Welcome to the Jungle

Ein stechender Schmerz in meinem Kopf zwingt mich dazu, meine Augen zu öffnen. Ich fasse mir an die Schläfe. Meine Hände sind mit schwarzem Lack besprenkelt. Unter meinen Fingernägeln findet sich das halbe Farbspektrum eines Regenbogens wieder. Bei einem Tablettenfrühstück in Form von Maaloxan und Dolormin verlese ich biedermeierliche Weltschmerzpoetik.

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Prägen die Szenerie: Bauschutt und Absperrband (Foto: Privat)

Retrospektive: Wir befinden uns irgendwo in der Speyrer Innenstadt – irgendjemand feiert eine Party. Wir kennen jemanden, der jemanden kennt und so weiter – man kennt das ja. Vor einem unscheinbaren Haus machen wir Halt. „Zur Party“ steht auf einer ausgehängten Tür, die auf dem vermeintlichen Boden liegt. Erst beim Überschreiten der Türschwelle fällt uns der klaffende Abgrund auf, der sich unter der Tür als provisorische Brücke befindet. Ein Schutthaufen versperrt uns die Sicht. Dahinter befinden sich leere Zimmerfluchten, ein kafkaeskes Wirrwarr aus Durchgangszimmern und abgetretenen Treppenstufen in weitere Stockwerke. Auf dem Dachboden eine 80er Jahre Motiv-Tapete, getüncht in rötliches Zwielicht. Ein lebensgroßer Posterausschnitt von Frank Zappa strahlt uns, in Unterhosen bekleidet, von der Wand aus an.

Überall im Haus tummeln sich Menschen, und ergießen sich in kreativer Destruktion. „Kick here“, steht an der merklich von Fußtritten mitgenommenen Wand. Daneben: Ein steht ein Affe mit übergroßem Schweif und Penis. Phallussymbolik überall – „Fuck U“ lautet der schonungslose Gruß auf der Fensterscheibe an die Außenwelt.

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Ein wiederkehrendes Motiv: Ein Phallus schmückt die Wand (Foto: Privat)

 Im ersten Obergeschoss ist die Party in vollem Gange. Gut dreißig Menschen tanzen zu dem Song „Aerials“ von der Band System Of A Down. Spekulationen über einen Mord in jüngster Vergangenheit machen ebenso die Runde, wie Gerüchte über den „Gender-Trouble“ des DJs. Die Badewanne, in der eine Frau ihren Mann erstochen haben soll, bietet uns an diesem Abend kühle Erfrischung in Form von alkoholischen Getränken. Der Dachboden des Abrisshauses wird kurzerhand zur Trinkspielarena erklärt. Die suboptimalen räumlichen Verhältnisse konfrontieren die Spieler mit Schmutz auf den Handflächen und Spinnweben in den Haaren. Im Mayhem-Raum erfahren die Spiele eine Fortsetzung. Eine Flasche, ein Würfel und eine Friedenspfeife zirkulieren unter den Mitspielern. Für demokratische Abstimmungen sorgt das „Schnick-Schnack-Schnuck“-Verfahren. Der Brunnen ist dabei keine zulässige Geste.

Das Haus fällt – einer Sandburg gleichend – der infantilen Zerstörungswut zum Opfer. In unbestimmter Zukunft werden Abrissbirnen das vollenden, was wir an diesem Abend begonnen haben. Unser Kunstprojekt kann nur in dieser ephemeren Gegenwelt existieren.

Feldforschung

Studiert man einmal eine Geistes- oder Sozialwissenschaft, wird es nicht lange dauern, bis man sich mit dem Problem einer gewissen Perspektivlosigkeit konfrontiert sieht. Interessant sind diese Studiengänge allemal, vermitteln sie doch einen tiefen Einblick in die verschiedensten Alltagsphänomene. Dass dieses Wissen aber weder satt macht noch reich, liegt auf der Hand. Und den Witz vom taxifahrenden Soziologen kennt sicher jeder. Doch ganz für die Tonne sind diese Wissenschaften eben auch nicht, eignen sie sich doch ganz wunderbar dazu, in Notsituationen zur Bewältigung eben dieser instrumentalisiert zu werden.

Ceci n'est pas un hotdog (Foto: N. Schwalb)

Ceci n’est pas un hotdog (Foto: N. Schwalb)

Früher Sommer 2013 – die Sonne knallt, der RNV streikt. Streikt er einmal nicht gerade, betreibt er das Straßenbahnnetz in Mannheim und stellt damit ein eigentlich unverzichtbares Verkehrsmittel für all jene dar, die sich das Auto nicht leisten können oder wollen. Das funktioniert in der Regel auch reibungslos. Nur eben heute nicht. Aus unerfindlichen Gründen sitzen wir am Mannheimer Paradeplatz, müssen eine Kolumbianerin vom Bahnhof abholen und danach irgendwie zurück in das unsäglich weit entfernte Studentenwohnheim laufen – schlappe sechseinhalb Kilometer. Während wir so dasitzen und der Sonne beim Untergehen zuschauen, fährt eine Hummer-Stretch-Limousine an uns vorbei. Zeit für soziale Feldforschung.

Soziale Feldforschung kann, das weiß der geneigte Soziologe, nur dann funktionieren, wenn bei Durchführung ganz enorme Mengen an Alkohol verzehrt werden. Auch die Ausrichtung der Forschung an einem Ziel, zu dessen Erreichung die Forschung nun missbraucht werden kann, macht die ganze Forschungsarbeit um einiges erfolgversprechender weil motivierter. Die feldforschenden Soziologen nimmt man uns heute ab: Kurze Hosen, Band-Shirts, Sandalen, eine Ananas im Gepäck und jede Menge Bier. Wäre doch gelacht, wenn wir uns keine Mitfahrgelegenheit erschnorren können! „Hallo“, verkünden wir also, „wir sind Soziologen vom Robert-Anton-Wilson-Institut für Katastrophensoziologie in Mainz und betreiben Feldforschung zu Störungen im lokalen Transportwesen. Wären Sie bereit, uns ein paar Meter mitzunehmen?“

An sozialer Feldforschung scheinen die Mannheimer wohl eher weniger interessiert. Auf den heute nicht-befahrenen Straßenbahngleisen wandelnd versuchen wir wiederholt, stehende Autofahrer zu überreden, uns zu unserer ersten Station, dem Mannheimer Hauptbahnhof, zu befördern. Der hochgradig verwirrte Gesichtsausdruck, der uns entgegenschlägt, verrät, dass unsere Story durchaus zieht. Ganz offensichtlich gehen wir tatsächlich als feldforschende Soziologen durch. Dass wir uns dennoch auf Schusters Rappen zum Bahnhof bewegen müssen, kann nur daran liegen, dass die Mannheimer Bevölkerung die Soziologie zutiefst verachtet.

Nachdem wir am Bahnhof auf der Suche nach unserer Kolumbianerin ein wenig mit der Ananas jongliert haben, hält uns wohl zumindest ein Junkie für vertrauenswürdig genug, uns um ein paar Euro anzuschnorren – oder um Zigaretten. Besonders bemüht zeigt er sich nicht dabei, sein Verlangen zu konkretisieren. Dafür unterhält er uns mit einer hanebüchenen Geschichte über Drogenhandel in der Westpfalz, einer Hausdurchsuchung und seiner Flucht vor der Polizei. Besonders weit her scheint es mit seiner Geschichte aber auch nicht zu sein, denke ich mir, denn vor den patrouillierenden Staatswächtern vor dem Bahnhof scheint der vertrauenswürdige Mann keine Angst zu haben.

Nachdem wir ihn mit einer Zigarette beschenkt haben, verzieht er sich dann auch wieder und uns gelingt es, die Kolumbianerin ausfindig zu machen. Von der ihr bevorstehenden Wanderung weiß sie freilich noch nichts. Und so recht gelingt es uns aufgrund kommunikativer Barrieren auch gar nicht, ihr die Situation darzulegen. Zumindest scheint sie zu verstehen, dass wir irgendetwas mit Autos tun wollen und sie uns am besten einfach folgt, wenn sie im Wohnheim ankommen will. Auch am Bahnhof will es uns nicht gelingen, die Einheimischen für unsere seriösen Forschungen zu begeistern. Also machen wir uns – stets den Schienen folgend – auf den langen Weg Richtung Wohnheim.

Missverständnis: Was auf den ersten Blick wie eine Pause wirken mag, das erkennt der ausgebildete Sozialwissenschaftler auf den ersten Blick als überaus kopflastige Forschungspraxis (Bild: privat)

Missverständnis: Was auf den ersten Blick wie eine Pause wirken mag, das erkennt der ausgebildete Sozialwissenschaftler als überaus kopflastige Forschungspraxis (Bild: privat)

Am Wasserturm scheint sich ein Auffahrunfall ereignet zu haben, und weil wir durstig sind und unsere Füße schmerzen, setzen wir uns biertrinkend und feldforschend auf die Straßenbahnschienen und schauen der Polizei bei ihrer Arbeit zu. Das ist für eine Weile ganz unterhaltsam, verliert dann aber aufgrund – noch nicht akuter, aber sich doch langsam abzeichnender – Alkoholknappheit seinen Reiz. Besonders weit kommen wir nicht. An der nahe gelegenen Ampel gelingt es uns, ein paar jugendliche und nicht im Geringsten alkoholisiert wirkende BMW-Fahrer für unser Forschungsprojekt zu begeistern. Der Fahrer wendet sein Auto an der Ampel und zieht an den Straßenrand.

Freilich haben wir die Realität zu diesem Zeitpunkt bereits ein wenig ausgelegt. Als Schmiermittel für unsere Beförderung locken wir mit einer vermeintlichen Gangbangparty, die sich an unserem Bestimmungsort abspielen würde. Nachdem uns der BMW-Fahrer mit einigen Kippen das Versprechen abgenommen hat, eine halbe Stunde auf ihn zu warten, bis er seine Oma zum Arzt gefahren hat, lässt er uns alleine. Besonders lange halten die Zigaretten leider nicht – und so beschließen wir, den aufopferungsvollen Typen zurückzulassen. Vermutlich hätte er uns sowieso spätestens in dem Moment verprügelt, in dem sich herausstellt, dass die Party eine dreiste Lüge war.

Das nächste Sit-in findet in einer verwaisten Straßenbahnhaltestelle statt, die sogar noch in Sichtweite unseres Zusammentreffens mit dem BMW-Gangbanger liegt. Grund für den außerplanmäßigen Stopp ist eine Flasche Wein, die ich in meinem Rucksack entdecke und sogleich öffne. Wir sind in Hochform: moderne Anarcho-Pfadfinder mit finstersten Absichten und einer Flasche Wein im Gepäck. Leider zeigt unser Untersuchungsgegenstand – die Mannheimer Autofahrerschaft – keinerlei Interesse an Kontaktaufnahme mit uns. Die Kolumbianerin wenigstens hat sich inzwischen verwirrt ihrem Schicksal gefügt. Sie folgt uns brav, setzt sich jedes Mal mit uns auf den Boden, wenn wir uns niederlassen und trinkt auch den einen oder anderen Schluck Wein mit uns. Nach Hause bringt uns das leider auch nicht. Also: weiter!

Die Säulen der Feldforschung: Aquarellpinsel auf Paint. 950 x 521 Pixel (Bild: privat)

Die Säulen der Feldforschung: Aquarellpinsel auf Paint. 950 x 521 Pixel (Bild: privat)

In der Nähe der Alten Feuerwache geben wir unser Forschungsprojekt dann endgültig auf. Und auch die Flasche Wein verrinnt, als sie auf dem Boden stehend während des Gesprächs mit einem Dönerladenbesitzer unseren Füßen zum Opfer fällt. Als wir schließlich im Wohnheim ankommen, können unsere schmerzenden Füße als Dokumentation unserer Forschungstätigkeit gelesen werden. Ergebnisse: Straßenbahnstreiks in Mannheim haben auf die Mobilität in der Innenstadt eine katastrophale Auswirkung. Schuhe voller Wein. Bier leer. Ananas verschwunden. Fehlerdiskussion: Einwandfreie Durchführung, ausgeprägtes Desinteresse der Eingeborenen an Sozialforschung.

Handylos = zeitlos?

Festivalzeit! Aber eigentlich nicht so richtig. Das New Pop Festival in Baden-Baden wirkt mehr wie eine Aneinanderreihung verschiedenster Konzerte, mit viel drum herum. Zugegeben: Es hat schon was Besonderes. Man bekommt auch ohne Ticket alle Konzerte life auf der Videowand mit und kann sich am Mittag die Künstler beim zehnminütigen Interview und mit zwei Songs unplugged von ganz nah anschauen.

Einige Bands waren echt toll und ich habe endlich die Toten Hosen gesehen. Zwar ziemlich aus der Ferne, aber der Funke ist trotzdem übergesprungen. Dann geht der Abend eigentlich erst so richtig los. Meine Mitbewohnerin arbeitet am Warsteiner-Bierstand – versorgt mich gefühlt alle zehn Minuten mit einem neuen gefüllten Becher, wohlgemerkt kostenlos. Der Cuba Libre, der Mojito und der Malibu Grapefruit kosten jeweils nur fünf Euro ­– und sind verdammt gut gemischt. Und dann zaubert ein Freund noch eine Flasche Rotwein hervor, die wir in schönster Pennermanier direkt vor dem edlen Casino in Baden-Baden – richtig! – aus der Flasche trinken. Noch ein Wegbier für die 200 Meter zum Zielclub und wir wanken los.

Dort trifft man: wirklich jeden. Alle, die beim Festival irgendwas gemacht haben, sei es Konzerte angeschaut, Licht geregelt, gefilmt, Künstler betreut oder was auch immer. Dementsprechend läuft noch mehr rein. In meinem Hinterkopf regt sich nach dem fünften Mojito ein Gedanke: Wie komme ich eigentlich nach Hause? Und der wächst. Ich finde eine Freundin, die sich bereiterklärt mich heimzufahren. Juhu! Abend gerettet! Oder doch nicht? Wir ziehen in die Trinkhalle, da ist aber nichts los. Die Freundin trifft weitere Freunde, unterhält sich mit ihnen. Und mich trifft irgendwann die Müdigkeitskeule. Ich bin ja schließlich schon eine ganze Weile auf den Beinen. Mitleidig starren mich andere Gäste an, ich denke mir nur: »Ihr Opfer könnt gar nicht feiern«.

Dann erfahre ich: Meine Fahrerin bleibt noch mindestens zwei Stunden. Mir persönlich zu lange. Ich will JETZT in mein Bett. Noch mal zurück im anderen Club frage ich rum, ob jemand zum Bahnhof fährt (da wohne ich). Nein. Mist. Mit den Worten »Dann guck ich halt, wie ich heimkomme«, mache ich einen polnischen Abgang. Das nennt man so, wenn man geht, ohne sich zu verabschieden. Habe ich auch vor Kurzem erst erfahren. Danke an den anonymen Lehrer an dieser Stelle. Weiter im Text. Ich wusste in welche Richtung ich laufen muss, hatte aber auch nur einen groben Plan vom Weg. Und ich wusste, dass ich wahrscheinlich eine Stunde lang unterwegs sein würde. Meinem Alkoholpegel geschuldet wahrscheinlich sogar noch länger.

Verliert man das Zeitgefühl, ohne technische Hilfsmittel? Ich anscheinend schon... (Grafik: Dr. Asmodeus)

Verliert man das Zeitgefühl, ohne technische Hilfsmittel? Ich anscheinend schon… (Grafik: Dr. Asmodeus)

Schon vor einiger Zeit war mein Handy ausgegangen mangels verbleibender Akkuladung. Mir ist dadurch erst aufgefallen, wie oft ich doch auf die Uhr schaue. Und wie sehr mir das Zeitgefühl ohne Orientierungshilfe abhandengekommen ist. Ich wusste auch, dass ich an einem kleinen Bach wohne. Dem folge ich also. Anfangs noch völlig unsicher, ob ich überhaupt richtig bin, sehe ich auf einmal das Festspielhaus, wo gerade die Aftershowparty mit Gratis-Food und Drinks steigt und für die ich kein Eintrittsbändel bekommen habe. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an meinen dankbaren Arbeitgeber. Ihr Hunde. Ich wusste aber: Ich bin richtig. Das nächste (längste) Stück des Weges führt durch einen verlassenen, unbeleuchteten Park. Aber ich habe um mich herum gar nicht viel wahrgenommen.

Nur auf meine Füße gestarrt und gewartet, bis ich zum ALDI komme. Denn von dort aus, das weiß ich von meiner Jogging-App, sind es noch genau zwei Kilometer bis nach Hause. Am ALDI fange ich dann an, meine Schritte zu zählen. Etwa 2000 müssten es sein bis zu meinem Bett. Ich rechne mal mit 2500, einfach um mir selbst keine allzu großen Hoffnungen zu machen. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 … 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 20 … 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 30 … oder waren’s 20? Ja, 20! Dementsprechend kann ich für die Genauigkeit der Endzahl (2209) nicht garantieren.

Zwischendurch überfällt mich wieder die Müdigkeit. Ich mache die Augen zu beim Laufen, habe aber viel zu viel Angst, dabei genau auf einen Baum zuzusteuern und beschließe eine Pause. Die nächste Parkbank kommt schnell. Ich mache nur kurz die Augen zu. Entspanne meinen Rücken. Merke dass ich zusammensacke und denke mir: »Hörma. Wie ein Penner wirst du heute Nacht nicht enden!« und mache mich heldenhaft und tapfer (so kam es mir vor) weiter auf den Weg. Ob ich tatsächlich eingeschlafen bin? Ich weiß es nicht. Kann schon sein. Mein Zeitgefühl hatte mich wie gesagt schon vor einiger Zeit verlassen. Dann: Meine Straße ist in Sicht. Ich lege noch mal einen Endspurt ein, und stehe endlich vor meinem Bett. Zunächst mache ich das Handy an. Dokumentiere: Ankunftszeit: 5 Uhr. Startzeit: unbekannt. Dauer der Lauferei: ebenfalls unbekannt. Vom Gefühl her so 50 Minuten. Ich denke aber mal, es hat länger gedauert. Wir werden es wohl niemals erfahren.

Wutnacht

Es ist heiß, der Sommer hat Deutschland fest im Griff. Die Sonne ballert derartig vom Himmel herunter, dass man schon wieder vor Schweiß starrt, wenn man die Dusche verlässt. Nicht, dass mich das stören würde; wenn die Sonne so richtig knallt, fühle ich mich wohl. Warum also nicht in die Strandbar gehen?

Dieser Gedanke kommt mir an einem Donnerstagabend gegen halb zehn. Das ist einigermaßen problematisch. In einer Kleinstadt wie Speyer ist man unter der Woche quasi stets mit dem Dilemma konfrontiert, dass ungefähr jede Kneipe so früh schließt, dass man noch nicht einmal den Gutenmorgenkaffee halb heruntergewürgt hat. Doch mir als Großmeister der Soziologie erscheint das an diesem Abend als vernachlässigbar. Vor gerade einmal zwei Tagen hat das Speyrer Brezelfest seine Tore geschlossen. Ungeachtet des Wochentags wankten Dienstagnacht unzählige Schnapsleichen durch die Partyzelte auf dem Messplatz. Und die müssen ja heute Abend auch irgendwo sein! Wo? Na klar, bei dem Wetter hängen die selbstverständlich alle in der Strandbar rum! So früh wird da schon noch nicht dicht sein…

Schnell ist ein Kumpel organisiert, der mich begleitet. Besonders flott kommen wir allerdings nicht voran. Mehrfach müssen wir rasten, um Kippen zu drehen und mit den Weizendosen zu kämpfen, an denen wir uns wässern. Ernsthaft: Wer kauft eigentlich Weizen in der Dose? Vermutlich sind das dieselben Leute, die sich die Wohnung mit „Swarovski“-Kristallfiguren vollstellen.

Nach langen Umwegen und einer unterhaltsamen Diskussion über die Weltreligionen kommen wir endlich in der Strandbar an. Aber wo sind denn alle? Vor der Bar hat sich eine längere Schlange gebildet. Bringen die etwa gerade alle ihr Pfand zurück?

„Öy!“, will ich von der Barkeeperin wissen, „Öy! Macht ihr schon zu?“.
„Nein, erst um zwölf, wie jeden Abend“, erklärt sie.
Ich schaue auf mein Handy. Viertel nach elf. Shit.

Zwei Bier später verlassen wir die Strandbar und stehen vor der beißenden Frage: Wohin? Das Problem löst sich an diesem Abend jedoch verblüffend schnell. Etwa hundert Meter entfernt vom Ausgang der Strandbar sitzt eine Gruppe aus etwa fünfzehn Hippies auf dem Boden. Die Hippies, die eigentlich gar keine Hippies sind, haben zwar keine Ahnung, wo noch etwas los sein könnte, laden uns aber freundlich ein, uns zu ihnen zu setzen. Ein Abschlussseminar eines freien sozialen Jahres wird hier gefeiert, danach will ein Großteil der Gruppe scheinbar soziale Arbeit studieren. Sympathische Leute, eigentlich.

Wir sitzen also am Rhein, die knallende Sonne ist längst untergegangen. Irgendein Fabian drückt mir ein Bier in die Hand, was viel zu schnell verzehrt ist. Wir könnten an die Tankstelle laufen, denke ich mir, bleibe dann aber doch sitzen. Die Gruppe ist ziemlich unterhaltsam. Ein Mexikaner und ein Kolumbianer sitzen neben mir und erzählen irgendwelche Geschichten, denen ich nicht mehr so ganz folgen kann.

Stattdessen werfe ich mit allgemeinen Ratschlägen um mich: „Ihr solltet studieren gehen!“, „Fahrt mit uns nach Rock’n’Heim!“ und „Ey, lasst uns mal an die Tanke laufen, wir brauchen Bier!“. Die Leute fangen an, mich mit dem Namen eines Hendrix-Songs anzureden. Da fällt mir ein: Wir brauchen eine Gitarre!

Also schnell hinters Telefon geklemmt und ein wenig Sozialkapital mobilisiert. Es ist kurz vor eins, als ich tatsächlich eine Gitarre aufgetrieben habe. Problem: Sie steht im Nachbarkaff am Bahnhof. Noch problematischer: Keine Sau kann mehr Auto fahren. Tja.

Viele unserer Probleme an diesem Abend hängen mit unserer Immobilität zusammen. „Lasst uns mal zu mir nach Hause fahren, Ghettoblaster holen!“ – Geht nicht. „Lasst uns mal zur Tanke fahren, wir brauchen Bier“ – Pech gehabt. „Alter, wir müssen sofort nach Freiburg, da gibt’s ’ne Wasserrutsche mit ’nem Looping!“ – Woah, geil! Kann noch wer fahren? Wir drehen uns ein wenig im Kreis.

Zumindest Musik kriegen wir tatsächlich aufgetrieben. Irgendjemand zaubert einen CD-Spieler herbei, den ich nach wenigen Minuten kapere. „Los! Alle müssen tanzen! Major Lazer!“, verkünde ich – und alles tanzt. Danach Deichkind. Danach Prodigy. Danach Prinz Pi. Und immer noch tanzt alles.

Doch da kippt die Stimmung. Offensichtlich davon überzeugt, dass wir ihr Bier oder ihre Telefone klauen wollen, beginnt eine Frau – nennen wir sie „Conny“, denn ich weiß leider nicht mehr, wie sie wirklich hieß – die Grüppchen abzuschreiten und gegen meinen Kumpel und mich herumzuhetzen. Ich mag manchmal ein wenig paranoid sein, aber so etwas merke ich dann doch. Mein Gewissen schaltet sich ein. Gehen wir den Leuten hier etwa auf den Wecker? Ich frage in die Runde. „Nö, alles okay!“. Beruhigt tanze, trinke, rauche ich weiter.

Der Hammer kommt um kurz vor zwei. Conny baut sich vor der Gruppe auf: „Ey, wir hauen jetzt ab!“, brüllt sie.
„Was? Wieso?“, will ich wissen.
„Verpiss dich jetzt, du blöder Spack!“, schreit es mir entgegen. Was zur Hölle?!

Sinnlose Streitereien kann ich einfach nicht mehr ertragen. Ständig raufen sich die Leute aus den allerschwachsinnigsten Gründen. Ich habe diesen Sommer schon einige wirklich doofe Anfeindungen erlebt: „Du hast beim Flunkeyball übertreten. Fick dich, du Spastie! Du hast einen anderen Glauben als ich, gleich macht’s Klatsch“. „Woah, bist du blöd. Ich trete dir gleich ins Gesicht!“. Ich kann einfach nicht verstehen, dass sich manche Leute immer wieder streiten müssen. Warum denn auch? Ist unsere Gesellschaft heute wirklich so frustriert, dass da nur noch ungezügelte Wutausbrüche Abhilfe schaffen? Mich macht das traurig.

Und Lust zu streiten habe ich auch nicht. „Yeah, ich bin ein blöder Spack! Aber was hab ich dir eigentlich getan?“.

Darüber will Conny nicht sprechen. Stattdessen befiehlt sie mir plötzlich, die Hosentaschen auszuleeren. Scheinbar unzufrieden über das Ergebnis und über die Tatsache, dass wir wirklich nichts geklaut haben, steigert sie sich immer weiter in einen Wutanfall hinein. Mehrfach entschuldige ich mich für was weiß ich was. Ich habe wirklich keine Lust, einen so schönen Abend kaputtzustreiten. Es wird Zeit, sich vom Acker zu machen.

Aber nicht, ohne was zu rauchen. Vorher müssen natürlich Wegkippen gedreht werden. Conny links liegen lassend verkünde ich in die gerade aufbrechende Runde: „Tja, also Leute. War schön, euch kennengelernt zu haben. Wir machen uns noch ’ne Kippe und sind dann auch weg“. Das will sie aber auch nicht hören. Conny baut sich vor uns auf und brüllt uns laut an. Abhauen sollen wir. „Chill jetzt, verdammt. Wir machen noch Kippen und sind dann weg“. Schließlich wird sie weggezerrt. „Zu viel gesoffen“, verkündet ihr Seminarkollege und verabschiedet sich. Und lässt uns doch einigermaßen desillusioniert zurück am Rhein sitzen.

Was ist da gerade passiert? Keine Ahnung, aber es ist doch alles in allem ein ziemlich niederschmetternder Einblick in die menschliche Psyche.

Rock am Ring und was es mit einem macht

80 Tausend Menschen. Jedes Jahr versammeln sie sich am Nürburgring, um sich Konzerte anzugucken und sich vorher richtig zuzulöten. Von überall strömen sie einige Tage zuvor an den einen Platz und scharren sich, um dieses Erlebnis gemeinsam zu erleben. 80 Tausend Menschen, und ich bin allein. Wie kommt das Ganze nur?

der Zeltplatz: Freidliches Treiben. Doch wo ist unser Camp?

Der Zeltplatz: Friedliches Treiben. Doch wo ist unser Camp? (Foto: Jan Enzminger)

Schon dienstags geht es los. Der Zeltplatz B5 wird von allen zum Stützpunkt. In den nächsten zwei Tagen versammelt sich der Rest unserer über 30 Mann (und Frau) starken Truppe. Wir spielen Flunkeyball, trinken Bier und haben gemeinsam Spaß. Wir zerstören unsere Leber, unseren restlichen Körper, wir montieren uns ab. Halb nackt in der Sonne. Einige Fremde laufen vorbei und spielen mit uns. Setzen sich zu uns und reden mit uns. Hier ist man nicht allein. Einige laufen mit entblößten Körpern, andere im Ganzkörperanzug vorbei. Hauptsache Scheiß machen, Hauptsache Spaß haben.

Die Nacht wird durchgefeiert. Einige Gruppen haben Partyzelte. Sie machen Musik und alle finden sich dort zusammen. Man tanzt auf den Bänken und feiert. Der nächste Morgen beginnt nach nur wenigen Stunden Schlaf. Der Zyklus beginnt von vorne.

Plötzlich ist Freitag. Die Konzerte fangen an. Auch wenn jeder gerne am Zeltplatz bleiben will. Doch nach einiger Überzeugungsarbeit lassen sich einige finden, die an der gleichen Band interessiert sind. Man läuft gemeinsam zum Gelände. Man steht zusammen an der Bühne. Als es los geht, bewegt sich die Menge. Schnell wird man 20 Meter nach hinten gedrückt. Es lässt sich nicht vermeiden. Wo sind die anderen hin? In der Ferne sehe ich sie.

Dann kommt der Circle Pit. Alle springen zusammen im Kreis. Bei der bestimmten Stelle des Liedes springen alle aufeinander los und moshen. Die Schlacht beginnt. Wer am Rand steht hat nur zwei Möglichkeiten: Mitmachen oder abwehren. Ich entscheide mich mitzumachen. Es ist ein super Konzert. Doch als ich mich umblicke ist es zu spät. Meine Kameraden sind während des Getümmels verschwunden. Wo sind sie hin? Ich schlage mich durch die Menge, doch niemand ist aufzufinden.

Am Ende des Abends steht der lange Marsch nach Hause. Meine Füße schmerzen bereits. Doch ich sehne mich zurück. Im langsamen Stechschritt geht es in der Masse weiter. Die Menschen bewegen sich, wie Wasser im Strom. Alles agiert, wie ein Ganzes. Und doch bin ich ein einzelnes Molekül.

Am Campingplatz löst sich die Menge auf. Jeder sucht seinen Platz. Es ist schwer, ihn zu finden. In der Nacht ist alles gleich. Die Schatten flackern im Licht. Doch am Ende schaffe ich es. Meine Freunde sitzen bereits in den Campingstühlen. Sie erwarten mich. Ich bin angekommen. An dem Ort, wo ich hinwollte. Den Ort, wo Bier und Schnaps fließt. Dort unten herrscht Frieden und Liebe. Und ihr wundert euch, wieso wir dort hin gehen?

 

Schlafanzugtour

Es ist schwer zu sagen, was mich zum Aufstehen bewegt hat, obwohl ich mir doch selbst gelobt habe, einfach auszuhalten. Die Feierlust würde mir dann schon von ganz alleine vergehen. Klar, so läuft das ja immer – nicht. Wie also nicht anders zu erwarten, packte ich die kleinste Gelegenheit beim Schopfe. Nun bin ich mir nicht sicher, ob ich meine Rastlosigkeit oder meinen Hunger als ersten Grund anführen sollte, warum ich das mir doch so unbedingt und verpflichtend anvertraute Bett zu verlassen. Meine Kollegin nimmt es dieses Mal gelassen, hatte sie bei meinem letzten „Ausbruch“ noch gedroht, sie würde mich polizeilich suchen lassen, schien sie angesichts der Tatsache, dass ich zumindest in der Lage war, IRGENDWANN eigenständig wieder zur Jugendherberge zu finden, sichtlich beruhigt. Doch wie wahrscheinlich ist das tatsächlich, wo ich mich doch selbst auf mir bekannten, routiniert-einstudierten Wegen verlaufe. Zumeist kommt es zu diesen Zwischenfällen, weil ich mit euphorischen Ausrufen und überaus wilder Argumentation, bei der ich mich darüber ergehe, wie viel schöner oder sonniger etwa die Seitenstraße im Vergleich zu unserem eigentlichen und damit zielführenden Weg sei, dafür sorge, dass der richtige, also der nicht zielgerichtete Weg schließlich begangen wird. Damit wird aus einer Suche oder einem Weg ganz schnell eine unzielgerichtete Sightseeing-Tour der etwas anderen Art: Schnell wandelt sich karge Umgebung, die bisher nur den Wegrand geziert hat in eine wunderschöne Umrahmung der Welt. Details treten hervor, die man nur sieht, wenn man den Blick dafür öffnet. Zulassen und treiben lassen ist dabei die Devise. Sonst geht es Schlag auf Schlag! Museum? Gefunden! Rein, raus, weiter… Kirche? Suchen, Finden, rein, raus und so weiter, bis ans grausame Ende der Zeit.

Die Idee zum Ausbruch kam bereits in der Nacht zuvor, doch schien es mir nicht angebracht, den mir anvertrauten Platz in der unteren Etage des Stockbettes zu verlassen, um mich in eine wilde und verwegene Nacht zu stürzen. Schlicht unverantwortlich ist das doch! Und schließlich trage ich Verantwortung, trage sie mit Stolz! Aber die Lichter sind aus und selbst Gott schafft es nicht, trotz seiner unangefochtenen Führerrolle und unzähligen Seiten der Bibel, uns Menschen 24/7 im Bann seiner Normen und Wertvorstellungen zu bannen. Die Nacht gehört mir! Es ist dunkel, da kann mich Gott nicht sehen – eine alte Weisheit, die insbesondere während des Ramadans ausufernde Zustimmung erfährt und mit den Worten „Allah ist nachtblind“ scherzhaft gerechtfertigt wird. Indoktriniert und freiheitssuchend – das führt garantiert zu einem Dilemma! Aber Spaß beiseite! Wer ist denn der Federführer meines Lebens? Gott oder Allah, oder ist das gar dasselbe?! Gott ist wie eine Aspirintablette, die sich langsam aber stetig im Wasser auflöst und mir fällt es wie Schuppen von den Augen: Wer mich bestimmt? Das bin alleine ich!

Ich verlasse mein Bett mit der vagen Hoffnung, noch ein wenig von der verheißungsvoll warmen Nacht zu erhaschen, die sich als die erste wahre Sommernacht herausstellen sollte. Zunächst machte ich Station beim Rezeptionisten – da war ja immer noch mein Hungergefühl, was mich davon abhielt zu schlafen. Er meinte schlicht:“Wenn Sie etwas essen wollen, gehen Sie doch schnell rüber in die Stadt.“ Auf diesen Satz hatte ich beinahe gewartet, nicht zu hoffen geglaubt ihn zu hören. Ich zögerte etwa zehn Sekunden, danach war ich entschieden: Drei Euro in der Tasche, Schlafanzug bereits zum Schlafen angezogen. Challenge accepted! Noch eine Wegzigarette und los geht’s. In meinem Zimmer gebe ich nicht Bescheid, dass ich das Haus verlasse, aber das wird ja nur eine spontane, kurze Expedition zum Bermudadreieck zwecks Nahrungsbeschaffung. Das Ziel halte ich mir stets vor Augen, finde allerdings keinen Laden, der für drei Euro etwas Essbares anbietet und gehe deshalb etwas entmutigt weiter die Straße entlang. Dem Gefühl bleibt allerdings keine Zeit, Wurzeln zu schlagen und etwa meine Zweifel zu schüren. Ob ich mich verantwortungslos verhalte? Ob ich nicht einfach wieder umkehren sollte? Oder sogar müsste? Ein Glück, dass meine Auge in diesem Moment von einem unerwarteten Highlight gebannt werden: Bundesliga-Zusammenfassung auf Sky von der menschenleeren Straße aus gut zu erkennen. Dort zieht es mich dann hin, wie Motten scheinbar willenlos dem Licht zufliegen. Schon weicht meine säuerliche Miene einem Lächeln. Ich springe auf die Karte zu, in der Hoffnung, bei diesem tollen Laden noch einen Treffer landen zu können. Doch ein biertrinkender junger Mann, der sich am Tisch in unmittelbarer Nähe zur ausgehängten Karte gerade noch mit seinen Freunden unterhalten hat, antwortet mir auf direkte Nachfrage, dass die Küche bereits geschlossen wäre. Mittlerweile wurde mir klar, dass das Projekt Nahrungsbeschaffung der reinen Scheinlegitimation diente und auch weiterhin dafür herhalten muss. Ich halte die Erklärung für durchaus geeignet. Doch die Rechtfertigungsmacht dieses Motivs war spätestens fünf Minuten später gänzlich dahin.

Meiner neu gewonnenen Euphorie, die aus der Möglichkeit erwächst, draußen zu sitzen und gemütlich Fußball zu schauen kann

Frühlingsgefühle im April: Bewegung befreit. (Foto: Dr. Asmodeus)

einfach nichts mehr einen schaden. Also beschließe ich, statt etwas zu Essen nun eben ein Bier zu kaufen. Die Auswahl war schnell getroffen – gibt es auf der Karte des „Mississippi“ nur ein Bier unter drei Euro. Der Erstkontakt mit der illustren Männerrunde war bereits strukturiert und bis zur kleinsten Eventualität geplant. Kategorie: Frau sucht Hilfe – Mann hilft, wenn er kann. Das ist ein Vorteil daran, eine Frau zu sein, der Bonus, den man durch körperliche und vor allem durch die A-typischen, geschlechtsspezifischen Attribute[J1] , die Frau aus jeder Patsche helfen kann. Gendertrouble! Ganz und gar bedenklich, die armen Kerle so auszunutzen… Aber ich bin ja von Natur aus gesellig und verbreite durch meine Geschichten eine elektrisierende Spannung – das ist ganz schlichte Dramaturgie – die jemanden immer wieder fragen lassen: „Und was ist dann passiert?!“ Namen sind wie Schall und Rauch, Facebook ersetzt dein Namensgedächtnis, keine Angst. Du musst nur darauf achten, dich ihm nicht völlig anzuvertrauen. Kontrollmechanismen im Internet, die von jedem manipulierbar sind. Hacken ist da überhaupt nicht nötig. Also Achtung!

Weiterhin wollte ich mich der Bundesliga zuwenden, da mein Essensplan nun zu einem Biertrink-Fußballschau-Plan transformiert, in einer Metamorphose, die letztendlich eine subjektiv verortete Verbesserung meiner Pläne darstellt. Wäre ich nicht verpflichtet, würde ich sowieso hier sein und das nicht einmal im Schafanzug. Prompt bekomme ich Gelegenheit meine neuen Erkenntnisse der Männerunde zu erzählen, die sich zwar etwas geziert hat, sich zu mir zu setzen, dann aber schon ziemlich lässig waren. Beinahe musste ich sie zu mir hin komplimentieren. Aber wenn die Kommunikation stimmt, ist das ja alles kein Problem. Ich fange an, mich darüber auszulassen, zu rekapitulieren, wie ich denn genau in diesem Moment an diesem Ort angelangt war. Laut denke ich, reflektiere die letzten Stunden: Im Schafanzug in der Stadt, Bier statt Brot, Handyakku leer, Pärchenzeiten (meine Freizeit bei der Arbeit). Kurzum, da ist einiges passiert. Bei meiner Darstellung gibt es reges Interesse, die offensichtlich Ortsansässigen fragen an den markantesten Stellen nach. Ich erzähle gerade: “Ich darf nicht zu lange bleiben, mein Geld ist weg. 2,70€ – da rundet man ja auf. Nun, ich habe ja auch Pflichten. Der Kampf zwischen Vernunft und Spaß!“ Da hat man ein Engelchen auf der linken, ein Teufelchen auf der rechten Schulter. Der alltägliche Krieg der Extreme. Ich beschließe allerdings einfach abzuwarten. Die Zusammenfassung des Bayernspiels läuft auf Sky. 6:0 geht es schließlich aus. Nachdem ich das letzte Tor, zumindest am Rande registrieren konnte, dachte ich, das sei ein Signal für den Aufbruch. Gesagt getan. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits über eine Stunde außerhalb der Jugendherberge, außerhalb der normalen Ordnung und hatte das Glück, mir drei Getränke zu Gemüte führen zu dürfen. Ich durfte nicht nur, ich wurde dazu regelrecht überredet. Sie sind schuld, würde mich jemand fragen, würde ich genau das behaupten. Den Kopf aus der lose liegenden Schlinge ziehen, fein raus sein. Hinterlasse niemals Spuren, außer du kannst es dir leisten!

Machtspiele

„Sommerferienfacebookparty auf der Domwiese!“, postet ein Zwölftklässler vor etwa zweieinhalb Jahren, und lädt halb Speyer dazu ein. Schlechte Idee, findet die Polizei und terrorisiert den Organisator so lange, bis er einen Tag vor der Party absagt. Geht man aber nach dem, was so durch den Buschfunk schallt, dann habe nicht nur ich vor, trotzdem auf der Domwiese zu feiern.

Mit dem Rucksack voller Bier und ein paar Freunden im Schlepptau ziehe ich am frühen Abend los, um an dem Spektakel teilzunehmen. Es hat angefangen zu regnen, aber das Bier, das inzwischen den Weg in meinen Kopf gefunden hat, befiehlt: „Mir doch egal! Party!

An der Domwiese angekommen, will sich schnell eine enttäuschende Ernüchterung breitmachen, aber ich kämpfe sie

Kein Bock auf Anarchie: Securitykönig Tobi (Grafik: Asmodeus PhD)

schleunigst mit einem Bier nieder. Trotzdem, irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Kein Schwein da! Wo sind die denn alle? Was die Polizei nicht verhindern konnte, wurde offensichtlich ohne größere Umstände vom Wetter gestoppt. Oder vom Sommerfest. Das Sommerfest ist eine jährlich im Domgarten Speyer stattfindende Veranstaltung, die sich vor allem durch ihr außerordentlich schlechtes Musikangebot auszeichnet. Während sich ein größtenteils jugendliches Publikum im Domgarten vor den paar Fressbuden und Bierpavillons herumdrückt, stehen auf der Bühne Jazzbands, die jede Partyatmosphäre schon im Keim ersticken. Gott, ich hasse das Sommerfest!

„Wir könnten ja auch rüber gehen auf…“, fängt eine Freundin an, aber ich falle ihr ins Wort. „Nix Sommerfest! Hier! Facebookparty und so!“, befehle ich. Vielleicht kommt ja doch noch jemand. Es regnet zwar, aber nicht besonders stark, und warm genug für Domwiesenparty ist es auch. Wo sind die ganzen Schüler, deren Sommerferien gerade beginnen?

Auf jeden Fall sind sie nicht auf der Domwiese. Nach einer halben Stunde Herumgezuckle und -gewackle auf der leeren Wiese macht sich Widerstand bei meinen Freunden bemerkbar. Nach längerer Diskussion gebe ich mich geschlagen und schlurfe ihnen hinterher auf das Sommerfest. „Vielleicht“, denke ich mir, „vielleicht wird es dieses Jahr ja mal besser…“

Wird es nicht. Als wir das nach hinten auf eine Wiese geöffnete Festgelände betreten, quält sich gerade eine Band mit „karibischen Sounds“ durch ihre Setlist. Meine Freunde lassen sich auf einer Bierbank nieder und haben offensichtlich keine Lust zu tanzen. Ich aber schon. Also schnell zwei Bier gepackt und ab zur Bühne. Doch dort herrscht Langeweile. Die Leute wollen feiern, aber die Musik gibt einfach nichts her. Peinlich berührt wackeln sie mit ihren Armen und Beinen lustlos vor sich hin und warten, dass irgendetwas passiert. „Party!“, befiehlt das Bier mir immer noch. Also fange ich an zwischen den Liedern den unkaribischen Karibikmenschen zu rufen: „Ey! Spielt mal ‚Killing in the Name‘! Wir wollen feiern!“Zustimmendes Gemurmel. Von ihrer Setlist weicht die Karibikband trotzdem nicht ab. Also: Zurück zu meinen Freunden! Ich steigere mich in einen wütenden Monolog über Karibikbands auf Stadtfesten hinein. So langsam macht sich das Bier bemerkbar. Ich bin weit davon entfernt, betrunken zu sein, aber jetzt in absoluter Tanzlaune.

Eigentlich kann ich gar nicht tanzen. Wenn ich auf einer Tanzfläche stehe und so vor mich hinzapple, komme ich mir immer wahnsinnig doof vor. Meine weitreichenden soziologischen Studien auf den Tanzflächen der Absturzkneipen Speyers bestätigen allerdings, dass offensichtlich viele Menschen an ihrer tänzerischen Begabung zweifeln. Das erzähle ich einem Kumpel, um ihn dazu zu motivieren, mit mir in die Stadt zu gehen. Doch seine vermeintliche tänzerische Unbegabung hat ihn fest im Griff, und sonst hat auch keiner Lust, tanzen zu gehen. Stattdessen: Weiter Herumlangweilern! Für mich ist das keine Option. Ich verabschiede mich also und mache mich auf den Weg Richtung Innenstadt. Sogar die Securities, die am Rande des Festes stehen, sehen gelangweilt aus, als ich ihnen zum Abschied zuproste.

Auf halbem Weg zum Bruch schaue ich auf die Uhr, und muss entsetzt feststellen, dass dort noch gar nicht offen ist. Frustriert öffne ich mein letztes Bier und mache mich auf den Weg zurück in den Domgarten. Vielleicht bekomme ich ja wenigstens noch ein paar Freunde überredet, später mit zu gehen.

Doch diesmal machen mir die Securities einen Strich durch die Rechnung. „Mit dem Bier kommst du hier aber nicht rein“, erklärt mir der Aufpasser, als ich zuprostend an ihm vorbeilaufen will.
„Hä?“, frage ich perplex.
„Ja, du sollst nicht mit mitgebrachten Getränken hier reinlatschen“, erklärt mir die Aufpasserfreundin.

Das kann ich verstehen, muss aber lachen. „Ich war jetzt bestimmt drei Stunden mit einem Rucksack voller Bier dort drin rumgesessen, und kein Schwein hat sich dafür interessiert“, erkläre ich.

Das lassen sie nicht gelten. Achselzuckend trinke ich also mein Bier vor der Absperrung leer, als mir eine Idee kommt. „Ihr wisst schon, dass ich dreißig Meter den Weg da entlang einfach wie vorhin von hinten über die Wiese auf euer Gelände latschen kann, ja?“
„Mir egal“, sagt der Security, „hier kommst du mit Bier nicht durch“.

Jetzt bin ich stinkig. Was soll diese dämliche Paragraphenreiterei, wenn sie überhaupt nicht verhindert, dass Getränke auf das Sommerfestgelände gelangen? Darum scheint es den zwei Hilfssheriffs auch gar nicht zu gehen. Sie interessieren sich nämlich gar nicht dafür, ob ich über die unabgesperrte Wiese auf ihr Fest laufe und mein Bier dort weiter trinke. Sie wollen einfach nur nicht, dass ich mit meinem Bier in der Hand durch ihr Tor laufe. Ich habe keine Ahnung, was das soll, spekuliere aber laut, dass sie in irgendeiner fragwürdigen Beziehung zu dem Tor stehen. Das findet die Securityfrau lustig, ihr Securitykumpel aber überhaupt nicht. Ich will da jetzt durch! Vielleicht passiert ja irgendetwas Tolles! Also stehe ich ein paar Minuten mit den prinzipientreuen Aufpassern herum und erzähle ihnen, wie toll ich die Musik heute Abend finde. Als mein Bier schließlich leer ist, will ich durch die Absperrung schreiten. Doch wieder hält mich der Security zurück. „Halt! Erst mal abtasten, dass du nichts mehr dabei hast!“ Genervt zeige ich meinen Rucksack und lasse den Mann meine Hosentaschen überprüfen. „Mein Heroin“, witzele ich, „hab ich sowieso in der Kniekehle kleben“. Die Securityfrau lacht wieder, das scheint ihrem Aufpasserkumpel gegen den Strich zu gehen. Er beschließt: „Komm, geh du mal wieder weg, ich lass dich hier jetzt nicht durch!“

„Alter!“, empöre ich mich wütend, „was soll das denn jetzt?“
Seine Kollegin will mich durchlassen und die beiden diskutieren kurz. Viel zu tun haben sie sonst ja auch scheinbar nicht. Ergebnis: Du kommst hier nicht durch! „Geh halt hinten rum über die Wiese rein“, rät mir die Frau.
„Nö. Dann mach ich halt hier draußen Party“, ärgere ich die beiden, „ist es eigentlich schwer, an so einen geilen Securityjob zu kommen?“
„Hä? Wieso?“, will der mächtige Durchgangsverweigerer wissen.
„Och, nur so“, sage ich, stelle mich zehn Meter vor der Absperrung auf einen Sockel, und fange an, dort vor mich hinzutanzen. Ein paar Minuten werde ich zähneknirschend von meinen beiden Lieblingssicherheitskontrolleuren geduldet, dann können sie es wohl nicht mehr zulassen, dass vor ihrer Absperrung getanzt wird. Also greifen sie zum Funkgerät. „Ah, geil!“, denke ich, „jetzt darf ich bestimmt doch durch!“. Siegessicher geselle ich mich wieder zu den beiden. „Na? Wie isses?“, will ich wissen. „Bleib mal hier“, befiehlt mir der eine, greift zu seinem Funkgerät und funkt damit seinen Securitykönig Tobi herbei. „Verjag den mal!“, sagt der Security. „Hau mal ab!“, sagt Securitykönig Tobi. „Wieso? Ich mach doch gar nix. Werd ja wohl da hinten auf dem Sockel rumtanzen dürfen“, pampe ich ihn an. „Mir egal!“, sagt Tobi, „du gehst jetzt hier weg.“

Würde mich mal interessieren, wo die die alle herhaben. Securitykönig Tobi scheint nicht wegen irgendwelchen Führungsqualitäten in gehobener Position zu arbeiten, sondern einfach nur, weil er stärker ist als die niederen Absperrungskomissare.
„Nö!“, sage ich. Wieso auch? JETZT fühle ich mich nämlich bestens unterhalten.

Securitykönig Tobi ist sichtbar wütend. Er verlässt sein Hoheitsgebiet, packt mich am Arm und zieht mich den Weg entlang. „Öy!“, begehre ich auf, „wie wird man eigentlich Securityboss?“ Doch seine Hoheit möchte nicht mehr mit mir kommunizieren. Er zieht mich ein Stück den Weg entlang, biegt dann aber auf eine dunkle Wiese ab. Entweder will er mich jetzt verprügeln oder vergewaltigen. Aber einen hab ich noch. „Übrigens“, lache ich Tobi an, „übrigens, bin ich Journalist“ Das hat gesessen. Tobi schnaubt wütend und lässt mich los. „Los, verpiss dich jetzt einfach“, wütet er mich an, dreht sich um und stapft davon. Ich schaue auf die Uhr und rufe seiner Majestät hinterher: „Ey! Bock auf Bruch?“

Mainz wie es lacht und stinkt

Gute-Laune-Propaganda: So sieht es am Schillerplatz in Mainz jedes Jahr aus (Foto: Föhr)

Da stand ich nun mit meinem vierten Bier in der Hand. Doch das reichte nicht. Ich würde mehr brauchen. Aus den Lautsprechern dröhnte Musik, die man ohne Alkohol nicht wagen würde aufzulegen. Doch bei dieser Gelegenheit grölten, jubelten und schüttelten sich die Leute zum Takt. Auch wenn in dieser Menschenmasse eigentlich überhaupt kein Platz dafür war. Zwischen den vom Text und Rhythmus einfach gehaltenen Liedern wurde Gute-Laune Propaganda unters Volk gebracht.

Nach einer gewissen Zeitspanne, die ausreichte, um den Pegel auf ein angemessenes Level zu bringen, begann die Parade. Wie Panzer rollten die Wagen die Straße entlang. Teils politische Themen sollten satirisch behandelt werden, teils feiern sich die Vereine nur selbst. Vorne an lief die Prinzengarde. Der Prinz und die Prinzessinnen saßen auf dem Wagen wie auf einem hohen Ross. „Helau!“, riefen sie dabei lauthals und schmissen ihre Arme dabei in einer ähnlichen Bewegung in die Luft, wie damals im dritten Reich.

Doch haben wir den Adel nicht abgeschafft? Bildet euch nichts ein. Das Volk jubelt euch nicht zu. Sie wollen nur die milden Gaben, die ihr verteilt. Brot und Spiele. Panem et circenses. Die Menschen finden immer wieder neue Wege, um sich über andere Menschen erheben zu können. Auch außerhalb der Fastnachtszeit sorgen die Karnevalsvereine für sich. Dort werden fernab von den Augen der Bevölkerung Vetternwirtschaft betrieben, illegale Bauvornehmen genehmigt und Geld gemacht.

Feist und Fett: Der Adel des Umzuges (Foto: Föhr)

Die Narren an diesem Tag sorgten selbst für ihre Zirkusspiele. Verkleidet wie Clowns und ebenso herumhüpfend. Ich selbst war ebenfalls verkleidet. Als Zwerg. Nicht nur wegen des Herdentriebes. Ich hatte ebenfalls so sehr Spaß daran, wie alle anderen. Doch wieso tun wir so etwas? Flüchten wir uns gerne aus unserer eigenen Existenz, weil diese zu langweilig ist? Wünschen wir uns so sehr jemand oder etwas anderes zu sein? Flüchten wir uns deshalb auch in andere Welten, wenn wir einen Film schauen oder ein Buch lesen? Und wenn ja, wieso nutzen wir die Zeit nicht, um unsere eigene Existenz zu bereichern, sodass sie nicht mehr langweilig ist? Trinken die Menschen deshalb an diesem Tag so viel Alkohol? Ich nahm noch einen Schluck von meinem Bacardi Cola.

Meine Begleiterin wurde von einem Lutscher an den Kopf getroffen. Das nahm ich als Anlass zurückzuschießen. Verdutzte Gesichter blickten mich an, als sie von ihren eigenen Zuckerbonbons getroffen wurden. Äxte, Musketen und Kanonen säumten ebenso das unterschwellige Bild der Parade, wie auch die Husaren und die Farben der französischen Revolution auf den Hüten der Fastnachter. Etwas später setzte ich mich in eine Hinterstraße ab. Jede Hauswand war bereits von Urin getränkt. Ich entschied mich meinen eigenen hinzuzufügen.

Die Nacht brach herein. Erinnerungsfetzen. Ich war gefangen zwischen Einbrechern, Bienen, Piraten und Wikingern. Die Musik dröhnte unablässig. Ein Besoffener trat und schlug um sich, weil er sich nicht von seinen Freunden helfen lassen wollte.

Es wurde Zeit für mich zu gehen. Am nächsten Tag sollte wieder die Arbeit kommen. Weit abseits vom Adel. Dann war es vorbei mit der anderen Persönlichkeit. Zurück in die grausame Realität.

Weihnachten – Das Fest der Liebe

Einmal im Jahr begibt sich der treue und gläubige Christ in die Kirche. Das ganze Jahr über scheint ein sonntäglicher Gottesdienst genug zu sein, um die Nachfrage der gesamten Gemeinde nach Predigt, Orgelspiel, gemeinsamem Gebet und dem abschließenden Segen zu befriedigen. Die vorderen Bankreihen sind mit Konfirmanden oder Kommunikanten besetzt. Sie halten ihre Stempelbücher in der Hand, mit Aussicht auf die Bestätigung ihres Glaubens in Höhe von mehreren hundert Euro. Die hinteren Reihen sind immer spärlicher besetzt. Nur die Hardliner finden sich dort regelmäßig ein.
An den Weihnachtstagen hingegen läutet es mehrmals zur Messe, die Gesangbücher sind vergriffen, Kindergeschrei, Kindertheater, Kinderkrippenspiel. Die Orgel stimmt die Melodie eines x-beliebigen Weihnachtsklassikers an, die Münder öffnen sich und es ertönt ein Hohelied auf den Konsum.
Weihnachten – ein Fest des Einzelhandels, des Großhandels, des Weltmarkts der Geschenkverpackungsindustrie, des geheuchelten Glaubens.

Weihnachten: Das Fest der Liebe? (Foto: Schwalb)

Schließt sich dann die Kirchenpforte verabschiedet man sich von ihr mit einem stummen „bis zum nächsten Jahr dann“.
Doch schon die Vorbereitungen auf diese Feiertage am Ende des Monats Dezember sind von reichlich Überlegungen und Stress geprägt. Im Büro die Schlacht um die Urlaubstage vor und nach den Feiertagen. In Kaufhäusern ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen andere Kunden, gegen den Ausverkauf als Antwort auf die große Frage „was schenke ich?“ „Bestellen sie den Artikel bis zum 10. Dezember um ihn pünktlich am 24. zu erhalten“, lautet das Geschenk an die Postboten.
Weihnachten – das Fest der Rivalität, des Zwangs, des Zeitdrucks.

Ein Fluch legt sich dieser Tage auf die Menschheit und es ist unmöglich ihm auf lange Zeit gesehen zu entrinnen. In einem Moment der Unachtsamkeit überfällt er dich und windet sich aus den Lautsprechern. Sein Name ist Last Christmas und er frisst sich in dein Hirn wie der Geruch von Glühwein auf den unzähligen Weihnachtsmärkten und die floskelhaften „Fröhliche Weihnachten“-Glückwünsche und Posts in sozialen Netzwerken.
Weihnachten – das Fest der Wiederbelebung von One-Hit-Wondern, den Plattitüden, den leeren Worten.

Zuhause die Frage nach dem Essen, wer dieses zubereitet und den optimalen Ablauf der Tage. Ein letzter Einkauf am 24., um sich für die Zeit, in der die Läden geschlossen haben, zu rüsten. Die Regale sind leer, der Parkplatz voll, die Gänge der Supermärkte am Bersten, gefüllt mit der Spezies der Jäger und Sammler. Es ähnelt dem Szenario einer Zombieapokalypse, in der Geschäfte des Überlebens willen geplündert werden. Ungeachtet der Tatsache, dass sie in nur drei Tagen wieder öffnen.
Schließlich folgen schier endlose Familienfestivitäten. Streitet man sich auch sonst das ganze Jahr, so werden Dispute für ein paar Stunden beigelegt. Der vom Krieg gegerbte, demente Opa erzählt von Zwangsarbeitern und Kriegsentbehrungen. Die Juden seien die Strippenzieher hinter all dem Übel auf dieser Welt. Es ist die Rede von Todesfällen im Dorf, Skandale, die man ausweidet und sich an dem Blut labt. Die ganze zerstrittene Familie, an einem Tisch, außer der verstoßenen Cousine, die einen Dunkelhäutigen geehelicht hat und nun an der Tafel der Toleranz und Nächstenliebe keinen Platz mehr findet. Ein Trost auf den guten Wein, den die Schwägerin aus einem ihrer unzähligen Familienurlaube aus der Provence mitgebracht hat, die Flasche für gut 60 Euro. Dabei ist sie nur Sekretärin – jede Wette, dass sie mit ihrem Chef schläft.
Sie hinterlassen ihren Lippenstift, die Fassade aus Schminke, an den Weingläsern, füllen ihre Mägen mit dem Fleisch von geschlachteten Tieren. Lachen über Witze, die sie nicht lustig finden.
Weihnachten – das Fest der Völlerei, des falschen Familienfriedens, des Alkoholismus, des Rassismus.

Unter Mistelzweigen geben wir uns Judasküsse, in den Christbaumkugeln spiegeln sich die Fratzen unserer dekadenten Gesellschaft, wir schneiden uns mit den scharfen Kanten des Geschenkpapiers ins eigene Fleisch.

Weihnachten – das Fest der Liebe.

Preview: Januar 2013

Die erste soziale Aktion, Beiträge aus der Gattung des Gonzo-Journalismus, die Veröffentlichung des 1.000. Artikels und natürlich das zweijährige Jubiläum unseres Online-Magazins – 2012 war jede Menge los auf Face2Face. Anlass genug einmal danke zu sagen: Danke an alle fleißigen Mitarbeiter, die sich im vergangenen Jahr für Face2Face engagiert, Ideen und Artikel geliefert und die Redaktion bereichert haben! Danke aber natürlich auch an unsere treuen Leser, wegen denen sich die ganze Arbeit erst so richtig lohnt! Schön, dass es euch gibt!

Und weil wir euch ja weiter bei Laune halten wollen, haben wir für´s neue Jahr wieder jede Menge Themen vorbereitet: Die Mode-Redaktion präsentiert euch ihr Lookbook für das Frühjahr. Wie man Pralinen selbst macht, lest ihr in der Tipps&Tricks-Rubrik. Mit der Natur-Mitmachaktion Stunde der Gartenvögel beschäftigen sich die Mitarbeiter der Tier&Umwelt-Redaktion. Die Sport-Redaktion nimmt drei deutsche Sportler, die am 2. Januar geboren wurden, unter die Lupe – dazu gehört unter anderem Eishockey-Spieler Florian Busch. Ein Hamburg Feature erwartet euch in der Musik-Rubrik und in der Reise-Rubrik steht das Hotel Mercure in Berlin auf dem Prüfstand. Hilfe, ich bin krebserregend lautet der Titel einer unserer Kolumnen im Januar und in der FilmKunstKultur-Redaktion wird das deutsche mit dem amerikanischen Fernsehen verglichen.

Nach unserem Interview mit dem Manager der Speyerer Postgalerie zur Eröffnung am Dienstag, 28. November, schaut die Panorama-Redaktion im Januar zurück und bietet ein erstes Review zum neuen Einkaufzentrum der Domstadt.

Und damit wünscht euch die Face2Face-Redaktion einen guten Rutsch ins neue Jahr!