Tierversessene Achtjährige, oder der Junge, der den Hirschkäfer aß

Viele achtjährige Kinder sind ein wenig versessen. Sie haben einen großartigen Blick für Details und Kleinigkeiten, die sich in der Welt abspielen. So, als sähen sie die kleine Welt, die sie für sich auserkoren haben, durch ein Vergrößerungsglas. Als ich ungefähr neun Jahre alt war, gab es im Italien-Urlaub einen Achtjährigen, den ich nie vergessen werde. Ein kleiner Junge mit kurzen, dicken Beinen und lockeren Kinderpflastern auf den Knien, auf deren Klebeflächen sich immer eine Schicht Dreck sammelte, so dass sie nicht mehr richtig klebten. Er streifte stundenlang durch die Gegend und suchte nach Insekten. Die Insekten sperrte er dann in Gläser mit kleinen Löchern in den Deckeln und ließ sie hinterher wieder frei. Wenn man ihn fragte, warum er das mache, sagte er, er mache es, weil es gemacht werden müsse. Wir Kinder im Urlaubsparadies gaben uns damit zufrieden und fragten nicht weiter nach. Nur die Erwachsenen wollten es einfach nicht verstehen.

Er guckte den ganzen Tag angestrengt wie ein Feldarbeiter auf das, was vor ihm lag. Es war ein harter Job, den er da machte, daran bestand kein Zweifel. Es war kein Zuckerschlecken, täglich sieben oder acht Stunden bei praller Sonne durch die sonnenverdorrten toskanischen Wiesen zu streifen, jedes Stück Erde nach sechs- und achtbeinigen Krabbeltieren zu durchkämmen, unter dauernder, kräftezehrender Rechtfertigung, warum man das tat. Die dicken Beine holten sich Striemen, wenn er durch Dornen lief und schwollen nach ein paar Tagen rot an, weil er gegen irgendetwas im Gras allergisch war, oder weil die Zikaden ihn stachen. Doch er sagte nichts darüber.

Immer wenn er ein besonderes Insekt fand, also etwas anderes als eine Fliege oder eine Schnake, wovon es dort hunderte gab, stieß er einen spitzen, hohen Schrei aus, wie er bei Jungen üblich ist, die noch nicht im Stimmbruch sind. Die Eltern baten ihn jeden Tag, doch ins Wasser zu gehen, sich abzukühlen, weil seine Haut so rot, so verbrannt, so zerstochen war. Doch er wollte nicht. Ich sah seinen Vater mit ihm ringen, er wollte ihm das T-Shirt vom Leib reißen, schafften es nicht und warf den Jungen dann bekleidet in den Pool. Stoisch und verletzt wie ein kleiner Hund paddelte er aus dem Wasser heraus, ignorierte den Vater und ging langsam, langsam wieder zu seinen Insekten. Niemand würde ihn überwältigen. Nicht diesmal.

Einmal brachte ihm sein kleiner Bruder, der traurig war, dass der große Bruder in diesem Urlaub scheinbar nicht mit ihm spielen wollte, eine tote Heuschrecke. Er legte sie ihm vor die Füße, wie ein Hund seinem Herrchen ein Gastgeschenk bringt. Der große Bruder nahm das getrocknete Tier, warf es auf den Boden, trampelte darauf herum und schrie:

„Die ist tot. Du bist so dumm, das gibt’s gar nicht. Die ist tot. Du hast sie umgebracht.“ Er hieb so lang mit beiden Armen auf den Kleinen ein, bis die Eltern kamen und die beiden auseinanderrissen.

Ich bewunderte den achtjährigen Jungen heimlich, weil er stark war und verrückt. Als ich acht, neun Jahre alt war, wäre ich ebenfalls für Tiere gestorben. Ich war Vegetarierin und ich war überzeugt, dass niemand außer den anderen Kindern, die auch für Tiere schwärmten, mich jemals verstehen würden. Meine Eltern glaubten mir nicht, dass ich Tierpflegerin werden würde. Sie mussten nicht sagen, dass sie mir nicht glaubten, damit ich es wusste. Sie glaubten wahrscheinlich: Es fließt noch so viel Wasser den Fluss hinab, oder so etwas. Sie dachten: Das wächst sich raus, ich wäre zu gut in der Schule, zu wenig robust, zu wenig praktisch veranlagt? Sie hatten mit allem Recht. Aber wir dachten damals jenseits solcher Kategorien. Menschen, so dachten wir, hätten eh keine Ahnung. Wir wussten so viel aus Filmen über all die Robben, Hunde, Wale, die von Kindern gerettet werden mussten. Wir wollten alle Tiere dieser Welt befreien, aber nie würden wir einen Erwachsenen retten.

Wir dachten damals so, wie es im Erwachsenenalter nur militante, seltsame, übelriechende Menschen tun, die mit der Zeit ein bisschen arm und ein bisschen lächerlich geworden sind. Brigitte Bardot, glaube ich.

Ich erinnere mich an den vorvorletzten Urlaubstag, als uns die Zeit schon davonlief. Ich sprach den kleinen Jungen, der alles über Tiere wusste, an, mit allem Mut, den ich in meinem kleinen Körper finden konnte. Bis zum Abend erklärte er mir alles, was er über Tiere und besonders Insekten wusste. Und er wusste viel. Ich habe das meiste vergessen, doch niemals werde ich das Bild vergessen, wie der Junge da saß und einen dreibeinigen Hirschkäfer aß. Er ließ ihn einfach in seinen Mund krabbeln und verschluckte ihn. „Bevor‘s jemand anderes tut“ sagte er mit Tränen in den Augen. Wir diskutierten noch darüber, ob wir uns noch küssen mussten und kamen dann zu dem Schluss, dass dazu keine Notwendigkeit bestand. Stattdessen bauten wir eine Insektenrettungsstation, die daraus bestand, dass wir zwei Tage lang, rund um die Uhr, mit nur der notwendigsten Nahrungszufuhr Insekten aus dem Pool fischten. Irgendwann wurde der Junge krank, er bekam Fieber, doch er wollte sich nicht ausruhen. Als der Vater ihn dazu zwingen wollte, biss der Junge ihm in den Finger und ließ sehr lange nicht mehr los.

Am nächsten Morgen ging der Vater, eine Hand in der Schlinge, zu dem Typ, dem die Anlage gehörte und bat ihn, eine Plane über den Pool zu legen. Der kleine Junge blieb im Bett liegen und fieberte bis sie abfuhren. Manchmal wüsste ich gerne, was aus ihm geworden ist. Bestimmt kein Tierpfleger.

Vorschau: In der nächsten Wochen erwartet euch ein neuer toller Text.

Halbzeitprinzessin – warum sie sich hin und wieder mal „anstellt“

Wir alle kennen sie, ob aus unserem Freundeskreis oder von der GMX-Startseite: Die moderne Frau. Besonders zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie wahnsinnig unabhängig ist. Alles kann sie selbst und über alles schaltet und waltet sie ganz allein – die eigene Karriere, das eigene Geld, die eigene Behausung. Sie scheint die ganze Welt in ihrer Hand zu halten und kann sich darauf auch mit Recht etwas einbilden. Sie arbeitet hart, um sich ihren Luxus, mag er auch noch so überflüssig erscheinen, ganze ohne fremde Unterstützung ermöglichen zu können. Doch vor allem schuftet sie von morgens bis abends, um ihn nicht gleich wieder zu verlieren. So weit, so gut – bis die Urlaubszeit vor der Tür steht. Und ausgerechnet dann, wenn Frau von Welt endlich einmal die Zeit findet, um zumindest für ein Weile zur Ruhe zu kommen, kommt ihr Umfeld auf die grandiose Idee, man könnte doch campen gehen. So käme man der Natur ein Stückchen näher, sagen sie. So spare man eine Menge Geld, predigen sie. Sorry, aber spätestens hier muss einfach jede Miss Independent unweigerlich zur Prinzessin auf der Erbse mutieren. Zecken! Mücken! Andere Insekten! Und die sanitären Anlagen? Nicht auszudenken, was öffentliche Campingplätze da für Überraschungen bereithalten. Das kann doch nicht euer Ernst sein, liebe Leute!

Ich mag zwar dem Klischee der kosmopolitischen, berufstätigen Single-Frau nicht in allen Punkten voll entsprechen, aber was etwaige Freilufturlaubsreisen anbetrifft, so bin ich doch ganz diejenige, die sich um Dreck unter ihren Fingernägeln mehr sorgt als um ein paar Euro mehr für ein anständiges Hotel. Einerseits bin ich Vollzeitfrau, andererseits aber eben auch Prinzessin – zumindest unter Halbzeitvertrag. Fraglich bleibt jedoch, ob ich mich ganz im Stil von Frau Katzenberger „anstelle“, sprich die simple Politik von „Sei schlau, stell dich dumm“ verfolge oder ob sich tiefer liegende Motive hinter dem ganzen „Herumgepienze“, wie es meine rheinhessischen Freunde so treffend auszudrücken pflegen, verbirgt.

Einen Grund vermute ich in der Erziehung, während ich in Gedanken die kleine, runde Brille von Sigmund Freud aufsetze. Meine Mutter hat mich nach russischen Richtlinien erzogen und dort kamen – auch auf die Gefahr hin, damit die Pauschalitätskeule zu schwingen – beileibe keine Zelturlaube vor, ebenso wenig wie darin mit Elektrik hantiert, Motoröl gewechselt oder in Rasierwasser gebadet wurde. Meine Landsmädchen berichten da übrigens Ähnliches. Auch sie reiften in ihren rosa Kleidchen zu Kleinstadtprinzessinnen heran, die zum einen schon früh das Augenbrauenzupfen lernten, doch zum anderen neben Modezeitschriften auch Weltliteratur auf ihrem Nachtschränkchen platziert hatten. Unser Männerbild war gleichsam zweischneidig: Wir wollten unabhängig genug sein, um in der bösen, bösen Welt den Ellenbogen gegen die Konkurrenz ausstrecken zu können, statt ihn an einem Männerarm eingehakt zu verlieren. Jedoch wussten wir ganz genau, dass wir einen Mann nicht vollständig entbehren können, dass er bei aller Emanzipation immer noch ein Teil des Ganzen ist und bleiben soll. Mit großen Kulleraugen haben wir doch unseren Vätern damals beim Verlegen neuer Küchenfliesen und dem Verkabeln der Stereoanlage zugesehen – und das gewiss nicht ohne Stolz. Wozu sich selbst am Handwerkeln versuchen, wenn es dazu doch Papi gab?

Ein paar Jahre später, ohne Papa, mag zwar der Internetanschluss funktionieren, nicht aber das Deckenlicht. Gefühlte Ewigkeiten schon ragen die hässlichen, nackten Kupferdrähte aus der Decke, als wären sie die Fühler einer niederträchtigen Kakerlake, deren Dasein mich offensichtlich verspotten will: Na, wartest du immer noch auf den Traumprinzen, der dir die Lampe anbringt? Hast du nichts Besseres zu tun, als sämtliche Einzelteile einzukaufen und dann in einer Tüte liegen zu lassen, wo sie niemand mehr sehen kann? Nein, möchte ich der Schabe dann antworten, ich habe tatsächlich nichts Besseres zu tun! Ich habe alles eingekauft und hoffe jetzt darauf, endlich meinem edlen Ritter zu begegnen – optimalerweise kann der mich nicht nur von eingebildetem Ungeziefer befreien, sondern auch gleich noch mein nächstes Abendessen zaubern. Der Teil wurde in meiner vorbildlichen, russischen Erziehung nämlich auch elegant übersprungen.
Und das, obwohl gängige Vorurteile doch besagen, wir Russinnen wären echte Hausmütterchen, die ihren Männern von morgens bis abends lauter fettige Speisen auf drei Gänge verteilt zubereiten können.

So erscheint es mir in conclusio also naheliegender, dass die Erziehung weit weniger eine Rolle spielt als die schlichte Bequemlichkeit. Der Komfort, all diese Arbeiten sehr wohl auch selbst verrichten zu können – schließlich sind Frauen doch auch dazu fähig, Bundeskanzler, Oberfeldwebel oder Nonne zu werden – aber nur einfach hin und wieder keine Lust dazu zu haben. So verhält es sich mit der Zelturlaubsangelegenheit wie auch mit der Küchen-, äh – Schlafzimmerschabe und nicht zuletzt auch das Halten eines Mannes. Die moderne Frau, ob von Virginia Woolf oder aus dem Neckermann-Katalog, zeichnet sich durch ihren freien Willen aus. Und der ist nicht nur unabhängig von Nationalität und Hautfarbe, sondern auch bisweilen von Kochbüchern und Iso-Schlafmatten. Manchmal will Frau eben einfach ganz die Halbzeitprinzessin sein.

Vorschau: In der nächsten Woche wird es heiß! Kolumnist Sascha beklagt die Hitze des Sommers.