Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Im Mai ist es endlich wieder soweit. Dutzende kleine selbstgebastelte Geschenke aus Kindergartenkinderhänden werden liebevoll und strahlend übergeben, Grundschüler sagen ein Gedicht auf, die Größeren richten den Frühstückstisch. 2018 trennen Vater- und Muttertag lediglich drei Nächte. Doch woher kommen diese Traditionen eigentlich und was bedeutet es, dass wir sie feiern? Ganz so rosig und voller Herzchen ist nämlich weder die Geschichte dahinter noch die Auslegung. Aber eins nach dem anderen.

Männer vor

Ein paar Blumen für Mama und Papa – das reicht dann aber auch (Foto: Obermann)

Die Herren bekommen den Vortritt, denn der Vatertag – auch Herren- oder Männertag genannt – etablierte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Gefeiert wird er in Deutschland an Christi Himmelfahrt. Das ist ungemein praktisch, denn das ist ein gesetzlicher Feiertag, fällt immer auf einen Donnerstag und bringt darum oft auch einen Brückentag mit sich. In testosterongestärkter Runde wird dabei gewandert und vor allem Alkohol konsumiert. Was das mit Vätern (und Kindern) zu tun hat, ist dabei nicht so klar. Herrentag passt schon besser als Ausdruck, denn weder müssen die „Wandernden“ Kinder haben noch sind diese mit von der Partie – außer sie trinken auch schon mit. Gefährlich ist der Tag auch noch. Das Statistische Bundesamt zählte 2012 an Christi Himmelfahrt dreimal so viele Unfälle unter Alkoholeinfluss. Zufall? Eher nicht. Die gleiche Potenzierung wurde auch schon 2008 gemessen.

 

Mütter doch zuerst?

Familien sind vielfältig – Eltern erst recht. Brauchen wir Mutter- und Vatertag überhaupt noch? (Foto: Obermann)

Für den ersten Muttertag gibt es ein festes Datum. Als nationaler Feiertag wurde er das erste Mal 1914 in den USA begangen. Erst danach schwappte die Idee nach Europa und wurde dank der Mütterpropaganda im Dritten Reich schließlich eine unumstößliche Markierung in unseren Kalendern. Da es für den ersten Herrentag keine genaue Jahreszahl gibt, wird immer wieder behauptet, er hätte sich in Anlehnung an den Muttertag erst danach entwickelt. Die stark unterschiedliche Ausprägung – und die Tatsache, dass es an Christi Himmelfahrt nicht wirklich um Väter geht – macht das als Ursprung für den Herrentag aber unwahrscheinlich. Glaubhafter ist, dass der ebenfalls aus Amerika kommende Vatertag schlicht auf den bereits etablierten Herrentag gelegt wurde. Denn der Muttertag soll tatsächlich ein Ehrentag für Mütter sein. Eine Feierlichkeit aus Dankbarkeit ihrer unablässigen, liebevollen Fürsorge gegenüber. Entschuldigt, ich lache mal laut auf. Mami ausführen, ihr einen Strauß Blumen schenken und eine gebastelte Karte machen natürlich die restlichen 364 Tage voller Selbstverständlichkeit wieder wett. Übrigens: Gesetzlicher Feiertag ist in Deutschland weder das eine, noch das andere. Frei haben wir wegen Christi Himmelfahrt und Sonntag.

Eigentlich unverschämt

Alles liebe zum Muttertag! Aber morgen macht Mama wieder Frühstück (Foto: Obermann)

Auch in Zeiten der wachsenden Gleichberechtigung werden Erziehung und Kinderbetreuung noch immer als Sache der Frau verstanden. Im Schnitt tritt sie beruflich kürzer, nimmt mehr Elternzeit, kümmert sich um Kinderkankheitstage und Betreuungsausfälle. Das Statistische Bundesamt hat für 2013 festgestellt, dass Väter sogar häufiger arbeiten als Kinderlose, Mütter seltener. Das führt sich in der Teilzeitfalle fort, im Problem, dass Mütter seltener passende Berufe finden, von Alleinerziehenden will ich gar nicht erst anfangen. Nach wie vor wird Leistung im Haushalt und in der Kinderbetreuung nicht als Arbeit gewertet. Erzieher*innen können davon ein Lied singen. Mütter haben es geschrieben. Und für diese Leistung, die mit den Karriereoptionen für Frauen nicht etwa gesunken, sondern einfach neben den beruflichen Anforderungen bestehen geblieben ist, gibt es einen Tag mit Frühstück vom Gatten oder den Kindern. Das Geschirr kann Mami aber selbst in die Spülmaschine stellen, oder? Und den Rest des Jahres müssen die anderen auch nichts mehr machen, ist ja klar. Das ist gleichzeitig lächerlich und unverschämt. Heute können Familien nur funktionieren, wenn jedes Mitglied auch bereit ist, im Haushalt mitzuhelfen, wenn jeder Tag Muttertag ist, und auch der Alltag Würdigung bereithält.

Familie – zusammen

Das gilt dann selbstverständlich auch für die Väter. Etliche wollen lieber Zeit mit der Familie verbringen, sind aber unter finanziellem Druck und dem des gesellschaftlichen Leistungsverständnisses. Angepasste Arbeitszeiten für Eltern mit staatlicher Unterstützung wurden bereits in der letzten Legislaturperiode von konservativer Ecke sofort im Keim erstickt. Väter, die tatsächlich mit ihren Kindern etwas an Vatertag unternehmen, werden irritiert angeschaut. Hey, endlich mal potentiell frei vom Anhang und es wird nicht genutzt, um sinnlos Alkohol in sich rein zu schütten? Während die Gesellschaft sich darüber einig ist, dass eine Mutter es immer falsch macht, driften die Vorstellungen, was ein Vater bzw. Mann ist, doch stark auseinander. Wozu „Mann“ frei von denen braucht, die er auch im Arbeitsalltag zu selten sieht, steht dabei unbeantwortet im Raum. Die Idee, Vatertag wie Muttertag abzuschaffen und dafür Familie wieder als Zusammenhalt möglich zu machen, ist dabei noch niemandem gekommen.

„In jedem Teil steckt ein kleines Stückchen Oma oder Opa“ – Designerin Nadine Psotta im Interview

Von Indonesien ins waschechte Schwabenland. Schwabenkind Designerin Nadine Psotta legte einen langen Weg für ihren Modetraum zurück. Bereits mit 12 Jahren entdeckte sie ihre Liebe zur Mode und arbeitete ab diesem Zeitpunkt hart an ihrem Traum. Nach einer Second-Hand-Boutique, Arbeiten für die Filmbranche und die Produktion ihrer ersten Kollektion in Indonesin, ist die Modedesignerin an ihrem großen Traum angekommen und führt nicht nur eine erfolgreiche Modelinie, sondern produziert inzwischen, ganz getreu dem Namen, ausschließlich im Schwabenland.

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Schwabenkind ganz privat: Designerin Nadine Psotta in ihrem Atelier. (© Ilona Schneider)

Face2Face: Wann wusstest du, dass du etwas mit Mode machen möchtest?
Nadine: Ganz genau am 06.07.1989, meinem ersten Tagebucheintrag. An diesem Tag habe ich Modeschöpferin gespielt. Von meinen Eltern habe ich viel Lob bezüglich meines Talents erhalten. Auch wenn dies eher große Elternliebe war, mein Weg ebnete sich damals genau in diesem Moment. Am Abend dieses Tages interviewte ich mich selbst und beendet des Interview mit folgendem Satz: „Und heute ist sie eine ganz bekannte Modeschöpferin“. Jedes mal, wenn ich diesen Satz lese, muss ich schmunzeln – Ich möchte definitiv einmal die Entwürfe von damals mit meinem heutigen Wissen umsetzen.

 www.lichtformstudios.de

Verspielt und unkonventionell: Schwabenkind-Dirndl mit Blumenschmuck. (© www.lichtformstudios.de)

Face2Face: Dein Modelabel wurde ja nach deinen Großeltern benannt, welche Geschichte steckt da dahinter?
Nadine: Meine Großeltern hießen Karl und Maria. Meine Oma war eine ganz begeisterte Näherin und hat viele Dinge mit mir umgesetzt. Aufgrund ihrer gradlinigen Phantasie, haben wir haben uns zwar immer die Köpfe eingeschlagen, ich konnte mich am Schluss aber immer gut durchsetzen. Wir haben sehr viel zusammen gearbeitet. Meine Oma war auch diejenige, die mir die Liebe zum Nähen und Designen beibrachte. Leider ist sie ein halbes Jahr vor meinem Modedesign Abschluss verstorben. In Anlehnung an meine Oma und meinen Opa habe ich deshalb die Modelinie Karla Maria begonnen, wobei Schwabenkind heute präsenter ist bzw. Karla Maria die Exklusivmarke von Schwabenkind ist.

Face2Face: Neben den Basics und Kindersachen gibt es auch die Kollektionen King Karl und Queen Maria. Wofür stehen diese Kollektionen?
Nadine: King Karl steht für meinen Opa den Karl und Queen Maria für meine Oma Maria.

Face2Face: Wie wird denn dein ganz eigener Stil und damit auch deine Kollektionen beeinflusst?
Nadine: Ich reise sehr viel und schaue mir auch gerne Dokumentationen über andere Länder und Kulturen an. Darüber erhalte ich immer ganz witzige Ideen.

Face2Face: Deine Kollektionen sind ja sehr farbenfroh – welche ist denn deine Lieblingsfarbe?
Nadine: Meine Lieblingsfarbe ist Petrol. Petrol oder Türkis, das sind meine persönlichen Favoriten.

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Ein Traum in Pink: Eines der vielen farbenfrohen Designs von Nadine Psotta. ( © www.lichtformstudios.de)

Face2Face: Was möchtest du mit deinen Designs ausdrücken?
Nadine: Ich möchte zeigen, dass alles was nicht zusammen passt, am Schluss definitiv passend gemacht werden kann. Für meine Phantasie gibt es keine Grenzen und ich vertrete die Meinung, dass Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Was mich auch immer genervt hat ist, dass wenn ich in einen Kinderladen rein gegangen bin, ich immer so viele Kleidungsstücke gesehen habe, die ich auch so gerne haben wollte, allerdings gab es diese natürlich nie in meiner Größe. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich auch solch eine bunte und verrückte Mode machen möchte, allerdings für Erwachsene.

Face2Face: Symbolisieren diese Kollektionen deine Großeltern?
Nadine: In den Kollektionen steckt meistens ein kleines Stück Oma oder Opa. Sei es ein alter Stoff den ich verarbeite oder Rüschen und Knöpfe, die ich noch von meiner Oma geerbt habe.

Face2Face: Deine Kleidungsstücke werden ausschließlich im Schwabenland produziert. Was ist dir daran besonders wichtig?
Nadine: Die Produktion im Schwabenland ist mir auf Grund meiner guten Zusammenarbeit mit meinen Geschäftspartnern Brigitte und Gerhard von der Schwäbischen Alb besonders wichtig. Die hohe Qualität die sie mir bieten, ist einfach unschlagbar. Auch der kurze Anfahrtsweg und der rechtliche Schutz der mir im Inland zusteht, sind grundlegende Kriterien für meine Wahl. Was mir natürlich auch gefällt ist, dass man mich hier versteht, wenn ich „schwätze“, was in Asien generell nicht der Fall war, vor allem wenn ich „gemotzt“ habe.

Face2Face: Soll die Produktion im Schwabenland auch die Marke Schwabenkind symbolisieren?
Nadine: Ich will Schwabenkind definitiv nur noch im Schwabenland produzieren.

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Traditionell und doch verrückt: Das Waldmädchen von Schwabenkind. (© www.lichtformstudios.de)

Face2Face: Wie sieht denn der typische Kunde/die typische Kundin aus, die Schwabenkind kauft?
Nadine: Typische Kunden gibt es bei mir gar nicht. Bei mir kauft wirklich von der kleinen Prinzessin, die von ihrer Mutti etwas bekommt, bis zur Oma mit lila gefärbten Haaren. Das beste Erlebnis war auf einer Messe, als ich von weitem zwei Personen gesehen habe, die komplett in Lack und Leder gekleidet waren. Ich wunderte mich schon wo diese hin möchten, als ich an ihrem Namen erkannte, dass sie Stammkunden von mir waren. Im Endeffekt richtig geile Leute. Ich habe noch nie einen meiner Kunden kennengelernt der mir unsympathisch war.

Face2Face: Was hast du, was andere nicht haben?
Nadine: Ich denke meine Stärke liegt darin, dass ich mich nicht darum schäre was gerade Mode ist. Ich höre auf mein Herz und mache nur die Dinge, die mir Spaß machen. Mein großes Geheimrezept liegt wohl darin, dass es mir nicht darum geht das große Geld zu machen, sondern mich selbst in meiner Arbeit widerzuspiegeln.

Danke Nadine Psotta für den Einblick, dass hinter der Mode nicht nur Trends und schöne Schnitte stecken, sondern auch viel tiefgründige Bedeutung und ganz viel Herz.

http://schwabenkind.com

Vorschau:

Mehr als nur Geschichte: Das DDR-Museum in Berlin

Das Leben in der ehemaligen DDR: Insbesondere für die jüngere Generation ist dies schwer greifbar, obwohl der Fall der Mauer gerade mal 26 Jahren zurückliegt. Wie genau lebte es sich in der DDR? Welche Produkte waren typisch? Wie sah eine klassische Wohnung im Plattenbau aus? Auf diesen Fragen und vielen mehr hat das DDR-Museum in Berlin die passenden Antworten parat. Das Ziel ist es in die Welt der ehemaligen DDR einzutauchen, zu begreifen, was es bedeutete in der DDR zu leben und zu arbeiten.

Das Konzept geht auf: Das Museum setzt auf Interaktivität . Kein durchgängiges, schnödes Lesen von Texttafeln oder eine Aneinanderreihung von Kurzfilmen. Die Abwechslung, die das Museum bietet, macht einen Besuch sowohl für Kinder als auch für Erwachsene interessant und lohnenswert.

Du hast Lust dir eine originalgetreue Wohnung anzuschauen, wie sie tausendfach in der DDR vorkam? Dank einer Nachbildung ist dies möglich. Küche, Bad, Wohnzimmer: Sogar der Fernseher mit DDR-Fernsehprogrammen läuft, sodass man sich gemütlich auf die dunkelbraune Couch setzen und das Ambiente auf sich wirken lassen kann.
Auch das Betreten eines Trabant ist möglich. Der „Trabbi“ ist wohl der meist gefahrene Kleinwagen der DDR und daher ein echtes Kultauto. Wenn du mehr über den Kleidungsstil erfahren möchtest, dann öffne doch einfach den Kleiderschrank und schau selbst nach, was gerne getragen wurde und welche Stoffe beliebt waren.
Wo hat die Bevölkerung der DDR Urlaub gemacht? War dies überhaupt möglich? Wie sah der Alltag in der DDR aus? Was hatte es mit der weit verbreiteten FFK-Kultur auf sich? All diese Fragen werden dir im Museum spielerisch, doch trotzdem informativ, beantwortet.
Empfehlenswert ist ein vorheriger Ticketkauf. Du musst dich zwar schon auf einen Tag und eine Uhrzeit festlegen, jedoch vermeidest du damit lange Wartezeiten. Das Museum ist bei Touristen aus aller Welt sehr beliebt, sodass man im Grunde immer mit einer längeren Schlange rechnen muss. Wenn du jedoch das Ticket schon vorab kaufst, hast du aufgrund eines separaten Eingangs direkten Eintritt ins Museum.

Das Museum liegt direkt vis-à-vis zum Berliner Dom. Mit Straßenbahn und Bus fährst du bis „Spandauer Straße/Marienkirche“, mit der S-Bahn bis „Hackescher Markt“. Der Eintritt kostet für Erwachsene 6 Euro, für Kinder und Ermäßigte sogar nur 4 Euro.

Vorschau: Nächste Woche entführen wir euch nach Brügge in Belgien.

Geschichte des Klimas, Teil 2: Einflüsse auf das Klima

Globale Erwärmung, Weltklimagipfel- heute dreht sich alles um das Klima. Manche sagen, es gibt keine globale Erwärmung, andere warnen vor der drastisch angestiegenen Erderwärmung. Das globale Klima hat sich über die Jahrmillionen immer wieder stark verändert und wird durch zahlreiche Faktoren bestimmt. Dies ist ein kleiner Überblick über die Einflüsse auf das Klima.

Die Geschichte der Erde lehrt uns, dass sie bereits ein großer Lavaball und ein großer Schneeball war. Bis heute schwankt das Klima ständig hin und her in Perioden, die man als greenhouse und icehouse climates bezeichnet (zu Deutsch: Treibhaus und Eishaus Klima) und deren Zeiträume 10 bis mehrere hundert Millionen Jahre ausmachen. Während eines greenhouse Klimas gibt es wenig bis kein permanentes Eis an den Polen, der Meeresspiegel ist hoch und warme Temperaturen sind auch in höheren Breitengraden zu finden. Bei icehouse- Bedingungen haben wir das Gegenteil und viel Eis ist an den Polen zu finden.

Die Veränderungen der Klimata sind in der Atmosphäre zu erkennen. Dort gibt es ein Hin und Her zwischen Kohlenstoffdioxid (CO2) und Sauerstoff (O2). Kohlenstoffdioxid und Methan, beides Stoffe, die Kohlenstoff gebunden haben, sind Treibhausgase, die einen Treibhauseffekt herbeiführen, indem sie Hitze auf der Erde halten. Tiere atmen Kohlenstoffdioxid aus, während Pflanzen wieder Sauerstoff produzieren. Lebewesen können also das Klima stark beeinflussen. So war das Aufkommen der ersten Lebewesen, die durch Photosynthese Sauerstoff produzierten, nicht nur ein Wandel der Atmosphäre, sondern auch des Klimas und führte ebenso zu einem Massensterben der Lebewesen. Aber auch der Süßwasserfarn Azolla soll sich vor 49 Millionen Jahren im arktischen Ozean stark vermehrt haben. Die abgestorbenen Farne sanken auf den Meeresboden und entzogen dem Planeten Kohlendioxid, was dazu führte, dass die damalige Warmzeit, in der die Dinosaurier noch lebten, endete und wir uns nun in dem heutigen bestehenden Eiszeitalter befinden.

Wintersonne: Bedingt durch die Erdachsenneigung (Foto: Andreas Hermsdorf  / pixelio.de)

Wintersonne: Bedingt durch die Erdachsenneigung (Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de)

Doch es gibt nicht nur die großen Veränderungen des Klimas im Bereich von Millionen Jahren. Drei dominante Zyklen, auch als Milanković-Zyklen bekannt, bestimmen ebenfalls die Variationen des Klimas. Die Exzentrik bezeichnet den Unterschied im Orbit der Erde um die Sonne. Die Veränderungen der Bahn der Erde von elliptisch zu weniger elliptisch und fast kreisförmig, führen zu einem unterschiedlichen Abstand zur Sonne und damit auch der empfangenen Wärme. Dieser Zyklus dauert circa 100.000 Jahre an. Eine Periodizität von 41.000 Jahre hat der Zyklus der Erdachsenneigung. Heute ist die Erde um 23,5° geneigt und diese Neigung bestimmt unsere vier Jahreszeiten. Doch die Neigung der Erdachse kann sich verändern von 21,5° bis zu 24,5°. Eine geringere Neigung führt zu einem angeglichenen Sommer- und Winterübergang, würde jedoch auch zu einem stärkeren Temperaturunterschied zwischen Äquator und Polen führen. Der dritte Milanković-Zyklus ist die Kreiselbewegung der Erde. Es verändert sich also nicht nur die Achsenneigung, sondern auch dessen Ausrichtung, was dazu führt, dass wir irgendwann nicht mehr Polaris als Nordstern bezeichnen können, sondern den Stern Vega. Dieser Zyklus hat eine Periodizität von 23.000 Jahren und führt ebenfalls zu einem Tausch von Sommer und Winter auf dem Erdorbit. Momentan ist für die nördliche Hemisphäre Winter, wenn die Erde auf ihrer elliptischen Laufbahn näher an der Sonne ist. In 10.000 Jahren bereits wird Winter für die nördliche Hemisphäre dann sein, wenn die Erde am weitesten weg von der Sonne ist. Dies wird zu größeren saisonalen Kontrasten führen.

Die Sonne ist ebenfalls ein Faktor für die Veränderungen des Klimas. Nicht nur, dass die Sonne bei ihrer Geburt nur 70% so stark beziehungsweise hell war, wie sie es nun ist, und sie uns somit heute mehr Licht und Wärme liefert, die Sonne hat ebenfalls Fluktuationen ihrer Energieabgabe. Die sogenannten Sunspot Zyklen (Sunspots sind schwarze Punkte, die man auf der Sonnenoberfläche beobachten kann), wiederholen sich alle 11 Jahre. Dieser Zyklus hat jedoch nur einen kleinen Einfluss auf das Klima.

Teil 1: Die Entstehung der Erde

Vorschau: In zwei Wochen erfahren wir, was man tun soll, wenn man Zeuge von Tierquälerei wird.

Die Geschichte des Klimas, Teil 1: Die Entstehung der Erde

Warum ist die Welt so, wie sie ist? Wie entsteht das Klima? Wie entstand das Leben? Um all das zu verstehen, müssen wir einen Blick in die Vergangenheit werfen. Zu den Anfängen bis Heute.

Am Anfang war der große Knall, unser Solarsystem entwickelte sich und kurz darauf entstand die Erde in einem Prozess namens Akkretion. Der Druck und die Hitze durch radioaktiven Zerfall der Elemente und die Nachwirkungen von massiven Kollisionen verschiedenster interstellarer Gesteine führten dazu, dass die Erde ein geschmolzener Lavaball war, dessen primitive Atmosphäre aus vulkanischen Abgasen bestand und noch kein Sauerstoff enthielt. Wasser, welches durch Kometen als Eis auf die Erde kam, war gasförmig. Doch die Sonne war zu diesem Zeitpunkt noch nicht so stark, wie sie es heute ist. Der Planet kühlte langsam ab und es bildete sich eine Erdkruste und Meere entstanden durch einen jahrtausendlangen Regen. Noch heute ist der riesige Ozean aus Magma unter der Erdkruste vorhanden und ist der Grund für die Kontinentalplattenbewegung. Auch ein Magnetfeld bildete sich, welches die Erde noch heute vor Solarwinden schützt.

Vor etwa 3,8 Milliarden Jahren entstand das erste Leben, Einzeller. Und obwohl die Sonne langsam stärker wurde, so kühlte die Erde ab und war ganz in Eis gehüllt. Zwei mal hintereinander war, so die Theorie, die Erde eine sogenannte Schneeballerde. Erst als sich genügend CO2 und Methan angesammelt hatten, um einen Treibhauseffekt zu erzeugen, schmolz das Eis. Doch vor 2,8 Milliarden Jahren entstanden die ersten Cyanobakterien. Sie waren in der Lage Photosynthese zu betreiben und bildeten aus CO2 (Kohlendioxid) Sauerstoff. Mit dem schmelzendem Eis, wurden viele Nährstoffe, besonders Phosphate, frei und CO2 gab es ebenfalls genug. Die Cyanobakterien vermehrten sich stark und produzierten massig Sauerstoff. Da damals das Leben noch nicht an Sauerstoff gewöhnt war, starben viele andere Einzeller aus. Die sogenannte große Sauerstoffkatastrophe hatte ein Massensterben herbeigeführt. Ebenfalls reagierte der frei werdende Sauerstoff mit dem Methan, welches den Treibhauseffekt verkleinerte und die Zweite Schneeballerde entstehen ließ.

Nachdem die Erde ein zweites Mal der kompletten Vereisung entging, die Atmosphäre sich mit Sauerstoff anreicherte,  die Einzeller sich angepasst hatten und nun Sauerstoff zur Atmung nutzten, erblühte das Leben. Mehrzeller entwickelten sich und letztlich alle Tiere und Pflanzen.

Geologische Veränderungen tauchen ständig auf unserem Planeten auf. Biologische Veränderungen gab es seit das Leben entstanden ist. Der Prozess der Plattentektonik, ständig getrieben von der Hitze aus dem Erdinnern, spielt eine starke Rolle bei der Gestaltgebung der Ozeane und Kontinente, wie auch beim Leben, welches sich dort entwickelt. Im Gegenzug hat die Biosphäre einen signifikanten Effekt auf die Atmosphäre und den Zustand der Erde, wie bei der Herstellung des Sauerstoffs, der Formation der Ozonschicht und die Bildung des Erdreiches.

Vorschau: In zwei Wochen erfahren wir mehr über die Rettung der Hunde in Rumänien.

Geschichte hoch drei – Das Panoptikum Mannheim

„Panoptikum, Panoptikum des Lebens, da stehn‘ sie rum, da stehn‘ sie rum, die Großen unsrer Zeit“ erfüllt die Chanson-Musik den Ausstellungsraum. Tatsächlich präsentiert das Mannheimer Museum Wachsvertreter bekannter und berühmter Personen wie Udo Lindenberg, Loriot, Helmut Kohl oder Fußball-Legende Sepp Herberger. Aber auch bedeutende historische Persönlichkeiten wie Herrscher, Dichter und Denker dürfen in der „Allesschau“ – soviel heißt der griechische Begriff „Panoptikum“ übersetzt – nicht fehlen. Mal licht und nüchtern, mal dunkel und makaber, bietet das Wachsfigurenkabinett im Stadthaus einen schnellen Streifzug durch die Geschichte und lässt dabei einen Spaziergang unter der Guillotine nicht aus.

Leitend: Geschäftsführer Hannes Piechotta neben der Figur Louis Castans (© Panoptikum Mannheim)

Leitend: Geschäftsführer Hannes Piechotta neben der Figur Louis Castans (© Panoptikum Mannheim)

Bereits seit fast einem Jahr hat das größte Wachsfigurenkabinett Deutschlands seine Wurzeln in Mannheim geschlagen, um Schaulustige aller Einkommens- und Altersklassen zu begrüßen. Die Wachsfigur Louis Castans – dem Mitbegründer des 1869 eröffneten ersten Panoptikums in Deutschland – lässt es sich nicht nehmen, die Besucher mit einigen Worten persönlich zu empfangen. Die Castan’schen Originalstücke aus Berlin bilden schließlich den Grundstock für die Ausstellung. Durch einen Zufall seien die Geschäftsführer auf die mehr als 140 Jahre alten Exponate aufmerksam geworden und hätten kurzerhand beschlossen, die Sammlung erneut aufleben zu lassen.

Lebensecht: Die Totemaske Johann Wolfgang von Goethes (© Panoptikum Mannheim)

Lebensecht: Die Totemaske Johann Wolfgang von Goethes (© Panoptikum Mannheim)

Das Ziel der „Geschichte in Wachs“ sei es vor allem, Bilder und Emotionen zu vermitteln. „Als Besucher kann man sich den Eindrücken nicht entziehen“ berichtet Hannes Piechotta, der Leiter des Museums. Entsprechend werden den Museumsgästen nicht nur historische Fakten, sondern auch kleine Anekdoten mit auf den Weg gegeben. Bei der Konzeption sei Piechotta stets darauf bedacht gewesen, „sich nicht im Mainstream zu bewegen“ und Besucher einzuladen, „die sonst nicht ins Museum gehen“. Da die Totenmasken Schillers, Goethes und Dostojewskis ebenso ausgestellt werden wie die Figuren von Elvis Presley, Jimi Hendrix und der britischen Königsfamilie, sei schließlich für alle Geschmäcker etwas dabei.

Beginnt die Ausstellung zunächst hell ausgestrahlt mit den jüngsten Figuren, geht die Reise schnell in dunkle Gefilde über, in denen die älteren Stücke präsentiert werden. Im sogenannten „schwarzen Kabinett“ wird die französische Revolution wiederbelebt – mit einer Guillotine über den Köpfen und abgetrennten Häuptern unter den Füßen der Besucher. Marie Antoinette und König Ludwig XVI. stehen im engsten Raum zusammen mit dem Jakobiner Maximilien de Robespierre und dem folgenden Kaiser Napoleon Bonaparte. Skurriler wird das Gesamtbild durch den Philosophen Voltaire. Ebenso kurios geht es in der preußischen Ruhmeshalle zu, in der sich eine Nietzsche-Büste zwischen die prunkvollen Herrscher gesellt. Hierin zeigt sich das Konzept des Museums, die Geschichte „mit einem gewissen Augenzwinkern“ darzustellen, so Piechotta.

Atmosphärisch: Eine Zahnarztpraxis aus dem 19. Jahrhundert (© Panoptikum Mannheim)

Atmosphärisch: Eine Zahnarztpraxis aus dem 19. Jahrhundert (© Panoptikum Mannheim)

Neben einzelnen Figuren werden auch ganze Szenerien dargestellt: Die Bauernidylle mit ausgestopften Tieren und einer Wahrsagerin grenzt an ein Bordell aus dem 19. Jahrhundert an, in der die preußische Ordnung ersichtlich wird. Eine Zahnarztpraxis um 1890, ein Kolonialwarenladen mit Gewürzen, ein Teesalon der „Belle Epoque“ und das Zille-Milieu ergänzen die Gesellschaftsstudie, die sich im „ethnologischen Kabinett“ zur Untersuchung fremder Völker ausweitet. Mit einer Mördergalerie und einer Folterkammer, in der sich mittelalterliche Originale befinden, wird es wieder makaber. Mindestens genauso schauerlich, dafür aber wissenschaftlich und nüchtern, werden im „medizinischen Kabinett“ Fehlbildungen, Geburten und Operationen nebst siamesischen Zwillingen und Hermaphroditen präsentiert. Das teuerste Stück des Panoptikums stellt dabei die dort ruhende anatomische Ganzkörper-Darstellung eines Menschen dar.

Schauerlich: Die Moulage (© Panoptikum Mannheim)

Schauerlich: Die Moulage (© Panoptikum Mannheim)

Das Mannheimer Museum lässt sich insgesamt als dreifache Darstellung der Historie begreifen, als Geschichte hoch drei: Einerseits illustrieren die Figuren historische Personen und Begebenheiten. Andererseits wird dem Betrachter vermittelt, wie die Exponate entstanden sind, sodass sie eine eigene Entstehungsgeschichte erhalten. Da sich das Bienenwachs mit der Zeit braun verfärbt, lassen sich die Objekte, die aus einer anderen Epoche stammen, wiederum selbst als historische Artefakte auslegen. Wer das Panoptikum dadurch für eine leblose Ausstellung hält, der irrt. Zu unbewegten Figuren und Masken reihen sich bewegte Automaten, die Geige spielen oder sich zu orientalischer Musik bewegen. Durch ein Exponat zum Anfassen, dem Gebrauch von Video-Installationen, zahlreicher Musik- und Geräuschkulissen sowie einem Geruchskabinett voll von Gewürzen wird das Museum zu einem Erlebnis für alle Sinne.

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch eine Buchvorstellung zu Haruki Murakamis „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazak“.

Weg durch die Nacht – Anna-Geraldine Link

Neu erschienen: zwei Geschenkbücher von Anna-Geraldine Link (Foto: Link)

„Vertrau mir, bitte, vertrau mir!“ Seine Stimme klang flehend, beinahe verzweifelt und sein Blick, immer suchend nach den Augen, die ihn nicht anblicken wollten. „Wir sind schon so weit gegangen. Das letzte Stück, dieses kleine letzte Stück, das schaffen wir jetzt auch noch.“

Stille.
Die Worte gesprochen in die Dunkelheit und Schwärze der Nacht, die sie umgab. Und dann die Antwort. Eine Stimme, viel lauter als erwartet, viel durchdringender und schriller als es die Umgebung erlaubte. „Nein!“ Und immer wieder: „Nein!“ Er seufzte. So tief und aus ganzem Herzen und er kannte keine Geste, kein Wort, keine Handlung die mehr hätte ausdrücken können, wie er sich fühlte, als dieses tiefe Seufzen. Er sammelte alle seine Kraft, um wieder das zu fragen, was er schon gefühlte tausendmal gefragt hatte.

Die Frage, auf die er keine befriedigende Antwort bekam. Die Antwort, die jedes Mal das gleiche sagte, und die er sogar verstehen, ja, wirklich verstehen und nachempfinden konnte. Und dennoch wollte er es nicht mehr hören, denn er hatte keine Argumente, keine Überzeugungspunkte. Nur Phrasen. Er wollte die Antwort nicht hören. Aber er fragte: Warum? Und kaum stand das Wort zwischen ihnen in der schwarzen Nacht zwischen ihnen, genauso unsichtbar wie sie selbst und alles um sie herum, prasselte die Antwort, die Antworten auf ihn ein. Wie schon tausendmal zuvor.

Seit 2011 veröffentlichte sie 7 Geschenkbücher: Autorin Anna-Geraldine Link (Foto: Link)

„Warum? Weil ich nicht mehr kann. Weil ich nicht weiß was kommt. Alles ist schwarz. Was ist wenn jemand uns angreift. Was ist wenn wir nicht stark genung sind. Wenn wir uns nicht verteidigen können. Was ist denn hinter der Schwärze. Was soll da tolles kommen. Wir können genauso gut zurück gehen oder für immer hier bleiben. Nicht vor und nicht zurück. Hoffen, dass die Zeit stehen bleibt. Uns klein machen und den Rest der Welt ignorieren. Aber ja nicht weiter gehen. Wer sagt uns denn, dass wir danach die Sonne sehen werden?“

„Jeder.“, entgegnete er leise. „Jeder sagt, dass nach diesem kleinen Stück der Dunkelheit die Sonne kommt. Es warm wird. Wir sehen wo wir hintreten. Wir die Welt sehen.“ Er wusste, dass er mit diesen Worten nichts ausrichten konnte – er hatte es oft genug versucht. Sein kleines, lautes Gegenüber war von seinem Standpunkt, der Aussichtslosigkeit und der Erschöpfung überzeugt. Und er konnte es verstehen. Schließlich sah er auch nichts. Nichts außer Dunkelheit. Kein Schimmer, keine Ahnung, keine Hoffnung auf Licht. Wärme. Ankommen. Sondern nur schwarz. Und doch wusste er, es kommt. Es wird kommen. Es muss kommen. Und er wusste es. Und auch wenn er es nicht fühlte, so glaubte er es trotzdem, weil er es wusste.

„Vertrau mir doch einfach. Und lass uns weiter gehen.“ Er hörte wie das kleine Etwas wieder tief Luft hohle. Er erahnte erneute Zweifelschwalle. Es hatte keinen Zweck und der Entschluss stand ihm klar vor Augen. Er bückte sich, tastete zielsicher in die Dunkelheit und ergriff das Herz, das zeterte und jaulte, nicht wollte, nicht konnte, verängstigt war von aller Schwärze die seit Tagen oder Wochen um sie herum herrschte. Er wusste, was das Herz nicht wusste, nicht mehr glauben konnte oder wollte. Warum auch immer. Es war seine Aufgabe, es dadurch zu tragen. Sich nicht mehr aufhalten zu lassen. Auf das Ziel zuzustreben. Zu Laufen. Endlich Ankommen. Ins Licht. Und deshalb nahm er das Herz in seine rauen Hände hielt es fest und machte sich auf in die Nacht.

Der Verstand, der weitergeht, weil er weiß, dass es weiter geht. Der weiß, dass Licht kommen wird. Auch wenn das Herz es nicht mehr glaubt.

©Anna-Geraldine Link, geb. Buddeberg

Die Autorin

Für sie ist Schreiben lebenswichtig: Autorin Anna-Geraldine Link (Foto: Link)

Anna-Geraldine Link hieß bis zu ihrer Hochzeit im  Sommer 2012 mit Nachnamen noch Buddeberg, unter welchem sie auch ihre ersten Veröffentlichungen tätigte. Geboren 1989 in Nordrhein-Westfalen, zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, verbrachte sie ihre ersten 20 Lebensjahre als Jüngste von fünf Schwestern. Nach dem Abitur zog es sie in den Süden, wo sie 2009 ein Germanistikstudium an der Universität Mannheim begann und 2012 erfolgreich mit einem Bachelor beschloss. Seitdem lebt sie in der schönen Pfalz, ihrer Wahlheimat.

Mit zwölf Jahren begann Anna-Geraldine Link ihre Leidenschaft in der Schreiberei zu entdecken und schrieb ihre ersten Geschichten und Gedichte. Seit 2006 betreibt sie ihren Blog „Gedankenflug“, der immer wieder mit neuen Gedanken und Impressionen gefüllt wird. Das Schreiben ist für sie wie Atmen und eigentlich eine überlebenswichtige Funktion, um alle Eindrücke von Kopf und Herz zu verarbeiten. Dabei ist es ihr ein Herzensanliegen, Gedanken, Gefühle und Begebenheiten so in Worte zu fassen, dass andere Menschen sich in ihnen wiederfinden können.

Im Januar 2011 erschienen ihre ersten Geschenkbüchlein beim Verlag SCM Collection. Bis heute sind es sieben Geschenkbücher zu verschiedenen fröhlichen Lebensthemen erschienen, mit inspirierenden Texten von Anna-Geraldine Buddeberg, in einem Arrangement von Zitaten großer Persönlichkeiten und passenden Bildern und Grafiken.

Bücher:

Zwei Herzen im Glück (2012)
Glück und Segen auf all deinen Wegen (2012)
Weil ich dich einfach mag (2012)
Ein Dankeschön für dich (2012)
Dies ist dein Tag (2012)
Jede Menge Glücksmomente (2013)
Weil du mir wichtig bist (2013)

Sehnsucht trifft Erinnerung VIII / Marissa Conrady

Ich bin aufgebrochen. Eines Morgens im Januar, bin ich los gegangen. Ich habe mich noch ein paar Mal umgedreht, um zurück zu blicken, aber dann – ich war gerade abgelenkt vom Glitzer und Glitter der neuen Umgebung und großen Welt, die ich so ersehnte – drehte ich mich erneut um, und alles, was ich zurück gelassen hatte, war fort. Ich erschrak erst, als ich sah, dass es schon April geworden war mittlerweile. Und da erkannte ich, dass ich unwissend zu einem fünfstöckigen Haus gelaufen war. Ich war angekommen. Mein Herz raste, aber ich war zur selben Zeit innerlich so ruhig, wie noch nie in meinem Leben. Etwas in mir hieß mich willkommen in meinem Zuhause.

Ein heißer Schmerz durchzuckte mich, als ich die Hand auf die Klinke des Gartentürchens legte. Ich zog die Hand zurück. Sie kribbelte. Zu gerne wollte ich in das Haus gehen, mich im Garten unter die verlockenden Buchenbäume legen und die Gedanken schweifen lassen. Kurz hatte ich mir eingebildet, eine blaue Taube im Geäst zu sehen, aber nach einem ungläubigen Blinzeln war der Anblick wiederum verändert. Die Hoffnung schob sich in mein Blickfeld, groß und stattlich, wie eh und je; und ohne Haare, weil sie sich selbiges stets zu raufen pflegt.

„Begehrst Du Einlass?“ fragte er. Er hatte gut reden, immerhin war er schon auf der anderen Seite des Zaunes. Ich nickte scheu. „So sei er Dir gestattet. Denn Dein Anblick hier vor unserem Tor gefällt mir. Aber, bedenke, Du wirst nur Eintritt zu einem Teil des gesamten Grundstückes und des Hauses bekommen. Wähle weise“. Er öffnete das Gartentor gerade weit genug, um mich einzulassen. Ohne zu zögern trat ich ein. Sachte schloss er die Tür hinter mir. Ich blickte mich derweil im Garten um.

Mannheim, jenen Abend: das aktuelle Buch der Autorin (Foto: Conrady)

Dies war definitiv der paradiesischste, den ich bisher betreten hatte – und die Sehnsucht war oft zu Gast an den verschiedensten Orten bisher. „Du kannst“, fuhr die Hoffnung fort, „in diesem Garten bleiben. Breite Dich aus, bau Deine Zelte auf; aber dann wirst Du nie das Haus betreten“. Ich sah zu den fünf Buchenbäumen und dem Schatten, den sie spendeten. In einigen Baumkronen nisteten Vögel, die ich nur an ihrem bunten Gefieder erkennen konnte in den dichten Blätterwerken. Der Schatten lud ein, viele Tage und Abende dort zu verbringen, Blumen blühten rings umher; es duftete köstlich und versprach die süßesten Zeiten.

Es war der friedlichste und einladendste Platz, den ich je betreten hatte. Ich wusste, ich würde dort unvergessliche Momente verbringen. „Werden Andere den Garten mit mir teilen?“ fragte ich. Die Hoffnung nickte nur: „Du wirst, wenn Du im Garten verweilst, immerzu nur Eine unter Vielen sein“. „Stell mir die anderen Optionen vor“, forderte ich dann. Ich wollte erst alle Möglichkeiten kennen. „Ins Haus gelangst Du, wenn es Dich ängstigt, nächtelang allein im Garten zu sein, denn es wird Zeiten geben, in denen niemand bei Dir sein wird.

Das Gelände ist groß. Es wird zwangsläufig so sein. Außerdem wird es wohl oder übel so sein, dass die Bewohner eines Tages weg ziehen. Du wirst nie erfahren, wann das geschieht oder wohin sie gehen, doch Du wirst bleiben; zumindest bis Du einen anderen Garten gefunden oder Deinen eigenen hast. Das lass Dir noch gesagt sein, ehe wir fortfahren. Du darfst jetzt einen Blick in das Haus werfen“, sprach die Hoffnung und öffnete einladend die Tür.

Er stoppte mein Eintreten und fuhr fort: „ Wenn Du Dich für den Garten entscheidest, kannst Du alleine sein, wann immer Du willst. Er ist endlos. Am hinteren Eck wird Dich niemand stören, aber Du kannst zurück gehen und Dich mit Anderen zusammen tun. Es wird Dir von unserer Seite an nichts mangeln. Alles jedoch wird seine Vor- und Nachteile haben“. Die Hoffnung rückte sich die Brille zurecht und nahm mich unaufgefordert an die Hand. Wir gingen gemeinsam in das Haus hinein. Aber bereits im Flur war die Besichtigung für mich beendet.

Das Haus war anders, als mein erdachtes; aber es war umso beeindruckender. Der Wunsch zu bleiben, wurde fast übermächtig. Es war mir gleich, welche Bedingungen an mein Bleiben gebunden waren. Ich wollte bleiben. Es wurde mein dringendes Verlangen, zu bleiben. Die Hoffnung jedoch schenkte meiner Aufregung kaum Beachtung und sprach weiter. „Es gibt für jede Etage einen Bewohner. Ich kann Dir nicht versprechen, dass man Dich einlassen wird und dass Du bleiben darfst, wenn es soweit ist“. Eine kleine Pause entstand. Ich blickte betreten zu Boden. Die Auswahl, die Möglichkeiten und die Optionen waren überwältigend. Fast fühlte ich mich  nicht in der Lage, mir jemals klar zu werden, was ich wollte, wenn alles ein Für und ein Wider beinhalten würde.

„Ich wohne im Stockwerk darüber“, sagte die Hoffnung da in meine Gedanken hinein. „Ich kann Dir bieten, was Du ersehnst: Einen Arm, der Dich hält, wenn Du stolperst; eine Umarmung, wenn Du frierst; ein Bett, in das Du Dich legen kannst, nicht nur, wenn Du müde bist“. „Aber?“ fragte ich nach. „Ich kann Dich nicht lieben – und Du mich auch nicht. Du wirst nicht alleine sein“. „Nun, es wäre ein Angebot – eine Alternative zum Garten, immerhin“, erwiderte ich. „Nicht Jedem wird das Angebot gemacht“, lächelte die Hoffnung gewinnend.

„Die restlichen Stockwerke werden Dein Interesse wecken“, erläuterte er dann. „Was geschieht, wenn ich alle anderen Bewohner kennen lernen könnte? Geht das denn?“ Die Hoffnung ließ meine Hand los. „Du kannst versuchen, sie kennen zu lernen. Aber bedenke, momentan bin ich Dein Schlüssel zum Haus. „Ich könnte mich also komplett falsch entscheiden, verstehe ich das richtig?“ Die Hoffnung blickte mich durchdringend an. „Was ich tue oder lasse – es kann mir später, oder jetzt gleich sogar, das Genick brechen“. Wir traten zusammen hinaus in den Garten. „Wir haben Zeit“, sagte er und setzte sich auf eine Bank vor dem Haus, ohne mich aus den Augen zu lassen. Eine Träne rinnt mir aus dem Augenwinkel. Sie hinterlässt keine Spur auf dem Boden. Ich mache einen Schritt auf das Haus zu.

©Marissa Conrady

Die Autorin:

Erziehlte bereits große Preise mit ihren Werken: Marissa Conrady (Foto: Conrady)

Marissa Conrady wurde am 4. Juli 1985 als Einzelkind geboren. Schon zu Schulzeiten veröffentlichte sie in der Schülerzeitung ihre Texte. Diese, sowie die Abiturzeitung  2006 wurden von ihr redaktionell betreut. Nach dem Ablegen des Abiturs am Gymnasium im Heimatort Wald-Michelbach (Hessen), fiel die Wahl des Studienganges nicht schwer: Germanistik, Anglistik sollten es sein – an der Universität Mannheim, als Bachelor-Studiengang; aufbauend darauf den Master Literatur und Medien.

Schon in der Grundschule war ihr Berufswunsch Autorin.  Neben zwei Gedichten, die 2007 in Anthologien erschienen sind, veröffentlicht sie regelmäßig Berichte in der Lokalzeitung. Das liegt nicht nur daran, dass Conrady dort freie Mitarbeiterin ist – sie kann das Schreiben einfach nicht lassen. Schon ihr Großvater war Schriftsteller.

Unter anderem wurden ihr Kurzgeschichten „Sehnsucht trifft Erinnerung 1“ und „Der Fahrstuhl“ in einer anderen Anthologie veröffentlicht. Ihr Debütroman „Der letzte Amerikaner“ (2010) wurde mit der Web Walpurga ausgezeichnet und auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellt. 2011 erschien „Adam kam nie mehr mit dem Abend“, 2012 „Mannheim, jenen Abend“ im Selbstverlag bei epubli.de.

Heiß / Anja Ollmert – mit Gewinnspiel

Der Stadtteil Wiesdorf duckte sich unter der bleischweren Sommerhitze, während ein winziger Windhauch ein paar bunte Bonbonpapiere über das Pflaster der Fußgängerzone rutschen ließ. Ermattet saßen die Menschen vor den Eiscafés und Kneipen, die mit einer Außenbestuhlung lockten.
Die Wärme schien verantwortlich für die lähmende Stille.
Nichts war lebendig. Kleine Kinder saßen, am Daumen nuckelnd oder leise quengelnd, in ihren Buggys oder auf den Mutterschößen.
Anzugträger mit gelockerten Krawatten, wischten sich mit ihren Stofftaschentüchern die Stirn und nickten der vorbeischleichenden Bedienung ihre Bestellung wortlos zu, ihr Glas kurz von der Tischfläche hebend.
Die Stadt schien im Dornröschenschlaf zu liegen. Niemand machte Anstalten, sich zu unnötigen Bewegungen aufzuschwingen. Die, die noch auf den Beinen waren und wie Aufziehpuppen dem heimischen Feierabend entgegen schlichen, brachten dem Auge des Betrachters Abwechslung. Nie zuvor, schien es, hatte eine Stadt derart unter einer Hitzewelle gelitten.

Eine alte Frau, die bereits bei kühlerer Witterung mit ihrem Übergewicht zu kämpfen hatte, plagte sich mit zwei Einkaufstüten voller Lebensmittel ab. Der Schweiß floss ihr in Rinnsalen über das feiste Gesicht. Dieses wurde abwechselnd rot und blass, wie das Aufleuchten einer Signallampe. Sie blieb nicht stehen, gönnte sich keine Verschnaufpause. Andere Passanten hielten bewusst Abstand. Die Ausdünstungen des Polyesterkleides bei dieser Wetterlage waren unangenehm. Das spiegelte sich in den Blicken der Überholenden.
Die Szene belebte sich, als eine Horde Jungs, ungeachtet der Wärme eine leere Dose zwischen sich hin und her kickend, den verkehrsberuhigten Bereich des Lindenplatzes erreichte.
Die Polyesterkleid-Frau war unter größten Mühen bis zu diesem Platz geschlurft und befand sich unvermittelt auf dem improvisierten Fußballplatz. Die ursprünglich rote Weißblechdose mit geschwungenem, weißem Erfrischungsgetränk-Schriftzug streifte sie versehentlich am linken Arm. Darauf wusste sie nicht zu reagieren und blieb abwartend stehen. Das schien die Spontan-Fußballer anzuspornen, ihr die Dose wieder und wieder zwischen die unsicher voranschreitenden Füße zu schießen. Dass sie die Frau an verschiedenen Körperstellen trafen, erhöhte den Reiz des ausgelassenen Spiels. Es schien, als gäbe es für sie kein Entkommen vor der wilden Horde. Besonders laut grölten die Schützen, wenn sie den fülligen Körper – vornehmlich in Gesichtsnähe – trafen.

Noch gab die Alte keinen Laut von sich, oder setzte sie sich gegen die Angriffe zur Wehr. Dann aber riss der Henkel einer Einkaufstüte. Das Plastik hatte sich zuvor gefährlich in die Länge gezogen und bis zum Zerreißen gespannt. Der Inhalt der Tragetasche ergoss sich auf das Pflaster. Katzenfutterdosen, ein Päckchen Kaffeepulver, dessen Vakuum bei dem Aufprall zischend die Luft ansaugte, Toastbrot und Sonnenblumenmargarine, die bei der Witterung in einen flüssigen Aggregatzustand gewechselt hatte. Ein Apfel kugelte über den Boden und kam meterweit entfernt zum Stillstand, wo die Aufprallstellen umgehend eine bräunliche Farbe annahmen.
Wer zu den Zuschauern gehörte, musste das Gefühl haben, alles spiele sich in Zeitlupe ab. Währenddessen beleuchtete die Sonne die Szene unbarmherzig wie ein Theaterscheinwerfer, der nicht eine Sekunde von der Hauptperson auf der Bühne ablässt.

Es war, als sei die alte Frau hilflos, sich dem ausbrechenden Gelächter ihrer Peiniger zu erwehren, so wie sie zuvor die Angriffe mit Ergebenheit über sich hatte ergehen lassen.
Und doch hatte sich etwas verändert. Ihr Gesichtsausdruck, vorher scheinbar unberührt und aufs Weitergehen konzentriert, verzog sich ins Weinerliche. Es dauerte nicht lange und statt der Schweißtropfen liefen ihr heiße, stumme Tränen über das Gesicht. Während sie niederkniete und ihre Einkäufe zusammenraffte, blickte sie sich suchend um, worin sie diese transportieren sollte. Die Fußballer hatten schnell in dem mageren Pflänzchen eines angebundenen Lindenbaums ein neues Opfer gefunden, das nicht weniger bereitwillig auf sich schießen ließ, als das vorherige.

Die Cafégäste beobachteten das Geschehen bis zu diesem Punkt unbeteiligt, als sich ein kleines Mädchen vom Schoß der Mutter rutschen ließ. Es stapfte auf tapsigen Füßen zu der Alten und streckte ihr seine Kindergartentasche entgegen, die zuvor um seinen babyverspeckten Hals gebaumelt hatte. Die Frau sah aus kniender Haltung zu dem Kind auf und starrte direkt in ein vorsichtiges Lächeln, das auf dem Gesicht des Mädchens ein winziges Kinngrübchen zum Vorschein brachte. Der polyesterne Saum des Frauenkleides rollte sich über den prallen Oberschenkeln erschreckend weit nach oben, ohne dass er daran gehindert wurde. Mit dem Handrücken wischte die Kniende sich die Tränen von den Wangen, die dort hellere Spuren auf der Haut hinterließen und wies kopfschüttelnd auf die Tasche des Mädchens. Konnte oder wollte sie nicht reden?
Da tauchte hinter dem Kind ein älterer Herr auf. Aus seiner Hosentasche zog er eine zerknitterte Plastiktüte hervor und streckte der Alten beide Hände entgegen. Eine hielt den fortgerollten Apfel. Die andere half ihr auf um anschließend die verstreuten Einkäufe in die Tüte zu sammeln. Sie dankte ihm mit einem Kopfnicken und strich dem Kind, das am selben Fleck verweilte, dankbar über das Haar.
Unerwartet kam jetzt Leben in die Zuschauerkulisse.
Vereinzelt hoben sich Hände und klatschten in forderndem, anfeuerndem Rhythmus gegeneinander. Der Applaus zog Kreise und brandete auf wie eine Welle, die Frau, Mann und Kind überspülte.

Fast schienen die drei sich verneigen zu wollen. Die Frau nahm dem Mann die gefüllte Tüte aus den Händen und nickte ihm freundlich zu. Er erwiderte den Gruß, nahm das Kind an die Hand, wandte sich um und ging zu seinem Platz im Eiscafé zurück, nicht ohne das Mädchen zuvor auf dem wartenden Mutterschoß abzuliefern.
Die Alte nahm mit schlurfendem Schritt ihren Weg durch die Passage auf. Und es dauerte nicht lange, da herrschte erneut bleierne Dornröschenruhe über der Innenstadt, hervorgerufen durch hochsommerliche Temperaturen, die alles Leben auszulöschen schienen.

Freut sich gerade über ihren Debütroman: Autorin Anja Ollmert (Foto: Ollmert)

©Anja Ollmert

Die Autorin:

Anja Ollmert wurde 1966 geboren und  schreibt seit einigen Jahren überwiegend Kurzgeschichten, Prosagedichte und spirituelle Texte. Sie lebt mit ihrem Mann im Herzen des Ruhrgebietes und hat drei erwachsene Kinder.
Die Autorin arbeitet ehrenamtlich als geistliche Leiterin des katholischen Frauenverbandes kfd und ist Leiterin eines Kinderchores.
In ihrem Debütroman „Aoife“ verknüpft sie das persönliche Interesse an keltischer Mythologie und christlicher Tradition zu einer Fantasyromanze. Weitere Publikationen sind bereits geplant. Bisher veröffentlicht sind unter anderem:

2012: die Kurzgeschichtensammlung „Wortrausch“ als ebook bei Xinxii

2012: der Roman „Aoife“ im AAVAA Verlag

Aoife: Den Debütroman gibt es bei uns zu gewinnen (Foto: Ollmert)

Verlosung vom Debütroman „Aoife“

Anja Ollmert hat Face2Face exklusiv ein gedrucktes Exemplar und ein ebook ihres Romans „Aoife“ für ein Gewinnspiel bereitgestellt. Natürlich würde sie sich sehr freuen, wenn die jeweiligen Gewinner eine kleine Rezension auf einem Blog oder sonst wie im Internet veröffentlichen können.
Was ihr zum Gewinnen tun müsst: Schreibt bis einschließlich Sonntag, 08. Juli, 23:59 eine Mail an eva-maria.obermann@face2face-magazin.de. In der Mail enthalten sein sollte eurer Vor- und Nachname, euer Alter, ob ihr die gedruckte oder elektonische Version des Buchs gewinnen wollt und natürlich eure Adresse. Mitarbeiter von Face2Face, sowie der Rechtsweg sind von der Verlosung ausgeschlossen.

Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt am Montag, 09. Juli via Mail.
Viel Glück!

Abseits von Fußball und Leichtathletik: Randsportarten Teil 2 – Faustball

Während die Ballsportarten Volleyball und Handball schon lange für die Olympischen Spiele zugelassen sind, kämpft der Faustballsport genau mit diesem Manko; Faustball ist nicht olympisch und zählt daher auch zu den Randsportarten. Dabei ist das Spiel an sich recht simpel:

Faustball ist ein Rückschlagspiel, bei dem sich zwei Mannschaften auf zwei Halbfeldern gegenüberstehen. Sie sind durch eine Mittellinie und ein Band getrennt, das zwischen zwei Pfosten in bis zu zwei Meter Höhe (je nach Altersklasse) gespannt ist. Es darf weder von einem Spieler noch vom Ball berührt werden; dies gilt als Fehler. Jede Mannschaft besteht aus fünf Spielern, die versuchen, einen Ball mit dem Arm oder mit der Faust für den Gegner unerreichbar in das andere Halbfeld zu spielen. Der Ball darf vor jeder Berührung durch einen Spieler einmal auf dem Boden aufspringen, jedoch nur innerhalb des Spielfeldes. Pro Spielzug darf er von drei unterschiedlichen Spielern berührt werden, muss dann aber spätestens durch den dritten Spieler über die Leine zum Gegner zurückgespielt werden. Der Ball wird bei der Abwehr und beim Zuspiel mit der Innenseite des ausgestreckten Unterarms gespielt, beim Angriff mit der Faust geschlagen. Berührt er die offene Handfläche oder andere Körperteile als den Arm, wird es als Fehler gewertet. Gespielt wird nach Punkten und Sätzen. Wenn eine Mannschaft einen Fehler macht, bekommt die andere einen Punkt, auch wenn sie keinen Aufschlag hatte. Die Mannschaft, die den letzten Fehler begangen hat, macht den nächsten Aufschlag. Ein Satz endet, sobald eines der Teams elf Punkte erzielt hat und mit mindestens zwei Punkten in Führung liegt (also mindestens 11:9). Beim Stande von 10:10 wird der Satz automatisch verlängert, bis eines der Teams mit zwei Punkten in Führung geht oder zuerst den 15. Punkt erzielt (Sätze können demnach mit 15:14 enden). Die Anzahl der Gewinnsätze variiert je nach Spielklasse. In der 1. Bundesliga der Herren wird nach dem Prinzip „best of nine“ gespielt, also auf fünf Gewinnsätze. In der zweiten Bundesliga der Herren und in den Damen-Bundesligen wird auf drei Gewinnsätze („best of five“) gespielt.

Spielfeld:
Beim Feldfaustball ist die Spielfeldgröße auf 50 mal 20 Meter festgelegt (25 mal 20 Meter pro Halbfeld). Beim Hallenfaustball sieht die Regel ein kürzeres Feld von 40 mal 20 Meter vor (20 mal 20 Meter pro Halbfeld). Dies entspricht der regulären Größe eines Handballfeldes.

Aufstellung:
Im Gegensatz zum Volleyball, bei dem die Spieler rotieren und nach jedem Aufschlagwechsel eine andere Position einnehmen, hat im Faustball jeder Spieler seine feste Position. Sie darf zwar im Spiel beliebig vertauscht werden, doch dies ist eher unüblich, da meist jeder Spieler ein Spezialist auf seiner Position ist. Ein weiterer Unterschied zum Volleyball ist der, dass das Faustball-Spielfeld viel größer ist, eine Faustballmannschaft jedoch einen Spieler weniger hat als eine Volleyballmannschaft, wodurch jeder einzelne Spieler viel mehr Raum abdecken muss, um Bälle zu erlaufen. Entgegen kommt dabei den Akteuren, dass der Ball einmal pro Schlag den Boden berühren darf.

Geschichte:
1870 führte Georg Weber den Faustballsport, der hauptsächlich von Turnern als Ballsport zum Ausgleich betrieben wurde, in Deutschland ein. 1894 verfasste Georg Weber zusammen mit Doktor Heinrich Schnell das erste deutsche Regelwerk. Die Spiel- und Zählweise unterschied sich allerdings erheblich vom heute bekannten Faustballsport. Der Ball musste damals noch so über die Leine gespielt werden, dass der Gegner ihn erreichen und zurückspielen konnte. Aus diesem Grund wurden keine flachen, harten, sondern möglichst hohe Bälle gespielt. Dabei wurde die Anzahl der geglückten Leinenüberquerungen gezählt, und die Mannschaft mit den meisten gültigen Überschlägen ging als Sieger vom Platz. Dies änderte sich aber bereits 1922: Ab diesem Zeitpunkt wurden nicht mehr die gültigen Überschläge gezählt, sondern die von einer Mannschaft gemachten Fehler. Dadurch änderten sich Spielweise und Taktik erheblich, das Spiel wurde athletischer und dynamischer.

In dieser Zeit verbreitete sich der Sport in die umliegenden, vor allem deutschsprachigen, Nachbarländer, sowie nach Südamerika und Südwestafrika. Führende Faustballnationen sind Deutschland, Brasilien, Österreich und Schweiz. Weitere Faustballnationen sind: Italien, Argentinien, Chile, Paraguay, Uruguay, Kanada, Namibia, Tschechien, Dänemark, Japan, Indien, USA, Griechenland, Malta, Mexiko, Polen, Serbien, Spanien, Taiwan, Ukraine und Ungarn. Die ersten Weltmeisterschaften, die seitdem alle vier Jahre stattfinden, gab es in den Jahren 1968 (Männer) und 1994 (Frauen).

Vorschau: Nächste Woche erscheint ein Artikel über die Mountainbike-Marathon EM in Tschechien.