umsteigen?

 Lieber nicht, denn: die Mischung macht‘s, immerhin sorgen normalerweise fleischige Gerichte für solche Infektionswellen. Was also dann? Alles auf über 70 Grad zu Tode kochen? Ich umgehe in solchen Fällen gerne große Handelsketten, kaufe beim Bauern um die Ecke oder hole mein junges Gemüse aus den Gärten meiner Omas. Wer also auf eigenen Anbau umsteigen kann, weiß, dass es sich so etwas in solchen Momenten lohnt. Aber auch Tiefkühlgerichte haben in Krisenzeiten dieser Art Konjunktur, denn immerhin war das Gemüse beim Einfrieren noch völlig bedenkenlos genießbar. Und die meisten Vitamine halten sich durchaus, da frische Früchte gleich nach der Ernte schockgefrostet werden. Immerhin ein Kompromiss, bis die nächste mögliche Quelle durch alle Nachrichten wandert. Und was denkt ihr über EHEC?

Eure Eva

Vorschau: Wieso Lea in letzter Zeit nicht so gerne in die Nachrichten schaut, außer bei „L’Ottimista“, gibt es an dieser Stelle nächsten Mittwoch.

Kinder und Krankheiten

 Kinderkrankheiten sind ja mal wirklich saublöd.

 Erstens brechen sie mit absoluter Vorliebe um drei Uhr nachts aus. Wenn um drei Uhr nachts die Schlafzimmertür aufgeht, ein kleines Etwas zu mir ins Bett schleicht, oder neben mir aus dem Schlaf hochschreckt, kann ich garantiert sagen, dass ich am nächsten Tag, übermüdet, mit Kinderrotz, Tränen oder anderen Körperausscheidungen bekleckst, beim Kinderarzt abrücke, nur um mit einem Packen kindergerechter Medikamente wieder nach Hause zu kommen. Um drei Uhr nachts. Das ist die magische Zeit. Manchmal liege ich still da, mit offenen Augen, lausche in die Dunkelheit und hoffe inständig, kein Krähen zu hören, keinen Mucks, nicht mal ein kleines „M“. Und wenn dann doch, bin ich schnurstracks auf den Beinen. Das ist das zweite große Problem an Kinderkrankheiten.

Sie rauben den Eltern den Schlaf. Nicht nur den, den man zwischen drei und vier hat. Sondern in regelmäßigen Abständen, bei mir im zwei Stunden Takt, gibt es ein erneutes Aufschrecken. Das sieht dann so aus. Drei Uhr: Aufwachen, halb vier: gröbste Krankheitsanzeichen hemmen, vier Uhr: trösten, halb fünf: versuchen einzuschlafen, fünf Uhr: wieder Aufwachen,…

Um acht stell ich dann erstaunt fest, dass ich schon wieder in der Kinderarztpraxis anrufen kann. Dann geht es damit weiter, dass ich irgendwie organisieren muss, ob und wie ich in die Uni komme, bzw. wer denn mein Kind hüten kann. Beim Kindergarten anrufen, ein Auto herbeischaffen, denn unseres steht wahrscheinlich vor der Schule, in der mein Verlobter als Referendar arbeitet. Denn schließlich sind wie am dritten Minuspunkt der gemeinen Kinderkrankheiten: Das ganze Drumherum. Das regt ja so was von auf. Nicht schlimm genug, dass das eigene Kind krank ist, Fieber hat, jammert, etc. NEIN Da gibt es einfach noch abermillion Kleinigkeiten, die tatsächlich Aufmerksamkeit verlangen. Nach der schon erwähnten langwierigen Nacht.

Zum Schluss aber, denn aller guten Dinge sind eben nicht immer nur drei, das hinterlistigste an Kinderkrankheiten. Sie heißen Kinderkrankheiten, haben können sie aber alle. Vor allem auch Mütter. So ergangen mir letztes Wochenende, als die Kindergarten-Magen-Darm-Grippe plötzlich befand, dass ich ein viel reizvolleres Opfer wäre. Mit einem Mal fand ich mich beim notärztlichen Bereitschaftsdienst wieder, weil ich total dehydriert nichts mehr außer wimmern und würgen konnte. Keine schöne Erfahrung. Und das obwohl ich dachte, nach vier Monaten übelster Schwangerschaftsübelkeit so einiges gewöhnt zu sein. Das hat mich dann doch überrascht.

Und der wirkliche Gipfel über all diesen Negativpunkten ist: Es gibt kein Entkommen. Sie sind wie die Borg die daherkommen, „Wiederstand ist Zwecklos“ murmelnd, und alles befallen, was in ihre Nähe kommt. Nein, da gibt es nur die Möglichkeit: Augen zu und durch. Und wenn es beim Notarzt endet.