Ohne Karriere? Ohne uns!

Ich weiß noch, wie mein Großvater vor mir stand, der Blick mehr sorgenvoll, als abwertend, der Mund ein bisschen spöttisch. „Das geht doch nicht, dass eine Frau Kinder hat und arbeitet. Du musst dich entscheiden!“ Ich war keine 16 und von meiner Entscheidung, ob ich Kinder haben möchte oder arbeiten oder beides oder gar nichts, meilenweit entfernt. Als ich mit 20 auf seinem Sofa saß und ihm offenbarte, dass ich schwanger war – mitten im Studium, aus einer Arbeiterfamilie stammend – ignorierte mein Opa die Frage seiner Frau, ob der Vater des Ungeborenen denn mein Ehemann würde (Spoiler: mittlerweile ist er es , aber es hat noch ein paar Jahre gedauert) und fragte stattdessen „Und was wird aus deinem Studium?“ Denn auch wenn mein Opa wusste, dass die Welt für mich einfacher gewesen wäre, wenn ich nur eines gewollt hätte, oder zumindest nicht alles auf einmal, wollte er unter allen Umständen, dass ich seine Worte von damals Lügen strafte.

Der Sinn des Lebens

Kind, Karriere, Küchenfee: Vor allem auf Frauen wächst der Druck, alles auf einmal zu sein (Foto: geralt / pixabay.de)

Mein Großvater ärgerte sich gern über die Welt und ihre Kleinigkeiten, aber er wollte, dass sie eine bessere wurde. Ich war sein einziges Enkelkind, das studiert hat – meinen Abschluss hat er nicht mehr erlebt. Er hat dabei nie von Karriere gesprochen, immer nur von arbeiten. Heute könnten wir uns gemeinsam aufregen. Kind und Karriere, die zwei Ks, die durch die Küche zur perfekten Trias werden. Und weil Karriere einen besseren Ruf als Küche hat, ist der Weg der Frau dorthin nicht leichter, aber angesehener, während die Küche für den Mann oft ein sagenumwobener Raum voll Nahrungsmittel in ihren Rohzuständen, dem brummenden Zauberkasten, der Geschirr saubermacht, und der Quelle kühler Getränke wird. Ja, ich übertreibe. Ja, ich meine es wirklich so. Karriere, das ist das neue Nirwana, der Weg der Erlösung, die vollkommene Erfüllung unseres Lebenssinns.

Karrieredämon

Der Dämon mit der Aktentasche: Karriere ist das neue Nirwana (Foto: StockSnap / pixabay.de)

So ein gequirlter Schwachsinn. Seien wir mal ehrlich: Ein großer Teil aller Arbeitnehmer steht morgens auf, reibt sich die geschwollenen Augenlider, trinkt einen Muntermacher und schleppt sich zu einer Arbeit, die ihn nicht erfüllt. Ob Karriere oder nicht. Manager leiden genauso oft am gefürchteten „Burn-out“ wie Lehrer, Berühmtheiten, Köche, Ärzte, Supermarktangestellte. Warum? Weil wir den Hals nicht voll bekommen können! Karriere machen heißt nicht, an eine Spitze gelangen, sondern immer weiter nach oben zu streben. Nicht nur eine gute Stellung haben, sondern auch gute Arbeit leisten. Mittelmäßigkeit scheint der Tod jedes Lebenssinns zu sein. Ich sehe da nur zwei Probleme: Menschen arbeiten unterschiedlich, haben unterschiedliche Stärken und darum auch unterschiedliche Mittelmäßigkeiten. Und niemand kann ständig 100 Prozent geben, nicht nur, weil er dann bald nur noch 0 Prozent Leistung hat, sondern auch, weil sonst seine Auslastung zur Norm wird. Zur Mitte, die es zu übertrumpfen gilt. Karriere, dieses toll klingende Wort, dem alle gerecht werden sollen, ist ein Dämon mit Aktenkoffer.

Die grauen Herren

Immer alles gebe? Wer immer auf 100% fährt, kommt schnell ans Ende seiner Kräfte (Foto: geralt / pixabay.de)

Mich dünkt, Michael Ende hat für Momo nicht umsonst die grauen Herren mit Zigarre und Aktenkoffer versehen. Auch wenn heute die Zigarre gegen einen Weizengrassmoothie ausgetauscht werden kann, bleibt die Botschaft bestehen. Wer immer mehr will, hat am Ende nichts mehr. Darum sehe ich auch den Begriff „Quality Time“ sehr zwiegespalten. Es ist toll und absolut wichtig, sich bewusst Zeit für sich selbst und die Familie, egal in welcher Form, zu nehmen. Das füttert unseren Akku, bringt uns zum Lachen, zum Lieben, zum Leben. Ein Schaumbad, ein Spaziergang, ein Tag im Garten und es geht uns besser. Da kommt der leise Zweifel in mir hoch, warum dann dieser Karrieretrieb, der uns so auslaugt, so viel wichtiger sein soll. Ja, es gibt Menschen, die das Glück haben, zu lieben, was sie tun. Ich liebe es zu schreiben, also gehöre ich definitiv dazu. Wenn ich damit jetzt noch meinen Lebensunterhalt bezahlen kann, ist meine Welt perfekt. Und wie teuer mein Lebensunterhalt ist, hängt von mir ab. Minimalismus ist längst Teil unseres Lebens geworden. Wir besinnen uns auf eine Umgebung, die mehr von uns hat, anstatt einfach nur „Mehr“. Warum darf das für unsere Arbeit nicht auch gelten? Egal, ob an der Kasse, auf dem Bau, beim Haareschneiden, an der Tafel oder im Büro. Weniger – und ja, das meine ich ernst – ist auch da mehr.

Geld macht sexy – oder?

Volle Tasche? Ohne Geld sehen wir im Alltag alt aus (© Dr. Klaus Uwe Gerhardt / pixelio.de)

Volle Tasche? Ohne Geld sehen wir im Alltag alt aus (© Dr. Klaus Uwe Gerhardt / pixelio.de)

Mein Geldbeutel ist mal wieder leer. Den letzten Euro hab ich benutzt, um meinen Kindern zwei Brezeln zu kaufen. Und seit die Bankfiliale in unserer Stadt zugemacht hat, heißt das, an Bargeld komm ich nicht mehr so leicht. Dabei ist ein volles Porte­mon­naie doch ein wichtiger Indikator dafür, dass es uns gut geht. Oder etwa nicht? Geld ist schon lange mehr als nur Zahlungsmittel. Seit Jahren wird die These vertreten, Geld sei zu einem neuen Leitmedium erhoben worden. Wer Geld hat, hat Macht und Macht macht sexy. Nach der Devise sieht es noch schlechter aus für Griechenland, als die Medien zugeben.

Dabei komm ich nicht umhin mich gerne an die Szene aus „Star Trek: Zurück in die Gegenwart“ (ja, sowas hab ich tatsächlich schon gesehen – mehr als einmal) zu erinnern, in der Captain Kirk in den neunziger Jahren landet und sein Abendessen nicht bezahlen kann, weil es im dreiundzwanzigsten Jahrhundert kein Geld mehr gibt. Die Idee finde ich ganz reizvoll. Geld abschaffen, durch wissenschaftliche Entdeckungen Hunger, Krankheiten und Energiemangel besiegen. Utopia. Die Realität sieht da ganz anders aus.

Geld macht sexy - sofern wir welches haben (©Lupo / pixelio.de)

Geld macht sexy – sofern wir welches haben (©Lupo / pixelio.de)

Denn Macht macht nicht nur sexy, sie korrumpiert auch. Wer Macht hat, will diese erhalten und möglichst aufbauen, nicht aber sie zugunsten einer gleichberechtigteren Gesellschaft abgeben. Diese Meinung vertritt auch Peter Joseph, amerikanischer Regisseur. 2008 veröffentlichte er im Internet den zweiten Zeitgeist Film Addendum, in dem er die Abschaffung des Geldes als Weg in eine bessere Welt in Aussicht stellt. Das globale Finanzsystem ist hier der Böse, die Banken, die immer reicher werden, gegen die Menschen.

Immerhin ist es doch faszinierend, wie wir uns an den Betrag unseres Bankkontos klammern, der in der natürlichen Welt absolut nichtssagend ist, sondern erst Bedeutung bekommt, weil wir ihm welche zusprechen. Geld ist menschengemacht. Es ist unser Mittel der Kontrolle, wenn wir über die Natur keine haben. Wir können den Tod nicht besiegen, aber wir können uns teure Dinge leisten, das Wetter liegt nicht in unserer Hand, aber unser Auto, unsere Uhr, unsere Schuhe zeigen, dass wir es zu etwas gebracht haben. Zu Geld nämlich. Und wenn wir einsam sind, sorgen ein paar grüne Scheinchen dafür, dass uns die Menschen wieder mögen. Ihr wisst schon: Sexy.

Unser Geld: Kulturgut oder selbstgemachtes Übel (© M. Großmann / pixelio.de)

Unser Geld: Kulturgut oder selbstgemachtes Übel (© M. Großmann / pixelio.de)

Unser ganzes Leben ist doch darauf ausgelegt. Wir lernen, um einen guten Beruf zu finden, der uns viel Geld einbringt, das uns ein Leben voller Annehmlichkeiten ermöglicht. Sind wir darum glücklicher? Glücklicher als ein Mitglied eines indigenen Stammes etwa, das gänzlich ohne Geld auskommt? Oder nur Glücklicher als jemand, der im selben Kulturkreis aufgewachsen ist, aber eben weniger Geld hat? Ihr merkt schon: Geld ist ein sogenanntes Kulturgut. Wir haben uns seine Bürde selbst auferlegt, uns von ihm unterdrücken lassen und selbst dafür gesorgt, dass manche mehr und manche weniger haben. Wenn Menschen auf die Banken und das Finanzsystem schimpfen, denke ich mir nur: Da stecken wir alle mit drin. Und darum müssen wir alle etwas ändern (wollen), damit sich auch wirklich etwas ändert.

Die ersten haben das auch begriffen. Fahrradfahren etwa ist nicht nur deswegen im Kommen, weil auf Kurzstrecken so Benzin gespart und die Umwelt geschützt werden kann, sondern auch, um dem Statussymbol Auto zu entkommen. Dinge gebraucht kaufen oder statt im Hotel auf einer fremden Couch schlafen, Marmelade wieder selbst kochen, nähen, Gemüse anpflanzen. Alles, was zugunsten einer „angenehmen“ Geldwelt verdrängt wurde, lebt wieder neu auf. Und wenn wir es schaffen, diese Gedanken, diese Vorhaben festzuhalten, weiterzugeben, uns loszulösen von der Macht des Geldes, dann wird es diese eben auch verlieren. Wir haben das Geld zu dem gemacht, was es ist. Wir können ihm diese Macht auch wieder nehmen.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anna hier, wie sie sich in Bosnien verliebt hat.

Hurra, die Welt geht unter!

K.I.Z., kurz für Kannibalen in Zivil, haben einst den Deutschrap revolutioniert. Als die Berliner 2005 ihr erstes Album „Das RapDeutschlandKettensägenMassaker” veröffentlichten, war klar, dass nichts mehr so sein würde wie vorher. Rapper durften plötzlich ihre Gefühle zeigen. Emotionen wie Liebe, Zuneigung und Empfindsamkeit waren keine Schimpfworte mehr. Homosexualität war nur eine ihrer mannigfaltigen Ideen. Es durfte auch mal wieder gelacht werden im deutschen Rap. Es durfte randaliert und gepöbelt werden.

Mit einem Mal wurde auch auf Rap-Konzerten wieder gepogt und viele der heutigen Bands und Rap-Formationen wären ohne K.I.Z., den Erfinder von deutschem Humor, gar nicht denkbar.

Nun zeigen K.I.Z. wieder, wie KLF (Anmerk. d. Red.: The KLF (Kopyright Liberation Front oder auch Kings of Low Frequency) waren eine in der elektronischen Tanzmusik einflussreiche britische Musikgruppe in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren) auf Deutsch funktioniert. Das passiert mit fundamentalistischer Kapitalismuskritik. Es geht um Geld, Sex und Gewalt. Zwischen bloßem Hass und seelischen Abgründen erfolgt die nüchterne Analyse eines Systems, das nicht reformierbar ist.

K.I.Z. veröffentlichen die Tracklist ihres kommenden Albums „Hurra die Welt geht unter“. Genau genommen veröffentlicht iTunes sie. Das 13 Tracks starke Album der Kannibalen soll am 10. Juli erscheinen. Das gaben die vier Berliner nach Ablauf eines Countdowns auf ihrer Webseite bekannt. Das „Kannibalenlied“ gab es bereits zu hören. In diesem Trailer zum neuen Album inszenieren sich K.I.Z. als skurrile welterobernde Miliz. Und das auch noch mit einer eigenen Hymne, auf der die vier Mitglieder jedenfalls selbst gar nicht zu hören sind.

Damit ist auch klar: Überlegungen, ob K.I.Z. es nach dem Vorbild diverser US-Kollegen wagen würden, ein Album ohne große Vorankündigung zu veröffentlichen, sind hinfällig. Dabei wäre die Crew einer der wenigen Deutschrap-Acts, bei dem so ein Schritt durchaus funktionieren könnte.

Dass die Berliner an einem neuen Album arbeiten, war bereits seit längerem bekannt. Auch darüber, dass es bereits fertig gestellt sein soll, wurde spekuliert. Das letzte Album von Tarek, Maxim, Nico und DJ Craft „Urlaub fürs Gehirn” datiert auf 2011. 2013 erschien das Mixtape „Ganz oben“, das (fast) ausschließlich über den Krasserstoff-Shop (Anmerk. d. Red.: online Shop für Merchandise, Tickets und Ton- und Datenträger) verkauft wurde und trotzdem in die Top 100 der Albumcharts einsteigen konnte.

Zum Mixtape war das Video „Ich bin Adolf Hitler” mit Comedian Oliver Polak erschienen, das für Diskussionen gesorgt hatte. Unter anderem hatte Fler sich geärgert, dass K.I.Z. für den Song ein Vocalsample von ihm verwendet hatten.

Vorschau: Am Samstag erwartet euch der fünfte Teil unserer Reihe „Musik für jede Lebenslage“.

Das Geschenk: richtig, wahr und immer mehr

Das Geschenk: oft eine halbherzige Sache (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Das Geschenk: oft eine halbherzige Sache (©Tim Reckmann / pixelio.de)

„Bekomm ich dann auch Geschenke“, fragt mein Ältester mit großen Augen. Es geht um den Familiengeburtstag, den er sich mit mir jedes Jahr teil, weil wir nur eine Woche nacheinander Geburtstag haben. Ich nicke, er strahlt – Kind sein ist so schön. Von meiner Warte her sieht das ganze schon etwas anders aus. Denn: Jedem, er mir etwas schenkt, schenke ich ja auch etwas. Übers Jahr verteilt, aber am Ende ist es wie an Weihnachten. Ein Übertrumpfen an Wertigkeit der Geschenke bei den Kleinen, ein Ausgleich bei den Großen. Manchmal, ja, manchmal denke ich, da können wir das doch gleich lassen. Anstatt Geld und Zeit zu investieren, einfach Geschenke abschaffen und gut ist.

Oh, jetzt kommt der große Aufschrei. Es geht doch nicht ums Geld, nicht um den Wert an sich, sondern um Zeit und Mühe. Ja, ja, alles schon gehört. Doch was ist mit Zeit und Mühe, wenn das Geschenk absolut nicht gefällt oder gebraucht werden kann? Verloren?! Ein dritter Geldbeutel, der doch wieder zu klein ist, ein Buch, das schon im Regal steht, Duschgel, das meine Haut nicht verträgt. Und das von Menschen, die es besser wissen sollten. Ja, es mag undankbar erscheinen, frech und egoistisch solche Worte zu Papier zu bringen. Aber wehe ich komme mit so etwas an, dass ernte ich verdrehte Augen, ein großes „Aber“, oder ein ironisches „Toll“. Erzählt mir, was ihr wollt, aber wenn nach Weihnachten große Umtauschaktionen sind, dann nicht von ungefähr.

Geld als Geschenk? Als lieblos verpöhnt (© I-vista / pixelio.de)

Geld als Geschenk? Als lieblos verpöhnt (© I-vista / pixelio.de)

Und auch mit einem gefüllten Briefumschlag wird doch kaum noch jemand froh. Unkreativ und langweilig nennt es der Volksmund und steckt die Scheine dann doch so schnell wie möglich ein. Nur Bares ist Wahres. Dass ich da die Lust auf Geschenke und Schenken verliere ist vielleicht ja doch zu verstehen. Ein Geschenk ist nicht nur eine unausgesprochene Aufforderung, ebenfalls zu schenken, es verliert in unserem Alltag das Magische der Überraschung, die Freude der unerwarteten Belohnung und den Reiz der Seltenheit. Denn neben dem Problem, was denn im Päckchen so drinnen sein mag, gibt es noch den Faktor der Masse. Und die Masse macht‘s eben auch hier.

So werden bei uns zu Ostern, Weihnachten, Nikolaus und Geburtstagen auch mal ganze Transportkörbe mit Eingepacktem gefüllt. Völlig Überfordert sitzen die Kinder in einem Meer aus Geschenkpapier und wissen gar nicht mehr, was sie alles bekommen haben und wann sie damit spielen sollen. Das Ergebnis ist eben kein zufriedenes Kind, sondern eines, das die Regale voll hat und jeden Tag quengelt „Mir ist langweilig“. Reizüberflutung mit Plastikschleife. Und nein, für uns große wird es nicht besser, nur anders. Denn mir laufen sämtliche Nachrichteneingänge schon Wochen vor diesem oder jenen Festtag heiß, womit mir denn eine Freude gemacht werden könnte. Von wegen also kreativ und sinnvoll.

Geschenkeflut: tückische Überforderung ©Lupo / pixelio.de)

Geschenkeflut: tückische Überforderung ©Lupo / pixelio.de)

Ja, ich stänkere, ich bin genervt, bis über beide Ohren. Und doch, ich könnte mir auch gut vorstellen, solche Festtage ohne Geschenke zu verbringen, weder von mir noch für mich. Ich würde meinen Kindern gerne die Konsumgeilheit aus den Familienfeiern ziehen und einfach nur mit den Menschen, die ich mag eine schöne Zeit verbringen. Geht nicht, ich hab‘s versucht. „Ja, ist doch nur ne Kleinigkeit“, heißt es dann. Ermüdend, oder? Ein Wettrennen ohne Sieger und irgendwie kein Land in Sicht. Wir verziehen uns selbst, erwarten immer mehr, werden undankbar und wissen auch Kleinigkeiten, liebe Gesten, nicht mehr zu würdigen.

Und dann, dann ist dieser Text nur die Folge des Geschenk-Crescendo, logisch, ein Gefühl, das Viele kennen, und sich doch zum nächsten Fest wieder ins Chaos werfen. Nein, aufgeben will keiner. Und das ewige Mantra lautet mehr, mehr, mehr.

Vorschau: Anne schreibt hier nächste Woche über Leistungsdruck und was er mit uns macht.

Bodybuilding – Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Sie sind stark, ihre Muskeln definiert und vor allem extrem ausgeprägt. Überall wo sich Profi-Bodybuilder befinden, ziehen sie die Blicke auf sich. Disziplin und Ehrgeiz spiegeln sich in ihrem Körper wider. Ihr Geheimnis: Anabole Steroide. Das sind künstlich hergestellte männliche Hormone, die eine muskelaufbauende Wirkung besitzen. Je mehr man davon konsumiert, desto besser sind Ergebnis und Erfolg und desto mehr Geld lässt sich mit dem eigenen Körper verdienen. Doch der fatale Zusammenbruch lässt sich nicht immer vermeiden…

Ganz ohne Steroide: Der Natural Bodybuilder präsentiert stolz seinen Körper (Foto: Privat)

Ganz ohne Steroide: Der Natural Bodybuilder präsentiert stolz seinen Körper (Foto: Privat)

In dieser Branche gibt es aber auch das Natural Bodybuilding. Hierbei trainieren die Sportler strikt ohne verbotene Aufputschmittel, um einen möglichst natürlichen Aufbau von Muskeln durch gesunde Ernährung, hartes Training und erholsamer Regeneration zu erreichen. Wer aber in Zukunft den Titel „Mr. Universe“ oder „Mr. Olympia“ tragen möchte, muss leider zu härteren Mitteln wie eben Steroide greifen.
Da der eigene Körper nach zirka zwei bis fünf Jahren intensivem Krafttraining seine genetische Grenze erreicht, ist danach ein weiterer natürlicher Muskelaufbau nicht mehr möglich.

Und dann kommen die effektiven Steroide im Einsatz. Man nimmt sie entweder in Form von Tabletten ein oder injiziert sie mit einer Spritze ins Muskelgewebe. Rund 62 Prozent der Männer und Frauen in Deutschland geben bei der Kolibri Studie 2010 vom Robert-Koch Institut an, beim Trainieren leistungssteigernde Mittel zu nehmen.
Auch Reza A.*, (23), hat Erfahrungen damit gemacht und entdeckte verborgene Kräfte in sich: „Ich habe schon nach einer Woche die Wirkungen von Steroiden gespürt und war verblüfft wie wirkungsvoll dieses Zeug ist. Mit einem Schlag hatte ich einen riesengroßen Appetit und war viel stärker als zuvor.“

Dass diese Art von Aufputschmittel sehr effektiv ist, wissen die meisten Sportler. Bei regelmäßiger Einnahme von Steroiden wird die Leistungskraft beim Training erhöht, indem die Muskeln in deutlich kürzerer Zeit enorm aufgebaut werden. Die Wahrscheinlichkeit, diverse Bodybuilding- Meisterschaften zu gewinnen, steigt folglich und damit auch die Chance auf mögliche Gewinnsummen von bis zu 50.000 Euro. -Welcher junger Bodybuilder würde dieses Angebot auf den ersten Blick ablehnen? Diejenigen, die sich darüber im Klaren sind, welchen Preis man für diesen kurzzeitigen Erfolg bezahlt.

Wer Steroide verwendet, greift in seinen Hormonhaushalt ein, was unangenehme Folgen haben kann: steigende Gewaltbereitschaft, Haarausfall, Akne, Wachstum des Brustdrüsensystems und Schädigung der Leber-, Nieren- und Herzfunktion sind nur einige der vielen gesundheitlichen Konsequenzen.
Auch Reza berichtet von unschönen Nebenwirkungen: „Es wurde einfach nur noch schlimmer mit meiner Akne und Haarausfall. Deshalb habe ich aufgehört Steroide zu nehmen. Was bringt mir die Muskelmasse, wenn das Zeug mich fast schon umbringt? Ich würde jedem Bodybuilder davon abraten. Es lohnt sich einfach nicht, wenn die eigene Gesundheit den Bach runter geht.“

Setzt man dann die Einnahme ab, kann dies sogar zu Depression und Antriebslosigkeit führen.
Hans Sachs vom Forensisch-Toxikologischen Zentrum in München erklärt gegenüber der SPIEGEL: „Es kommt zu einer verminderten Potenz. Es kommt zu einer verminderten Spermienproduktion, was den Jugendlichen oft zunächst nicht auffällt.“ Die Testosteronproduktion findet überwiegend in den Hoden statt. Wird nun Testosteron von außen in den Körper eingeführt, kann es sein, dass die körpereigene Produktion eingestellt wird -und der Hoden schrumpft.

Bodybuilding wird ausgeübt, um den Körper dauerhaft fit und muskulös zu halten. Oft trainieren Sportler bis an ihre physischen Grenzen und in vielen Fällen darüber hinaus. Jedoch sollte genau darauf geachtet werden, was man seinem Körper während dieser Zeit zuführt, denn bei einer Verwendung von anabolen Steroiden wird schnell das krasse Gegenteil eines gesunden und schönen Körpers erreicht.

*Name geändert

Vorschau: Am Mittwoch, 22. April  lest ihr hier ein Interview mit Louisa Winstel, amtierende Rheinland Pfalz-Meisterin in Karate.

„In jedem Teil steckt ein kleines Stückchen Oma oder Opa“ – Designerin Nadine Psotta im Interview

Von Indonesien ins waschechte Schwabenland. Schwabenkind Designerin Nadine Psotta legte einen langen Weg für ihren Modetraum zurück. Bereits mit 12 Jahren entdeckte sie ihre Liebe zur Mode und arbeitete ab diesem Zeitpunkt hart an ihrem Traum. Nach einer Second-Hand-Boutique, Arbeiten für die Filmbranche und die Produktion ihrer ersten Kollektion in Indonesin, ist die Modedesignerin an ihrem großen Traum angekommen und führt nicht nur eine erfolgreiche Modelinie, sondern produziert inzwischen, ganz getreu dem Namen, ausschließlich im Schwabenland.

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Schwabenkind ganz privat: Designerin Nadine Psotta in ihrem Atelier. (© Ilona Schneider)

Face2Face: Wann wusstest du, dass du etwas mit Mode machen möchtest?
Nadine: Ganz genau am 06.07.1989, meinem ersten Tagebucheintrag. An diesem Tag habe ich Modeschöpferin gespielt. Von meinen Eltern habe ich viel Lob bezüglich meines Talents erhalten. Auch wenn dies eher große Elternliebe war, mein Weg ebnete sich damals genau in diesem Moment. Am Abend dieses Tages interviewte ich mich selbst und beendet des Interview mit folgendem Satz: „Und heute ist sie eine ganz bekannte Modeschöpferin“. Jedes mal, wenn ich diesen Satz lese, muss ich schmunzeln – Ich möchte definitiv einmal die Entwürfe von damals mit meinem heutigen Wissen umsetzen.

 www.lichtformstudios.de

Verspielt und unkonventionell: Schwabenkind-Dirndl mit Blumenschmuck. (© www.lichtformstudios.de)

Face2Face: Dein Modelabel wurde ja nach deinen Großeltern benannt, welche Geschichte steckt da dahinter?
Nadine: Meine Großeltern hießen Karl und Maria. Meine Oma war eine ganz begeisterte Näherin und hat viele Dinge mit mir umgesetzt. Aufgrund ihrer gradlinigen Phantasie, haben wir haben uns zwar immer die Köpfe eingeschlagen, ich konnte mich am Schluss aber immer gut durchsetzen. Wir haben sehr viel zusammen gearbeitet. Meine Oma war auch diejenige, die mir die Liebe zum Nähen und Designen beibrachte. Leider ist sie ein halbes Jahr vor meinem Modedesign Abschluss verstorben. In Anlehnung an meine Oma und meinen Opa habe ich deshalb die Modelinie Karla Maria begonnen, wobei Schwabenkind heute präsenter ist bzw. Karla Maria die Exklusivmarke von Schwabenkind ist.

Face2Face: Neben den Basics und Kindersachen gibt es auch die Kollektionen King Karl und Queen Maria. Wofür stehen diese Kollektionen?
Nadine: King Karl steht für meinen Opa den Karl und Queen Maria für meine Oma Maria.

Face2Face: Wie wird denn dein ganz eigener Stil und damit auch deine Kollektionen beeinflusst?
Nadine: Ich reise sehr viel und schaue mir auch gerne Dokumentationen über andere Länder und Kulturen an. Darüber erhalte ich immer ganz witzige Ideen.

Face2Face: Deine Kollektionen sind ja sehr farbenfroh – welche ist denn deine Lieblingsfarbe?
Nadine: Meine Lieblingsfarbe ist Petrol. Petrol oder Türkis, das sind meine persönlichen Favoriten.

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Ein Traum in Pink: Eines der vielen farbenfrohen Designs von Nadine Psotta. ( © www.lichtformstudios.de)

Face2Face: Was möchtest du mit deinen Designs ausdrücken?
Nadine: Ich möchte zeigen, dass alles was nicht zusammen passt, am Schluss definitiv passend gemacht werden kann. Für meine Phantasie gibt es keine Grenzen und ich vertrete die Meinung, dass Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Was mich auch immer genervt hat ist, dass wenn ich in einen Kinderladen rein gegangen bin, ich immer so viele Kleidungsstücke gesehen habe, die ich auch so gerne haben wollte, allerdings gab es diese natürlich nie in meiner Größe. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich auch solch eine bunte und verrückte Mode machen möchte, allerdings für Erwachsene.

Face2Face: Symbolisieren diese Kollektionen deine Großeltern?
Nadine: In den Kollektionen steckt meistens ein kleines Stück Oma oder Opa. Sei es ein alter Stoff den ich verarbeite oder Rüschen und Knöpfe, die ich noch von meiner Oma geerbt habe.

Face2Face: Deine Kleidungsstücke werden ausschließlich im Schwabenland produziert. Was ist dir daran besonders wichtig?
Nadine: Die Produktion im Schwabenland ist mir auf Grund meiner guten Zusammenarbeit mit meinen Geschäftspartnern Brigitte und Gerhard von der Schwäbischen Alb besonders wichtig. Die hohe Qualität die sie mir bieten, ist einfach unschlagbar. Auch der kurze Anfahrtsweg und der rechtliche Schutz der mir im Inland zusteht, sind grundlegende Kriterien für meine Wahl. Was mir natürlich auch gefällt ist, dass man mich hier versteht, wenn ich „schwätze“, was in Asien generell nicht der Fall war, vor allem wenn ich „gemotzt“ habe.

Face2Face: Soll die Produktion im Schwabenland auch die Marke Schwabenkind symbolisieren?
Nadine: Ich will Schwabenkind definitiv nur noch im Schwabenland produzieren.

Schwabenkind_Tracht_Hut

Traditionell und doch verrückt: Das Waldmädchen von Schwabenkind. (© www.lichtformstudios.de)

Face2Face: Wie sieht denn der typische Kunde/die typische Kundin aus, die Schwabenkind kauft?
Nadine: Typische Kunden gibt es bei mir gar nicht. Bei mir kauft wirklich von der kleinen Prinzessin, die von ihrer Mutti etwas bekommt, bis zur Oma mit lila gefärbten Haaren. Das beste Erlebnis war auf einer Messe, als ich von weitem zwei Personen gesehen habe, die komplett in Lack und Leder gekleidet waren. Ich wunderte mich schon wo diese hin möchten, als ich an ihrem Namen erkannte, dass sie Stammkunden von mir waren. Im Endeffekt richtig geile Leute. Ich habe noch nie einen meiner Kunden kennengelernt der mir unsympathisch war.

Face2Face: Was hast du, was andere nicht haben?
Nadine: Ich denke meine Stärke liegt darin, dass ich mich nicht darum schäre was gerade Mode ist. Ich höre auf mein Herz und mache nur die Dinge, die mir Spaß machen. Mein großes Geheimrezept liegt wohl darin, dass es mir nicht darum geht das große Geld zu machen, sondern mich selbst in meiner Arbeit widerzuspiegeln.

Danke Nadine Psotta für den Einblick, dass hinter der Mode nicht nur Trends und schöne Schnitte stecken, sondern auch viel tiefgründige Bedeutung und ganz viel Herz.

http://schwabenkind.com

Vorschau:

WM der Extreme

Die momentan in Katar laufende Handball-Weltmeisterschaft wirft in vielerlei Hinsicht Kontroverse auf. Der sportliche Aspekt scheint schon vor den Titelkämpfen nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Es ist eine WM der Extreme.

Diese fängt bei der Tatsache an, dass die Weltmeisterschaft in dem traditionellen Handball-Wüstenstaat Katar stattfindet. Angesicht dessen, dass sich Katar in den nächsten Jahren insgesamt 20 Weltmeisterschaften in den verschiedensten Sportarten gesichert hat, dürften sich nur die wenigsten Sportfans über dieses unpassend wirkende Verhältnis verwundert die Augen reiben. Geld hat die Grundfesten des Sports schon lange überholt.

Bestes Beispiel dafür sind die, zugegebenermaßen schön anzusehenden, Sportarenen in Doha. In die gut 15 000 Zuschauer fassenden Arenen haben sich während der Vorrunde aber leider nur gut 4 000 im Schnitt verirrt. Die Kirsche auf diese Schwache Bilanz setzten sich die katarischen Machthaber selbst, in dem sie sich ihre „eigenen“ Fans aus Spanien eingekauft haben. Gut 50 Spanierinnen und Spanier wurde der Flug, das Hotel und die jeweiligen Spiele der Nationalmannschaft Katars bezahlt. Im Gegenzug sollten die Spanier die Nationalmannschaft unterstützen. Selbst beim Spiel gegen ihr Heimatland machten die gekauften „Fans“ ordentlich Stimmung für Katar – paradox, aber Geschäft ist nun mal Geschäft!

Doch damit noch nicht genug. Die katarische Nationalmannschaft schreibt auch gerade „historische“ Geschichte. Sie ist nämlich nach dem 29:27-Erfolg über Österreich sensationell ins Viertelfinale eingezogen. Nur leider nicht – und das ist auch wieder typisch Katar – mit den eigenen Landsmännern. Die Scheichs in Katar haben sich schon lange vor der WM eine eigene, internationale Nationalmannschaft zusammengekauft. Der sportliche Wert – dahin. Überwiegend aus Osteuropa stammen die Star-Spieler, die vor jeder Begegnung die Nationalhymne eines Landes mitsingen, in dem sie weder geboren, noch aufgewachsen sind. Geld und Reichtum steht vor Ruhm und Ehre. Jeder „katarische“ Akteur soll pro gewonnen Spiel bei der Weltmeisterschaft 100 000 Euro verdienen. So wirkt es doch ein wenig befremdlich, wenn Spieler aus Serbien, Montenegro, Kuba, Frankreich oder Slowenien wie kleine Kinder über das Feld springen und sich über den errungenen Sieg „ihrer“ Nation freuen. Die Scheichs machen sich eben frei nach dem Kinderstar Pippi Langstrumpf ihre Welt widi widi wie sie ihnen gefällt.

Klar, dass dieser Umstand auch in der Handballwelt oder besser gesagt unter den anderen Nationalmannschaften nicht ganz ohne Gegenwind über die Bühne geht. Die Österreichische Mannschaft fühlte sich nach der 27:29-Achtelfinalniederlage gegen Katar verpfiffen. Der ÖHB-Teamchef Patrekur Johanesson knirschte voller Sarkasmus: „Ich glaube Katar wird Weltmeister.“ Der Ärger auf das kroatische Schiedsrichtergespann war gewaltig. „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Halbzeit erlebt, in der es so viele Offensivfouls gegeben hat“, kritisierte Kapitän Viktor Szilagyi die plötzliche Linienänderung der Schiedsrichter, nachdem Österreich noch mit einer Führung in die Halbzeitpause gegangen war. Auch der Lemgoer Torwart Thomas Bauer nahm kein Blatt vor den Mund und geigte den Unparteiischen nach der Schlusssirene lautstark seine Meinung.

Ist es nun Ironie oder Schicksal, dass Katar im Viertelfinale ausgerechnet auf die deutsche Mannschaft trifft. Die Deutschen, selbst nur durch eine äußert fragwürdige Wildcard qualifiziert, nachdem man auf dem sportlichen Wege grandios gescheitert war, sind für die Begegnung gegen die Multi-Kulti-Truppe (heute, 16.30 Uhr) allerdings bestens vorbereitet. Mit der Verpflichtung von Trainer Dagur Sigurdsson agiert Deutschland aus einer stabilen Deckung heraus und spielt ihr bislang bestes Turnier der vergangen Jahre. Angst, ebenfalls von den Schiedsrichtern verpfiffen zu werden, herrscht im deutschen Lager nicht. „Wir sind besser als Katar. Wenn wir das Spiel gewinnen, ist alles möglich“, sagte Ex-Bundestrainer Heiner Brand nach dem erstaunlich abgeklärten 23:16-Erfolg über Ägypten. Dumm nur, –und auch das passt zu dieser WM der Extreme – dass kaum ein deutscher Zuschauer die Spiele sehen kann. Statt im frei empfangbaren Fernsehen, läuft die Handball-Weltmeisterschaft beim Bezahlsender Sky. Weder ARD, ZDF noch Sport1 konnten bei den Verhandlungen mit dem Rechteinhaber beIN Sports (eine Tochterfirma des Fernsehimperiums Al Jazeera) vor der WM gewährleisten, dass die Satelliten-Übertragungen nicht außerhalb von Deutschland zu empfangen sind. Daraufhin wurden die Verhandlungen frühzeitig abgebrochen. Am Ende schaut der Fan in die Röhre – allerdings nicht in die des Fernsehers (soweit noch vorhanden) – und das Geld steht wie üblich über dem Sport.

Gleich knallt’s

Gleich knallt's. Das neue Jahr wird mit lauten Böllern eingeleitet (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Gleich knallt’s. Das neue Jahr wird mit lauten Böllern eingeleitet (©Tim Reckmann / pixelio.de)

„Peng“, knallt es auf der Straße und hallt nach. Gleich noch einmal. „Peng.“ Es ist kaum Mittag am Vortag zu Sylvester und ich hab schon jetzt genug von dem Geknalle. Eigentlich seit Weihnachten vorbei ist höre ich die Böller explodieren und rieche immer mal wieder den Gestank des Schwarzpulvers auf der Straße. Ich ärgere mich schon jetzt und weigere mich, sogenannte „Knaller“ zu kaufen. Selbst die, die mein Sohn geschenkt bekommen hat, verweilen seit einem Jahr in einer Tüte und falls sie da nächstes Jahr noch liegen, wandern sie in den Müll.

Sylvester und ich vertragen uns dabei eigentlich ganz gut. Ich mag es, mich mit Freunden oder der Familie zusammenzusetzten, das letzte Jahr zu resümieren und mich darauf zu freuen, was alles im nächsten passieren kann. Es ist irgendwie ein Abend, wie alle anderen, nur dass Dinner for one läuft und wir uns in Gruppen versammeln. Seit wir Kinder haben, feiern wir dabei oft zu Hause, manchmal auch einfach nur für uns. Was brauchen wir da Knaller?

Je lauter, desto beliebter: Doch nicht alle haben ihren Spaß daran (©Stefan Bayer / pixelio.de)

Je lauter, desto beliebter: Doch nicht alle haben ihren Spaß daran (©Stefan Bayer / pixelio.de)

Die Tradition der lauten Böller kommt ja daher, dass die Menschen die bösen Geister für das nächste Jahr vertreiben wollten. Das weiß heute kaum ein Dreikäsehoch, der die lautesten seines Sortiments schon vor der eigentlichen Stunde 0 verschießt. Und so wie es auf der Welt aussieht, bezweifle ich, dass lautes Geknalle Geistern noch Schrecken einjagen würde. Es erschrecken sich dafür die Hunde und Katzen, die draußen oder drinnen am liebsten einfach nur davon rennen wollen. Für die empfindlichen Ohren der Tiere sind Knaller die reinste Tortur. Ich will gar nicht an die Vögel und Wildtiere denken, die auch noch davon betroffen sind.

Daneben, seien wir ehrlich, ist so ein Böller absolut nicht förderlich für die Umwelt. Die Gase, die wir an Sylvester jedes Jahr in die Luft pfeffern, bringen nicht nur uns selbst zum Röcheln und können uns die Tränen in die Augen treiben – sie verpesten geradezu auf einmal die Atmosphäre in erschütterndem Ausmaß. Wo Autos auf Feinstaubplaketten achten müssen, sind in Böllern und auch Raketen Kohlendioxid, Schwefeldioxid und Stickstoff – von Farbzusätzen, damit es bunt wird mal ganz abgesehen. Gesund ist das jedenfalls nicht.

Schön aber schädlich: Sylvester ist kein Umweltfreund (©Daniela Berghold / pixelio.de)

Schön aber schädlich: Sylvester ist kein Umweltfreund (©Daniela Berghold / pixelio.de)

Mir jedenfalls reicht auch eine Wunderkerze, um ein paar Funken an Sylvester zu streuen. Und die machen auch meinen Kindern am meisten Spaß. Ja, haltet mich für langweilig, spießig und doof, aber so ist das nun mal. Ich kann der Böllerei so wenig abgewinnen, wie den roten Nasen zwei Monate später. Und wenigstens sparen wir uns das Geld, anstatt es in die Luft zu jagen. Gut, zugegeben, eine kleine Packung Raketen schafft mein Mann dann doch jedes Jahr an und es gibt ein paar brave „Ohhs“ und „Ahhs“, wenn sie hochgehen. Aber nach 27 Jahreswechseln, von denen ich bestimmt mehr als einen gediegen verschlafen habe, finde ich etwas Ruhe, um ein neues Jahr einzustimmen wesentlich angenehmer, als noch mehr Krach. Vielleicht wird dann ja auch das nächste Jahr ein gemütlich ruhiges. Ein Versuch wäre es zumindest wert.

Die Sache mit dem Trinkgeld

Wieder einmal im Café, der Espresso schmeckt dürftig, selbst mein dünner Morgenkaffee ist im Vergleich dazu stark. Die Bedienung war reichlich genervt, obwohl gar nicht viel los ist. Wirklich guter Service sieht anders aus. Beim Bezahlen dann die große Frage: Muss ich jetzt für so ein grausiges Kaffee-Erlebnis auch noch Trinkgeld geben?

Ort der Entscheidung: Im Café müssen wir uns entschließen, ob wir Trinkgeld geben wollen.

Ort der Entscheidung: Im Café müssen wir uns entschließen, ob wir Trinkgeld geben wollen. (©Petra Schmidt/Pixelio.de)

Es ist ja nicht so, dass die Bedienung hierzulande auf die Spende des Kunden angewiesen wäre, Kellner leben bei uns nicht allein vom Trinkgeld. Klar freut sich jeder über ein kleines Extra. Doch wer einen Bonus will, der muss ihn sich auch verdienen, und nicht den Kunden, in diesem Fall mich, missmutig anmaulen.

Ich spreche da aus Erfahrung: Während meiner Zeit im Supermarkt war Freundlichkeit dem Kunden gegenüber mein täglicher Begleiter. Im Klartext heißt das: Solange ich im Dienst war, musste ich freundlich sein. Eine Ausnahme waren Beleidigungen und Provokationen, aber auch dann musste ich professionell sein und souverän bleiben. Ich hätte im Supermarkt so manchem provokanten Kunden an die Gurgel gehen können, das gebe ich zu. Trotzdem blieb ich ruhig und freundlich, so wie ich es gelernt habe, so wie es sich gehört.

Nicht zu vergessen, dass mein Almosen vielleicht gar nicht der Bedienung zugutekommt, egal ob freundlich oder nicht. In vielen Gaststätten und Betrieben ist es üblich, dass diejenigen, denen das Trinkgeld gebührt, nichts davon haben. Was am Ende der Schicht zu viel in der Kasse ist, wird als Plus verbucht und so abgerechnet. Selbst wenn ich so nett wäre und der Bedienung nun Trinkgeld gebe, kann es sein, dass ich nur der Betriebskasse einen Gefallen tue.

Am Ende entscheide ich mich dazu, den Betrag von 1,90 Euro für den Espresso einfach aufzurunden. „Das passt so“, ist meine knappe Antwort, als die junge Dame mir die zehn Cent auf mein Zwei-Euro-Stück rausgeben will. Nicht wirklich viel, aber immerhin. Wie sagt man so schön: „Kleinvieh …“.

Damit spare ich mir wenigstens, wieder pfundweise Kleingeld rumzuschleppen. Das war für mich bisher noch der triftigste Grund „Trinkgeld“ zu geben, die Summe auf den nächsten glatten Betrag aufzurunden. Ich als Kunde will kein Kleingeld sehen. Und wer kassiert, der freut sich in der Regel, wenn er nicht schon wieder wechseln muss.

Großzügig: Wer Trinkgeld hinterläßt, tut auch gleich etwas für das eigene Gewissen.

Großzügig: Wer Trinkgeld hinterläßt, tut auch gleich etwas für das eigene Gewissen. (©CFalk/Pixelio.de)

Ich weiß, das hat nicht mehr viel mit Großzügigkeit zu tun. Doch darum geht es mir auch gar nicht beim Trinkgeld. Allzu üppige Boni helfen nur, das eigene Gewissen zu beruhigen, immerhin gibt doch fast jeder Trinkgeld. Wie knauserig und geizig, wie gemein wirkt es da, wenn ich zu den wenigen Verweigerern gehöre, die nichts geben? Ein Außenseiter will keiner sein, und schon fällt das Trinkgeld höher aus, als geplant.

War der Service wirklich toll, dann finde ich es besser, das so zu sagen. Jetzt mag mir manch einer vorwerfen: „Von einem Lob hat die Bedienung nichts, noch nicht einmal ein paar Cent“. Das mag stimmen, doch im Endeffekt ist ein nettes Wort, ein Lob, zusammen mit einem aufrichtigen Lächeln mehr Wert als jedes Trinkgeld. Mir selbst hat es immer wieder gut getan, wenn mir ein Kunde im Supermarkt gesagt hat, ich würde meine Arbeit richtig gut machen. Vor allem heutzutage in unserer so unpersönlichen Gesellschaft ist das tausendmal besser als 50 Cent mehr in der Tasche.

Darum geht es ja: Um die Anerkennung der guten Leistung. Trinkgeld ist da durchaus eine Variante, doch nicht die einzige. Wichtig ist nur, dass Trinkgeld nicht zur Selbstverständlichkeit entartet, dann können wir es auch ganz sein lassen.

Vorschau: Nächste Woche verrät Eva in ihrer Kolumne, wie ein Leben ohne Küche funktionieren kann.

Besser billig?

Billiger gekauft: irgendwer hat darum weniger (Tony Hegewald / pixelio.de)

Billiger gekauft: irgendwer hat darum weniger (©Tony Hegewald / pixelio.de)

Heute beim Einkaufen habe ich die Preisschilder verglichen. Muss ich für den Namen auf der Packung wirklich so viel mehr zahlen? Kann ich meinem Kind nicht auch die preiswerte Variante der Zahnpasta kaufen, statt der bekannten aus der Werbung? Und wie ist das bei Joghurt, Chips, Saft, Kleidung und den tausend anderen Produkten, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind? Billig heißt das Zauberwort. Nicht günstig, oder preiswert. Billig. Ob Mietwagen, Elektronik, Hosen oder Haarschnitt. Geschäfte und Firmen werben mittlerweile nicht nur mit geilem Geiz, sondern mit dem Begriff „billig“ als wertsteigerndes Adjektiv.

Und mal unter uns: wenn ich weniger bezahlen kann, mache ich das doch gerne. Ein paar Cent hier, ein paar Euro hier. Kleinvieh macht auch Mist. Und mit dem billig Erspartem kann ich ja noch etwas kaufen. Möglichst billig. Onkel Dagobert wäre stolz und unser Geldspeicher mangels Zinsen auf der Bank auch prall gefüllt. Discounter expandieren, Händler unterbieten einander im Preis, wir zahlen immer weniger.

Schön billig? In nur einer Frucht steckt wertvolle Arbeit (Foto: Obermann)

Schön billig? In nur einer Frucht steckt wertvolle Arbeit (Foto: Obermann)

Aber Momentchen mal. Da ist doch ein Haken, da ist doch immer ein Haken. Ist billig wirklich besser? Ich habe einen Garten, ich weiß, was es heißt, Obst und Gemüse anzubauen, abhängig von der Witterung zu sein, wenn auch reich geerntet werden soll. Ich kenne die Probleme mit Unkraut, Trockenheit und den Schwankungen die Menge der Früchte betreffend. Und das nur in meinem wirklich kleinen Garten. Ein Landwirt, dessen Existenz von seinem Ertrag abhängt, kann mir da nur leidtun. Was der an Arbeit, Zeit und Geld investieren muss, ist für mich kaum vorstellbar. Und dann wird der Preis seiner Ware bestimmt von Händlern, die möglichst billig einkaufen wollen, um sich gegenseitig unterbieten zu können. Billiges Essen heißt auch geringe Bezahlung für die Hersteller, heißt geringen Lohn für alle, die in dem Sektor arbeiten, heißt weniger Kaufkraft, und so weiter und so weiter. Irgendwann hat jeder weniger Geld und der Preis muss weiter gedrückt werden. Wen wundert es, wenn Tiere auf furchtbare Art gehalten und schließlich geschlachtet werden, wenn es einen Preis zu unterbieten gilt.

Und das ist kein Problem, dass nur die Landwirtschaft hat. Billigmodeketten wie auch Markenklamottenhersteller lassen nicht umsonst in unterentwickelten Ländern ihre Kleidung produzieren. Wer wenig zahlen muss, kann auch geringe Preise verlangen, anders herum kann jemand, der möglichst billig produziert auch möglichst großen Gewinn erzielen, wenn er teuer verkauft. Klingt logisch. Sorgt aber auch dafür, dass Kinderarbeit, unwürdige Arbeitsbedingungen und Gerüchte um sklavenähnliche Angestellte oder Zwangsarbeit nicht so einfach ins Reich der Legenden zu verbannen sind. Man ist nicht nur, was man isst, sondern auch, was man trägt. Selbe Problematik gilt auch für Elektronikprodukte und ich will gar nicht daran denken, was noch alles unverschämt und billig hergestellt wird und bei uns dann in den Haushalt kommt. Kein Markenname schützt davor, denn auch diese Firmen sind vom Profit abhängig.

Billig und glücklich? Nicht nur bei Kühen schwer zu glauben (©kunst-wach / pixelio.de)

Billig und glücklich? Nicht nur bei Kühen schwer zu glauben (©kunst-wach / pixelio.de)

Mein schlechtes Gewissen wächst und wächst. Besser ist anders. Und vielleicht auch gar nicht billig. Mein Gemüse und Obst von regionalen Händlern ist nicht schwer zu bekommen, zwar teurer, aber nicht nur frischer und ökologisch besser, weil keine langen Wege zurück gelegt werden müssen. Gleiches gilt übrigens auch vom Metzger des Vertrauens oder hochwertigen Fleischprodukten, die auch gerne mal mehr als das Doppelte des Billigpreises kosten, bei denen aber Haltung und Pflege tatsächlich einen respektvollen Umgang mit Tier und Fleisch zeigen. Auch gibt es Kleidermarken, die auf gute Arbeitsbedingungen wert legen, sogenannte Fairtrade-Produkte in vielen Bereichen und oft ist nur etwas Interesse in den Hintergrund des Produktes notwendig, um differenzieren zu können, was nun wirklich besser ist und was einfach nur billig.

Beim wöchentlichen Familieneinkauf ist zwischen den Regalen, mit einem hungrigen Kind im Einkaufswagen und einem konsumgezeichnetem in der Spielzeugabteilung diese Differenzierung kaum zu leisten. Wer einkaufen geht, geht kaufen, nicht recherchieren. Das muss zu Hause erfolgen. Besser davor als danach. Und wer sich informiert hat, muss abwägen, welchen Schritt er als Nächstes wagt. Mehr Geld ausgeben, weniger kaufen, aber dafür sinnvoller, möglicherweise besser, oder mehr, billiger, zentral. Eine persönliche Entscheidung, so viel ist klar. Aber wir sollten uns klar machen, dass billig nicht besser ist, sondern eben einfach nur billig, vielleicht sogar billiger.

Vorschau: Nächste Woche erzählt euch Sascha an dieser Stelle, warum Kleidung kaufen ein Albtraum für ihn ist.