Selbstversuch: Rad(t)los in einer Fahrradstadt

Ich lebe in Freiburg, einer der zahlreichen sogenannten „Fahrradstädte“ Deutschlands. Ein Drittel der dort lebenden Menschen bewegt sich mit dem Rad von A nach B – so auch ich. Normalerweise! Für Face2Face habe ich einen Selbstversuch gestartet und eine Woche auf mein Fahrrad verzichtet.

Wohlverdienter Urlaub für’s Fahrrad
Zum Zeitpunkt des Selbstversuchs mache ich ein Praktikum und muss dafür jeden Morgen etwa fünf Kilometer in die Innenstadt fahren. In der Regel nehme ich dafür das Fahrrad und brauche etwa 15 Minuten. Das soll sich jetzt ändern! Mein Rad wird für eine Woche im Keller stehen bleiben und ich bin auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.

Startschuss!
Der erste Tag: Ich stehe wie gewöhnlich gegen acht Uhr auf, dann folgt die übliche Morgenroutine: Waschen, umziehen, frühstücken, packen, los! Nur eines ist heute anders: Anstatt mit dem Fahrrad werde ich, wie den Rest der Woche, mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren. Dort soll ich jeden Morgen zwischen neun und zehn Uhr erscheinen. Die Haltestelle ist etwa sieben Minuten Fußweg entfernt. Um 9:10 Uhr mache ich mich auf den Weg. In der Straßenbahn angekommen, muss ich mir erst mal ein Wochenticket für 25 Euro kaufen. Das ist für mich viel Geld und ich ärgere mich, denn im Sommer brauche ich kein Semesterticket, da ich normalerweise immer mit dem Fahrrad unterwegs bin.

In einer Fahrradstadt kommt ein Rad selten allein (Foto:M. Boudot)

In der Straßenbahn ist es morgens um die Zeit angenehm ruhig. Die wenigen Fahrgäste lesen entweder in einer Zeitung oder einem Buch, haben Kopfhörer auf den Ohren oder schauen verträumt aus dem Fenster. Ich gehöre zur zweiten Fraktion, stecke mir die Knöpfe ins Ohr und lausche der Musik. Während der Fahrt merke ich, dass ich müde werde. Am liebsten würde ich die Augen schließen und weiter schlummern. Die Straßenbahn braucht circa 15 Minuten, bis sie die Stadtmitte erreicht. Dort hält sie nur ein paar Meter von meiner Arbeitsstelle entfernt. Heute komme ich zwar nicht, wie sonst, wenn ich mit dem Rad fahre, verschwitzt und etwas außer Atem an, aber dafür deutlich müder. Außerdem war ich um einiges länger unterwegs als sonst. Nach meinem Arbeitstag steige ich gegen 18 Uhr wieder in die Straßenbahn ein. Am Abend ist es deutlich voller und nur noch wenige Sitzplätze sind frei. Ich krame erneut meine Kopfhörer aus der Tasche und versinke in der Musik. Meine Augen sind schwer und die Fahrt kommt mir ewig vor. Zuhause angekommen bin ich geschaffen vom Tag und falle schon recht früh ins Bett.

Mein Fahrrad fehlt mir
Der zweite Tag verläuft ähnlich wie der erste. Am dritten Tag führe ich am Morgen in der Straßenbahn ein kurzes aber dennoch nettes Gespräch mit einer älteren Dame und bin froh über die Abwechslung zu meiner Musik. Abends bin ich erschöpft von der Arbeit und nicht gerade abgeneigt in die Straßenbahn zu steigen, mich gemütlich zurücklehnen und entspannen zu können. Dennoch fehlt mir mein Rad, vor allem die frische Luft und die Fahrt durchs Grüne. Ich merke, dass mir die sonst übliche, sportliche Bewegung guttut und mir sowohl am Morgen als auch am Abend neuen Schwung verleiht.

In trockenen Tüchern

Mein neues Transportmittel: Eine Straßenbahn in Freiburg (Foto: M. Boudot)

Am vierten Tag, dem Donnerstag, wache ich auf und freue mich zum ersten Mal sehr mit der Straßenbahn zu fahren, denn es regnet in Strömen. Normalerweise würde ich mich jetzt in meine Regenjacke wickeln und zur Arbeit radeln, wo ich klitschnass ankommen würde. Heute kann ich mit dem Schirm in der Hand zur Haltestelle laufen und finde in der trockenen Straßenbahn Zuflucht vor dem Regen. Auch am Abend, der immer noch Unwetter mit sich bringt, bin ich froh wieder in die Straßenbahn einzusteigen.

 

 

Absolut rad(t)los!
Der nächste Tag ist zum Glück wieder trocken und sonnig. Am Abend steige ich nach der Arbeit wie gewohnt in die Straßenbahn und starte ins Wochenende. Zuhause angekommen fällt mir auf, dass der Essensvorrat knapp wird. Normalerweise würde ich mir jetzt mein Fahrrad schnappen und zum Einkaufszentrum fahren, um einen Großeinkauf zu machen. Aber da das Fahrrad diese Woche tabu ist, entscheide ich mich für den kleinen Supermarkt um die Ecke. Ich habe außerdem keine Lust erneut zur Haltestelle zu laufen und mit der Bahn zu fahren, da das fast doppelt so lange dauern würde wie der Schwung auf’s Rad.

Keine Ausnahmen!
Am Samstag verabrede ich mich mit meiner Mitbewohnerin in der Stadt. Wie gerne würde ich bei dem schönen Wetter mit ihr gemeinsam dorthin radeln. Aber der Selbstversuch wird natürlich durchgezogen! Also fahren wir gemeinsam mit der Straßenbahn. Nach einer erfolgreichen Shoppingtour sind wir beide ziemlich geschafft und letztlich doch ganz froh, die Einkaufstüten nicht um den Fahrradlenker hängen zu müssen, sondern in der Bahn entspannt plaudern zu können.

Eine Woche ohne Rad in Freiburg – mein Fazit

Nach einer Woche Selbstversuch bin ich sehr froh meinen Drahtesel wieder auszuführen (Foto: K. Ernst)

In einer Fahrradstadt eine Woche ohne Rad auszukommen ist zwar gut machbar, aber eher nichts für mich. Ich genieße die frische Luft und die Fahrt durch’s Grüne und merke, dass ich mich dadurch sowohl seelisch als auch körperlich besser fühle. Mit der Straßenbahn werde ich morgens einfach nicht so schnell wach und bin außerdem deutlich länger unterwegs. Aber natürlich hat sie auch ihre Vorteile. Bei schlechtem Wetter bleibt man trocken und wenn man mal besonders geschafft ist, kann man einfach eine entspannte Fahrt genießen. Außerdem bringt sie viele Menschen umweltfreundlich ans Ziel. Letztendlich bin ich aber doch sehr froh meinen Drahtesel nach einer Woche Selbstversuch wieder entstauben und an der frischen Luft ausführen zu können.

Auf den deutschen Autobahnen…

Dicke Luft: volle Autobahn und dann auch noch Baustelle (© Rolf Neumann/pixelio)

 …gibt’s gar viele Katastrophen. Und momentan erfahre ich die geballte Ladung. Normalerweise bin ich ja nicht so oft im eigenen Auto unterwegs. Zu Fuß im Ort und mit der Bahn zur Uni, so sieht das eher aus. Und auch wenn ich mit dem PKW auf der Straße bin, sitze ich nicht unbedingt hinterm Steuer. Tja, so sieht‘s aus. Momentan aber bin ich regelrecht gezwungen mich auf den Fahrersitz zu klemmen. Mein Praktikum verlangt es, denn die Dreiviertelstunde Autobahn wären etwa drei Stunden mit der Bahn und das muss dann doch nicht sein. Gut, dass meine Mutter ihren Arbeitsplatz ganz nah bei meiner Praktikumsstelle hat. Blöd, dass auch Mütter mal Urlaub machen. So hatte ich zuletzt mehr oder weniger zwei Wochen tiefe Einblicke in das Chaos der deutschen Autobahnen. Und ich bin froh, wenn diese Zeit wieder rum ist.
Am schönsten ist die Autobahn ja, wenn ich Frühschicht habe. Um sechs Uhr sind A5 und A6 befahrbar, ob mit oder ohne Baustellen. Und von denen gibt’s in letzter Zeit eher mehr als weniger. Straßenbauarbeiten hier, Markierungserneuerungen da, Verwirrungen über Verwirrungen. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen ändern sich auch mal täglich. Nur gut, dass das niemanden zu stören scheint. Ja klar, Gas geben macht Spaß und so, wenn es keine Begrenzung gibt rausch ich auch gerne ab, aber wenn so ein rundes Schild mit rotem Rand kommt, in dem eine 100, 70 oder auch eine 60 steht, dann passe ich mich eben an. Immerhin gibt es da noch diese fiesen Kästen, die ganz wild darauf sind Fotos zu machen. Bevor dann auch noch ein Busgeldbescheid im Briefkasten landet, fahre ich einfach langsamer. Andere scheinen zu viel Geld zu haben. Die sausen auch bei maximal erlaubten 100 km/h so schnell an mir vorbei, dass es schwierig ist, die Farbe der Autos zu erkennen. Oder sie fahren zwar auf der rechten Spur hinter mir, hupen aber, als wollten sie in die Philharmonika eintreten.

Freie Fahrt? So wenig Autos sind im Berufsverkehr selten (© Viktor Mildenberger/pixelio)

Ganz lustig wird es, wenn diese Pseudo-Posaunenspieler auch noch LKWs sind. Diese dicken Dinger, die regelmäßig nicht nur die rechte Spur vollkommen verstopfen, so dass die Ausfahrt kaum zu erwischen ist, sondern denken, es wäre amüsant auch noch auf die mittlere Spur auszuweichen, um mit einem Kilometer pro Stunde mehr auf dem Tacho ihren Vordermann zu überholen. Nicht dass PKWs besser wären. Anstatt auf die mittlere Spur auszuweichen, wenn sie merken, dass sie wohl doch nicht so schnell fahren, um gleich wieder ein Überholmanöver zu starten, füllen sie die linke Fahrbahn, wie die LKWs die rechte. Nicht nur einmal musste ich in der Mitte vom Gas oder gar auf die Bremse, weil mein Fahrlehrer mit immer einbläute, dass ich von rechts nicht überholen darf.
Das macht doch keinen Spaß.
Außerdem gibt es neben diesen Kleinigkeiten noch die wirklich gefährlichen Momente. Wenn der LKW, der einen anderen LKW überholen will, nicht sieht, dass ich neben ihm fahre, und mich fast rammt. Wenn ein ganz Schneller mich schneidet, weil für ihn Geschwindigkeitsbegrenzungen oder allgemein Straßenverkehrsregeln keine Bedeutung haben. Wenn eine Schnarchnase links überholen will und nicht merkt, dass er dafür viel zu langsam ist und ich hintendran eine Vollbremsung hinlegen muss. Horrormeldungen, wie böse das ausgehen kann, gibt es mehr als genug. Aggressiv werde ich übrigens nur, wenn die anderen Fahrer sich so verhalten und ich mein Kind im Auto hab. Dann fahre ich ohnehin besonders vorsichtig, nicht so schnell, defensiver. Wenn dann aber noch einer meint, einen Unfall provozieren zu müssen, sehe ich rot. Und ihr?

 

Vorschau: Lea befasst sich nächste Woche mit dem Chaos Studium und dem Chaos-Studium.

E10 – und was treibt dich an?

Ich stehe vor der Zapfsäule bei der Tankstelle meines Vertrauens und schwanke zwischen „Super Plus“ oder „E10“. Um ehrlich zu sein, stecke ich nicht zum ersten Mal in dieser Situation. Immer wenn mein Tank leer ist, frage ich mich seit diesem Jahr: Tja, was tanken? Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die sich diese Frage stellt.

 Erst vor Kurzem habe ich mit Freunden darüber gesprochen. Letztlich ist eine interessante Diskussion daraus geworden. Da hat sich bewahrheitet, was sich auch in unserer Gesellschaft widerspiegelt: Die einen waren für den neuen Biosprit, die anderen sahen das Ganze etwas skeptischer. Eine Freundin gab sogar zu, dass sie mal „E10“ und dann wieder „Super“ tanke, was ihr sogleich entsetzte Blicke einbrachte.

 Aber was verbirgt sich eigentlich hinter dem neuen Kraftstoff, der bei uns für so viel Furore sorgt?

Seit Anfang diesen Jahres ist die Verwirrung beim Tanken durch den neuen Kraftstoff namens „E10“, das EU-weit eingeführt wird, gestiegen. Das „E“ steht dabei für Ethanol und die Zahl 10 für die 10%. Kaum war die Entscheidung getroffen, wurde sogleich gewarnt: Vor dem ersten Tanken mit „E10“ sollte man sich beim Hersteller vergewissern, ob das eigene Fahrzeug „E10“ tauglich ist. Angeblich sollten aber 90% aller benzinbetriebenen Autos den neuen Biosprit ohne Probleme tanken können und EU-Fahrzeuge wären alle E10 tauglich. Die Deutsche Automobil Treuhand GmbH hat eine Liste aufgestellt, auf welcher E10 vertragliche Fahrzeuge zu finden sind: http://www.dat.de/products/products_printed/e10.page

Das neue Konzept stieß bei der Bevölkerung nicht gerade auf Begeisterung. Dabei werden bei dem neuen Kraftstoff Rohstoffe verwendet, die nachwachsen und unter anderem in Deutschland oder Europa angebaut werden können, was eine Alternative zum immer knapper werdenden Erdöl wäre. Außerdem würden laut dem Bundesministerium für Umwelt die Biokraftstoffe weniger Treibhausgase verursachen als die bisherigen Kraftstoffe. Alles schön und gut, meinen Umweltschützer wie Greenpeace und verweisen darauf, dass die Verarbeitung und der Transport so viel Energie braucht, dass die CO2-Bilanz von E10 wieder verringert wird.

 Auch die Kirche spricht sich gegen den neuen Biosprit aus. So meinte Otto Georgens, Weihbischof von Speyer, dass sich der Weltmarktpreis für Mais innerhalb weniger Monate mehr als verdoppelt hat, seitdem die Beimischung von Bio-Ethanol zum Kraftstoff beschlossen wurde. Durch den vermehrten Anbau von Zuckerrüben, Getreide sowie Zuckerrohr verschlechtert sich die Grundnahrungslage in den ärmeren Ländern wie beispielsweise Mexiko. Für Menschen, deren tägliche Lebensgrundlage aus Mais besteht, ist das ein riesiges Problem. Ein weiterer Contra-Punkt ist, dass für weitere Anbauflächen wahrscheinlich wieder Wälder gerodet werden müssten, was dem Klimaschutz entgegenwirken würde.

 Während in unserem Nachbarland Frankreich bei der Einführung von E10 vor gut zwei Jahren ausnahmsweise mal keine Revolution losbrach und alles eher reibungslos über die Bühne ging, verhält es sich in Deutschland anders. Misstrauen und Unsicherheit überwogen, weshalb E10 nicht so gut angenommen wird wie erwartet.

 Der Direktor des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache Professor Ludwig Eichinger erklärte in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, dass die Einführung von E10 auch sprachwissenschaftlich nicht von Erfolg gekrönt sei. Allein der Begriff „E10-Verträglichkeit“ lade nicht gerade dazu ein, dem neuen Produkt zu vertrauen. Im Gegenteil: Es trage eher zu Skepsis und größerer Vorsicht bei, da bei dem Begriff „Verträglichkeit“ immer noch das Gegenteil mitschwingt.

 Auffällig ist auch der Preisunterschied zwischen E10 und Superbenzin: der neue Biosprit ist bis zu 9 Cent günstiger. Das hat damit zu tun, dass die Mineralölkonzerne einen gewissen Anreiz schaffen wollen, damit Autofahrer doch zu E10 umsteigen. Denn wird die Absatzquote, die von der Regierung vorgegeben wurde, nicht eingehalten, sind Strafzahlungen fällig. Und da die Umrüstung der Raffinerien und Tankstellen auf den neuen Biokraftstoff auch erhebliche Kosten verursacht hat, die momentan nicht durch den Verbrauch von E10 gedeckt werden können, hat man den Preis für Superbenzin einfach erhöht und das Ganze damit auch an den Verbraucher weitergeleitet. Kein Wunder, wenn manch einer auch aus diesem Grund E10 boykottiert!

 Laut einer Umfrage der ARD lehnen zwei Drittel der Befragten den neuen Kraftstoff ab. Aufgrund der geringen Nachfrage und der hitzigen Debatte um den neuen Biosprit wurde die Produktion erst einmal gedrosselt. Eine Antwort auf die Frage „Was tanken?“ habe ich für mich – nach einigem Hin und Her – doch gefunden: Vorerst werde ich bei „Super“ bleiben, et basta!

 Und wie sieht es bei euch aus?

Eure Lea

Vorschau: Eva wirft nächste Woche einen Blick nach Afrika, zu Revolutionen, starrsinnigen Machthabern und Ländern, die vorerst auf Haupteinahmequellen wie Tourismus verzichten müssen.