Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Der „18-Stunden-Coup d’état“ – Der Putschversuch in der Türkei

In der Nacht von Freitag, den 15. Juli, auf Samstag, den 16. Juli 2016, versuchen Militärangehörige die Regierung der Türkei durch Besetzungen und kriegerische Handlungen in den Städten Ankara, Istanbul, Marmaris und Malatya abzusetzen. Gegen 23 Uhr Ortszeit werden erstmals Militärflugzeuge über der Hauptstadt Ankara beobachtet, während etwa zeitgleich – wie CNN Türk berichtet – in der „Akıncı Air Base“ der Generalstabschef Hulusi Akar von Militäreinheiten festgesetzt wird. Auch die Fatih-Sultan-Mehmet- und die Bosporus-Brücke werden durch Leopard 2-Panzer besetzt: Ein symbolischer Akt der Abriegelung, der auf asiatischer Seite den Zugang nach Europa unterbinden soll. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das Herunterfahren der zentralen Flughäfen in den Städten Ankara und in Istanbul. Vor dem Istanbul-Atatürk-Flughafen sollen laut lokalen Medienberichten ebenfalls Panzer aufgezogen sein.

Von oben: Istanbul aus dem Flugzeug (© Fritz Zühlke / pixelio.de)

Von oben: Istanbul aus dem Flugzeug (© Fritz Zühlke / pixelio.de)

Die „Machtübernahme“ der Putschisten

Kurz darauf besetzten Putschisten die Zentralniederlassung der in der Regierungsverantwortung stehenden „Adalet ve Kalkınma Partisi“ (Anm. d. Red.: Der Parteiname bedeutet so viel wie „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“) – auch AKP genannt – in Ankara und Istanbul. Sie fordern alle Anwesenden zum Verlassen der Gebäude auf. Weiterhin wird eine Art Nachrichtensperre verhängt, die den Zugriff auf soziale Netzwerke unterbinden soll. Gegen Mitternacht berichtet Reuters, dass Putschisten sich in Ankara Zugang zu den Gebäuden der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt „Türkiye Radyo ve Televizyon Kurumu“ – kurz TRT – verschafft haben. Als die Nachrichtensprecherin Tijen Karaş gezwungen wird eine Erklärung der Putschisten zu verlesen, wird der Putschversuch zur international wahrgenommenen Inszenierung: Etwa eine Stunde nach Beginn des Coups schaltet sich die Weltöffentlichkeit zu und beginnt, das Geschehen durch Live-Berichterstattungen zu kommentieren. In der Verlautbarung heißt es: „Die türkischen Streitkräfte haben die komplette Regierung des Staats übernommen, um die verfassungsmäßige Ordnung, die Menschenrechte und die Freiheit, den Rechtsstaat und die öffentliche Sicherheit, die beschädigt worden waren, wiederherzustellen. […] Alle völkerrechtlichen Verträge sind nach wie vor gültig. Wir hoffen, dass unsere guten Beziehungen zu allen Staaten weiter bestehen.“ Zu den Gründen für den Putsch heißt es weiter, dass die „demokratischen und säkularen Rechtsgrundsätze durch die derzeitige Regierung erodiert wurden“. Das Land werde ab sofort von einem selbsternannten Friedensrat der Türkei, der sich „Yurtta Sulh Konseyi“ nennt, regiert, welcher die „Sicherheit der Bevölkerung“ gewährleisten solle. Während alle internationalen Abkommen in Takt bleiben sollen, tritt gleichzeitig das Kriegsrecht in Kraft und eine Ausganssperre für das ganze Land wird verhängt. Des Weiteren wird angekündigt, schnellstmöglich eine neue Verfassung erlassen zu wollen.

Die Reaktionen

Ministerpräsident und AKP-Mitglied Binali Yildirim bestätigt, dass einige Militärs einen „illegalen Versuch“ der Machtübernahme gestartet hätten. Die militärischen Handlungen seien „außerhalb der Befehlskette“ ergriffen worden. Die Tagesschau erklärt dazu in ihrem Newsticker: „Militär verkündet Machtübernahme“. Damit ist der selbsternannte Friedensrat der Türkei – wenn auch nur nach außen hin, auf medialer Ebene – zum Machthaber geworden. Es wirkt wie eine friedliche Übernahme, doch auf dem Boden der Tatsachen geschieht etwas anderes: Es wird gekämpft, es werden weitere Geisel genommen, es fallen vielerorts Schüsse – unter anderem auf der besetzten Bosporus-Brücke. Hubschrauber bombardieren das Polizeihauptquartier außerhalb Ankaras und töten dabei 41 Menschen, weitere 43 werden verletzt. Auch der Sitz des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan gerät unter Beschuss – sowohl vom Boden aus, als auch aus der Luft. Bereits um ein Uhr schaltet sich dieser ein. Er gibt dem Fernsehsender CNN Türk ein Interview über die Smartphone-Applikation „Facetime“ – eine bittere Ironie, denkt man an die vergangene restriktive Haltung des Staatsführers gegenüber den sozialen Medien. Während der öffentlich-rechtliche Sender TRT bereits den Sendebetrieb eingestellt hat, ruft Erdoğan im Privatfernsehen die Bevölkerung zum aktiven Widerstand und zur Durchbrechung der Ausgangssperre der Putschisten auf. Er proklamiert: „Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Keine Macht ist größer als die des Volkes. Sollen sie mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.“ Der Schachzug des Präsidenten gelingt, denn die Straßen werden von seinen Anhängern und Wählern in demonstrationsähnlichen Zügen bevölkert. Auch der der AKP angehörende, stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmuş vermittelt den Fernsehzuschauern, dass die Regierung nicht abgesetzt sei und erneuert das Gesuch des Präsidenten. Im Zuge einer weiteren Stabilisierung distanzieren sich hochrangige Militärs von der Putschbewegung. Auch ein Schuldiger ist bereits in dieser Rede an das Volk gefunden: der langjährige Erdoğan-Gegner und Prediger Fethullah Gülen, der aus dem amerikanischen Exil ausgeliefert werden soll. Anschließend macht Erdoğan sich auf den Rückflug nach Istanbul. Wie Reuters berichtet, sei der türkische Präsident auf diesem Flug von zwei Kampfjets der Putschisten verfolgt worden. Bestätigen lässt sich dies aber derzeit nicht. Im Zuge einer weiteren Stabilisierung der Situation distanzieren sich hochrangige Militärs von der Putschbewegung.

Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende?

Bis fünf Uhr ist die Nachrichtenlage diffus. Das türkische Parlament gerät erneut unter Beschuss, der selbsternannte Friedensrat erklärt auf der eigenen Webseite, die Kontrolle über das ganze Land zu halten, während Yıldırım erklärt, die Situation sei unter Kontrolle und eine Flugverbotszone sei eingerichtet. Rund eine Stunde lang geht dann aber auch noch der Sender CNN Türk vom Netz, als Putschisten das Sendegebäude besetzen. Gegen vier Uhr gibt Erdoğan nach seiner Landung in Istanbul wiederum ein Interview am Flughafen, der währenddessen von Regierungs-Befürwortern umringt wird. Der Präsident verkündet, nun eine „Reinigung der Armee“ durchführen zu wollen und das Militär von „Terroristen“ zu befreien. Bisher sind bereits 6.000 Personen inhaftiert: von Richtern über hochrangige Militärs bis zu vermeintlich beteiligten Putschisten. Bereits in dieser Woche berät das türkische Parlament über eine Wiedereinführung der Todesstrafe.

Vorschau: Die Frage nach dem „Schrecken ohne Ende“ wird in der kommenden Woche Thema eines Kommentars zu den Ereignissen in der Türkei sein.

Türkische Supangle – Wenn Pudding Kuchen küsst

Neben Joghurt, Eis und Frozen Yogurt ist es der Pudding, der diesen Sommer kulinarische Kühle schenken soll. Dass man ihn auch gut mit anderen Süßspeisen kombinieren kann, beweist die türkische Variante „Supangle“. Hierbei handelt es sich um ein vor allem in Istanbul bekanntes Dessert, das aus einem auf Schokoladenkuchen gegossenen Schokoladen-Pudding besteht. Zwar hat es mit seinen europäischen Vertretern – der italienischen „Zuppa Inglese“ und der französischen „Soupe Anglaise“ nicht viel gemein, jedoch verzaubert Supangle auch hierzulande Jung und Alt.

Schokoladig: Türkische Supangle (Foto: Onat)

Schokoladig: Türkische Supangle (Foto: Onat)

Zutaten und Materialien:

  • 750ml Milch
  • zwei gehäufte Esslöffel Mehl
  • vier Esslöffel Kakao
  • vier Esslöffel Zucker
  • 100g Zartbitterschokolade
  • ein Esslöffel Butter oder Margarine
  • Schokoladenkuchen oder Brownies
  • Topf, Löffel und Servierschalen
  • nach Belieben Schokolade, Pistazien, Nüsse und Kokosraspeln zur Dekoration

Zubereitung:

1. Milch, Kakao, Zucker und Mehl in einen Topf geben und alles miteinander verrühren.

2. Das Gemisch unter ständigem Rühren auf mittlerer Flamme aufkochen, bis die Masse stockt.

3. Den Pudding nun vom Herd nehmen und die Butter mit der Zartbitterschokolade unterheben.

4. Kleine Stücke des Schokoladenkuchens in den Boden der Servierschalen eindrücken. Falls er zu fest sein sollte, gegebenenfalls mit etwas Milch benetzen. Den noch warmen Pudding darüber gießen und die Supangle im Kühlschrank für eine Stunde kalt stellen.

5. Nach Belieben die Supangle mit Pistazien, Schokolade, Haselnüssen, Walnüssen oder Kokosraspeln dekorieren.

Vorschau: Nächste Woche gibt es hier ein Rezept für leckere Karotten-Cupcakes.

Kritik an der türkischen Regierung: Tausende Demonstranten fordern politischen Umschwung

Wer am Morgen nach den Protesten durch die Straßen am Istanbuler Taksim-Platz, dem zentralen Punkt der türkischen Proteste, läuft, bekommt ein Bild der Verwüstung zu sehen: von den Demonstranten aufgerichtete Barrikaden, zerstörte Bankautomaten sowie Häuser und Werbetafeln, die mit Slogans wie „Tayyip istifa“ (zu Deutsch: Tayyip tritt ab) oder „faşizme karşı omuz omuza“ (zu Deutsch: Schulter an Schulter gegen den Faschismus) beschmiert sind. Es liegt noch immer eine Wolke von Tränengas in der Luft, welches die Polizei hier so übermäßig versprüht hat – Augen und Nase fangen an zu kribbeln. Die Wut und Verzweiflung, die sich hier in den letzten Tagen entladen hat, ist deutlich zu spüren. Trotz allem thront der durch die Sonne glitzernde Bosporus noch immer märchenhaft im Hintergrund der Stadt.

Angefangen hatte alles mit der Besetzung des Gezi-Parks am Taksim-Platz, der letzten Grünfläche, die sich in der Istanbuler Innenstadt noch finden lässt. Der Park soll verschwinden, dafür ein weiteres Einkaufszentrum entstehen. Die Besetzung des Parks am 28. Mai begann friedlich, Menschen versammelten sich, um im Park gemeinsam zu diskutieren, Gitarre zu spielen, zu singen und zu tanzen. Am Morgen des 31. Mais versuchte die Polizei die Besetzung des Parks gewaltvoll zu beenden. So begannen die Proteste, die sich auch auf andere Städte der Türkei ausweiteten. Schnell war klar: Hier geht es längst nicht mehr um den Abriss des Gezi-Parks, sondern um die Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğans. Die Proteste sind nur die Spitze des Eisbergs. Innerhalb der gut-bürgerlichen, westlich orientierten Bevölkerungsschicht wird Erdoğan schon seit langem misstrauisch beäugt. Es wird ihm eine heimliche Agenda vorgeworfen, die Türkei unter autokratischer Herrschaft zu islamisieren. Am gleichen Tag des geplanten Abrisses des Gezi-Parks wurde auch das Bauprojekt der dritten Bosporusbrücke eröffnet. Diese steht in der Kritik, da sie Wälder und Grünflächen nahe des Schwarzen Meeres zerstören und dies auch Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung Istanbuls haben soll. Außerdem wird die Brücke nach dem osmanischen Sultan Selim I. benannt, der vor rund 500 Jahren brutale Massaker an den Aleviten verübt hat, eine religiöse Gruppe, die in der Türkei nicht als Minderheit anerkannt ist.

2002 kam die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) unter Erdoğan mit einer Zweidrittelmehrheit an die Macht. Bei der Umsetzung von Erdoğans erklärten Wahlzielen, das Kurdenproblem zu lösen und den Beitritt der Türkei in die Europäische Union anzustreben, ist er zunächst erfolgreich. Unter Erdoğans Regierung nimmt die Europäische Union nach vielen verabschiedeten Reformpaketen 2005 Beitrittsverhandlungen mit der Türkei auf. Auch was die Rechte der Kurden angeht, verändert sich einiges: Der Gebrauch der kurdischen Sprache, Kurdisch-Unterricht in Privatschulen und kurdische Radio- und Fernsehkanäle werden erlaubt. Im März 2013 rief der seit November 2009 inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan aus dem Gefängnis heraus zu einer Waffenruhe auf und forderte die kurdischen Kämpfer auf, sich zurückzuziehen. Die PKK ist eine kurdische Untergrundorganisation, die unter anderem mit Waffengewalt für politische Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete in der Türkei kämpft und von der Türkei, der EU und den USA als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Der größte Erfolg jedoch, den die AKP-Regierung für sich beanspruchen kann, ist der wirtschaftliche Aufschwung der Türkei. Im Jahr 2010 konnte die türkische Wirtschaft einen Anstieg von 8,9 % verzeichnen, und auch die Jahre davor gab es bereits ähnlich hohe Zahlen zu verbuchen. Dieser Kurs erfuhr viel Zuspruch in großen Bevölkerungsteilen der Türkei. Die liberale türkische Mittelschicht, die von dem Wirtschaftsaufschwung profitierte, gehört zu den Gewinnern der Politik Erdoğans.

Trotz diesen wirtschaftlichen und politischen Erfolgen wird Erdoğan vorgeworfen, eines der Grundprinzipien der türkischen Verfassung Schritt für Schritt auszuhebeln: den Laizismus. In der Türkei müssen Religion und Staat getrennt werden. Dies ist das Erbe Mustafa Kemal Atatürks, dem verehrten „Vater der Türken“, der 1923 die türkische Republik ausrief. Die türkische Säkularisierung fand ihren Ausgangspunkt in der Europäisierung des Rechtssystems. Nach der Gründung der Republik fand der Laizismus als zentraler Grundsatz 1937 seinen Weg in die türkische Verfassung. Das Ziel Atatürks war, den Einfluss der Religion auf das Private einzuschränken. Er steht für die Modernisierung und westliche Orientierung der Türkei. Erdoğan hingegen gilt als Islamisierer der türkischen Gesellschaft. Die strenge Trennung von Religion und Staat wurde in seiner Regierungszeit wieder aufgeweicht. Er schaffte das Kopftuchverbot an Universitäten unter großer Kritik der laizistischen Elite der Türkei wieder ab. Sein neuer Verfassungsentwurf sieht gar ein Recht auf das Tragen des Kopftuchs für Frauen vor. Er sprach sich gegen die Legalität von Abtreibung aus und forderte türkische Frauen auf, mindestens drei Kinder zu bekommen. Weiterhin setzte er ein Alkoholverbot an öffentlichen Plätzen ein und verabschiedete im Mai diesen Jahres ein neues Alkoholgesetz, mit dem unter anderem der Verkauf von Alkohol von 22:00 bis 6:00 Uhr verboten wird. Zur gleichen Zeit fanden in der Türkei Proteste statt, weil in Ankara Beamte gegen ein sich küssendes Paar vorgegangen waren, das die moralische Ordnung verletzt hätte. Erdoğan wird vorgeworfen, der türkischen Bevölkerung seinen religiös- konservativen Lebensstil aufzwingen zu wollen. Große Bevölkerungteile- auch religiöse – fühlen sich daher durch die Regierung bevormundet.

Am problematischsten an Erdoğans Politik ist wohl die Art und Weise, wie er sie umsetzt. Zu den Protesten gegen den Umbau des Gezi-Parks erklärte er, keine Erlaubnis zu brauchen, er habe sie bei den Wahlen bekommen. Dieser autoritäre Umgang mit Demokratie schürt Angst und Wut in der türkischen Bevölkerung. Hinzu kommt noch die staatliche Kontrolle der Medien, die auffällig wenig und zurückhaltend über die Proteste in der Türkei berichten. Auf der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ des Jahres 2013 steht die Türkei auf Platz 154 und somit sogar hinter Russland. Die Menschen, die Erdoğans Politik kritisieren, fordern das Hören ihrer Stimmen ein, das in der letzten Zeit ignoriert wurde. Bis jetzt setzte Erdoğan dem nur Gewalt entgegen. Was den Protest auch so besonders macht, ist die Tatsache, dass er so viele unterschiedliche Menschen zusammenbringt. Ob Naturschützer, Kemalisten, Muslime, Fußballfans, Kurden oder gar AKP- Anhänger – kein anderes Thema konnte die türkische Bevölkerung in den letzten Jahren so stark zusammenschweißen. Es bleibt zu hoffen, dass Erdoğan bald doch noch einen vernünftigen und vor allem demokratischen Weg findet, mit den Protesten umzugehen.

Istanbul – neue Trendstadt Europas?!

Entspannte Atmosphäre am Bosporus: Blick auf den europäischen Teil Istanbuls (Foto: Vera Romer)

Istanbul – eine Stadt, die immer interessanter für Erasmusstudenten wird. Das Erasmus-Programm ermöglicht es Studenten, meist für ein Semester, Universitäten in verschiedenen Ländern Europas zu besuchen und so die Kultur, Sprache und Lebensweise kennenzulernen. Seit 2004 ist auch die Türkei Mitglied und die Zahlen der Austauschstudenten steigen stetig. Waren es laut Europäischer Kommission im Studienjahr 2004/05 nur 299 Erasmusstudenten, stieg die Zahl 2010/11 bereits auf 4288. Vor allem Istanbul ist unter den Studenten heiß begehrt. Kein Wunder – die Millionenmetropole gehört zu den wohl exotischsten Zielen Europas.

Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen werden hier besonders deutlich. So gehört beispielsweise der anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftige Gebetsruf des Muezzins, den man fünf Mal am Tag überall in der Stadt hört, bald zum Alltag. Viele Moscheen, Paläste und weitere Bauwerke erinnern an die geschichtsträchtige Vergangenheit der Stadt und sind bezeichnend für das außergewöhnliche Stadtbild. Außerdem ist Istanbul die einzige Metropole weltweit, die sich über zwei Kontinente erstreckt. Europa und Asien werden lediglich durch den Bosporus getrennt, den man entweder innerhalb von einer halben Stunde mit der Fähre überqueren kann oder man fährt über eine der zwei großen Bosporus-Brücken, welche die zwei Kontinente miteinander verbinden. Istanbul ist einzigartig – oder wer kann schon behaupten, mal eben die Fähre nach Asien zu nehmen.

Hier hat man die Qual der Wahl: Wochenmarkt im Stadtteil Beşiktaş (Foto: Vera Romer)

Auch kulturell wird einiges geboten – nicht umsonst ist Istanbul Kulturhauptstadt 2010 geworden. Zahlreiche Museen, Galerien und Konzerte sowie Märkte lassen nicht nur Touristenherzen höher schlagen: Teppiche, Schmuck und Kleidung soweit das Auge reicht. Was man ebenfalls viel und reichlich tun sollte: essen. Das kann man hier nämlich immer und überall. An jeder Ecke kann man für wenig Geld mit Reis gefüllte Muscheln, traditionelle Backwaren, frisch gefangenen Fisch aus dem Bosporus und noch vieles mehr kaufen. Wenn New York die Stadt ist, die niemals schläft, dann ist Istanbul definitiv die Stadt, die immer isst.

Andere typische Freizeitbeschäftigungen, die man sich bei jedem Türken abschauen kann, sind beispielsweise Tavla spielen – türkisches Backgammon. Während der manchmal stundenlangen Spielodyssee trinkt man vorzugsweise Çay, türkischen Schwarztee, und isst Sonnenblumenkerne. Diese werden wohlbemerkt mit Schale gekauft um danach mit den Zähnen „geschält“ zu werden – eine Technik, die die Türken perfektioniert haben. Wer auch davon genug hat, kann stundenlang durch die zahlreichen verwinkelten und oftmals hügeligen Straßen und Gassen Istanbuls laufen. Hierbei wird einem nie langweilig, denn jedes Stadtviertel ist einzigartig. So findet man in vielen Stadtteilen moderne Hochhäuser und Bürogebäude mit schicken Restaurants und Cafés, andere wiederum erinnern eher an anatolische Dörfer als an eine Millionenmetropole. Doch gerade das macht Istanbul aus – Gegensätze gehören hier zum Alltag: Minirock versus Schleier, Geschäftsmann versus Schuhputzer, Tradition versus Moderne.

Tavla wird immer und überall gespielt: Ausblick von der asiatischen Seite Istanbuls (Foto: Stefanie Behrendt)

Trotz der enormen Größe Istanbuls – offiziell sind es 13 Millionen Einwohner – ist die Anonymität bei weitem nicht so ausgeprägt wie in anderen europäischen Metropolen. Im Stammrestaurant gibt es selbstverständlich Çay aufs Haus, der Gemüsehändler erkundigt sich nach Neuigkeiten und der Mitbewohner lädt zum Familienbesuch ein. Doch bei all diesen wunderbaren Begegnungen muss man darauf gefasst sein, dass Englisch nicht so verbreitet ist, wie viele annehmen. Wer die touristischen Pfade verlässt, muss sich entweder mit Händen und Füßen verständigen, oder ein bisschen Türkisch lernen.

Stau gibt es auch in der Fußgängerzone: Die Haupteinkaufsstraße Istiklal Cadessi (Foto: Janine Behrendt)

Die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel ist jeden Tag ein neues Abenteuer. Nach Fahrplänen kann man lange suchen und selbst wenn es sie gäbe, würde die Hälfte der Busse oder Metros zu spät kommen. Die schlechte Infrastruktur haben die Türken überwunden, indem sie beispielsweise Minibusse nutzen. Egal wo man sich befindet, wenn ein Minibus vorbeifährt und einen fragend „anhupt“, genügt ein bestätigender Blick und man kann einsteigen und an gewünschtem Punkt der Strecke wieder aussteigen. Das Geld für die Fahrt wird von Hand zu Hand nach vorne zum Fahrer gereicht. Das Sprichwort „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ wird in der Türkei meist nicht bestätigt, trotzdem hält jeder die ungesagten Regeln ausnahmslos ein. Auch der Verkehr unterliegt ganz eigenen Regeln. Hupen gehört zur normalen Geräuschkulisse, Ampelüberquerungen bei Rot sind häufig und Geschwindigkeitsüberschreitungen sowieso – und trotz alldem kommt man meist ohne Blessuren an sein Ziel.

Chaotisch und laut, doch auch vielseitig und einzigartig: Istanbul ist eine Stadt, die sich in ständigem Wandel befindet und deren Geschichte noch lange nicht fertig erzählt ist. Wenn man sich als Erasmusstudent in diese Millionenmetropole wagt, ist das nicht immer einfach, zuerst gewöhnungsbedürftig und anfangs sehr anstrengend. Meistert man diese Herausforderungen, belohnt einen diese wunderbare Stadt jedoch mit so vielen neuen, aufregenden und einzigartigen Erfahrungen, die einen das ganze restliche Leben begleiten werden.

Vorschau: Am Dienstag, den 20. November gibt es in der Reiserubrik weitere Neuigkeiten aus Paris.

 

Preview: November 2012

Comedian Kaya Yanar, It-Girl Bonnie Strange und Ironman-Teilnehmerin Eva Helms – im Oktober konnte Face2Face viele hochkarätige Interviewpartner an Land ziehen.

 Aber auch im eisigen November wollen wir euch, liebe LeserInnen, mit jeder Menge spannenden Artikeln versorgen. Urlaubsfeeling liefert unsere Reiseredaktion mit einigen Eindrücken aus dem türkischen Istanbul. Unsere Kolumnisten widmen sich dem Thema „jung und schwanger“. Eine Vorschau auf die Kurzbahn-EM/DM im Schwimmen erwartet euch in der Sportrubrik. Im Panorama lest ihr wie es sich anfühlt als junger Erwachsener an einem PC-Seniorenkurs teilzunehmen und auch in der Musikrubrik gibt´s einen interessanten Selbstversuch frei nach dem Motto: Wie überlebt man eine tagelange SWR3-Hitparaden-Party?

Die FilmKunstKultur-Redaktion widmet sich in einer Rezension George R. R. Martins Die Herren von Winterfeld und verlost außerdem mehrere Exemplare des Buches. Um Überfischung geht es in der Tier&Umwelt-Rubrik. Die Tipps&Tricks-Redakteure stellen euch eine Shisha-Bar in Speyer vor und die Mode-Redaktion widmet sich – ganz dem Wetter entsprechend – der Herbst- und Wintermode für den Mann.

Laufende Gewinnspiele:

In der Tipps&Tricks-Rubrik könnt ihr noch bis Freitag, 02. November, eines von fünf Balea More Blond Sets, bestehend aus Shampoo und Spülung, gewinnen. Weitere Infos gibt´s HIER.

Generalprobe für London – Die Hallenleichtathletik-WM in Istanbul

Bei der diesjährigen Hallenleichtathletik Weltmeisterschaft im türkischen Istanbul ging laut dem offiziellen Slogan „die Post ab“. In 26 Disziplinen kämpften Leichtathleten aus der ganzen Welt um die Titel, schlussendlich setzte sich – einmal mehr – die USA als beste Sportnation der Welt in vielen Disziplinen mit insgesamt neun Goldmedaillen gegen die anderen Länder durch. Abgeschlagen hinter den USA auf dem zweiten Platz der Nationenwertung landete Großbritannien mit drei Titeln und den dritten Platz teilten sich Äthiopien und Kenia mit jeweils zwei ersten Plätzen.

Aufgrund der dieses Jahr stattfindenden Olympischen Wettkämpfe im Sommer fehlten einige der Top-Athleten, da sie sich in verschiedenen Trainingslagern auf das größte Sportfest der Welt und auf die Europameisterschaft im Juni vorbereiten. So fehlte aus deutscher Sicht beispielsweise die Hochspringerin Ariane Friedrich. Auch der Jamaikaner Usain Bolt, der bei den letzten Olympischen Spielen die Königsdisziplin der Sprintläufer über 100 Meter gewann, nahm nicht an den Wettkämpfen in der Ataköy Athletic Arena in Istanbul teil.

Ein überraschendes Comeback feierte die russische Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa, die bereits 2004 und 2008 Olympiasiegerin in dieser Disziplin wurde, außerdem war sie die erste Frau, die eine Höhe von 5 Metern überspringen konnte. Nach einem erfolglosen Jahr 2010 entschied sie sich für eine einjährige Auszeit und meldete sich jetzt eindrucksvoll zurück – mit 4,80 Metern zeigte sie den höchsten Sprung und setzte sich an die Spitze der Stabhochspringerinnen. In dieser Disziplin gewann auch das deutsche Team die eine von zwei Silbermedaillen – allerdings bei den Männern. Björn Otto, der aus der Nähe von Köln stammt, steht mit 5,92 Metern bis dato auf Rang eins der aktuellen Weltrangliste, musste sich in Istanbul aber dem Franzosen Renaud Lavillenie geschlagen geben.

Die zweite deutsche Silbermedaille gewann der zum Favoritenkreis zählende Kugelstoßer David Storl. Er wurde bei den letzjährigen Weltmeisterschaften in Daegu der erste deutsche Weltmeister in dieser Disziplin, und ist gleichzeitig mit 21 Jahren der bisher jüngste Kugelstoß-Weltmeister. In Istanbul stand er mit 21,88 Metern hinter dem US-Amerikaner Ryan Whiting auf Platz zwei, der 22 Meter weit warf.

Das deutsche Team, das in Istanbul an den Start ging, war sehr jung und hatte ein Durchschnittsalter von gerade einmal 25 Jahren. Der Stellenwert der diesjährigen Hallen-WM ist mit Hinsicht auf die kommenden Olympischen Spiele nicht so hoch zu werten, allerdings dürfen sich diejenigen Sportler, die in Istanbul gute Leistungen gezeigt haben, berechtigte Hoffnungen machen, auch in London vorne mit dabei zu sein.

Vorschau: Nächste Woche lest ihr etwas über das Handball-Länderspiel Deutschland gegen Island