Die Flüchtlingskrise: Ein Update

KOMMENTAR: Mittlerweile ist es November. Die sogenannte Flüchtlingskrise ist schon lange zum innenpolitischen Problem erhoben worden. Offiziell befindet sich diese Krise jetzt in ihrem zweiten Jahr – völlig ungeachtet der Tatsache, dass auch vor 2015 Einwanderung auf diesem Weg stattfand. Zur Erinnerung: Der Krieg in Syrien dauert bereits fünf Jahre an. Bisher wurde angenommen, dass etwa eine 250.000 Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Allerdings wurde die Zählung der Opfer Mitte 2014 eingestellt, da zuverlässige Daten nicht zugänglich seien, so der UNHCR. Seit 18 Monaten können die Verluste also nicht einmal mehr erhoben werden. Wissenschaftler des Syrischen Zentrums für Politikforschung gehen bereits von einer Dopplung der Zahl aus.

Es haben zwar über den gefährlichen Seeweg mehr als 171.000 Personen von der Türkei aus die Ägäischen Inseln Griechenlands erreicht. Aber mit den Rekordzahlen des Vorjahres hat das nur noch wenig zu tun. Noch in den ersten beiden Monaten des Jahres kamen ganze Flüchtlingsströme auf den Inseln an. Der Strom aber hat sich seit dem Inkrafttreten des Abkommens zwischen der Türkei und der Europäischen Union vom 20. März 2016 verlagert. Nach Griechenland kommen vor allem Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak – knapp die Hälfte sind Syrer.

In Syrien verschlimmert sich die Lage zusehends. So erklärte Stephen O’Brien –UN-Koordinator für humanitäre Hilfe – , vor dem New Yorker UN-Sicherheitsrat, dass dort derzeit 974.080 Menschen in belagerten Städten und Dörfern ausharren. Vor einem halben Jahr sei weniger als die Hälfte betroffen gewesen. Dazu komme noch der Winter. Die Menschen  seien abgeschnitten von Hilfsleistungen. Fassbomben und Chlorgasangriffe kosten nicht nur unzählige Leben, mittlerweile seien auch die letzten verbleibenden Krankenhäuser und zivilen Einrichtungen unter Beschuss genommen. Schuldig sei daran – in der Regel durch Augenzeugen und lautstarke Äußerungen der US-Regierung bekundet – die Syrische Armee samt russischen Verbündeten. Eine Waffenruhe ist nicht in Sicht. Trotzdem sind die Ankunftszahlen seit März massiv abgefallen. Dass die Umsetzung eines politischen Abkommens derart signifikant auf den Flüchtlingsstrom einwirken kann, lässt tief blicken und eröffnet dabei trotzdem Raum für Spekulationen über eine Beteiligung – oder zumindest die Mitwisserschaft – der türkischen Regierung.

Signifikant steigt daraufhin allerdings die Zahl derer, die die Küsten Italiens ansteuern: Knapp 165.000 Personen kamen über das Mittelmeer aus Nigeria, Eritrea und anderen afrikanischen Ländern. Der Ausspruch „Afrika sitzt auf gepackten Koffern“ macht nicht nur die Runde, sondern auch Angst, denn Afrika ist groß und das Boot für viele schon voll.

Geld macht sexy – oder?

Volle Tasche? Ohne Geld sehen wir im Alltag alt aus (© Dr. Klaus Uwe Gerhardt / pixelio.de)

Volle Tasche? Ohne Geld sehen wir im Alltag alt aus (© Dr. Klaus Uwe Gerhardt / pixelio.de)

Mein Geldbeutel ist mal wieder leer. Den letzten Euro hab ich benutzt, um meinen Kindern zwei Brezeln zu kaufen. Und seit die Bankfiliale in unserer Stadt zugemacht hat, heißt das, an Bargeld komm ich nicht mehr so leicht. Dabei ist ein volles Porte­mon­naie doch ein wichtiger Indikator dafür, dass es uns gut geht. Oder etwa nicht? Geld ist schon lange mehr als nur Zahlungsmittel. Seit Jahren wird die These vertreten, Geld sei zu einem neuen Leitmedium erhoben worden. Wer Geld hat, hat Macht und Macht macht sexy. Nach der Devise sieht es noch schlechter aus für Griechenland, als die Medien zugeben.

Dabei komm ich nicht umhin mich gerne an die Szene aus „Star Trek: Zurück in die Gegenwart“ (ja, sowas hab ich tatsächlich schon gesehen – mehr als einmal) zu erinnern, in der Captain Kirk in den neunziger Jahren landet und sein Abendessen nicht bezahlen kann, weil es im dreiundzwanzigsten Jahrhundert kein Geld mehr gibt. Die Idee finde ich ganz reizvoll. Geld abschaffen, durch wissenschaftliche Entdeckungen Hunger, Krankheiten und Energiemangel besiegen. Utopia. Die Realität sieht da ganz anders aus.

Geld macht sexy - sofern wir welches haben (©Lupo / pixelio.de)

Geld macht sexy – sofern wir welches haben (©Lupo / pixelio.de)

Denn Macht macht nicht nur sexy, sie korrumpiert auch. Wer Macht hat, will diese erhalten und möglichst aufbauen, nicht aber sie zugunsten einer gleichberechtigteren Gesellschaft abgeben. Diese Meinung vertritt auch Peter Joseph, amerikanischer Regisseur. 2008 veröffentlichte er im Internet den zweiten Zeitgeist Film Addendum, in dem er die Abschaffung des Geldes als Weg in eine bessere Welt in Aussicht stellt. Das globale Finanzsystem ist hier der Böse, die Banken, die immer reicher werden, gegen die Menschen.

Immerhin ist es doch faszinierend, wie wir uns an den Betrag unseres Bankkontos klammern, der in der natürlichen Welt absolut nichtssagend ist, sondern erst Bedeutung bekommt, weil wir ihm welche zusprechen. Geld ist menschengemacht. Es ist unser Mittel der Kontrolle, wenn wir über die Natur keine haben. Wir können den Tod nicht besiegen, aber wir können uns teure Dinge leisten, das Wetter liegt nicht in unserer Hand, aber unser Auto, unsere Uhr, unsere Schuhe zeigen, dass wir es zu etwas gebracht haben. Zu Geld nämlich. Und wenn wir einsam sind, sorgen ein paar grüne Scheinchen dafür, dass uns die Menschen wieder mögen. Ihr wisst schon: Sexy.

Unser Geld: Kulturgut oder selbstgemachtes Übel (© M. Großmann / pixelio.de)

Unser Geld: Kulturgut oder selbstgemachtes Übel (© M. Großmann / pixelio.de)

Unser ganzes Leben ist doch darauf ausgelegt. Wir lernen, um einen guten Beruf zu finden, der uns viel Geld einbringt, das uns ein Leben voller Annehmlichkeiten ermöglicht. Sind wir darum glücklicher? Glücklicher als ein Mitglied eines indigenen Stammes etwa, das gänzlich ohne Geld auskommt? Oder nur Glücklicher als jemand, der im selben Kulturkreis aufgewachsen ist, aber eben weniger Geld hat? Ihr merkt schon: Geld ist ein sogenanntes Kulturgut. Wir haben uns seine Bürde selbst auferlegt, uns von ihm unterdrücken lassen und selbst dafür gesorgt, dass manche mehr und manche weniger haben. Wenn Menschen auf die Banken und das Finanzsystem schimpfen, denke ich mir nur: Da stecken wir alle mit drin. Und darum müssen wir alle etwas ändern (wollen), damit sich auch wirklich etwas ändert.

Die ersten haben das auch begriffen. Fahrradfahren etwa ist nicht nur deswegen im Kommen, weil auf Kurzstrecken so Benzin gespart und die Umwelt geschützt werden kann, sondern auch, um dem Statussymbol Auto zu entkommen. Dinge gebraucht kaufen oder statt im Hotel auf einer fremden Couch schlafen, Marmelade wieder selbst kochen, nähen, Gemüse anpflanzen. Alles, was zugunsten einer „angenehmen“ Geldwelt verdrängt wurde, lebt wieder neu auf. Und wenn wir es schaffen, diese Gedanken, diese Vorhaben festzuhalten, weiterzugeben, uns loszulösen von der Macht des Geldes, dann wird es diese eben auch verlieren. Wir haben das Geld zu dem gemacht, was es ist. Wir können ihm diese Macht auch wieder nehmen.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anna hier, wie sie sich in Bosnien verliebt hat.

Wie feiert ihr eigentlich Weihnachten?

Collage 2

Von links: Christina Tsatsa, Milan Bartko, Cornelia Dudic mit dem Autor, Jusuf Nagobo, Alexander Staszewski (Foto: privat)

Überall wird heute Weihnachten gefeiert. Überall? Ist wirklich der 24. der entscheidende Tag? Bekommen alle Geschenke?  Und wie ist es Weihnachten zu feiern  wenn man gar nicht christlich ist? Fünf Personen geben heute Auskunft darüber, wie in anderen Kulturkreisen, im Ausland oder in Deutschland Weihnachten gefeiert wird.

Um 5 Uhr morgens – vor Sonnenaufgang – bricht Christina Tsatsa (24) mit ihrer Familie in die griechisch-orthodoxe Kirche auf. Am 25. Dezember begeht sie das Weihnachtsfest im Kreis von ungefähr 10 Verwandten und Freunden. „Traditionell isst man bei uns Lamm. Aber als Familie die mehrere Jahre in Deutschland lebt, haben wir auch die letzten Jahre Pute gegessen, “ berichtet Tsatsa.
Interessantes weiß sie von den Weihnachts-Bräuchen für griechische Kinder zu erzählen: „ Die Kinder ziehen um die Stadt und singen Weihnachtslieder (κάλαντα). Der Sinn des ganzen ist, dass, wenn Kinder Weihnachtslieder bei einem Haus singen, dann bringt es der Familie Glück fürs Jahr. Meistens werden die Kinder mit Weihnachtsgebäck beschert oder auch mit Geld.“ Für Christina –  abgeleitet von Christos –  selbst ist Weihnachten außerdem ein ganz besonderer Tag, da es ihr Namenstag ist und in Griechenland Namenstage wie in Deutschland Geburtstage gefeiert werden.

Ganz klassisch und ähnlich dem deutschen Weihnachtsfest feiert Milan Bartko (26) aus der Slowakei Weihnachten. Im kleineren Familienkreis mit Brüdern und Eltern geht er zusammen am 24. Dezember in die evangelisch-lutherische Kirche und genießt danach zu Hause Krautsuppe mit Fisch und Kartoffelsalat.
Auch Geschenke werden  bei ihm zu Hause – wie  bei uns in Deutschland –heute Abend  nach dem Essen verteilt. Schnee für Schneemänner gibt es in der Slowakei genug und Weihnachtsmarkt, Baum und Sterne gehören ebenfalls zur slowakischen Weihnacht. Einen Unterschied zum deutschen Weihnachten gibt es dann doch noch: Milan singt am Heilig Abend Kolleden. Auf Deutsch sind sie besser bekannt als Weihnachtslieder.

Eigentlich kommt Alexander Staszewski (23) aus dem Sauerland, „jedoch ist meine gesamte Verwandtschaft aus Polen“, berichtet er. Weihnachten feiern, dass heißt für ihn zusammenkommen mit der Familie und über ehemalige und kommende Ereignisse sprechen.  Gefeiert wird in der Familie der Staszewskis am 24. „Wir ziehen uns schick an, teilen das Brot vor dem Essen und einer aus der Familie spricht ein paar Wort“, erzählt er. In die Kirche geht die Familie traditionell am 25. Dezember.  Eine ganz spezielle Besonderheit am Weihnachtsabend schließt sich bei den Staszweskis noch an das Abendessen an: „Nach dem Essen und dem darauffolgende Tee schauen wir meistens Ekel Alfred zusammen an.“

Auch Jusuf Nagobo (24) lebt schon seit seiner Kindheit in Deutschland, seine Eltern, Geschwister und er kommen jedoch ursprünglich aus dem Iran und seine Familie ist muslimisch. Mit Weihnachten hat er eigentlich nicht viel am Hut, aber über die Jahre hinweg haben er und seine Familie doch ihren ganz eigenen Stil entwickelt Weihnachten zu feiern. „Kirche und Weihnachtslieder spielen bei uns natürlich keine Rolle“, erklärt Nagobo. „Wir schenken uns jedoch am 24. gegenseitig immer etwas, da wir als Kinder das ziemlich unfair fanden, dass alle anderen Geschenke bekamen außer uns.“
Eine Anekdote weiß Jusuf auch noch zu erzählen: „An unserem fünften Weihnachten hier in Deutschland hatte meine Mutter herausgefunden, dass der Weihnachtsmann eine Erfindung von Coca Cola sei und war deswegen fest davon überzeugt, dass Coca Cola ein fester Bestandteil von jedem Weihnachtsfest sei. Deswegen gab es bei uns dann viele Jahre am 24. immer zum Essen Coca Cola.“

Bei Cornelia Dudic (73) ist es schon lange her, dass sie Weihnachten nach rumänisch-orthodoxer Tradition gefeiert hat. Jedoch erinnert sie sich noch lebhaft an ihre Kindheit: „Es war immer eine wahnsinniger Betrieb in der Küche vor Weihnachten, da es immer 23 Speisen an Weihnachten gab. Warum 23? Für jeden Tag der Adventszeit eine, aber keine für den 13.“ Vor allem ihre Mutter berichtet Dudic stand tagelang vor dem Herd. „Geschenke gab es keine – oder zumindest keine großartigen“, fährt sie fort. „Aber das sei bestimmt im heutigen  Rumänien ganz anders als damals.“, schließt Dudic.

Vorschau: Am Dienstag, 7. Januarbegeben wir uns an die warmen Goldstrände an der bulgarischen Küste.

Santorini – Die Perle der Ägäis

Wegen ihrer Form trug die Insel einst den Namen „Strongyle“ – die Runde. Später wurde sie auch „Kalyste“ genannt – die Schöne, zurecht, denn nicht umsonst gelten die blauen Kuppeln der Stadt Oia (ausgesprochen Ia) auf Santorini als das Wahrzeichen Griechenlands.

Oia: Kuppel, griechische Flagge und eine Windmühle sieht man überall in Griechenland, nicht nur auf Santorini. (Bild: Svetlana Dreer)

Oia: Kuppel, griechische Flagge und eine Windmühle sieht man überall in Griechenland, nicht nur auf Santorini. (Bild: Dreer)

Es wird sogar gemunkelt, dass Santorini nicht nur die schönste Insel der Kykladen, der Ägäis, sondern auch der ganzen Welt ist.

Blaue Kuppel: Griechen schätzen ihre Religion. (Bild: Svetlana Dreer)

Blaue Kuppel: Griechen schätzen ihre Religion. (Bild: Dreer)

Die Insel der Santa Irene wurde etwa 3000 v. Chr. von Menschen besiedelt. Sie wiesen, trotz der Nähe zu Kreta und damit zu den Minoern,  eine eigenständige Kultur mit einem hohen Entwicklungsstandard auf. Etwa 1600 v. Chr. kam es dann zu dem Vulkanausbruch, welcher das heutige Aussehen der Insel wesentlich mitprägte.

Der so genannte Thera-Vulkan sprengte eine riesige Caldera, was aus dem Spanischen übersetzt „Kessel“ bedeutet, in der Inselmitte frei und war wohl der gewaltigste in der Erdgeschichte. Dies führte dazu, dass der entstandene Krater vom Meer geflutet wurde. Später sorgten weitere Vulkanausbrüche im Meeresinneren dafür, dass die kleinen Inseln Nea Kameni und Palea Kameni entstanden.

Atemberaubend: Der Blick auf die Caldera, Stadt Fira (Bild: Svetlana Dreer)

Atemberaubend: Der Blick auf die Caldera, Stadt Fira (Bild: Dreer)

Heute ist Santorini 89 Quadratkilometer groß, die Kraterwände fallen bis zu 300 Meter steil ins Wasser ab und der größte Gipfel, Profitis Ilias genannt, ist 568 Meter hoch. Zwar ist die Hauptstadt von Santorini Fira, doch der meistbesuchte Ort ist wohl Oia. Kein Wunder, denn die Schönheit der kleinen Stadt und der grandiose Ausblick auf die Caldera lassen die Herzen der Besucher höher schlagen.

Tolle Idee: Dieses Fahrrad in Fira ist nicht nur Dekoration, sondern auch ein Mülleimer auf 3 Rädern.(Bild: Svetlana Dreer)

Tolle Idee: Dieses Fahrrad in Fira ist nicht nur Dekoration, sondern auch ein Mülleimer auf 3 Rädern.(Bild: Dreer)

Drei Farben dominieren: Blau, Ocker und strahlendes Weiß, zwischendurch auch Pink und Rot, denn die Blume, die dem griechischen Klima gewachsen ist, ist wohl nur die Geranie.  Die für die Kykladen typische, treppenartige Architektur verleiht der Insel einen Hauch von Zerbrechlichkeit, aber auch Schönheit. Wenn man Oia mit nur einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es wohl „Augenschmaus“.

Viele Touristen wissen die Einzigartigkeit Santorinis zu schätzen. Viele kommen angeflogen, viele per Schnellschiff und alle fühlen sich ein bisschen glücklicher, wenn es wieder Richtung Heimat geht.

Ästhetik pur: jede Ecke in Oia ist einzigartig. (Bild: Svetlana Dreer)

Ästhetik pur: jede Ecke in Oia ist einzigartig. (Bild: Dreer)

Rot, Ocker, Weiß, Blau: Sommerfeeling (Bild: Svetlana Dreer)

Rot, Ocker, Weiß, Blau: Sommerfeeling (Bild: Dreer)

Am Besten, Ihr überzeugt euch selbst von der wahnsinnigen Kulisse.
Videomaterial:
Santorini, Oia
Santorini, Fira

Vorschau: Am Dienstag, 20. August geht’s nach Österreich.

Die AfD – eine Alternative für Deutschland?

CDU/CSU erzielen 41 Prozent – so lautet das aktuellste Umfrageergebnis der Forschungsgruppe Wahlen. Während die FDP weiterhin mit der Fünf-Prozent-Hürde zu kämpfen hat und die Oppositionsparteien zunehmend an Stimmenanteilen verlieren, kann sich die CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel auf eine breite Zustimmung in der Bevölkerung stützen. Knapp zwei Drittel der Deutschen wünschen sich derzeit Merkel für eine weitere Amtszeit als Kanzlerin.

Die Beliebtheit der Bundeskanzlerin versiegt jedoch im Moment an den Grenzen des deutschen Staates. In vielen der am härtesten von der Euro-Krise betroffenen Länder ist sie zum Feindbild geworden. Das deutsche Spardiktat im Zusammenhang mit der Euro-Rettung hat die Probleme für große Teile der Bevölkerung weiter verschärft. Europäische Hilfsgelder kommen nicht bei den Menschen an, sondern werden fast ausschließlich direkt an die Gläubiger der Staaten – also vor allem an Banken – weitergereicht. Die Arbeitslosenquoten in den Südländern bleiben entsprechend unverändert hoch. In weiten Teilen ist fast jeder zweite junge Mensch ohne Arbeit. Zur Bekämpfung dieses Zustandes hat die EU nun Hilfen im Wert von acht Milliarden Euro beschlossen. Im Kontext der Euro-Rettung – die gegenwärtig etwa 700 Milliarden Euro kostet – ein Tropfen auf den heißen Stein, wie die Sprecherin der Partei „Alternative für Deutschland“, kurz: AfD, Frauke Petry findet.

Teilen die Sorgen der AfD: Demonstranten vor dem Sitz der Europäischen Zentralbank (© Jens Kemle / pixelio.de)

Teilen die Sorgen der AfD: Demonstranten vor dem Hauptsitz der Europäischen Zentralbank (© Jens Kemle / pixelio.de)

Nachdem alle wichtigen Entscheidungen zur Euro-Rettung in den letzten Jahren im Eilverfahren mit breitesten Mehrheiten aus allen etablierten Parteien – mit Ausnahme der Linken – durch den Bundestag gewunken wurden, hat sich die AfD nach Gründung Anfang diesen Jahres deutlich gegen diese Politik in Stellung gebracht – nicht nur gegen das derzeitige Vorgehen der Euro-Retter, sondern auch gegen die Gesamtkonzeption des Euro. Angeführt von renommierten Volkswirtschaftlern, wie dem Parteivorsitzenden Professor Bernd Lucke, versucht die AfD ein gegensätzliches Konzept zu Merkels „alternativloser“ Euro-Politik zu präsentieren.

Wie Lucke bereits in zahlreichen Interviews und Debatten in den deutschen Medien dargelegt hat, sieht die AfD in der falschen Konstruktion der Gemeinschaftswährung und fehlender Disziplin bei der Einhaltung geltender Verträge wie den Maastricht-Kriterien ein Grundproblem der europäischen Volkswirtschaften. Ohne eine gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik entwickeln sich die Mitgliedsstaaten zu unterschiedlich, um sinnvoll von einer Währung profitieren zu können. Vor allem die offensichtlich nicht mehr konkurrenzfähigen Länder im Süden des Euro-Raumes leiden, so Lucke, unter dem starken Euro. Zu hohe Lohnniveaus mit fehlender Möglichkeit zur Abwertung der eigenen Währung seien ein Hindernis für das Wirtschaftswachstum.

Die sinnvollste Lösung – zumindest im Sinne des Wahlprogramms der AfD – könne nur ein Austritt der betroffenen Länder aus dem Euro sein. Den übrigen Ländern stünde laut AfD daraufhin die Möglichkeit offen, einen neuen Euro zu schaffen oder ebenfalls zu alten Währungen zurückzukehren. Trotz dieser Ablehnung gibt sich die AfD betont pro-europäisch. Im Rahmen der Euro-Krise sieht sie die bisherigen Fortschritte der europäischen Einigung gefährdet. Vor dem Hintergrund brennender deutscher Flaggen auf den Plätzen europäischer Großstädte wirft die Partei der Regierung vor, die Euro-Politik schüre alte Ressentiments und treibe einen Keil zwischen Nationen statt sie zu vereinen.

Doch trotz dieser Argumentation ist die Abschaffung des Euro ein auch unter Volkswirtschaftlern umstrittenes und derzeit kaum vorstellbares Szenario. Die enormen Auswirkungen für die Weltwirtschaft und die europäische Staatengemeinschaft sind von niemandem vorauszusehen. Dennoch bescheinigen Wahlforscher der AfD mit dieser Euro-kritischen Einstellung eine theoretische Chance auf jede vierte Wählerstimme. Die unabsehbaren Risiken der Euro-Rettung und Unsicherheiten aufgrund schlechter Informationspolitik der Regierung haben weite Teile der Bevölkerung skeptischer gegenüber der Gemeinschaftswährung werden lassen. Die bisherigen Umfrageergebnisse der Partei scheinen dies jedoch nicht zu bestätigen. Nach aktuellen Emnid-Erhebungen würden derzeit lediglich zwei Prozent der Wahlberechtigten der AfD ihre Stimme geben.

Die Partei selbst versteht sich als Vertreter der bürgerlichen Mitte und versucht mit einer Positionierung auch in anderen Bereichen wie der Steuer-, Familien- und Integrationspolitik den Eindruck zu vermeiden, eine Ein-Themen-Partei zu sein. Der Kern der AfD ist konservativ geprägt und hat – wie Bernd Lucke selbst – seinen politischen Grundstein in der CDU. Doch zieht die Ablehung der europäischen Rettungspolitik und ein Liebäugeln mit der Rückkehr zur Deutschen Mark auch Menschen anderer politischer Lager an. Die AfD ist somit zu einem Sammelbecken unterschiedlicher politischer Strömungen geworden und muss sich – wie die Piratenpartei vor ihr – vor allem gegenüber der extremen Rechten klar positionieren. Eine vergleichbare Welle der Euphorie, mit der es die Piraten in vier deutsche Landtage geschafft haben, ist für die AfD derzeit jedoch nicht zu erwarten. So bleibt die Frage weiterhin offen, ob die selbsternannte Alternative in der Lage sein wird, ihren Forderungen auf bundespolitischer Ebene auch Taten folgen zu lassen.

Was man verspricht, sollte man halten!

Eine der ersten Regeln, die jedes Kind schon früh lernen muss, lautet: Was man verspricht, sollte man halten. Auch der europäische Sorgenstaat Griechenland sollte seinen Versprechungen zu Reformen und Sparprogrammen nun endlich Taten folgen lassen. Wo viel geredet und versprochen wird, bleiben Ergebnisse aus und die Wirtschaftslage verschlechtert sich weiter. Denn es kostet immer Zeit bis Reformen in die Tat umgesetzt werden und auch ihre beabsichtigte Wirkung zeigen. Und Zeit haben die Krisenländer sicher nicht im Überfluss. Rezessionsprognosen wurden bereits nach oben korrigiert.

Der Druck auf Griechenland wächst. Bei seinem ersten Besuch seit Langem ermahnte der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso den griechischen Staatschef Antonis Samaras, die Reformen endgültig auf den Weg zu bringen. Er hingegen wolle sich dafür einsetzen, dass kritische Stimmen, die das Scheitern der Griechen propagieren, verstummen. Solche Aussagen, wie die des deutschen Wirtschaftsministers Philipp Rösler, trügen nicht zur Problemlösung bei. Doch das Finanzministerium weiß selbst, dass es mit den Bedingungen für die bereits erhaltenen zwei Hilfspakete im Verzug ist. Viele staatliche Unternehmen haben immer noch nicht, wie vereinbart, Gehälter gekürzt und Zuschüsse gestrichen. Als Grund für den Verzug wird der lange Wahlkampf vorgeschoben, der eine Regierungspause bedeutet habe.

Die aktuell diskutierten Sparreformen sollen die außergewöhnlich hohen Renten derjenigen Pensionäre kürzen, die über 2.200 Euro pro Monat erhalten. Dies würde zum einen frühere Hochverdiener treffen, aber zum anderen auch Menschen, die freiwillig in ihrem Arbeitsleben mehr in die Rentenkasse eingezahlt haben, um später im Alter gut versorgt zu sein. Außerdem sollen Menschen, die unverhältnismäßig oft einen Arzt aufsuchen, zur Kasse gebeten werden. Einige staatliche Behörden und Organisationen sollen abgeschafft werden, um den Staatsausgaben zu senken.

Nun heißt es Dampf machen: die Maßnahmen müssen von der Koalitionsregierung beraten und der Troika (Face2Face berichtete) vorgelegt werden. Nur so kann Griechenland in Zukunft auf Geld aus den Hilfsprogrammen hoffen. Sicher ist jedoch, dass das Antasten lang bestehender Privilegien, wie monetäre Zuschüsse an staatliche Angestellte, für Unmut sorgen wird. Dies wird die bestehenden sozialen Spannungen und Proteste weiter verschärfen. Dennoch: leere Versprechungen, wie bisher, können die Probleme der Griechen sicher nicht lösen.

Fußballpatriotismus

„Scheiß Griechen!“, sagt einer. „Lassen sich von uns durchfüttern und beleidigen uns dann!“, wütet ein anderer – Deutschland vor dem Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft 2012. Die Kontrahenten: Deutschland – Griechenland. Am vergangenen Freitag, 22.06., zählte offensichtlich mehr als nur der Punktestand.

Ausgelassen: Beim Public Viewing wird gefeiert (Foto: Jens Zehnder / pixelio.de)

Das Medieninteresse um die Europameisterschaft war bereits vor Beginn des Wettbewerbs auffallend politisch gestaltet: Eindrucksvoll haben Proteste und Kritik an der Inhaftierung der ehemaligen ukrainischen Regierungschefin Julia Timoschenko gezeigt, wie mächtig eine kritisch-eingestellte Öffentlichkeit sein kann.

Einen ganz anderen Einfluss hat die Weltpolitik jedoch auf die nationale Fankultur in Deutschland: Die bankrotten Griechen, die seit einiger Zeit unter anderem von Deutschland finanzielle Unterstützung erhalten, würden nun ihre Quittung bekommen, so heißt es. Empört zetern deutsche Fans über die griechische Berichterstattung, in denen die deutsche Fußballnation veralbert wird. Dürfen die das? Immerhin kriegen sie ja unser Geld!

Das Problem an internationalen Fußballmeisterschaften ist immer die Gefahr, dass sie Ressentiments zwischen beteiligten Nationen schüren. England, Holland, Italien – drei Nationen, die wohl vor allem durch den Sport entzweit sind. In jüngerer Zeit waren es vor allem die Italiener, die sich hierzulande unbeliebt gemacht haben, als sie im Halbfinale 2006 gegen die deutsche Nationalmannschaft siegten.

Und nun sollten sich also am vergangenen Freitag das hochverschuldete Griechenland und das spendable Deutschland auf dem Rasen gegenüberstehen. Wie nicht anders zu erwarten, unterstützten auch die Griechen ihre Mannschaft im Vorfeld wortstark, und das gefiel einigen deutschen Fans so ganz und gar nicht. Den Schuldenmachern sollte die Rechnung auf dem Platz präsentiert werden.

Wie so oft blendet der regelmäßig auftretende Fußballpatriotismus auch in diesem Jahr wieder viele deutsche Fans. Hier wird in all der Euphorie die Finanzpolitik der Hellenen auf die Fans der griechischen Fußballnationalmannschaft projiziert und dann empört wahrgenommen, dass es auch die griechischen Fans sind, die mit ihrer Mannschaft fiebern. Sollen die Fußballbegeisterten in Griechenland nun nicht mehr für ihre Mannschaft feiern, nur, weil der Staat pleite ist? Es ist doch gerade die Freude am Sport, die internationale Wettbewerbe so auszeichnet.

Die Deutschen selbst hingegen sind alles andere als brav. Insbesondere gegen Hassliebe Holland sind die Anfeindungen vor dem Spiel allerseits wieder enorm, die Äußerungen bewegen sich stets an der Grenze zur Fremdenfeindlichkeit. Es scheint, als habe die Fußballnation vor allem dann richtig Spaß, wenn sie den Gegner auf dem Platz so richtig hassen kann.

Das Spiel hat die favorisierte deutsche Nationalelf schließlich 4:2 gewonnen, und auch der nächste Gegner – England oder Italien – verspricht wieder hohes Konfliktpotential. Damit ist die Wut gegen die Griechen nun erst einmal wieder vom Tisch. Doch nicht auszudenken, was passiert wäre, hätten die Griechen das Spiel gewonnen…

Nun auch Spanien „unter der Haube“

Erleichterung letzten Samstag bei Finanzminister Wolfgang Schäuble, der EU-Kommission, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und den USA: Spaniens Wirtschaftsminister Luis De Guindos verkündet die Absicht, Hilfen aus dem EU-Rettungsschirm in Anspruch zu nehmen. Mit dem Geld soll ein Programm zur Rekapitalisierung und zukünftiger Kapitalsicherung des angeschlagenen spanischen Bankensektors in Gang gebracht werden. Das Geld soll an Auflagen für den Finanzsektor geknüpft sein, nicht jedoch an die harten strukturellen Sparauflagen der gefürchteten „Troika“, die Sparkommissare der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und des IWF. Dies betonte De Guindos ausdrücklich auf der Pressekonferenz am Samstag. Die Spanier wollen nicht in eine Schublade mit den Krisenländern Griechenland, Portugal und Irland gesteckt werden, die bereits Hilfen aus dem EU-Rettungsfonds EFSF erhalten (Face2Face berichtete). Dies ist einer der Gründe für das lange Zögern und wiederholte Dementieren der Regierungssprecher, wenn es um die Frage ging, ob Spanien einen Antrag auf Kredite bei der EU-Kommission stellen würde.

Das Land kämpft gegen den Kollaps des Bankensystems, ausgelöst durch faule Immobilienpapiere. Nach dem Bauboom vergangener Jahre können zahlreiche Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden (Face2Face berichtete). Kredite zur Rettung der Banken vom Kapitalmarkt scheiden aufgrund der hohen Zinssätze, denen sich das Land gegenübersieht, weitgehend aus. Das Haushaltsziel der spanischen Regierung für das laufende Jahr steht auf der Kippe. Die Unterstützung durch Gelder der Euro-Gruppe war für viele die logische Konsequenz aus der aktuellen Situation und praktisch unausweichlich.

Realistisch erscheint eine Summe von 100 Milliarden Euro, welche den Kapitalbedarf beinhaltet, um die Geldinstitute zahlungsfähig zu halten und einen zusätzlichen Puffer. Allerdings sollten Garantien nicht zu vorschnell erteilt werden. Spanien hat bisher nur eine Absichtserklärung abgegeben, aber noch keinen formellen Antrag eingereicht. Des Weiteren sind die Konditionen, zu denen die Kredite gewährt werden, noch nicht ausgehandelt. Trotz der Vorbehalte Madrids gegen allgemeine Wirtschafts- und Strukturreformen wird das Land nicht um einige Mindestkonditionen herumkommen. Das Grundprinzip des EU-Rettungsschirms, Geld gegen Reformen zur Stabilisierung der Wirtschaft, muss erhalten werden, sonst könnten womöglich die anderen Empfängerländer ihrerseits Forderungen an die EU-Kommission stellen.

Unklar ist, ob Spanien das Geld aus dem provisorischen Rettungsfond EFSF oder dem neuen, dauerhaften Fond ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus) erhalten wird. Ein Vorteil des neueren Modells wäre der bevorzugte Gläubigerschutz, das heißt im Insolvenzfalle würden die Kredite der EU an das Land bevorzugt bedient, bevor die privaten Gläubiger an der Reihe wären. Ein negativer Aspekt dieser Regelung ist das erhöhte Risiko für private Investoren, die in zweiter Reihe „abgestellt“ würden. Ein weiterer Vorteil des ESM ist die Beteiligung der Länder, die sich bereits unter dem Rettungsschirm befinden, an den Kreditgarantien. Nach dem alten Modell würde Spanien nach Erhalt des Geldes aus dem Kreis derjenigen, die für die Rückzahlung einstehen, ausscheiden. Dies würde eine zusätzliche Belastung für Deutschland und die anderen zahlenden Staaten bedeuten. Zurzeit ist der ESM-Vertrag jedoch noch nicht von genügend Mitgliedsländern unterzeichnet, darunter paradoxerweise auch Deutschland, wo die Ratifizierung von ESM-Vertrag und Fiskalpakt Gegenstand heftiger Streitereien ist.

Es bleibt spannend im Ringen um die Wirtschaft Spaniens. Ist die Bankenrettung mit EU-Geld die passende Lösung für ein Land, dessen Hauptproblem die enorme Arbeitslosigkeit ist? Oder bedeutet die komplette Abhängigkeit Madrids vom EU-Rettungsschirm ein dauerhaftes Abschrecken der Investoren für spanische Staatsanleihen? Experten sind sich weitgehend einig, dass Spanien bessere Chancen hat aus der Krise zu kommen als zum Bespiel Griechenland. Dies könne aber nur durch die Ergänzung der Bankenregulierung mit zusätzlichen Strukturreformen, und mit der Bekämpfung der Kernprobleme der spanischen Wirtschaft erreicht werden.

Verloren im Schamkomplex

Erwischt! Kinder lernen durch Scham, sich an Normen der Gesellschaft zu halten (Foto:Obermann)

Scham. Sie verfolgt uns täglich und ist für viele unserer Verhaltensweisen verantwortlich. Etwa, dass Grundschulkinder irgendwann allergisch auf Mamas Küsse reagieren, oder dass uns peinliche Äußerungen noch in den Schlaf hinein verfolgen. Ich kann keine kurzen Haare tragen, weil mein Vater mal etwas von runden Mondgesichtern sagte und mache Großputz, sobald sich Besuch anmeldet, um ja keine Blöße zu zeigen.

Geht es uns nicht allen so, dass wir aus Scham bestimmte Dinge nicht tun wollen? Mein Verlobter würde nie ein rosa Hemd anziehen, mein dreijähriger Sohn versteckt sein Gesicht, sobald ihn jemand anspricht. Alles nur Scham. Gut, bei dem Kleinen verwächst sich das noch, und mein Verlobter kann ja alle anderen Farben tragen, ich lasse meine Haare lang und putze endlich mal, bevor jemand an der Tür klingelt. Nicht wirklich tragisch. Nein, Scham kann sogar positiv sein, etwa wenn sie Normen in Gesellschaften festlegen. Popeln in der Öffentlichkeit beispielsweise oder nackt auf der Straße rumlaufen. Beides wird in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen. Die Frei-Körper-Kultur dagegen hat nichts gegen nackte Körper. Alles einer Frage der Ansichtssache und der Scham.

Problematisch wird es, wenn Scham anwächst zu Schamkomplexen. Das endet im schlimmsten Fall in Essstörungen, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, aber auch in Gewaltausbrüchen und Suizid. Das Spektrum ist weitreichend. Wer sich schämt, will davon ablenken, nach außen und nach innen. Scham-Abwehr also. Und warum versuchen wir, Scham abzuwehren? Weil wir sie nicht loswerden. Sie bleibt an uns hängen und wächst, wenn wir sie ignorieren. Doch auch, wenn wir uns damit beschäftigen, lässt es unsere Scham nicht verschwinden. Es gibt keine „Ent-Schämung“, kein Weg zurück. Wer also nicht einsieht, dass wir immer wieder, Tag für Tag, mit unserer Scham zu leben lernen müssen, versucht sie abzuwehren.

Scham? Da möchte man am liebsten verschwinden (Foto: Obermann)

Scham kann auch ganze Gruppen befallen. Nicht umsonst zeigten griechische Zeitungen erst vor Kurzem Angela Merkel in einer Nazi-Uniform. Die Beschämung der Deutschen durch die unverschämte Behauptung, wir wären Nationalsozialisten lenkte von der Scham der Griechen über die Schuldenkrise ihres Landes ab. Die Projektion der Scham auf andere funktioniert ziemlich schnell und ist effektiv. Immerhin muss sich dann erst mal jemand anderes schämen. Auf Dauer ist das keine Lösung, denn die Scham der Griechen und ihr Grund sind nicht einfach aus der Welt.

Bevor wir jetzt aber triumphierend Richtung Athen blicken, sollten wir uns daran erinnern, dass die Nationalsozialisten wesentlich heftigere Maßnahmen zur Schamabwehr genutzt haben. Die Scham über die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Alleinschuld am Krieg, die Armut und Arbeitslosigkeit, alles wurde auf einmal abgewehrt in der Projektion und Beschämung von Randgruppen, gegen die sogar mit schrecklicher Gewalt vorgegangen wurde. Kein schöner Gedanke, denn immerhin waren es unsere Großväter und Ur-Großväter, die diesen Mist vollbracht haben.

Das bringt mich zum nächsten Punkt. Scham ist vererbbar. Schon allein, dass wir auch beim Beobachten von peinlichen Situationen Scham empfinden, spüren wir sie auch, wenn wir an die Taten unserer Großeltern denken. In den meisten Momenten unseres Lebens merken wir das nicht, aber Bilder aus jener Zeit, oder lebhafte Geschichten könnten uns schon wieder beschämen. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Aber ist Scham wirklich so schrecklich? Die von schamhaften Momenten erfüllte Filmreihe „American Pie“, die jetzt einen vierten Film in die Kinos bringt, spielt damit. Ob der Apfelkuchen als Masturbationshilfe herhalten muss, oder der Vater beim Blow Job plötzlich am Tisch sitzt, das ist mehr als peinlich – und gerade das gefällt uns doch daran. Sind wir vielleicht sogar Scham-Junkies? Ein Gedanke, den es zu verfolgen lohnt. Vielleicht denkt ihr ja das nächste Mal darüber nach, warum ihr euch gerade schämt und ob es wirklich so schlimm ist.

Vorschau: Nächste Woche sinniert Sascha als Bayer über Bayern.

Europas Profilneurotiker

José Manuel Barroso ist unzufrieden. Der Sozialdemokrat, der als Maoist (Anm. d. Red.: Ein Maoist ist ein Kommunist „Made in China“) seine politische Karriere begann und von 2002 bis 2004 Premierminister von Portugal war, ist seit November 2004 Präsident der Europäischen Kommission und steckt gerade in einer politischen Midlife-Crisis. Vorbei sind die goldenen Zeiten, in denen er erfolgreich gegen das Böse – namentlich den US-amerikanischen Technologiekonzern „Microsoft“ und dessen Webbrowser „Internet Explorer“ sowie das Audio- und Videoabspielprogramm „Windows Media Player“ – zu Felde ziehen konnte und mit reicher Kriegsbeute – „Microsoft“ wurde zu Strafzahlungen in Höhe von 1,7 Mrd. Euro verurteilt – aus den Schlachten hervorging.

In der jüngeren Vergangenheit konnte er lediglich durch die geniale Idee, Benzin mit aus Lebensmitteln gewonnenem Ethanol zu strecken und damit die Abhängigkeit Europas von den ölexportierenden Ländern zu verringern und gleichzeitig das Klima und damit die Welt zu retten, glänzen. Dass dies Auswirkungen auf Lebensmittelpreise haben oder gar die Brandrodung etwa in Brasilien beschleunigen könnte, wurde durch entsprechende Studien ausgeschlossen. Und wie sicher jeder weiß, ist E10 ein Bestseller an der Tankstelle, senkt den Kraftstoffverbrauch und hat in keiner Weise zu einer allgemeinen Erhöhung der Kraftstoffpreise beigetragen.

Doch wenn es um die wirklich wichtigen Dinge in Europa – also Geld und im Speziellen das Recht, Geld von anderen zu fordern – geht, hat die Europäische Kommission noch nicht die totale Kontrolle. Hinzu kommt, dass durch die Staatsschuldenkrise Frankreichs Präsident Sarkozy und Bundeskanzlerin Merkel auf der politischen Bühne in Brüssel die Hauptrollen übernommen haben. Das alles ärgert Herrn Barroso.

Darum setzt er sich vehement für die Einführung einer Finanzmarkttransaktionssteuer – die natürlich unter der Aufsicht der Europäischen Kommission eingetrieben wird und direkt in den EU-Haushalt einfließt – in Europa ein. In einem jüngst vorgestellten Grünbuch (Anm. d. Red.: als Grünbuch wird ein Diskussionspapier zu einem Gesetzesvorschlag bezeichnet) schlug Barroso auch wieder die Einführung von „Stabilitätsanleihen“ – das ist Neusprech für „Eurobonds“ – in drei verschiedenen Varianten vor. Das Grünbuch enthält keine konkreten Forderungen oder Vorschläge, sondern nur grobe Ideen. Es erfüllt aber seinen Zweck insofern, dass es dem Autor die Aufmerksamkeit der Medien sicherstellt.

Barroso, der die kritische Hinterfragung seiner Handlungen und Kritik an seiner Person übrigens gerne als Verleumdung und Rufschädigung bezeichnet, erinnert im Zusammenhang mit der Schuldenkrise und dem Thema Finanzdisziplin gerne daran, dass ihm während seiner Amtszeit als Premierminister Portugals die Einhaltung des Euro-Stabilitätspaktes gelungen sei und er nicht mit den negativen Entwicklungen der letzten Jahre in Verbindung gebracht werden könne. Dass die Einhaltung des Euro-Stabilitätspaktes jedoch nur deshalb gelang, weil Lissabon staatliche Beteiligungen verkaufte, den Pensionsfonds des staatlichen Postunternehmens anzapfte und einen Weg fand, zukünftige Steuereinnahmen zu verbriefen und an der Börse zu verkaufen – ein Schelm, wer jetzt an Enron denkt – wird in diesen Ausführungen gerne verschwiegen.