Gentechnische Veränderungen auf dem Vormarsch?

Seit 1996 werden gentechnisch veränderte, kurz gv, Nutzpflanzen weltweit kultiviert. 2009 wurden in 25 Ländern auf 134 Millionen Hektar gv-Pflanzen angebaut – das sind etwa neun Prozent der globalen landwirtschaftlichen Fläche.

Durch Gentechnik können verschiedene Aspekte einer Pflanze verändert werden. Ein eingeschleustes Herbizidresistenzgen führt zum Beispiel zur Produktion eines Stoffes, der die Nutzpflanze vor Herbiziden, die andere Unkräuter abtöten sollen, schützt. Agrarpflanzen können aber auch so verändert werden, dass sie gegen extreme Klimabedingungen, wie beispielsweise anhaltende Dürre, gewappnet sind. So können Ernteausfälle verhindert werden. Aber man kann auch Gene einschleusen, die artfremde Stoffe produzieren, wie zum Beispiel eine von der BASF gentechnisch veränderte Sojasorte, die Omega-3-Fettsäuren produziert.

Ist ohne gentechnische Veränderung vielen naürlichen Feinden ausgesetzt: Der Mais (© Marianne J. / pixelio.de)

Bestes Beispiel für eingeschleuste Gene, die gemeinsam einen artfremden Stoff produzieren sollen, ist der Golden Rice. In Entwicklungsländern herrscht ein großer Vitamin-A-Mangel, der zu Infektionsanfälligkeit, Haarausfall, erhöhtem Krebsrisiko und Augenkrankheiten bis hin zur Erblindung führen kann. Da in diesen Gegenden Reis das Grundnahrungsmittel darstellt, haben Forscher aus der Schweiz in den Reis Gene eingeschleust, die zu einer erhöhten Produktion von Beta-Carotin (Anm. der Red.: Beta-Carotin wird auch als Provitamin A bezeichnet und im Körper zu Vitamin-A umgebaut) im Reis führen. Durch diese erhöhte Konzentration verfärbt sich der Reis vom eigentlichen Weiß in Gelb – zum Golden Rice. Bisher stehen noch Feldversuche mit dem gv-Reis an, doch diese verlaufen laut Industrie und Forschung gut.

Mit einer gentechnischen Veränderung zu besseren Lebensumständen – das klingt logisch, aber nur so lange es einen nicht persönlich betrifft. In Deutschland muss jedes Produkt, das auch nur mit anderen gv-Arten in Berührung gekommen ist, gekennzeichnet werden. Doch schaut man sich in den Regalen im Supermarkt um, findet man solche Lebensmittel nicht. Zu groß ist die Ablehnung und zu groß das Unwissen.

In Europa gibt es strenge Regeln was die Auspflanzung von gv-Arten angeht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, kurz EFSA, bewertet das Risiko im Bereich Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit. Doch was sogar die EFSA für unbedenklich hält, ist den Menschen zu unsicher und die letzte Entscheidung liegt nun mal bei der Politik. Vor kurzem ließ die EFSA den Anbau des gv-Mais MON810 zu, der einen Stoff bildet, welcher spezifisch gegen den Maiszünsler (Anm. d. Red.: ein Schadinsekt des Mais) wirkt. Die Franzosen wehren sich gegen den Anbau, sie sehen ein Risiko für die Nicht-Zielorganismen, wie Schmetterlinge, Bienen und Marienkäfer.

Die Zurückhaltung der Bevölkerung gegenüber gv-Produkten lässt sich in Europa auch mit der Anzahl der Freisetzungsanträge aufzeigen. Wurden 2009 noch über 100 Neuanträge auf die Freisetzung von gv-Nutzpflanzen gesetzt, so waren es bis Mai 2012 nur 41, wobei 31 Anträge davon aus Spanien stammten. Firmen, wie BASF oder „Monsanto“, gliedern ihre Pflanzen-Gentechnik-Forschung mittlerweile in die USA aus, da sie in Deutschland und Europa vermehrtem Protest gegenüber stehen.

Erst Ende Juni 2012 ließ die EU-Kommission die Marktzulassung einer neuen gv-Sojasorte zu. Diese besitzt nicht nur eine Herbizidresistenz gegen das allgemeine Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, sondern produziert ein eigenes Insektengift. Zwar wird diese gv-Sojasorte in Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern angebaut, aber in Europa noch nicht. Jedoch darf sie Europa in Lebens- und Futtermitteln benutzt werden. Experten schlagen Alarm, da das Insektengift Immunreaktionen auslösen und verstärken kann und es zu Wechselwirkungen zwischen dem Insektengift und Rückständen des Unkrautvernichtungsmittels kommen könnte.

So oder so sind die Auswirkungen, die eingeschleuste Gene auf den Rest des Organismus haben noch nicht ausreichend erforscht. Zwar wird viel untersucht und alles unterliegt harten Bestimmungen, doch ist die Natur ein sensibles Ökosystem, in das jeder Eingriff zu erheblichen Schäden führen könnte.

Vorschau: Nächste Woche erscheint an dieser Stelle ein Artikel über Giraffen.

Unsere Stimme für unser Morgen – Online Petitionen

Wer das Wort „Petition“ hört, denkt an Menschen in Fußgängerzonen, die an Klapptischen mit riesigen Plakaten Unterschriften für hungernde Kinder oder gequälte Tiere sammeln. Manch ein Unterhaltungsfernsehsender hat schon aufgedeckt, dass manche dieser Organisationen nichts als Schein sind und die Menschen, die sich ihre Füße wundstehen wie Sklaven behandelt werden. Nicht alle natürlich, das ist klar.

Doch in multimedialen Zeiten und der Internetgesellschaft ist das Sammeln von Unterschriften auf neue Ebenen gestiegen. Vielen sind Online-Petitionen allerdings nicht geheuer, sie zögern, ihre Adressen und ihren Namen anzugeben. Datenschutzdebatten klingeln noch in ihren Ohren. Andere kennen Organisationen wie ‚Avaaz‘ oder ‚Campact‘ nicht und was der Bauer nicht kennt …

Dabei können Online-Petitionen tatsächlich etwas bewirken und die junge Generation weißt das. 2007 wurde das Kampagnennetzwerk ‚Avaaz‘ gegründet und sammelt seitdem global Stimmen für Petitionen und organisiert unter anderem Flashmobs. In 14 Sprachen arbeitet das Netzwerk und sammelte beispielsweise 2010 über 110 000 digitaler Unterschriften gegen die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken in Deutschland. Finanziert werden die Kampagnen über Spenden aus der ganzen Welt. Über zwölfeinhalb Millionen Mitglieder hat Avaaz im Februar 2012, noch im Herbst 2011 berichtete der „Fluter“ von zehn Millionen Aktiven. Kein schlechter Schnitt. Mitglieder registrieren sich für den Newsletter, in dem auf aktuelle Petitionen und Aktivitäten hingewiesen wird, unterschreiben Petitionen, die sie wichtig finden, leiten die Petitionen an Freunde weiter oder teilen sie über Facebook und Twitter. So viele Mitglieder zeigen, dass Online-Petitionen keine ziellosen Ideen sind. Im Januar 2012 erst vollbrachte es eine Petition von Avaaz in 36 Stunden 500 000 Unterschriften von Indern für eine umfassende Reform in Indien zu sammeln. Die Aktion folgte auf die Ankündigung Anna Hazare, sollte die Regierung keinen Entwurf für ein Anti-Korruptionsgesetzt erlauben, bis zu seinem Tod zu fasten. „Innerhalb von 4 Tagen brachte der öffentliche Aufschrei Indiens Regierung dazu, eine schriftliche Vorlage aller Forderungen Hazares zu unterzeichnen. Wir haben gewonnen!!“ schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite.

Mit über 500 000 Mitgliedern ist das Netzwerk ‚Campact‘ zwar kleiner als Avaaz, allerdings arbeitet ‚Campact‘ nur in Deutschland und fokussiert wichtige Themen unseres Landes. Ende 2004 ging ‚Campact‘ an den Start, 2009 half ‚Campact‘ mit, die Aussaat von Genmais zu verhindern. Momentan sammelt das Netzwerk Stimmen gegen das Atomendlager in Gorleben und für Regelungen zur effizienteren Energienutzung. Die Metapher des globalen Dorfes trägt die Fußgängerzone in unser Wohnzimmer, an unseren PC. Niemand muss das Haus verlassen, um seine Unterschrift unter eine Kampagne zu setzen, die er unterstützen will. Ganz im Geheimen kann er das tun und sich in Ruhe aussuchen, was er interessant findet. Mitmachen statt über die Zustände zu schimpfen, so lautete die Devise der Kampagnennetzwerke. Mitmachen und Bewegen. Wer keiner Partei so schnell seine Stimme leihen will, kann selbst sagen, was er gut und lohnenswert findet. Und wir kommen tatsächlich dank ‚ Organisationen wie Avaaz‘ und ‚Campact‘ an einen Punkt, wo wir sagen können: Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.

Zusammen stark: Kampagnennetzwerke leben vom Engagement ihrer Mitglieder (Foto: Beutler)

Wer aber immer noch Angst vor Datenschutzmängeln hat und gesichtslosen Internetseiten nicht traut, sollte erst einmal einen Blick auf die Netzwerke werfen, ehe er seine Meinung bildet. Strenge Datenschutzrichtlinien werden sowohl bei ‚Avaaz‘, als auch bei ‚Compact‘ verfolgt und eingehalten. Der Newsletter ist schnell wieder abbestellt, ein persönliches Passwort bei ‚Compact‘ bietet noch mehr Schutz. Tatsächlich sind diese Netzwerke wesentlich übersichtlicher und sicherer, als manche Unterschriftssammlungen in der Fußgängerzone. Wichtig ist aber auch hier: Wir müssen mitmachen, müssen unsere Stimme nutzen und dank ‚Avaaz‘ und ‚Campact‘ können wir das auch.

 

 

Vorschau: Nächste Woche startet unser neuer Kolumnist Sascha mit seinem Text über die Männer unserer Zeit.