Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Freiheit auf Solopfaden – Benjamin Boyce im Interview

Benjamin Boyce war in den 1990er Jahren Mitglied der niederländisch-englischen Boygroup Caught in the Act, die sich 1998 trennte. Wie Face2Face berichtete, feierten Caught in the Act an Silvester 2015 ihren Neubeginn, allerdings ohne Benjamin. Er widmet sich ganz seinen Soloprojekten und ist erfolgreich auf seiner „One man, one mission“-Tour unterwegs. Am Freitag, den 30. September, hat Benjamin, der sich mittlerweile in Köln zuhause fühlt, nun endlich seine neue Single „I‘m free“ veröffentlicht. Diese thematisiert seine Vergangenheit, für die er dankbar ist. Aber sie handelt auch davon, dass die Dinge sich weiterentwickeln müssen sowie seinem heutigen Gefühl von Freiheit.

Face2Face: Wie würdest du deine neue Single vom Klang her beschreiben?

Benjamin: Das finde ich ehrlich gesagt sehr schwer zu beschreiben. Eine Mischung aus Pop und House, würde ich sagen. Es gefällt mir. Der Produzent hat gut auf meinen Text gehört und hat die passenden Elemente reingebracht, damit der Song auch wirklich frei und offen klingt. Das höre ich darin. Ein echt schönes Gefühl.

Gut gelaunt: Sänger Benjamin Boyce (Foto: S. Holitzner)

Gut gelaunt: Sänger Benjamin Boyce (Foto: S. Holitzner)

Face2Face: Warum ist „I‘m free“ deiner Meinung nach hörenswert?

Benjamin: Für den einen wegen des Textes, für den anderen vielleicht wegen der schönen Melodie. Aber ich hoffe natürlich am meisten, dass es jedem rundum gefällt und dass andere einfach die Gefühle, die ich dabei habe, auch haben. Vor allem das Gefühl von Freiheit.

Face2Face: Ist bald auch ein neues Album von dir geplant?

Benjamin: Ich hoffe, dass ein neues Album kommen wird. Das ist ein bisschen abhängig davon, wie das jetzt mit der neuen Single weitergeht. Aber wir haben es auf jeden Fall vor.

Face2Face: An welchem Ort würdest du gerne noch einmal auftreten?

Benjamin: Ich finde es immer ganz toll, in Berlin aufzutreten. Berlin verbinde ich immer mit einem sehr schönen Gefühl, denn in Berlin hat der Erfolg damals mit Caught in the Act angefangen. Da haben wir auch „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gedreht, kurz bevor wir zum ersten Mal ganz groß in den Charts rausgekommen sind. Das Erfolgsgefühl ist immer in Berlin. Aber ich freue mich natürlich auch immer sehr in Köln aufzutreten, weil das jetzt meine Heimatstadt ist.

Mehr Informationen zu Benjamin Boyce gibt es auf seiner Facebook-Seite und seiner Homepage.

Schnell und trotzdem gesund abnehmen – Almased im Selbsttest

Wer es eilig mit dem Abnehmen hat, der greift gerne mal zu Produkten wie Almased. Der Abnehm-Shake verspricht uns nämlich, dass wir „schnell und gesund“ unsere lästigen Pfunde loswerden können – und zwar in vier Phasen. Die erste Phase ist die Startphase. Hier soll der Stoffwechsel so gut es geht angekurbelt werden, das heißt, drei mal täglich einen Almased-Shake und vieeel Wasser trinken! Na dann, los geht’s!

Tag 1, 8 Uhr Motivation pur

Normalerweise habe ich so früh nie Hunger. Ich habe mir trotzdem einen Almased Shake gemischt und getrunken. Der Shake ist dickflüssig und schmeckt mit Mandelmilch etwas süßlich.

Tag 1, 11 Uhr Gut, dass es Wasser gibt…

Ich bin nun seit einer Stunde auf der Arbeit und merke, dass ich so langsam ein knuspriges, belegtes Brötchen mit einem guten Kaffee gebrauchen könnte. Doch in der Startphase ist das strengstens „untersagt“. Ich trinke also noch ein paar Gläser Wasser, um meinen Hunger zu reduzieren.

Almased: Viele wollen schnell und viel abnehmen. Das verspricht auch das Produkt. (Foto: V. Kalra)

Almased: Viele wollen schnell und viel abnehmen. Das verspricht auch das Produkt. (Foto: V. Kalra)

Tag 1, 14 Uhr Es wird schwer..

Ich habe 30 Minuten Mittagspause, den zweiten Shake bereits hinter mir und trotzdem Hunger. Mir fällt es allerdings jetzt schon schwer, nicht in die Kantine zu gehen, um mir ein deftiges, leckeres Essen zu holen. Heute gibt es nämlich Fisch mit Kartoffelsalat und Remoulade. Ich bin schlecht gelaunt und genervt. Hoffentlich lasse ich das nicht meine Arbeitskollegen spüren..

Tag 1, 17 Uhr Ich fühle mich meiner Freiheit beraubt!

Eine Stunde vor Feierabend: Meine Gedanken kreisen seit Stunden um eine warme Mahlzeit. Ich kann mich nicht richtig auf die Arbeit konzentrieren, da mir einfach eine feste Nahrung fehlt. Ich fühle mich schlecht. Mir fehlt die Freiheit selbst entscheiden zu können, was ich wann zu mir nehme.

Tag 1, 20 Uhr Geschafft!

Zu Hause angekommen habe ich den letzten Shake für heute verspeist. Der Tag kam mir unendlich lange vor. Viel länger als sonst. Die Stunden zogen sich wie Kaugummi. Trotzdem bin ich total froh, dass ich den ersten Tag überstanden habe. Wie es allerdings morgen aussieht, weiß ich nicht…

Liebes Deutschland,

du hattest es nicht immer einfach. Hast lange Zeit gebraucht, dich zu finden. Hast Grauen verursacht. Wurdest zerstört. Geteilt. Vereint. Integriert.
Sind wir einmal ehrlich: Du bist nicht perfekt. Dein Bildungswesen ist nicht fehlerfrei, vieles erscheint nicht gerecht, die Kinderarmut zu hoch, die Sorgen zu groß.
Aber an dieser Stelle soll Zeit sein, dir zu danken.
Danke an die Beamten, Soldaten und Polizisten, die Sicherheit garantieren. Danke an die Krankenschwestern und Altenpfleger, die für zu wenig Geld zu harte Arbeit verrichten. Danke an die Alleinerziehenden, die trotz finanzieller Engpässe keinen dummen Parolen folgen. Die, obwohl sie selbst nicht viel haben, andere unterstützen, anstatt den Fremdenhass siegen zu lassen.
Danke an die ehrenamtlichen Helfer, die Zeit, Kraft, Geld und Geduld investieren.

Wir beide wissen, dass unsere Beziehung noch am Anfang steht. Deine jungen Jahre, deine schlimmen Jahre, deine wilden Jahre, deine angepassten Jahre, nichts davon habe ich miterlebt. Kalter Krieg, Teilung, Wiedervereinigung sind Geschichten, sind Bücherseiten, sind Filmaufnahmen für mich.
Deswegen kann ich das nicht auf einer persönlichen, erlebten (!) Ebene beurteilen und ich weiß nicht, wie sich das Leben damals angefühlt hat.
Trotzdem kann ich die heutigen Freiheiten wertschätzen. Daran wird nichts, werden auch keine Anschläge, etwas ändern.
Sollen wir uns jetzt von dir abkehren? Sollen wir unsere Gesellschaft, unsere Werte in Frage stellen? Uns der Angst hingeben? Die Feiern meiden, den Hass siegen lassen?
Hier hat niemand und nichts gesiegt. Hier wurde verloren. Auf grausame Art und Weise. Doch wer dadurch gewinnt, das bist du, liebes Deutschland.
Du hast uns beim Länderspiel Deutschland – Niederlande gezeigt, dass du Entscheidungen treffen kannst. Dass du Verantwortung übernimmst und Sicherheit gewährleistet. Du funktionierst – als Demokratie, als Staat.
Und doch ist es so viel mehr, das man dadurch gewinnt: Die Erkenntnis, dass Demokratie richtig ist.
Nicht immer hast du Glanzleistungen vollbracht, wenn es darum ging diese „westlichen Werte“ in der „Welt da draußen“ zu verbreiten. Aber hier geht es darum, dass ich morgens aufstehen und im Bus sitzen kann, ohne Angst zu haben, dass „mal wieder“ ein Anschlag geschieht.  Dass ich sagen kann, dass ich dich manchmal echt scheiße finde und du mich trotzdem in Ruhe lässt.
Hier geht es um Freiheit, um Sicherheit, um eine gewaltfreie, gebildete Gesellschaft. Um ein Leben, das jedem zusteht.

Ich bin dir dankbar, dass du ein offenes Land bist. Dass ich bei dir Pizza essen, danach einen türkischen Nachtisch holen, mich abends mit chinesischen Freunden in einer griechischen Bar treffen kann.
Danke, dass ich Sprachen lernen und hören kann.
Dass ich Menschen von der ganzen Welt treffen, ihre Geschichten hören und ihre Kultur miterleben kann.
Dass du ein Ort bist, zu dem ich gerne zurückkehre, von dem ich aber auch gerne fort reise, da du mich gelehrt hast, dass es sich lohnt sich für Vielfalt und Offenheit einzusetzen.

Danke Deutschland, dass ich, wenn ich mit dir rede, auch Europa meine.
Dass meine Heimat nicht ein Land, sondern viele Länder sein kann.
Dass mein Leben, meine Heimat, die Welt ist und sein wird.
Danke, dass ich mit der Welt, mit den Menschen überall schöne Momente verbringen kann.
Momente, die in Erinnerung bleiben, durch die wir uns lebendig fühlen. Zusammen. Das Leben spüren. Erinnerung schaffen, die nichts und niemand, keine Tat uns jemals nehmen wird.

Danke, dass du dich energisch gegen alle aussprichst, die versuchen, solche Taten zu instrumentalisieren, gegen Flüchtlinge hetzten, rechte Parolen verbreiten, Schwachsinn reden.
Diese Idioten gehören nicht zu dir, liebes Deutschland. Das weißt du, das weiß ich.
Das wissen die Menschen, die hier leben und sich engagieren. Die Deutschland zu dem machen, was ich mag: offen, hilfsbereit, demokratisch, frei, rechtens.
Das klingt nach den typischen Stichworten aus dem Powiunterricht der achten Klasse und doch ist es momentan viel mehr. Es ist das, was uns ausmacht. Es ist das, was uns gegen irgendwelche bescheuerten Gewalttaten abgrenzt. Es ist unser alltägliches Leben.
Und liebes Deutschland, genau darum geht es am Schluss: Die Menschen, die in dir leben, machen dich zu dem, was du bist.

Ein Plädoyer für die Spontanität

Kaffeepause - sich spontan mit der Freundin auf einen Kaffee verabreden, ist immer eine gute Idee! (Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de)

Kaffeepause – sich spontan mit der Freundin auf einen Kaffee verabreden und für einen Moment den Alltagsstress hinter sich lassen. Das ist immer eine gute Idee! (Foto: Rainer Sturm / pixelio.de)

Spontanität – das ist etwas Herrliches und eröffnet einem oftmals ganz neue Möglichkeiten. Doch natürlich muss man gewillt sein, sich darauf einzulassen und die Magie der Spontanität schätzen und lieben lernen. In gewisser Weise muss jeder sich auch mit der Ungewissheit anfreunden, dass spontane Vorhaben nicht unbedingt immer so ausgehen, wie jemand sie sich vorher ausgemalt hat. Sie können aber auch zu großartigen und unvergesslichen Erlebnissen und Begegnungen mit tollen Menschen führen, die einem noch lange im Gedächtnis bleiben. Doch einige scheinen mit dem Konzept der Spontanität nicht ganz so gut zurechtzukommen und ihm eher feindselig gegenüber zu stehen. Ich war schon immer geneigt mich spontan mit Freunden auf einen Kaffee zu treffen, wenn mir ganz plötzlich danach war. Oder aber wenn ich gerade etwas in einem Stadtmagazin herumstöberte und zufällig über ein interessantes Konzert oder eine Ausstellung stolperte, griff ich sodann zum Telefonhörer, um eine Freundin oder einen Freund mit meiner bereits bis ins kleinste Details ausgemalten Abendplanung vertraut zu machen.

Unter Zeitdruck - nicht immer bleibt Zeit für Spontanitiät, angesichts vieler Termine und Verpflichtungen (Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)

Unter Zeitdruck – angesichts vieler Termine und Verpflichtungen scheint Spontanität oftmals ein wirklicher Luxus zu sein (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Oft werde ich allerdings enttäuscht. Denn nicht alle meine Freunde sind für meine recht kurzfristigen Vorhaben zu begeistern oder haben schlicht und einfach schon eine Verabredung oder einen anderen wichtigen Termin. Natürlich habe auch ich meine Verpflichtungen und sitze nicht den ganzen lieben langen Tag zu Hause und drehe Däumchen. Allerdings vermute ich, dass meine Herangehensweise eine ganz andere, als die, der nicht so spontanen Menschen ist – wenn ich im Voraus weiß, dass die kommende Woche einen freien Tag zulässt, werde ich deshalb nicht zwangsläufig sofort eine Verabredung vereinbaren.

Bei anderen Freunden bemerke ich des Öfteren einen Mechanismus, ja förmlich den Drang, dass schnell alle Tage für die folgenden Wochen mit Terminen im bereits überquellenden Terminplaner gefüllt werden müssen. Eine freigebliebene Spalte im Wochenplan scheint dabei verwunderlicher Weise eine gewisse Panik und Unruhe in Ihnen auszulösen. Wenn ich dann bei der Losvergabe für eine begehrte Verabredung noch einen Hauptreis, nämlich einen einstündigen Kaffeetermin ergattere, der irgendwie noch zwischen am gleichen Tag, stattfindenden Terminen, reingequetscht wird, kann ich mich enorm glücklich schätzen.

Termine über Termine - das kann einem schon mal über den Kopf hinauswachsen (Foto: I-vista  / pixelio.de)

Termine über Termine – das kann einem schon mal über den Kopf hinauswachsen (Foto: I-vista / pixelio.de)

Manch einer würde wohl anmerken wollen, dass Spontanität viel mit Ungebundenheit oder weniger Verpflichtungen zu tun hat. Da ist mit Sicherheit etwas dran. Und auch mit der Berufstätigkeit kann ein jeder nicht mehr tun und lassen, wonach es ihm beliebt. Ich bin Studentin und habe bisher noch keine Kinder, um die ich mich kümmern oder die ich vor der Arbeit noch bei der KiTa vorbeibringen muss. Andere Lebensumstände können einen in der Spontanität einschränken und von einem viel Disziplin und einen meist durchgeplanten Tagesablauf abverlangen. Sonst würden die ganzen Aufgaben und Erledigungen wohl nicht gelingen und einem früher oder später über den Kopf hinaus wachsen. Da bleibt zugegebenermaßen wenig Platz für den Zauber der Spontanität.

Spontan etwas freie Zeit übrig?! Endlich mal wieder Pinsel sowie Farbe aus dem Schrank holen und seiner Kreativität freien Lauf lassen (Foto: www.hamburg-fotos-bilder.de  / pixelio.de)

Spontan etwas freie Zeit übrig?! Endlich mal wieder Pinsel sowie Farbe aus dem Schrank holen und seiner Kreativität freien Lauf lassen (Foto: www.hamburg-fotos-bilder.de / pixelio.de)

Aber vielleicht gibt es auch Menschen, die mehr den Drang nach Spontanität verspüren als andere. Ich werde mich nochmal zu Wort melden, sobald sich meine Lebensumstände drastisch verändert haben sollten – sprich, ich meine eigene Familie gründe. Vielleicht spreche ich dann nicht mehr in den höchsten Tönen von der Spontanität. Vielleicht werde ich dann meine damalige Naivität belächeln. Bis dem aber nicht so ist, gehe ich weiterhin meinem Impuls nach, verreise kurzentschlossen über das Wochenende, versuche Freunde von meinen brillanten Spontaneinfällen zu überzeugen, sie wenn möglich sogar mit meinem Spontanitäts-Fieber anzustecken und schwelge glücklich in meiner bunten Spontanitäts-Luftblase.

Vorschau: Eva geht nächste Woche dem Wahnsinn der Perfektion auf die Spur

Andere Länder, andere Sitten – von unterschiedlichen Familienkonzepten

Familienglück - danach sehen sich viele Menschen. Überall wird Familie für wichtig befunden und doch existieren ganz unterschiedliche Auffassungen von Familie (© Dieter Schütz  / pixelio.de)

Familienglück – danach sehen sich viele Menschen. Die Familienkonzepte können dabei je nach Land und Kultur ganz unterschiedlich ausfallen. (© Dieter Schütz / pixelio.de)

Vor kurzem hatten mein Mann und Ich Besuch von seinen langjährigen Freunden, einem Ehepaar aus Bosnien. An einem gemütlichen Abend unterhielten wir uns über Familienkonzepte in Deutschland und Bosnien. Sowohl die Freunde meines Mannes als auch ich schienen bestimmte Auffassungen davon zu haben, wie Familie im jeweils anderen Land „funktioniert“. Sie bewunderten die frühe Unabhängigkeit, die viele junge Erwachsene in Deutschland erlangen und ich beneidete sie um den unheimlich starken Familienzusammenhalt. Doch sind das nur Klischees, die wenig mit der Realität zu tun haben?

Durch meinen Ehemann, der Bosnier ist, habe ich Einblick in ein neues Familienkonzept bekommen und nicht nur das – ich kann mich so glücklich schätzen, um eine zweite Familie bereichert worden zu sein. Vermutlich sagt schon dieses kleine Detail viel darüber aus, in welcher Hinsicht sich eine bosnische Familie von einer deutschen unterscheidet – der besondere Stellenwert von Familie. Mit dem neuen Lebenspartner spaltet sich das Kind nicht von der Familie ab, sondern im Gegenteil auch der Partner wird als neues Mitglied der Familie angesehen und meist auch in Aufgaben des alltäglichen Familienlebens eingebunden. Für mich erweckt es oft den Anschein, dass Privatsphäre einen ganz anderen Stellenwert einnimmt als in Deutschland. Es wird ein immenser Teil der (Frei-)Zeit im Kreise der Familie verbracht. Was wohl damit zusammenhängt, dass die meisten bosnischen Familien viele Anstrengungen aufwenden, um ein Haus zu erbauen, welches später an die Kinder übergeht. So spielt sich ein Großteil des Lebens im trauten Heim ab und Gäste werden gerne und regelmäßig (unangekündigt!) empfangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass also mal niemand anzutreffen ist, geht gegen Null.

"Alle recht nett lächeln": Eine alte Fotografie der Ur-Großeltern lässt die Vergangenheit wieder aufleben (©Unbekannt um 1860-70/pixelio.)

„Alle recht nett lächeln“: Eine alte Fotografie der Urgroßeltern lässt die Vergangenheit für einen Moment wieder aufleben (©Unbekannt um 1860-70 / pixelio.de)

Wenn wir nach Bosnien fahren steht nicht selten eine kleine „wir-besuchen-die-Verwandtschaft-Odyssee“ auf dem Programm. So wird an einem Tag unterschiedlichen Verwandten ein Besuch abgestattet. Dann wiederholt sich der im Folgenden beschriebene und auf das Wesentlichste zusammengefasste Ablauf in scheinbarer Endlosschleife – Eintreten, alle begrüßen, ohne Wiederwille die Kaffeetasse unzählige Male nachfüllen lassen trotz bemerkbarem Herzrasen, üppige Portionen leckeren Essens verschlingen, vergeblich versuchen gegen das laute Stimmengewirr anzukommen. Das ist zugegebenermaßen für mich mit ziemlichen Strapazen verbunden. Ungeachtet dessen freue ich mich selbstverständlich, die Verwandten meines Mannes wiederzusehen. Jedes Mal aufs Neue bin ich von der Liebenswürdigkeit und dem unheimlichen Aufwand, der sich in den vielen leckeren Speisen, die den Essentisch schmücken, wiederspiegelt, zutiefst beeindruck. Ich scheine nur für Familienzusammenkünfte dieses Kalibers noch nicht so Recht gewappnet zu sein, was nur beweist, wie sehr der Mensch ein Produkt seiner Sozialisierung ist.

In Bosnien leben die Kinder oft auch im Erwachsenalter noch mit den Eltern unter einem Dach. (Was allerdings größtenteils der wirtschaftlichen Lage geschuldet ist) Dagegen folgt in Deutschland fast jeder ausnahmslos dem ungeschriebenen Naturgesetz und zieht mit dem Einstieg in das Berufs- oder Studienleben bei den Eltern aus – oder gönnt sich zuvor im Ausland eine Auszeit. Dieses sich Abnabeln von den Eltern ist in Bosnien ein enormer Kraftakt und der Schritt wird von ihnen oft nur schweren Herzens zugelassen.

Jedoch will ich an dieser Stelle anmerken, dass selbstverständlich in jedem Land diverse andere Familienkonzepte nebeneinander bestehen und Geltungsbedarf haben. Ein Volk stellt niemals eine homogene Gruppe dar, sondern besteht aus Individuen, die sich voneinander in vielen Punkten unterscheiden. Deshalb sollten meine Beispiele keineswegs den Anspruch erheben, als repräsentativ für diese Länder zu gelten. Es sind Feststellungen, die ich durch meine subjektive Wahrnehmung erlangt habe.

Was wohl aber allen Familien gemeinsam ist, ist der Wunsch, dass ihre Kinder einmal ein „gutes Leben“ führen. Ich nehme mir heraus zu behaupten, dass egal wo auf der Welt, Kinder und Eltern Streits über divergierende Wertvorstellungen austragen und sich ältere Menschen, über die verdorbene Jugend echauffieren. Im Kern scheint Familie aber überall gleichbedeutend zu sein, nur eben eingebettet in komplexe und verschiedenartige kulturelle „Rahmenbedingungen“.

Vorschau: Eva berichtet nächste Woche davon, warum sie es sich zur Aufgabe gemacht hat zu promovieren.

Das Prinzip Öffnung – wie viel Freiheit erträgt die Liebe?

„Ich will frei sein / frei wie ein Stern,der Himmel steht“, tönen die Goldkehlchen von Xavier Naidoo und „Glashaus“-Leadsängerin Cassandra Steen in ihrer Selbstverständlichkeit. Fast so, als wäre diese sogenannte Freiheit das erklärte und sogleich höchste Ziel eines jeden Menschen. Beinahe, als gäbe es nichts erstrebenswerteres als das. Ich frage mich ernsthaft, wie die beiden sich das in der Praxis wohl vorstellen.

Schließlich ist das mit der absoluten Freiheit ein ziemlich zweischneidiges Schwert. Einerseits wünscht sie sich jeder in gewisser Weise – sonst würde es vermutlich weit weniger junge Leute auf Reisen ins Ausland verschlagen und der besagte Song wäre wohl kaum mit derart goßer Begeisterung rezipiert worden – andererseits jedoch geht mit der Idee, sich selbst und andere von sich frei zu machen auch immer ein gigantischer Kompromiss einher. Ich denke da an niemand geringeren als meinen letzten Mehr-oder-minder-Freund zurück, als dieser mir den Vorschlag unterbreitete, unsere Hin-und-wieder-Beziehung auf eine ganz neue Ebene zu bringen und damit offener zu gestalten.

Schätzungsweise versprach er sich von dieser äußerst zeitgemäßen Alternative vor allem Eines: Freiheit. Damit ist jedoch keineswegs bloß die offensichtliche Freiheit, namentlich die Polygamie, gemeint. Hinter dem „Prinzip Öffnung“ steckt nämlich noch weit mehr als das. Zunächst einmal untersagt es mir, all die Dinge zu tun, zu sagen oder auch nur zu denken, die typischerweise einer Beziehung zugeschrieben werden. So hatte ich mir jedes Mal auf die Zunge zu beißen, wenn ich ihn in vollgekleckerten Jogginghosen in der Universität traf. Das Prinzip Öffnung entmündigte mich insoweit, als dass es mir die Rechtsgrundlage für Kritik entzog – schließlich sind nur feste Freundinnen befugt, für ihr Gegenüber die Style-Polizei zu spielen und bei Regelverstoß Sanktionen anzudrohen („Ich lasse mich mit dir nirgendwo mehr blicken, wenn du weiterhin außerhalb deiner Wohnzimmercouch keine vernünftigen Hosen trägst! Ach ja, und Sex bekommst du dann auch keinen mehr.“)

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Propagiert die uneingeschränkte Freiheit: Der deutsche R’n’B-Sänger Xavier Naidoo (Foto: Laljak)

Formulieren wir meinen persönlichen Präzedenzfall allerdings einmal nicht ex negativo, so haben wir es eigentlich doch mit einem richtigen Glückspilz zu tun. Hier hat sich jemand das Prinzip Öffnung beispielhaft zunutze machen können, sich eine rechtsfreie Zone geschaffen, in der ihm mehr als nur Beinfreiheit zusteht. Er kann sich melden, sooft oder so selten es ihm beliebt, schließlich darf niemand am anderen Ende der Leitung sitzen und über seine telefonischen An-und Abmeldungen Strichliste führen. Es erfordert seinerseits keiner besonderen „Investitionen“, im finanziellen wie im ideellen Sinn. Beinahe ist es so, als hätte das Prinzip Öffnung jede noch so kleine aufmerksame Geste, jeden widerwilligen Theaterbesuch und jedes Kaffeekränzchen mit versteinertem Lächeln und den angereisten Schwiegereltern einfach aus dem Programm verbannt.

Nun, wo man sämtliche vermeintliche Störfaktoren ausgemerzt hat, sollte doch als Essenz des selbst geschaffenen Weder-Fisch-noch-Fleisch-Verhältnisses pure Glückseligkeit übrig geblieben sein? Dem Namen nach haben wir es so immerhin mit keinem widerspenstigen Fisch zu tun, der uns, seinem glitschigen Naturell entsprechend, aus den Händen entflutscht. Allerdings hält das Prinzip Öffnung leider ebenso wenig Fleisch bereit, an dessen Substanz wir uns in guten wie in schlechten Tagen festhalten können, mag es manchmal auch von etwas zäher und knorpeliger Konsistenz sein.

So bleibt das Gefühl zurück, Xavier wie auch Cassandra könnten mir und dem Produkt meiner erprobten Freiheit unter Umständen die Kehrseite der Medaille vorenthalten haben – ich fühle mich um eine Beziehung betrogen. Doch vor allem haben sie mir mit ihrem musikalischen Populismus die Freiheit genommen, mich von vorneherein gegen das Prinzip Öffnung zu entscheiden. In dem Wissen, dass ich kein Vegetarier bin, möchte ich mir nämlich doch ganz gern die Optionen, mal Fisch und mal Fleisch sein zu dürfen, fürs Erste offenhalten.

Vorschau: Pünktlich zum Winteranfang lesen wir nächste Woche an dieser Stelle Saschas Hasstirade auf Schnee und Eis.

Wo die Freiheit endet

Abgehört? Von Email bis Telefonaten soll die NSA mitlauschen (Foto: T.Gartner)

Abgehört? Von Email bis Telefonaten soll die NSA mitlauschen (Foto: T.Gartner)

Wir werden beobachtet. Keine Mail, die ungelesen, kein Telefonat, das ungehört, kein Internetaufruf, der unbemerkt bliebe. Der Abhörskandal der NSA beschäftigt noch heute Medien und Politik. Seit Juni diesen Jahres deckt der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden immer wieder neue Fakten das Spionageprogramm PRISM betreffend auf . Ein wichtiges Ziel scheint dabei Deutschland zu sein. Spiegel online berichtete, dass Deutschland als „Partner dritter Klasse“ bezeichnet werde und ähnlich stark abgehört werde wie Irak oder China. In der Regierung will niemand etwas gewusst haben, doch genutzt hat der BND die Informationen angeblich ja doch.

Stellt sich die Frage, ob wir damit leben können, täglich ausgespäht zu werden, zu wissen, dass kein digitaler Schritt von der Überwachung aus Amerika ausgenommen wird. Selbst Telefonate sind nicht sicher. Steigen wir also wieder um auf Briefverkehr? Immerhin sollen anscheinend Terroraktionen verhindert worden sein. Nur wie und wo und was lässt sich vom Bürger nicht nachvollziehen. Und erzählen kann die NSA ja viel.

Die Nachfrage an Email-Verschlüsselungen ist durch die PRISM-Affäre gestiegen. Was hat es die USA auch zu interessieren wie viele Gurken meine Mutter mir mitbringen soll. Habe ich etwas zu verbergen? Entblößen wir uns im Web 2.0 nicht ohnehin alle digital auf Facebook, Twitter, Google+ und Co? Ist der ganze Wirbel für die Katz, wenn doch unsere Kanzlerin im Wahljahr meint, das Internet sei Neuland?

Zugegeben, in einer alternden Gesellschaft, von der ein Teil Schwarz-Weiß-Fernsehen miterlebt hat – von den ersten Computern ganz zu schweigen – sind die sogenannten „digital natives“ noch in der Unterzahl. Doch selbst unsere Eltern arbeiten Tag für Tag am Computer, mit Intranets und dem Internet. Und in den sozialen Netzwerken bestimmen wir selbst, was wir einstellen, was wir preisgeben und wissen hier auch, dass wir oft nicht ausschließen können, dass diese Informationen dabei auch an andere gehen, als die, die wir im Auge hatten. Daneben aber hat jeder wohl viel zu verbergen. Und das hat nichts mit Terrorismus oder Gesetzesübertretung zu tun, sondern mit Privatsphäre.

Was zu verbergen? Die Freiheit auf Privatsphäre hat nichts mit Terrorismus zu tun (Foto: Obermann)

Was zu verbergen? Die Freiheit auf Privatsphäre hat nichts mit Terrorismus zu tun (Foto: Obermann)

Wenn wir diese zugunsten einer vermeintlich sichereren Welt aufgeben, sind unzählige Dystopien an uns vorbeigegangen, ohne Eindruck zu hinterlassen. Der Autor George Orwell warnt uns in 1984gerade vor der Gefahr eines alles sehenden „Big Brothers“. Sicherheit durch Überwachung geht immer mit dem Verlust von Freiheiten einher. Und diese Option ist einfach nicht verhandelbar. Denn unsere Freiheit haben wir uns erkämpft, haben dafür gelitten und gesehen, wie totalitäre Überwachungsstaaten die Welt verschlechtern.

Was können wir aber tun gegen den allmächtigen Staat USA, gegen den sich nicht mal unsere Regierung wagt, Einspruch zu erheben? Viel. Und alles ist besser, als nichts. Seit Juni protestieren immer wieder Menschen gegen den Überwachungsskandal. Die Internetorganisation Campact ruft immer wieder zu Petitionen auf und organisiert Demonstrationen. Vor allem junge, netzaffine Bürger empören sich und zeigen, dass sie nicht einverstanden sind mit der Bespitzelung.

Und auf der anderen Seite gibt esdie, denen es schlichtweg egal ist. Die sagen: „Was soll man gegen Amerika schon machen?“ und „Wenn die interessiert, wie viele Brötchen ich beim Bäcker kaufe, sind die selber Schuld“, oder auch „wenn’s gegen den Terrorismus hilft“. Es sind Stimmen von Gleichgültigkeit und Ignoranz. Solche Stimmen wird es immer geben. Und es kann sich ja auch nicht jeder gleich empören. Doch auch nach vier Monaten lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob wir bereit sind, mit eingekniffenem Schwanz aufzugeben, wenn es um unsere Freiheit geht. Die Amerikaner, für die die Freiheit über allem steht, würden rasen, wäre die Sachlage anders herum.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Alexandra über die ewigen Skeptiker und ihr Auswirkung auf das Zwischenmenschliche.

 

Bin ich langweilig? Oder: Als plötzlich alle anfingen, ihr Leben zu feiern

Neulich telefonierte ich mit einer alten Freundin. Wie aus dem Nichts eröffnete sie mir, sie plane eine Auslandsreise – mal eben nach Australien. Drei Monate work and travel, ganz allein auf große Rundreise. Schön, schön, dachte ich mir. Noch so eine.

Mir begegnet das „Phänomen Ausland“, wie ich es nennen möchte, in letzter Zeit auffallend oft. Seien es nun die frischgebackenen Abiturienten, die beschließen, das mütterliche Nest zu verlassen, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viel von der Welt zu sehen oder die Studenten, welche es ebenfalls nur allzu oft in die Ferne zieht. Es wundert mich einerseits kaum, dass mancherlei Jungspund die Gunst der Stunde nutzt, da sich, wie viele sagen, im Leben keine bessere Gelegenheit mehr dazu auftun würde. Nie werden wir freier, unabhängiger und risikofreudiger sein. Zumindest gilt das für die anderen. Meine Risikobereitschaft ist seit dem letzten Fahrradunfall, von dem sich meine optisch mächtig ramponierten Knie bis heute nicht erholen wollen, bereits ausgereizt. Ich wähne mich schon in völliger Freiheit, wenn ich mir abends vor dem Schlafengehen ein belegtes Brot gönne, obwohl ich doch eigentlich auf Kohlenhydrat-Diät bin. Da ich offensichtlich die einzige zu sein scheine, die es nicht beim nächstbesten Erasmus-Aushang neben der Bibliothek nach Südspanien zieht, sollte ich mir wohl unweigerlich die Frage stellen: Bin ich langweilig?

Über alle Berge: Jetzt nichts wie weg. (Foto:Föhr)

Ist ja nicht so, dass wir früher nicht alle gemeinsam unser Leben feiern konnten. Damals als Schulkinder waren wir alle (bis auf eine Handvoll Ausreißer, die sich über die Landesgrenzen, wenn nicht über den großen Teich, gewagt haben) genügsam und geduldig. Wir waren bereits froh, als wir länger als bis zwölf Uhr in der Nacht ausgehen durften und unsere Auslandsaufenthalte beschränkten sich auf zwei Wochen Ferien mit den Eltern am Bodensee oder am Mittelmeer. Hielt man allerdings erst einmal die langersehnten Hochschulzeugnisse in Händen, trugen einige bereits die Wanderstiefel unter dem Ballkleid. Schnurtracks nach draußen: In Urwäldern mit Affen turnen oder in Südafrika ein halbes Jahr lang Durchfall. Hauptsache kein 08-15-Lebenslauf, kein nahtloser Übergang vom Gymnasium zur Uni. Mir hat die Familie noch wochenlang applaudiert, nachdem ich meine Umzugskiste gepackt und 250km weit weg in eine Studenten-WG gezogen bin. Glücklicherweise sind meine Kommilitonen ähnlich ängstlich veranlagt. Da gelte ich als Ex-Nesthockerin schon beinahe als Volksheldin.

Doch nach und nach sollte ich die Fraktion Auslandssemester kennenlernen. Die einen wollen plötzlich im kommenden Semester nach Indonesien aufbrechen, die anderen liegen mit ihren wilden  England-Erfahrungen (ein ganzes Jahr voller Alkoholexzesse und nur zwei belegten Kursen im Hauptfach) in den Ohren. Ich halte dagegen mit Geschichten aus dem Sommerurlaub in der Hotelanlage mit meinem Freund. Und natürlich mit brav eingehaltener Regelstudienzeit plus dem ein oder anderen abendlichen Amusement im Club um die Ecke. Kein Grund, mich zu schämen, wie ich finde. Wenn alles glatt läuft, habe ich schon bald einen Beruf, bei dem ich mehr auf Achse sein werde als ein Skateboard. Vielleicht entwickele ich dann ja auch so etwas wie chronisches Fernweh. Bis dahin lausche ich weiter gespannt den Anekdoten meiner reiselustigen Freunde und statte eventuell dem nächsten Erasmus-Kneipenabend einen Besuch ab.

Und meine Freundin mit Down Under-Plänen? Die zieht bald mit ihrem Freund zusammen und fängt eine Ausbildung an. Nach Australien kann sie später schließlich immer noch, findet sie.

Vorschau: In der nächsten Woche erklärt Kolumnist Sascha, was es mit der englischen Sprache hier bei uns auf sich hat und was sie für Schwierigkeiten mit sich bringt.

„Scheiß auf ACTA!“

Trotz zweistelliger Minusgrade tummeln sich am Samstag, 11. Februar, mehrere tausend Menschen in der Mannheimer Innenstadt. Doch shoppen will hier heute erstmal keiner – eine Demo soll es sein. Das „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“ (zu Deutsch: Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen – besser bekannt als „ACTA“) treibt die Leute auf die Straße.

In Bewegung: Die Demonstranten schreiten durch die Mannheimer Innenstadt (Foto: Deobald)

ACTA ist eine internationale Initiative, die die Urheberrechtssituation weltweit neu regeln soll. Dabei geht es vor allem darum, Rechteinhabern ein Werkzeug zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen zur Verfügung zu stellen. Beim Schutz von Werken, Wissen, Marken- und Patentrechten soll eine rechtliche Basis geschaffen werden, die garantiert, dass jeder Urheberrechtsbruch ohne weiteres abgestraft werden kann.

Vor allem bei der Internetgemeinde verursacht dieses Vorhaben Sodbrennen, denn: Urheberrechtsverstöße sind hier gängige Praxis, dabei ist der Verstoß wohl häufig gar nicht bewusst. Insbesondere Portale, die mit nutzergenerierten Inhalten arbeiten – etwa „Facebook“, „Youtube“ oder „Twitter“ – sind regelmäßig Schauplatz solcher Delikte. Bereits ein hochgeladenes Bild oder ein mit Musik hinterlegtes Video kann einen Bruch des Urheberrechts darstellen, wenn das entsprechende Werk rechtlich geschützt ist.

ACTA würde den Rechteinhabern nun ein Werkzeug an die Hand geben, um im Falle eines Gesetzesverstoßes direkt aktiv zu werden. Nicht nur der eigentliche Urheberrechtsverletzter, sondern auch die Plattform, auf der der Rechtsverstoß begangen wurde, könnten nun mithilfe dieser Gesetzesinitiative rechtlich belangt werden. Eher früher als später würde diese Praxis daher zum Ende vieler, breit-genutzter Webangebote führen.

Auch für Internetprovider, die den Zugang zum Web vertraglich regeln, hätte ACTA Konsequenzen: Um eine Strafe zu umgehen, müssten sie Wiederholungstätern relativ schnell den Internetzugang dauerhaft entziehen.

Vollkommen zu Recht also steht die Furcht vor Internetzensur im Raum – doch die Nutzer wissen sich zu wehren. So mobilisieren sich an besagtem Samstag in ganz Europa mehr als 150.000 Demonstranten, in Mannheim sind es über 2.000, die vom Ehrenhof der Universität zum alten Messplatz ziehen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut!“, brüllt die Masse immer wieder.

Mit Humor gegen ACTA: "Ich bin so wütend, ich hab sogar ein Schild gebastelt!" (Foto: Deobald)

Tatsächlich ist ein Großteil der Demonstranten der Internetnutzergemeinde zuzuordnen. Zahlreiche Guy-Fawkes-Masken sind zu sehen und weisen die Anhänger von „Anonymous“ aus. Die Plakate sind gefüllt mit Anspielungen und Internethumor. Auffällig ist auch: Die Protestierenden sind fast ausschließlich Jugendliche oder junge Erwachsene.

Julien Ferrat, Linksjugend-Kreissprecher, sieht darin den Beleg des Politikinteresses vieler junger Menschen. „Die hauptsächlich jungen Demonstranten zeigen, dass die Jugend eben nicht politikverdrossen ist“, meint er. Neben der Linksjugend sind es auch viele junge Sozialdemokraten und Grüne, die sich den zahlreichen Anhängern der Piratenpartei, die sich für die Organisation verantwortlich zeichnet, angeschlossen haben.

Auch die Face2Face-Redaktion zeigt sich auf der Demonstration präsent – mindestens vier Mitarbeiter demonstrieren in Mannheim gegen ACTA. Tipps&-Tricks-Redakteurin Melanie Denzinger stört sich besonders an der mangelnden Transparenz der Initiative: „Undurchsichtige Verträge können nicht geduldet werden. Ich finde, man sollte bereit sein, für seine Freiheit auf die Straße zu gehen!“

Gut gelaunt, aber not amused: Face2Face-Tier&Umwelt-Redakteur Bernd Föhr (Foto: Deobald)

Auch das ist ein großer Kritikpunkt an ACTA: Das Gesetz ist nicht etwa von demokratischen Instanzen auf den Weg gebracht worden, sondern entspringt der Einflussnahme von Lobbyisten. Musiklabels und Filmstudios sind die Hauptverfechter des umstrittenen Gesetzesentwurfs, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wurde. Auch der häufig kritisierte Saatgut-Konzern „Monsanto“ setzt sich für ACTA ein.

Denn es geht nicht nur um Urheberrechtsverletzungen im Internet; auch Patentrechte sollen durch ACTA geschützt werden. Probleme bringt dies vor allem für Entwicklungsländer mit sich. Die Produktion wirkstoffgleicher, aber günstigerer Medizin könnte durch ACTA komplett gestoppt werden.

Die schiere Größe der Protestbewegung spiegelt einen Grundkonflikt der digitalen Gesellschaft wider: Dürfen wirtschaftliche Interessen über der Freiheit von Information und dem Zugang zu Kulturgütern stehen? Es ist auch ein Generationenkonflikt: So sind es vor allem die Älteren, die ohne die Annehmlichkeiten des Internets aufgewachsen sind, die in den politischen Instanzen und den wirtschaftlichen Interessensverbänden sitzen, und die Jungen, die auf die Straße gehen.

Wetterfest: Die Kundgebung vor der alten Feuerwache ist gut besucht (Foto: Deobald)

Keiner bringt an diesem kalten Samstag die Einstellung der Demonstranten so schön zum Ausdruck wie die Rednerin der Linksjugend: „Scheiß auf ACTA!“, brüllt sie in das Mikrofon – und erntet begeisterten Applaus.