Fußball-Europameisterschaft – eine Medienschlacht

KOMMENTAR: Es ist vorbei. Schlusspfiff. Abpfiff. Die Fußball-Europameisterschaft war für die meisten Fans trotz der fast vierwöchigen Dauer sicherlich zu kurz, für Nicht-Fußball-Anhänger wie mich nicht, im Gegenteil. Normalerweise ist das Auftaktspiel des Gastgebers kein Termin, der sich in meinem Terminkalender wiederfindet, doch dieses Jahr kam man einfach nicht drum herum. Denn nicht nur Zeitungen und Nachrichtensendungen informierten bereits Wochen vor dem Beginn über das anstehende Fußballturnier. Nein, auch im Supermarkt, bei der Werbung zwischen Spielfilmen und auf Internetseiten eingeblendete Countdowns machten immer wieder darauf aufmerksam. Der Alltag ohne Fußball? Schier unmöglich! Bei Lebensmittelherstellern tobte mehrere Wochen ein erbitterter Kampf, um den besten Snack für das 90-minütige Spiel, wobei sich mir bei vielen Süßigkeiten, Getränken und anderen Lebensmitteln immer wieder die Frage stellte, welcher Stoff die schwarze Farbe erzeugt. Auch kleinere Unternehmen warben immer wieder mit EM-Aktionen und schlossen den Laden pünktlich zum Anpfiff ab. Einkaufen während eines Deutschlandspiels? Morgen wieder. Auf Tageszeitungen prangte Tag ein Tag aus das Ergebnis eines EM-Spiels vom Vorabend auf der Titelseite. Dahinter kamen Themen wie das Votum der Engländer zum EU-Ausstieg oder das verabschiedete Gesetz des Bundestags für Sexualstraftaten. Die Folgen für uns sicherlich bedeutsamer als das Handspiel Schweinsteigers.  Auch das Netz war voll von fußballspezifischen Themen, was mit der Diskussion um Jerome Boateng als guter Nachbarn begann und mit der Mottenplage von Christiano Ronaldo am Sonntag endete. Setzte man also nicht mehr #cr7 oder #dieMannschaft unter Twitter Kommentare, konnte man quasi auch nicht mehr am digitalen Leben Teil haben. Schließlich wurden auch am Tag nach einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft schon morgens im Badezimmer im Radio sämtliche Einzelleistungen der Spieler breit diskutiert. Nicht einmal zu so früher Stunde waren wir vor der Berichterstattung sicher. Auf dem Weg zur Arbeit prangten Schulnoten für die Spieler in der Sportrubrik der Zeitung. Alle spielten Bundestrainer, alle kritisierten und kritisierten wiederum Kritiker wie Mehmet Scholl. Fußball- Deutschland spielte verrückt und wartete sehnlichst darauf, dass die Eilmeldung mit der Startaufstellung aufs Handy kam und man lang darüber debattieren konnte, ob Gomez nicht doch die bessere Wahl anstelle von Götze gewesen wäre.

Die Szenen in Marseille, wie prügelnde „Fußballfans“ über Fairplay hinwegsahen und aufeinander losgingen, zeigt, dass ein solch großes Turnier noch viel größere Probleme als die dauerhafte Werbe-Beschallung mit sich bringt. Der Wind der um Spiele gemacht wird, das angekratzte Ego der Fans nach einem verlorenen Spiel steigert sich von Jahr zu Jahr und stößt bei mir auf Unverständnis. Das Gastgeberland muss Unmengen an Polizeibeamten stellen, die UEFA kassiert nur.

Das Thema Fußball war die letzten Wochen allgegenwärtig (© Hasan-Anac / pixelio.de)

Das Thema Fußball war die letzten Wochen allgegenwärtig (© Hasan-Anac / pixelio.de)

Was allerdings auch für Nicht-Fußballbegeisterte wie mich spannend zu verfolgen war, war der Aufstieg der Isländer, die zuvor noch nie an einem internationalen Turnier teilnahmen. Besonders sympathisch machte die skandinavische Truppe ihre mit den Fans zusammen aufgeführten Choreographie – Stichwort „Huh“. Oder auch der Satz des Trainers Hallgrímsson: „Wenn bei uns ein Spieler eine gelbe Karte bekommt, tauscht er einfach das Trikot mit einem anderen. Uns kennt sowieso keiner“. Es war eine Europameisterschaft, die sicherlich viele Höhepunkte lieferte, wie einen Europameister, der ausschließlich ein Spiel in der regulären Spielzeit für sich gewinnen konnte. Doch werden die Leistungen der Spieler durch den viel zu großen Medienrummel immer mehr in den Hintergrund gerückt, immer öfter spielen Laien Schiedsrichter, Gegner werden rassistisch beschimpft und ein europäisches Fußballfest wird durch negative Schlagzeilen nicht mehr gebührend gewürdigt.

Vorschau: Die deutsche Tischtenniselite bereitet sich mit einem internationalen Turnier in Worms auf die Olympischen Spiele in Rio vor. Face2Face war live vor Ort.

Fußball in der Hütte

Es ist eine meiner liebsten und stärksten Kindheitserinnerungen, die mittlerweile schon zur Anekdote geworden ist: Ich liege in meinem Bett und schrecke aus dem Schlaf, weil direkt unter mir mein Vater „Tor“ brüllt. Nun ist es wieder soweit, der allgemeine Fußballwahnsinn hat um sich gegriffen und ich finde ich mit in der Gartenlaube meines Vaters wieder, einer monströsen Hütten, in der eine Grundschulklasse Unterricht machen könnte, an deren Ende eine Leinwand abgelassen wurde und an deren Decke in einer Holzkiste ein Beamer sein Licht zu eben jener Leinwand wirft. „Tor“, brüllt mein Vater und das Kind auf meinem Schoß schreckt hoch.

Opium für das Volk

Fußball in der Hütte: Warum eigentlich gemeinsam schauen? (Foto: stux, pixabay.de)

Fußball in der Hütte: Warum eigentlich gemeinsam schauen? (Foto: stux, pixabay.de)

Warum genau ich mir die Spiele der deutschen Nationalmannschaft nicht auf dem heimigen Sofa ansehe, mit weniger Lärm und weniger Alkohol um meinen abstinenten Magen und weniger Chips sowieso, weiß ich nicht genau. Die nörgelnden Worte eines seiner Freunde, wann immer Mesut Özil ins Bild kommt, können es nicht sein. Die wackelige Verbindung mit dem drahtlosen Internet, die mich meinen lyrischen EM-Kommentar mehr schlecht als recht absenden lässt ist es mit Sicherheit auch nicht. Aber – ja was? Dieses unheimliche Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, einfach nur, weil ich zuschaue, mitfiebre, mitfreue. Berauschend auch ohne den Schnaps, den die übrigen Anwesenden (Minderjährige ausgenommen) bei jedem Tor trinken (egal welche Mannschaft getroffen hat). Opium für das Volk, die Kirche hat ausgedient.

Fußball oder Politik

Wie national darf Sportbegeisterung werden? Schlimm, wenn Fußball instrumentalisiert wird (Foto: ASSY, pixabay.de)

Wie national darf Sportbegeisterung werden? Schlimm, wenn Fußball instrumentalisiert wird (Foto: ASSY, pixabay.de)

Dabei ist das Anfeuern der Nationalmannschaft in Deutschland auch dieses Jahr Teil von politischen Debatten. Dass Boateng als Nachbar vielen lieber wäre als Gauland war dabei nur der Anfang. Schon instrumentalisieren manche das exponentiell vermehrte Auftreten der Deutschlandfahne, je weiter Jogis Jungs im Turnier kommen, um nicht nur nationale, sondern gleich nationalsozialistische Parolen zu verbreiten. Und andere wettern dagegen und wollen die Fahnen gleich ganz streichen. Fußball, ein Sport der Extreme. Ich jedenfalls verneine dankend, wann immer meine Stiefmutter mit dem Deutschland-Schminkstift ankommt. Schminken fürs Fernsehschauen ist einfach nicht so meins.

Fußball ist Krieg

Das bedeutet Krieg! Fußball ist nicht immer friedlich (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Das bedeutet Krieg! Fußball ist nicht immer friedlich (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Psychologisch betrachtet, ist die Frage, wieviel „national“ im Anfeuern der Nationalmannschaft tatsächlich steckt, durchaus angebracht. Fußball ist Krieg. Nicht nur heute etwas veraltete Fußballmetaphern zeigen uns das. Eine einfache Überlegung. Die Mannschaften verschiedene Länder „kämpfen“ um den Ball und versuchen einen Treffer – einen Schuss – zu landen. Wie befreundete und verbrüderte Dörfer, die auf unterschiedlichen Seiten der Grenze stehen, wird der Sieg nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Fußballfeld ausgetragen. Keine ausgebildeten Soldaten, sondern ausgebildete Fußballspieler stehen da auf dem Platz. Und all die Hooligans und Randalierer, die uns dieses Jahr die unschöne Seite des Anfeuernd bereits gezeigt haben sind doch nur diejenigen, die mitkämpfen wollen, denen das Zuschauen als Triebsublimierung nicht reicht, die Blut noch immer mit Schweiß verwechseln. Überholt? Aber immer noch bitterer Ernst.

Hüttenzauber

Trotzdem schön: Gemeinsam EM-schauen und es immer besser wissen (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Trotzdem schön: Gemeinsam EM-schauen und es immer besser wissen (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Fußball ist also eine durch und durch kontroverse Sache. Von vielen Instrumentalisiert, von vielen ausgenutzt. Süßigkeiten in Schwarz-Rot-Gold, Mützen, Kleidung, Getränke, Grillplatten, nirgends sind wir davor sicher. In der Gartenhütte meines Vaters schon gar nicht. Sein „Jäckchen“ gar ist eine umgenähte Deutschlandfahne. Ich rolle in Gedanken mit den Augen und genieße es dann doch. Die gemeinsame Freude, das gemeinsame Bangen, die dummen Sprüche. Aus mir wird in diesem Leben kein Vereins-Fanatiker mehr, der zu jedem Spiel fährt. Mir reicht das heimische Miteinander, mit ein paar Freunden und ein paar Kindern, das Erlebnis Fußball gemeinsam zu schauen, ohne gleich in einer Masse zu verschwinden. Vielleicht geh ich ja darum auch zum nächsten Spiel wieder zu meinem Vater und warte darauf, dass er losbrüllt.

Fußball in Zeiten des Terrors

Blick auf die Haupttribüne der Veltins-Arena in Gelsenkirchen (Foto: privat).

Blick auf die Haupttribüne der Veltins-Arena in Gelsenkirchen (Foto: privat).

Je nach Medienangaben sind zwischen 130 und 135 Menschen gestorben, rund 350 Menschen wurden verletzt. Der „Islamische Staat“ hat sich zu den Anschlägen in Paris bekannt.

Auch die deutsche Fußballnationalmannschaft war indirekt betroffen, denn sie spielten an diesem denkwürdigen 13. November im Stade-de-France gegen die französische Nationalmannschaft. Auch das Stadion war Ziel der Attentäter.

Dass den knapp 80.000 fußballbegeisterten Menschen nichts passiert ist, ist
großes Glück. Während des Spiels konnte man deutlich mehrere Detonationen hören, selbst am Fernseher. Tom Bartels, der Kommentator der ARD, die das Spiel live übertrug, kommentierte das Spiel infolge der durchsickernden Informationen sichtlich erschüttert weiter, aber er kommentierte eben weiter. Kurz wurde überlegt das Spiel nicht wieder anzupfeifen, aber um eine Massenpanik zu verhindern, wurde dann doch davon abgesehen. In der Nachbetrachtung war das die richtige Entscheidung. Nach dem Abpfiff sickerten dann Informationen zu den Zuschauern im Stadion durch, was schließlich zu den uns allen bekannten Fernsehbildern sorgte, die zeigen, wie Menschenmassen auf das Spielfeld des Stade-de-France strömen. Auf den heiligen Rasen, auf dem in weniger als einem Jahr die Europameisterschaft 2016 beendet werden soll.

Die Mannschaften des FC Schalke 04 und Apoel FC in der Veltins-Arena (Foto: privat).

Die Mannschaften des FC Schalke 04 und Apoel FC in der Veltins-Arena (Foto: privat).

Vier Tage später sollte der Fußballklassiker Deutschland gegen die Niederlande in Hannover ein Spiel auch für die Franzosen werden, die zeitversetzt ihr Testspiel gegen die Engländer im altehrwürdigen Wembley-Stadion antraten. Vereint sangen Franzosen und Engländer dort die Marseillaise, die Nationalhymne Frankreichs. Das Stadion war in blau – weiß – rot gehalten, es zeigte über dem Eingang die Worte Liberté, Égalité und Fraternité – Einheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – den Wahlspruch der französischen Revolution und der heutigen Französischen Republik. Doch das Spiel in Hannover musste eine Stunde vor Anpfiff aufgrund von konkreter Terrorwarnungen abgesagt werden. Der Terror scheint nun auch in Deutschland angekommen zu sein.

„Bist du denn wahnsinnig?“
Ob ich denn wahnsinnig sei, fragte mich meine Mutter, als ich ihr eröffnete trotz der Ereignisse unbedingt am Wochenende ins Stadion zu wollen. Menschenmassen solle man meiden, heißt es in den Tagen nach den Anschlägen. Super. Und ich muss einen Tag später, am 14. November in den Hauptbahnhof Hannover, um von dort wieder in meine süße kleine Universitätsstadt Marburg zu fahren. Aber es passiert nichts. Es laufen mehr Bundespolizisten durch den Hauptbahnhof, das fällt auf. Vielleicht ist es ein wenig zynisch, aber ich fühle mich sicher(er).

Eckball zwischen FC Schalke 04 und Apoel FC (Foto: privat).

Eckball zwischen FC Schalke 04 und Apoel FC (Foto: privat).

Dann Donnerstag. 26. November. 13 Tage nach Paris. Die Sicherheitskontrollen vor dem Spiel des FC Schalke 04 gegen Apoel FC in der Gruppenphase der Europa Leauge sind schärfer als sonst. Es ist schon dunkel, als wir gegen 17:45 Uhr am Stadiongelände ankommen. Auf dem Weg zum Stadion hin bin ich aufgeregt. Aber nicht, weil ich Angst vor einem Terroranschlag habe, nein, ganz im Gegenteil. Ich freue mich einfach auf ein hoffentlich packendes, mitreißendes Fußballspiel. Doch bevor wir in das Stadion hinein gehen können, werden mein Begleiter und ich abgetastet. Gründlicher als sonst. In meine Tasche wird hineingeleuchtet, sie wird nicht wie sonst einfach nur abgetastet. „Sicherheitsvorkehrung“ sagt die zierliche Frau, die nach meiner Taschenkontrolle auch meinen Körper abtasten darf. Den tollsten Job hat sie tatsächlich nicht.

18:30 Uhr. Noch eine halbe Stunde bis Anpfiff. Der Stadionsprecher verliest die Charta der UEFA Europa League gegen Rassismus. Immer wieder läuft auch der Fernsehspot „No to Racism“ auf dem großen Videowürfel in der Veltins-Arena. Der Text, der sich gegen Rassismus positioniert, aber auch sexistisches Verhalten verurteilt, wird auch auf Griechisch vorgelesen, da es sich bei dem Gegner Apoel FC um eine Mannschaft aus Zypern handelt.

Veltins-Arena bei Nacht (Foto: privat).

Veltins-Arena bei Nacht (Foto: privat).

Fernab des Spielgeschehens (der FC Schalke 04 vergibt sehr viele Chancen, gewinnt aber glücklich 1:0) habe ich nie das Gefühl mich in einer Gefahrenlage zu befinden. Dabei sind über 43.000 Menschen im Stadion. Angst hat als Besucher nichts bei einem Fußballspiel zu suchen. Nicht beim Stadionbesuch. Oder im alltäglichen Leben. Denn Angst lähmt nur unsere Gesellschaft.

Rückschläge nutzen, um anderen zu helfen…

Der Fußballprofi Neven Subotic engagiert sich seit vielen Jahren privat für soziale Projekte und hat 2013 unter anderem seine eigene Stiftung gegründet. Diese setzt sich mitunter dafür ein, Schulen in Afrika den Zugang zu sauberem Wasser sowie hygienischen Toiletten zu ermöglichen. So soll gewährleistet werden, dass die Schüler unter menschenwürdigen Verhältnissen unterrichtet werden können. Erst diesen Sommer war der bei Borussia Dortmund unter Vertrag stehende Spieler mit einem kleinen Team wieder vor Ort, um persönlich an der Realisierung eines seiner Projekte mitzuwirken.
Der Online-Fanklub „BVB Freunde Deutschland“ mit seinen knapp 1.300 Mitgliedern unterstützt seit Gründung immer wieder soziale Projekte – dieses Mal die „Neven Subotic Stiftung“, und zwar in Form einer Tombola. Die Face2Face-Sportredaktion hatte das Glück und konnte den Vorsitzenden des Fanklubs, Matthias Saathoff, für ein Interview gewinnen.

Herr Saathoff, vielen Dank zunächst einmal, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Uns interessiert natürlich zunächst einmal, wie die Idee für diese tolle Aktion überhaupt zustande gekommen ist?
Saathoff: Es freut mich, dass über die Aktion berichtet wird.
Betreffend ihrer Frage kann ich sagen, dass wir es damals sehr faszinierend fanden, dass ein Spieler auf seinen Urlaub verzichtet, um dafür anderen Menschen eine neue Grundlage durch Brunnen und Wasser zu ermöglichen. Dieses ehrenwerte Verhalten wollten wir als Fanclub unterstützen und fördern.

Um eben dieses Projekt zu unterstützen, veranstaltet ihr nun eine Tombola. Wer kann denn daran teilnehmen?
Saathoff: Im Prinzip kann jeder teilnehmen. Man muss also kein Mitglied bei uns sein. Auch Fans von anderen Vereinen sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen. Vielleicht sind die Preise für einen Mainz oder Bochum Fan jetzt nicht so attraktiv, aber am Ende zählt ja die gute Sache.

Und wie läuft die geplante Aktion dann ab?
Saathoff: Ganz einfach. Man kann bei uns Lose erwerben – ein Los kostet zwei Euro – und erhält dann eine Losnummer. Mit dieser nimmt man an den Verlosungen um die tollen Preise teil. Nach der ganzen Aktion übergeben wir die gespendete Summe an Neven Subotic.

Zu gewinnen: Von Neven Subotic  signierte und in einem Champions-League-Spiel getragene Fußballschuhe (Foto: Matthias Saathoff)

Zu gewinnen: Von Neven Subotic signierte und in einem Champions-League-Spiel getragene Fußballschuhe (Foto: Matthias Saathoff)

Ihr habt euch auch wirklich um einige tolle Gewinne bemüht. Über was könnte sich der Loskäufer denn freuen?
Saathoff: Da Neven Subotic unsere Tombola unterstützt, steuert er gleich zwei Preise bei: Zum einen haben wir ein signiertes Wandbild erhalten und zum anderen von ihm in einem Champions-League-Spiel getragene Schuhe mit Unterschrift.
Die gute Jo Marie Dominiak, eine deutsche Sängerin und großer BVB-Fan, haut ein Wohnzimmerkonzert raus und packt sechs Autogrammkarten oben drauf. Auch Pommes Schwarz Gelb, eine Rockband bestehend aus BVB-Fans, lädt zwei Gewinner zum Jubiläumskonzert ein. Dazu kommen noch ein gesponsertes Trikot, viele Fanartikel von diversen Firmen und vieles mehr…

Wann genau endet denn der Losverkauf, beziehungsweise wann weiß man, ob man zu den glücklichen Gewinnern zählt?
Saathoff: Der Losverkauf an sich endet am 30. Oktober. Die Ziehung der Gewinner findet dann schrittweise ab dem 31. Oktober, also schon einen Tag später, statt. So weiß man relativ früh, über welchen Gewinn man sich freuen darf.

Das klingt ja richtig super! Und das Geld, das bei dieser Tombola zusammenkommt, wollt ihr der „Neven Subotic Stiftung“ spenden. Weshalb diese Stiftung? Liegt euch selbst viel an dieser Stiftung?
Saathoff: Stellvertretend für den Fanklub kann ich sagen, dass diese Stiftung natürlich einem Projekt dient, das von einem BVB-Spieler persönlich und mit viel Engagement unterstützt wird, und zudem eine gute Sache ist. Allein deswegen liegt uns die Stiftung am Herzen.
Rein persönlich bedeutet diese Stiftung für mich natürlich viel mehr, da ich mich selbst gerne wesentlich aktiver und engagierter an Projekten in Afrika einbringen würde. Dies ist allerdings – und verständlicherweise – aus finanziellen Gründen nicht in dem Ausmaß realisierbar, wie ich es mir selbst wünsche. Dennoch ist es generell wichtig, anderen Menschen zu helfen, und stellt auch eine gewisse Freude dar. Auch wenn ich es zugegebenermaßen sehr traurig finde, dass man überhaupt helfen muss, und es Menschen gibt, die diese Hilfe benötigen. Schöner wäre es, wenn alle satt werden würden und Zugang zu Wasser hätten.

Umso wichtiger ist es dann, da dies eben leider nicht der Fall ist, solche Projekte zu unterstützen. Plant ihr daher eine Wiederholung oder war das nun eine einmalige Aktion?
Saathoff: Uns gibt es seit elf Jahren. In dieser Zeit haben wir immer wieder geholfen und Projekte unterstützt, unter anderem auch die Kinderkrebshilfe. Eine einmalige Aktion war das also nicht. Wir werden auf jeden Fall weitermachen.

Neven Subotic ist für viele nicht nur sportlich ein Vorbild, sondern aufgrund seines ehrenamtlichen Engagements auch menschlich. Was schätzen Sie an ihm?
Saathoff: Neven ist ein Mensch, der sich durch seinen Status als Profi nicht der Welt verschließt. Es ist ja nicht nur der Blick nach Afrika, der aus Neven einen besonderen Menschen macht, sondern es gibt auch den Neven, der gemeinsam mit BVB-Fans mal eine Meisterschaft feiert, sich Zeit nimmt und immer wieder mit großer Freude auf jeden Menschen zugeht. Und wer eigene Rückschläge dafür nutzt, um anderen zu helfen, der hat sein Herz am rechten Fleck.

Die Face2Face-Sportredaktion wünscht dem Fanklub an dieser Stelle viel Erfolg für die Tombola!

Solltet ihr, liebe Leser, euch nun für die Tombola interessieren, könnt ihr euch auf der Homepage der „BVB Freunde Deutschland“ unter diesem Link informieren. Falls wir euer Interesse für die „Neven Subotic Stiftung“ geweckt haben, könnt ihr einfach auf der stiftungseigenen Homepage vorbeischauen.

Vorschau: Nächste Woche dreht sich bei uns alles um die verrücktesten Unisportarten.

„Die selbe Scheiße wie jede Woche!“

Fußballfans gibt es bekanntlich viele. Klar, dass unter diesen auch ganz spezielle – durch die Vielzahl solcher charakterlichen Erscheinungsbilder aber schon wieder typische – Gattungen ihr (Fan)Dasein in den Fußballstadien unserer Republik stilsicher zelebrieren. Diese speziellen Typen aber mal auf einen Fleck als verschworene Gemeinschaft anzutreffen, ist dennoch eine Besonderheit. Die Face2Face-Sportredaktion hatte das Glück, solch eine Truppe einen Spieltag lang zu begleiten.

Als wir samstagnachmittags auf die außergewöhnliche, weil in dieser Konstellation äußert seltene, Fangruppe treffen, zeigt unsere Armbanduhr exakt ein Uhr mittags an. Da wir die Namen der einzelnen Gruppenmitglieder aus datenschutzrechtlichen Gründen hier nicht schreiben dürfen, benennen wir sie alternativ nach ihren Charaktereigenschaften.

Kaum gehen wir also auf unsere Verabredung zu, heißen uns der Erfahrene, der Emotionale, der Statistiker, der Pessimist und der Unbeteiligte in ihrer illustren Runde auch schon willkommen. Okay, der Erfahrene beäugt uns zugegebenermaßen bei der Begrüßung zunächst etwas misstrauisch. Aber das ist auch kein Wunder, hat er in seinem Fandasein doch schon mehr Trainer als Ehefrauen kommen und gehen gesehen. Anders als später die Ordner im Stadion, bekommen wir vom Erfahrenen deswegen auch keinen persönlichen Handschlag inklusive individueller Begrüßung – sondern lediglich ein beiläufiges – wenn auch respektvolles – Nicken geschenkt. Was auffällt: Die Kutte des Erfahrenen scheint durch die Jahre regelrecht mit seiner Haut verwachsen zu sein. Die schmachvollen Niederlagen und unzähligen, torlosen Unentschieden, die er über sich ergehen lassen musste, haben ihn mit tiefen Furchen im Gesicht gezeichnet. Kurzum: Vor uns steht ein Mann, der bereits alles auf dieser Welt zu kennen glaubt.

Ganz anders tritt da schon der Emotionale auf. Nachdem er uns ungefragt eine Flasche Bier in die Hand gedrückt hat, stimmt er uns auch schon eindringlich auf den kommenden Kantersieg seiner Mannschaft ein. Da seine flammende Motivationsrede über den nahenden Jahrhundertsieg auch bei der mittlerweile schon länger andauernden Autofahrt einfach kein Ende zu nehmen scheint, fährt ihm der Statistiker in die Parade. „Jetzt beruhige dich mal wieder. Gegen diesen Gegner haben wir uns schon immer schwergetan“, beschwichtigt er. „Ach was, denen haben wir doch erst vor wenigen Jahren die Hütte voll gehauen!“, verteidigte sich der Emotionale. „Das war 1986“, seufzt der Statistiker, jedoch mit einem gewissen Stolz in der Stimme über sein besonders ausgeprägtes Gehirn, das sich an alle noch so verregneten wie trostlosen Freitagabendspiele zu erinnern scheint. Allgemein gibt es nichts, was der Statistiker nicht zu analysieren scheint. Jeder noch so unbedeutsame Einwurf wird in seinem Gehirn registriert und abgespeichert. Da er diese außergewöhnliche Gabe gerne durch das ständige Nennen von Daten regelrecht zelebriert, wirkt der Statistiker des Öfteren auf seine Mitmenschen„altklug“ und „von oben herab“. Er wird aber mit Nachsicht behandelt, da er sich immer als Fahrer zur Verfügung stellt und seinen Gruppenmitgliedern bei wichtigen Fragen wie dem Hochzeitstag, dem Geburtsdatum der Kinder oder beim Rekonstruieren des gestrigen Aufenthaltsortes, zur Seite steht.

Im Stadion angekommen erfahren wir die freudige Nachricht, dass der Verein endlich den langersehnten Transfer des kommenden Superstars unter Dach und Fach gebracht hat. Freudige Nachricht? Nicht für den Pessimisten! Für ihn haben der Zukauf eines Stars oder das Erreichen eines Finalspiels nur den Sinn, das unausweichliche Scheitern des Teams noch ein Stück tragischer werden zu lassen. Nach dem Anpfiff sieht er sich bereits beim ersten Fehlpass seiner Mannschaft bestätigt und kommentiert das lauthals mit einem „das wird doch wieder die selbe Scheiße wie jede Woche!“

Der Emotionale hat zu diesem Zeitpunkt schon sämtliche Stimmungen durchlebt und hält sich deswegen mit dem Erdrosseln des Pessimisten auch noch zurück. Nach dem erlösenden Führungstreffer stürmt er dann aber dennoch wie von der Tarantel gestochen auf den Pessimisten zu und brüllt ihm mit immer wieder hervorstoßenden Speichelfetzen ins Gesicht: „Siehste! Siehste! Du alter Nörgler. Man muss den Jungs auch einfach mal ein bisschen Geduld geben!“ Der Pessimist, der sich über einen Sieg circa 20 Minuten lang freuen kann, aber geschlagene drei Wochen über eine Niederlage ärgert, bleibt dagegen gelassen und meint, dass „die Jungs das doch eh wieder in den Sand setzen und mindestens noch mit 1:3 verlieren.“ Glück für ihn, dass der Emotionale schon wieder ganz damit beschäftigt ist, seine Mannschaft inbrünstig nach vorne zu schreien und diese für ihn verräterriche Bemerkung überhaupt nicht mitbekommen hat.

Nachdem sich der ganze Trubel innerhalb der Gruppe allmählich gelegt zu haben scheint, spricht uns plötzlich völlig unerwartet der Unbeteiligte an. Unerwartet deshalb, weil der Unbeteiligte die ganze Autofahrt über und seit der Ankunft im Stadion kein einziges Wort verloren hat. Warum das bisher so war, wird uns allerdings relativ schnell bewusst. Anstatt über das mitreißende Spiel zu philosophieren, zwängt er uns ein Gespräch über seinen Garten und die darin herumtollenden Babykatzen des Nachbarn auf. Als wir zunehmend genervt seine dritte These über geeignete Gartenpflege abnicken, pfeift der Schiedsrichter zur Halbzeit. Grund genug die nächste Runde Bier zu holen und so endlich vom Unbeteiligten befreit zu werden.

Da kurz nach Wideranpfiff das 2:0 fällt, kommt auch der Erfahrene langsam aus seinem Schneckenhaus heraus und lässt mit einem zufriedenen Kopfnicken wissen: „Wenn sie das heute gewinnen, sieht es in der Tabelle schon wieder ganz anders aus.“ Doch es kam wie es kommen musste. Nahm der Pessimist den 1:2-Anschlusstreffer noch mit einem augenverdrehenden aber dennoch lauten „Pff“ zur Kenntnis, explodierte er nach dem Ausgleichstreffer vollends. Mit dem – vor Schmerz völlig aufgelösten – Emotionalem im Arm hängend, schreien die beiden ihren Kummer über die nun drohende Niederlage heraus. Während sich der Erfahrene mit einem kräftigen Abwinken Richtung Spielfeld schon frühzeitig von der Gruppe verabschiedet – er muss später immerhin noch die D- bis B-Jugend seines Heimatvereins coachen und als umsichtiger Libero bei den Altherren aushelfen – hat der Emotionale den Schuldigen für den Ausgleichstreffer schon längst ausfindig gemacht. Als er mit immer absurder werdenden Drohgebärden den Schiedsrichter zum Ringkampf herausfordert, begeben wir uns heimlich, still und leise aus dem Stadion. Im Hintergrund vernehmen wir aber noch die Stimme des Pessimisten, der lakonisch zum Emotionalen sagt: „Ach hör doch auf. So wie du aussiehst, schlägt der dich vor dem ersten Gong k.o. …

Anm. d. Red.: Der hier vorliegende Erlebnisbericht ist rein fiktiv, könnte aber aufgrund der tatsächlichen Existenz solcher Fußballfans genauso stattgefunden haben.

Vorschau: Habt ihr schon mal etwas über die indische Mannschaftssportart Kabbadi gehört? Nein?! Dann erfahrt ihr hier bei Face2Face dazu nächste Woche mehr.

 

Blindenfußball: eine ganz besondere Facette des Fußballs

Deutscher Meister wird nur der FC Bayern München. Das stimmt so gar nicht. Der deutsche Meister des Blindenfußballs kommt mitnichten aus Bayern sondern aus Mittelhessen. Seit dem 12. September 2015 stehen die Sportfreunde Blau-Gelb Blista Marburg als Deutscher Meister der Blindenfußballliga (kurz DBFL) fest. Blindenfußball? Wie geht das denn eigentlich? Wie funktioniert das?

An sich ist Fußball ein einfaches Spiel. Oft braucht man zum Fußballspielen nicht viel, in der Schulzeit hat auch mal eine Coladose zum kicken gereicht. Die Tore wurden durch Schuhe und Jacken markiert und Regeln… wozu? In den großen Stadien der Republik stehen Wochenende für Wochenende 22 Spieler in zwei Mannschaften auf den Spielfeldern. Es gibt zwei Tore, einen Ball, mehrere Schiedsrichter, im Gegensatz zur Schulzeit ein paar Regeln und los geht’s. Doch wie sieht das beim Blindenfußball aus? Die regelkonforme Ausführung eines Blindenfußballspiels ist nicht viel komplizierter als die eines normalen Fußballspiels. Es müssen nur einige Gegebenheiten geändert werden und dann ist auch Blindenfußball wieder das einfache Spiel zweier Teams gegeneinander. Und vor allem eine ganz besondere Facette eines schon interessanten Spiels, nämlich Fußball.

Eine wunderbare Facette des Fußballs: Blindenfußball.  (Foto: E. Alaoui Masbahi auf der Facebookseite von Blindenfußball Marburg.)

Eine wunderbare Facette des Fußballs: Blindenfußball. (Foto: E. Alaoui Masbahi auf der Facebookseite von Blindenfußball Marburg.)

Eine besondere Facette des Fußballs

Ein Blindenfußballspiel findet auf Kunstrasen statt. Das Spielfeld ist 20 Meter breit und 40 Meter lang und ist damit unwesentlich kleiner als ein Fußballfeld (90 x 120 Meter). Das Spielfeld ist ähnlich wie bei einem Fußballspiel sehender Menschen in der Halle durch Banden abgetrennt, diese Banden sind wichtig für die Orientierung der blinden Spieler auf dem Feld. Ein Spiel beim Blindenfußball dauert 2 x 25 Minuten und nicht wie beim Breitensport 2 x 45 Minuten. Die Größe des Tores bei einem Blindenfußballspiel unterscheidet sich auch. Mit zwei mal drei Metern entspricht es der Größe eines Handballtores. Auf dem Feld stehen nicht elf, sondern vier Feldspieler. Und sie sind alle blind. Nur der Torwart darf sehen können, er darf den Ball aber nur in seinem kleinen Torraum aufnehmen und diesen Raum auch nicht verlassen. Doch zu einer Mannschaft gehören neben den Auswechselspielern noch mehr Menschen.

(Foto: E. Alaoui Masbahi auf der Facebookseite von Blindenfußball Marburg.)

(Foto: E. Alaoui Masbahi auf der Facebookseite von Blindenfußball Marburg.)

Eine Atmosphäre wie bei einem Tennis-Match

Wenn blinde oder sehbehinderte Menschen und Mannschaften Fußball spielen ist die Atmosphäre ähnlich wie bei einem Tennismatch: auf den Zuschauerrängen hat absolute Ruhe zu herrschen. Dies liegt daran, dass der Blindenfußball nur dann funktioniert, wenn die Spieler auf dem Feld sich auf ihr Gehör verlassen. Wichtig für das Spiel sind neben dem guten Gehör auch Orientierungssinn, Körperbeherrschung und der engen Kontakt zum hörbaren Ball. Denn in dem Ball, der um einiges schwerer und kleiner ist als ein Fußball bei sehenden Menschen, sind Rasseln. Diese zeigen die Position des ballführenden Spielers durch das Geräusch an. Dennoch ist auch die Kommunikation innerhalb des Teams unfassbar wichtig. Die Abwehr wird von ihrem Torwart dirigiert, der Trainer an der Mittellinie unterstützt das Mittelfeld und ein „Guide“ hinter dem gegnerischen Tor leitet die Stürmer an. Durch Kommandos wie 10-1 werden die Meter bis zum Tor und die Anzahl der Gegenspieler angesagt.

(Foto: E. Alaoui Masbahi auf der Facebookseite von Blindenfußball Marburg.)

(Foto: E. Alaoui Masbahi auf der Facebookseite von Blindenfußball Marburg.)

Und was hat die spanische Sprache damit zu tun?

Auch auf dem Spielfeld selbst wird viel gesprochen. Nämlich immer dann, wenn sich ein Spieler dem ballführenden Spieler nähert. Er hat die Pflicht sich mit dem spanischen Wort „Voy!“ bemerkbar zu machen. „Voy“ heißt ich komme. Wer das nicht beachtet und sich ohne dieses Wort dem ballführenden Spieler nähert, der kann eine empfindliche persönliche Strafe einstecken müssen. Es gibt auch Teamstrafen, Freistöße und Strafstöße sowie gelbe oder rote Karten. Nur Abseits, das gibt es nicht.

Nicht auf Spanisch, sondern hier in Deutschland auf Deutsch kommentieren zwei Reporter das Spiel live. Sowohl für die Zuschauer, die wie die Spieler blind sind, als auch für die Auswechselspieler. Diese Reportagen werden auch oft live ins Internet gestreamt, so können auch egal ob blind oder nicht, diejenigen teilhaben, die es nicht schaffen live vor Ort zu sein.

Meister der DBFL 2015? SF BG Blista Marburg

Seit 2008 richtet die Sepp-Herberger-Stiftung zusammen mit dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) und dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) die DBFL aus. Am 26. und 27. Mai 2006 fand das erste internationale Blindenfußballturnier in Deutschland statt und gab damit den Startschuss für den Blindenfußball als Breitensport in Deutschland. In einigen Ländern Südamerikas, England und Spanien wird der Blindenfußball schon seit Mitte der 1960er praktiziert. In der nun 8. Bundesligasaison des Blindenfußballs konnte sich die Mannschaft der Sportfreunde Blau-Gelb Blista Marburg gegen Rekordmeister MTV Stuttgart, den Chemnitzer FC und den FC St. Pauli durchsetzen.

Headis: Eine Sportart mit Köpfchen

Manch einer wird nun vor dem Bildschirm seines Laptops sitzen und fragend eine Augenbraue in die Höhe ziehen, weil er mit dem Begriff „Headis“ nichts in Verbindung bringen kann. Manch einer wird die Stirn runzeln und angestrengt nachdenken, wo er dieses Wort schon einmal gehört hat. Und wiederum ein anderer weiß genau, was sich hinter dem Namen versteckt. Und eigentlich ist es auch gar nicht so schwer: Headis ist eine der aufstrebenden Trendsportarten. Tischtennis mit dem Kopf, sozusagen – und doch wieder nicht. Denn die Sportart verbindet nicht nur Elemente aus dem Fußball, sondern weist auch Parallelen zu Badminton und Tischtennis auf. Aber nun mal langsam…

Der Begriff „Headis“ leitet sich von den beiden englischen Wörtern head (Kopf) und tennis (Tennis) ab. Erfunden hat die Sportart, die mittlerweile internationale Anerkennung besitzt und sogar Trainingsinhalt so manches Bundesligisten ist, der Sportstudent René Wegner im Jahr 2006. Geburtsstätte des Kopfballtischtennis: Ein Freibad in Kaiserslautern. Eigentlich wollte der Saarbrücker mit seinen Freunden Fußball spielen, da allerdings der Platz belegt war, musste eine andere Lösung her. Die war in Form einer Tischtennisplatte auch schnell gefunden. Anstelle sich den Ball mit dem Fuß zuzuspielen, wurde der Ball einfach mit dem Kopf über das Tischtennisnetz hinweg geköpft. Die ersten „Gehversuche“ von Headis. Denn erst im Jahr 2007 wurde die Idee in Zusammenarbeit mit dem Kommilitonen Felix Weins im Rahmen des Studiums weiterentwickelt. 2008 wurde die Sportart dann ins Hochschulsportprogramm der Uni Saarbrücken aufgenommen und erlangte immer mehr Zuspruch und Bekanntheit. Durch Ehrungen wie beim „ispo brandnew Award“ (einem Start-up Wettbewerb der Sportartikelindustrie) 2010 in München, TV Auftritte bei „Schlag den Raab“ oder Messeauftritte, wie der „gamescom“ in Köln, ist Headis mittlerweile sowohl in der Jugendszene und als auch in der Sportwelt zu einem Begriff geworden.

Da Headis eine schnell und auch leicht zu erklärende Sportart ist, wird sie immer beliebter. Alles, was man dafür braucht, ist letztlich eine Tischtennisplatte, einen speziellen Ball (sogenannter Headis Match Ball) und natürlich begeisterte Spieler und Spielerinnen. Wichtig ist, dass der Ball ausschließlich mit dem Kopf berührt werden darf, die Platte kann jedoch mit jedem Körperteil berührt werden. Im Allgemeinen gibt es 2 Gewinnsätze. Hat ein Spieler zuerst 11 Punkte erreicht, hat er den Satz gewonnen. Steht es unentschieden, also 10:10, gewinnt der Spieler, der zuerst zwei Punkte Vorsprung herausholt. Ist eine Situation nicht ganz klar, gibt es einen Wiederholungsball. Der Fairplay Gedanke ist also auch bei Headis zu finden. Ebenso der Volleykopfball, also die Direktabnahme des Balles. Allerdings muss nach einem solchen Ball der Boden mit einem Körperteil berührt werden – ein Liegenbleiben auf der Platte ist somit ausgeschlossen. Der Spaßfaktor bei Headis ist ziemlich groß, da das Spiel alles andere als kompliziert ist und auch gut in einer größeren Gruppe gespielt werden kann. Dies gelingt, indem man reihum um die Tischtennisplatte läuft, sodass jeder einmal den Ball über das Netz köpft. Der Ball sollte dabei idealerweise nicht auf den Boden kommen.

Zwischenzeitlich ist das Spiel auch weltweit recht bekannt, sodass es vermehrt zu Wettbewerben kommt. Erst dieses Jahr stand Anfang Juni die erste Tipico Headis Europameisterschaft in Konstanz an. Sieger wurde Sniper Schorsch (Deutschland), der als erster mit dem Titel „Headis-Europameister“ geehrt wurde. Auch gibt es mittlerweile eine Headis WM, die mitsamt den Qualifikationsspielen innerhalb von zwei Tagen ausgetragen wird. Headis ist also eine aufsteigende Sportart, die definitiv begeistert und bewegt. Jung und Alt, Groß und Klein, Mann und Frau – ganz egal, Headis ist ein Sport für alle und jeden. Und wer weiß – vielleicht wird sie ja sogar irgendwann einmal olympisch…

Quelle: www.headis.com und www.headis-ec.com/de/

Vorschau: Nächste Woche dreht sich bei uns alles um den aktuellen Tabellenführer, SF/BG Blista Marburg, der Blindenfußball-Bundesliga.

Das aktuelle Sportstudio: Von gerissenen Röcken und tieffliegenden Bällen

In Mainz auf dem Lerchenberg fahren insbesondere Samstagabend viele Autos auf das Gelände des ZDFs. Der Fernsehgarten ist live am Sonntagmorgen – dorthin kann es die vielen Gäste also nicht verschlagen. Aber am Samstagabend schlägt die Stunde der Fußballfans und Sportbegeisterten: Denn eine der ältesten Sportsendungen im deutschen Fernsehen, „Das aktuelle Sportstudio“ wird aufgezeichnet.
Seit dem 14. August 1963 flimmern die Moderatoren des ZDFs Samstagsabends über die Bildschirme der Republik, um die interessierten Zuschauer über die Geschehnisse des letzten Sportsamstags und -freitags aufzuklären. Auch wenn die bekannte Bahnhofsuhr im Vorspann der Sendung Aktualität vorspielt, ist die Sendung eine Live-on-Tape-Show. Das heißt die Sendung wird aufgezeichnet und einige Stunden später gesendet.

LICHT!“, „KAMERA!“, „ACTION!“ – so stellt man sich die schillernde Welt von Film und Fernsehen vor. Aufregend, unbekannt und irgendwie wichtig. Doch gerade das aktuelle Sportstudio ist alles andere als abgehoben, nein, es ist erschreckend gewöhnlich und es fühlt sich ziemlich normal an dort im Publikum zu sitzen.

Um 20.45 Uhr beginnt mit einer Begrüßung und der Ansage eines sogenannten „Setrunners“ das kleine Abenteuer beim ZDF. Ein „Setrunner“ ist jemand, der sich um alle Nebenabläufe bei einer Fernsehproduktion kümmert. Er macht alle auf die Spielregeln aufmerksam: große Taschen sind im Studio verboten, genauso wie Essen und Trinken während der Sendung. Fotografieren ist generell erlaubt, auch in der Sendung, wenn man das passende Motiv findet. Nur bitte nicht mit Blitz. Und die Handys sollten wegen der Störgeräusche auch ausgeschaltet werden.

Dann geht es endlich los. Durch zwei große graue Stahltüren, die das Alter der Studios auf dem Lerchenberg erkennen lassen, geht es in das Studio. Vorher muss man aber vorbei an einem Security-Mann, der noch mal die Taschen kontrolliert und weiter zum eigentlichen Kartenabreißer. Die Gänge sind ziemlich eng und es wirkt ein wenig beklemmend, bevor es dann in die heiligen Hallen geht. In die heiligen Hallen, die gar nicht so heilig und groß sind, wie sie im Fernsehen aussehen. Alles ist mehr Schein als Sein, denn das Studio erscheint im realen Leben um einiges kleiner als im Fernsehn. Ungefähr 120 Menschen haben im aktuellen Sportstudio als Zuschauer Platz, verteilt auf zwei Tribünen. Bunt gemischt sitzen hier Jung und Alt. Vornehmlich lassen sich rote FC Bayern München-Trikots erkennen, aber auch BVB und Schalke-Fans sind anwesend. Das aufgeregte Stimmengewirr summt durch die Halle, nur unterbrochen von Ansagen der Crew die so recht niemand versteht. Der Eintritt kostet 15 Euro pro Person, Kinder dürfen erst ab 14 Jahren in Begleitung eines Erwachsenen zur Aufzeichnung kommen.

Kurz vor Beginn der Probe lernen die Zuschauer Robert kennen. Er ist höchstens Mitte zwanzig und BVB-Fan, was zu kleinen Sticheleien von einigen Bayern-Fans führt, die kurz buhen. Aber Robert nimmt das nicht persönlich, er lacht und hebt kurz die Hand zum Gruß. Robert ist Aufnahmeleiter und dafür verantwortlich, dass während der Aufnahme alles wie am Schnürchen läuft. Er sagt zum Beispiel der Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, wo sie sich wann hinstellen soll und zwischen den einzelnen Moderationen sagt er an, wie lange ein Beitrag (beim Fernsehen sagt man zu einem solchen eingespielten Beitrag auch MAZ) dauert. Die Beitragsdauer variiert zwischen 60 Sekunden und knapp 7 Minuten. Außerdem beginnt Robert mit dem Klatschen, wenn ein Beitrag vorbei ist, um die Zuschauer zu animieren dies ebenfalls zu tun. Er wird also unter anderem fürs Klatschen bezahlt. Ansonsten lernt man als Zuschauer die Moderatoren der Sendung von einer anderen, fast schon lustig-netten Seite kennen. Katrin Müller-Hohenstein zum Beispiel würde man ohne Make-Up und gemachte Haare auf der Straße nicht auf den ersten Blick erkennen. Sie ist zu Späßen aufgelegt und begrüßt die Zuschauer überaus herzlich und freundlich um 21.15 Uhr bei Beginn der Probe. Dann passiert ein kleines Missgeschick: Ihr sehr enger Rock ist auf der Rückseite gerissen. Sie nimmt es mit Humor, bedankt sich bei dem Zuschauer, der sie darauf aufmerksam gemacht hat. Sie sagt zu der Crew: „Ist doch kein Problem, ihr dürft mich nur nicht von hinten filmen!“ Ab 22.15 Uhr wird dann die Sendung aufgezeichnet, aber vorher warnt sie die Zuschauer auf der zweiten Tribüne noch vor der Torwand. Denn wer dort sitzt, sei schon öfter „Opfer“ von tieffliegenden Bällen gewesen.

Drei große Kameras und eine so genannten Stadycam, mit der er sich der Kameramann durch das ganze Studio bewegen kann, zeichnen die ganze Sendung auf. Dazu kommen mehrere hundert Deckenscheinwerfer, große Bildschirme, die die vorher schon aufgezeichneten Beiträge auch im Studio zeigen und Ton- sowie Lichttechniker. Ganz billig ist so eine Aufzeichnung dementsprechend nicht, im Hintergrund sind mindestens 50 Leute für den reibungslosen Ablauf verantwortlich.

Was bleibt von einem aufregenden Abend in einem Fernsehstudio? Es war ein Erlebnis, welches mit gemischten Gefühlen begonnen und positiv abgeschlossen wurde. Der Besuch im aktuellen Sportstudio lohnt sich auf jeden Fall für alle Sportbegeisterten Fernsehenthusiasten, die schon immer mal einen Blick hinter die Kulissen werfen wollten.

Vorschau: Im nächsten Artikel aus der Rubrik Sport gibt es eine Vorschau über die neue Saison der DEL, der deutschen Eishockey Liga.

Die Weltmeisterschaftsverblendung

KOMMENTAR: Ein ganzes Land ist im Ausnahmezustand: die Fußball-Weltmeisterschaft findet dieses Jahr in Brasilien – auf dem Rücken der Einheimischen – statt, die sich von ihrer Regierung verkauft fühlen. Bereits im Vorfeld der Spiele kam es deshalb zu Massenprotesten. Es muss die Frage gestellt werden, wie viel eine solche Weltmeisterschaft „im eigenen Land“ der Bevölkerung und wie viel sie eigentlich den Investoren einbringt. Viel wird aus dem zerrütteten Land berichtet – auch kritische Stimmen dringen an die Öffentlichkeit. Dennoch wird für den Zeitraum von knapp einem Monat bis zum Finalspiel die rosarote Fußballbrille aufgesetzt und jegliche national- oder globalpolitische Entwicklung weggelächelt. Während sich die ISIS-Front zu einer Armee entwickelt und Teile des Nahen Ostens unter seine Kontrolle bringt, wird in derselben Woche ein ukrainisches Flugzeug abgeschossen und China ringt mit seinen Anrainerstaaten um Territorialhoheit. Die vorhandenen Konflikte schwelen weiter an, so dass das Fass überzulaufen droht – aber nicht, während alle friedlich im Fußball vereint zu sein scheinen. So lange muss der Krieg warten: Er wird zwar nicht real ausgesetzt, aber aus den Köpfen getilgt.

Beinahe die ganze Nacht hindurch kann der geneigte Fußballfan sich die technisch-aufgerüsteten – etwa durch die langerwertete Torlinientechnik optimierten – Weltmeisterschaftsspiele verfolgen – denn schließlich wird bei jedem Spiel Geschichte geschrieben: „Das früheste Tor dieser WM schießt…“, „der höchste Spielausgang dieser WM“ und andere Fakten werden jedes Mal aufs Neue generiert. Die Statistiken werden also mit neuem Material gespeist, während das Weltgeschehen im Abseits steht, in der Tagesschau beinahe schon grotesk vermischt: Gibt es Krieg zwischen Israel und den Palästinensern, denen die Entführung dreier Jugendlicher angelastet wird? Seit Tagen sucht ein enormes Militäraufgebot nach den Jungen. Es wurden bereits 80 Verdächtige festgenommen, während der Hass weiter geschürt wird. Der nächste Beitrag beschäftigt sich dann – wie zu erwarten war – mit dem Spielausgang oder –Zwischenstand. Diese Ambivalenzen zu ordnen erscheint angesichts der Informationsflut beinahe unmöglich. Balotelli schießt ein Tor für Italien, Christiano Ronaldo hat Kniebeschwerden, die deutsche Nationalelf trainiert fleißig – der Stolz der Nationen trifft sich auf dem Rasen, der dieser Tage die Welt bedeutet. So viel, dass alles neben dieser Fußball-Weltmeisterschaft zu einer Kleinigkeit verkommt.

Nichts regt sich hierzulande, abgesehen von dem Höhlenforscher, der gerade den WM-Auftakt aufgrund eines Schädel-Hirn-Traumas im Riesending-Schacht des Unterbergs.

Zwischen Wahn und Sinn: die Weltmeisterschaft

Der Ball ist rund - An Weisheit mangelt es den Fußballwahnsinnigen nie, schon gar nicht zur Weltmeisterschaft (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Der Ball ist rund – An Weisheit mangelt es den Fußballwahnsinnigen nie, schon gar nicht zur Weltmeisterschaft (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Oh weh! Wir sind alle hoffnungslos verloren. In den nächsten Wochen werden Züge zu spät kommen, Schulstunden werden ausfallen und das Grillfleisch im Supermarkt zur hochgesuchten Mangelware. Die WM steht vor der Tür. Und mir ihr kommen Autokorsos, die Tote wecken könnten, brasilianische Schokoriegel und ein Farbenmeer aus Schwarz-Rot-Gold. Wahnsinnig, wahnsinnig sind wir alle und am wahnsinnigsten sind die, die meinen, unbeteiligt davon zu kommen.
Auf meinem Esstisch türmen sich die Fußball-WM-Sammelkarten, meine Tochter mischt sie jeden Tag, wirft sie durch die Luft und tunkt sie in ihre Essen, wenn sie satt ist. Meine Tochter ist eins und, ohne es zu wissen, schon Teil des grassierenden WM-Fiebers. Auch den Spielplan, den ich mir im Wohnzimmer vorsorglich zurecht gelegt habe, zerpflückt sie regelmäßig und ich falte ihn artig wieder zusammen. Ja, ich bin es, die meine Familie mit den Namen der Spieler und den Terminen der Spiele vertraut macht, immerhin will ich auch diesmal wieder einen lyrischen Kommentar zu den deutschen Spielen auf meiner Facebookseite bieten. Doch ich fiebere auch wirklich mit, wenn Klose aufs Tor zustürmt, Schweinsteiger die Vorlage liefert und Neuer hinten die Schussrichtungen der Gegner vorhersagen kann.
Schuld daran ist mein Vater, dessen „Tor“-Rufe mich schon als Kind nachts aus dem Schlaf gerissen haben. Mein Mann dagegen lächelt gütig, wenn ich rechtzeitig zum Startschuss vor dem Fernseher sitzen will. Er zuckt mit den Schultern. Fußball, na und? Schön finde ich das, denn wie die meisten Pseudo-Fußball-Verrückten sind mir Bundesligaspiele ziemlich egal. Den leichten Patriotismus von Weltmeisterschafts-Länderspielen aber, finde ich gut und gesund. Immerhin hat sich vor der WM in Deutschland 2006 kaum jemand getraut, eine deutsche Fahne in seinem Garten zu hissen. Heute schmückt das gute Stück Autospiegel, Hauswände und Wangen.

Ausstaffiert? Die Wochen der Weltmeisterschaft dominieren die Aussicht in Deutschland (©Timo Klostermeier / pixelio.de)

Ausstaffiert? Die Wochen der Weltmeisterschaft dominieren die Aussicht in Deutschland (©Timo Klostermeier / pixelio.de)

Wie immer treiben wir Deutsche es bunt, bunter, am buntesten. Das Gastgeberland Brasilien bietet für den „normalen“ Deutschen, für den das Internet Neuland ist und Snowden so ein komischer Amerikaner, genug Fernländisches und Exotisches, um mit dem Vuvuzelawahn der WM in Südafrika mithalten zu können. Wann immer es um die anstehende WM geht, sehen wir halbnackte Tänzerinnen, bekommen geschärftes Grillfleisch und mit exotischen Früchten versehene Schokolade vorgesetzt. Als wären ballrunde Mini-Würstchen und Schokolinsen in den Farben der Deutschlandfahne nicht schon ein Wink mit dem Zaunpfahl. Mensch, Leute, es ist WM. Habt ihr wirklich gedacht, ihr kommt drum rum?
Mal ehrlich. Wer glaubt schon daran, die Ergebnisse des Turniers nicht brühwarm von Arbeitskollegen, Kommilitonen, dem Nachbarn am Gartenzaun oder der Autokarawane, die hupend durch die Straßen fährt, mitgeteilt zu bekommen. Froh sein kann, wessen Nachbar vom letzten Feuerwerk nicht noch ein paar Knaller aufgehoben hat, um eventuellen Torschüssen zu huldigen. Und all denen, die jetzt schon sagen, sie wollen nicht, aber auch gar nichts von der WM zu hören bekommen, rate ich sämtliche Nachrichtenplattformen und soziale Netzwerke in den nächsten Wochen zu meiden. Am besten ihr versteckt euch mit einer „Nichts-sehen-nichts-hören“-Brille im Bett und wartet, bis die Welt das WM-Fieber ausgeschwitzt hat.

Öffentliches Zusehen? Eintauchen in das Meer von Zuschauern zur Weltmeisterschaft(©Steffen Kowalski/ pixelio.de)

Öffentliches Zusehen? Eintauchen in das Meer von Zuschauern zur Weltmeisterschaft (©Steffen Kowalski/ pixelio.de)

Nein, schön ist das nicht mehr. Öffentliches Fußballgucken kann aber auch amüsant sein. Die Bilder aus den Nachrichten, wenn tausende Menschen mit offenen Mäulern auf die Leinwandstarren, gemeinsam die Arme nach oben werfen oder sie enttäuscht wieder fallen lassen zeigen: wir sind Hühner auf der Stange, Lemminge auf den Weg in den Abgrund. Die Diskussionen um den Austragungsort Brasilien sind nicht vom Tisch, aber doch weit im Hintergrund. Und mal ehrlich, das ist nicht in Ordnung, das ist Mist, es ist weder fair noch gerecht, was in Brasilien vor sich geht. Die unwürdigen Baubedingungen der WM-Stadien sind bereits vergessen, die Proteste gegen miese Bezahlung und miese Behandlung sind Bilder von Menschen, die das Medienaufgebot auszunutzen scheinen. Pustekuchen. Die Brasilianer protestieren immerhin nicht erst seit gestern. Und von unserem hohen Ross einer Nation, die gerade den Mindestlohn einführt, ist schnell ein mitleidiger Blick in Richtung Südamerika geworfen.
Ein bitterer Nachgeschmack, den die Weltmeisterschaft uns bietet. Und doch ist es mit ihm, wie mit der WM selbst. Wir können nicht nicht darauf reagieren, denn selbst die, die die Proteste eiskalt ignorieren zeigen nur ihre Ignoranz. Wir sind Wahnsinnige, Fußballwahnsinnige, die bereit sind, wegzuschauen, um hinschauen zu können. Mit Würstchen in Ballformat und kleinen Gummi-Fahnen als Nascherei. Wer gewinnt, wollt ihr jetzt noch wissen? Auf keinen Fall die brasilianische Bevölkerung, die diversen Anbieter der WM-tauglichen Produktpaletten auf jeden Fall, und der Wahnsinn sowieso. Denn eines wissen wir alle: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Vorschau: Nächste Woche erklärt Sascha euch hier, warum manche Sportler trotz Doping-Verstößen noch Vorbilder für ihn sind.