Auf der Suche nach (m)einer Heimat

Es ist ein interessantes Phänomen: Sobald ich in einer Mitfahrgelegenheit sitze, tausche ich mich mit den Leuten voller Enthusiasmus über Reiseerfahrungen aus. Natürlich kommen auch andere Themen zu Sprache. Alles in allem vergeht die Fahrt so meist wie im Fluge. So hatte ich angenommen, dass auch meine Fahrt von Köln nach Mainz mit drei jungen, aufgeweckten, Frauen, zu dieser Sorte von bereichernden Erlebnissen gehören würde.

Auf der Suche nach der Heimat: Kolumnistin Anna-Sophie richtet den Blick in die Ferne (Foto: Maetzke-Hodzic)

Auf der Suche nach der Heimat: Kolumnistin Anna-Sophie richtet den Blick in die Ferne (Foto: Maetzke-Hodzic)

Bevor sich solch schöne Gespräche überhaupt ergeben, fällt zumeist aber die für mich eher unangenehme Frage, woher man denn eigentlich komme. Eine ganz harmlose, einfach zu beantwortende Frage. Könnte man meinen. Oft ist sie aber ein richtiger „Gesprächs-Killer“. Ich reagiere auf diese Frage allergisch und muss meist ein hysterisches Lachen unterdrücken. Jedes Mal aufs Neue treibt mir diese Frage die Schweißperlen auf die Stirn. Meine über die Zeit einstudierte Antwort, die durchaus noch Verbesserungspotenzial hat, lautet in etwa so: „Also, bevor ich nach Mainz kam, habe ich ein Jahr in Bosnien gelebt. Davor habe ich in München gelebt.“ Darauf entgegnet mein Gegenüber: „Achso. Schön. Dann bist du also eine richtige Münchnerin?“ Mein Gegenüber hatte sich naiver Weise schon am Ziel seiner Frage gewähnt. Weit gefehlt! „Nein, nein. Ich habe dort nur 3 Jahre gelebt.“ Ich hole einmal tief Luft, um mit meiner ganz persönlichen Version der unendlichen Geschichte fortzufahren. „Davor lebte ich ein Jahr in Singapur. Davor fünf Jahre in Karlsruhe. Meine Kindheit habe ich in Kassel verbracht. Geboren bin ich in allerdings in Neubrandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern.“ Ein erleichtertes Verschnaufen meinerseits ertönt, als hätte ich glücklich vor Erschöpfung endlich die Zielgerade eines Halbmarathons erreicht.

Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach nur einen Ortsnamen nennen und damit hätte sich die Sache. Das scheinen auch meine Zuhörer von mir zu erwarten. Meine Sitznachbarin wirkt latent gereizt und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. „Spielverderberin“, lese ich aus ihrem Blick. Ich wende meinen darauf schnell gen Fenster. Wie noch nie zuvor, wünsche ich mir, dass diese Fahrt wirklich wie im Fluge vergeht.

"Willkommen": Ein kleiner "Trödelladen" lädt zum Eintreten ein (Foto: Maetzke-Hodzic)

„Willkommen“: Ein kleiner „Trödelladen“ lädt zum Eintreten ein (Foto: Maetzke-Hodzic)

Aber was bezweckt man eigentlich mit dieser Frage? Geht diese Frage davon aus, dass es eben normal ist, von einem bestimmten Ort „herzukommen“. Ich bin ganz sicher nicht die einzige Person, die behaupten kann, von einem solchen Ort nicht sprechen zu können. Bin ich dann aber in den Augen der Anderen, die sich mit einer ach-so-wunderbaren Heimat rühmen können, heimatlos? Ich für meinen Teil, fühle mich zumindest ab und an so. Mein Verlangen nach diesem für mich fantastischen Ort steigt des Öfteren ins Unermessliche. Wo zu Hölle befindet sich diese ominöse Heimat von der alle Welt spricht? Braucht jeder Mensch eine? Macht es einen unglücklich keine Heimat zu haben? Das suggeriert diese Frage zumindest für mich. So bin ich nun schon eine Weile auf der Suche nach einer Heimat. Lauere ihr aufmerksam hinter jeder Ecke auf. Bin immer darauf vorbereitet meinem heimlichen Schwarm, der Heimat, doch noch über den Weg zu laufen. Bis jetzt hatte ich kein Glück. Leider wurden auch noch keine Zeitungsannoncen für Heimatsuchende erfunden — „Biete kuschelige Heimat inklusive Heimatgefühl.“

So sehr ich mich nach einer Heimat sehne, so sehr neige ich auch dazu Orten nach einer gewissen Zeit den Rücken zuzukehren. Irgendwann macht sich in mir wieder diese Unruhe bemerkbar, der ich nachgebe, sogar nachgeben muss und die nichts anderes sagen will als: Es ist Zeit. Auf zu neuen Horizonten. Ob das in irgendeinem Zusammenhang dazu steht, dass ich meinen ersten Umzug schon im jungen Alter von 3 Monaten vollzog (und zwar von der damaligen DDR in den Westen), kann ich nur vermuten. (selbstverständlich war damals meine Mutter die Initiatorin der Reise) Geblieben ist offensichtlich, dass ich mich gerne Hals über Kopf in Abenteuer stürze. Sich auf das „Fremde“ einzulassen, sich nicht immer in Sicherheit zu wiegen, das lässt einen als Person wachsen. Und deswegen genieße ich es auch, mir die Freiheit zu nehmen, selbst zu entscheiden, wo ich leben will. Aber woher jemand kommt? Das sucht derjenige sich für gewöhnlich ja nicht selbst aus. Manchmal fühle ich mich meiner Heimat beraubt! Tief in mir schlummert da die Sehnsucht nach einem Ort, den ich ganz fest in meine Arme schließen und zärtlich Heimat nennen will. Vielleicht wird es mich noch an einige Flecken der Erde verschlagen, bevor ich begreife was meine ganz persönliche Heimat ist, oder dass diese im schlimmsten Fall wohnmöglich gar nicht existiert.

Meine Sitznachbarin scheint auf einmal um 180 ° gewandelt und reißt mich jäh aus meinen Gedanken. Sie quasselt wie ein Wasserfall und erkundigt sich bei mir, was ein Besucher in Mainz Nettes machen und erkunden könne. Meine Mitfahrgelegenheit gleitet fast geräuschlos über die Theodor-Heuss-Brücke in Mainz. Die Stadt ist bereits in Dunkelheit gehüllt. Doch ich spüre in mir so etwas wie Freude aufsteigen. Fast automatisch verfasse ich im Kopf eine Liste der Dinge auf die ich mich, angekommen in Mainz, besonders freue: Ein Spaziergang an der Rheinpromenade, über den Wochenmarkt zu schlendern, ausgedehntes Kaffeetrinken mit Freunden in der Neustadt. Fast sieht es danach aus, als hätte es Mainz geschafft, sich heimlich still und leise einen Platz in meinem Herzen zu erkämpfen. Meine Sitznachbarin stellt sich letztendlich doch als liebenswürdige Person heraus. Ich verrate ihr sogar ein paar meiner Lieblingsorte, die sie sich dankend aufschreibt. Was es mit dem bösartigen Blick zu Beginn auf sich hatte, habe ich aber bis jetzt noch nicht herausgefunden.

Was meine Heimat anbelangt… Ich weiß, dass ich irgendwann noch zu dem Land aufbrechen muss, indem ich meine Heimat vermute. Bis dahin gebe ich mich aber sehr gerne mit Mainz als vorübergehender Heimat zufrieden.

Vorschau: Eva-Maria berichtet hier nächste Woche von Demenz und ihren Folgen für das Umfeld.

Diagnose: Heimscheißer. Symptomatiken des Nach-Hause-Pendlers

Es bedarf keines Arztes, um dieser Tage zu erkennen, welche Krankheit sich bei Studenten aller Fakultäten in extremer Ausprägung eingeschlichen hat: Kaum sind die Semesterferien angebrochen, schon fehlt von den meisten Kommilitonen jede Spur. Wer glaubt, sie wären bloß unterwegs auf reichlich ausgedehnter, für Studenten vermeintlich typischer Kneipentour, der muss sich schnell eines Besseren belehren lassen. Die Damen und Herren befinden sich in ihrem sogenannten „Zuhause“, welches mitnichten mit ihrem „eingetragenen Wohnsitz“ zu verwechseln ist.

 Ich habe mir das Phänomen kürzlich von einer Kommilitonin darlegen lassen – Sie leidet selbst seit Beginn ihres Studiums unter dem von mir spöttisch als „Heimscheißer-Syndrom“  betitelten Drang, an Wochenenden und zu jeder denkbaren Gelegenheit die sieben Sachen zu packen und zurück zu ihrem Elternhaus fahren. Zurück an den Ort des Grauens, würde manch einer behaupten, der sich an den Kleinkrieg vor und in der Abiturphase erinnert, als man es kaum noch erwarten konnte, endlich sein eigener (Haus-)Herr zu sein, sein Geschirr überall stehen und das Zimmer wochenlang ungeputzt zu lassen, ohne den erhobenen Zeigefinger mütterlicherseits fürchten zu müssen. Erstaunlicherweise gibt es allerdings mehr als genug junger Menschen, unter ihnen die besagte Kommilitonin, die den Freitag so ungeduldig erwarten wie Robinson Crusoe.

Heimatliebe: Home is where your heart is.
(Foto: C.Gartner)

Sie jedenfalls erklärte mir, dass „daheim“ dort sei, wo sich ihre Freunde befänden. Das leuchtet natürlich ein. Doch was ist mit all den Studiengefährten, die sie in ihren mittlerweile sage und schreibe zwei Jahren an der Universität kennengelernt hat? Ganz einfach – die machten es ja genauso. Mir drängte sich sogleich die Frage auf, ob sie nicht begreife, dass Freundschaften erst durch gemeinsam verbrachte Zeit, und dazu zählt für mich definitiv besonders die nach den Vorlesungen, wachsen. Wenn sich ihre Interaktionen mit allen aus Langeweile oder Not heraus gebildeten Bekanntschaften nur werktags abspielten, würde es mich nicht wundern, wenn sie ein Leben lang mit den immer gleichen Leuten aus dem Heimatdorf beisammen sitzt und über gute alte Zeiten plaudert – was doch wie 40 Jahre vorgespult klingt; Eindeutig eine Sache, der man sich im Alter widmen sollte, auf Klassentreffen oder bei unregelmäßigen Kaffeekränzchen. Aber jedes Wochenende dieselben Gesichter sehen müssen, mit denen man schon in der Grundschule auf dem Pausenhof schaukeln war? Nein danke, ich verzichte. Ganz offensichtlich bin ich nicht in der Provinz aufgewachsen, wo man sich beim einzigen Bäcker in der einzigen Straße begegnet und, jeden namentlich kennend, in grausigem Dialekt über das Wetter plauscht. Offenbar bin ich tatsächlich eine von denen, die der Auszug und damit das neue, eigenverantwortliche Leben nicht schnell genug ereilen konnte.

Das alles heißt natürlich nicht, dass ich mich nicht auf das Wiedersehen mit alten Schulfreunden oder das Abendessen made by Mutti freue. Es sollte nur eben etwas Besonderes bleiben. Der Alltag, Wochenende und ein Großteil der Semesterferien inklusive, findet hier statt. In der Wohnung, die ich, ganz im Gegensatz zu der Kommilitonin mit Heimscheißer-Marotte, heimelig hergerichtet habe. Die Betonung liegt hier ganz eindeutig auf „heim“! Dort, wo mein Kleiderschrank und mein Bücherregal stehen, wo ich studiere, um zu leben und nicht umgekehrt. Und auch wenn meine Ernährung seit dem Auszug von „Zuhause“ ein einziger McDonalds-Besuch ist: Geschissen wird weiterhin daheim.

Vorschau:  Und in der nächsten Woche meldet sich Kolumnist Sascha mit der Frage nach nützlichem Wissen in der Welt von Google und Co. zu Wort.