Die Sache mit dem Sexismus

Jüngst durfte ich mir sagen lassen, ich sei sexistisch. Ich war milde überrascht, denn der Grund war, dass ich mich über Sexismus aufgeregt habe. Auslöser war ein Foto einen Rechtsanwalts, über das mittlerweile genug gesagt und an dem alles kritisierbare kritisiert wurde. Darum soll es gar nicht gehen. Die Verteidigung aber, mich als das anzugreifen, was ich anprangere, ist weder selten noch untypisch. Es erinnert leise an die Kindergarten-Streitereien, die mit „Selber“, endeten, weil einfach die Argumente fehlen. Und sie soll vor allem eines: Verletzen.

Was ist Sexismus?

Frauensache? Auch Männer sind von Sexismus betroffen (Foto: NeuPaddy / pixabay.de)

Sexismus bezeichnet schlicht Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Zu sagen, Frauen müssten weniger verdienen, weil sie schwächer und dümmer wären, wie es jüngst ein polnischer Abgeordneter gemacht hat, ist Sexismus. Und zu behaupten, Frauen müssten Kinder bekommen, weil das ihre biologische Aufgabe wäre, ist Sexismus. Zu erklären, Männer könnten mit Kinder nicht umgehen oder seien zu keinen echten Emotionen fähig, genauso. Sexismus ist also nicht auf die Frau beschränkt. Aber Frauen erleben häufiger Sexismus – und eine andere Art. Während Männer in sexistischen Äußerungen gerne zu Helden und Kriegern gemacht werden – wenn es nicht gerade um eine Erkältung geht – werden Frauen klein gemacht, untergeordnet, zu Menschen zweiter Klasse. Aber beide Geschlechter leiden darunter. Das macht Sexismus zum Äquivalent des Rassismus auf Geschlechterebene. In der Realität kommen beide oft zusammen vor, aber natürlich nicht immer.

Aber wir haben doch Gleichberechtigung?
Freiwillige Posen oder Male Gaze? Wenn Sexismus anerzogen wird (Foto: JerzyGorecki / pixabay.de)

Freiwillige Posen oder Male Gaze? Wenn Sexismus anerzogen wird (Foto: JerzyGorecki / pixabay.de)

Nein. Haben wir nicht. Wir arbeiten daran, noch immer. Und es hat sich eine Menge getan. Frauen dürfen selbst entscheiden, ob und wo sie arbeiten wollen – früher lag diese Entscheidung beim Ehemann oder dem Vater. Frauen dürfen wählen, Auto fahren, Hosen tragen, gewählt werden, … Klingt toll oder? Die frühen Feministinnen der 1920er Jahre würden einen Salto machen. Die Frau darf auch nicht mehr in der Ehe vergewaltigt werden. Und hey, der Mann darf Elternzeit beantragen. Doch das ist noch keine Gleichberechtigung. Und Vorsicht: Gleichberechtigung bedeutet nicht, etwaige mögliche Unterschiede nicht anzuerkennen, sondern lediglich, dass gleiche Rechte bestehen. Keine Gleichsetzung also. Dass Unterschiede individuell sind, und nicht mit dem Chromosomenhaushalt zu tun haben, ist dabei meine Meinung. Dass die schlechtere Bezahlung von Frauen, die Tatsache, dass es für Mütter viel schwerer ist, in den Beruf zurück zu kehren und Mädchen in MINT-Fächern und Studiengängen noch immer die Unterzahl sind – das ist keine Gleichberechtigung. Auch dass Frauen auf Bildern zu Deko-Objekten werden und weibliche Rundungen noch immer nach der Sex-Sells-Methode laufen, ist keine Gleichberechtigung. Das ist traurig und entwürdigend.

Ich bin sexistisch
Ist das so oder muss das so sein? Sexismus beeinflusst unser Leben täglich (Grafik: OpenClipartVectors / pixabay.de)

Ist das so oder muss das so sein? Sexismus beeinflusst unser Leben täglich (Grafik: OpenClipartVectors / pixabay.de)

Der Vorwurf, ich wäre sexistisch, sollte ein Totschlagargument sein. Weil ich in dem Bild Merkmale erkannt habe, die sexistisch sind, muss ich ja sexistisches Gedankengut haben. Aber etwas zu erkennen und zu kritisieren ist etwas anderes, als damit einverstanden zu sein. Ich erkenne auch Rassismus. Macht mich das zu einem Rassisten? Jemanden vorzuwerfen, er wäre intolerant, weil er Toleranz nicht tolerieren kann – ja, das ist ein Problem. Und es ist ein Problem, dass wir alle mit sexistischen Motiven und Bildern überhäuft werden. Geschlechterklischees beginnen im Kindergarten. Hier lernen die Kinder bereits kennen, was Mädchen machen und was Jungs tun – wenn sie es von ihren Eltern und den Medien noch nicht beigebracht bekommen haben. Jungs dürfen keinen Nagellack tragen und raufen halt. Lange Haare bei Mädchen sind ja sooo schön und das Kleid erst. Hach. Ich nehme mich da nicht aus. Natürlich wurde ich nicht frei von Geschlechterzwängen erzogen. Das ist als Mitglied dieser Gesellschaft nahezu unmöglich. Aber gerade deswegen verstehe ich den Code. Und weil ich weiß, wo sich Sexismus versteckt, kann ich ihn selbst versuchen zu vermeiden und kritisieren, wenn ich ihn erkenne. Denn – und das ist schlicht meine Überzeugung – Sexismus ist einfach falsch.

Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Wir tragen alle eine Burka

Skandalbadeanzug? Immer eine Frage der Perspektive (Foto: ArtsyBee / pixabay.de)

Skandalbadeanzug? Immer eine Frage der Perspektive (Foto: ArtsyBee / pixabay.de)

Lange bevor meine Großmutter anfing, sich selbst zu vergessen, erzählte sie mir, wie ungerecht sie es fand, dass ihre jüngere Schwester mit einem knappen Badeanzug an den Strand durfte und Lippenstift benutzte. Sie selbst schminkte sich auch später nie, trug als Jugendliche diese Badenanzüge, deren Beine versuchten, die Knie zu bedecken. Sie hatte erlebt, wie am Strand Maß genommen wurde, ob diese Beine lang genug waren, oder die Frauen dem Platz verwiesen wurden. Ein Bikini wäre ihr nie im Traum auch nur an die Nähe ihrer Haut gekommen. Ich frage mich, was sie zu den Burkinis sagen würde, wenn sie die Debatte noch nachvollziehen könnte. Wie sie die groteske Verdrehung der Zeitgeschichte kommentierte, da die Diskussion nun beinhaltet, wie kurz Bademode sein muss, um noch kulturell passend zu sein. Es ist eine dieser Situationen, in denen ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll.

Kein Burkini ist ein Problem

Was wir wollen: nackte Haut (Foto: gadost0 / pixabay.de)

Was wir wollen: nackte Haut (Foto: gadost0 / pixabay.de)

Dass das Vorgehen der Strandpolizisten im französischen Urlaubsort falsch war, darüber ist sich die Mehrheit heute einig. Nicht jene, die in Mecklenburg-Vorpommern erschreckenderweise an zweiter Stelle stehen, aber doch die Mehrheit, zum Glück. Eine Frau wurde zum Ausziehen gezwungen. Das liest sich wie ein Bericht über eine Demütigung, einen Angriff, eine Vergewaltigung. Zum Ausziehen gezwungen. Mit Waffen in der Hand. Da kommt Urlaubsstimmung auf. Warum lassen wir nicht die Bundeswehr unsere Kinder mit Gewehren ausstatten, sie können den französischen Beamten zu Hilfe eilen. Kindersoldaten eben. Wir zeigen zurück: unsere Kinder sind auch nicht ohne. Und: wir wollen nackte Haut sehen. Eine kuriose Forderung. Eine maßlose Erniedrigung aller Frauen übrigens. Nur mit nackter Haut, möglichst vieler, lassen wir euch an den Strand. Dabei, soweit sind wir uns einig, sind die relativ engen Burkinis, ja kein Problem an und für sich. Es geht ums Prinzip. Ums Prinzip, das uns sagt, Moderne heißt knappe Kleidung. Und meine andere Oma trägt heute manchmal noch ein Tuch um den Kopf.

Ein Augenblick reicht

Wenigstens das Gesicht. Wir gestatten nichts abseits unserer Norm (Andreas160578 / pixabay.de)

Wenigstens das Gesicht. Wir gestatten nichts abseits unserer Norm (Andreas160578 / pixabay.de)

Die Burkini-Debatte ist nur ein Ableger der Diskussion um die Burka. Wo die wenigsten wissen, was genau die Burka ist, gibt es zahllose Stimmen gegen sie. Ein Punkt, in dem sich sogar meine Mutter und meine Stiefmutter einig sind. „Ich will wenigstens das Gesicht sehen, wenn ich mit jemandem rede“, sagen beide. Damit kritisieren sie aber nicht nur die Burka, bei der auch die Augen bedeckt sind, sondern auch den Niquab, wobei ein Gesichtsschleier die Augenpartie frei lässt. Ein Hidschab dagegen, ein Kopftuch, das das Gesicht vollständig offenlegt wäre beiden recht. Aber auch der Tschador lässt das Gesicht frei, der restliche Körper wird von ihm aber bedeckt. Warum aber diese weitläufige Meinung: wenigstens das Gesicht. Das Gesicht des Gegenübers zu sehen, wägt uns in Sicherheit. Zum einen lässt sich so das Geschlecht besser erkennen und in unserer Gesellschaft, die sich so gerne aufgeklärt gibt, hat die Unterscheidung, ob ich mit einem Mann oder eine Frau rede, weitreichende Folgen. Wir verhalten uns anders, implizieren andere Dinge, schätzen die Person vor uns anders ein. Zum anderen lesen wir die Mimik unseres Gegenübers, sehen seine Augenbewegungen, das Stirnrunzeln, das Lächeln. So kennen wir das. Und was der Bauer nicht kennt …

Der männliche Blick

Freiheit? Wir sind genauso im männlichen Blick auf unsere Mode gefangen, wie wir es von Burka-Trägerinnen glauben ( Foto: AdinaVoicu / pixabay.de)

Freiheit? Wir sind genauso im männlichen Blick auf unsere Mode gefangen, wie wir es von Burka-Trägerinnen glauben ( Foto: AdinaVoicu / pixabay.de)

Ich bin ganz ehrlich mit euch. Es gibt Tage, da beneide ich die Frauen, die eine Burka tragen oder auch einen Niquab, manchmal würde mir auch ein Tschador reichen. Tücher, unter denen es scheißegal ist, was ich trage. Es ist egal, ob es modisch ist, eng anliegt, sexy oder professionell ist. Egal, wie viel Haut ich zeige, wie viel Brust, wie viel Bein. Es ist darunter egal, ob ich geschminkt bin, ob meine Haare aufwendig frisiert sind, ob ich Schmuck trage. Ob ich mich den Konventionen unterwerfe, die der männliche Blick unserer Welt mir auferlegt, würde darunter keine Rolle spielen. Es ginge um mich, meine Fähigkeiten, meine Persönlichkeit. Ein unschlagbarer Vorteil meiner Meinung nach. Stellt euch das vor. Alle müssten in Burka zum Vorstellungsgespräch – Äußerlichkeiten würden plötzlich keine Rolle mehr spielen. Kein Mobbing in der Schule oder auf der Arbeit, weil ich irgendwelche „Must haves der Saison“ eben nicht habe. Nicht die Notwendigkeit, mein Ich unter moderner Kleidung zu verschleiern, nur weil es sich „so gehört“. Natürlich würde ich vom Regen in die Traufe kommen. Auch eine Burka ist aus dem männlichen Blick entstanden. Aber Muslimas, die so ein Gewand tragen, vorzuschreiben, unsere tragen zu müssen, weil die ja so viel freier und selbstbestimmter sind. Das ist pure Heuchelei. Es ist ebenso lächerlich, wie abzumessen, ob Burkinis zu lang sind, oder Badeanzüge zu knapp. Wir wollen wenigstens Gesichter sehen? Wir zeigen uns ja gegenseitig nicht mal unsere wahren Gesichter. Und da müssten wir anfangen.

Was wurde aus #regrettingmotherhood?

Im letzten Frühjahr entfachte eine kleine Studie aus Israel einen Flächenbrand in den Medien und überflutete die sozialen Medien mit dem Stichwort #regrettingmotherhood. Nun ist das Buch zur Studie von Orna Donath im Knaus Verlag erschienen und gibt nicht nur einen tieferen Einblick in die Studie und die tatsächlichen Aussagen der befragen Frauen, sondern liefert auch einen wichtigen Meilenstein in der Debatte um Mutterschaft.

Frauen werden Mütter

Regretting Motherhood von Orna Donath (© Knaus Verlag)

Regretting Motherhood von Orna Donath (© Knaus Verlag)

Was sich banal und selbstverständlich anhört, belastet viele Mädchen früh: Frauen werden Mütter. Dieser Satz beinhaltet doch bereit die große Übereinstimmung darin, dass die Frau ihre biologische Möglichkeit, ein Kind zu gebären, auch in die Tat umzusetzen hat. Schnell gesagte Sätze wie „Ich möchte keine Kinder“, werden schnell zu „Ich möchte noch keine Kinder“, nicht nur, weil der biologische Druck mit dem Alter wächst, sondern gerade weil die Gesellschaft diese Erwartung immer wieder steigert. Die Debatte um Vereinbarkeit von Karriere und Beruf, die vom Grundsatz her Entlastung sucht, verschärft die Forderung bereits an junge Frauen, Mutter zu werden. Erst letztes Wochenende kam ich mit einer in die Jahre gekommene Frauenrechtlerin ins Gespräch, die glaubte, heute sei es ein Leichtes, Kinder und Beruf zu vereinen. Dass sie selbst dabei nur von der Mutter sprach, den Vater ausklammerte und damit die Notwendigkeit von beiden Eltern, Kindererziehung zu übernehmen, verkannte, merkte sie dabei nicht. Frauen werden dazu angehalten, nicht mehr nur einhundert Prozent Mutter zu sein, sondern auch einhundert Prozent im Beruf zu geben.

Mutter macht es falsch

Die nicht repräsentative Studie, die Orna Donath in Israel durchgeführt hat befasst sich nun mit solchen Frauen, die sich dem Druck der Gesellschaft gefügt und hinterher nicht das versprochene Glück gefunden haben. Diese Frauen bereuen die Mutterschaft, selbst wenn sie ihre Kinder lieben. Für die meisten bedeutete das Muttersein dabei den eigenen Beruf aufzugeben, zusätzlich zur permanenten Verantwortung für ein anderes Lebewesen. Ein Punkt, der, so glaubte eben auch die ältere Frauenrechtlerin, heute in unserem Land nicht mehr ins Gewicht fällt. Aber ist das so? Wir Mütter werden zwar angehalten, zu arbeiten, scheinbar unterstützt mit Kindertagesstätten und Ganztagesschulen, aber das System ist weder fehlerfrei, noch ideal. Schulen wie Kindergärten klagen über Geldmangel. Wir sollen unsere Kinder der Aufsicht von überlastetem Personal geben, das schlicht oft keine Zeit hat, sich angemessen um die Kinder zu kümmern. Ganztagesschulen bieten nachmittags teilweise nicht mehr an, als eine Betreuung. Die Kinder kommen am Abend nach Hause und brüten dann noch über ihren Büchern. Und wir Mütter machen es falsch, egal wie. Bei meiner Tochter wurde mir der KiTa-Platz ab eins vorgeworfen. So jemand solle doch keine Kinder bekommen, wenn er sie sofort abschiebt. Dass ich nun bei meinem Sohn keinen Platz ergattern konnte, wird mir auch zum Verhängnis. Nun werde ich als unflexibel eingestuft, die Karriere leidet.

Der fremde Blick

Frauen werden Mütter. Das gibt uns unser Umwelt vor (© Salih Ucar / pixelio.de)

Frauen werden Mütter. Das gibt uns unser Umwelt vor (© Salih Ucar / pixelio.de)

Diese Worte, dieser fremde Blick ist es, der uns bedrängt. Ich habe weder meine Tochter vernachlässigt, noch bin ich unflexibel. Ich habe ein breites Netzwerk, das mir zur Seite steht. Ich bin nicht alleine Eltern und mache alleine keine Familie aus. Dennoch bringt meine Umwelt mir das Verständnis entgegen, dass nur ich mich um meine Kinder kümmern könnte. „Und deine Kinder halten es bei ihrem Vater so lange aus?“ „Und wo sind deine Kinder jetzt?“ „Und wer passt auf die Kinder auf`?“ Ich könnte ein tägliches Bingo mit solchen Sätzen veranstalten, die einer Mutter, taucht sie kinderlos auf, um die Ohren gehauen werden und würde immer gewinnen. Wir alle – da nehme ich mich nicht heraus – müssen lernen, aufzuhören, die Frau als Mutter zu sehen und lernen, die Mutter als Frau zu sehen. Als Mensch mit Facetten.

Vorschau: In zwei Wochen geht es hier bei mir um TTIP und die Frage, was das eigentlich ist.

Gesunde Eitelkeit? – Wo fängt der Wahnsinn an

Natürlich bin ich eitel. Wer nicht? Ich freue mich, wenn ich auf einem Foto gut getroffen bin und zwinkere meinem Spiegelbild zu, wenn ich mir gerade mal selbst gefalle. Mein Kleiderschrank frustriert mich mindestens ebenso oft, wie meine Haarbürste. Meiner Tochter sage ich immer wieder wie wunderschön ihr kugelrundes Kleinkinderbäuchlein ist und über meinen Mann lächle ich, wenn er seine dicke Mütze anzieht, weil die Haare einfach nicht so wollen wie er. Wir alle sind eitel, gerade dann, wenn wir es nicht sein wollen.

Der Blick der anderen

Die Blicke der Anderen: Manchmal wird Eitelkeit von uns verlangt (© Rosel Eckstein / pixelio.de)

Die Blicke der Anderen: Manchmal wird Eitelkeit von uns verlangt (© Rosel Eckstein / pixelio.de)

Auf dem heimischen Sofa dagegen darf Kleidung und Frisur gerne leger sein. Sobald ich aber raus muss fühle ich mich unter Druck. In einer Woche startet mein erstes Seminar und ich werde eine gewisse Repräsentationspflicht haben. Kleider machen Leute, das wissen wir Germanisten sehr gut. An meinem Gymnasium hat ein Deutschlehrer seine Klasse einmal dazu gebracht, in Anzug und Abendkleid zur Schule zu kommen. Ein voller Erfolg. Alle haben gestaunt, gefragt, große Augen gemacht. Wir Menschen sind visuelle Geschöpfe, wir glauben, was wir sehen. Darum setzt uns der Blick der anderen auch so unter Druck. Nur weil mir mein Spiegelbild heute gefällt, heißt das nicht, dass die Menschen in der Öffentlichkeit das gleiche sagen. Und dann? Am Ende wird mein Lieblingspulli seines tiefen Ausschnitts wegen unpassend und meine rote Hose zum schreienden Etwas. Dabei wollte ich mich doch nur wohlfühlen.

Mehr, als wir sehen

Nicht gesellschaftsfähig? Eitelkeit ist auch eine Bürde (©JörgBrinckheger / pixelio.de)

Nicht gesellschaftsfähig? Eitelkeit ist auch eine Bürde (©JörgBrinckheger / pixelio.de)

Tatsächlich bin ich wohl eher der Typ, der als graue Maus durchgeht. Schmuck und viel Schminke ist in meinem Alltag mit kleinen Kindern einfach zu unpraktisch, nur für in die KiTa reich mir auch die Jogginghose und irgendwo habe ich immer einen Fleck, denn eine Kinderhand hingeklatscht hat. Meinen Kopf vergrabe ich in Büchern und Mode war noch nie mein Thema. Erst kürzlich habe ich mich mit meiner Mutter unterhalten, dass ich oft das Gefühl habe, nicht so recht gesellschaftsfähig zu sein, weil ich bei solchen Themen einfach nicht mitkomme und außen vor bleibe. Berufskrankheit könnte ich mir vorhalten. Doch dann frage ich mich wieder, ob ich nicht auch den auf den ersten Blick eitlen einfach Falsches unterstelle. Am Ende sind wir doch alle mehr, als wir sehen und sehen lassen. Hinter Schminke kann Unsicherheit verborgen sein, der Spaß am Bemalen oder einfach viel gendertypische Konditionierung.

Eitel und gesund?

Gesunde Eitelkeit: Manchmal hat auch Mode ihr Gutes (© Tim Reckmann / pixelio.de)

Gesunde Eitelkeit: Manchmal hat auch Mode ihr Gutes (© Tim Reckmann / pixelio.de)

Mit etwas Abstand betrachtet bin ich wesentlich gelassener was die Blicke der anderen angeht. Mein Äußeres macht weder mich aus noch spiegelt es mein Inneres. Und viele Faktoren lassen sich eben nicht so einfach pauschalisieren. Dass eine tägliche Dusche gesund ist beispielsweise, würde mancher Hautarzt eher verneinen – Haut und Haare leiden unter den Mittelchen, die wir ihnen zumuten. Auch Schminke ist kein Pflegeprogramm. Von der Bequemlichkeit mancher Kleidungsstücke ganz zu schweigen. Wenn aber unser Drumherum fürs Äußere uns am Ende nicht nur unter Druck setzt, sondern eben eigentlich auch konträr dem Bild vom gesunden, gepflegten Menschen ist, ist es Zeit etwas zu ändern. Erst gerade habe ich von einer englischen Studie gelesen, die Bartträgern einen positiven Effekt attestiert. Durch ihren Bart hätten sie quasi ein natürliches Antibiotikum, dass sie vor Erkrankungen schützt. Ein Lob auf die Hipster, die den Bart wieder modern gemacht haben.

Vorschau: In zwei Wochen blicke ich auf #regrettingmotherhood zurück.

Idealismus und Träume – mein täglich Brot

Es sind diese beiläufigen Sätze, die uns immer wieder vor Augen halten, dass gewisse Lebensträume belächelt werden. Vor kurzem war ich bei einem Basketballspiel und plauderte während der Pause draußen mit der Frau eines Spielers. Sie erzählte von ihrer Familie, dass ihr Vater Musiker in Südafrika war und nach Deutschland immigrierte. „Und dann fragte ich neugierig: „Und hat er hier weiter Musik gemacht?“.  Sie tat meine Frage gleich als überflüssig ab: „Nee, davon kann man ja nicht leben.“

Solche Sätze machen mich traurig. Ich mache dieser jungen Frau gar keinen Vorwurf. Sondern eher unserer Gesellschaft oder auch der Art, wie wir lernen, mit unseren Träumen umzugehen – und zwar sie oft völlig außer Acht zu lassen. Wir schätzen unsere Träume, unsere Leidenschaften nicht. Bekommen oftmals vermittelt, dass sich damit kein Geld verdienen lässt, dass das ein viel zu steiniger Weg ist etc.pp. Besser auf die wichtigeren Dinge im Leben konzentrieren ist die Devise. Ich denke mir dann oft: Na klar, man soll nicht in der Illusion leben, dass es ein Zuckerschlecken wird, wenn wir eine Leidenschaft zum Beruf machen wollen. Aber was ist mit Musikern oder Schauspielern, die heute große Nummern sind? Die haben auch mal klein angefangen. Und es gab sicherlich zig Leute, die sie davon abbringen wollten und nicht an sie geglaubt haben. Was wäre, wenn ein Jimi Hendrix auf halber Strecke aufgegeben hätte? Uns wäre seine geniale Musik entgangen, die Millionen von Menschen bis heute begeistert.

Weit weg von zu Hause: Die richtige Zeit um sich seiner Träume bewusst zu werden (Foto: Mätzke-Hodzic)

Weit weg von zu Hause: Die richtige Zeit um sich seiner Träume bewusst zu werden (Foto: Mätzke-Hodzic)

Wir verlernen das Brennen für eine Sache eigentlich schon ganz früh. Weil uns sogleich gespiegelt wird: Deine Träume sind nichts wert. Ach, du willst Tänzerin werden? Ein müdes Lächeln unseres Gegenübers, das bereits alles sagt. Als wäre für diese Profession kein Platz. Aber woran liegt es, dass wir so schlampig mit Träumen umgehen? Sie belächeln. Was sagt das über die Wertevorstellung einer Gesellschaft? Ich finde es etwas wertvolles Leidenschaften zu haben oder sie vielleicht gerade erst zu entdecken. Aber sie müssen auch gefördert und genutzt werden. Sonst liegen sie brach und verwesen früher oder später völlig ungenutzt. Und schließlich ist noch kein Genie vom Himmel gefallen. Aber wir tragen mit dazu bei, dass viele erst gar nicht beginnen, an sich zu glauben. Wer weiß, wie viele potenzielle Schriftsteller, Musiker und Schauspieler ihr Talent in den Wind schießen oder es schon getan haben. Die sich unter uns tummeln mit ihren verborgenen Leidenschaften und Talenten. Die mit ihrem Schaffen Menschen beglücken, begeistern und inspirieren könnten. Viele Menschen schätzen die Künste, aber jeder rät davon ab, Künstler zu werden. Komisch, oder?

Ich bewundere Menschen, die sich einen Lebenstraum erfüllen. Die dieses eine kleine Café eröffnet haben, deren Einrichtung als detaillierte Skizze schon immer in ihrem Kopf spukte. Die alles auf eine Karte setzen. No risk no fun. Nicht wahr? Sind diese Menschen am Ende nicht nur Traumtänzer und gibt es nicht genug Beispiele für gescheiterte Existenzen, die sich verschuldet haben, die sich mit ihrem Lebenstraum in den Ruin getrieben haben? Ja, vielleicht darf man bei aller Träumerei, die Realität nicht aus den Augen verlieren. Und vermutlich gehört auch immer eine gehörige Prise Glück dazu.

Ich bekomme oft zu hören, ich sei zu idealistisch. Aber wenn ich diesen Idealismus nicht an den Tag legen würde, wäre dieses Leben für mich ziemlich trist und unerträglich. Mein Idealismus gibt mir immer wieder aufs Neue Kraft, er verpasst mir einen Schubs und ich rapple mich von neuem auf. Er verdeutlicht mir immer wieder, was ich ändern will und womit ich mich nicht abfinden kann. Mein Idealismus hat mich schon weitgebracht. Deshalb versteht dies als Aufruf: Nehmt eure Träume ernst. Seid Traumtänzer, probiert euch aus, habt Ideale und schenkt dem nächsten dahergelaufenem Deppen, der eure Träume belächelt, erst gar keine Beachtung.

Vorschau:  Nächste Woche erwartet euch hier wieder eine spannende Kolumne.

Liebes Deutschland,

du hattest es nicht immer einfach. Hast lange Zeit gebraucht, dich zu finden. Hast Grauen verursacht. Wurdest zerstört. Geteilt. Vereint. Integriert.
Sind wir einmal ehrlich: Du bist nicht perfekt. Dein Bildungswesen ist nicht fehlerfrei, vieles erscheint nicht gerecht, die Kinderarmut zu hoch, die Sorgen zu groß.
Aber an dieser Stelle soll Zeit sein, dir zu danken.
Danke an die Beamten, Soldaten und Polizisten, die Sicherheit garantieren. Danke an die Krankenschwestern und Altenpfleger, die für zu wenig Geld zu harte Arbeit verrichten. Danke an die Alleinerziehenden, die trotz finanzieller Engpässe keinen dummen Parolen folgen. Die, obwohl sie selbst nicht viel haben, andere unterstützen, anstatt den Fremdenhass siegen zu lassen.
Danke an die ehrenamtlichen Helfer, die Zeit, Kraft, Geld und Geduld investieren.

Wir beide wissen, dass unsere Beziehung noch am Anfang steht. Deine jungen Jahre, deine schlimmen Jahre, deine wilden Jahre, deine angepassten Jahre, nichts davon habe ich miterlebt. Kalter Krieg, Teilung, Wiedervereinigung sind Geschichten, sind Bücherseiten, sind Filmaufnahmen für mich.
Deswegen kann ich das nicht auf einer persönlichen, erlebten (!) Ebene beurteilen und ich weiß nicht, wie sich das Leben damals angefühlt hat.
Trotzdem kann ich die heutigen Freiheiten wertschätzen. Daran wird nichts, werden auch keine Anschläge, etwas ändern.
Sollen wir uns jetzt von dir abkehren? Sollen wir unsere Gesellschaft, unsere Werte in Frage stellen? Uns der Angst hingeben? Die Feiern meiden, den Hass siegen lassen?
Hier hat niemand und nichts gesiegt. Hier wurde verloren. Auf grausame Art und Weise. Doch wer dadurch gewinnt, das bist du, liebes Deutschland.
Du hast uns beim Länderspiel Deutschland – Niederlande gezeigt, dass du Entscheidungen treffen kannst. Dass du Verantwortung übernimmst und Sicherheit gewährleistet. Du funktionierst – als Demokratie, als Staat.
Und doch ist es so viel mehr, das man dadurch gewinnt: Die Erkenntnis, dass Demokratie richtig ist.
Nicht immer hast du Glanzleistungen vollbracht, wenn es darum ging diese „westlichen Werte“ in der „Welt da draußen“ zu verbreiten. Aber hier geht es darum, dass ich morgens aufstehen und im Bus sitzen kann, ohne Angst zu haben, dass „mal wieder“ ein Anschlag geschieht.  Dass ich sagen kann, dass ich dich manchmal echt scheiße finde und du mich trotzdem in Ruhe lässt.
Hier geht es um Freiheit, um Sicherheit, um eine gewaltfreie, gebildete Gesellschaft. Um ein Leben, das jedem zusteht.

Ich bin dir dankbar, dass du ein offenes Land bist. Dass ich bei dir Pizza essen, danach einen türkischen Nachtisch holen, mich abends mit chinesischen Freunden in einer griechischen Bar treffen kann.
Danke, dass ich Sprachen lernen und hören kann.
Dass ich Menschen von der ganzen Welt treffen, ihre Geschichten hören und ihre Kultur miterleben kann.
Dass du ein Ort bist, zu dem ich gerne zurückkehre, von dem ich aber auch gerne fort reise, da du mich gelehrt hast, dass es sich lohnt sich für Vielfalt und Offenheit einzusetzen.

Danke Deutschland, dass ich, wenn ich mit dir rede, auch Europa meine.
Dass meine Heimat nicht ein Land, sondern viele Länder sein kann.
Dass mein Leben, meine Heimat, die Welt ist und sein wird.
Danke, dass ich mit der Welt, mit den Menschen überall schöne Momente verbringen kann.
Momente, die in Erinnerung bleiben, durch die wir uns lebendig fühlen. Zusammen. Das Leben spüren. Erinnerung schaffen, die nichts und niemand, keine Tat uns jemals nehmen wird.

Danke, dass du dich energisch gegen alle aussprichst, die versuchen, solche Taten zu instrumentalisieren, gegen Flüchtlinge hetzten, rechte Parolen verbreiten, Schwachsinn reden.
Diese Idioten gehören nicht zu dir, liebes Deutschland. Das weißt du, das weiß ich.
Das wissen die Menschen, die hier leben und sich engagieren. Die Deutschland zu dem machen, was ich mag: offen, hilfsbereit, demokratisch, frei, rechtens.
Das klingt nach den typischen Stichworten aus dem Powiunterricht der achten Klasse und doch ist es momentan viel mehr. Es ist das, was uns ausmacht. Es ist das, was uns gegen irgendwelche bescheuerten Gewalttaten abgrenzt. Es ist unser alltägliches Leben.
Und liebes Deutschland, genau darum geht es am Schluss: Die Menschen, die in dir leben, machen dich zu dem, was du bist.

Warum wir Kinder als Strafe sehen

Es dauerte einen Moment, ehe ich mich gefangen hatte. Gerade fragte mich unsere Sekretärin „warum tut ihr euch das an?“ und meinte, warum wir noch ein Kind wollten. Da prallte es mal wieder gänzlich auf mich ein. Dass Kinder in unserer Gesellschaft als Last, als Bürde gesehen werden. Als Strafe. Etwas, dass wir uns an tun. Masochismus in seiner höchsten Form. Wo das Kindermachen ja noch Spaß macht und nicht selten Witze mit sich zieht, ist das Kinderhaben, vor allem, wenn ein Paar dann doch mehr als ein oder gar zwei hat, scheinbar ein riesiger Sack voller negativer Pakete.

Teurer Spaß? Kinder kosten Geld (©Wilhelmine Wulff _ All Silhouettes / pixelio.de)

Teurer Spaß? Kinder kosten Geld (©Wilhelmine Wulff _ All Silhouettes / pixelio.de)

„Die machen euch fertig“, meinte eine alte Freundin meines Mannes, als unser zweites Kind gerade auf der Welt war und sie uns beim Einkaufen traf. Wir haben abgewunken, sie glaubte uns nicht. Kein Wunder, hören wir doch jeden Tag, wie schrecklich Kinder sind. Sie stehlen ihren Müttern die Figur, ihren Eltern den Schlaf, machen in ihrer Zerstörungswut vor nichts halt, sind lauter als Alarmanlagen, per se ungezogen, sozialer Selbstmord, finanzieller sowieso. „Warum unsere Kinder Tyrannen sind“ lautet der Titel eines Buches und ein ganzer Stapel an Literatur befasst sich mit der Frage, ob eine Frau denn nun Karriere und Familie haben kann. Die Internetseite Mompreneurs befasst sich ausschließlich mit Müttern, die neben ihren Kindern noch Unternehmen gegründet haben.

Machen wir uns nichts vor. Unsere Gesellschaft ist nicht kinderfreundlich. Oh, ja, es gibt eine (nicht erfüllte) Garantie auf einen Betreuungsplatz ab 1, es gibt Kindergeld, Familienparkplätze und Kinderwagenabteile im Zug, Vorschriften, wie viele Spielplätze ein Viertel haben muss und hohe Sicherheitsstandards bei Gebrauchsgegenständen für Kinder. Aber kinderfreundlich? Menschen, die in Kindergarten- oder Schulnähe wohnen beschweren sich regelmäßig gerichtlich wegen des Lärms spielender Kinder. Im Restaurant werden Kinder, die keine zwei Stunden ruhig sitzen können und nicht absolut still sind böse angeschaut und wer kennt nicht das Klischee eines nach Gummibärchen brüllenden Kleinkindes im Supermarkt?

Kinder? Will doch keiner (©Stefan Bayer / pixelio.de)

Kinder? Will doch keiner (©Stefan Bayer / pixelio.de)

Seien wir doch ehrlich, wir wollen keine Kinder. Wir wollen ein schöner-wohnen-Wohnzimmer und Designer-Tapete, Kleidungsstücke, die keine besonderen Schlitze zum Stillen haben müssen und einen Esstisch ohne Bananenmatschreste-Ritzen, von denen wir vorher nicht mal wussten, dass sie da sind. Schnelle, anstatt geräumige Autos und die Möglichkeit, heute alles stehen und liegen zu lassen und ans andere Ende der Welt zu fahren. Wir wollen alles und wir wollen es jetzt. Niemand soll uns sagen, was wir zu tun haben. Keine gesetzlich geforderte U-Untersuchungen und Briefe von Kindergarten oder Schule, die uns dies oder das mitteilen, Brotdosen, die gefüllt werden sollen und Hosen, die über Nacht zu klein werden. Wir wollen uns darüber keine Sorgen machen, denn, verdammt noch mal, wir haben doch nur dieses eine Leben. Wir sind nichts anderes als groß gewordene Kinder.

Vielleicht wollen wir ja keine eigenen Kinder, weil wir niemanden an der Backe haben wollen, der so ist, wie wir selbst. Und da hab ich mich schon längst ausgeklinkt. Ich schreibe diesen Artikel, während mein Schulkind, mein Kindergartenkind und das Baby schlafen. Heute hätte ich sonst keine Zeit gehabt. Ich habe getanzt, ich habe gemalt, ich habe gekocht und das Katzenklo sauber gemacht, eine Ladung Wäsche mit ganz vielen Unterhosen gewaschen, weil das Kindergartenkind jetzt keine Windel mehr braucht, aber erst eine Handvoll Höschen hat, ich habe gestillt und gewickelt, vorgelesen, eine wichtige Nachricht beantwortet, selbst gelesen, die Spülmaschine ausgeräumt. Ich habe mir nichts angetan, ich habe gelebt.

Tierisch: Kindermachen und Kinderhaben ist animalisch (©Edith Höhner / pixelio.de)

Tierisch: Kindermachen und Kinderhaben ist animalisch (©Edith Höhner / pixelio.de)

Wie alles im Leben, ist es manchmal unbequem, Kinder zu haben. So unbequem, wie es manchmal ist, Eltern zu haben, oder Geschwister, manche Freunde oder den eigenen Partner. Es ist kein Selbstmord. Es ist Leben. Und natürlich ist es nicht für jeden das Richtige. Aber wenn wir unser Leben wie das Bett der Prinzessin betrachten, die wegen einer Erbse unter hundert Matratzen blaue Flecken bekommt, und allen Ernstes die Prinzessin sein wollen, sterben wir nicht aus, weil Karriere so wichtig ist oder Geld, sondern aus lauter Faulheit, aus Bequemlichkeit. Und dabei verpassen wir bestimmt etwas Lärm, Geschrei und schlaflose Nächte, aber auch jede Menge Spaß. Für etwas Spaß bleibe ich gerne länger wach und viel Lärm um nichts konnte ich schon immer machen, natürlich auch als Kind. Warum also jetzt aufhören?

Vorschau: Nächste Woche gebe ich euch hier einen Leitfaden zum Kranksein.

Geld macht sexy – oder?

Volle Tasche? Ohne Geld sehen wir im Alltag alt aus (© Dr. Klaus Uwe Gerhardt / pixelio.de)

Volle Tasche? Ohne Geld sehen wir im Alltag alt aus (© Dr. Klaus Uwe Gerhardt / pixelio.de)

Mein Geldbeutel ist mal wieder leer. Den letzten Euro hab ich benutzt, um meinen Kindern zwei Brezeln zu kaufen. Und seit die Bankfiliale in unserer Stadt zugemacht hat, heißt das, an Bargeld komm ich nicht mehr so leicht. Dabei ist ein volles Porte­mon­naie doch ein wichtiger Indikator dafür, dass es uns gut geht. Oder etwa nicht? Geld ist schon lange mehr als nur Zahlungsmittel. Seit Jahren wird die These vertreten, Geld sei zu einem neuen Leitmedium erhoben worden. Wer Geld hat, hat Macht und Macht macht sexy. Nach der Devise sieht es noch schlechter aus für Griechenland, als die Medien zugeben.

Dabei komm ich nicht umhin mich gerne an die Szene aus „Star Trek: Zurück in die Gegenwart“ (ja, sowas hab ich tatsächlich schon gesehen – mehr als einmal) zu erinnern, in der Captain Kirk in den neunziger Jahren landet und sein Abendessen nicht bezahlen kann, weil es im dreiundzwanzigsten Jahrhundert kein Geld mehr gibt. Die Idee finde ich ganz reizvoll. Geld abschaffen, durch wissenschaftliche Entdeckungen Hunger, Krankheiten und Energiemangel besiegen. Utopia. Die Realität sieht da ganz anders aus.

Geld macht sexy - sofern wir welches haben (©Lupo / pixelio.de)

Geld macht sexy – sofern wir welches haben (©Lupo / pixelio.de)

Denn Macht macht nicht nur sexy, sie korrumpiert auch. Wer Macht hat, will diese erhalten und möglichst aufbauen, nicht aber sie zugunsten einer gleichberechtigteren Gesellschaft abgeben. Diese Meinung vertritt auch Peter Joseph, amerikanischer Regisseur. 2008 veröffentlichte er im Internet den zweiten Zeitgeist Film Addendum, in dem er die Abschaffung des Geldes als Weg in eine bessere Welt in Aussicht stellt. Das globale Finanzsystem ist hier der Böse, die Banken, die immer reicher werden, gegen die Menschen.

Immerhin ist es doch faszinierend, wie wir uns an den Betrag unseres Bankkontos klammern, der in der natürlichen Welt absolut nichtssagend ist, sondern erst Bedeutung bekommt, weil wir ihm welche zusprechen. Geld ist menschengemacht. Es ist unser Mittel der Kontrolle, wenn wir über die Natur keine haben. Wir können den Tod nicht besiegen, aber wir können uns teure Dinge leisten, das Wetter liegt nicht in unserer Hand, aber unser Auto, unsere Uhr, unsere Schuhe zeigen, dass wir es zu etwas gebracht haben. Zu Geld nämlich. Und wenn wir einsam sind, sorgen ein paar grüne Scheinchen dafür, dass uns die Menschen wieder mögen. Ihr wisst schon: Sexy.

Unser Geld: Kulturgut oder selbstgemachtes Übel (© M. Großmann / pixelio.de)

Unser Geld: Kulturgut oder selbstgemachtes Übel (© M. Großmann / pixelio.de)

Unser ganzes Leben ist doch darauf ausgelegt. Wir lernen, um einen guten Beruf zu finden, der uns viel Geld einbringt, das uns ein Leben voller Annehmlichkeiten ermöglicht. Sind wir darum glücklicher? Glücklicher als ein Mitglied eines indigenen Stammes etwa, das gänzlich ohne Geld auskommt? Oder nur Glücklicher als jemand, der im selben Kulturkreis aufgewachsen ist, aber eben weniger Geld hat? Ihr merkt schon: Geld ist ein sogenanntes Kulturgut. Wir haben uns seine Bürde selbst auferlegt, uns von ihm unterdrücken lassen und selbst dafür gesorgt, dass manche mehr und manche weniger haben. Wenn Menschen auf die Banken und das Finanzsystem schimpfen, denke ich mir nur: Da stecken wir alle mit drin. Und darum müssen wir alle etwas ändern (wollen), damit sich auch wirklich etwas ändert.

Die ersten haben das auch begriffen. Fahrradfahren etwa ist nicht nur deswegen im Kommen, weil auf Kurzstrecken so Benzin gespart und die Umwelt geschützt werden kann, sondern auch, um dem Statussymbol Auto zu entkommen. Dinge gebraucht kaufen oder statt im Hotel auf einer fremden Couch schlafen, Marmelade wieder selbst kochen, nähen, Gemüse anpflanzen. Alles, was zugunsten einer „angenehmen“ Geldwelt verdrängt wurde, lebt wieder neu auf. Und wenn wir es schaffen, diese Gedanken, diese Vorhaben festzuhalten, weiterzugeben, uns loszulösen von der Macht des Geldes, dann wird es diese eben auch verlieren. Wir haben das Geld zu dem gemacht, was es ist. Wir können ihm diese Macht auch wieder nehmen.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anna hier, wie sie sich in Bosnien verliebt hat.

Herr Leistungsdruck

Ein Gang über den Campus mit Herrn Leistungsdruck.

Der Uni-Klinkerboden klinkert unter unseren Sohlen, ein Banner lädt zu einem Campus-Gespräch mit Harald Schmidt ein, über Medien und Träume. Anmeldung bis übermorgen. Ich tippe automatisiert die Uhrzeit in mein Handy, wohl wissend, dass ich mich nie anmelden werde. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob ich Harald Schmidt irgendwann mal mochte.

Neben mir reden zwei Mädchen über den ECTS-Transfer von Deutschland nach England. Eine geht nach Brighton studieren. Na dann, viel Glück und Goodbye!

Zwei Veranstaltungseinladungen blinken bei Facebook auf, ich lese den Beschreibungstext nicht, klicke auf: Vielleicht. Wie immer, wenn ich auf Facebook irgendwo eingeladen werde. Ich sage „vielleicht“ und gehe dann nicht hin. Meist will irgendwer, dass ich zu einer Podiumsdiskussion über Verstädterung und Post-Ökofeminismus komme, oder über politischen Veganismus und Sex. Der ganze Kram also, der mir das chronische Gefühl gibt, unengagiert zu sein. Es gäbe so viel, über das man weiter nachdenken könnte, sagt Herr Leistungsdruck. Könnte, sage ich.

Das schlechte Gewissen ist in der Uni zuhause, es beginnt mit den verschmähten Flyerverteilern am Unieingang, geht über nicht gelesene Seminartexte und endet im Bus zum Bahnhof, in dem Kommilitonen Campus-Wissen absorbieren, während ich wie ein erhängter Affe aus dem Busfenster starre.

Seit ich studiere, bin ich sicher: Könnte man Herrn Leistungsdruck sehen, wäre er so ein neoliberaler, selbstzufriedener Bachelor-Student von 21 Jahren. Ein moderner Performer. So ein gelockter Typ, der Medien, Wirtschaft und Philosophie studiert und auf Rollschuhen zwischen Vorlesung, Harald Schmidt und Peace-Performance-AG hin- und herfährt. Ein Typ, bei dem sogar Rollschuhe cool wirken und der der Grund ist, dass Rollschuhe für Männer bald wieder modern sein werden. Wartet es ab.

Herr Leistungsdruck läuft mit aufrechten Schultern und gesunder Uni-Fit-Muskulatur neben mir her und gibt mir das Gefühl ein Schluck Wasser in der Kurve zu sein. Bin ich ja auch.

Er lächelt wie ein junger Marketingassistent und hält mir hintenherum eine Pistole in den Rücken. Er sagt: Hey Mädchen, ich bin dein Berater. Du bist meine Geisel. Alles ist nur zu deinem Besten. You don’t imagine who you could be, if you just work harder girlllll….

Er macht mir verständlich, dass er möchte, dass ich mich anpreise, dass ich die Welt überzeuge von meinem Können. Von meiner geilen Wettbewerbsfähigkeit. Meinen Hard-Skills. Meinen Softskills. Meinen starken Synapsen. Meiner Sozialkompetenz. Meinem Egoismus. Meinem Liebreiz. Meiner Attraktivität, meiner Weiblichkeit. Meiner Männlichkeit, meiner Androgynität, und meiner Fähigkeit die Beckenbodenmuskulatur anzuspannen und die Zähne aufeinanderzubeißen, bis es leise quietscht.

Herr Leistungsdruck liest die Campus-Aushänge sorgfältig und zeigt auf fast alles drauf. Überall soll ich hin. Hat der ne Macke? Ein Plakat lädt mich zur Karrieremesse für junge SozialwissenschaftlerInnen ein. Das Plakat ist sepia und verspricht eine angegilbte Zukunft, die aussieht wie die Vergangenheit meiner Großmutter. Na danke. Ein anderes Plakat rühmt sich, eine Lösung für die Wohnungsknappheit zu haben, indem es mir ein Studentenzimmer für 380 Euro in einem neuen Gebäudekomplex anbietet, weil nur dort das Studentenleben richtig losgeht. Ich will aber, dass es endet denke ich mir. „Gemütliches Lernen“ steht da. Von ihrem Küchentisch aus lachen zwei hellhaarige Studentinnen mir entgegen. Die eine isst einen Apfel, die andere markiert einen Text. Es ist ihr erstes Shooting. Sie sind jetzt Models. Die haben bestimmt keine Probleme mit dem gemütlichen Lernen, nur mit dem Denken, denke ich mir gehässig.

Die riesige Wand mit den Plakaten verschwimmt vor meinen Augen. Wohnungsanzeigen, Tandem-Kurse, Skifreizeiten, Nebenjobs, Sex-Anfragen. „Jonglage. Trainieren sie ihr Gleichgewicht.“ Herr Leistungsdruck ist übermotiviert, will dass ich alles besuche. Zeigt wahllos in die Menge der Anzeigen, wie eine Maschine, die kaputt gegangen ist und surrt dabei bedenklich. Seine Drähte sind kurzgeschlossen, er hat sich selbst aufgehängt. Eine kleine Explosion, ein Seufzen und dann geht er aus. Für ein paar Stunden. Endlich. Er sieht fast niedlich aus, wenn er so inaktiv am Boden liegt. Leider habe ich aber keine Zeit auf ihn zu warten. Baby, ich muss weg. Ich muss mich selbst optimieren gehen!