2017 – das Jahr der Fake-News?

KOMMENTAR: Gerade sind wir im Jahr 2017 angekommen. Es steht unter dem Zeichen der Postfaktizität. Was das heißt? Wir sind scheinbar über die Fakten hinausgewachsen. Emotionen sind die neuen Fakten und gefühlte Wahrheiten werden immer mehr salonfähig. Der neue Trend-Begriff „Fake-News“ reiht sich hier verblüffend gut ein, denn der Anglizismus beschreibt eigentlich schlicht: Falschmeldungen. Informationen sollten nach journalistischen Leitsätzen immer geprüft werden, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen. Stattdessen ist es heute gängige Praktik – das haben wir nicht nur im vergangenen Jahr vielfach beobachten können – Schlagzeilen einfach voneinander abzuschreiben. Der Spiegel-Redakteur liest die Bild-Zeitung, die Süddeutsche, die FAZ und selbstverständlich auch umgekehrt. Außerdem erwerben alle Massenmedien Datensätze von Nachrichtenagenturen, die sie des Öfteren sogar wortwörtlich übernehmen.

2016 – ein Krisenjahr für die Massenmedien

Stichwort: Lügenpresse, leicht abgewandelt auch Lückenpresse. Überall heißt es: „Wem kann ich denn noch glauben?“ Von „Social Bots“ ist die Rede, die automatische Antworte generieren und von „Trollfabriken“, die im Auftrag des (russischen) Staates Manipulationen im Internet betreiben soll. Das sei gezielte Manipulation, manchmal wird sogar von Propaganda gesprochen: Flüchtlinge würden gegen eine Kirche urinieren, Hillary Clinton leite einen Kinderporno-Ring und es würden Koran-CDs mit Gift umher gehen – je empörender, also emotionalisierender die Nachricht, desto häufiger wird sie geteilt, geliked und besprochen. Prinzipiell war das nie anders: Menschen interessieren sich mehr für Skandale und Pannen als für positive Nachrichten. Deshalb ist der laute Ruf und der Fingerzeig auf die vermeintlichen Fake-News-Macher – zumeist selbsternannte „alternative“ Medien – überaus schädlich. Denn die schlagen schneller zurück, als erwartet. So wurde dieser Tage die Washington Post überführt, die Hacker-Verschwörung von Russland gegen den US-amerikanischen Wahlkampf lediglich behauptet zu haben. Quellen? Keine.

Die Suche nach dem Fehler

Der Fehler liegt doch tatsächlich im System: Menschen machen Nachrichten. Ob diese nun alternativ oder im Sinne des „mainstreams“ von etablierten Medienhäusern stammen – sie werden immer von Menschen gemacht, deren Intentionen nicht immer nur gut sind. Nur eins hat sich geändert: Heute ist es bei weitem einfacher, eine enorme Reichweite zu erzielen, viral zu gehen. Sobald dann der virale Sumpf gelichtet wird, werden nicht nur ein paar Trolle entlarvt, das sind Online-Provokateure, die sich daran erfreuen, wenn ihr Gegenüber überreagiert und die zu diesem Zwecke verbreiteten Falschmeldungen und Scherze, also Hoaxes nicht selten in die Netz-Welt setzen. Das eigentliche Problem sind wir, die Menschen. Menschen wollen Dinge glauben, die ihrer Meinung entsprechen, sie empören sich gerne und sind sensationsgeil. „Jeder darf doch wohl seine eigene Meinung haben, hier gibt es doch immerhin Meinungsfreiheit!“ Diese Ignoranz, die Suche nach Selbstbestätigung und die Schwierigkeit mehr als nur eine Wahrheit anzuerkennen, verhärtet die Fronten. Jeder hat am Ende seine eigene Agenda, seine eigene Wahrheit und eigene Weltverschwörung.

Eskalation eines kalten Krieges?

Immer häufiger wird deutlich, dass der Politik die Hände gebunden sind, wenn es um das Thema Internet geht. Versuche, auch nur kleinste Einschnitte bei der Freiheit des Netzes vorzunehmen, treiben regelmäßig tausende und zehntausende Aktivisten auf die Barrikaden. WikiLeaks, Filesharing und Hacker stellen Regierungen vor große Herausforderungen, entziehen sich die Szenen doch zu großen Teilen jeglicher staatlicher Kontrolle. Doch zumindest gegen letztere soll nun ein Durchgreifen ermöglicht werden.

Es sind befremdliche Meldungen, die dieser Tage durch die Presse gehen: Tatsächlich scheint die Bundesregierung darüber nachzudenken, dem Cyber-War – zielen die Web-Angriffe auf Staaten ab – mit Waffengewalt zu begegnen. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen vertraulichen Bericht der Bundesregierung, in dem es heißt, dass Staaten die Berechtigung haben, auf bestimmte Hackerangriffe mit ihrem „naturgegebenen Recht auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung“ zu reagieren. Heißt in der Praxis: Wer einen virtuellen Angriff gegen bestimmte (staatliche) Einrichtungen startet, der soll in Zukunft mit blutiger Vergeltung rechnen können. In den USA gab es im vergangenen Jahr vergleichbare Äußerungen.

Tatsächlich können Cyber-Angriffe in der hochgradig vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts enormste Schäden anrichten. Und scheinbar rückt diese neue, digitale Welt in den letzten Jahren immer weiter in den Fokus aggressiver Hacker, die wohl teilweise durch Interessen einzelner Nationen motiviert sind. Doch in diesem vermeintlichen Krieg den Weg der Waffe zu wählen, erscheint absurd, und an einer Umsetzbarkeit kann sowieso gezweifelt werden.

Denn heute scheinen die Experten längst nicht mehr in beschlusskräftigen oder beratenden Gremien zu sitzen, sondern zuhause vor den Bildschirmen. Professionelle Hacker scheinen regelmäßig sehr viel schlauer und gewitzter zu sein, als die Behörden, die sie zu fassen versuchen. Wie aber soll man gegen einen Gegner vorgehen, der so übermächtig ist, dass er auf keinem Radar auftaucht? Ob mit Urteilen, Gesetzen, mit Haftbefehlen oder gar mit Bomben: Ein nicht identifizierter Angreifer bleibt eben nicht identifiziert. Ein Vergeltungsversuch kann in diesem Falle also nur gegen den Staat geführt werden, aus dessen Kommunikationsnetz ein Angriff geführt wird. Ob eine Cyber-Attacke nun aber staatlich angeordnet wurde, oder von einem einzelnen Hobby-Hacker ausgeht, kann kaum geklärt werden. Sollte nun ein Vergeltungsschlag geführt werden, ist davon auszugehen, dass dieser auch an der ganzen Aktion unbeteiligte Menschen trifft. Die bloße Existenz eines „Cyber-Krieges“ ist umstritten. In der Netzgemeinde löst dieser Begriff Reaktionen von Verärgerung bis Belustigung aus.

Eine andere Befürchtung drängt sich auf: Kann die Identität eines Cyber-Angreifers nicht geklärt werden, können Attacken ganz schlicht und einfach inszeniert werden, um am Ende schlimmstenfalls ein militärisches Vorgehen gegen unliebsame Staaten zu legitimieren. Verschwörungstheoretiker werden ihren Spaß daran haben.

Cyberwar – das Internet als Waffe

Auf den Straßen herrschen Chaos und Anarchie. Jeder ist sich selbst der Nächste, darauf bedacht sich und seine Familie durchzubringen, wenn nötig auch mit Gewalt. Geplünderte Supermärkte, abgebrannte Autos, verlassene Häuser – was nach den Auswirkungen eines militärischen Konflikts klingt, ist gar kein Krieg im klassischen Sinne; es sind vielmehr die Folgen eines „Cyberwars“, wenn Computer und Internet als Waffen missbraucht werden.

Das alles ist bloß Science-Fiction, die fixe Idee eines Drehbuchautors? Ich befürchte: Nein!

Nullen und Einsen: Damit lässt sich viel bewirken – im Guten wie im Schlechten (©Gerd Altmann/Pixelio)

Wir kennen die Bedrohung aus dem alltäglichen Leben. Wir schützen unsere privaten PCs mit aufwendiger Anti-Viren-Software, die mit immer mehr Funktionen sorgenfreies Arbeiten, Surfen und Kommunizieren verspricht. Denn im WorldWideWeb lauern an allen Ecken heimtückische Gefahren. Würmer, Viren, Trojaner, Phishing: Jeden Tag tauchen neue, immer raffiniertere Methoden der Internet-Kriminellen auf. Doch es sind eben nur „normale“ Kriminelle, die es auf die Daten von Privatpersonen abgesehen haben, meist geht es um Bankverbindungen und Kreditkartendaten.

Wenn wir vom „Cyberwar“ sprechen, dann ist nicht mehr der Otto Normalverbraucher das Ziel der Attacken, sondern viel höhere Instanzen. Unser ganzes Leben, alles um uns herum basiert auf Nullen und Einsen, der Computer ist überall. Nicht auf dem Börsenparkett allein tummeln sich die Rechner. Die gesamte Wirtschaft, sogar der alltägliche Einkauf, ist auf das reibungslose Funktionieren des Computer-Netzwerkes angewiesen. Ganz zu schweigen vom Verkehr: Ob Ampeln, Weichen oder die Freigabe der Landebahn – Computer sollen unsere Aufgaben erleichtern, sollen menschliches Versagen unmöglich machen. Selbst im hochmodernen Krankenhaus geht ohne PC fast gar nichts mehr. Regierungen, öffentliche Einrichtungen sowie das Militär organisieren sich heutzutage natürlich mittels Computern. Doch das ist gerade das Problem, es entsteht ein „Bumerang-Effekt“: Das Hilfsmittel Computer wird dann zu unserer größten Schwachstelle, denn Terroristen können mit gezielten Internet-Angriffen und Hacker-Offensiven unser gesamtes öffentliches Leben lahmlegen.

Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn es die Terroristen auf die Steuerungszentrale eines Atomkraftwerkes abgesehen hätten. Rein theoretisch könnten sie so einen GAU auslösen, könnten mithilfe hochkomplexer Schadprogramme ganze Landstriche unbewohnbar machen sowie Gesundheit und Leben zigtausender Zivilisten in Gefahr bringen.

Das ist leider kein Science-Fiction mehr. Vor etwa zwei Jahren wurden iranische Atomanlagen durch den Virus „Stuxnet“ lahmgelegt. Mittlerweile ist durchgesickert, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die US-Regierung und der Staat Israel hinter diesem Cyber-Angriff auf das iranische Atomprogramm stehen. Man kann also getrost von einer Art Auftakt zu einem neuen Zeitalter sprechen, dem Zeitalter des Cyberkrieges.

Nur ein Knopfdruck: So werden die Kriege der Zukunft wohl entschieden (©Alexander Klaus/Pixelio)

In Zukunft werden die großen Kriege der Welt wohl immer weniger auf verheerenden Schlachtfeldern entschieden. Man bedenke: Derartige Gefechte sind selbst für den Sieger ein enormer wirtschaftlicher Schaden, wenn man Verluste an militärischer Ausrüstung und Streitkräften berücksichtigt. Ein Computer-Virus vom Format „Stuxnet“ ist zwar hochkomplex und bedarf eines extremen Entwicklungsaufwands. Von dieser „Investition“ abgesehen macht das Programm dann aber fast alles von selbst – und spart eine Menge Staatsfinanzen, so zynisch und pervers das auch klingen mag. Letzten Endes wird wohl eine Armee an Programmierern und Netzwerkexperten die physischen Streitkräfte zumindest teilweise ablösen.

Das Internet ist wahrlich ein Segen für uns. Durch die Vernetzung von von Millionen von Computern können wir unser Leben heute so führen wie wir es führen, mit allen Vorteilen und Bequemlichkeiten. Aber das Internet wird wohl zu unserer größten Schwachstelle werden und einen hohen Preis für all seine Vorzüge fordern.

Vorschau: Das nächste Mal schreibt Sonja über Slow Food – eine Organisation, die sich für genussvolles, bewusstes und regionales Essen einsetzt.