Die Welt ändert sich eben

Es weht ein frischer Wind: Die Debatte um die Ehe für alle wächst weiter (©manwalk / pixelio.de)

Es weht ein frischer Wind: Die Debatte um die Ehe für alle wächst weiter (©manwalk / pixelio.de)

Oh nein, höre ich euch rufen. Nicht noch ein Beitrag zur Befürwortung der Ehe-für-alle, in manchen Kreisen auch Homo-Ehe genannt. Seit die Iren mit über 60 Prozent „Ja“ gesagt haben, liest der aufmerksame Mensch ja nichts anderes mehr. Petitionen und offene Briefe, Kolumnen (na eben wie diese) und Leitartikel, alles dreht sich nur noch darum. Der Korruptionsskandal der Fifa, die unerklärliche Wiederwahl und der Rücktritt von Blatter, die Geheimdienstaffäre der Republik, alles tritt da in den Hintergrund und alle machen munter mit.

Und ja, sie ist wichtig, logisch und eigentlich selbstverständlich, das Zögern der CDU/CSU ein Zeichen einer vergangenen Ära. Oder? Immerhin waren es doch die erzkatholischen Iren, die so ihre Probleme mit Abtreibung haben, die zugestimmt haben. Und im europäischen Vergleich hinken wir, ausgerechnet wir, die einst einen homosexuellen Außenminister hatten, eine Frau an der Spitze der Regierung und sowieso und überhaupt doch so aufgeschlossen und modern sind, knallhart hinterher.

Aber warum tun sie sich eigentlich so schwer, die Konservativen, die christlichen Demokraten, wo doch sogar die Kirche Homosexualität nicht mehr so verschärft sieht, auch wenn der Vatikan sich noch mal anders gemeldet hat (die wissen ja auch nicht mehr, was sie wollen). Immerhin sind sich die Befürworter der Ehe-für-alle einig, es ändert sich nichts für alle andern, Kinder haben damit sowieso kein Problem damit und die Welt wäre ein bisschen gerechter und schöner.

Zeichen der Liebe: die Ehe sollte wie die Liebe nicht von Geschlecht abhängen (©E.-Kopp / pixelio.de)

Zeichen der Liebe: die Ehe sollte wie die Liebe nicht von Geschlecht abhängen (©E.-Kopp / pixelio.de)

Tatsache ist, die Ehe-für-alle ist nicht nur ein Problem für die CDU/CSU und die Bundeskanzlerin, weil einige Politiker es hinterm Mond gemütlicher finden, sondern weil ein Teil der Wählerschaft vehement dagegen ist. Und Wähler wird die Partei brauchen, sollten die Menschen bei der nächsten Bundestagswahl mal merken, dass die großen sozialen Projekte der Legislaturperiode eher weniger auf ihr Konto gehen. Gleichzeitig kann sie aber auch Wähler verlieren, wenn sie sich jetzt querstellt, wichtige, junge Wähler. Ein echtes Dilemma. Da unsere Gesellschaft aber so viel ältere Menschen umfasst, dass wir im weltweiten Vergleich im Schnitt die niedrigste Geburtenrate haben, vermute ich stark, die sogenannten christlichen Demokraten werden es aussitzen wollen, abwarten, hoffen, dass der Sturm vorüber geht, ein paar Zugeständnisse, die ohnehin geplant waren, absegnen und es dabei belassen. Schwach.

Aber seien wir ehrlich, natürlich ändert sich etwas, wenn die Ehe-für-alle erlaubt wird. Sehr viel für jeden von uns. Die Eltern müssen ihren Kindern nicht mehr nur erklären, wo die Babys herkommen, wieso Meryem so anders spricht und Ben so dunkle Haut hat sondern auch wie die Tina zwei Papas haben kann und der Jonas gar keinen – und wo dann die Babys hergekommen sind. Puh. Das schlimmste aber – das allerschlimmste – ist, dass wir selbst umdenken müssen. Mit der Ehe-für-alle wird endgültig die Norm der Zweierbeziehung von „er und sie“ abgeschafft. Die Frage, wann ein Heterosexueller gemerkt hat, dass er auf das andere Geschlecht steht, ist kein Kalauer mehr. Nach der Frage: „Sind sie verheiratet“, wird erst das Geschlecht und dann der Name des Ehepartners erfragt. Wir werden ein Stück gleicher. Wir müssen umdenken. Und, oh Gott, das klingt doch furchtbar anstrengend.

Liebe CDU/CSU, ja es ist anstrengend, seine Meinung zu ändern, sich zu öffnen und umzudenken. Aber, ganz sicher, ist es diese Anstrengung wert. Gerade die Frau Bundeskanzlerin sollte das wissen. Und darum ist es wichtig, dass wir Artikel schreiben, Kolumnen und Kommentare, dass wir Unterschriften sammeln und offene Briefe veröffentlichen, so lange, bis wir genug genervt haben, bis das Umdenken da ist, bis endlich die Ehe für alle möglich ist.

Streetart in Mannheim, Teil 3: gay.edge.liberation über Homosexualität, Homophobie und Religionskritik

Streetart – die Kunst der Öffentlichkeit, die von den einen als Sachbeschädigung und illegale Handlung verfolgt und von den anderen hochgelobt wird – sollte spätestens seit Banksy den meisten kein Fremdwort mehr sein. Mittlerweile findet sich diese Form der Kunst in den meisten größeren deutschen Städten Deutschlands – so auch in Mannheim. Face2Face hat sich für euch in der Streetart-Szene der Universitätsstadt umgehört und mit diversen Künstlern über deren Motivationen und Ideale gesprochen.

gay.edge.liberation

In Anbetracht der vergangenen Fußball-WM ein aktuelles Paste-Up: Gegen Homophobie .. nicht nur um Fußball (Foto: gay.edge.liberation)

Face2Face: Was ist gay.edge.liberation?
gay.edge.liberation: Dahinter verbirgt sich mein Künstlername, unter welchem ich Streetart mache. Vor allem entwerfe ich Stencils, mache aber auch Sticker und Paste-Ups (Anm. der Redaktion: Ein Paste-Up ist ein Plakat, das mithilfe von Kleister an einer Oberfläche befestigt wird) rund um die Themen Homosexualität, Homophobie und Religionskritik. Insgesamt würde ich gay.edge.liberation aber als ein Projekt bezeichnen, das in der Vergangenheit bereits kleinere Wandlungen durchlebt hat.

Face2Face: Früher hast du mit deinen Aktivitäten vor allem Menschen aus der Punk- und Hardcore-Szene angesprochen. Fand bezüglich deiner Rezipienten ein Wandel statt? An wen richtest du dich heute?
gay.edge.liberation: Ein richtiger Wandel hat für mich überhaupt nicht stattgefunden. Zwar sind die Rezipienten heute deutlich breiter gefächert, aber die ursprüngliche Zielgruppe ist darin immer noch beinhaltet. 2007 begann ich damit, Infozettel auf Punk- und Hardcorekonzerten zu verteilen, um das Ziel einer deutlicheren Akzeptanz für LGBTs (lesbian, gay, bisexual, transsexual) gerade in diesen Subkulturen zu erreichen. Erst 2011 habe ich das Sprachrohr Streetart für mich entdeckt, was meine Message dann für eine breitere Masse zugängig machte. Nach wie vor lässt sich in meinen Motiven aber auch noch der subkulturelle Ursprung erkennen, durch den der Name gay.edge.liberation bekannt geworden ist.

Streetart ist bekannt dafür zu provozieren: Jesus liebt Bondage verheißt dieses Stencil (Foto: gay.edge.liberation)

Streetart ist bekannt dafür zu provozieren: Jesus liebt Bondage verheißt dieses Stencil (Foto: gay.edge.liberation)

Face2Face: Mannheim als Industrie- und Arbeiterstadt hat für eine Stadt dieser Größe eine rege Streetartszene. Was hat dich inspiriert, Streetart als Meinungsorgan zu wählen?gay.edge.liberation: Gerade hier hat mich die Punk- und Hardcore-Szene sehr geprägt und inspiriert. Auf Konzerten, in autonomen Jugendzentren und in anderen Locations nicht nur in Mannheim waren Streetart und Graffiti immer vorhanden und oft mit deutlichen Aussagen verbunden. Es war nicht nur schön anzuschauen, sondern auch sprechend und meinungsbildend. Wenn der ästhetische Faktor manchmal auch vernachlässigt wird, so zählt doch die Aussagekraft. Und diese kann mit Stencils besonders gut rübergebracht werden. Ein Bild, das auf simple Art und Weise mit Schrift versehen wird, kann durch schnelles und wiederholtes Anbringen eine hohe Aussagekraft erreichen. Die hohe Dichte an verschiedenen Streetart-Formen in Mannheim ist aber sicherlich auch schuld daran, dass ich mich mal selbst daran versuchen musste.

Face2Face: Streetart gilt gemeinhin als eine Kunst, die es möglich macht, seine vielleicht nicht ganz gesellschaftskonforme Meinung auszudrücken. Man sollte meinen, dass unter Streetartists Homophobie eher die Ausnahme ist – wie hast du das erfahren?
gay.edge.liberation: Ob das tatsächlich eine Ausnahme ist, lässt sich für mich schwer bestätigen oder dementieren. Ich kenne nur wenig andere Streetartists persönlich und die, die ich kenne, sind natürlich nicht homophob. Schaut man aber woher die Ursprünge von Graffiti und Streetart liegen, würde ich durchaus behaupten, dass es durch die Verankerung im Hip-Hop auch genügend homophobe, sowie sexistische Streetartists gibt. Betrachtet man jedoch lediglich den Kreis der Stencil Streetartists, also in der Ursprungsform ein politisches Mittel zur schnellen und einfachen Verbreitung von öffentlichen Botschaften, ist die Homophobie innerhalb dieser Szene eher gering vertreten.

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Soll die Menschen zum Nachdenken anregen: Ein weiteres Stencil, das Homosexualität thematisiert (Foto: gay.edge.liberation)

Face2Face: Wenn es auch keine schöne Geste ist, so fallen einige Werke manchmal dem Übersprühen (crossen) zum Opfer. Ist dir das schon oft passiert und wie reagiert man auf eine solche explizite Art der Kritik?
gay.edge.liberation: Ich wurde schon oft Opfer des Crossens, bin aber mittlerweile auch ein Profi im Wegstecken. Gerade weil meine Motive nicht „nur“ schön sind, sondern auch mal anstößig oder plakativ sind, aber in jedem Fall eine klare Meinung und Botschaft beinhalten, stören sich einige Menschen eventuell auch andere Streetartists daran und crossen meine Sachen nicht nur, sondern covern sie regelrecht. So wurden sehr viele meiner Motive in Mannheim mit derselben grauen Farbe aus der Dose gecovert. Anfangs habe ich dann wieder genau das gleiche Motiv darüber gestencilt, aber gecovert wurde es immer und immer wieder. Ich akzeptiere diese Handlung mittlerweile und sehe es als Kompliment, dass sich jemand so dermaßen an den Motiven stört, dass er/sie selbst zur Tat schreitet, zur Dose greift und das Motiv covert. Das zeigt mir nur, dass meine Stencils wichtig sind. Solange sich immer noch Personen an meinen Motiven stören, scheinen sie in der Masse an Streetart in Mannheim ja auch nicht unterzugehen.

Face2Face: Als Motiv einiger Stencils hast du Conchita Wurst ausgewählt. Conchita gewann den diesjährigen Eurovision Song Contest mit einer einschlägigen Medienwirkung. Warum hat es dir diese Kunstfigur angetan?
gay.edge.liberation: Conchita Wurst ist nur eins der Motive aus meiner Serie wichtiger LGBTs und kann nur als Auszug meiner Werke gesehen werden. So beinhaltet die Sammlung ebenfalls Motive von Rosa Von Praunheim, Freddie Mercury und Harvey Milk. Conchita hat es geschafft, trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihres nicht klar definierbaren Geschlechts, Erfolg zu haben. Stellvertretend für andere hat Conchita öffentlich Wort ergriffen, die Situation von LGBTs nähergebracht und sich für die Verbesserung derer eingesetzt. Ebenso wie Conchita haben sich auch die anderen oben genannten Personen für die Rechte und die Verbesserung der Situation homosexueller Menschen Partei ergriffen und dazu maßgeblich beigetragen.

Ein geläufiger Slogan aus der LGBT-Szene wird zum Plakatmotiv: Gays Bash Back (Foto: gay.edge.liberation)

Ein geläufiger Slogan aus der LGBT-Szene wird zum Plakatmotiv: Gays Bash Back (Foto: gay.edge.liberation)

Face2Face: Du hast in der Vergangenheit verschiedene Kanäle zur Verbreitung deiner Kunst gewählt. So kann man im Barbie Deinhoffs in Berlin beispielsweise einige deiner Werke auf Leinwand bewundern. Warum der Sprung von der Straße in geschlossene Räumlichkeiten?
gay.edge.liberation: Diesen Sprung habe ich vor allem durch den Rat anderer gewagt, die sich darüber aufregten, dass meine Stencils so schnell gecrossed werden und somit auch weniger Aufmerksamkeit bekommen. So bat mich eine gute Freundin meine Werke in der Galerie, die sie leitet, zu zeigen, was dann in einer queeren Gruppenshow erfolgte. Dadurch wurden neben der Presse auch andere Locations auf mich aufmerksam und boten mir an, meine Werke in deren Räumlichkeiten zu zeigen. Dies zeigte mir die Möglichkeit auf, noch mehr Menschen mit meinen Botschaften zu erreichen und das über einen längeren Zeitraum nicht nur regional begrenzt.

Face2Face: Welche Reaktion von Menschen wünschst du dir, die tagtäglich an deinen Werken vorbeilaufen?
gay.edge.liberation: Ich möchte die Menschen einfach zum Nachdenken anregen, sie zum Lachen bringen und natürlich auch ein wenig provozieren. Ich finde es aber auch nett, wenn sich Menschen darüber aufregen. Ich bekomme leider viel zu wenige Reaktionen mit, da ich die Motive der Straße überlasse und nur mal durch Zufallen daran vorbeilaufe und ein Grinsen sehe oder wie jemand ein Foto davon macht. Ich finde jegliche Reaktion gut, da es mir zeigt, dass meine Werke auffallen.

Vorschau: Nächste Woche geht es in der FILM&KUNST&KULTUR-Rubrik um die Business Lounge der SAP.

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Weitere Serienteile:

Streetart in Mannheim, Teil 1: Louva Must Die über „die letzte halbwegs subversive Bastion der Kunst“

Streetart in Mannheim, Teil 2: Strickt dagegen – Bunt statt Grau