Die Welt ändert sich eben

Es weht ein frischer Wind: Die Debatte um die Ehe für alle wächst weiter (©manwalk / pixelio.de)

Es weht ein frischer Wind: Die Debatte um die Ehe für alle wächst weiter (©manwalk / pixelio.de)

Oh nein, höre ich euch rufen. Nicht noch ein Beitrag zur Befürwortung der Ehe-für-alle, in manchen Kreisen auch Homo-Ehe genannt. Seit die Iren mit über 60 Prozent „Ja“ gesagt haben, liest der aufmerksame Mensch ja nichts anderes mehr. Petitionen und offene Briefe, Kolumnen (na eben wie diese) und Leitartikel, alles dreht sich nur noch darum. Der Korruptionsskandal der Fifa, die unerklärliche Wiederwahl und der Rücktritt von Blatter, die Geheimdienstaffäre der Republik, alles tritt da in den Hintergrund und alle machen munter mit.

Und ja, sie ist wichtig, logisch und eigentlich selbstverständlich, das Zögern der CDU/CSU ein Zeichen einer vergangenen Ära. Oder? Immerhin waren es doch die erzkatholischen Iren, die so ihre Probleme mit Abtreibung haben, die zugestimmt haben. Und im europäischen Vergleich hinken wir, ausgerechnet wir, die einst einen homosexuellen Außenminister hatten, eine Frau an der Spitze der Regierung und sowieso und überhaupt doch so aufgeschlossen und modern sind, knallhart hinterher.

Aber warum tun sie sich eigentlich so schwer, die Konservativen, die christlichen Demokraten, wo doch sogar die Kirche Homosexualität nicht mehr so verschärft sieht, auch wenn der Vatikan sich noch mal anders gemeldet hat (die wissen ja auch nicht mehr, was sie wollen). Immerhin sind sich die Befürworter der Ehe-für-alle einig, es ändert sich nichts für alle andern, Kinder haben damit sowieso kein Problem damit und die Welt wäre ein bisschen gerechter und schöner.

Zeichen der Liebe: die Ehe sollte wie die Liebe nicht von Geschlecht abhängen (©E.-Kopp / pixelio.de)

Zeichen der Liebe: die Ehe sollte wie die Liebe nicht von Geschlecht abhängen (©E.-Kopp / pixelio.de)

Tatsache ist, die Ehe-für-alle ist nicht nur ein Problem für die CDU/CSU und die Bundeskanzlerin, weil einige Politiker es hinterm Mond gemütlicher finden, sondern weil ein Teil der Wählerschaft vehement dagegen ist. Und Wähler wird die Partei brauchen, sollten die Menschen bei der nächsten Bundestagswahl mal merken, dass die großen sozialen Projekte der Legislaturperiode eher weniger auf ihr Konto gehen. Gleichzeitig kann sie aber auch Wähler verlieren, wenn sie sich jetzt querstellt, wichtige, junge Wähler. Ein echtes Dilemma. Da unsere Gesellschaft aber so viel ältere Menschen umfasst, dass wir im weltweiten Vergleich im Schnitt die niedrigste Geburtenrate haben, vermute ich stark, die sogenannten christlichen Demokraten werden es aussitzen wollen, abwarten, hoffen, dass der Sturm vorüber geht, ein paar Zugeständnisse, die ohnehin geplant waren, absegnen und es dabei belassen. Schwach.

Aber seien wir ehrlich, natürlich ändert sich etwas, wenn die Ehe-für-alle erlaubt wird. Sehr viel für jeden von uns. Die Eltern müssen ihren Kindern nicht mehr nur erklären, wo die Babys herkommen, wieso Meryem so anders spricht und Ben so dunkle Haut hat sondern auch wie die Tina zwei Papas haben kann und der Jonas gar keinen – und wo dann die Babys hergekommen sind. Puh. Das schlimmste aber – das allerschlimmste – ist, dass wir selbst umdenken müssen. Mit der Ehe-für-alle wird endgültig die Norm der Zweierbeziehung von „er und sie“ abgeschafft. Die Frage, wann ein Heterosexueller gemerkt hat, dass er auf das andere Geschlecht steht, ist kein Kalauer mehr. Nach der Frage: „Sind sie verheiratet“, wird erst das Geschlecht und dann der Name des Ehepartners erfragt. Wir werden ein Stück gleicher. Wir müssen umdenken. Und, oh Gott, das klingt doch furchtbar anstrengend.

Liebe CDU/CSU, ja es ist anstrengend, seine Meinung zu ändern, sich zu öffnen und umzudenken. Aber, ganz sicher, ist es diese Anstrengung wert. Gerade die Frau Bundeskanzlerin sollte das wissen. Und darum ist es wichtig, dass wir Artikel schreiben, Kolumnen und Kommentare, dass wir Unterschriften sammeln und offene Briefe veröffentlichen, so lange, bis wir genug genervt haben, bis das Umdenken da ist, bis endlich die Ehe für alle möglich ist.

Abschied von der Kirche – Abschied von der Menschlichkeit?

Zweifelhaft: Bedeutet der Austritt aus der Kirche, dass ich ein schlechter Mensch bin?

Zweifelhaft: Bedeutet der Austritt aus der Kirche, dass ich ein schlechter Mensch bin? (©Lisa Spreckelmeyer/Pixelio.de)

„Heide“, „Ketzer“, „Antichrist“ – so in etwa hätten mich die Leute vor 500 Jahren beschimpft. Vor einem halben Jahrhundert wäre es undenkbar gewesen, einfach so aus der Kirche auszutreten. Wer sich gegen die Institution Kirche wandte, der landete schnell auf dem Scheiterhaufen. Zum Glück schreiben wir heute das 21. Jahrhundert. So darf ich unbehelligt weiter leben, obwohl ich mich von der Kirche verabschiedet habe.

Meine Kindheit war nicht wirklich christlich im streng gläubigen Sinne, meine Eltern verschonten mich vor einer übermäßig religiösen Erziehung. Ich wurde getauft und musste die Konfirmation wohl oder übel über mich ergehen lassen. Doch davon abgesehen waren wir nie sehr kirchlich. Wir waren so gut wie nie im Gottesdienst, das Thema Religion an sich war kaum präsent. Und so bin ich jetzt aus der Kirche ausgetreten. Bin ich deswegen jetzt ein schlechter Mensch?

Wir sollten daran denken, dass die Mitgliedschaft im „Verein“ Kirche nicht automatisch bedeutet, dass alle in der Gemeinde gute Menschen sind. Manchmal entpuppt sich die überdurchschnittliche Frömmigkeit bei besonders überzeugten Kirchgängern als geheuchelte Maske. Dahinter steckt dann ein schlechtes Gewissen oder auch der Wunsch, sich selbst als guten Menschen und ordentlichen Christen zu bestätigen.

Egal, wie ehrlich die Einstellung der Gemeindemitglieder am Ende auch sein mag, insgesamt bleibt die Kirche für mich verstaubt und alt. Die sehr starren Regeln, die schwerfällige Liturgie, vor allem in der römisch-katholischen Konfession – das ist eher Machtgehabe, denn Bekenntnis zur Menschlichkeit. Was haben Zölibat und eine engstirnig verneinende Haltung zu Homosexualität und Abtreibung mit der Würde des Menschen zu tun? Diese Doktrin ist weder lebensbejahend noch steht dabei der Mensch selbst im Mittelpunkt.

Zu Eng: Der Zwang der christlichen Kirche ist nicht jedermanns Sache.

Zu Eng: Der Zwang der christlichen Kirche ist nicht jedermanns Sache. (©Kai Stachowiak/Pixelio.de)

Der Kirchenaustritt ist für mich ein Ausbruch aus einem zu engen religiösen Korsett: Die christliche Lehre unter kirchlichem Zwang war für mich nur verkrampft. Ich ziehe es vor, frei zu sein, auch für andere Kulturen und Religionen: Ein respektvoller Eklektizismus, der allen Denkweisen gegenüber offen ist. Das heißt auch, dass ich gut und gerne den ein oder anderen christlichen Standpunkt übernehme. Mein Kirchenaustritt bedeutet keine absolute Abkehr vom Christentum als Religion, sondern vielmehr eine Verabschiedung von der Institution Kirche.

Denn auch ohne Kirchen gibt es genügend Möglichkeiten Gutes zu tun: Wenn ich in der Schlange beim Bäcker den gehetzten Busfahrer vorlasse, der nur zwei Minuten Pause hat, bis er weiter fahren muss. Oder wenn ich der gebrechlichen Nachbarin helfe, ihre schweren Einkaufstüten in den dritten Stock zu tragen. Und das ganz ohne Kirchenzwang. Allein schon ein freundlicher Gruß auf der Straße kann eine Wohltat sein und dem anderen ein gutes Gefühl schenken. Und sobald mir der Sinn nach etwas Größerem ist, dann kann ich auch als „Heide“ ehrenamtlich beim Stadtteilfest mithelfen oder spenden – ohne es gleich in der Gemeinde breit treten zu müssen.

Ich mag nicht leugnen: Aus der Kirche auszutreten ist ein Bruch mit Tradition und Konvention. Doch wer sagt denn, dass unkonventionell gleich schlecht ist? Jedenfalls sollte das nicht so sein in einer Gesellschaft, die sich Toleranz und Menschenwürde auf die Fahne geschrieben hat.

Vorschau: Unsere Kolumnistin Eva schwärmt für Wissensspiele à la Quizduell oder Trivial Pursuit. Warum das so ist, erfahrt ihr in der nächsten Kolumne.

Zwischen X-mas und T-Rex: Das erste Weihnachtsfest einer 23-Jährigen

Eine schöne Bescherung: Nachdem die neuen Schuhe kaputt und der Haarreif für mein im Vorfeld organisiertes Weihnachts-Outfit zerbrochen sind, finde ich mich auf dem Boden des Badezimmers wieder – mit der Hand in der Toilettenschüssel und nach versenkten Haarnadeln fischend. Nachdem ich mich von jeglicher Planung und Vorbereitung also gezwungenermaßen verabschieden musste, lasse ich mein erstes Weihnachtsfest entspannter auf mich zukommen. Was genau dabei herauskam, lest ihr hier:

Schnell noch die letzten Weihnachtsgeschenke verpackt, geht es im Anschluss in eine katholische Kirche. Zunächst wird auf dem anliegenden Friedhof Derjenigen gedacht, die am Fest nicht teilnehmen können, bis bei der Kinderkrippe Heiligabend mit denen zelebriert wird, die als neue Gäste dazu gestoßen sind. Ich bin ganz fasziniert davon, wie man eine alte Geschichte doch neu verpacken kann: Die Geburt Jesu Christi wird aus der Sicht eines „kleinen großen Baumes“ erzählt, aus dem schließlich die Krippe gebaut werden sollte. So setzen sich Baumwitze und Holzfäller gemeinsam mit dem vertrauten Krippenpersonal zu einem stimmigen Bild. Die Vorstellungen, die ich von einer katholischen Kirche bis dato hatte – alles kalt, strikt und geregelt – muss ich bei all den lebendigen Kinderaugen und erklingenden Weihnachtsliedern verwerfen.

Klassisch geschmückt: Der Weihnachtsbaum (Foto: privat)

Klassisch geschmückt: Der Weihnachtsbaum (Foto: privat)

Wieder bei meiner „Gastfamilie“ daheim – schließlich verbringe ich mein erstes Weihnachtsfest bei meinem Freund – kann die eigentliche Bescherung kommen: Ein schön gedeckter Tisch, ein klassisch dekorierter Weihnachtsbaum, viele Geschenke, eine Klangkulisse aus Weihnachts-CDs und Fernsehprogramm – alles erinnert mich an alte Filme und Serien, die ich für eine Mischung aus Kitsch und Klischee hielt. Doch wahrscheinlich muss ich hier „Klischee“ einfach durch „Tradition“ ersetzen. So wird auch erst das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen und die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, ehe das „Christkind“ mit einem Glockenläuten zum Auspacken ruft. Heiligabend ist wahrscheinlich generell ein filmreifes Szenario.

Nach dem köstlichen und reich servierten Familienessen, das aus Brokkolisuppe, Feldsalat und Bandnudeln mit Lachsfilet in einer Sahnesoße besteht, begeben sich alle auf den Balkon, um flambierten Ostfriesengeist zu trinken und der Live-Musik zu lauschen, die irgendwo im Grünen erklingt. Das sei schon lange eine Tradition der Familie, heißt es. Wirkte vorher alles noch surreal und inszeniert für mich, verspüre ich hier authentische Herzenswärme in der kühlen Winterluft. Idyllisch, wie die ganze Familie zusammen etwas unternimmt, das sie verbindet und an dem sich alle erfreuen können – das stiftet nicht nur Zusammenhalt, sondern schafft zugleich schöne, gemeinsame Erinnerungen. Es dauert auch nicht lange, bis nach einigen Schlücken Alkohol – neben den Geschenken – auch alte Familiengeschichten ausgepackt werden.

Festlich gedeckt: Der Weihnachtstisch (Foto: privat)

Festlich gedeckt: Der Weihnachtstisch (Foto: privat)

Übersättigt von den ersten Eindrücken und leckeren Plätzchen, ruhe ich mich bereits Punkt Mitternacht nach Heiligabend aus. Zur Mittagszeit geht es am Folgetag in ein chinesisches Restaurant – für mich als Liebhaber der asiatischen Küche natürlich ein weiterer Höhepunkt. Später gesellen sich daheim auch Kaffee und Kuchen zum Speiseplan – zusammen mit Gesprächen über den Neujahrsurlaub oder dem Massenerhaltungssatz. Der Abend wird mit Brett- und Gesellschaftsspielen eingeläutet, die die kindlichen Gefühle, mit denen ich den Festtagen begegne, noch verstärken. Denn schon in der Vorweihnachtszeit wollten mein Freund und ich legitimer Weise ein wenig nachgeholte Kindheit zelebrieren – mit Weihnachtsmärkten, Kinderpunsch und Plätzchen backen. Mit einem DVD-Abend und dazugehörigem Couch-Kuscheln neigt sich für mich das Weihnachtsfest dann dem Ende zu: Steven Spielbergs „Indiana Jones“ und „Jurassic Park“ bilden dabei den perfekten Schluss für das familiäre Fest.

Bunt gemischt: Das Fest vermittelt ganz verschiedene Eindrücke (Grafik: Pascal Werth)

Bunt gemischt: Das Fest vermittelt ganz verschiedene Eindrücke (Grafik: Pascal Werth)

Was bedeutet für mich rückblickend das Weihnachtsfest als 23-Jährige, die ich weder christlich erzogen wurde noch vorher das Weihnachtsfest miterlebt habe? Keinesfalls Kommerz, da selbst bei den materiellen Geschenken Kleinigkeiten mehr Gewicht haben als große Ausgaben. Für mich ist das Weihnachtsfest nun einfach die Zeit, in der sich alle näher kommen – mal entspannter und harmonischer, mal etwas hektischer. Es ist die Zeit, in der man sich alten – und ganz eigenen – Traditionen und Geschichten widmet, die einen zu dem machen, was man ist – eine Familie.

Vorschau: Nächste Woche gibt es hier einen Hintergrundbericht zur angeblichen Affaire Jennifer Frankhausers, der Schwester Daniela Katzenbergers, mit dem Mann des deutschen Models Samantha Stone.

Schlafanzugtour

Es ist schwer zu sagen, was mich zum Aufstehen bewegt hat, obwohl ich mir doch selbst gelobt habe, einfach auszuhalten. Die Feierlust würde mir dann schon von ganz alleine vergehen. Klar, so läuft das ja immer – nicht. Wie also nicht anders zu erwarten, packte ich die kleinste Gelegenheit beim Schopfe. Nun bin ich mir nicht sicher, ob ich meine Rastlosigkeit oder meinen Hunger als ersten Grund anführen sollte, warum ich das mir doch so unbedingt und verpflichtend anvertraute Bett zu verlassen. Meine Kollegin nimmt es dieses Mal gelassen, hatte sie bei meinem letzten „Ausbruch“ noch gedroht, sie würde mich polizeilich suchen lassen, schien sie angesichts der Tatsache, dass ich zumindest in der Lage war, IRGENDWANN eigenständig wieder zur Jugendherberge zu finden, sichtlich beruhigt. Doch wie wahrscheinlich ist das tatsächlich, wo ich mich doch selbst auf mir bekannten, routiniert-einstudierten Wegen verlaufe. Zumeist kommt es zu diesen Zwischenfällen, weil ich mit euphorischen Ausrufen und überaus wilder Argumentation, bei der ich mich darüber ergehe, wie viel schöner oder sonniger etwa die Seitenstraße im Vergleich zu unserem eigentlichen und damit zielführenden Weg sei, dafür sorge, dass der richtige, also der nicht zielgerichtete Weg schließlich begangen wird. Damit wird aus einer Suche oder einem Weg ganz schnell eine unzielgerichtete Sightseeing-Tour der etwas anderen Art: Schnell wandelt sich karge Umgebung, die bisher nur den Wegrand geziert hat in eine wunderschöne Umrahmung der Welt. Details treten hervor, die man nur sieht, wenn man den Blick dafür öffnet. Zulassen und treiben lassen ist dabei die Devise. Sonst geht es Schlag auf Schlag! Museum? Gefunden! Rein, raus, weiter… Kirche? Suchen, Finden, rein, raus und so weiter, bis ans grausame Ende der Zeit.

Die Idee zum Ausbruch kam bereits in der Nacht zuvor, doch schien es mir nicht angebracht, den mir anvertrauten Platz in der unteren Etage des Stockbettes zu verlassen, um mich in eine wilde und verwegene Nacht zu stürzen. Schlicht unverantwortlich ist das doch! Und schließlich trage ich Verantwortung, trage sie mit Stolz! Aber die Lichter sind aus und selbst Gott schafft es nicht, trotz seiner unangefochtenen Führerrolle und unzähligen Seiten der Bibel, uns Menschen 24/7 im Bann seiner Normen und Wertvorstellungen zu bannen. Die Nacht gehört mir! Es ist dunkel, da kann mich Gott nicht sehen – eine alte Weisheit, die insbesondere während des Ramadans ausufernde Zustimmung erfährt und mit den Worten „Allah ist nachtblind“ scherzhaft gerechtfertigt wird. Indoktriniert und freiheitssuchend – das führt garantiert zu einem Dilemma! Aber Spaß beiseite! Wer ist denn der Federführer meines Lebens? Gott oder Allah, oder ist das gar dasselbe?! Gott ist wie eine Aspirintablette, die sich langsam aber stetig im Wasser auflöst und mir fällt es wie Schuppen von den Augen: Wer mich bestimmt? Das bin alleine ich!

Ich verlasse mein Bett mit der vagen Hoffnung, noch ein wenig von der verheißungsvoll warmen Nacht zu erhaschen, die sich als die erste wahre Sommernacht herausstellen sollte. Zunächst machte ich Station beim Rezeptionisten – da war ja immer noch mein Hungergefühl, was mich davon abhielt zu schlafen. Er meinte schlicht:“Wenn Sie etwas essen wollen, gehen Sie doch schnell rüber in die Stadt.“ Auf diesen Satz hatte ich beinahe gewartet, nicht zu hoffen geglaubt ihn zu hören. Ich zögerte etwa zehn Sekunden, danach war ich entschieden: Drei Euro in der Tasche, Schlafanzug bereits zum Schlafen angezogen. Challenge accepted! Noch eine Wegzigarette und los geht’s. In meinem Zimmer gebe ich nicht Bescheid, dass ich das Haus verlasse, aber das wird ja nur eine spontane, kurze Expedition zum Bermudadreieck zwecks Nahrungsbeschaffung. Das Ziel halte ich mir stets vor Augen, finde allerdings keinen Laden, der für drei Euro etwas Essbares anbietet und gehe deshalb etwas entmutigt weiter die Straße entlang. Dem Gefühl bleibt allerdings keine Zeit, Wurzeln zu schlagen und etwa meine Zweifel zu schüren. Ob ich mich verantwortungslos verhalte? Ob ich nicht einfach wieder umkehren sollte? Oder sogar müsste? Ein Glück, dass meine Auge in diesem Moment von einem unerwarteten Highlight gebannt werden: Bundesliga-Zusammenfassung auf Sky von der menschenleeren Straße aus gut zu erkennen. Dort zieht es mich dann hin, wie Motten scheinbar willenlos dem Licht zufliegen. Schon weicht meine säuerliche Miene einem Lächeln. Ich springe auf die Karte zu, in der Hoffnung, bei diesem tollen Laden noch einen Treffer landen zu können. Doch ein biertrinkender junger Mann, der sich am Tisch in unmittelbarer Nähe zur ausgehängten Karte gerade noch mit seinen Freunden unterhalten hat, antwortet mir auf direkte Nachfrage, dass die Küche bereits geschlossen wäre. Mittlerweile wurde mir klar, dass das Projekt Nahrungsbeschaffung der reinen Scheinlegitimation diente und auch weiterhin dafür herhalten muss. Ich halte die Erklärung für durchaus geeignet. Doch die Rechtfertigungsmacht dieses Motivs war spätestens fünf Minuten später gänzlich dahin.

Meiner neu gewonnenen Euphorie, die aus der Möglichkeit erwächst, draußen zu sitzen und gemütlich Fußball zu schauen kann

Frühlingsgefühle im April: Bewegung befreit. (Foto: Dr. Asmodeus)

einfach nichts mehr einen schaden. Also beschließe ich, statt etwas zu Essen nun eben ein Bier zu kaufen. Die Auswahl war schnell getroffen – gibt es auf der Karte des „Mississippi“ nur ein Bier unter drei Euro. Der Erstkontakt mit der illustren Männerrunde war bereits strukturiert und bis zur kleinsten Eventualität geplant. Kategorie: Frau sucht Hilfe – Mann hilft, wenn er kann. Das ist ein Vorteil daran, eine Frau zu sein, der Bonus, den man durch körperliche und vor allem durch die A-typischen, geschlechtsspezifischen Attribute[J1] , die Frau aus jeder Patsche helfen kann. Gendertrouble! Ganz und gar bedenklich, die armen Kerle so auszunutzen… Aber ich bin ja von Natur aus gesellig und verbreite durch meine Geschichten eine elektrisierende Spannung – das ist ganz schlichte Dramaturgie – die jemanden immer wieder fragen lassen: „Und was ist dann passiert?!“ Namen sind wie Schall und Rauch, Facebook ersetzt dein Namensgedächtnis, keine Angst. Du musst nur darauf achten, dich ihm nicht völlig anzuvertrauen. Kontrollmechanismen im Internet, die von jedem manipulierbar sind. Hacken ist da überhaupt nicht nötig. Also Achtung!

Weiterhin wollte ich mich der Bundesliga zuwenden, da mein Essensplan nun zu einem Biertrink-Fußballschau-Plan transformiert, in einer Metamorphose, die letztendlich eine subjektiv verortete Verbesserung meiner Pläne darstellt. Wäre ich nicht verpflichtet, würde ich sowieso hier sein und das nicht einmal im Schafanzug. Prompt bekomme ich Gelegenheit meine neuen Erkenntnisse der Männerunde zu erzählen, die sich zwar etwas geziert hat, sich zu mir zu setzen, dann aber schon ziemlich lässig waren. Beinahe musste ich sie zu mir hin komplimentieren. Aber wenn die Kommunikation stimmt, ist das ja alles kein Problem. Ich fange an, mich darüber auszulassen, zu rekapitulieren, wie ich denn genau in diesem Moment an diesem Ort angelangt war. Laut denke ich, reflektiere die letzten Stunden: Im Schafanzug in der Stadt, Bier statt Brot, Handyakku leer, Pärchenzeiten (meine Freizeit bei der Arbeit). Kurzum, da ist einiges passiert. Bei meiner Darstellung gibt es reges Interesse, die offensichtlich Ortsansässigen fragen an den markantesten Stellen nach. Ich erzähle gerade: “Ich darf nicht zu lange bleiben, mein Geld ist weg. 2,70€ – da rundet man ja auf. Nun, ich habe ja auch Pflichten. Der Kampf zwischen Vernunft und Spaß!“ Da hat man ein Engelchen auf der linken, ein Teufelchen auf der rechten Schulter. Der alltägliche Krieg der Extreme. Ich beschließe allerdings einfach abzuwarten. Die Zusammenfassung des Bayernspiels läuft auf Sky. 6:0 geht es schließlich aus. Nachdem ich das letzte Tor, zumindest am Rande registrieren konnte, dachte ich, das sei ein Signal für den Aufbruch. Gesagt getan. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits über eine Stunde außerhalb der Jugendherberge, außerhalb der normalen Ordnung und hatte das Glück, mir drei Getränke zu Gemüte führen zu dürfen. Ich durfte nicht nur, ich wurde dazu regelrecht überredet. Sie sind schuld, würde mich jemand fragen, würde ich genau das behaupten. Den Kopf aus der lose liegenden Schlinge ziehen, fein raus sein. Hinterlasse niemals Spuren, außer du kannst es dir leisten!

Missverstandene Geistliche

Während in Deutschland gerade die Sexismus-Debatte tobt und immer mehr Menschen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema suchen, drohen andere Ereignisse fast in Vergessenheit zu geraten. Doch in den letzten Tagen hat zumindest eine Äußerung genug Aufmerksamkeit auf sich gezogen, um medienwirksam diskutiert zu werden. Offenbar werden nicht nur Frauen diskriminiert, auch die katholische Kirche fühlt sich angegriffen.

So äußert Erzbischof Gerhard Ludwig Müller seine Bedenken über eine vermeintliche Pogromstimmung, mit der man dem Katholizismus inzwischen begegnen würde. Müller spricht von gezielten Diskreditierungskampagnen in Europa und Nordamerika, in deren Folge „Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden“. Es folgt: Empörung.

Zwar genießt die Kirche in Deutschland in den letzten Jahren und Jahrzehnten alles andere als einen guten Ruf – Missbrauchsskandale und deren Vertuschungsversuche, Intoleranz gegenüber Homosexuellen, geradezu mittelalterliche Vorstellungen über die gesellschaftliche Position der Frau. Doch von einer Pogromstimmung kann wohl kaum die Rede sein. Ein solcher Vergleich ist nicht nur maßlos übertrieben – er ist vor allem überaus respektlos gegenüber den Opfern des Dritten Reiches.

Kaum verwunderlich also, dass die Reaktionen entsprechend ausfallen: FDP-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger weist darauf hin, dass Vergleiche zwischen Holocaust und der Reaktion auf kirchliche Positionen geschmacklos sind. Auch Grünen-Vorsitzende Claudia Roth findet die Aussage nicht angebracht und merkt an: „Der Chefideologe des Vatikans klingt, als wolle er die katholische Kirche am liebsten wieder in das Mittelalter zurückbeamen.“

Ob Müller mit seiner Kritik wirklich das erreicht hat, was er wollte, ist zu bezweifeln. Sein Hinweis reiht sich ein in eine lange Liste von – man kann es kaum anders nennen – Verfehlungen. Vor allem die vielen Missbrauchsfälle durch katholische Geistliche, die in den letzten Jahren ans Licht gekommen sind, haben dem Ansehen der Kirche einen schweren Schlag versetzt. Und auch der Umgang mit der öffentlichen Debatte muss mindestens als bedenklich angesehen werden. Es ist nicht Reue, die sich die Glaubensgemeinschaft hier auf die Banner geschrieben hat; es ist Politik des Schweigens und des Verleugnens, des Aufweichens und Ausweichens.

Jüngst geriet die katholische Kirche in die Kritik, nachdem zwei katholische Kliniken einer wohl vergewaltigten Frau die Pille danach verweigerten. Die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber die Kirche verschlechtert sich von Jahr zu Jahr – und wirft man dort nicht endlich die überkommenen Vorstellungen über Bord, die so regelmäßig geäußert werden, wird sich dieser Trend auch nicht abschwächen. Es sind nicht Medien und Glaubenskritiker, die die Kirche zugrunde gehen lassen; es ist schlicht und einfach die moderne Welt.

Der Hochzeitswahnsinn

Es ist also soweit. Noch im letzten Jahr konntet ihr an gleicher Stelle lesen, wie furchtbar ich den Hochzeitstwahnsinnswettbewerb auf Facebook finde. Und jetzt? Ich habe geheiratet und tatsächlich erfolgreich vermieden, im Vorfeld Planungsstand, kritische Momente und Vorfreuden öffentlich zu machen. Doch schon am Tag nach dem großen Fest kursierten 30 Fotos im globalen Netz, ganz ohne mein Zutun. Irgendwo hört der Arm der Braut auf, vor allem, wenn sie keine Braut mehr ist. Doch darum soll es hier nicht gehen, sondern um Chaos und Ordnung und den ganz normalen Wahnsinn.

Stilecht: Mit Kutsche zur Kirche (Foto: Bernatz)

Den Anfang macht ein goldener Tipp an alle Hochzeitsplanenden: macht so viel wie möglich selbst. Verteilt die Planung nicht, denn was am Anfang Arbeit nimmt, wird später purer Stress, wenn die Teile sich zusammenfügen, überlappen und durcheinander geraten. Wer die Fäden in der Hand hält weiß, wo Probleme auftreten und wie sie zu umgehen sind. Und Rat kann sich der Planer dann immer noch holen. Das sollte er auch. Bei Menschen, die Feiern schon öfters geplant haben, in Ratgebern, bei den Eltern, den Freunden und am Wichtigsten: dem Partner.

Und die zweite goldene Regel ist: Egal wie gut ein Fest geplant ist, es wird immer etwas schief gehen. Beispiele? Am Vorabend der Hochzeit mussten wir feststellen, dass der Raum doch kleiner war, als gedacht. Die komplette Tischordnung wurde innerhalb von zwanzig Minuten umgeschmissen, neu geordnet und mit Kompromissen versehen. Plötzlich fehlten zwanzig Tassen und Untertassen, die Tischdecken wurde in den letzten Tagen fertig genäht, die Kuchenliste wurde in der letzten Nacht verdoppelt und nach der Trauung konnten wir feststellen, dass zwei fest eingeplante Gäste schon mal gar nicht gekommen waren. Doch da hört der Spaß nicht auf.

Unikate: die raffinierten Ringe für die Ehe (Foto: Obermann)

Zu unserer großen Überraschung war uns das Wetter gut gesinnt. Schon beim Standesamt blieb der angekündigte Regen aus, und am Samstag fand tatsächlich die Sonne den Weg zu uns. Doch dieses Wetter im Zwischenbereich führte dazu, dass es nicht warm genug war, um unseren Getränkevorrat wirklich zu verdünnen, und nicht kalt genug, um unser Büffet zu leeren. Aber lieber zu viel haben, als zu wenig. Und vor allem: locker bleiben. Der in letzter Minute aufgestellte Geschenktisch wurde so nahe an unser Gästebuch gestellt, dass viele das Buch für ein Geschenk hielten und die Einträge deswegen etwas mau ausgefallen waren. Locker bleiben solltet ihr auch bei den vielen Spielen und Aktionen. Bei dem Tanzwettbewerb zwischen Braut und Bräutigam, dem obligatorischen Er-oder-Sie-Quizz, dem gemeinsamen Baumstammzersägen, …

Im Großen und Ganzen lief aber alles gut. Der vergessene Brautstrauß erreichte die Kutsche, bevor wir an der Kirche waren, der Reifrock wurde dank fachkundiger Hilfe schnellstens wieder repariert. Unsere einmaligen Eheringe von der Goldschmiede Eckart passten wie angegossen, der Hochzeitslikör für die Gäste wurde mit Freude angenommen, die Fotografin wartete geduldig, bis der Vater des Bräutigams wieder aufgetaucht war und das französische Brautkleid nahm keinen Schaden. Die Einwegkameras landeten brav im bereitgestellten Karton. Der DJ  von Evergreen Entertainment und die Karaoke war im Übrigen eine grandiose Idee. Noch um vier Uhr grölten Bräutigam, Brautbruder, sein bester Freund und der Trauzeuge „Quit playing games with my heart“. Mit allem Chaos und aller Planung kamen wir auf eine wundervolle Hochzeit. Nur mein Mann muss sich noch an seinen neuen Nachnamen gewöhnen.

Vorschau: Nächste Woche geht es hier um den Masochismus beim Rennradfahren.

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Wenn die Wohnzimmer hell erleuchtet sind vom Glanz der Kerzen, wenn der Duft von Glühwein und Tannenbäumen die leeren, dunklen Gassen erfüllt, wenn man von drinnen das fröhliche Lachen kleiner Kinder hört und das Läuten der Kirchenglocken über die schneebedeckten Dächer hallt – dann ist Weihnachten. Aber wie verbringen eigentlich die Face2Face-Redakteure das Fest der Liebe? – Ein Blick hinter die Kulissen:

Eva-Maria Obermann (Kolumne) begründet eine eigene Weihnachtstradition

Kirche, Kind und Weihnachtsessen: Face2Face-Kolumnistin Eva-Maria Obermann bringt alles unter einen Hut (Foto: privat)

 „Früher, als ich Kind war oder zumindest ein kleineres Kind als heute, war Weihnachten einfach. An Heiligabend besuchten wir die eine Oma, am ersten Feiertag die andere und oft schafften wir es, vorher unterm eigenen Baum zu feiern. Doch so klein bin ich schon lange nicht mehr. Scheidungen, neue Familienmitglieder, Termine, Termine. An Weihnachten war ich immer hin und her gerissen und wusste nicht so recht, wo ich eigentlich sein will. Als ich schwanger wurde, habe ich unter das Chaos einen Schlussstrich gezogen: seitdem lade ich zu Heiligabend Eltern, Großeltern und meinen Bruder ein, und wer nicht mag, hat Pech gehabt. Manche wollen das nicht so ganz verstehen, aber ich bleibe stur.

Nachmittags gehe ich mit meinem Sohn in die Kinderchristmette – wer will kann uns da schon begleiten. Die meisten kommen aber erst zum Essen und sparen sich die Kirche. Ich finde gerade die Kindermesse wirklich schön und weihnachtlich. Dann geht es nach Hause. Unter unserem Weihnachtsbaum können sich die Geschenke – hauptsächlich für den kleinen Mann – stapeln und auch mein Weihnachtsessen ist nicht ohne: Champignoncremesuppe für meinen Bruder, jedes Jahr eine neue, leicht exotische Salatvariation, Weihnachtspute mit Ofengemüse und nach der Bescherung einen süffisanten Nachtisch. Weihnachten ist eben nur einmal im Jahr. Und das strahlende Gesicht eines Kindes, wenn es alle, die es lieb hat, versammelt weiß, ist den kleinen Ärger, weil ich damit eine neue Tradition begründet habe und an ihr festhalte, wirklich wert.“

Johannes Glaser (Wirtschaft&Poltik) ist begeistert von so viel Frieden und Toleranz

Liebt den Frieden in der Weihnachtszeit: Politik-Redakteur Johannes Glaser (Foto: privat)

 „Weihnachten und Kirche – bei uns zuhause hing das nie zusammen. Aufgewachsen bin ich in einer ziemlichen Atheistenfamilie, weswegen ich meine bisherigen Kirchgänge wohl gut an einer Hand abzählen kann – auf Weihnachten ist bisher keiner davon gefallen.

Trotzdem habe ich Weihnachten immer geliebt. Als ich jünger war natürlich vor allem wegen der Geschenke, die mir inzwischen nicht mehr wichtig sind. Ich finde Weihnachten deshalb so toll, weil die Menschen, die das ganze Jahr über damit beschäftigt sind, sich aus den schwachsinnigsten Gründen gegenseitig zu schaden und zu hassen, zumindest zeitweise zur Besinnung kommen. Anfang Dezember werden die Leute jedes Jahr scheinbar über Nacht viel friedlicher, umgänglicher und toleranter. Das finde ich wunderschön, und ich bin Jahr für Jahr aufs Neue begeistert!

Weihnachten selbst feiere ich mit meiner Familie und vielleicht nachts noch mit Freunden, soweit sind die Pläne bisher noch nicht. Auf jeden Fall freue ich mich dieses Jahr vor allem darauf, dass meine Schwester, die angefangen hat in Konstanz zu studieren, über die Feiertage nach Hause kommt. Andererseits hat Weihnachten dieses Jahr auch einen bitteren Beigeschmack: Meine Oma, die wir zu Weihnachten immer besucht haben, ist dieses Jahr verstorben. Da bleibt eine große Lücke.“

Verbringt Weihnachten wie hier 2007 mit Freunden: Musik-Redakteurin Selin Güngör (Mitte) (Foto: privat)

Selin Güngör (Musik) begeht das Fest der Liebe mit ihren engsten Freunden

 „Ich verbringe Weihnachten jedes Jahr mit meinen engsten Freunden. Da ich Muslima bin und Weihnachten für mich keinen religiösen Aspekt hat, gehe ich auch am Weihnachtsabend nicht zur Messe. Es geht mir nicht um Geschenke, wenn ich Weihnachten mit meinen Freunden feiere, es geht mir um den Zusammenhalt und das familiäre Beieinander. Jedes Jahr am 23. Dezember gehen wir alle zusammen essen. Wir suchen ein gemütliches Lokal, treffen uns, essen gemeinsam und freuen uns zusammen zu sein. Diese Tradition gibt es schon seit vier Jahren. An den eigentlichen Weihnachtsfeiertagen bin ich dann entweder bei der Familie meines Freundes oder bei der Familie meiner besten Freundin und auch wenn ich kein Wintermensch bin – auf unser Weihnachtsessen freue ich mich immer wieder.“

Julia Pfirrmann (Wirschaft&Politik) zollt in diesem Jahr dem Satz „I´m coming home for christmas“ Tribut

Freut sich auf ihren Weihnachtsbesuch in Deutschland: Wirtschafts-Redakteurin Julia Pfirrmann (Zt. in Barcelona, Spanien) (Foto: privat)

 „Vermutlich wird sich an den Heilig Abend-Feierlichkeiten in unserem Hause nie viel ändern. Der 24. Dezember beginnt mit der geschwisterlichen Diskussion, wer denn jetzt die großen Kugeln an den Weihnachtsbaum hängen darf und wer die unbeliebte Aufgabe des Tannennadelwegsaugens übernimmt. Am Ende erledigt die große Schwester – also ich – dann meist alles alleine. Nachdem letzte Geschenke eingepackt und Flötenstücke eingeübt sind, besuchen wir nachmittags den Weihnachtsgottesdienst und danach, mit Miniweihnachtsbäumen und Kerzen bestückt, den Friedhof. Letztere Aktivitäten sind uns weniger aus religiösen Gründen, sondern vielmehr zur Erhaltung alter Familientraditionen wichtig. Dieser Weihnachtsgruß an unsere Lieben besteht schon sehr lange und wir lassen uns auch nicht von Regen, Schnee oder der unangenehmen Mischung aus beidem aufhalten.

Das von selbstgemachten Nudeln begleitete Weihnachtshähnchen wurde von meinem Stiefvater liebevoll das „schnellstes Huhn der Welt“ getauft. Wenn er dann einmal im Jahr am Herd steht, werden wir festtagsgemäß mit maßlosen Mengen an Sahne beglückt, sehr zur Freude meiner Mutter und mir. Dem Essen folgt ein wenig weihnachtlicher Sing-Sang und dann, bevor die Hälfte der Anwesenden der Völlerei wegen eingeschlafen ist, die Bescherung.

Neben all der Tradition wird dieses Weihnachten aber etwas ganz Besonderes für mich sein. Ich habe meine Familie nun mehrere Monate nicht gesehen und unterbreche mein Auslandssemester in Spanien für vier Tage um zum ersten Mal dem Satz „I’m coming home for christmas“ Tribut zu zollen. Das Wichtigste an Weihnachten sind mir nämlich meine Lieben und die Freude, die ich durch kleine Geschenke in ihre Gesichter zaubern kann.“

Vorschau: SPONTANE PROGRAMMÄNDERUNG: Am Dienstag, 27. Dezember erwartet euch anstelle des angekündigten Interviews mit heute-journal-Nachrichtensprecher Claus Kleber ein Interview mit Schauspieler Matthias Schweighöfer. Das Gespräch mit Claus Kleber gibt´s dann im Januar.
Lisas Rätsel des Monats wird nach wie vor am Dienstag, 3. Januar erscheinen.

Halloween – und wer denkt noch an den Reformationstag?

In ein paar Tagen ist es wieder so weit: Es ist Halloween. Bei jedem Einkauf begegnen uns Nahrungsmittel, die uns auf das schaurig-schöne Fest einstimmen sollen: Gummigebisse, Fischstäbchen in Fledermausform, Grimassen-Kroketten, Gespensterchips, und vieles mehr. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Und während im Garten unserer Nachbarin bereits zwei Kürbisse auf ihre Halloween-Verschönerung warten, überlegen sich die Nachbarskinder bereits seit ein paar Wochen, ob sie als Vampire oder Gespenster von Tür zu Tür ziehen sollen.

Was aber feststeht, ist: An Halloween wird es wieder mehrfach an der Tür klingeln, unser Hund halbwegs bei jedem Läuten abdrehen und Kinder in den unterschiedlichsten Kostümen und mit den verschiedensten Maskierungen ein Gesicht, Spruch oder Lied zum Besten zu geben, um zum Schluss mit dem Satz „Süßes oder Saures?“ einen kleinen Lohn einzufordern. So sind im Keller Süßigkeiten gelagert, um auf den möglichen Ansturm hungriger kleiner „Monster“ vorbereitet zu sein. Und falls uns die Süßigkeiten doch ausgehen sollten, haben wir noch die sauren Gurken – denn selbst die werden von den umherziehenden Gestalten nicht verschmäht und noch mit großer Freude angenommen.

Halloween, das ursprünglich aus Irland kommt und sich von dem Wort „all hallow’s eve“ ableitet, kann durchaus ein Spaß für Groß und Klein sein, wenn sich die Streiche im Rahmen halten und nichts beschädigt wird.
Der Hype um Halloween hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen, und viele denken schon gar nicht mehr daran, dass die evangelischen Christen am 31. Oktober den Reformationstag feiern. Deshalb soll hier kurz auf die Bedeutung des Reformationstags eingegangen werden.

Am Reformationstag erinnern wir uns einerseits an den Reformationsbeginn durch Martin Luther und andererseits an die Rechtfertigungslehre. Martin Luther soll am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg 95 Thesen genagelt haben. Dies gilt als Geburtsstunde der Reformation. Luther sprach sich damals gegen den Ablasshandel aus, da der Mensch bereits durch den Tod Jesu Christi am Kreuz vor Gott gerechtfertigt sei und nicht durch Geldzahlungen von der Sünde, sondern durch den Glauben allein erlöst wird. Durch die Reformation, die als Erneuerungsbewegung der Kirche angesehen werden kann, hat zur Spaltung des westlichen Christentums in verschiedene Konfessionen geführt.

In einigen deutschen Bundesländern ist der Reformationstag sogar gesetzlicher Feiertag.

Eine schöne Woche.

Eure Lea

Vorschau: Eva schreibt nächste Woche vom NaNoWriMo, und was sich dahinter eigentlich verbirgt.

 

 

Der etwas andere Gottesdienst

Der „Zweite Gottesdienst“ in der Speyerer Johanneskirche ist ein Gottesdienst der etwas anderen Art. Hier kommen Jung und Alt zusammen, hier treffen sich Protestanten und Katholiken zum gemeinsamen Gottesdienstfeiern und hier ist alles etwas bunter und moderner. Der Gottesdienst selbst wird nicht in der Kirche gehalten und wer die alte Liturgie vermisst, ist eindeutig fehl am Platz.

 Die beiden Face2Face-Mitarbeiter Jean-Claude Jenowein und Lea Zander haben sich mit Udo Müller, Pfarrer der Johanneskirche und Mitbegründer des „Zweiten Gottesdienstes“ zu einem Interview getroffen.

Face2Face: Wie sind Sie dazu gekommen Theologie zu studieren? Gab es ein ausschlaggebendes Erlebnis?
Udo Müller: Ich habe mir diese Frage oft gestellt und ehrlich gesagt habe ich darauf keine gute Antwort. Mein soziales Umfeld hat mich aber auf jeden Fall mitgeprägt. Meine Mutter war Religionslehrerin, ich habe mit meinen Eltern regelmäßig den Gottesdienst besucht und auch meine Cousine entschied, Religion auf Lehramt zu studieren. Mich haben an diesem Fach vor allem die alten Sprachen fasziniert. Vielleicht trug auch der gute Religionsunterricht zu der Entscheidung bei, sich stärker mit Religion zu beschäftigen. Auf jeden Fall fing ich an, die Bibel zu lesen und war von den vielen Geschichten und Schicksalen berührt. Dadurch entwickelte ich wohl auch eine Empfänglichkeit für benachteiligten Menschen. Um festzustellen, ob der Beruf „Pfarrer“ wirklich zu mir passt, habe ich ein Praktikum bei einem Pfarrer absolviert. Ich bereue meine Entscheidung bis heute nicht, da ich meinen Beruf als sehr vielfältig beschreiben würde.

Face2Face: Gab es in Ihrem Leben einen Punkt, an dem Sie an Gott gezweifelt haben?
Udo Müller: Diesen Punkt gab es. In dem einen Moment glauben wir, Gott zu verstehen, und im nächsten müssen wir erkennen, dass er nicht berechenbar ist. Glaube ist mehr als nur Theorie, weshalb ich die Nähe zu Gott gesucht und erkannte habe, dass seine Nähe etwas Geniales ist. Auch wenn ich Gott nicht immer verstehe, vertraue ich ihm. Zweifel habe ich nicht – eher viele Fragen.

Face2Face: Um kurz auf die aktuelle Geschehnisse in Libyen und Japan zu sprechen zu kommen: Welche Message will uns Gott Ihrer Meinung nach dadurch vermitteln?
Udo Müller: Keiner kann sich anmaßen, diese Frage zu beantworten. Es gibt eine Geschichte in der Bibel: Unschuldige Menschen werden von einem zusammenstürzenden Turm erfasst und sterben. Die Jünger wollen von Jesus wissen, warum er das zulässt. Er antwortet daraufhin: Das ist passiert, damit ihr eurer Leben ändert. Japan ist wohl das beste Beispiel dafür, dass wir anfangen sollten, unser Leben zu verändern.

Face2Face: Wie politisch darf beziehungsweise muss Religion sein?
Udo Müller:
Der Papst zum Beispiel ist ein politischer Machtfaktor. Wenn der Papst sich für oder gegen etwas entscheidet, hat er eine enorme Macht. Als ich begonnen habe Pfarrer zu werden, waren viele Predigten politisch durchdrungen. Für mich hatte das immer etwas mit Indoktrination (Anm. de. Red.: starke Beeinflussung einer oder mehrerer Personen) zu tun. Daher bin ich sehr vorsichtig, meine politische Meinung mit in die Predigt einfließen zu lassen.

Face2Face: Sehen Sie sich beim „Zweiten Gottesdienst“ eher in der Rolle des Moderators oder des Pfarrers und wie bereiten Sie sich auf den Gottesdienst vor?
Udo Müller:
Ich bin sowohl das eine als auch das andere. Als Pfarrer bin ich der „Voranschreitende“ der Gruppe, sozusagen der Motor, während ich mich als „Moderator“ zurückhalte und die Gruppe eher lenke oder sie selbstständig etwas erarbeiten lasse. Persönliche Bilder helfen mir dabei, Zugang zu einem Thema zu finden. Allerdings versuche ich das einzugrenzen, denn es ist eher kontraproduktiv, wenn ein Pfarrer immer von sich selbst erzählt. Die Gottesdienstbesucher könnten das als Masche auffassen. Bei der Wahl der Themen stimmen alle Teammitglieder über ein Internetportal ab. Die Themen können sich natürlich kurzfristig ändern, gerade bei aktuellen Ereignissen.

Face2Face: Wie würden Sie unseren Lesern das Konzept des „Zweiten Gottesdienstes“ beschreiben?
Udo Müller: Das ist ein normaler Gottesdienst für die Menschen von heute, mit einer zeitgemäßen Predigt und moderner Musik. Es wichtig, dass sich die Menschen bei uns wohlfühlen und sich nicht verkrampfen: Das fängt schon bei der Uhrzeit an. Welcher normale Mensch geht sonntagmorgens um halb zehn in die Kirche? Der „Zweite Gottesdienst“ beginnt um elf Uhr. Früher haben die Menschen um zwölf Uhr zu Mittag gegessen. Heute sieht das anders aus.
Der „Zweite Gottesdienst“ wird nicht in der Kirche, sondern in einem der Nebenräume gefeiert. Dazu eignen sich eher helle Räume, die nicht so traditionsüberlastet sind. Das bedeutet aber nicht, dass die Kirche und die neue Form des Gottesdienstes unvereinbar sind. Wollte man diesen in einer herkömmlichen Kirche veranstalten, müsste man zunächst die steifen Bankreihen entfernen und durch Stühle ersetzen. Um so eine Veränderung in der Kirchengemeinde durchzusetzen, braucht es an die hundert Jahre.

Face2Face: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen „Zweiten Gottesdienst“ zu organisieren?
Udo Müller: Ausschlaggebend war unter anderem die alte Liturgie des herkömmlichen Gottesdienst. Auch die Gottesdienste in Amerika oder die der Freien Gemeinden in Deutschland haben uns entscheidend mitgeprägt – insbesondere die lockere Art, wie dort die Predigten und Verkündigungen abgehalten werden. Das ist einfach klasse!

Face2Face: Sehen Sie diese Form des Gottesdienstes als zukunftsweisend bei einer immer älter werdenden Gesellschaft und wie wird diese zukunftsorientierte Form aufgenommen?
Udo Müller: Im „Zweiten Gottesdienst“ haben wir sowohl katholisches also auch evangelisches Publikum. Die Beichte ist ein typisch katholisches Thema, das die Evangelischen als etwas seltsam empfinden. Beichte ist ursprünglich keine schlechte Idee – nur das, was daraus gemacht wurde. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es immer eine Gruppe geben wird, die für die herkömmliche Art des Gottesdienstes plädiert. Aber so wie sie momentan abgehalten werden, sind sie nicht überlebensfähig für nachkommende Generationen.
Unsere „zukunftsorientierte Form“ hat eine große Gegnerschaft. Unter anderem die an der Tradition orientierten Leute. Für diese sind unsere englischsprachigen Lieder ein absolutes No-Go – gerade weil sie diese nicht verstehen. Eine andere Gruppe sind die Leute, die den Gottesdienst als „Show“ bezeichnen – das finde ich böswillig. Bei Konzerten, die bei uns in der Johanneskirche stattfinden, wie „JuSi“ oder „Kephalo“ ist es selbstverständlich, Lichteffekte zu integrieren. Aber wenn man diese Elemente versucht, auf einen Gottesdienst zu übertragen, dann hagelt es Kritik. Aber gerade wegen der zeitgemäßeren Form kommt dieser Gottesdienst bei vielen gut an. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir mit allen Generationen Gott feiern.

Face2Face: Einmal im Jahr findet ein sogenannter Event-Gottesdienst statt. Was verbirgt sich dahinter?
Udo Müller: Das ist ein Gottesdienst, der außerhalb der Kirche stattfindet – mitten im Leben, sozusagen. Beispielsweise auf einem Schiff, im Historischen Museum der Pfalz und der kommende wird im „Kulturbeutel“ im Domgarten stattfinden. Und zwar am Pfingstmontag, den 13. Juni um elf Uhr. Das Thema lautet: „Scotland Yard und der Heilige Geist“. Es sind natürlich alle ganz herzlich eingeladen wir freuen uns über jeden!

Face2Face: Was würden Sie unseren Lesern noch gerne auf den Weg mitgeben?
Udo Müller: Ihr werdet es nicht glauben, ich hab einmal eine Talkshow gesehen. Zu sehen war eine junge Frau, die sich gegen Religion ausgesprochen hat. Das hat mir zu denken geben – wieso wirft man eine 2000 Jahre alte Tradition so leichtsinnig weg? Vielleicht sieht man nicht den Reichtum, den der Glaube an Gott mit sich bringen kann? Wenn man es nur mal versucht, mehr muss man ja gar nicht tun, was würde man denn verlieren?

Kontakt „Zweiter Gottesdienst“:
Pfarrer Udo Müller
Johanneskirche
Theodor-Heuss-Str. 24
67346 Speyer
Tel.: 06232 / 61212

13.06.2011: Event-Gottesdienst mit dem Thema „Scotland Yard und der Heilige Geist“

26.06.2011: „Christliches Outfit“

10.07.2011: „Mitmachpredigt“