Oum Khaltoum – die Göttin der arabischen Klassik

Oum Khaltoum, eigentlich Umm Kultum Fatima Ibrahim as-Sayyid al-Baltagi, geboren im Ägypten des frühen 20ten Jahrhunderts, ist die legendäre Sängerin und Musikerin des Abendlandes und genießt heute noch Ruhm und Anerkennung im mittleren Osten wie kein anderer Künstler vor oder nach ihr. Ihr Vermächtnis an die arabische Musik kann mit dem von Maria Callas und den Beatles in der westlichen Welt verglichen werden.

Die Tochter eines Iman wuchs mit zwei Geschwistern in einem kleinen Dorf namens Ad-Daqahilyya und begann ihre Karriere auf ziemlich ungewöhnlichem Wege. Oum Khaltoums Vater war Iman in der Moschee ihres Dorfes. Er verdiente als Koranrezitator, begleitet von seinem kleinen Sohn und einem Orchester das Familieneinkommen. Ihr Vater entdeckte ihre Stimme und ihr Talent, als er sie mal dabei ertappte, wie sie seine Rezitationen nachahmte. Ihr Vater entschied, sie von nun an, gemeinsam mit ihrem Bruder mit auftreten zu lassen.

Lange war Oum Khaltoum mit diesem Ensemble mit Bruder und Vater unterwegs und war schnell in ganz Kairo bekannt. Im Jahre 1920 begegnete sie Scheich Zakariyya Ahmad, dem sie vorsang. Er sagte später, dass er ihre Stimme nicht mehr vergessen konnte. Er war der erste, der ihr musikalisch die Türen öffnete und derjenige, der ihr Engagements in Kairo verschaffte. Auch Scheich Abu I-lla, einer der führenden religiösen Sänger und Hauptvertreter der klassischen islamischen Gesangstradition, den sie 1923 kennenlernte, unterrichtete Oum Khaltoum und zeigte ihr vor allem wie man Worte in Töne ausdrückt.

Im sogenannten „Goldenen Zeitalter des Gesangs“, den 50er und 60er Jahren, schaffte die Ägypterin auch ihren internationalen Durchbruch und trat in Städten wie Damaskus, Bagdad, Beirut und Tripolis auf. Im Mai 1934 weihte sie den ersten ägyptischen Rundfunksender „Radio Cairo“ ein. Sie startete sogar eine Schauspielkarriere.

Zu ihren größten und unvergesslichen Meisterwerken zählen wohl „Enta Omri“ (dtsch.: Du bist mein Leben) und „Alf Leyla wa Leyla“ (dtsch.: 1001 Nacht). Ihre romantischen, teils melancholischen Texte, verbunden mit ihrer starken und doch zärtlichen Stimme werden auch heute noch von Marokko bis Oman mit Nostalgie und Liebe zelebriert.

Am 03. Februar 1975 starb Oum Khaltoum an einer Nierenentzündung, nachdem sie Jahre zuvor Erkrankungen an Galle und Leber erlitt. Mehrere Millionen versammelten sich bei ihrer Beerdigung und trugen ihren Sarg stundenlang durch die kleinen Straßen und Gassen Kairos, bevor sie beigesetzt wurde.
Sie bleibt die Stimme Ägyptens, die Göttin der arabischen Musik. Ihr Lebenswerk, womit sie die arabische Kultur und Musik bereicherte, bleibt unsterblich.

Konzertkritik zu Ludovico Einaudi

Der 2011 erschienene Film „Ziemlich beste Freunde“ von den Regisseuren Olivier Nakache und Éric Toledano war ein großer kommerzieller Erfolg. Die meisten die man nach diesem Werk fragt kennen den Film und die Geschichte um den französischen Mann im Rollstuhl mit seinem Pfleger. Der italienische Komponist Ludovico Einaudi schrieb zu diesem Film die Musik. Um bewegende Momente zwischen den beiden Protagonisten deutlicher hervorheben zu können, ließ man Einaudi Klavierballaden, die von Violinen und Chelli begleitet werden, schreiben. Man sollte sich somit auf einen ruhigen und eher klassischen Abend einstellen, wenn man eines seiner oft ausverkauften Konzerte besucht. Für die Face2Face-Musikredaktion galt es somit am Mittwoch, den 2. April sich wieder einmal in Ihrer musikalischen Vielfalt zu beweisen und sich von Einaudi überraschen zu lassen.

So kam es nun, dass man sich gleich nach dem Arbeitstag aufmachte sein Sakko überzustreifen und in Richtung Karlsruhe in die Stadthalle – Brahmsaal zu bewegen.

Die Fahrt mit dem Auto stellte kein Problem dar. Die Stadthalle ist gut zu erreichen und Parkmöglichkeiten gibt es zum einen in dem genau nebenanliegenden Novotel oder zum anderen in dem Parkhaus unter der Stadthalle. Das Parkticket wurde gezogen, das Sakko zurecht gezupft und dann ging es auch schon los. Über die Treppen der denkmalgeschützten Säulenvorhalle aus dem Jahre 1915 kommt man direkt in das Foyer. Den Gebäudekomplex muss man sich wie folgt vorstellen: Das Gebäude stellt den Kokon dar, indem ein von Säulen gestützter Raum „schwebt“. In diesem Raum zeigte der Komponist sein Können.

Beim Betreten des Gebäudes fällt auf, dass nicht nur die stereotypischen Klassische-Musik-Hörer die nach dem Konzert aufstehen und „Da Capo“ statt „Zugabe“ rufen zu finden sind, sondern auch Menschen in dem Alter der Face2Face-Redaktion sich gerne dieses Konzert von  Einaudi ansehen möchten.

Nach einer leider staubtrocknen Bretzel und dem Überblättern des hauseigenen Magazins ist es auch schon 19.30 Uhr und die Türen zum Saal öffnen sich. Nach weiteren 30 Minuten und unendlich vielem Husten, Räuspern oder „Kann es sein, dass Sie auf meinem Platz sitzen?“ geht es nun los.

Mit dem Dämmen des Lichtes und dem Verstummen der Menge im vollbesetzten Saal, sieht man wie ein Mann sich an eine übergroße Trommel stellt und seine beiden Schlägel langsam nach oben richtet. Mit den ersten Schlägen finden sich langsam die restlichen Musiker des Ensembles auf der Bühne ein. Das Ensemble besteht aus Musikern an vier Violinen, zwei Chelli, zwei an den Percussions, einen Bassisten, einen am Keyboard und natürlich Einaudi am Klavier.

Nach den ersten Takten wird nun schnell klar, dass diese Musik etwas Besonderes ist. Durch Lieder wie „Primavera“, „I giorni“ oder auch das aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“ bekannte „Una Mattina“ lässt Einaudi die Menschen vergessen wo sie sind, was sie gemacht haben oder woher sie kommen. Jeder lässt sich in die entspannende fast melancholische Musik sinken und vergisst alles um sich herum. Die Gedanken fangen an im Kopf zu wandern und eigene Filmszenen, zu denen diese Musik wie gemacht zu seien scheint, zu bauen. Einaudi spielt aber auf keinen Fall nur ruhige Lieder, sondern schafft die perfekte Abwechslung seiner Werke von beruhigend zu dynamischen – mitreißend. Man erwischt sich wie man langsam anfängt zu grinsen und gar nicht merkt wie die Zeit oder auch der Alltag der Arbeit an einem vorbeizieht. Nachdem der Komponist aus Italien seine Finger von den Tasten des Klaviers nimmt, weis nun jeder Bescheid: Das Lied ist zu Ende und es darf applaudiert werden. Die Menge klatscht wild Beifall, johlt und pfeift, wie man es eigentlich von anderen Konzerten und eher anderer Musik gewohnt ist.

Nach einer kleinen Ansprache über seine Tournee, verschiedenen Zugaben und längerem Standing Ovation ist das Konzert auch schon wieder zu Ende. Während des Ganges aus dem Gebäude zurück in die Kälte wird einem klar, dass man in diesen fast zwei Stunden mit Kopf und den Gedanken nicht nur woanders war, sondern sie gänzlich auf einer Reise geschickt hat.

Abschließend lässt sich sagen, dass der Komponist Einaudi sein Handwerk nicht nur versteht, sondern es auch weitestgehend perfektioniert hat. Es gelingt ihm mit klassischer Musik eine Aura zu schaffen, in der junge und alte Menschen abschalten und entspannen können.

Vorschau: Nächsten Samstag wartet auf die Face2Face-Leser ein Interview mit Voice-of-Germany-Musiker Michael Schulte.

Eine Kombination der Meisterklasse

Eine der schönsten CDs des Jahres 2012: DUO (Foto: © Mat Hennek/Deutsche Grammophon)

Schumann, Brahms, Debussy, Schostakowitsch – das Repertoire der französischen Pianistin Hélène Grimaud und der argentinischen Cellistin Sol Gabetta ist erstklassig. Wo die zwei Solistinnen auch auftreten, hinterlassen sie den Eindruck von fesselnden Interpretationen, passioniertem Spiel und einer charismatisch vereinnahmenden Performance.

Die im Oktober diesen Jahres erschienene CD Duo, die so reizvoll und gleichzeitig sensibel ist, beweist, wie außergewöhnlich und einzigartig die beiden Musikerinnen sind. Den Aufnahmen der CD im Frühjahr 2012 waren gemeinsame Konzerte vorangegangen, wie beispielsweise ein Auftritt beim Menuhin Festival 2011 in Gstaad, bei dem, sich die zwei renommierten Solistinnen auf der Bühne kennenlernten. Aufgrund des erfolgreichen Festivalauftritts beschlossen die beiden ein eigenes Programm zu entwickeln, das sie auf ihrer CD Duo festhielten. So ist nun eine CD-Produktion entstanden, die Fantasiestücke von Schumann sowie Cellosonaten von Brahms, Debussy und Schostakowitsch beinhaltet.

Mancher Takt mag wild expressiv, manche Phrase zart und sensibel, manches Largo voller wehmütiger Melancholie  sein – das Duo Gabetta/Grimaud verblüfft immer wieder durch harmonierende Musikalität und außerordentliche Wandlungsfähigkeit. Kurzum: Eine wahre Bereicherung der Klassik-Szene, die sicherlich nicht klassisch ist. Denn es ist vor allem die grundsätzliche charismatische Unterschiedlichkeit der beiden Solistinnen, mit der die beiden Musikerinnen ihr Publikum rund um die Welt begeisterten. Die im Wesen etwas ruhiger und zurückhaltend wirkende Französin am Klavier und die impulsive argentinische Cellistin bieten eine völlig neue Interpretation von Meisterwerken der deutschen Romantik bis hin zur klassischen Moderne und schaffen so ein Hörerlebnis, das in seiner Einzigartigkeit faszinierender nicht sein könnte.

Internationale Meisterklasse: Pianistin Hélène Grimaud und Cellistin Sol Gabetta(Foto: © Mat Hennek/Deutsche Grammophon)

Wirft man nur einen kurzen Blick auf die außergewöhnlichen Biografien der beiden Virtuosen wird deutlich, wie besonders das Duo Grimaud/Gabetta ist.

Die Pianistin Grimaud wurde 1969 in Aix-en-Provence in Südfrankreich geboren. Sie begann im Alter von sechs Jahren mit dem Klavierspiel. Sie erhielt anfangs Musikunterricht in ihrer Heimatstadt und studierte anschließend in Marseille. Im Alter von 13 Jahren wurde sie am Pariser Konservatorium angenommen und erhielt dort 1985 den ersten Preis im Fach Klavier. Spätestens seit ihren Auftritten 1987 in Cannes und mit dem Orchestre de Paris unter der Leitung von Daniel Barenboim ist Grimaud als Pianistin international gefragt. Ein Zusammentreffen mit der fast 30 Jahre älteren Pianistin Martha Argerich im Rahmen des Internationalen Kammermusikfests 1989 in Lockenhaus bestätigte Grimaud darin, trotz der einsetzenden Bekanntheit an ihrem eigenständigen und unkonventionellen Stil festzuhalten. Mit nur 26 Jahren debütierte sie mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Claudio Abbado, vier Jahre später brillierte sie mit dem New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Kurt Masur. Seither arbeitet sie regelmäßig mit europäischen, nordamerikanischen und asiatischen Spitzenorchestern zusammen. 2002 unterzeichnete Grimaud einen Exklusivvertrag mit dem Musiklabel Deutsche Grammophon. Seither hat sie zahlreiche Alben aufgenommen, die Solowerke, Kammermusik und Konzerte verbinden.

Gabetta wurde als Tochter französisch-russischer Eltern geboren. Bereits als Kind verblüffte sie durch ihr musikalisches Talent. Im Alter von nur zwölf Jahren verlässt sie gemeinsam mit ihrer Familie Argentinien, da ihre Eltern in Europa bessere Chancen für ihr begabtes Kind sehen. Nachdem sie 1992 ihr Studium in Madrid aufnahm, wo sie ein Stipendium an der „Escuela Superior de Música Reina Sofía“ erhalten hatte, studierte sie zunächst bei Ivan Monighetti einem ehemaligen Schüler des weltbekannten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch an der Musik-Akademie der Stadt Basel. Ihre Hochschulausbildung schloss sie bei David Geringas, ebenfalls ein ehemaliger Schüler Rostropowitschs, an der Musikhochschule Hans Eisler in Berlin mit dem Konzertexamen ab. Aufsehen erregte die junge Solistin 2004, als sie ihr Debüt mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Valery Gergiev bei den Luzerner Festspielen gab und dort den renommierten Crédit Suisse Young Artists-Award, eine der höchst dotierten Auszeichnungen für junge Musiker gewann. Seit Oktober 2005 lehrt sie als Assistentin von Ivan Monighetti an der Musik-Akademie in Basel, ihrer derzeitigen Heimat. Ihr Repertoire reicht von Interpretationen von Werken Vivaldis über Stücke klassischer Komponisten wie Haydn und Mozart bis hin zur Romantik und frühe Moderne mit den Konzerten von Elgar, Saint-Saëns und Schostakowitsch und umfasst damit nahezu alle bedeutsamen Werke der Cello-Literatur.

Erfolgsduo Grimaud/Gabetta: Tosender Applaus rund um die Welt (Foto: © Mat Hennek/Deutsche Grammophon)

Beide Musikerinnen präsentieren sich als Meisterinnen ihres Instrumentes, die in ihrem Zusammenspiel als perfekte Partnerinnen ein Werk schaffen, das an musikalischer Energie, Spannung und Ausdruck nur so sprüht.

Von Grimauds  Fingern, die während Robert Schumanns romantischen Fantasiestücken nur so über die Klaviertasten fliegen über Gabettas passioniertem Spiel in glasklarer Höhe auf dem Cello bei Brahms bis hin zu ihrem raschen Wechsel zwischen Pizzicato-Passagen und gestrichenen Abschnitten in Debussys Cellosonate in d-moll: Die beiden Solistinnen liefern ein leidenschaftliches, temperamentvolles, und vor allem unbefangenes Spiel, in dem jede einzelne Note intensiv gespielt und erlebt wird. Wie ein Zauber des Gemeinsamen, in dem zwei Instrumente nahezu eine Seele formen.

So verkörpern die beiden Musikerinnen nicht nur modernen musikalischen Zeitgeist sondern haben mit ihrer CD Duo gleichzeitig eine Hommage an die Kammermusik geschaffen. Und so energisch auch der Abschluss von Schostakowitschs Allegro klingt, hofft der Zuhörer, dass dies nicht die letzten Töne eines brillianten, künstlerischen Miteinanders sind, wie man es sehr selten findet.

Info: Mehr Infos zu den beiden Musikerinnen findet ihr auf Hélène Grimauds Homepage, ebenso wie auf Sol Gabettas Homepage.

Wer hört heute denn noch Klassik?

Die Zahl der Klassikliebhaber sinkt rapide. Konzert – und Orchesterhäuser bleiben vor allem von jüngerem Publikum wenig besucht. Doch nun gibt es wieder Grund zu hoffen…

„Ohne Musik wäre diese Welt ein Irrtum“, so sagte einst der deutsche Dichter Friedrich Nietzsches vor vielen Jahrzehnten. Aber gilt das auch heute noch? Und noch viel wichtiger: Gilt das auch noch für klassische Musik?

Die Ergebnisse aktueller Studien lassen daran eher zweifeln. Denn nur noch knapp 15 Prozent der 18 bis 24-Jährigen besuchten in den Jahren 2010/11 mindestens einmal ein klassisches Konzert – so das Ergebnis einer Umfrage der „Deutschen Orchestervereinigung“

Einer der Hauptgründe dafür ist, dass die Klassik buchstäblich „vom Bildschirm verschwindet“. In Medien wie Fernsehen, Internet aber auch Radio scheint sie immer weniger präsent zu sein. Als multimedial geprägte Gesellschaft ist dieser Zustand gerade deshalb verheerend, da Nähe und Kontakt zu klassischer Musik, vor allem in jungen Jahren, die Musikerfahrung sowie Musikaffinität der Hörer deutlich beeinflusst.

Darüber hinaus hat der Bedeutungsverlust der klassischen Musik seinen Ursprung auch darin, wie sie in unserer Gesellschaft rezipiert wird. Klassische Musik wird mittlerweile oftmals eher als eine dem Alltag fremde, veraltete und viel zu langatmige Musikrichtung empfunden, die nicht ausreichend kreativ und zu sehr nachschöpfend angelegt ist.

Ein weiterer Grund ist sicherlich auch, dass viele Menschen, die wenig in Kontakt mit klassischer Musik stehen, den Eindruck haben, es mangele ihnen an ausreichendem Vorwissen und Grundlagenkenntnis, um Klassik zu hören und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Aus fehlender Erfahrung und der eher negativen Einstellung gegenüber klassischer Musik resultiert so, dass sich ein Großteil der Bevölkerung vor allem emotional wenig angesprochen fühlt.

Doch wie holen wir die Klassik wieder zurück in unsere Mitte? Wie die Klassikhörer von morgen zurück ins Leben?

Fest steht: Der Klassik muss ausreichend Raum und Möglichkeit gegeben werden, um sich wieder in unserer Gesellschaft zu etablieren. Denn nur durch genügend Kontakt und Erfahrung mit klassischer Musik kann ihre Komplexität wahrgenommen, verstanden und genossen werden. Dies gilt vor allem für junge Hörer, die Klassik oft eher für das Terrain eines traditionell älteren Publikums halten, von dem sie sich grundsätzlich eher abgrenzen möchten.

Die Problematik erkannte auch der deutsch-US-amerikanische Violinist David Garret in seinem Interview

Die Geige: Ein beliebtes Instrument der Klassischen Musik (Foto: M. Boss)

für das Festival „Next Generation III“ des „Harenberg City Center“. „Meine Aufgabe ist es auch, jüngeres Publikum für klassische Konzerte zu gewinnen. Das ist sicher der wichtigste Aspekt, den ich in den nächsten Jahren verfolgen will. Gerade junge Leute wollen sich ja mit Menschen identifizieren, die ihnen irgendwie nahe stehen… Vielleicht sollte man auch das Ganze nicht ganz so seriös sehen. Da muss eine Heiterkeit mit dabei sein“.

Mit dieser Aussage gibt Garrett Grund zur Hoffnung. Denn seit einigen Jahren tritt nun eine neue Generation an jungen Virtuosen ins Rampenlicht, die sich nicht nur durch ihr außergewöhnliches musikalisches Talent auszeichnet. Ob der hippe Modestil Garretts, der Charme Anna Netrebkos oder Cecilia Bartolis exzentrisches Auftreten – Klassik besticht nun mit einer neugewonnen Leidenschaft und Euphorie. Keine Spur mehr von elitärem Selbstschutz, der vor allem jungen Hörern den Zugang zur Klassik zu erschweren scheint.

Das Ziel, klassische Musik wieder populärer werden zu lassen, sowie eine wahre Anbindung an den Zeitgeist zu schaffen, scheint gelungen. Diese Entwicklung liefert damit nicht nur Potenzial für die Steigerung des emotionalen Involvements junger Hörer, sondern erhöht auch den Bekanntheitsgrad der klassischen Musik allgemein – zwei ausschlaggebende Gesichtspunkt im Hinblick auf das Interesse an Musik.

So wird Klassik völlig neu positioniert – und scheint damit der Gefahr des Abrutschens in die Nische erfolgreich entkommen zu sein.

Vorschau: Nächste Samstag präsentiert euch Face2Face einen Artikel zum „Maifeld Derby“ 2012.

Sie wollen der Hochkultur beweisen wie kunstvoll Breakdance ist: Die Tanzcrew „Flying Steps“

Zeigen in ihrer aktuellen Show, dass Klassik und Breakdance harmonieren können: Die "Flying Steps" (Foto: Erwin Polanc/Red Bull Content Pool)

Sie erobern die Herzen der Zuschauer mit ihrer aktuellen Show „Red Bull Flying Bach“ im Sturm: die Tanzcrew „Flying Steps“. Nach ihren Auftritten in zahlreichen deutschen Städten sind die vierfachen Breakdance-Weltmeister demnächst auch international unterwegs. Face2Face hat mit den Tänzern Vartan Bassil (36) und Michael Rosemann (35) über ihre Inspiration, das harte Tanztraining und ihre Eigenschaften als Väter gesprochen.

Face2Face: Wie sind Sie zum Tanzen gekommen?
Rosemann: Ich habe schon als kleiner Junge viel und oft Musik gehört und dann angefangen vor dem Fernseher zu Musikvideos rumzuzappeln. Dann habe ich einen Breakdance-Kurs in einem nahegelegenen Jugendzentrum gemacht und seitdem auch alleine trainiert.
Bassil: Mitte der 80er Jahre war ich ein großer Michael Jackson-Fan und hatte daher Lust auch so zu tanzen – das war damals die MC Hammer-HipHop-Zeit. Anfang der 90er Jahre kamen dann ein paar Breakdance-Filme heraus und die habe ich mir zum Vorbild genommen. Ich tanze also schon seit über 20 Jahren Breakdance.

Ist vor Kurzem Vater geworden: Tänzer Michael Rosemann (Foto: Stev Bonhage/Red Bull Content Pool)

Face2Face: Weshalb die auf den ersten Blick doch etwas gewöhnungsbedürftige Kombination aus Breakdance und klassischer Musik in „Red Bull Flying Bach“? Wie seid ihr darauf gekommen?
Bassil: Projekte mit Klassik gibt es immer mal wieder – das ist nicht unbedingt etwas Neues. Wir wollten aber ein richtiges Konzept aufbauen, es sollte sehr speziell und auch tiefgründig sein. Deshalb haben wir uns für Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ entschieden. Jeder Tänzer verkörpert eine Stimme – wir geben die Musik Bachs also sozusagen visuell wieder. Das hat einen gewissen Wow-Effekt und genau das wollten wir damit erreichen.

Face2Face: Sie sind nun schon seit August 2011 mit der aktuellen Show unterwegs – wird es da nicht irgendwann langweilig jeden Abend dasselbe zu tanzen?
Bassil: Das Tolle an „Red Bull Flying Bach“ ist, dass die Locations ständig wechseln – jede Stadt und jedes Land hat einen anderen Reiz. Außerdem haben wir Spaß an unserer Show und freuen uns vor allem, wenn wir das Publikum, das der Kombination aus Klassik und Breakdance vielleicht etwas misstrauisch gegenübersteht, mitreißen und begeistern können. Wir wollen der Hochkultur beweisen, wie kunstvoll Breakdance ist.
Rosemann: Bei jeder neuen Location überlegen wir auch immer wieder neu wie wir auf die Bühne kommen und wie wir sie verlassen. Wir nutzen dabei verschiedenen Möglichkeiten die Show aufzuwerten und ihr immer wieder auf´s Neue Individualität zu verleihen.

Face2Face: Herr Bassil, Sie sind der Choreograph der „Flying Steps“ – woher nehmen Sie die Inspiration für die Shows?
Bassil: Ich kann nicht genau sagen woher die Inspiration kommt, habe einfach Ideen, die ich in meinem Kopf dann zu Bildern und schließlich tänzerisch umsetze.

Kreativer Kopf: "Flying Steps"-Choreograph Vartan Bassil (Foto: Stev Bonhage/Red Bull Content Pool)

Face2Face: Was war Ihr ganz persönliches Highlight bei den „Flying Steps“ bisher?
Bassil: Es gab so viele tolle Auftritte… Die „Echo“-Sonderpreis-Verleihung zählt definitiv dazu, aber auch unser Auftritt beim „Eurovision Songcontest“. Ich glaube wir haben bis heute nicht verarbeitet, dass alles so schnell ging und wir eine so unglaubliche Resonanz bekommen.
Rosemann: Für meinen schönsten Moment gibt es keine bestimmte Location oder einen festen Ort. Für mich war es das Tollste zu erfahren, dass unsere Show weltweit Erfolg hat – wir waren schon in Metropolen wie Istanbul, Wien und Kopenhagen. Dass sich der Fleiß und die viele Arbeit gelohnt haben und wir Anerkennung für´s Tanzen bekommen – das ist mein persönliches Highlight.

Face2Face: Haben Sie neben Ihrem Engagement für die „Flying Steps“ noch einen anderen Job?
Bassil: Nein, die „Flying Steps“ sind unsere Einnahmequelle. Profitänzer zu sein und gleichzeitig noch wo anders zu arbeiten geht nicht. Nach der Schule musste ich mir überlegen, ob ich das Tanzen weiter als Hobby oder aber als Beruf betreiben möchte. Meine Eltern waren natürlich dagegen, aber als ich mich dann eine Zeit lang ausprobiert und selbstständig Geld verdient habe, haben sie eingesehen, dass ich nicht in die reguläre Arbeitswelt passe. Wenn man aber vorhat einen ähnlichen Schritt zu tun, sollte man sich vorher darüber klar sein, ob man nur Durchschnitt ist oder wirklich Talent hat – dazu kann es hilfreich sein im Bekanntenkreis ehrliche Meinungen zu fordern.
Rosemann: Bei mir bestand die Familie darauf, dass ich eine Ausbildung mache. Leider hatte ich dann während meiner Textilsiebdruckausbildung, die ohne Frage sehr schön war, wenig Zeit zu trainieren und konnte auch nicht mit auf Shows fahren. Nach Ausbildung und Zivildienst habe ich dann meiner Familie gesagt, dass ich das machen möchte, was mir mein Herz sagt – und heute sind sie stolz auf mich.

Sie wollen zeigen wie kunstvoll Breakdance ist: Die "Flying Steps" (Foto: Dirk Mathesius/Red Bull Content Pool)

Face2Face: Wenn Sie mindestens drei bis fünfmal je zwei bis vier Stunden in der Woche trainieren – haben Sie dann überhaupt noch Lust im Alltag zu tanzen?
Bassil: Oft gehen wir nach Auftritten noch feiern und dort tanzen wir natürlich auch. Sobald die Musik an ist, können wir nicht mehr stillstehen.
Rosemann: Meine Tochter ist jetzt 21 Monate alt und jetzt schon total tanzverrückt. Sobald irgendwo Musik läuft, wippt sie sofort mit – und ich tanze dann natürlich mit ihr, das heißt momentan bin ich ein absoluter Vollbluttänzer (lacht).

Face2Face: Sie sind beide Väter. Wie bekommen Sie Karriere und Familie unter einen Hut? Und was macht Ihrer Meinung nach einen guten Vater aus?
Bassil: Es ist oft schwierig für uns viel Zeit mit der Familie zu verbringen, weil wir oft unterwegs sind. Deshalb nutzen wir unsere freie Zeit natürlich dann auch mit unseren Familien. Meine Tochter ist 10 Jahre alt und ist es nicht anders gewohnt. Wichtig, wenn man ein guter Vater sein will, ist es meiner Meinung nach, dass man die Arbeit nicht mit nach Hause nehmen darf. Meine Frau achtet zum Beispiel sehr darauf, dass ich, wenn ich nach Hause komme, das Handy abschalte.
Rosemann: Ich bin ja ein frisch gebackener Papa und deshalb muss ich mich an dieses Rolle erst noch gewöhnen. Dass man die Zeit mit seinem Kind intensiv nutzt, ist denke ich, schon mal ein guter Ansatz.

Kontakt:
Flying-Steps-Homepage
Red Bull Flying Bach-Homepage

Vorschau: Am nächsten Dienstag, 6. März, verrät uns Schauspielerin Josefine Preuß mehr zu ihrem im März anlaufenden Kinofilm „Türkisch für Anfänger“.