Die Sache mit dem Sexismus

Jüngst durfte ich mir sagen lassen, ich sei sexistisch. Ich war milde überrascht, denn der Grund war, dass ich mich über Sexismus aufgeregt habe. Auslöser war ein Foto einen Rechtsanwalts, über das mittlerweile genug gesagt und an dem alles kritisierbare kritisiert wurde. Darum soll es gar nicht gehen. Die Verteidigung aber, mich als das anzugreifen, was ich anprangere, ist weder selten noch untypisch. Es erinnert leise an die Kindergarten-Streitereien, die mit „Selber“, endeten, weil einfach die Argumente fehlen. Und sie soll vor allem eines: Verletzen.

Was ist Sexismus?

Frauensache? Auch Männer sind von Sexismus betroffen (Foto: NeuPaddy / pixabay.de)

Sexismus bezeichnet schlicht Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Zu sagen, Frauen müssten weniger verdienen, weil sie schwächer und dümmer wären, wie es jüngst ein polnischer Abgeordneter gemacht hat, ist Sexismus. Und zu behaupten, Frauen müssten Kinder bekommen, weil das ihre biologische Aufgabe wäre, ist Sexismus. Zu erklären, Männer könnten mit Kinder nicht umgehen oder seien zu keinen echten Emotionen fähig, genauso. Sexismus ist also nicht auf die Frau beschränkt. Aber Frauen erleben häufiger Sexismus – und eine andere Art. Während Männer in sexistischen Äußerungen gerne zu Helden und Kriegern gemacht werden – wenn es nicht gerade um eine Erkältung geht – werden Frauen klein gemacht, untergeordnet, zu Menschen zweiter Klasse. Aber beide Geschlechter leiden darunter. Das macht Sexismus zum Äquivalent des Rassismus auf Geschlechterebene. In der Realität kommen beide oft zusammen vor, aber natürlich nicht immer.

Aber wir haben doch Gleichberechtigung?
Freiwillige Posen oder Male Gaze? Wenn Sexismus anerzogen wird (Foto: JerzyGorecki / pixabay.de)

Freiwillige Posen oder Male Gaze? Wenn Sexismus anerzogen wird (Foto: JerzyGorecki / pixabay.de)

Nein. Haben wir nicht. Wir arbeiten daran, noch immer. Und es hat sich eine Menge getan. Frauen dürfen selbst entscheiden, ob und wo sie arbeiten wollen – früher lag diese Entscheidung beim Ehemann oder dem Vater. Frauen dürfen wählen, Auto fahren, Hosen tragen, gewählt werden, … Klingt toll oder? Die frühen Feministinnen der 1920er Jahre würden einen Salto machen. Die Frau darf auch nicht mehr in der Ehe vergewaltigt werden. Und hey, der Mann darf Elternzeit beantragen. Doch das ist noch keine Gleichberechtigung. Und Vorsicht: Gleichberechtigung bedeutet nicht, etwaige mögliche Unterschiede nicht anzuerkennen, sondern lediglich, dass gleiche Rechte bestehen. Keine Gleichsetzung also. Dass Unterschiede individuell sind, und nicht mit dem Chromosomenhaushalt zu tun haben, ist dabei meine Meinung. Dass die schlechtere Bezahlung von Frauen, die Tatsache, dass es für Mütter viel schwerer ist, in den Beruf zurück zu kehren und Mädchen in MINT-Fächern und Studiengängen noch immer die Unterzahl sind – das ist keine Gleichberechtigung. Auch dass Frauen auf Bildern zu Deko-Objekten werden und weibliche Rundungen noch immer nach der Sex-Sells-Methode laufen, ist keine Gleichberechtigung. Das ist traurig und entwürdigend.

Ich bin sexistisch
Ist das so oder muss das so sein? Sexismus beeinflusst unser Leben täglich (Grafik: OpenClipartVectors / pixabay.de)

Ist das so oder muss das so sein? Sexismus beeinflusst unser Leben täglich (Grafik: OpenClipartVectors / pixabay.de)

Der Vorwurf, ich wäre sexistisch, sollte ein Totschlagargument sein. Weil ich in dem Bild Merkmale erkannt habe, die sexistisch sind, muss ich ja sexistisches Gedankengut haben. Aber etwas zu erkennen und zu kritisieren ist etwas anderes, als damit einverstanden zu sein. Ich erkenne auch Rassismus. Macht mich das zu einem Rassisten? Jemanden vorzuwerfen, er wäre intolerant, weil er Toleranz nicht tolerieren kann – ja, das ist ein Problem. Und es ist ein Problem, dass wir alle mit sexistischen Motiven und Bildern überhäuft werden. Geschlechterklischees beginnen im Kindergarten. Hier lernen die Kinder bereits kennen, was Mädchen machen und was Jungs tun – wenn sie es von ihren Eltern und den Medien noch nicht beigebracht bekommen haben. Jungs dürfen keinen Nagellack tragen und raufen halt. Lange Haare bei Mädchen sind ja sooo schön und das Kleid erst. Hach. Ich nehme mich da nicht aus. Natürlich wurde ich nicht frei von Geschlechterzwängen erzogen. Das ist als Mitglied dieser Gesellschaft nahezu unmöglich. Aber gerade deswegen verstehe ich den Code. Und weil ich weiß, wo sich Sexismus versteckt, kann ich ihn selbst versuchen zu vermeiden und kritisieren, wenn ich ihn erkenne. Denn – und das ist schlicht meine Überzeugung – Sexismus ist einfach falsch.

Sind wir nicht alle ein bisschen Mädchen?

Neulich fand ich beim Umräumen das erste Paar Hausschuhe meines Ältesten. Und war geschockt. Reumütig übergab ich sie meine Tochter. Es waren Schuhe, die ich ihr nie hatte kaufen wollen, die ich ihr im Schuhgeschäft ausgeredet hätte. Schweinchenrosa. Mit Glitzer. Und Einhörnern. Damals war ich stolz, dass mein Junge den hochgezogenen Augenbrauen seines Großvaters zum Trotz „Mädchenschuhe“ gewollt hatte. Die Konvention war gebrochen. Alle für alles, geschlechtsunabhängig. Wenn aber meine Tochter rosa will, lila, pink, kneife ich. Dabei war es völlig normal, wenn mein Junge blau und grün trug. Warum aber haben wir so eine Farbkritik an Rosa?

Mädchen sind doof? Nein, nur unsere Vorstellungen (©angieconscious / pixelio.de)

Mädchen sind doof? Nein, nur unsere Vorstellungen (©angieconscious / pixelio.de)

Mädchen sind doof. Ja, ehrlich. Sie ziehen nur Rüschenkleidchen an, tragen Lippenstift und lackierte Nägel, klemmen sich Blinkesteine in die Haare, heule, ziehen an den Haare, zicken. Nö? Nö! Dennoch hält sich in unseren Köpfen das Bild vom kleinen Mädchen im pinken Kleidchen hartnäckig. Versteht die Welt nicht, spielt nur mit Puppen, ist selbst eine. Wir bekommen dieses Bild täglich in den Medien serviert. In der Hustensaftwerbung lässt das kleine Mädchen einen Feenstab fallen, als die Mutter sich „krankmeldet“, ein anderes schlüpft ins Prinzessinnenkleidchen und Mamas hochhackige Schuhe, wenn die Freundinnen kommen und eine Puppe ohne rosa Accessoire zu finden, ist eine Mammutaufgabe. Rosa, das verbinden wir automatisch mit klein, schwach, unterwürfig und unterdrückt. Niedlich ist ein Schimpfwort, das nur durch süß gesteigert werden kann.

Wir wollen starke Frauen sein, unabhängig, frei. Wir verdienen unser eigenes Geld, haben unsere eigenen Regeln, bilden unsere eigene Meinung. Rosa haben wir abgelegt, denn wir wollen nicht klein und schwach erscheinen. Eine Tussi, das zeigen uns Fälle wie Daniela Katzenberger und Heidi Klumm wird nicht für voll genommen, sie wird als hohle Kuh überzeichnet, die nur auf Rosa setzt, weil es das einzige ist, was sie hat: Ihr Aussehen. Und wir tun gerne so, als käme es uns auf den Inhalt an.

Vor kurzem las ich, dass immer weniger Puppen verkauft würden. Das seien geschlechterspezifische Spielsachen. Eltern aber wollten Geschlechterunabhängiges. Lego beispielsweise. Anstatt aber zu versuchen, Puppen für alle Geschlechter schmackhaft zu machen, wird die Notwendigkeit zur Bemutterung ausgebaut. Puppen heutzutage können nicht nur die Augen schließen und Pipi machen. Sie scheiden auch ihren Brei wieder aus, werden krank, müssen schlafen, haben Spielzeug und Haustiere. Der Phantasie wird Raum genommen. Gleichzeitig würden Kinder weniger lang mit ihren Puppen spielen. Eben weil Puppen kleinmädchenhaft seien, niedlich und süß. Außer Mode.

Dürfen Frauen und Mädchen noch rosa tragen? Warum eigentlich nicht (©Denise / pixelio.de)

Dürfen Frauen und Mädchen noch rosa tragen? Warum eigentlich nicht (©Denise / pixelio.de)

Die rosa Glitzerhausschuhe haben mich zum Nachdenken gebracht. Als mein Sohn den Vorhang um seinen Kopf geschwungen hat und mit verstellter Stimme flötete „Ich bin eine Prinzessin“, war ich froh. Bei meiner Tochter mache ich mir Sorgen. Dass sie in eine Rolle gedrängt wird und ich es nicht verhindern kann. Ich runzle die Stirn, wenn sie – nicht selten – pinke Kleidungsstücke geschenkt bekommt und mein Mantra „Alle Farben sind für alle da“, wirkt angesichts dessen wie ein Paradox. Sei, wie du bist, aber bitte kein „Girly“.

Dass wir rosa als Farbe der Schwäche verstehen, als eine oberflächliche und doofe Erscheinung, liegt an uns selbst. Wenn aber ein Mann kein Problem mit seiner Männlichkeit zu haben braucht, wenn er pink trägt, warum muss ich es dann als Frau? Der Wunsch nach Gleichberechtigung hat uns einen Schritt zu weit gehen lassen. Er hat uns das Rosa genommen. Ich plädiere dafür, dass auch Frauen rosa tragen dürfen. Wir dürfen weich sein und schwach. Ja, verdammt, an manchen Tagen sind wir das. So lange wir damit glücklich sind – ist doch egal. Pink stinkt nur dann, wenn wir es stinken lassen, wenn wir strikt trennen in „Jungen“ und „Mädchen“. Aber auch, wenn wir gerade deshalb manche Farben und Dinge auf die Ersatzbank schieben um diesen Klassifizierungen zu entgehen.

Meine Tochter wird aus den rosa Hausschuhen herauswachsen, wie mein Sohn seinerzeit. Aber ihren Weg wird sie trotzdem gehen. Am Ende vielleicht barfuß.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anne über die menschliche Unfassbarkeit von Abschiebung.

Die Welt ist ein Theater

Gut gespielt? Theater gibt es nicht nur auf der Bühne (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Gut gespielt? Theater gibt es nicht nur auf der Bühne (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Wann wart ihr eigentlich zuletzt im Theater? Wisst ihr es nicht mehr? Oder gehört ihr gar zu den wenigen regelmäßigen Theatergängern? Vielleicht graust es euch auch bei der Vorstellung an eine Bühne weit vorne, auf der Menschen schreien, damit auch der Zuschauer in der letzten Reihe sie noch verstehen kann. Und zugegeben, Theater ist nicht gleich Theater.
Als Studentin der Universität Mannheim komme ich um das Nationaltheater meiner Universitätsstadt nicht herum. Auf hinteren Reihen habe ich mit Kommilitoninnen, ab und an hat sich auch mal ein Kommilitone in unsere Mitte verirrt, klassische und moderne Stücke, Uraufführungen und Neuauflagen angesehen. Als Journalistin habe ich Schultheater und sogenannte Performances besucht und darüber geschrieben, habe Kabarett und Improvisationen erlebt. Nein, Theater ist nicht Theater und die Bretter, die die Welt bedeuten sind ganz einfach die Welt selbst.
„Mach nicht so ein Theater“, hat mein Vater früher oft zu uns Kindern gesagt. Der Spruch ist zeitlos. Großeltern und Eltern nutzen ihn immer noch. Wandeln ihn ab, treiben die Metapher weiter. „Showmaker“, sagt mein Mann gerne. Denn schon als Kleinkinder, als Babys, lernen wir, Theater zu spielen. Die ersten Versuche im Lügen, das laute Weinen, wenn ein winziger Kratzer die oberste Hautschicht verändert hat, der leichte Plumps aus den mit Windel ausgepolsterten Hintern. Alles genügt, um zu schreien, um zu weinen. Denn, so schlau sind wir schon als Babys: Wenn wir weinen, kommt Mama, kommt Papa, werden wir hochgenommen, geknuddelt, sie spielen mit uns und wir sind im Mittelpunkt.
Das verlernen wir nie. Ja, manch einer kann besser lügen, anderen sieht der Gegenüber die Unwahrheit nicht nur an der Nase an, sondern am Blick, am Grinsen, am Erröten. Sind sie deshalb schlechtere Theaterspieler? Nicht im Mindesten! Zwar ist ihr Versuch, zu flunkern, erkennbar, doch das Erröten und die eindeutigen Zeichen, das ist Teil des Theaters. Eine Lüge, die nicht wirklich eine ist, beinahe niedlich, irgendwie süß. Und ganz große Kunst.

Alles nur Theater! Unser Verhalten hängt davon ab, welche Rolle wir spielen müssen (©S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Alles nur Theater! Unser Verhalten hängt davon ab, welche Rolle wir spielen müssen (©S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Und statt dass wir mit zunehmendem Alter weiser werden und Theater auf der Bühne lassen, reift unser Schauspieltalent. Jungs, die einen auf starker Mann machen, Mädchen, die rosa mögen und Einhörner. Das sind Rollen, Rollen, die wir verteilen und nach denen wir uns richten. Rollen, die wir spielen. Und auch das burschikose Mädchen mit Stoppelhaaren und Fußball unterm Arm wird zur Figur, zum Gegenpart, den es auf jeder Bühne braucht, sonst wird es langweilig. Nein, Erwachsene sind mitnichten besser. Frauen spielen Mütter, spielen Karrierefrau, spielen Erotikvorstellung. Männer spielen Handwerker, spielen Sportbegeisterte, spielen Ernährer. Die Welt ist ein Theater und wir sind die armen Schauspieler, die Rollen vorgesetzt bekommen und sich nach ihnen zu richten haben.
Es gibt kein Entkommen. Kein Aber, kein „Ich nicht“, kein Wegbleiben. So ist das bei gutem Theater, wir können nicht nicht mitmachen, wir können nicht nicht reagieren. Selbst der Ausstieg aus der Gesellschaft ist Teil des Stücks. Und wir wissen es. Über unseren Rollen haben wir vergessen, wer wir selbst sind. Schlimmer noch: Wir definieren uns über unsere Rollen. Aber: Ist es ohne sie überhaupt möglich? Was wäre das für eine Welt ohne Zuordnungen und Gruppenzugehörigkeiten? Traum oder Albtraum? Denn unsere Rollen bieten uns auch einen Rahmen der Orientierung, einen Schutz. Und solange theoretisch jeder alles erreichen kann – wäre es nicht schön, wenn es so wäre – sind wir zufrieden mit der Theorie und vergessen gnädig, dass die Praxis uns doch wieder in Rollen zwängt.
Und das Theater? Das richtige also, mit Bühne und bezahlten Schauspielern und Stücken, mit Geschichten und Drama? Das zeigt uns, was es uns immer schon zeigt. Die Welt. Mal als Spiegel, mal als Wunschvorstellung, mal als Ausblick, mal als Erinnerung. Und wir nehmen die Rolle der Zuschauer ein und applaudieren, wenn die Schauspieler sich verbeugen. Essen Popcorn im Kino, improvisieren vielleicht mal mit. Je nachdem, was unsere Rolle alles zulässt. Denn unsere Rolle, das sind wir.

Vorschau: Nächste Woche ist Sascha für euch hier mit einem neuen Thema bereit.

Scheiß drauf – über Kraftausdrücke in Sprache und Schrift

Schei-. Das sagt man doch nicht (©Rainer Sturm/pixelio.de)

Schei-. Das sagt man doch nicht (©Rainer Sturm/pixelio.de)

„So eine verdammte Schei –“, gerade kann ich mich noch bremsen. Im Kinderstuhl schreit das Baby, mein Sohn schaut mich mit großen Augen an und auf dem Boden türmen sich Frühstücksflocken, die munter weiter aus der Packung kugeln, die gerade vom Schrank gefallen ist. Ich beiße mir auf die Lippe und denke mir den Rest.

Dabei würde es gerade am Liebsten aus mir herausbrechen, die Flut an Worten, die in Gegenwart kleiner Kinder nicht gesagt, und noch viel weniger geschrieben werden sollen. In einer amerikanischen Serie nutzt einer der Protagonistinnen stattdessen „Bieberkacke“, in einer anderen wird „Grinch“ anstatt einer Beleidigung gesagt. Manchmal scheint es allein in Elfriede Jelineks Dramen trauen sich die Leute noch Kraftausdrücke zu verwenden.

Gut, ich will natürlich nicht, dass mein Fünfjähriger „Scheiße“, „beschissen“ oder andere Schimpfworte nutzt. Das liegt aber weniger an den Wörtern selbst, sondern eher daran, dass es mit Kraftausdrücken ist, wie mit Werkzeugen, sind sie doch Werkzeuge der Sprache – man sollte sie erst benutzten, wenn man weiß wie. Mein Sohn lernt im Kindergarten mit der Schere zu schneiden, aber wie lernt er, wann ein lautes „Scheiße“ Frustabbau ist und wann fehl am Platz? Und dabei drängt sich mir noch eine ganz andere Frage auf: Habe ich das selbst gelernt?

Sprache verbindet? Unsere Wortwahl ist bestimmt von sozialem und kulturellem Umfeld, von unserer Erziehung und unserem Geschlecht (©Barney O'Fair/pixelio.de)

Sprache verbindet? Unsere Wortwahl ist bestimmt von sozialem und kulturellem Umfeld, von unserer Erziehung und unserem Geschlecht (©Barney O’Fair/pixelio.de)

Wie viele Menschen bin ich mit einer Fülle an Ausdrücken gesegnet, die nicht gleich den Inhalt meiner Toilette bezeichnen. Mist, Dreck, Depp, doof oder blöd. Meine Mutter pflegt „Scheibenkleister“ zu sagen, wenn ihr das „Sch“ schon über die Lippen gekommen ist. Sind wir Generationen von Kraftausdruck-Unterdrückern? Mein Mann jedenfalls hat keine Probleme, „Scheiße“ zu sagen. Und da sind wir beim Kern der Sache: Kraftausdrücke tragen nicht umsonst „Kraft“ in sich. Und obgleich wir in der Zeit der Gleichberechtigung leben, Frauen Karriere machen und Männer zu Hause bleiben können, gehören die Kraftausdrücke noch immer den Männern.

Sprache verrät viel über den Sprecher. Sie sagt aus, aus welchem Land wir kommen, aus welchem sozialen und kulturellen Milieu, aber auch welchem Geschlecht wir angehören. Und das nach Jahren des Feminismus und dem Kampf der Frauen um Gleichberechtigung. Scheiß drauf. Es ist Zeit diese Hürde zu nehmen. Sprache gehört uns allen. Die gesprochene wie die geschriebene Sprache, denn noch viel weniger als hören, kann man Kraftausdrücke lesen. Sie gehören zur Mündlichkeit und Dialektalem. Im Mundartlied „PälzerBu“ gibt es eine ganze Strophe, die allein aus Schimpfwörtern besteht, in Werken des literarischen Kanons dagegen kann man die Ausdrücke an einer Hand abzählen.

Wie gerne würde ich auch mal schreiben, dass ich Twilight nicht nur dämlich, sondern richtig scheiße finde, dass Homophobie nicht nur intolerant, sondern einfach beschissen ist oder Germanys Next Topmodel nicht nur niveaulos, sondern meiner Meinung nach echt kacke ist. So ein tiefes, subjektiv gefärbtes und absolut argumentfreies Schimpfwort trägt zwar zu Diskussion wenig bei, legt aber Standpunkte ziemlich gut klar und auch deren Unumstößlichkeit. Darum: Mehr Mut zu Kraftausdrücken und Schimpfwörtern, redet euch mal frei, schreibt was ihr wollt und schluckt es nicht einfach runter. Sprache gehört uns allen, auch die kräftige.

 

Vorschau: Nächste Woche schreibt Sascha für euch über den literarischen Kanon und fragt sich, ob wir das heute überhaupt noch brauchen.

Im Bann der Mutter

Was wären wir ohne unsere Mütter? Oder anders herum: Was wären unsere Mütter ohne uns? Jedenfalls keine Mütter. Doch in unserem Kopf besteht ein Idealbild, wie eine Mutter zu sein hat. Fürsorglich, liebevoll, geduldig und verantwortungsbewusst. Eine Frau, die uns getragen und genährt hat, die Nächte an unserem Kinderkrankenbett verbrachte und keine ruhige Minute findet, wenn wir einmal nichts ans Handy gehen. Pustekuchen.

Stilisiert? Was gehört wirklich zu einer Mutter (© Petra Bork / pixelio.de)

Allem voran sollte eine Mutter ja die leibliche Mutter sein. Um es mal ganz trocken zu sagen: sie sollte uns im embryonalen und fötalen Zustand etwa 40 Woche in ihrem Uterus getragen, mit der Nabelschnur versorgt und schließlich unter Schmerzen aus dem dafür gedachten Körperteil gepresst haben. So. Angeekelt? Selbst schuld. Eine Mutter ist in erster Linie eben auch eine Frau. Sie hat Sex, Sex bis zur Befruchtung. Und dass die Sexualität unserer Mütter uns in jeder Form eher abstößt liegt daran, dass wir sie eben immerzu als rein fürsorgliches Wesen stilisieren. Eine Frau, die unseren Windelwunden Hintern mit Babypuder bestäubt hat, kann doch unmöglich sich lüstern auf einem Bett räkeln. Kann sie eben doch. Und noch viel mehr. Unser Kopf will diese Bilder nur nicht miteinander verknüpfen.

Entsexualisiert wurde die Mutter aber weniger von uns per se, als von der Gesellschaft, die uns das Mutterbild diktiert. Jaja, die böse Gesellschaft mal wieder. Aber das gehört eben dazu. Wie Frederic Hormuth in seinem aktuellen Programm treffend aufzeigt, diktieren uns sogenannte Reality-Shows im Fernsehen ja auch, wie ein Millionär, ein Topmodel, ein Harz-IV Empfänger, und noch andere auszusehen haben. Die Mutterfigur, wie wir sie kennen hat ihre Wurzeln aber lange vor der ersten schwarz-weiß Ausstrahlung. In der Aufklärung, im 18ten Jahrhundert also, wurde sie erschaffen. Aus rein pragmatischen Gründen: Um der immer höheren Kindersterblichkeit entgegen zu wirken. Bis dahin hatte, wer es sich leisten konnte, eine Amme, eher noch eine Amme pro Kind. Stillen war als tierisch verpönt,die Hausfrau hatte andere Dinge zu tun, als nett auszusehen und mit anderen Hausfrauen über dies und das zu reden. Die Aufklärung aber führte das Bild der fürsorglichen Mutter ein, deren Kinder erstens überlebten und zweitens zu respektvollen Erwachsenen heranwuchsen. Auch die Erziehung fiel ins Gebiet des Mütterlichen. Das Liebevolle kam nach und nach dazu, hochstilisiert und verglichen mit der Gottesmutter Maria.

Muttergefühle - erfunden und trotzdem da (Bild: Obermann)

Die Mutterliebe ist demnach nur ein erfundenes und uns auferlegtes Gefühl. Eine Mutter, die aufgrund von postnataler Depressionen ihr Kind erst mal nicht lieben kann, fühlt sich deswegen richtig mies. Als würde sie gegen die Natur verstoßen. Tut sie aber nicht. Zu früheren Zeiten bauten die Mütter erst Beziehungen zu ihren Kindern auf, wenn diese die ersten Wochen oder Lebensjahre überstanden hatten. Heute fühlen sich viele werdende Mütter von dem geforderten Gluckensein fast schon überfordert. Frauen, die wieder arbeiten gehen, nachdem sie ein Kind bekommen haben, müssen sich anhören, dass das der Entwicklung des Kindes abträglich sei. Mütter, die zuhause bleiben, müssen damit klar kommen, von vielen nicht ernst genommen zu werden. Wer das Idealbild nicht wenigstens anstrebt, sollte, so die Meinung der Gesellschaft, erst gar nicht Mutter werden. Und was ist mit Pflegemüttern, Tagesmüttern, Stiefmüttern, Adoptivmüttern, …? Sind sie nicht auch Mütter, die einen mehr, die anderen weniger, wie alle eben?

Die Mutterfrage lässt uns irgendwie nicht los. Aus den Märchen kennen wir böse Stiefmütter. In der Originalfassung der Brüder Grimm waren das noch leibliche Mütter. Kindermord ist ein gefundenes Fressen für die Medien und alle Welt schreit auf. Doch Mutterliebe ist nur erfunden und wie eine Frau sich ihrem oder einem Kind gegenüber verhält, hängt eben nicht von Übereinstimmungen im Genom ab, sondern von ihr selbst. Was sie nach der Geburt macht auch. Jede arbeitsliebende Karrierefrau kann nach der Geburt ihres Kindes plötzlich zur Hausfrau werden, andere sehen gerade dann einen Sinn für mehr Engagement. Muttersein kann sich nicht verallgemeinern lassen. Und doch ist es das, was jeder Chef macht, wenn er eine Frau nicht einstellt, weil sie wegen potentieller Geburten ausfallen könnte. Es ist das, was in unseren Köpfen spukt und das, was im Blick jeder stilechten Spielplatzmami liegt. Eine Mutter eben. Und meiner Meinung nach ist es höchste Zeit etwas daran zu ändern. Denn ich habe keine Lust, wie andere Mütter zu sein. Weder wie die einen, noch wie die anderen. Ich bin lieber ich, als Frau und als Mutter. Und meinen Sohn scheint das nicht zu stören.

Vorschau: Sonja nimmt sich nächste Woche das Thema Nachbarschaftsbeziehungen vor.


Die Frau, der Mann und der Mensch

Einfach unterschiedlich. Mann, Frau oder doch alles Mensch? (© S. Hofschlaeger/pixelio)

Ich gebe zu, manchmal hab ich einen feministischen Schlag. Nein, eigentlich ist es ein geschlechtsunspezifischer Schlag. Mein Sohn bekommt auch mal einen Daumennagel lackiert, wenn er von meiner Maniküre so fasziniert ist, er bekam auch seine rosa Hausschuhe mit Glitzer. Mein Verlobter und ich kommen immer mal wieder in Streit darüber, ob eine Frau das Gleiche leisten kann, wie ein Mann. Und vielleicht mach ich mir gleich Feinde, aber wenn ich noch einen durchgegenderten Text lesen muss, unsere Politiker eine Frauenquote ernsthaft für das Beste halten, oder mein Vater mir sagt, ich könne nicht so hart arbeiten wie die Männer unserer Familie fang ich an zu schreien.

Vielleicht verzeihe ich meinem Vater nochmal, wenn er die Entschuldigung anführt, dass Frauen bei zu schwerem Tragen eine Gebärmutterabsenkung riskieren. Doch selbst dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass zwischen dem Homo sapiens sapiens masculinum und dem Homo sapiens sapiens femininum signifikante Unterschiede gibt, die über biologische und soziale Stellung entscheiden. Wisst ihr was? Ja, es gibt Unterschiede zwischen Männer und Frauen. Und das ist auch gut so. Aber ich habe keine Lust auf diesen Unterschieden rumzureiten.
Genau das passiert jedoch. Lesen wir einen Satz, in dem statt ‚man‘ ‚mensch‘ steht, oder gar ‚frau‘ riechen wir Lunte, das liest sich merkwürdig. Der Fokus wird geradezu verlegt auf das Wort, das eben nicht dort steht. Wozu führt das? Wird tatsächlich irgendeine soziale Ungerechtigkeit vermindert, wenn ‚mensch‘ beim Schreiben kein ‚man‘ benutzt?

Armes Ding? Die Betonung auf Ungerechtigkeiten machen die Frauen zu einer Minderheit, die sie nicht sind (Foto: Beutler)

Sehen wir es mal so: Die soziale Ungerechtigkeit ist im Vergleich zu der von vor fünfzig Jahren geradezu minimal. Nein, das ist keine Entschuldigung, aber ich kann die Frauen einfach nicht als arme Minderheit ansehen, die selbst in der Sprache in Schutz genommen werden muss.
Und dann diese Frauenquote. Ich bin wirklich für Frauen in Führungspositionen, für Gleichberechtigung und gleiche Chancen im Job unabhängig von Geschlecht, Religion und Herkunft, aber eine Quote finde ich lächerlich. Denn dann werden, nur um einen Prozentsatz Genüge zu tun, auch Menschen angestellt, die einfach keine Qualifikation haben, die nicht für den Job geeignet sind. Einige Firmen gehen da wirklich vorbildlich vor und wollen eine anonymisierte Bewerbung, bei der es erst mal wirklich nur auf Leistung ankommt, nicht auf irgendwelche sozialen Merkmale.
Bleiben wir ehrlich, mit Sicherheit wird die Frau nicht in allen Lebensbereichen gleichberechtigt behandelt. Tatsächlich gibt es immer Ebenen, in denen manche Menschen ungerecht behandelt werden. Haben wir uns mal Gedanken gemacht, wie schwer es ein männlicher Pfleger, ein männlicher Erzieher oder Grundschullehrer hat? Diese Ungerechtigkeit ist keine Einseitige, so ungern die lieben Frauen das zugeben. Manche Farben kann ein Mann nur anziehen, wenn er riskiert, beschimpft zu werden. Ein dreijähriger Junge, der auf einem Nagel lila Lack hat, bekommt im Kindergarten schon zu hören: „So was benutzen doch nur Mädchen.“ Wo bleibt hier die Gleichstellung?

Kein Strippenzieher - bei genauer Betrachtung ist der Mann wohl auch nicht immer so gut wie eine Frau (Foto: Beutler)

Es ist zweifelsohne ein ehrenwertes Ziel, dass ein Mensch nicht über dicke Brüste oder dem, was zwischen seinen Beinen baumelt, definiert wird. Vielleicht müssen manche Menschen erst durch eine Quote dazu getrieben werden, auch mal Neues zuzulassen, aber sinnvoll wird es dadurch wirklich nicht. Und Ungerechtigkeiten verschwinden auch nicht, indem wir in der Sprache durch Ersetzung eines Wortes auch noch darauf aufmerksam machen. Der Anfang muss im Kleinen stattfinden, im Kopf jedes einzelnen Menschen und das ist ein Weg, der nicht von einem zum nächsten Jahr absolviert werden kann. Vielleicht ist ein Teil, dass wir die Kategorien ‚Mann‘ und ‚Frau‘ überdenken und dann unseren Kindern neue Ansichten mitgeben. Wie zum Beispiel, dass es absolut in Ordnung ist, wenn auch ein Junge mal lila Nagellack benutzt.

Vorschau: Lea schreibt nächste Woche über den Importfeiertag Halloween.