Mecklenburg-Vorpommern und die AfD

KOMMENTAR: Am vergangenen Sonntag, den 4. September 2016, setzen bei der siebten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern rund 62 Prozent der rund 1.300.000 Wahlberechtigten ihre Kreuze. Etwa jeder achte Wahlberechtigte wählt dabei die „Alternative für Deutschland“ – kurz AfD genannt. Die AfD wird damit aus dem Stand die zweitstärkste Kraft im mecklenburg-vorpommerischen Parlament und mit knapp 21 Prozent belegt sie achtzehn der verfügbaren 71 Sitze. Dagegen bringen die Parteien „Die Linke“ und die CDU sogar die niedrigsten Zustimmungswerte seit 1990 ein. Beim Wahlverhalten wird deutlich, wie gespalten das Bundesland zu sein scheint: Der Westen wird in den Grafiken nahezu flächendeckend rot gefärbt dargestellt, während die CDU vor allem rund um den Wahlkreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel Erfolge verbuchen kann. Die AfD wiederum hat vor allem bei den Wählern im äußersten Osten Mecklenburg-Vorpommerns gepunktet. In Vorpommern, zum Beispiel auf Usedom, hat die AfD mit mehr als 32 Prozent das höchste Wahlergebnis bei den Zweitstimmen im gesamten Land erzielt und kann ein Direktmandat für sich verbuchen. Das Ganze hat nur ein Gutes: Offenbar verliert die Nationaldemokratische Partei Deutschlands, die NPD, nachhaltig an Bedeutung – und rund 20.000 seiner Wähler an die AfD. Denn sie bleibt mit drei Prozent ohne Sitz im Parlament.

Die regierende SPD bleibt zwar stärkste Kraft, Grüne und FDP hingegen fallen ebenfalls unter die Fünf-Prozent-Hürde – entsprechend werden Koalitionsverhandlungen wohl nur zwischen SPD und CDU stattfinden. Damit wird wohl das bestätigt werden, was immer wieder von Seiten populistischer Redner heraufbeschworen wird: Die Großparteien machen es sich mit einer großen Koalition bequem und wollen angeblich nichts verändern. Der Status quo ist das Maß aller Dinge, sind doch die Bürger eigentlich zufrieden mit ihrer Lebenssituation. Aber jetzt wird diese Zufriedenheits-Gutwetter-Front mit einer Opposition in den Dialog treten müssen, die eigentlich alles verändern will: „alternativ“ heißt hier das Stichwort.

Laut der Wahlanalyse von Spiegel-Online am 5. September 2016 konnte die AfD hauptsächlich Arbeiter, Arbeitslose und Selbstständige in den Mittdreißigern mobilisieren. Nach Analysen des Umfrageinstituts Infratest Dimap konnte die Partei mit 56.000 ehemaligen Nichtwählern mehr Personen erreichen, als alle bereits zuvor vertretenen Parteien zusammen. Außerdem zeigt die Statistik der Wählerwanderung an, dass 23.000 CDU-Wähler und 16.000 SPD-Wähler im Vergleich zu den Wahlen 2011 den Rechtspopulisten ihre Stimme gegeben haben. Sogar von den Linken-Wählern schwenken rund 18.000 zur AfD um. Diese Tatsache beinhaltet bereits das Erfolgsgeheimnis: Die AfD ist „die neue Protestpartei“. Sie ist in aller Munde, sogar populär. Die Wortverwandtschaft zu populistisch ist da nur eine Kleinigkeit, die nicht jedem direkt ins Auge springt.

Wählerbefragungen ergeben schauriges: Befragt nach dem Grund ihrer Wahlentscheidung geben 66 Prozent der AfD-Wähler an, ihr Kreuz aus Enttäuschung über die etablierten Parteien gemacht zu haben. Nur 25 Prozent sagen, dass sie von der AfD überzeugt sind. Ein erschreckender Trend, der sich darin fortsetzt, dass die Parteispitze angibt, keine Politik gegen Flüchtlinge gemacht zu haben. Ihre Wählerschaft hingegeben gibt zu 52 Prozent bei Rückfrage genau dieses Thema als wahlentscheidend an.

Die AfD wird in der Hauptsache von den Wahlstimmen der Männer getragen. Denn immerhin 25 Prozent aller männlichen Wahlbeteiligten setzten dort ihr Kreuz. Sie sind womöglich verunsichert, denn im vergangen Jahr sind viele Menschen nach Deutschland gekommen und auch diese sind hauptsächlich männlich. Hier bahnt sich ein nach Testosteron riechendes Konkurrenzempfinden an. Der weiße Mann fürchtet sich. Nicht unbedingt um seine eigene Zukunft, sondern um die Zukunft „seines Landes“.

Das Ende der Toleranz

Kommentar: Obwohl Deutschland verfassungsrechtlich gesehen an keine Staatskirche gebunden ist, ist der Einfluss der christlichen Glaubenslehre auf die deutsche Lebenswelt – auch im 21. Jahrhundert – nicht zu übersehen: christlicher Religionsunterricht wird an staatlichen Schulen in den meisten Bundesländern unterrichtet, der Jahresablauf ist durchzogen von allerlei christlichen Feiertagen und die traditionell stärkste politische Kraft in Deutschland weist sich gar namentlich als „christlich“ aus. Man mag den Eindruck gewinnen, dass sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer weniger Menschen mit der christlichen Glaubensgemeinschaft identifiziert haben, und doch lässt sich ein Einfluss christlicher Wertvorstellungen auf Alltag und Gesellschaft kaum verleugnen.

Dass aber die Lebensgestaltung vieler Gläubige gerade mit katholischen Glaubens-inhalten inzwischen nicht mehr allzu viel gemein hat, das hat nun auch der Vatikan anerkannt. Um dem Modernisierungsdruck zu begegnen, hatte Papst Franziskus eine Synode im Vatikan einberufen, an der in den vergangenen zwei Wochen rund 180 Kardinäle und Bischöfe teilnahmen. Synoden dienen eigentlich der Beratung des Papstes durch Bischöfe. Doch bei dieser Familiensynode standen Debatten um den Umgang mit Homosexuellen und Geschiedenen auf dem Programm. Themen also, denen sich die katholische Kirche dringend zu stellen hat.

Nun treffen in der katholischen Kirche bei Grundsatzfragen immer wieder zwei Lager aufeinander: Konservative Hardliner wollen die Religionsausübung streng nach biblischer Lehre ausrichten, während für progressivere Kreise eine Orientierung an den Bedürfnissen der Gläubigen vorgenommen wird. Ein Zwischenbericht, der auf Kardinal Péter Erdő zurückging, machte neugierig: Erdő hatte etwa mögliche Änderungen zur Wiederheirat Geschiedener und mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen angedeutet. Das stieß allerdings prompt auf heftige Widerworte, etwa durch den deutschen Kardinal und Vorsitzenden der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller, der die Inhalte des Zwischenberichts als „unwürdig, schändlich, vollkommen falsch“ bezeichnete. Kardinal Fernando Filoni erklärte, bei dem Zwischenbericht habe es sich lediglich um ein Arbeitspapier gehandelt.

Letztlich scheiterten die Bestrebungen für mehr Toleranz an fehlenden Mehrheiten. An eine Gleichsetzung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen mit der traditionellen Ehe hatte im Vorfeld wohl keiner gedacht. Doch immerhin hatte man darüber abgestimmt, Homosexuellen zukünftig mit „Respekt und Taktgefühl“ zu begegnen – was 62 Stimmberechtigte ablehnten. Auch Geschiedene sollen vorerst nicht erneut zur Kommunion zugelassen werden. Zwei-Drittel-Mehrheiten wären notwendig gewesen, um die Meinung der Synode widerzuspiegeln. Letztlich liegen solche Entscheidungen zwar beim Papst, nicht bei der Synode. Die Botschaft, die von dieser Sperrhaltung ausgeht, scheint aber das öffentliche Bild der katholischen Kirche zu bestätigen. Geradezu menschenverachtend wirken die Worte des Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz, der es nicht für akzeptabel hält, Homosexuellen die Verantwortung für Minderjährige zu überlassen. Der amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke hingegen merkt an, dass viele Diskussionen, die auf der Synode geführt wurden, direkt den Lehren Jesu, „Wahrheiten, die sich nun einmal nicht verändern lassen“, zuwiderlaufen.

Vielleicht ist es an dieser Stelle tatsächlich einmal an der Zeit, über Toleranz zu sprechen – und zwar nicht über Toleranz gegenüber Homosexuellen und Geschiedenen, sondern über Toleranz gegenüber eben solchen überkommenen Glaubensvorstellungen. Dass diese dem heutigen Zeitgeist kaum noch entsprechen, das vermag die politische Bühne eindrücklich zu verdeutlichen. Denn sogar die namentlich christliche Union lässt sich gegenwärtig kaum noch zu entsprechenden Aussagen hinreißen. Werden solche Aussagen aber doch einmal getätigt – etwa zum Thema der rechtlichen Gleichstellung der „Homo-Ehe“ – folgt regelmäßig ein öffentlicher Shitstorm.

Dogmatisch werden hier Menschen stigmatisiert und benachteiligt. Was in vielen anderen Sphären zum abrupten Karriereende führen könnte, ist nach biblischer Lehre noch immer salonfähig. Es scheint uns heute leicht zu fallen, mit dem Finger gen Mekka zu zeigen und kopfschüttelnd von Diskriminierung zu sprechen. Dabei scheinen wir zu übersehen, dass im so fortschrittlichen Deutschland auch heute noch eine einflussreiche Organisation waltet, die sich selbst die Diskriminierung zahlloser Menschen auf die Banner gepinselt hat – weil jahrtausendealte Lehrsätze eben das propagieren.

Tragisch ist das einerseits natürlich aufgrund der dogmatischen Indoktrination, für die die Kirche steht. Tragisch ist das aber auch, weil in Deutschland Kirche und Staat zwar voneinander getrennt sind, dennoch aber partnerschaftlich agieren. Unzählige kirchliche Hilfsorganisationen werden zu großen Teilen vom Staat finanziert – und bei allem Respekt vor deren Leistungen muss man eben auch sagen: Damit erhalten diese intoleranten Glaubensvorstellungen einen direkten Einfluss auf das Leben von Menschen, die sich in gravierenden Lebenskrisen befinden.

Ein solch dogmatischer Glaubensapparat scheint kaum noch mit den Vorstellungen eines aufgeklärten 21. Jahrhunderts vereinbar. Es bleibt zu hoffen, dass sich die katholische Kirche künftig von solch überkommenen Vorstellungen abwendet – die nächste Chance bietet sich bereits im Herbst des nächsten Jahres, auf der sie sich in einer neuen Synode erneut mit den in den vergangenen zwei Wochen diskutierten Problemen auseinander setzen soll.

Bösewicht Russland?

KOMMENTAR: Die Krim-Krise ist derzeit das wohl bestimmende Thema der internationalen Politik und schnell herrscht Einigkeit: Russland ist der Bösewicht. Russland ist eine autoritär regierte Großmacht, die Menschen- und Völkerrecht mit Füßen tritt und auch vor provokativen militärischen Drohgebärden nicht zurückschreckt.

"Priwjet", "Hallo": Dialog auf Augenhöhe kann helfen, Ängste und Vorbehalte zu überwinden. (©Dieter Schütz/Pixelio.de)

„Priwjet“, „Hallo“: Dialog auf Augenhöhe kann helfen, Ängste und Vorbehalte zu überwinden. (© Dieter Schütz/Pixelio.de)

Natürlich ist diese Meinung nicht an den Haaren herbeigezogen, sie ist durchaus gerechtfertigt. Aber die gesamte Nation Russland pauschal als Verbrecher abzustempeln, das kann trotz allem nicht angehen.

Immerhin hat der Westen selbst genug Dreck am Stecken. Wer erinnert sich noch an die NSA-Affäre? War es nicht so, dass sich der amerikanische und der britische Staat hier ebenso wenig für die Rechte ihrer Bevölkerung und die anderer Staaten interessiert hat? Oder nehmen wir Guantánamo und den Anti-Terror-Kampf der westlichen Welt: Zählen hier Menschenrechte? Und was die Wahrnehmung als imperialistische, expansionistische Großmacht angeht – sind andere Nationen in diesem Punkt etwa besser, sticht Russland hier etwa als Ausnahme hervor? Nun ja, Moskau hat in der Angelegenheit um die Krim einen durchaus aggressiven und militanten Kurs eingeschlagen. Doch auch die US-Amerikaner und wir Europäer agieren als imperialistische Großmacht, wenn auch meist subtiler und perfider. Die Vereinigten Staaten und die europäischen Nationen greifen bevorzugt zur ökonomischen Keule und manipulieren andere Staaten mit wirtschaftlichen Zwängen so, dass sie nach ihrem Willen handeln. Und wenn der Westen unter der Führung der USA am Ende doch militärisch eingreift, dann ja nur im Namen der Menschenrechte als selbsternannte Weltpolizei.

Selbst wenn wir es so stehen lassen wollen, dass Russland eine aggressive und oft störrische Außenpolitik betreibt, dürfen wir dann das ganze russische Volk dämonisieren? Sind alle Russen gleich böse? Wer jemals die Gelegenheit hatte, Russen oder Bewohner anderer Nationen der ehemaligen UdSSR kennenzulernen, der wird schnell festgestellt haben: Die sind ja nett! Ja oftmals sogar netter, offener und herzlicher, als so mancher Vertreter aus dem „Westen“. Zu Beginn mögen Russen eher verschlossen und distanziert wirken. Aber wer sich die Mühe macht, einen tiefer gehenden Kontakt aufzubauen, der wird schnell merken, dass hinter der Fassade aus „Stahlbeton“ meist ein herzensguter Mensch versteckt ist.

Natürlich müssen wir bei solchen Annäherungen darauf achten, unsere westliche Arroganz im Zaum zu halten. Wer Russen begegnet, der sollte selbst offen genug sein, um zu wissen, dass es eben nicht überall exakt so wie im „Westen“ sein muss oder sein kann. Vielleicht ist es ja das überhebliche Auftreten des Westens, das unsere Nachbarn im Osten mit Kälte und Härte reagieren lässt. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass wir, der Westen, eben nicht das Mandat einer Weltpolizei innehaben, genauso wenig wie das Patent auf die einzig legitime Weltordnung und Weltanschauung. Wahrer Dialog kann nur mit Erfolg geführt werden, wenn er mit gegenseitigem Respekt, wenn er auf Augenhöhe stattfindet.

Wir müssen schlicht unsere Angst vor dem „Ungeheuer Russland“ überwinden. Diese Angst wurzelt wohl darin, dass Russland so fern und so unbekannt scheint. Auch mag ich nicht leugnen, dass so manche Erfahrung aus der Vergangenheit – sprich Weltkriege und später Kalter Krieg – zu dieser reflexartigen Furcht beigetragen haben mag. Trotzdem sollten wir uns daran machen, diese Angst abzuschütteln, indem wir offen und ohne erhobenen Zeigefinger auf Russland zugehen, sowohl im Großen auf der politischen Bühne, als auch im Kleinen auf privater Ebene.

Claudia Schiffer oder Nachwuchsdesigner – um wen geht‘s in „Fashion Hero“?

KOMMENTAR: Die Fernsehsendung „Fashion Hero“ mit Claudia Schiffer, die vom 9. Oktober bis zum 27.November auf ProSieben ausgestrahlt wurde, sorgt in der Medienwelt zurzeit für massig Gesprächsstoff. Nachdem der Münchener Designer Marcel Ostertag, der seine Mode schon mehrmals auf der Berliner Fashion Week präsentiert hat, das Finale der Fernsehsendung gewann, sind die Diskussionen groß.

Eine Focus Online-Leserin bringt die Kritik in einem Kommentar auf den Punkt: „Hätte man sich mehr an das US Format eines „Project Runway“ angelehnt, hätte das durchaus was werden können. Ich denke, dass in Deutschland generell kein großes Interesse an solchen Sendungen besteht. Und die Juroren (außer Claudia Schiffer) kannte wohl auch keiner“. Nicht nur die Einschaltquoten liegen unter einer Million, sondern auch Ex-Model Claudia Schiffer wird heftig kritisiert. Es ständen nicht die Nachwuchsdesigner im Mittelpunkt, sondern Frau Schiffer mit ihren strahlend weißen Zähnen. Focus Online nennt sie sogar die „bestaussehende Fehlbesetzung“, denn richtig viel habe sie zur Fernsehsendung angeblich nicht beigetragen, außer ein paar Worten zu Kollektionen die sie „cool und edgy“ findet. Dass nun auch ein Designer zum talentiertesten Jungdesigner Deutschlands gewählt wurde, der den Fuß schon in der Türe hatte, lässt Schiffer in einem noch schwärzeren Licht stehen.

ProSieben sucht über „Fashion Hero“ Jungdesigner, die Sinn für Massengeschmack haben. Es sollen keine Entwürfe sein, die Emotionen erwecken und Menschen berühren, wie es auf manchen internationalen Schauen das ein oder andere Mal passiert. Reicht diese Massenabfertigung denn aber aus für eine gute Show? Ganz ohne Emotionen? Wohl nicht, denn auch mit einer wahnsinnig aufwendigen Bühnenshow, bei der Flammen aus der Bühne kommen oder Models von der Decke abgeseilt werden, kann Schiffer die Masse nicht begeistern. Außerdem ist es dem Zuschauer egal geworden, was aus Schiffers Schützlingen einmal wird oder ob sie ihren großen Traum Mode zu machen weiterhin verfolgen. Denn er erfährt ohnehin nichts über den Nachwuchs, geschweige denn über den Designprozess. Die Kritik der Juroren ist oberflächliches Geplänkel und weder konstruktiv noch fachlich fundiert. Basierend auf der Idee von Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ ist „Fashion Hero“ nur ein billiger Abklatsch. Schiffer versucht, ihrer Kollegin Konkurrenz zu machen und den gleichen Erfolg zu ernten.

Man merkt schnell, dass sich alles nur noch um Schiffer dreht, und nicht um die Designer, die ihr Können unter Beweis stellen können, indem sie zeigen, dass sie ihre Ideen zu kommerzialisieren wissen. Leider hat die 43-Jährige damit einen Griff ins Klo gelandet. Statt ihrer Rivalin nachzueifern, sollte Schiffer sich lieber darum bemühen, ein Format zu finden, das zu ihrer Persönlichkeit passt.

Vorschau: Nächste Woche geht es darum, wie Luxusmarken digitale Medien nutzen.

Hipster-hassende Versager und heimliche Homosexualität

Die Botschaft ist Party: MC Fitti in seinem neuen Video zum Song Yolo (Foto: Offizielle Facebookseite)

KOMMENTAR Jugendkulturen und insbesondere Musikbewegungen haben schon seit frühster Zeit vieles in Bewegung gesetzt. In den 30er Jahren war es die Swingbewegung, die eine lockere Moral und Lebensfreude als oberste Botschaft hatte. In den 60er Jahren war das Motto Make love not war, die durch Rock`n´Roll begleitet und verbreitet wurde. In den 70er und 80er Jahren war Disco das größte der Gefühle, eine Lebenseinstellung begleitet durch die Klänge von ABBA und Bonnie M und in den 90er Jahren wurde unter den Ravern laut „Hyper Hyper“ gerufen – wie ein Schlachtruf wurde es dahin geschranzt (Anm. d. Red.: Schranz ist eine Tanzform im Technobereich der 90er bis heute). Doch was haben wir heute? Welche Botschaft wird von Musikern weitergeleitet? Wer sind die offensichtlichen Vorbilder einer ganzen Generation?

Die Vorbildfunktion wurde von der Band Die Ärzte weitergereicht. Was damals Männer sind Schweine war, fliegt heute belanglos umher und sucht nach einem würdigen Vertreter.

Auf der Suche nach einer musikalischen Persönlichkeit, der man nacheifern kann, werden merkwürdige Menschen rausgesucht. Einer fängt an und alle ziehen mit.

So traurig das ist, hat der Rapper Moneyboy den Anfang gemacht, indem er das Wort SWAG etabliert hat. Für den Rapper bedeutet das Wort so etwas wie locker sein, cool sein, besonders sein, diesem Wort hat er einen ganzen Song gewidmet und ist damit berühmt geworden. Swag bedeutet ausgeschrieben „Secretly we are gay“, also ein Codewort für Homosexuelle in den 60er und 70er Jahren . Trotzdessen, das nur wenige Moneyboy wirklich mögen, haben sie Gefallen an der Leichtigkeit des Wortes Swag gefunden, ohne bewusst zu hinterfragen, was dieses Wort im genauen bedeutet und so wird er auf eine gewisse Art von allen gefeiert. Um auch die Indiemusikfraktion damit anzustecken, coverten die Band Untertagen das Lied auf gekonnte Art, was die Bedeutung jedoch nicht verändert und die Tatsache, dass so viele Jugendliche es als ihren musikalischen Schlachtruf nehmen.

Doch unter so viel Stumpfsinn und nach so vielen unüberlegten Worten kommt ein neuer Hoffnungsträger. Er macht den Anschein als würde er die jetzige Generation verstehen, verzaubert sie mit seiner Musik und bereichert den Markt schlagartig. Der Künstler, um den es geht, heißt Casper. Mit seinem kometenhaften Durchbruch hat er es mit seiner Musik auf den Punkt gebracht: „Wir scheitern immer schöner, sind Versager mit Stil…“. Eine Einstellung, die viele Jugendliche nachvollziehen können, und diesen Musiker dafür bewundern. Doch durchstöbert man das World Wide Web erkennt man auch da wieder, dass Casper auch nicht viel mehr als ein Mensch ist, der von der oberflächlichen „Dummheit“ angesteckt wurde. Er beleidigt indirekt seine Fans auf seinem Blog Petruskreuz, in dem er darüber lästert, wie nervig er es findet, wenn er bei jedem noch so kleinen Ding getagged wird. Einerseits kann man es natürlich nachvollziehen – wen würde es nicht nerven? – aber das sind Dinge, die nicht in die Öffentlichkeit gehören. Diejenigen, die er auf seinem Blog schlecht macht, sind gleichzeitig diejenigen, die seinen Unterhalt finanzieren. Er stellt stolz Fotos ins Internet, auf denen er offensichtlich betrunken ist. Auch das mag im privaten Rahmen lustig sein, aber wenn eine 12-Jährige sich das als Vorbild nimmt, ist es wiederum sehr traurig.

Und es ist nicht nur Casper, der mit dieser Verantwortung so leichtfertig umgeht. Die Band Jennifer Rostock ist ein Paradebeispiel dafür. Bei ihren Konzerten achten sie natürlich darauf, dass die Menschen, die auf die Bühne geholt werden, volljährig sind, doch hört die Verantwortung mit einer Liveshow nicht auf. Alles, was sie sagen und schreiben, wird von ihren Fans nachgemacht. „Sich einen reinstellen“ (Anm. d. Red.: Sich betrinken) war monatelang Jennifer Rostocks Lebensmotto, was vor allem auf Facebook sehr offen „gelebt“ wurde. Nachdem aber die Gruppe der Nachahmer zu groß wurde, ließen sie das wieder sein. Obwohl sie sich im Grunde über Worte wie Swag lustig machen, verbreiten sie es weiter. Eine 14 jährige findet das witzig und denkt wenn sie genauso sarkastisch ist, dann ist es nicht so schlimm Unwissenheit weiterzutragen.

Diese Kette der Musiker zieht sich immer weiter. Seit Kraftklub ihren Durchbruch mit ihrem Hit „Ich will nicht nach Berlin“ hatten, liegt der Fokus der ganzen Welt auf den sogenannten „Hipstern“. Menschen mit Jutebeuteln, Second hand- Klamotten und einer Möchtergern-coolen Ausstrahlung. Doch den geballten „Hass“ der Band Kraftklub gegen solche Menschen kann man nur die Worte von der Rapgruppe KIZ zitieren: „Ich bin ein Hipster, mache einen Song gegen Hipster“.

Der neuste Trend kommt aus Amerika und wird unter Musikern zelebriert: das Wort „Yolo“, was bedeutet „You only live once“, also man lebt nur einmal. Der Musiker, der seine ganze Karriere auf diesem Motto aufbaut und damit zurzeit durchstartet, ist der Rapper MC Fitti. Mit seinem Song Yolo reitet er die Welle der Belanglosigkeit. Seine Texte sind bedeutungslos, erzählen von den Freuden eines Rapstars, wie viele Menschen er kennenlernt und wie toll er feiern kann.

Natürlich, muss man diese Musiker, so wie Aggro Berlin damals auch, mit einem Zwinkern betrachten und wenn man es versteht und das Ganze nicht so ernst nimmt, ist es natürlich lustig. Leider feiern diese Musik nicht nur erwachsene, die den Witz verstehen, sondern auch Kinder und Jugendliche, die damit erwachsen werden. In der heutigen Zeit gibt es keine wirkliche Botschaft mehr. Wir sind Hipster-hassende Versager, die nur einmal leben und heimlich schwul sind. Make love not war ist gestorben. Vermittelt wird nur noch Leichtigkeit und Frohsinn. Wohin das noch führen wird, weiß man nicht. Ich hoffe nur auf eine positive Entwicklung, aber dazu beitragen können eigentlich nur unsere Musiker da draußen.

Vorschau: Und nächsten Samstag findet ihr an dieser Stelle einen Artikel zu Thema Valentinstag.

Die soziale Bedrohung

„Shitstorm“ – was sich zunächst wie der Name eines Rockfestivals anhören mag, hat in erster Linie etwas mit sozialen Netzwerken zu tun. Dabei kommt die wörtliche Übersetzung des Begriffes seiner eigentlichen Bedeutung sehr nahe. Als „Shitstorm“ bezeichnet man eine soziale Kampagne bestimmter Interessengruppen in sozialen Netzwerken, Blogs und auf Homepages der initiierenden Organisationen. Dabei geht es gewöhnlich um Kritik an Unternehmen, Parteien oder auch Einzelpersonen, mitunter aufgrund ethischer Fragestellungen.

Gerade in der, trotz Nutzerprofils, relativ anonymen Welt des Internets fällt es leichter, seinem Ärger Luft zu machen. Was kann schon passieren? Ein Post oder eine Nachricht als Antwort? Nicht weiter schlimm. Die Tatsache, dass sich negative Nachrichten, vor allem im Bezug auf Unternehmen, in der Regel schneller verbreiten als positive und über das Internet unglaubliche Wellen schlagen, können für das Unternehmen oder die Organisation unangenehme Folgen haben. Besonders gefährdet ist die Reputation (Anm. d. Red.: der Ruf eines Unternehmens und seiner Tätigkeiten im Fachjargon). Die entstehende Eigendynamik der Kampagne führt häufig dazu, dass jeder neue Kommentar die Debatte weiter anheizt und die Äußerungen immer niveauloser und beleidigender werden.

Um die Entstehung und Verbreitung des „Shitstorms“ besser zu verstehen, betrachten wir hier einmal das Beispiel eines großen Unternehmens: Auslöser für die soziale Kampagne könnte ein Blog sein, in dem die Initiatoren zu offener Kritik an dem Unternehmen aufrufen. Besucher der Seite können diesem dann direkt eine E-Mail schreiben, werden aber auch dazu angehalten, andere Kanäle zu verwenden. Auf der offiziellen „Facebook“-Seite können sie Posts des Unternehmens kommentieren oder, falls die Firma ihre Seite dazu freigegeben hat, auch eigene Posts auf deren Pinnwand posten. Auch „Twitter“ und andere Netzwerke eignen sich zur Verbreitung der Kritik. Dennoch ist „Facebook“ zurzeit wohl die einflussreichste Community und mit der richtigen Platzierung der Posts kann dem Ruf eines Unternehmens erheblich geschadet werden.

Ob ein „Shitstorm“ große Wellen schlägt, hängt von der Relevanz der Seiten und Netzwerke sowie der Anzahl und Platzierung der Kommentare ab. Ein negativer Kommentar unter einem Beitrag des Unternehmens, den hunderte Menschen „geliked“ haben, ist eine viel größere Bedrohung als ein eigenständiger Nutzerpost auf dessen Pinnwand, der gerade einmal fünf Fans „gefällt“. Diese Kommentare unter dem beliebten Beitrag des Unternehmens sieht dann nämlich jeder, der den „Gefällt mir“-Button unter diesem Post geklickt hat. Und eben nicht nur diejenigen Fans der Seite, die sich die Mühe machen, die Beiträge an der Pinnwand des Unternehmens zu lesen.

Dies ist auch der Grund, warum viele Unternehmen ihre „Facebook“-Seite für Kommentare Dritter öffnen. So können Kritiker sich direkt äußern. Dennoch hofft man, dass viele, die sich nicht mit den Dynamiken des sozialen Netzwerkes auskennen, diesen Weg bevorzugen und die Kritik dadurch eine geringere Reichweite hat. Mittlerweile gibt es jedoch eine Menge Nutzer, die sich bestens auskennen und Kommentare geschickt unter Beiträge mit vielen Likes platzieren.

Ein „Shitstorm“ erledigt sich jedoch gewöhnlich von selbst, wenn das Interesse der breiten Masse abnimmt und sich die Nutzer der Netzwerke wieder anderen Themen zuwenden. Die Gefahr einer sozialen Kampagne wird aber weiter steigen, da sich immer mehr Menschen sozial vernetzen und Unternehmen und Institutionen in den gleichen Netzwerken vertreten sind. Das Krisenmanagement sollte dementsprechend vorbereitet sein!

Körperschmuck – ja, nein, vielleicht?

Vielleicht ein Blumenmotiv auf der Schulter oder doch besser chinesische Zeichen auf der Wirbelsäule? Vielleicht stände mir ein Nasenpiercing ja ganz gut? Oder doch lieber ganz „natura“ bleiben? Wer sich diese und ähnliche Fragen stellt, ist hier genau richtig. Face2Face hat vier Personen zum Thema Tattoo und Piercing befragt. Was dabei rausgekommen ist? Lest selbst:

 „Ich habe einen Drachen auf der rechten Schulter und würde mich jederzeit wieder tattoowieren lassen“, erzählt Frank Kayser. Der 24-jährige gelernte Schlosser findet die deutschen Gesetze bezüglich Tattoo und Piercing – ab 16 Jahren mit Erlaubnis der Eltern, ab 18 Jahren auch ohne – gerechtfertigt. „Jeder sollte mit seinem Körper anstellen können, was er oder sie möchte. Allerdings müssen zum Beispiel Intimpiercings bei 16-Jährigen nicht sein“, meint er. Bei Schriftzügen in fremden Sprachen sei es wichtig, sich vor dem Tattoowieren ausgiebig über deren Bedeutung zu informieren. „Wenn am Schluss ˊWaschmaschineˋ anstelle deines Namens auf deinem Rücken steht, ist das mehr als blöd“, fügt er grinsend hinzu. Des Weiteren rate er vor allem dazu beim Tattoowierer des Vertrauens auf hygienische Zustände zu achten. Auch sei es wichtig, sich erst einmal einige Werke des Tattoowierers anzusehen und mit Leuten zu sprechen, die sich bereits dort tattoowieren ließen. „Ich würde außerdem dazu raten, sich nichts allzu Sichtbares stechen zu lassen, da das bei manchen Arbeitgebern auf Wiederstand stoßen kann“, sagt Kayser. Als nächstes wolle er sich die Wade und den Rücken tattoowieren lassen. „Auf der Wade soll es ein auf die altmodische Art mit einem kleinen Hammer gestochenes Motiv geben und auf dem Rücken will ich mir ein Tribal stechen lassen. Das kann ich dann nach Belieben erweitern oder verfeinern lassen.“

Klein, aber fein: Heike Arnolds Tattoo (Foto: privat)

 „Ich wollte schon immer ein Tattoo, aber meine Angst vor Nadeln hat mich davon abgehalten.  Irgendwann hat mir mein Mann einen Gutschein für ein Tattoo geschenkt. Ich war so überrascht, dass ich direkt in dem Restaurant, in dem wir waren, auf einer Serviette einen Entwurf dafür gezeichnet hatte“, erzählt Heike Arnold. Sie entwerfe ihre Tattoos selbst. Auch für das nächste – dann im Nacken – habe sie schon einen Entwurf gezeichnet. Zwar bereue sie ihr Tattoo bisher nicht, möchte sich aber beim nächsten Mal ein Bio-Tattoo stechen lassen. „Das ist dann nicht so endgültig“, sagt sie. Mindestens zwei Wochen sollten ihrer Meinung nach zwischen der Entscheidung sich ein Tattoo stechen zu lassen und dem tatsächlichen Termin liegen. „So eine Entscheidung muss reifen“, meint die 43-jährige Hausfrau, „ich persönlich würde sowas nicht aus einer Laune heraus machen.“ Ab 16 Jahren, findet sie, sollte man sich ohne Zustimmung Erziehungsberechtigter tattoowieren und piercen lassen dürfen. Ihr Rat für alle Tattoo-Anfänger: „Ich gehe nur in ein  Tattoostudio, das mir persönlich von jemanden aus meinem Umfeld empfohlen wurde. Außerdem spielen natürlich auch Sauberkeit und Hygiene eine große Rolle.“

 So sieht das auch Sandra Leone. Die 30 Jahre alte Erzieherin findet darüber hinaus, dass es wichtig sei, sich beim Tattoowierer wohlzufühlen. „Ich habe drei Tattoos: eine Rose auf dem rechten Schulterblatt, einen Babylöwen mit dem Schriftzug Felice an der Leiste und meine Initialen am linken Handgelenk“, erzählt sie, „außerdem habe ich ein Bauchnabelpiercing.“ Ihr erstes Tattoo habe sie schon mit 16 Jahren gewollt. „Da ich rote Rosen liebe, stand das Motiv sofort fest. Trotzdem habe ich noch vier Jahre gewartet bis ich es mir habe stechen lassen“, berichtet Leone. Bei ihrer zweiten Tattoowierung habe sie sogar acht Jahre gewartet. „Ich finde es wichtig, dass man sich sicher ist, was man will und wo. Und ob das auch so bleibt. In der Zeit, in der ich gewartet habe, hat sich an meiner Idee nichts geändert und somit war es für mich klar, dass ich es genauso machen lasse“, sagt sie. Dass man sich erst mit 18 Jahren tattoowieren und piercen lassen dürfe, findet sie okay. Schließlich sei zumindest eine Tattoowierung etwas, das man sein ganzes Leben lang behalte. Für die nähere Zukunft plane sie sich Piercings über den Schriftzug an der Leiste stechen zu lassen. Über die Risiken des Piercen sei sich jedoch bewusst. „Es kann immer etwas schiefgehen. Schließlich ist es ein Eingriff am Körper.“

Die Leidenschaft zum Karate verewigt: Andreas Dilevas Wade (Foto: privat)

 Er bereue keines seiner beiden Tattoos, sagt Andreas Dileva. „Ich wurde durch einen Freund inspiriert, der sein Sternzeichen auf dem Rücken hatte. Das habe ich dann auch gemacht – nur eben auf dem Oberarm“, fügt der 40-Jährige hinzu. Allerdings gefalle ihm dieses Tattoo mittlerweile nicht mehr. „Es ist nicht sehr schön geworden, deshalb möchte ich es demnächst überstechen lassen“, erzählt der Karatetrainer, „es soll ein Shotokan-Tiger werden.“ (Anmerkung der Redaktion: Shotokan ist eine Stilrichtung der japanischen Kampfsportart Karate). Die Leidenschaft zu seinem Sport, habe er auch auf seiner Wade verewigt: Karate DO (zu Deutsch: Weg der leeren Hand) steht dort in japanischen Schriftzeichen. Das deutsche Gesetz, demzufolge man sich erst ab der Volljährigkeit ohne Zustimmung der Eltern tattoowieren und piercen zu lassen darf, empfindet auch er als berechtigt. „Mir gefallen die Tattoos etwas älterer und reiferer Menschen meistens besser. Einfach deshalb, weil sie ein wenig vom Leben widerspiegeln“, erklärt Dileva. Namen von Partnern oder sinnlose Motive, die zwar schön aussehen aber keine tiefere Bedeutung hätten, gefallen ihm hingegen weniger. Seine Tipps für all diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, sich tattoowieren zu lassen: „Zuerst einmal sollte man sich ausreichend Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, welches Motiv man sich wohin stechen lassen will, da es nicht immer von Vorteil ist, wenn die Tattoowierung gesehen wird, beispielsweise im Job. Außerdem kann es hilfreich sein, sich auch mit Freunden und Verwandten auszutauschen.“

Vorschau: Nächste Woche gibt´s eine weitere Folge meiner Ausgehtipps-Serie, in deren Rahmen ich euch Näheres zum „1001 Nacht“ in Speyer berichten werde. Ihr dürft gespannt sein!