2017 – das Jahr der Fake-News?

KOMMENTAR: Gerade sind wir im Jahr 2017 angekommen. Es steht unter dem Zeichen der Postfaktizität. Was das heißt? Wir sind scheinbar über die Fakten hinausgewachsen. Emotionen sind die neuen Fakten und gefühlte Wahrheiten werden immer mehr salonfähig. Der neue Trend-Begriff „Fake-News“ reiht sich hier verblüffend gut ein, denn der Anglizismus beschreibt eigentlich schlicht: Falschmeldungen. Informationen sollten nach journalistischen Leitsätzen immer geprüft werden, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen. Stattdessen ist es heute gängige Praktik – das haben wir nicht nur im vergangenen Jahr vielfach beobachten können – Schlagzeilen einfach voneinander abzuschreiben. Der Spiegel-Redakteur liest die Bild-Zeitung, die Süddeutsche, die FAZ und selbstverständlich auch umgekehrt. Außerdem erwerben alle Massenmedien Datensätze von Nachrichtenagenturen, die sie des Öfteren sogar wortwörtlich übernehmen.

2016 – ein Krisenjahr für die Massenmedien

Stichwort: Lügenpresse, leicht abgewandelt auch Lückenpresse. Überall heißt es: „Wem kann ich denn noch glauben?“ Von „Social Bots“ ist die Rede, die automatische Antworte generieren und von „Trollfabriken“, die im Auftrag des (russischen) Staates Manipulationen im Internet betreiben soll. Das sei gezielte Manipulation, manchmal wird sogar von Propaganda gesprochen: Flüchtlinge würden gegen eine Kirche urinieren, Hillary Clinton leite einen Kinderporno-Ring und es würden Koran-CDs mit Gift umher gehen – je empörender, also emotionalisierender die Nachricht, desto häufiger wird sie geteilt, geliked und besprochen. Prinzipiell war das nie anders: Menschen interessieren sich mehr für Skandale und Pannen als für positive Nachrichten. Deshalb ist der laute Ruf und der Fingerzeig auf die vermeintlichen Fake-News-Macher – zumeist selbsternannte „alternative“ Medien – überaus schädlich. Denn die schlagen schneller zurück, als erwartet. So wurde dieser Tage die Washington Post überführt, die Hacker-Verschwörung von Russland gegen den US-amerikanischen Wahlkampf lediglich behauptet zu haben. Quellen? Keine.

Die Suche nach dem Fehler

Der Fehler liegt doch tatsächlich im System: Menschen machen Nachrichten. Ob diese nun alternativ oder im Sinne des „mainstreams“ von etablierten Medienhäusern stammen – sie werden immer von Menschen gemacht, deren Intentionen nicht immer nur gut sind. Nur eins hat sich geändert: Heute ist es bei weitem einfacher, eine enorme Reichweite zu erzielen, viral zu gehen. Sobald dann der virale Sumpf gelichtet wird, werden nicht nur ein paar Trolle entlarvt, das sind Online-Provokateure, die sich daran erfreuen, wenn ihr Gegenüber überreagiert und die zu diesem Zwecke verbreiteten Falschmeldungen und Scherze, also Hoaxes nicht selten in die Netz-Welt setzen. Das eigentliche Problem sind wir, die Menschen. Menschen wollen Dinge glauben, die ihrer Meinung entsprechen, sie empören sich gerne und sind sensationsgeil. „Jeder darf doch wohl seine eigene Meinung haben, hier gibt es doch immerhin Meinungsfreiheit!“ Diese Ignoranz, die Suche nach Selbstbestätigung und die Schwierigkeit mehr als nur eine Wahrheit anzuerkennen, verhärtet die Fronten. Jeder hat am Ende seine eigene Agenda, seine eigene Wahrheit und eigene Weltverschwörung.

Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

DJ Khaled’s Schlüssel zum Erfolg

Was Ende 2015 mit einigen einfachen Snaps zum Thema „Erfolg“ begann, erschien gestern in Form eines neunten Studioalbums „Major Key“. Auf seinen Social Media-Profilen postet DJ Khaled seit geraumer Zeit Bilder, Videos und Zitate. Dabei spielten Phrasen wie „Key to success“ (zu Deutsch: Schlüssel zum Erfolg) und „We the best“ (zu Deutsch: Wir sind die Besten) durchweg eine Rolle. Auch das Schlüssel-Emoji kam häufig zum Einsatz – wir klären, wieso.

Schlüssel und Slogan zum Erfolg

Mittlerweile ist eine Reihe an Merchandising-Artikeln mit dem Slogan „We the Best“ oder schlichtweg mit Schlüssel-Emoji erhältlich. Diesen trägt Khaled übrigens in Gold um den Hals. Die Idee kommt allerdings nicht von ungefähr. DJ Khaled, der mit bürgerlichem Namen Khaled Mohamed Khaled heißt, gründete bereits im Jahr 2008 sein Musiklabel „We the Best Music Group“ und ist seither als Produzent, Radiosprecher, DJ und Geschäftsführer ebendieses Labels unterwegs. Auf Instagram sind unter dem Hashtag #WetheBest unzählige Bilder und Videos von seiner Fangemeinde zu finden.

DJ Khaled’s endlose Liste erfolgreicher Freunde

Einen richtigen Hype gibt es seit Monaten, da der DJ durch seine Posts immer wieder erahnen ließ, mit wem er gerade kollaboriert. Rap-Mogul Jay-Z, Hip-Hop-Newcomer Kendrick Lamar und der derzeit erfolgreichste Rapper Drake sind da nur Beispiele. Der 40-Jährige arbeitete an „Major Key“ mit Größen wie Nas, Gucci Mane, French Montana, Rick Ross, Wiz Khalifa, Chris Brown, Busta Rhymes und Faboulous zusammen, bevor er im April diesen Jahres erstmals sein Album ankündigte. Bis zum Release gestern hat Khaled bereits drei Tracks veröffentlicht, darunter „I got the Keys“ mit Jay-Z und Rapper Future.

Vorschau: Am nächsten Samstag berichtet Sabrina über das „Airpley“ Festival.

 

Fitnessblogger — Motivation oder digitale Schwindelei?

Instagram, Facebook und Snapchat sind so gut wie nicht mehr aus unser aller Alltag wegzudenken. Doch mittlerweile gehen sie über das reine In-Kontakt-Treten mit Freunden hinaus. Die Themen werden immer häufiger durch gesunde Ernährung und ausreichend Sport bestimmt.

Früher war alles besser
Begonnen hatte alles damit, dass ab und zu auf Instagram ein Bild veröffentlicht wurde, meistens umringt von Freunden, aus dem Urlaub und eigentlich wollte man sowieso nur die Filter benutzen. Doch mittlerweile sind die sozialen Netzwerke voll von professionellen Instagrammern, Bloggern und leider auch von großen Werbeanzeigen.

Raus aus der Komfort-Zone
Positiv an dieser Entwicklung ist natürlich, dass man sich selbst besser motivieren kann. Die gesunde Obstschale zum Frühstück posten, nach dem erfolgreichen Workout im Fitnessstudio ein Bild hochladen oder andere bei Snapchat an seinem Lauftraining teilhaben lassen — all das führt doch dazu, dass man plötzlich Lust an Bewegung und gesunder Ernährung bekommt.

Große Auswahl: Die sozialen Netzwerke wimmeln von Fitnessangeboten Foto: Privat

Große Auswahl: Die sozialen Netzwerke wimmeln von Fitnessangeboten (Foto: Vogel)

Ansporn und Ehrlichkeit
Den Spaß an Bewegung und gesunder Ernährung zu übermitteln, schaffen auch einige, wie zum Beispiel die Träger des Fitness Awards 2015, Louisa und Jan von fit-trio.com . Im Vordergrund steht bei den beiden erst einmal Selbstakzeptanz und sich so zu lieben, wie man ist. Neben kurzen Workouts, leckeren und gesunden Rezepten und Tipps und Tricks, wie gesunde Ernährung und Bewegung in den Alltag integriert werden kann, findet man in ihrem Instagram-Feed vor allem Dingen auch Ehrlichkeit: Tage, an denen sie überhaupt keine Lust auf Sport haben, Waffeln mit Nutella kurz vor Mitternacht und Dehnungsstreifen, machen die beiden so herrlich sympathisch.

Trügerischer Schein?
Doch schaut man sich die Seiten von anderen professionellen Fitnessbloggern genauer an, dann wimmeln diese nur von so ihren eigenen, hoch angepriesenen Fitnessguides und Workoutplänen, die sie verkaufen möchten, von geglückten Transformationen der Käufer. Generell scheint jedes Sportoutfit, das sie selbst tragen, von großen Marken gesponsert worden zu sein. Auch die Bilder ihrer Essgewohnheiten sind oftmals überspitzt dargestellt: Vegan oder glutenfrei, obwohl keine Unverträglichkeit besteht, und reine Saft- oder auch Detoxkuren genannt, sind dort an der Tagesordnung.

Eigenen Weg finden
Wie gehe ich nun mit solchen geposteten Bildern um? Natürlich dürfen sie als Motivation und Ansporn verstanden werden, aber der Spaßfaktor ist das, was zählt. Zu schnell zieht man Vergleiche mit diesen Personen, obwohl man gar nicht weiß, wer eigentlich hinter diesem Account steht. Auf Rezepte und Fitnessübungen von Bloggern zurückgreifen — kein Problem! Trotzdem ist es wichtig, seinen eigenen Weg zu finden — frei von Zwang und mit viel Spaß an Bewegung und gesunder Ernährung.

Vorschau: Trainer-Karussell in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga. Face2Face nimmt die neuen Übungsleiter unter die Lupe.

Codename „Citizenfour“

Spannend: Der Dokumentarfilm-Thriller Citizenfour wird am 23.11.2015 um 22.45 Uhr zum ersten Mal in der ARD / Das Erste ausgestrahlt. (Foto: http://hoehnepresse-media.de)

Spannend: Der Dokumentarfilm-Thriller Citizenfour wird am 23.11.2015 um 22.45 Uhr zum ersten Mal in der ARD / Das Erste im TV ausgestrahlt. (Foto: http://hoehnepresse-media.de)

Citizenfour ist der Nickname, unter dem Edward Snowden die Filmemacherin Laura Poitras und den Journalisten Glenn Greenwald per E-Mail kontaktierte. Das erste Treffen fand in Hongkong statt. Der Dokumentarfilm porträtiert Snowden nicht nur als sogenannten Whistleblower, sondern auch als Mensch. 2014 kam „Citizenfour“ in die Kinos, wurde mit dem Oscar, dem Deutschen Fernsehpreis sowie dem Emmy ausgezeichnet.

Die deutsche TV-Erstausstrahlung findet am Montag, 23. November 2015, um 22.45 Uhr in der ARD / Das Erste statt.

 

Wir haben mit dem Produzenten des Films Dirk Wilutzky (50) gesprochen.

Face2Face: „Citizenfour“ hat inzwischen alle wichtigen Filmpreise abgeräumt. Wie haben all diese Preise und vor allem der Oscar Ihr Leben verändert?

Dirk Wilutzky: Die Preise haben mein Leben nicht wirklich verändert. Aber sie motivieren mich auf besondere Art genau das weiterzumachen, was ich in den letzten zehn Jahren getan habe – nämlich so konsequent wie möglich Filme zu machen, die sich radikal den Werten der Aufklärung und der Verteidigung der Menschenrechte verpflichtet fühlen.

Diese Werte – Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Verantwortung für die Zukunft der Menschheit – sind gerade in großer Gefahr in einer Welt, die immer krisenhafter und instabiler wird.

Filme können, so wie CITIZENFOUR dazu beitragen, mehr Menschen aufzuwecken. Und das ist das Dringendste, was derzeit geschehen muss. Denn die Zeit in der wir noch etwas Sinnvolles gegen viele der sich anbahnenden Bedrohungen unternehmen können läuft ab. Ich denke, dass in den nächsten 10, 20 Jahren die wichtigsten Entscheidungen für die Zukunft der Menschheit getroffen werden. Entweder entscheiden wir bewusst, und gestalten unsere Zukunft, weil wir etwas begriffen haben werden, oder wir verdrängen weiterhin alles, und dann wird es eben chaotisch. Wir haben jetzt die Wahl.

Face2Face: Über welche Oscar-Gratulation haben Sie sich am meisten gefreut?

Wilutzky: Über die von meiner Frau Mathilde Bonnefoy, die den Film mit mir zusammen produziert und ihn auch noch geschnitten hat. Es war tatsächlich ein besonderes Gefühl, als wir beide jeweils unseren eigenen Oscar bekamen und uns gegenseitig gratulieren konnten! Besser geht es nicht.

Face2Face: Was genau hat Sie angetrieben diesen Film zu produzieren und nach Wahrheiten zu suchen, auch wenn sie sich als gefährlich erweisen könnten?

Wilutzky: Wir leben heutzutage als Menschheit in einer so entscheidenden Situation, dass wir einfach tun müssen, was immer wir können, um dazu beizutragen die Zukunft unserer Demokratie und unserer Menschenrechte zu verteidigen. Da gibt es kein Aber.

Filmszene: Edward Snowden & Glenn Greenwald in Hongkong. (Foto: http://hoehnepresse-media.de © Praxis Films)

Filmszene: Edward Snowden & Glenn Greenwald in Hongkong. (Foto: http://hoehnepresse-media.de © Praxis Films)

Face2Face: Wie wichtig war es Ihnen auch den Menschen Edward Snowden und sein Schicksal zu zeigen?

Wilutzky: Edward Snowden ist ein absolutes Vorbild. Er handelte aus einem tief empfundenen persönlichen Verantwortungsgefühl. Er hat sein Leben für unsere Demokratien aufs Spiel gesetzt. Seine mutige Tat in einem solchen Film festzuhalten, sie für andere sichtbar zu machen, ihn sichtbar zu machen, das ist eine Arbeit, auf die ich sehr stolz bin.

Face2Face: Hatten Sie keine Angst sich mit dem mächtigsten Staat der Welt anzulegen?

Wilutzky: Natürlich hatten wir auch Angst. Aber das Wichtigste dabei ist es, mit der eigenen Angst lernen umzugehen und sich nicht von ihr in die falsche Richtung leiten zu lassen. Es wäre falsch, aus Angst etwas nicht zu tun, etwas nicht zu wagen, oder aus Angst sogar Gesetze zu befürworten, die für Pseudo-Sicherheit sorgen sollen, wie z.B. die Massenüberwachungsgesetze der USA oder die Vorrats-datenspeicherung in Deutschland. Wissen Sie übrigens dass dieses Gesetz eine Klausel enthält, die das Arbeiten mit geleaktem Material für Journalisten illegal machen soll? Das ist ein perfektes Beispiel dafür was man verliert, wenn man sich der Angst hingibt: man verliert seine Freiheit!

Face2Face: Wie hoch schätzen Sie selbst Ihr persönliches Risiko ein? Hatten Sie Angst selbst zum Ziel der Geheimdienste zu werden?

Wilutzky: Es war eine interessante Erfahrung das Gefühl zu haben, dass wir davon ausgehen mussten, selbst abgehört und überwacht zu werden. Und es ist genauso wie im Film gesagt wird: Es ist ein solches Verbrechen andere zu überwachen, weil es so intrusiv ist. So aufdringlich. Es dringt in den eigenen Kopf. Es beginnt die eigenen Handlungen unbewusst zu zensieren. Man traut sich plötzlich nicht mehr bestimmte Dinge in Suchmaschinen einzugeben. Man zögert plötzlich Online-Petitionen zu unterschreiben, weil man vielleicht später an einer amerikanischen Universität studieren will, etc. Es verändert die Person, die sich überwacht fühlt. Der einzige sinnvolle Umgang damit ist, sich dessen bewusst zu werden und sich zu wehren: die Dinge trotzdem zu machen, die man machen wollte, die Gedanken trotzdem auszudrücken, die man ausdrücken wollte. Darüber hinaus muss man aber auch Verschlüsselung für E-Mail und Festplatten verwenden und das Netzwerk TOR benutzen (einen Browser, der Anonymität gewährleistet). Es gibt keine Alternative mehr dazu.

Face2Face: Mit welchen Schwierigkeiten hatte das Team bei der Fertigstellung des Films zu kämpfen? Stimmt es, dass der Film in Deutschland zu Ende geschnitten wurde aus Angst vor US-Behörden?

Wilutzky: Der Film musste komplett in Deutschland geschnitten werden, weil es in den USA Gesetze gibt, die selbst Journalisten zwingen können all ihr Material den Behörden zu übergeben. Wir haben wegen des brisanten Inhalts versucht so weit wie möglich „unter dem Radar“ zu arbeiten. Niemand sollte wissen, dass dieser Film gerade im Entstehen war. Das machte die Finanzierung des Films schwierig, weil ich ständig mit potentiellen Geldgebern verhandeln musste, denen wir nicht viel über den Film sagen konnten. Aber wir haben genügend mutige Menschen gefunden, die das Risiko eingingen. Das war eine gute Erfahrung.

Face2Face: Wurden Sie oder das Team in Deutschland z.B. von PRISM, Tempora oder XKeyscore überwacht?

Wilutzky: Von diesen Programmen werden wir in Deutschland alle überwacht.

Face2Face: Inwiefern hat der Film „Citizenfour“ Ihr Leben positiv oder negativ verändert?

Wilutzky: CITIZENFOUR macht mir trotz allem Mut. Das liegt daran, dass er meinen Blick auf die junge Generation, die 20-30ig-Jährigen, verändert hat. Ich sehe da plötzlich dank Snowden, und dank vieler Diskussionen in den Kinos nach Vorführungen, immer mehr sehr ernsthafte, hoch moralische Menschen, die bereit sind sich für die klassischen Werte der Aufklärung und der Menschenrechte einzusetzen – und gegebenenfalls große Risiken auf sich zu nehmen.

Face2Face: Wie denken Sie selbst im Zeitalter von Social Media über Datenschutz? 

Wilutzky: Ich denke, dass besonders junge Menschen extrem skeptisch und vorsichtig sein sollten. So leicht sind heutzutage Dinge veröffentlicht, die absolut privat hätten bleiben sollen, und die später einmal richtig ärgerliche Auswirkungen haben können.

Face2Face: Sind Sie denn selbst aktiv bei Facebook, Google+ und Co.?

Dirk Wilutzky: Natürlich nicht.

Face2Face: Und wie schützen Sie Ihre persönlichen Daten Herr Wilutzky?

Wilutzky: Am besten ist es einen Computer zu haben, der noch nie Online war. Auf dem kann man dann an den wirklich wichtigen, persönlichen Dingen arbeiten. Ansonsten benutze ich Verschlüsselung für die wichtigen Mails und Datenträger und das angesprochene Netzwerk TOR als überwachungsresistenten Browser für die persönlicheren oder beschützenswerteren Internet-Recherchen.


 

Vorschau:

Von Fußball bis Quidditch – vielfältiger Hochschulsport

Quidditch als Hochschulsport, Spielbrick Films auf flickr.com, CC-Lizenz.

Quidditch als Hochschulsport, Spielbrick Films auf flickr.com, CC-Lizenz.

Oktober bedeutet für Studierende immer wieder aufs Neue: Beginn des Wintersemesters. Sport fördert zu jeder Jahreszeit die Gesundheit. Vor Weihnachten ist es jedoch strategisch günstig sich eine Sportart zu suchen, die man regelmäßig macht. Um dem Zunehmen über die Weihnachtsfeiertage entgegen zu wirken. Doch gerade die typischen Mannschaftssportarten wie Fußball oder Basketball finden manche Menschen langweilig. Gut, dass es für Studierende und Mitarbeiter der Uni eine einfache Lösung für all diese Probleme gibt: Universitätssport.

Die Grenzen des Hochschulsports? Gibt’s nicht!

"Ultimate Frisbee" als Hochschulsport an der Uni Rostock. Marcus Sümnick auf flickr.com, CC-Lizenz.

„Ultimate Frisbee“ als Hochschulsport an der Uni Rostock. Marcus Sümnick auf flickr.com, CC-Lizenz.

Sport an deutschen Universitäten wird oft über eine zentrale Stelle organisiert. Ob nun das Sportzentrum der Hochschule oder ein einzelner Studiengang – es gibt für jeden Studi die Möglichkeit Sport zu betreiben. Welche „Art“ von Sport die richtige für einen ist, muss man selbst herausfinden. Die Grenzen des universitären Sportangebots hingegen sind weit. Sehr weit. Fußball, Handball und auch Volley- oder Basketball sind die gängigen Sportarten, die jeder aus dem Schulunterricht kennen könnte. In verschiedene Gruppen nach Leistung sortiert kann man an so gut wie jeder Uni diese Mannschaftssportarten im hochschuleigenen Team betreiben. An den meisten Universitäten gibt es aber weit mehr als die klassischen Breitensportarten. Je nach Größe der Universität variiert das Angebot von Standarttänzen über Rückenschule bis hin zu Denksportangeboten. Aber auch im Bereich der Mannschaftssportarten sind die meisten Universitäten und Studierenden kreativ.

Menschen mit Besen zwischen den Beinen, die sich mit Bällen bewerfen lassen: Quidditch.

JQuidditch als Hochschulsport in Amerika.  John Morgan auf flickr.com, CC-Lizenz.

Quidditch als Hochschulsport in Amerika. John Morgan auf flickr.com, CC-Lizenz.

An einigen deutschen Universitäten (Hannover, Freiburg, Augsburg, Bochum, Darmstadt) kann man Quidditch als Hochschulsport spielen. Nein, kein Scherz! Hier geht es wirklich um das Quidditch, welches der Zauberlehrling Harry Potter in den Weltbestsellern von Joanne K. Rowling ebenfalls spielt. Oder zumindest kommt das Hochschul-Quidditch dem in den Büchern relativ nahe – fliegen können die Quidditch-Mannschaften allerdings (noch) nicht. Quidditch begeistert allein in England 60 Teams von Muggle (also Nicht-Zauberern), die sich Besen zwischen die Beine klemmen und dann eine Mischung aus Handball, Rugby und Völkerball (oder englisch: Dogeball) spielen. Auch in Amerika begeistert der Sport, sodass genug Teams vorhanden sind, um universitäre Turniere zu veranstalten. Selbst die renommierte Universität Harvard hat sein eigenes Quidditch-Team.

Hochschulsport ist mehr als „nur“ Sport

Der Hochschulsport ist in Deutschland durch einen Dachverband organisiert – und zwar durch den allgemeinen deutschen Hochschulsportverband, kurz adh. Über 180 Universitäten sind in Sachen Hochschulsport durch den adh organisiert und verbunden, denn der adh richtet sowohl nationale als auch internationale Hochschulmeisterschaften jeglicher Art aus. Doch nicht nur die „harten“ Wettkämpfe werden von der adh organisiert, es finden auch regelmäßig nationale „fun“-Turniere statt.

"Netball" an der Nottingham Trent University (UK), Nottingham Trent University auf flickr.com, CC-Lizenz.

„Netball“ an der Nottingham Trent University (UK), Nottingham Trent University auf flickr.com, CC-Lizenz.

An deutschen, aber auch an Universitäten auf der ganzen Welt geht es also um mehr als nur den reinen Wissenserwerb. Durch Hochschulsport kann man neue Menschen aus ganz anderen Fachgebieten kennenlernen, sich auspowern und neben dem Spaß auch etwas für die eigene Gesundheit tun. Was nicht zu verachten ist: die meisten Universitäten nehmen für das sportliche Angebot meist nur eine kleine Kursgebühr zwischen 10 und 50 Euro pro Semester.

Vorschau: Nächste Woche (am 04. November) geht es im Bereich Sport um das Thema Formel 1. Der Grand Prix von Mexiko steht dabei im Mittelpunkt.

21 Piloten im Kurs gen Underground

Seit 2009 mischt eine Band namens „Twenty One Pilots“ (zu Deutsch: 21 Piloten) aus den Staaten den Underground mächtig auf und blieb in Deutschland leider bisher unbekannt. Ihr Stil ist eine Zusammensetzung aus Klavier, Synthesizer, Schlagzeug und Gesang. Da sich ihre Musik nicht gänzlich in nur ein Musikgenre einordnen lässt, wird sie in der Szene daher als „Schizophrenic Pop“ beschrieben.

Die Gruppe gründeten Tyler Joseph, Nick Thomas und Chris Salih. Tyler kam damals auf den ungewöhnlichen Namen „21 Piloten”, da er das Buch „All my sons” von Arthur Miller ganz gerne mochte. Darin geht es um einen Mann, der im Zweiten Weltkrieg den Tod von 21 Piloten zugunsten seiner Familie und seines Geschäftes verursachte. Dieses moralische Dilemma war die Inspiration für den Bandnamen und die Musik der Jungs. Noch im Dezember des Gründungsjahres erschien ihr erstes Album namens „Twenty One Pilots” mit dem sie dann durch ganz Ohio tourten.

Im Jahr 2010 veröffentlichten sie zwei Tracks auf ihrem Sound Cloud Account. Die ursprünglich zum Download freien Titel hießen „Time to say Goodbye“ und „Jar of Hearts“, ein Cover von Christina Perri. Die kostenfreien Links wurden mittlerweile allerdings entfernt, die Tracks können jetzt nur noch online gekauft werden.

Mitte 2011 verließen dann Nick und Chris die Band, da sie keine Zeit mehr für Musik fanden. Nichtsdestotrotz posteten sie regelmäßig Notes auf ihre Facebook Fanpage. Joseph bekam dann Unterstützung von Josh Dun, dem Drummer von House of Heroes.

Das Duo besteht heute ausschließlich aus Tyler und Josh. Im März diesen Jahres erschien ihr aktuelles Album „Blurryface“, von dem sie bereits die Singles „Fairly Local“, „Tear in my Heart“ und „Stressed out“ veröffentlichten.

Vorschau: Am Samstag, dem 05. September, erwartet euch Teil 2 der Sommer-Coversongs.

Musik im Mai – die neusten CDs im Überblick

Zu einem schönen Frühlingstag gehört neben Sonnenschein auch der passende Sound. Was der Mai alles an neuer Musik bereithält, verraten wir euch jetzt.

Kopfhörer auf und die neusten Alben durchgehört (Foto: V.Wahlig)

Kopfhörer auf und die neusten Alben durchgehört (Foto: V.Wahlig)

Was fürs Herz gibt es im Mai von R&B Sternchen Mariah Carey. Ihr neues Album heißt „#1 To Infinity“ und hält ihren altbekannten Sound bereit. Mit dem Longplayer meldet sie sich wieder im Musikbusiness zurück. Nach ihrem kometenhaften Karrierestart vor 25 Jahre ist Carey eine der bekanntesten Sängerinnen der USA. Mit bislang achtzehn Nummer-eins-Hits ist die vielfache Grammy-Preisträgerin die Künstlerin mit den meisten Spitzen-Platzierungen der US-Musikgeschichte.

Im Monat des Eurovision Songcontest (ESC) erscheinen gleich zwei Alben von zwei Siegerinnen des Musikwettbewerbs. Zum einen bringt Lena ihr Album „Crystal Sky“ auf den Markt. Gut zweieinhalb Jahre nach der Veröffentlichung ihres letzten Albums kommt sie im Mai mit einem ganz neuen Sound um die Ecke. Zum anderen überrascht uns die diesjährige Gastgeberin des ESC Conchita Wurst mit ihrem Debütalbum „Conchita“. Neben den bereits bekannten Songs „Rise Like A Phoenix“, „Heroes“ und „You Are Unstoppable“ erwarten den Hörer viele weitere musikalische Perlen.

Alles Neue macht Mai. So ist das auch in der Musikwelt. Zugebenermaßen ist das nächste Album auch eine kleine Überraschung, denn bislang war Sarah Connor nur als Balladensängerin englischer Schmusemusik bekannt. Mit ihrem Album „Muttersprache“ ist sie erstmals auch in der deutschsprachigen Musikbranche unterwegs. Das Album beinhaltet 13 Tracks inklusive der ersten Singleauskoppelung „Wie schön du bist“.

Und auch der Mai wird tanzbar, denn der Star-DJ Paul van Dyk sorgt mit seinem Album „The Politics Of Dancing 3“ für den richtigen Sound für lange Partynächte. Mit Liedern wie „Louder“, das die singapurische Sängerin Daphne Koo featured, und „Only in a dream“, das zusammen mit der britischen Songwriterin Tricia Mc Teague entstand, ist das Album von internationalen Klängen durchdrungen. Mit über fünf Millionen verkauften Alben weltweit zählt Paul van Dyk zu den erfolgreichsten DJs und Produzenten weltweit.

Florence + The Machine überrascht in diesem Monat mit ihrem Album „How Big, How Blue, How Beautiful“. Ende Mai gibt es einen Live-Mitschnitt aus dem Studio, in dem Florence Welch einen ehrlichen und ungefilterten Sound abliefert.

Ihr seht also: Es gibt viele neue Alben, die darauf warten durchgehört zu werden.

Macht ihr auch Musik und wollt euren Sound hier auf Face2Face vorstellen, dann schreibt uns gerne bei Facebook.

Free Your Stuff – Ein Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft unsrer Zeit

Ein Messerset, eine Couch, eine Anlage mit zwei Boxen und einen Verstärker – diese Gegenstände hat sich der 23-jährige Medizinstudent Jonas im letzten Jahr „erstufft“. Free Your Stuff heißt die Plattform, der diese Wortneuschöpfung geschuldet ist. Seit einigen Jahren kursiert diese Idee nun im Internet und findet durch die Gruppenfunktion des sozialen Netzwerks Facebook Anwendung.

So könnte ein Post bei FYS aussehen: Eine Senseo Kaffeemaschine wird gesucht (Screenshot: N. Schwalb)

So könnte ein Post bei FYS aussehen: Eine Senseo Kaffeemaschine wird gesucht (Screenshot: N. Schwalb)

„Diese Gruppe soll die Möglichkeit bieten, mit ausgedienten Gegenständen aus dem eigenen Haushalt, anderen eine Freude zu machen“, steht in der Beschreibung der Mannheimer Version, die mittlerweile über 12.000 Mitglieder zählt. Verschenken statt Wegwerfen heißt das einfache Prinzip, das der Wegwerfgesellschaft des 21. Jahrhunderts die Stirn bietet. Vor Angebote wird ein „GIVE“ gestellt, vor Gesuche ein „NEED“. Von der geöffneten Reispackung, über Mirabellen vom eigenen Obstbaum, bis hin zum Auto, wandern Gegenstände hier statt in die Mülltonne (oder auf den Schrottplatz) zu einem neuen Besitzer.

Jedoch ist hier Schnelligkeit gefragt. Viele Anbieter verfolgen der Einfachheit halber das „First-Come, First-Serve“-Prinzip. Jonas, begeisterter User von FYS, wie es in der Kurzform genannt wird, ist sich dieser Schwachstelle bewusst: „Ich finde das Konzept, dass der erste der sich meldet den Zuschlag bekommt nicht gut. Es gibt bei FYS leider viel zu viele Leute, die alles abgreifen wollen, was sie in die Finger bekommen und die machen diese Gegenstände dann zu Geld. Das ist nicht der Sinn der Sache. Deshalb bin ich sehr froh, dass die Mitglieder langsam auf ein anderes Konzept umschwenken. Der Interessent, der den besten Grund vorweisen kann oder sich etwas Kreatives einfallen lässt, bekommt den Gegenstand.“

Ist der Zweck der Gruppe auch durchweg positiv gedacht, kommt sie leider nicht ohne Regulierungen aus. Mangelnder Umgangston, an Unverschämtheit grenzende Gesuche und immer wieder die Frage nach Geld erfordern das Eingreifen der Gruppenadministratoren. 10 – 30 Gesuche oder Angebote werden täglich in FYS gepostet . Wurde FYS in der Vergangenheit auch zur Frage nach Tipps genutzt, so hat sich zu Gunsten der Übersichtlichkeit nun der Ableger Free Your Advice gebildet. Hier geht es um die Weitergabe von Informationen aller Art, wie beispielsweise günstige Fahrradwerkstätten in der Nähe oder gute Ausgehtipps. Eine weitere Gruppe, die aber hinsichtlich der Mitgliederzahlen weit hinter FYS zurückliegt, ist Free Your Craft – gedacht für den Austausch von Fähigkeiten oder Kenntnissen. Hier bieten Hobbykonditoren ihre Tortenkünste an oder Computerkenner Hilfe mit PC-Problemen.

Eines haben all diese Gruppen jedoch gemeinsam: Sie sind kostenlos. Ob man dem geneigten Spender nun eine Tafel Schokolade oder eine Packung Tee mitbringt, bleibt jedem selbst überlassen. Doch schonen solche Angebote nicht nur unseren Geldbeutel, sie sind in erster Linie ein Mittel, dem Tenor der Zeit, der von Konsum und hoher Wegwerfbereitschaft geprägt ist, etwas entgegenzusetzen. Solltet Ihr Euch also beim nächsten Ausmisten fragen „Wohin damit?“ bietet euch Free Your Stuff eine geeignete Alternative zur Mülltonne.

Objektivität

KOMMENTAR: Der Zugang zu politischen Informationen war sicher einmal einfacher – wenn auch limitierter –, als er sich heute darstellt: Tageszeitung, Tagesschau, fertig. Heute scheint das längst nicht mehr so unkompliziert zu sein. Das Internet liefert zahlreiche neue Informationskanäle, durch deren Nutzung Wissen in einer Art und Weise greifbar wird, die früher undenkbar erschien: Potentiell top-aktuell, unabhängig, detailliert – da kann die Tages-schau natürlich kaum mithalten. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wem man/welchen Quellen man glauben/trauen kann.
Vor einigen Tagen machte der amerikanische Journalist Mat Honan von sich die Rede, der – als eine Art Selbstversuch – jede Meldung, die ihm das soziale Netzwerk Facebook präsen-tierte, mit einem „Like“ versah. Schnell, so berichtet Honan, sah der Informationsstrom auf der Plattform ganz anders aus, als er es gewohnt war: Nachrichten von Freunden verschwan-den vollständig, angezeigte Beiträge schienen inhaltlich immer identischer zu werden. Über-raschen mag das kaum: Facebook muss einem gewaltigen Datenstrom Herr werden. Was den Nutzern angezeigt wird, basiert auf einem Algorithmus, der anhand des Nutzerverhaltens Bei-träge vorsortiert und schließlich das ausspuckt, was den Nutzer zu interessieren scheint. Fremdes Gedankengut wird hier gar nicht erst präsentiert. Facebook vorwerfen kann man das kaum – das soziale Netzwerk ist kein Organ der politischen Bildung. Der Effekt, der hier auftritt, ist allerdings eines zweiten Blickes würdig. Der Algorithmus scheint, so kann man spekulieren, Nutzer gewissen Interessensgruppen zuzuordnen. Diese Interessen werden nun mit entsprechenden Informationen bedient, während andere Inhalte ausgeblendet werden. Haltungen, die auf diese Art wieder und wieder bestätigt werden, verfestigen sich und schei-nen verabsolutierbar.
Damit steht nun aber die Frage nach der im Journalismus stets beschworenen Objektivität im Raum. Nachrichten, so wird gefordert, sollen unabhängig und wertungsfrei sein. Als journa-listischer Qualitätsstandard kann diese Forderung nun aber kaum gelten. Schließlich ist es fraglich, wie es mit der Unabhängigkeit und Wertefreiheit genau funktionieren soll. Der Ge-danke an Objektivität impliziert den Zugang zu einer tieferen Realität, in der ausnahmslos alle Informationen zugänglich und eindeutig sind. In den Geisteswissenschaften scheint man in den letzten Jahrzehnten unter dem Aufkommen konstruktivistischer Ansätze vom Gedanken einer Objektivität Abstand genommen zu haben. Auch die „harten“ Wissenschaften – etwa die Quantenphysik – kennt mit den Kopenhagener Deutungen nach Niels Bohr entsprechende Überlegungen.
Letztlich ist es ja immer ein Mensch, der hinter geschriebenen Worten steht. Was dieser äu-ßert, muss stets als subjektiv begriffen werden – ganz egal, wie sachlich und nüchtern diese Worte auch sein mögen. Erklärungsansätze dafür mag etwa die Neuropsychologie liefern: Reize und Informationen werden vom Individuum nie uninterpretiert aufgenommen. All das, was wir sehen, sind – sobald wir es sehen – durch unser Gehirn vorinterpretierte Bilder. Auch der Abgleich mit den Bildern, die andere Menschen vor Augen haben, liefert keine Objektivi-tät. Denn auch hier wird kein Zugang zu einer tieferen Realität ermöglicht.
Was also die Tagesschau um 20 Uhr ausstrahlt, mag letztlich genauso wenig Anspruch haben, die Realität darzustellen, wie die algorithmisch sortierten Meldungen im Facebook-Nachrichtenstrom. „Real“ werden die Inhalte erst in der Rezeption. Hierbei scheint die Tages-schau trotz Digitalisierungserscheinungen als Leitmedium immer noch im Vorteil –deshalb, weil sie eine sehr viel höhere Reichweite hat als ein vereinzelter Artikel in den sozialen Netzwerken.