Warum wir Kinder als Strafe sehen

Es dauerte einen Moment, ehe ich mich gefangen hatte. Gerade fragte mich unsere Sekretärin „warum tut ihr euch das an?“ und meinte, warum wir noch ein Kind wollten. Da prallte es mal wieder gänzlich auf mich ein. Dass Kinder in unserer Gesellschaft als Last, als Bürde gesehen werden. Als Strafe. Etwas, dass wir uns an tun. Masochismus in seiner höchsten Form. Wo das Kindermachen ja noch Spaß macht und nicht selten Witze mit sich zieht, ist das Kinderhaben, vor allem, wenn ein Paar dann doch mehr als ein oder gar zwei hat, scheinbar ein riesiger Sack voller negativer Pakete.

Teurer Spaß? Kinder kosten Geld (©Wilhelmine Wulff _ All Silhouettes / pixelio.de)

Teurer Spaß? Kinder kosten Geld (©Wilhelmine Wulff _ All Silhouettes / pixelio.de)

„Die machen euch fertig“, meinte eine alte Freundin meines Mannes, als unser zweites Kind gerade auf der Welt war und sie uns beim Einkaufen traf. Wir haben abgewunken, sie glaubte uns nicht. Kein Wunder, hören wir doch jeden Tag, wie schrecklich Kinder sind. Sie stehlen ihren Müttern die Figur, ihren Eltern den Schlaf, machen in ihrer Zerstörungswut vor nichts halt, sind lauter als Alarmanlagen, per se ungezogen, sozialer Selbstmord, finanzieller sowieso. „Warum unsere Kinder Tyrannen sind“ lautet der Titel eines Buches und ein ganzer Stapel an Literatur befasst sich mit der Frage, ob eine Frau denn nun Karriere und Familie haben kann. Die Internetseite Mompreneurs befasst sich ausschließlich mit Müttern, die neben ihren Kindern noch Unternehmen gegründet haben.

Machen wir uns nichts vor. Unsere Gesellschaft ist nicht kinderfreundlich. Oh, ja, es gibt eine (nicht erfüllte) Garantie auf einen Betreuungsplatz ab 1, es gibt Kindergeld, Familienparkplätze und Kinderwagenabteile im Zug, Vorschriften, wie viele Spielplätze ein Viertel haben muss und hohe Sicherheitsstandards bei Gebrauchsgegenständen für Kinder. Aber kinderfreundlich? Menschen, die in Kindergarten- oder Schulnähe wohnen beschweren sich regelmäßig gerichtlich wegen des Lärms spielender Kinder. Im Restaurant werden Kinder, die keine zwei Stunden ruhig sitzen können und nicht absolut still sind böse angeschaut und wer kennt nicht das Klischee eines nach Gummibärchen brüllenden Kleinkindes im Supermarkt?

Kinder? Will doch keiner (©Stefan Bayer / pixelio.de)

Kinder? Will doch keiner (©Stefan Bayer / pixelio.de)

Seien wir doch ehrlich, wir wollen keine Kinder. Wir wollen ein schöner-wohnen-Wohnzimmer und Designer-Tapete, Kleidungsstücke, die keine besonderen Schlitze zum Stillen haben müssen und einen Esstisch ohne Bananenmatschreste-Ritzen, von denen wir vorher nicht mal wussten, dass sie da sind. Schnelle, anstatt geräumige Autos und die Möglichkeit, heute alles stehen und liegen zu lassen und ans andere Ende der Welt zu fahren. Wir wollen alles und wir wollen es jetzt. Niemand soll uns sagen, was wir zu tun haben. Keine gesetzlich geforderte U-Untersuchungen und Briefe von Kindergarten oder Schule, die uns dies oder das mitteilen, Brotdosen, die gefüllt werden sollen und Hosen, die über Nacht zu klein werden. Wir wollen uns darüber keine Sorgen machen, denn, verdammt noch mal, wir haben doch nur dieses eine Leben. Wir sind nichts anderes als groß gewordene Kinder.

Vielleicht wollen wir ja keine eigenen Kinder, weil wir niemanden an der Backe haben wollen, der so ist, wie wir selbst. Und da hab ich mich schon längst ausgeklinkt. Ich schreibe diesen Artikel, während mein Schulkind, mein Kindergartenkind und das Baby schlafen. Heute hätte ich sonst keine Zeit gehabt. Ich habe getanzt, ich habe gemalt, ich habe gekocht und das Katzenklo sauber gemacht, eine Ladung Wäsche mit ganz vielen Unterhosen gewaschen, weil das Kindergartenkind jetzt keine Windel mehr braucht, aber erst eine Handvoll Höschen hat, ich habe gestillt und gewickelt, vorgelesen, eine wichtige Nachricht beantwortet, selbst gelesen, die Spülmaschine ausgeräumt. Ich habe mir nichts angetan, ich habe gelebt.

Tierisch: Kindermachen und Kinderhaben ist animalisch (©Edith Höhner / pixelio.de)

Tierisch: Kindermachen und Kinderhaben ist animalisch (©Edith Höhner / pixelio.de)

Wie alles im Leben, ist es manchmal unbequem, Kinder zu haben. So unbequem, wie es manchmal ist, Eltern zu haben, oder Geschwister, manche Freunde oder den eigenen Partner. Es ist kein Selbstmord. Es ist Leben. Und natürlich ist es nicht für jeden das Richtige. Aber wenn wir unser Leben wie das Bett der Prinzessin betrachten, die wegen einer Erbse unter hundert Matratzen blaue Flecken bekommt, und allen Ernstes die Prinzessin sein wollen, sterben wir nicht aus, weil Karriere so wichtig ist oder Geld, sondern aus lauter Faulheit, aus Bequemlichkeit. Und dabei verpassen wir bestimmt etwas Lärm, Geschrei und schlaflose Nächte, aber auch jede Menge Spaß. Für etwas Spaß bleibe ich gerne länger wach und viel Lärm um nichts konnte ich schon immer machen, natürlich auch als Kind. Warum also jetzt aufhören?

Vorschau: Nächste Woche gebe ich euch hier einen Leitfaden zum Kranksein.

Auf der Suche nach (m)einer Heimat

Es ist ein interessantes Phänomen: Sobald ich in einer Mitfahrgelegenheit sitze, tausche ich mich mit den Leuten voller Enthusiasmus über Reiseerfahrungen aus. Natürlich kommen auch andere Themen zu Sprache. Alles in allem vergeht die Fahrt so meist wie im Fluge. So hatte ich angenommen, dass auch meine Fahrt von Köln nach Mainz mit drei jungen, aufgeweckten, Frauen, zu dieser Sorte von bereichernden Erlebnissen gehören würde.

Auf der Suche nach der Heimat: Kolumnistin Anna-Sophie richtet den Blick in die Ferne (Foto: Maetzke-Hodzic)

Auf der Suche nach der Heimat: Kolumnistin Anna-Sophie richtet den Blick in die Ferne (Foto: Maetzke-Hodzic)

Bevor sich solch schöne Gespräche überhaupt ergeben, fällt zumeist aber die für mich eher unangenehme Frage, woher man denn eigentlich komme. Eine ganz harmlose, einfach zu beantwortende Frage. Könnte man meinen. Oft ist sie aber ein richtiger „Gesprächs-Killer“. Ich reagiere auf diese Frage allergisch und muss meist ein hysterisches Lachen unterdrücken. Jedes Mal aufs Neue treibt mir diese Frage die Schweißperlen auf die Stirn. Meine über die Zeit einstudierte Antwort, die durchaus noch Verbesserungspotenzial hat, lautet in etwa so: „Also, bevor ich nach Mainz kam, habe ich ein Jahr in Bosnien gelebt. Davor habe ich in München gelebt.“ Darauf entgegnet mein Gegenüber: „Achso. Schön. Dann bist du also eine richtige Münchnerin?“ Mein Gegenüber hatte sich naiver Weise schon am Ziel seiner Frage gewähnt. Weit gefehlt! „Nein, nein. Ich habe dort nur 3 Jahre gelebt.“ Ich hole einmal tief Luft, um mit meiner ganz persönlichen Version der unendlichen Geschichte fortzufahren. „Davor lebte ich ein Jahr in Singapur. Davor fünf Jahre in Karlsruhe. Meine Kindheit habe ich in Kassel verbracht. Geboren bin ich in allerdings in Neubrandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern.“ Ein erleichtertes Verschnaufen meinerseits ertönt, als hätte ich glücklich vor Erschöpfung endlich die Zielgerade eines Halbmarathons erreicht.

Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach nur einen Ortsnamen nennen und damit hätte sich die Sache. Das scheinen auch meine Zuhörer von mir zu erwarten. Meine Sitznachbarin wirkt latent gereizt und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. „Spielverderberin“, lese ich aus ihrem Blick. Ich wende meinen darauf schnell gen Fenster. Wie noch nie zuvor, wünsche ich mir, dass diese Fahrt wirklich wie im Fluge vergeht.

"Willkommen": Ein kleiner "Trödelladen" lädt zum Eintreten ein (Foto: Maetzke-Hodzic)

„Willkommen“: Ein kleiner „Trödelladen“ lädt zum Eintreten ein (Foto: Maetzke-Hodzic)

Aber was bezweckt man eigentlich mit dieser Frage? Geht diese Frage davon aus, dass es eben normal ist, von einem bestimmten Ort „herzukommen“. Ich bin ganz sicher nicht die einzige Person, die behaupten kann, von einem solchen Ort nicht sprechen zu können. Bin ich dann aber in den Augen der Anderen, die sich mit einer ach-so-wunderbaren Heimat rühmen können, heimatlos? Ich für meinen Teil, fühle mich zumindest ab und an so. Mein Verlangen nach diesem für mich fantastischen Ort steigt des Öfteren ins Unermessliche. Wo zu Hölle befindet sich diese ominöse Heimat von der alle Welt spricht? Braucht jeder Mensch eine? Macht es einen unglücklich keine Heimat zu haben? Das suggeriert diese Frage zumindest für mich. So bin ich nun schon eine Weile auf der Suche nach einer Heimat. Lauere ihr aufmerksam hinter jeder Ecke auf. Bin immer darauf vorbereitet meinem heimlichen Schwarm, der Heimat, doch noch über den Weg zu laufen. Bis jetzt hatte ich kein Glück. Leider wurden auch noch keine Zeitungsannoncen für Heimatsuchende erfunden — „Biete kuschelige Heimat inklusive Heimatgefühl.“

So sehr ich mich nach einer Heimat sehne, so sehr neige ich auch dazu Orten nach einer gewissen Zeit den Rücken zuzukehren. Irgendwann macht sich in mir wieder diese Unruhe bemerkbar, der ich nachgebe, sogar nachgeben muss und die nichts anderes sagen will als: Es ist Zeit. Auf zu neuen Horizonten. Ob das in irgendeinem Zusammenhang dazu steht, dass ich meinen ersten Umzug schon im jungen Alter von 3 Monaten vollzog (und zwar von der damaligen DDR in den Westen), kann ich nur vermuten. (selbstverständlich war damals meine Mutter die Initiatorin der Reise) Geblieben ist offensichtlich, dass ich mich gerne Hals über Kopf in Abenteuer stürze. Sich auf das „Fremde“ einzulassen, sich nicht immer in Sicherheit zu wiegen, das lässt einen als Person wachsen. Und deswegen genieße ich es auch, mir die Freiheit zu nehmen, selbst zu entscheiden, wo ich leben will. Aber woher jemand kommt? Das sucht derjenige sich für gewöhnlich ja nicht selbst aus. Manchmal fühle ich mich meiner Heimat beraubt! Tief in mir schlummert da die Sehnsucht nach einem Ort, den ich ganz fest in meine Arme schließen und zärtlich Heimat nennen will. Vielleicht wird es mich noch an einige Flecken der Erde verschlagen, bevor ich begreife was meine ganz persönliche Heimat ist, oder dass diese im schlimmsten Fall wohnmöglich gar nicht existiert.

Meine Sitznachbarin scheint auf einmal um 180 ° gewandelt und reißt mich jäh aus meinen Gedanken. Sie quasselt wie ein Wasserfall und erkundigt sich bei mir, was ein Besucher in Mainz Nettes machen und erkunden könne. Meine Mitfahrgelegenheit gleitet fast geräuschlos über die Theodor-Heuss-Brücke in Mainz. Die Stadt ist bereits in Dunkelheit gehüllt. Doch ich spüre in mir so etwas wie Freude aufsteigen. Fast automatisch verfasse ich im Kopf eine Liste der Dinge auf die ich mich, angekommen in Mainz, besonders freue: Ein Spaziergang an der Rheinpromenade, über den Wochenmarkt zu schlendern, ausgedehntes Kaffeetrinken mit Freunden in der Neustadt. Fast sieht es danach aus, als hätte es Mainz geschafft, sich heimlich still und leise einen Platz in meinem Herzen zu erkämpfen. Meine Sitznachbarin stellt sich letztendlich doch als liebenswürdige Person heraus. Ich verrate ihr sogar ein paar meiner Lieblingsorte, die sie sich dankend aufschreibt. Was es mit dem bösartigen Blick zu Beginn auf sich hatte, habe ich aber bis jetzt noch nicht herausgefunden.

Was meine Heimat anbelangt… Ich weiß, dass ich irgendwann noch zu dem Land aufbrechen muss, indem ich meine Heimat vermute. Bis dahin gebe ich mich aber sehr gerne mit Mainz als vorübergehender Heimat zufrieden.

Vorschau: Eva-Maria berichtet hier nächste Woche von Demenz und ihren Folgen für das Umfeld.

Die Freiheit zu wählen – Konfliktberatung für ungewollt Schwangere

Nicht immer eine gute Nachricht: schwanger (© TiM Caspary/pixelio.de)

Schwanger – und dann? Wenn der Gedanke an ein Baby einem den Angstschweiß ins Gesicht treten lässt. Weil die Berufsausbildung noch lange nicht fertig ist. Weil das Geld nicht reicht um die Kinder, die schon da sind, zu versorgen. Weil mit der Geburt und der Schwangerschaft Beruf oder Beziehung elementar gefährdet werden. Viele Gründe gibt es, die ungewollt Schwangere verfolgen, wenn diese über eine entscheidende Sache nachdenken. Leben oder nicht. Kind oder Abtreibung.

Manchen Frauen ist der Gedanke an eine ungewollte Schwangerschaft so furchtbar und , oft mit ihrer momentanen Situation verbunden, sodass sie nicht wissen wohin. Die familiäre und berufliche Situation ist hier oft entscheidend. Immer wieder kommen sie zu dem Schluss, dass sie – jetzt – kein Kind wollen. Das statistische Bundesamt spricht für 2011 von 108.867 Schwangerschaftsabbrüchen. Mehr als die Hälfte der abtreibenden Frauen hatte bereits ein Kind. Die große Mehrheit der Abbrüche geschah, ohne dass es einen medizinischen oder kriminologischen Grund dafür gab. Die Gründe lagen in anderen Bereichen.

Jede Frau, die ihr Kind nicht bekommen will, denkt gut darüber nach. Ausschlaggebend ist oft, wie viel Unterstützung sie aus ihrem Umfeld bekommt. Die Entscheidung wird nicht nur im Stillen gefällt, denn vor einer Abtreibung muss jede Schwangere mehrere Beratungsgespräche führen mit amtlichen Stellen, die auf die Konfliktberatung während der Schwangerschaft eingestellt sind. Zu den Beratungsstellen in Deutschland gehört auch beispielsweise der „Pro Femina e. V.“ Auch online kann die Schwangere dort erste Informationen erfragen und Termine ausmachen. Mit dem „Projekt 1000plus“ hat „Pro Femina e.V.“ ein Netzwerk geschaffen, in dem mehrere Beratungsstellen zusammenarbeiten, um mehr Frauen in Konfliktsituationen beistehen zu können.

Freie Wahl? Sich für das Kind zu entscheiden ist nicht immer leicht (© Bettina-Stolze/poxelio.de)

Ziel der Beratung ist es natürlich nicht, die Schwangere zum Abbruch zu bewegen. Wer aber meint, dort würden Frauen zur Schwangerschaft und Geburt regelrecht überredet und gezwungen, ist genauso auf dem Holzweg. Zwar verbuchen diese Beratungsstellen es als Erfolg, wenn eine Schwangere ihr Kind nicht abtreiben lässt, sie drängen es ihr aber nicht auf. „1000plus heißt 1000 und mehr Schwangeren helfen, um ihnen in ihrer Not eine Perspektive für ein Leben mit ihrem Kind zu bieten“, schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite. Perspektive heißt in diesem Moment, Möglichkeiten aufzeigen. Wo können Schwangere, Mütter und Familien Geld beantragen, wie können sie ihren neuen Alltag regeln. „In einem Schwangerschaftskonflikt, bei dem die Frau nur die eine „Lösung“ Abtreibung sieht, hat sie keine Freiheit. Ohne Wahl gibt es keine Freiheit. Gemeinsam an einer echten, alternativen Lösung arbeiten, schafft andere, neue Perspektiven und stellt Wahlfreiheit her“, heißt es weiter.

Ein weiterer Vorteil der Vernetzung ist der, dass die Schwangeren sich „online“ austauschen können. In verschiedenen Foren können sie sich ihre Sorgen von der Seele schreiben und bekommen Antwort von Frauen, denen es genauso geht, und von Betreuerinnen, die Lösungswege aufzeigen können. Wer sich dann dank der neuen Perspektiven für sein Kind entscheidet, wird nicht plötzlich allein gelassen. Die Beratungsstellen versuchen, die gesamte Schwangerschaft hindurch und darüber hinaus mit den Müttern Kontakt zu halten. Sie helfen bei der Wohnungssuche, organisieren größere Autos, geben Vorschüsse, wenn der Job erst mal wegfällt. Natürlich können auch diese Stellen keine Wunder vollbringen, doch sie können den Müttern helfen, die nicht prinzipiell kein Kind wollen, sondern Gründe sehen, keines bekommen zu können. Auf der Seite von „1000plus“ werden regelmäßig anonymisierte Schreiben von Frauen veröffentlicht, denen die Beratungsstelle helfen konnte und die nun glücklich mit ihrem Kind sind.

Das Thema Abtreibung ist nach wie vor ein sehr prekäres. Es wird nicht viel darüber gesprochen, kaum eine Frau erzählt, dass sie abgetrieben hat. Oft wird ein Schwangerschaftsabbruch jungen Mädchen nachgesagt, die „nicht aufgepasst haben“ oder Frauen, die „in jedes Bett hüpfen“. Die Ignoranz, dass Gründe weit über Alter und Anzahl der Sexualpartner hinaus eine Schwangere zur Verzweiflung bringen können und sie keinen anderen Ausweg sieht, ist meiner Meinung nach erschreckend. Jede Frau sollte die freie Wahl haben, darüber zu entscheiden, ob sie ihr Kind bekommt oder nicht. Das gilt für alle, die sich dagegen entscheiden und deswegen mit schiefen Blicken angesehen werden. Und es gilt für die, die äußeren Umständen trotzen müssen, um sich dafür zu entscheiden. Beratungsstellen wie „Pro Femina e.V.“ und Netzwerke wie „1000plus“ leisten für alle diese Frauen eine wichtige Arbeit. Darum ist es nur gerecht, wenn sie ab und an dafür gewürdigt werden, wie „Pro Femina e. V.“ Der Verein erhielt vor einem Jahr den Stiftungspreis der STIFTUNG „JA ZUM LEBEN“.

 Vorschau: Nächste Woche geht es hier um „Müllkultur“ und wie wir damit leben.

 

Anfang und Ende, Ende und Anfang

Unser Leben ist durchzogen von Anfängen und Enden. Mal ehrlich. Zuerst fangen wir an zu existieren, weil unsere Eltern zum Höhepunkt, zum Ende kamen. Ziemliche eindeutig, oder? So geht es immer weiter. Unsere Zeit im Mutterbauch endet, unser Leben fängt an. Das ist eine richtig krasse Umstellung. Kein Baby kommt aus Mamas Bauch, sieht sich um und sagt: Sieht genauso aus, wie da drinnen. Babys schreien. Weiß ich aus eigener Erfahrung. Kaum spürte Noah den ersten Luftzug, schrie er. Ich muss allerdings zugeben, dass er am Anfang echt leise geschrien hat. Als wäre er ewig weit entfernt. Ich hatte immer Angst, ich könnte ihn nicht hören, wenn er in einem anderen Raum war.

Dieses ganze Anfang-Ende Hin und Her hört nie auf. Die Semesterferien fangen an, die Klausuren enden, das Semester beginnt, die Ferien enden. Gerade gibt es bei mir mal wieder einige dieser Umstellungen. Mein Verlobter fängt mit dem Ref an – seine freie Zeit endet. Mein Sohn beginnt mit dem Kindergarten – seine Lümmelzeit zu Hause hört auf. Und auch bei mir fängt die Uni wieder an – die Ferien enden. Mein letzter Roman ist fertig geschrieben – jetzt beginnt die Arbeit des Verlagsuchens.

Ganz normal also, oder? Oder nicht. Wieso tun wir uns so schwer mit Veränderungen. Mit diesen Enden und Neuanfängen. Jedes Mal reagieren wir ähnlich wie das Baby nach der Geburt. Wir schreien. Blöde Uni, stressiges Ref, böser Kindergarten, gemeine Verlage, kalte Welt, …

Mir reichts. Ich möchte echt mal etwas zu Ende bringen und etwas Neues anfangen, ohne gleich zu meckern, dass ich mich an neue Gewohnheiten gewöhnen muss. Veränderungen sind gut! So! Veränderungen bringen uns weiter. Auch eine im ersten Moment negative Veränderung kann toll werden und andersrum auch.

Wir machen ein kleines Gedankenexperiment. Stellt euch mal vor in eurem Lieblingslokal gibt es ein tolles Gericht. Beispielsweise Hühnerbrust mit Spinat-Ricotta-Füllung. (Gibt es tatsächlich im Vogelpark Schifferstadt und schmeckt himmlisch!) Ihr habt es einmal probiert und nächstes Mal wieder genommen, weil ihr ja wusstet, es schmeckt gut. Beim dritten Mal überlegt ihr, nehmt aber doch wieder das Huhn. Als ihr das vierte Mal kommt ist es fast schon Tradition und beim fünften Mal braucht ihr keine Karte mehr. Super. Ein wirklich leckeres Essen. Ihr seid zufrieden, der Koch ist zufrieden, alles ist bestens, herzlichen Glückwunsch.

Irgendwann aber kommt ihr in euer Lieblingsrestaurant und – oh Schreck – das Huhn ist aus. Ihr schmollt. Es gibt nur noch Bratwurst, Schnitzel, oder aber Tomatennudeln mit Lachs. Ihr starrt ewig auf die Karte, als könnte so das Huhn wie aus Zauberhand doch noch auftauchen. Euer Bauch grummelt, die Anderen warten. Nicht das Wurst und Schwein schlecht wären, aber ihr nehmt notgedrungen den Lachs und stellt fest: Gar nicht so schlecht. Etwas ganz anderes als Huhn mit Spinat und Ricotta. Absolut! Aber genauso lecker. Jetzt könnt ihr wählen und ihr wisst: Irgendwann kommt der Tag, an dem auch der Lachs aus ist. Was dann?

Nach dem Kindergarten kommt die Schule, außerdem auch die KiTa mal Ferien, die Lümmeltage kommen also wieder (Wer kennt die nicht?).

Nach dem Ref kommen auch Ferien und dann der Schuldienst.

Und nach dem Semester folgen Ferien, nach der Uni die Arbeit.

Eigentlich gibt es nicht wirklich andauernd Enden und Anfänge, es ist eher ein Zyklus, in den immer mal wieder eine Zwischenstation eingebaut wird.

Essen-Schlafen-Pupsen.

Essen-Spielen-Schlafen-Pupsen.

Essen-Spielen-Lernen-Schlafen-Pupsen.

Essen-Spielen-Lernen-Schaffen-Schlafen-Pupsen.

Essen-Spielen-Lernen-Schaffen-Meckern-Schlafen-Pupsen.

Essen-Spielen-Lernen-Schaffen-Meckern-Lieben-Schlafen-Pupsen.

Ich denke, das reicht als Anschauung. Legen wir es also auf. Wir regen uns andauernd über Veränderungen auf, dabei werden sie ganz schnell allzu normal und alltäglich für uns. Nichts geht dabei wirklich verloren, alles wird immer mal wiederholt. Alles – bis auf zwei Dinge.

Die Geburt und der Tod. Vielleicht gibt es ja doch noch mehr Sachen mit zwei Enden, nicht nur die Wurst. Und damit fange ich diese Kolumne mit diesem Beitrag an und Ende gleichzeitig diesen Text. Geschickt oder? Beides in einem.