Fußball in der Hütte

Es ist eine meiner liebsten und stärksten Kindheitserinnerungen, die mittlerweile schon zur Anekdote geworden ist: Ich liege in meinem Bett und schrecke aus dem Schlaf, weil direkt unter mir mein Vater „Tor“ brüllt. Nun ist es wieder soweit, der allgemeine Fußballwahnsinn hat um sich gegriffen und ich finde ich mit in der Gartenlaube meines Vaters wieder, einer monströsen Hütten, in der eine Grundschulklasse Unterricht machen könnte, an deren Ende eine Leinwand abgelassen wurde und an deren Decke in einer Holzkiste ein Beamer sein Licht zu eben jener Leinwand wirft. „Tor“, brüllt mein Vater und das Kind auf meinem Schoß schreckt hoch.

Opium für das Volk

Fußball in der Hütte: Warum eigentlich gemeinsam schauen? (Foto: stux, pixabay.de)

Fußball in der Hütte: Warum eigentlich gemeinsam schauen? (Foto: stux, pixabay.de)

Warum genau ich mir die Spiele der deutschen Nationalmannschaft nicht auf dem heimigen Sofa ansehe, mit weniger Lärm und weniger Alkohol um meinen abstinenten Magen und weniger Chips sowieso, weiß ich nicht genau. Die nörgelnden Worte eines seiner Freunde, wann immer Mesut Özil ins Bild kommt, können es nicht sein. Die wackelige Verbindung mit dem drahtlosen Internet, die mich meinen lyrischen EM-Kommentar mehr schlecht als recht absenden lässt ist es mit Sicherheit auch nicht. Aber – ja was? Dieses unheimliche Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, einfach nur, weil ich zuschaue, mitfiebre, mitfreue. Berauschend auch ohne den Schnaps, den die übrigen Anwesenden (Minderjährige ausgenommen) bei jedem Tor trinken (egal welche Mannschaft getroffen hat). Opium für das Volk, die Kirche hat ausgedient.

Fußball oder Politik

Wie national darf Sportbegeisterung werden? Schlimm, wenn Fußball instrumentalisiert wird (Foto: ASSY, pixabay.de)

Wie national darf Sportbegeisterung werden? Schlimm, wenn Fußball instrumentalisiert wird (Foto: ASSY, pixabay.de)

Dabei ist das Anfeuern der Nationalmannschaft in Deutschland auch dieses Jahr Teil von politischen Debatten. Dass Boateng als Nachbar vielen lieber wäre als Gauland war dabei nur der Anfang. Schon instrumentalisieren manche das exponentiell vermehrte Auftreten der Deutschlandfahne, je weiter Jogis Jungs im Turnier kommen, um nicht nur nationale, sondern gleich nationalsozialistische Parolen zu verbreiten. Und andere wettern dagegen und wollen die Fahnen gleich ganz streichen. Fußball, ein Sport der Extreme. Ich jedenfalls verneine dankend, wann immer meine Stiefmutter mit dem Deutschland-Schminkstift ankommt. Schminken fürs Fernsehschauen ist einfach nicht so meins.

Fußball ist Krieg

Das bedeutet Krieg! Fußball ist nicht immer friedlich (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Das bedeutet Krieg! Fußball ist nicht immer friedlich (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Psychologisch betrachtet, ist die Frage, wieviel „national“ im Anfeuern der Nationalmannschaft tatsächlich steckt, durchaus angebracht. Fußball ist Krieg. Nicht nur heute etwas veraltete Fußballmetaphern zeigen uns das. Eine einfache Überlegung. Die Mannschaften verschiedene Länder „kämpfen“ um den Ball und versuchen einen Treffer – einen Schuss – zu landen. Wie befreundete und verbrüderte Dörfer, die auf unterschiedlichen Seiten der Grenze stehen, wird der Sieg nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Fußballfeld ausgetragen. Keine ausgebildeten Soldaten, sondern ausgebildete Fußballspieler stehen da auf dem Platz. Und all die Hooligans und Randalierer, die uns dieses Jahr die unschöne Seite des Anfeuernd bereits gezeigt haben sind doch nur diejenigen, die mitkämpfen wollen, denen das Zuschauen als Triebsublimierung nicht reicht, die Blut noch immer mit Schweiß verwechseln. Überholt? Aber immer noch bitterer Ernst.

Hüttenzauber

Trotzdem schön: Gemeinsam EM-schauen und es immer besser wissen (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Trotzdem schön: Gemeinsam EM-schauen und es immer besser wissen (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Fußball ist also eine durch und durch kontroverse Sache. Von vielen Instrumentalisiert, von vielen ausgenutzt. Süßigkeiten in Schwarz-Rot-Gold, Mützen, Kleidung, Getränke, Grillplatten, nirgends sind wir davor sicher. In der Gartenhütte meines Vaters schon gar nicht. Sein „Jäckchen“ gar ist eine umgenähte Deutschlandfahne. Ich rolle in Gedanken mit den Augen und genieße es dann doch. Die gemeinsame Freude, das gemeinsame Bangen, die dummen Sprüche. Aus mir wird in diesem Leben kein Vereins-Fanatiker mehr, der zu jedem Spiel fährt. Mir reicht das heimische Miteinander, mit ein paar Freunden und ein paar Kindern, das Erlebnis Fußball gemeinsam zu schauen, ohne gleich in einer Masse zu verschwinden. Vielleicht geh ich ja darum auch zum nächsten Spiel wieder zu meinem Vater und warte darauf, dass er losbrüllt.

Liebes Deutschland,

du hattest es nicht immer einfach. Hast lange Zeit gebraucht, dich zu finden. Hast Grauen verursacht. Wurdest zerstört. Geteilt. Vereint. Integriert.
Sind wir einmal ehrlich: Du bist nicht perfekt. Dein Bildungswesen ist nicht fehlerfrei, vieles erscheint nicht gerecht, die Kinderarmut zu hoch, die Sorgen zu groß.
Aber an dieser Stelle soll Zeit sein, dir zu danken.
Danke an die Beamten, Soldaten und Polizisten, die Sicherheit garantieren. Danke an die Krankenschwestern und Altenpfleger, die für zu wenig Geld zu harte Arbeit verrichten. Danke an die Alleinerziehenden, die trotz finanzieller Engpässe keinen dummen Parolen folgen. Die, obwohl sie selbst nicht viel haben, andere unterstützen, anstatt den Fremdenhass siegen zu lassen.
Danke an die ehrenamtlichen Helfer, die Zeit, Kraft, Geld und Geduld investieren.

Wir beide wissen, dass unsere Beziehung noch am Anfang steht. Deine jungen Jahre, deine schlimmen Jahre, deine wilden Jahre, deine angepassten Jahre, nichts davon habe ich miterlebt. Kalter Krieg, Teilung, Wiedervereinigung sind Geschichten, sind Bücherseiten, sind Filmaufnahmen für mich.
Deswegen kann ich das nicht auf einer persönlichen, erlebten (!) Ebene beurteilen und ich weiß nicht, wie sich das Leben damals angefühlt hat.
Trotzdem kann ich die heutigen Freiheiten wertschätzen. Daran wird nichts, werden auch keine Anschläge, etwas ändern.
Sollen wir uns jetzt von dir abkehren? Sollen wir unsere Gesellschaft, unsere Werte in Frage stellen? Uns der Angst hingeben? Die Feiern meiden, den Hass siegen lassen?
Hier hat niemand und nichts gesiegt. Hier wurde verloren. Auf grausame Art und Weise. Doch wer dadurch gewinnt, das bist du, liebes Deutschland.
Du hast uns beim Länderspiel Deutschland – Niederlande gezeigt, dass du Entscheidungen treffen kannst. Dass du Verantwortung übernimmst und Sicherheit gewährleistet. Du funktionierst – als Demokratie, als Staat.
Und doch ist es so viel mehr, das man dadurch gewinnt: Die Erkenntnis, dass Demokratie richtig ist.
Nicht immer hast du Glanzleistungen vollbracht, wenn es darum ging diese „westlichen Werte“ in der „Welt da draußen“ zu verbreiten. Aber hier geht es darum, dass ich morgens aufstehen und im Bus sitzen kann, ohne Angst zu haben, dass „mal wieder“ ein Anschlag geschieht.  Dass ich sagen kann, dass ich dich manchmal echt scheiße finde und du mich trotzdem in Ruhe lässt.
Hier geht es um Freiheit, um Sicherheit, um eine gewaltfreie, gebildete Gesellschaft. Um ein Leben, das jedem zusteht.

Ich bin dir dankbar, dass du ein offenes Land bist. Dass ich bei dir Pizza essen, danach einen türkischen Nachtisch holen, mich abends mit chinesischen Freunden in einer griechischen Bar treffen kann.
Danke, dass ich Sprachen lernen und hören kann.
Dass ich Menschen von der ganzen Welt treffen, ihre Geschichten hören und ihre Kultur miterleben kann.
Dass du ein Ort bist, zu dem ich gerne zurückkehre, von dem ich aber auch gerne fort reise, da du mich gelehrt hast, dass es sich lohnt sich für Vielfalt und Offenheit einzusetzen.

Danke Deutschland, dass ich, wenn ich mit dir rede, auch Europa meine.
Dass meine Heimat nicht ein Land, sondern viele Länder sein kann.
Dass mein Leben, meine Heimat, die Welt ist und sein wird.
Danke, dass ich mit der Welt, mit den Menschen überall schöne Momente verbringen kann.
Momente, die in Erinnerung bleiben, durch die wir uns lebendig fühlen. Zusammen. Das Leben spüren. Erinnerung schaffen, die nichts und niemand, keine Tat uns jemals nehmen wird.

Danke, dass du dich energisch gegen alle aussprichst, die versuchen, solche Taten zu instrumentalisieren, gegen Flüchtlinge hetzten, rechte Parolen verbreiten, Schwachsinn reden.
Diese Idioten gehören nicht zu dir, liebes Deutschland. Das weißt du, das weiß ich.
Das wissen die Menschen, die hier leben und sich engagieren. Die Deutschland zu dem machen, was ich mag: offen, hilfsbereit, demokratisch, frei, rechtens.
Das klingt nach den typischen Stichworten aus dem Powiunterricht der achten Klasse und doch ist es momentan viel mehr. Es ist das, was uns ausmacht. Es ist das, was uns gegen irgendwelche bescheuerten Gewalttaten abgrenzt. Es ist unser alltägliches Leben.
Und liebes Deutschland, genau darum geht es am Schluss: Die Menschen, die in dir leben, machen dich zu dem, was du bist.

Soziales Engagement – Können wir die Welt (im Kleinen) verbessern?

Angesichts der unzähligen Kriege und Krisen, die auf der Welt wüten, Flüchtlingen, die vor dessen monströsen und unmenschlichen Ausmaßen flüchten, Armut, die für Familien das Überleben schier unmöglich macht, Kindern, die statt zur Schule zu gehen, harte Arbeiten verrichten, Rassismus und Homophobie, die Menschen weltweit diskriminieren und oftmals aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließen. Die Welt scheint aus einem Meer von Ungerechtigkeiten zu bestehen.

Viele Menschen fliehen vor den Kriegsumständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller  / pixelio.de)

Viele Menschen fliehen vor den Kriegszuständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller / pixelio.de)

Das regelmäßige Verfolgen der Nachrichten könnte einen schier verzweifeln lassen, wenn uns die Berichterstattung mal wieder mit einer neuen Welle an Katastrophen und Kriegen überflutet und den letzten Funken Optimismus erstickt. Den Glaube an die Menschheit völlig verlieren lässt. Manchmal fühle ich mich machtlos. Frage mich, wie ich etwas ändern kann. Was für eine Ironie steckt dahinter, dass ich mir darüber Gedanken mache, WIE ich helfen kann, während im selben Moment, Menschen um ihr Leben bangen.

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger  / pixelio.de)

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Jeder Mensch hat die Wahl sich gegen Ungerechtigkeit unterschiedlicher Art einzusetzen, das Problem an der Wurzel zu packen und die Ursachen zu bekämpfen. Leider gibt es viel zu viele Bereiche, in denen unserer Engagement und unserer Aktivismus tagtäglich gefragt wären. Wieso finden wir uns mit so viel Ungerechtigkeit einfach ab? Argumentieren damit, dass es auch schon früher schlimme Kriege gab. Dass wir eben nicht für alle Probleme der Welt aufkommen können. Wir scheinen oftmals zu unterschätzen, was für eine Macht wir eigentlich besitzen. Denn jeder Einzelne von uns kann etwas verändern. Und schließlich muss irgendwo begonnen und angesetzt werden. Gewiss kann sich jeder für etwas stark machen. Doch ich will nicht unzähligen Menschen Unrecht tun, die tagtäglich für etwas kämpfen. Seien es NGOs (Non-Governmental Organization) die weltweit auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen, Kundgebungen veranstalten oder Nothilfe in Krisengebieten leisten. Aktivisten die Networking mit unzähligen Länder betreiben, sich so über die Lage in diesen austauschen und solidarisieren.

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer "Fremd" ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer „Fremd“ ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Initiativen wie „teachers on the road“ geben Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschunterricht, auch „Save me“, eine deutschlandweite Initiative, begleitet Flüchtlinge bei Behördengängen, veranstaltet Kochabende und andere Aktivitäten, um so Flüchtlingen, deren Aufenthalt in den meisten Fällen sowieso ungewiss ist, dabei zu helfen, sich im Alltag zurecht zu finden und trotz der schwierigen Flüchtlingspolitik, nicht in Lethargie zu verfallen. Wieder andere haben sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben.  Manch einer mag glauben, Rassismus – das sei ein Randphänomen geworden und seit Apartheid und den Aufständen in Amerika längst bekämpft. Aber machen wir uns doch bitte nichts vor! In Amerika, im Bundesstaat North Carolina, sind vor einigen Tagen 3 junge amerikanische Muslime erschossen worden.  Der Täter wird weder als Terrorist bezeichnet, noch scheinen die westlichen Medien dem Geschehen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Alles „nur“ ein Nachbarschaftsstreit um Parkplätze? So berichten es zu mindestens die Medien. Kaum jemand scheint dahinter zu vermuten, dass ein Motiv des Täters vielleicht Islamhass gewesen sein könnte. Seltsam. Gehen wir einige Monate zurück: Im August 2014 wird in Ferguson, Missouri, ein unbewaffneter schwarzer Jugendliche von einem Polizisten erschossen. Das entfachte in Amerika eine Welle von Unruhen und Protesten und hauchte der Rassismus-Debatte in den USA neues Leben ein. Die schwarze Bevölkerung organisierte sich, hielt Plakate mit dem Slogan „Black Lives Matter“ in die Luft. Rassismus ist im 21. Jahrhundert noch weit davon entfernt, abgeschafft worden zu sein. Aber Rassismus ist durchaus kein Problem Amerikas alleine. Wer sich mehr mit dieser Thematik beschäftigen möchte, sollte einen Blick auf den sehr lesenswerten Blog von der  Aktivistin Emine werfen.

Frauen mit Kopftuch haben in Deutschland mit allerhand Vorurteile zu kämpfen. Bekommen trotz exzellenter Abschlüsse Arbeitsstellen auf Grund ihres Kopftuches, das für viele Ausdruck ihrer Religion ist, verwehrt. In Deutschland wird ein Asylant in Dresden tot aufgefunden. Asylantenheime werden fast regelmäßig mit rassistischen Slogans beschmiert.

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein Foto: ( © I(ESM)  / pixelio.de )

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein (Foto:  © (IESM) / pixelio.de )

Wir sollten uns mit Menschen solidarisieren. Gegen solche Diskriminierungen, die im eigenen Land geschehen, aber auch in anderen Teilen der Welt,  aufstehen und unsere Stimme erheben. Es geht uns alle an! Eher unabsichtlich habe ich mich vor allem auf das Thema Rassismus bezogen. Was wohl auch mit einer Bewegung, die sich mittlerweile – Gott sei Dank – aufgelöst hat, zu tun hat und den vielen rassistischen Übergriffen, die ich vermehrt zu hören bekomme, die mich sehr erbosen lassen, zugleich aber auch erschrecken. Wichtig ist, DASS wir etwas tun. Wir sollten nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, benachteiligter Menschen sein. Jeder Mensch kann nur ein wenig seiner wertvollen Zeit entbehren und zum Beispiel in seinem Umfeld an sozialen Initiativen mitwirken oder aber selbst Projekte auf die Beine stellen. Und wie sollen wir die Welt mitgestalten und verändern, wenn wir nicht in unserem Umfeld beginnen. Vielleicht sogar jetzt sofort!

Vorschau: Eva beschäftigt sich nächste Woche damit, weshalb es so gut tut, sich in Gesellschaft aufzuhalten.

Zusammen ist man weniger allein – Willkommen im WG-Leben!

Wie sehnsüchtig habe ich den Moment der Einschulung damals erwartet. Schließlich hatte ich vom Kindergarten gegen Ende die Schnauze reichlich voll und wollte nicht einen Tag länger Mittagsschlaf neben zwanzig anderen Windelpupsern halten als nötig. Bevor es so weit war, sah mein Mini-Me sich jedoch gezwungen, hin und wieder gegen das System zu rebellieren, was sich zumeist in morgendlichem Versteckspielen vor meiner Mutter äußerte. Jedes Mal aufs Neue erstaunte es mich, in welch kurzer Zeit sie mein Geheimversteck – hinter dem Sofa hatte ich mich stets wie Iron Man in seiner Werkstatt gefühlt – entlarven konnte und mich schlussendlich an der Hand an den mir längst verhasst gewordenen Ort beförderte.

Als die mit unbändiger Vorfreude ersehnte Schulzeit endlich anbrach, wünschte ich mich allerdings nicht selten zurück in jene Kinderstube, die mich mit unbegrenzter Freizeit und Beihilfe auf dem Töpfchen verwöhnte. Ganz ähnlich verhielt es sich, als der Schulabschluss kurz bevor und ich somit vor der Entscheidung stand, wie es mit meinem – bis dahin nur mäßig selbstständigen Leben – weitergehen sollte: mit dem Unterschied, dass anstelle vom Lätzchen jetzt die Sorglosigkeit stand, die ich in der nächsten Zeit nur allzu bald aufgeben würde.

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Aller Anfang als schwer: Flügge zu werden bringt einige Herausforderungen mit sich. (Foto: C.Gartner)

Ich räume ein, dass die Bedingungen, unter denen ich auszog, um das Leben zu lernen, ziemlich zu meinem Vorteil ausfielen: Eine Wohnung in neiderregender Lage, die ich wider Erwarten direkt mein gemietetes Eigen nennen konnte. Hinzu kamen drei Mitbewohnerinnen, denen ich mich sogleich verbunden fühlte. Nichtsdestotrotz war ich mir der Tatsache von Beginn an bewusst, dass ich im gesamten Mietshaus das Küken und somit Hauptverdächtige bei sämtlichen Aus-, Un- und Vermissten-Fällen sein würde. Erstmals bestätigte sich letztere Vermutung, als das Gemeinschaftsgut Staubsauger für mehrere Tage spurlos verschwand. Wenn nun aber mein Frühjahrsputz ganz zufällig mit der heißen Klausurenphase kollidiert, bleibt für das Zurückstellen eines gewissen Haushaltsgeräts auch beileibe keine Zeit mehr! Daheim bei Mutti jedenfalls wurden früher im Treppenhaus nicht direkt verärgerte Vermisstenanzeigen aufgegeben, wenn mal etwas vergleichbar wichtiges, etwa Perlenohrstecker in ihrem Schmuckkästchen, fehlte. Es galt also, sich radikal umzugewöhnen, sprich entweder zu gestehen – ich kann erfahrungsgemäß nicht behaupten, dass die Schelte dann je milder ausgefallen wäre – oder anfängliche Faux-Pas miverschweigen beziehungsweise im Falle einer Konfrontation blütenweiße Unschuld beteuern.

Eine solche Strategie lässt sich allerdings weniger erfolgreich anwenden, wenn es um Extremsituationen in den privaten vier Wänden geht. So lässt sich niemand geringerer als man selbst dafür zur Rechenschaft ziehen, wenn sich das scheinbar harmlose Anwärmen eines Frottee-Handtuchs in der Mikrowelle plötzlich in einen Kleinbrand verwandelt. Ebenso wenig kann man sich als MieterIn aus Schuldzuweisungen herauswinden, wenn die zu ursprünglich wärmeren Füßen beitragende Schuheinlagen bei 600 Watt plötzlich Feuer fangen – nein, ich habe keinen Hang zur Pyromanie, nur einfach unsägliches Pech bei Benutzen der Mikrowelle in meinem Zimmer – und man sich nichts sehnlicher wünscht, als möglichst überzeugend anzugeben: Der Papa/Bruder/Schwester war’s!

Affenfamilie

Ein starkes Team: Im trauten Heim kann man aufeinander zählen. (Foto: T.Gartner)

Ähnlich problematisch wird es, wenn ein penibler Feuermelder beim Braten delikater Schweineschnitzel interveniert und gleich das halbe Haus mitverpflichtet wird, wenn es darum geht, den Ausschalter an diesem verflixten Querulanten ausfindig zu machen. Gerade hier erweisen sich Mitbewohner als unerlässliche Komponenten im Reifeprozess und der Vorbereitung auf das hoffentlich eines Tages unabhängige Erwachsenenleben. Sie sind (aus)-helfende Hand, ob sie Milch für den Kaffee am Morgen borgen oder in Windeseile eingeschäumt und nicht selten schäumend aus dem Badezimmer gehüpft kommen, sobald der Feueralarm wieder einmal ertönt – wo immer es brennt, sie sind als temporärer Mutterersatz, ob wider Willen oder mit größtem Vergnügen, zur Stelle und helfen dem kürzlich erstmals flügge Gewordenen aus der Patsche. Ich kann behaupten, dass meine Wohnsituation die erste Zeit in einer neuen Umgebung mit neuen Hindernissen und Herausforderungen erleichtert und mir über das anfängliche Heimweh hinweggeholfen hat. Wann immer ich mich einsam fühlte, konnte ich schließlich an jemandes Tür klopfen und zu einem Plausch in der Gemeinschaftsküche bitten – eine komfortable Gelegenheit, die ich selbst heute, als alter WG-Hase, gerne noch nutze. Und wenn ich einmal keine Gesellschaft möchte – zum Beispiel, weil ich mich gerade dafür schäme, vor einer ein-wöchigen Abwesenheit am Kühlschrank dämlicher weise den Stecker gezogen und diesen folglich vor sich hinschimmeln gelassen zu haben – verstecke ich mich einfach hinter dem Sofa; so lange, bis Mama anruft und fragt, ob ich heute auch brav an der Uni gewesen, was ich gegessen und ob ich meine Miete für den kommenden Monate schon überwiesen habe.

Vorschau: In der nächsten Woche fragt sich Kolumnist Sascha, ob Männlichkeit und Poesie miteinander vereinbar sind.