„Die selbe Scheiße wie jede Woche!“

Fußballfans gibt es bekanntlich viele. Klar, dass unter diesen auch ganz spezielle – durch die Vielzahl solcher charakterlichen Erscheinungsbilder aber schon wieder typische – Gattungen ihr (Fan)Dasein in den Fußballstadien unserer Republik stilsicher zelebrieren. Diese speziellen Typen aber mal auf einen Fleck als verschworene Gemeinschaft anzutreffen, ist dennoch eine Besonderheit. Die Face2Face-Sportredaktion hatte das Glück, solch eine Truppe einen Spieltag lang zu begleiten.

Als wir samstagnachmittags auf die außergewöhnliche, weil in dieser Konstellation äußert seltene, Fangruppe treffen, zeigt unsere Armbanduhr exakt ein Uhr mittags an. Da wir die Namen der einzelnen Gruppenmitglieder aus datenschutzrechtlichen Gründen hier nicht schreiben dürfen, benennen wir sie alternativ nach ihren Charaktereigenschaften.

Kaum gehen wir also auf unsere Verabredung zu, heißen uns der Erfahrene, der Emotionale, der Statistiker, der Pessimist und der Unbeteiligte in ihrer illustren Runde auch schon willkommen. Okay, der Erfahrene beäugt uns zugegebenermaßen bei der Begrüßung zunächst etwas misstrauisch. Aber das ist auch kein Wunder, hat er in seinem Fandasein doch schon mehr Trainer als Ehefrauen kommen und gehen gesehen. Anders als später die Ordner im Stadion, bekommen wir vom Erfahrenen deswegen auch keinen persönlichen Handschlag inklusive individueller Begrüßung – sondern lediglich ein beiläufiges – wenn auch respektvolles – Nicken geschenkt. Was auffällt: Die Kutte des Erfahrenen scheint durch die Jahre regelrecht mit seiner Haut verwachsen zu sein. Die schmachvollen Niederlagen und unzähligen, torlosen Unentschieden, die er über sich ergehen lassen musste, haben ihn mit tiefen Furchen im Gesicht gezeichnet. Kurzum: Vor uns steht ein Mann, der bereits alles auf dieser Welt zu kennen glaubt.

Ganz anders tritt da schon der Emotionale auf. Nachdem er uns ungefragt eine Flasche Bier in die Hand gedrückt hat, stimmt er uns auch schon eindringlich auf den kommenden Kantersieg seiner Mannschaft ein. Da seine flammende Motivationsrede über den nahenden Jahrhundertsieg auch bei der mittlerweile schon länger andauernden Autofahrt einfach kein Ende zu nehmen scheint, fährt ihm der Statistiker in die Parade. „Jetzt beruhige dich mal wieder. Gegen diesen Gegner haben wir uns schon immer schwergetan“, beschwichtigt er. „Ach was, denen haben wir doch erst vor wenigen Jahren die Hütte voll gehauen!“, verteidigte sich der Emotionale. „Das war 1986“, seufzt der Statistiker, jedoch mit einem gewissen Stolz in der Stimme über sein besonders ausgeprägtes Gehirn, das sich an alle noch so verregneten wie trostlosen Freitagabendspiele zu erinnern scheint. Allgemein gibt es nichts, was der Statistiker nicht zu analysieren scheint. Jeder noch so unbedeutsame Einwurf wird in seinem Gehirn registriert und abgespeichert. Da er diese außergewöhnliche Gabe gerne durch das ständige Nennen von Daten regelrecht zelebriert, wirkt der Statistiker des Öfteren auf seine Mitmenschen„altklug“ und „von oben herab“. Er wird aber mit Nachsicht behandelt, da er sich immer als Fahrer zur Verfügung stellt und seinen Gruppenmitgliedern bei wichtigen Fragen wie dem Hochzeitstag, dem Geburtsdatum der Kinder oder beim Rekonstruieren des gestrigen Aufenthaltsortes, zur Seite steht.

Im Stadion angekommen erfahren wir die freudige Nachricht, dass der Verein endlich den langersehnten Transfer des kommenden Superstars unter Dach und Fach gebracht hat. Freudige Nachricht? Nicht für den Pessimisten! Für ihn haben der Zukauf eines Stars oder das Erreichen eines Finalspiels nur den Sinn, das unausweichliche Scheitern des Teams noch ein Stück tragischer werden zu lassen. Nach dem Anpfiff sieht er sich bereits beim ersten Fehlpass seiner Mannschaft bestätigt und kommentiert das lauthals mit einem „das wird doch wieder die selbe Scheiße wie jede Woche!“

Der Emotionale hat zu diesem Zeitpunkt schon sämtliche Stimmungen durchlebt und hält sich deswegen mit dem Erdrosseln des Pessimisten auch noch zurück. Nach dem erlösenden Führungstreffer stürmt er dann aber dennoch wie von der Tarantel gestochen auf den Pessimisten zu und brüllt ihm mit immer wieder hervorstoßenden Speichelfetzen ins Gesicht: „Siehste! Siehste! Du alter Nörgler. Man muss den Jungs auch einfach mal ein bisschen Geduld geben!“ Der Pessimist, der sich über einen Sieg circa 20 Minuten lang freuen kann, aber geschlagene drei Wochen über eine Niederlage ärgert, bleibt dagegen gelassen und meint, dass „die Jungs das doch eh wieder in den Sand setzen und mindestens noch mit 1:3 verlieren.“ Glück für ihn, dass der Emotionale schon wieder ganz damit beschäftigt ist, seine Mannschaft inbrünstig nach vorne zu schreien und diese für ihn verräterriche Bemerkung überhaupt nicht mitbekommen hat.

Nachdem sich der ganze Trubel innerhalb der Gruppe allmählich gelegt zu haben scheint, spricht uns plötzlich völlig unerwartet der Unbeteiligte an. Unerwartet deshalb, weil der Unbeteiligte die ganze Autofahrt über und seit der Ankunft im Stadion kein einziges Wort verloren hat. Warum das bisher so war, wird uns allerdings relativ schnell bewusst. Anstatt über das mitreißende Spiel zu philosophieren, zwängt er uns ein Gespräch über seinen Garten und die darin herumtollenden Babykatzen des Nachbarn auf. Als wir zunehmend genervt seine dritte These über geeignete Gartenpflege abnicken, pfeift der Schiedsrichter zur Halbzeit. Grund genug die nächste Runde Bier zu holen und so endlich vom Unbeteiligten befreit zu werden.

Da kurz nach Wideranpfiff das 2:0 fällt, kommt auch der Erfahrene langsam aus seinem Schneckenhaus heraus und lässt mit einem zufriedenen Kopfnicken wissen: „Wenn sie das heute gewinnen, sieht es in der Tabelle schon wieder ganz anders aus.“ Doch es kam wie es kommen musste. Nahm der Pessimist den 1:2-Anschlusstreffer noch mit einem augenverdrehenden aber dennoch lauten „Pff“ zur Kenntnis, explodierte er nach dem Ausgleichstreffer vollends. Mit dem – vor Schmerz völlig aufgelösten – Emotionalem im Arm hängend, schreien die beiden ihren Kummer über die nun drohende Niederlage heraus. Während sich der Erfahrene mit einem kräftigen Abwinken Richtung Spielfeld schon frühzeitig von der Gruppe verabschiedet – er muss später immerhin noch die D- bis B-Jugend seines Heimatvereins coachen und als umsichtiger Libero bei den Altherren aushelfen – hat der Emotionale den Schuldigen für den Ausgleichstreffer schon längst ausfindig gemacht. Als er mit immer absurder werdenden Drohgebärden den Schiedsrichter zum Ringkampf herausfordert, begeben wir uns heimlich, still und leise aus dem Stadion. Im Hintergrund vernehmen wir aber noch die Stimme des Pessimisten, der lakonisch zum Emotionalen sagt: „Ach hör doch auf. So wie du aussiehst, schlägt der dich vor dem ersten Gong k.o. …

Anm. d. Red.: Der hier vorliegende Erlebnisbericht ist rein fiktiv, könnte aber aufgrund der tatsächlichen Existenz solcher Fußballfans genauso stattgefunden haben.

Vorschau: Habt ihr schon mal etwas über die indische Mannschaftssportart Kabbadi gehört? Nein?! Dann erfahrt ihr hier bei Face2Face dazu nächste Woche mehr.

 

„Heute ist alles so ernst“ – Dustin Hoffmann im Interview, Teil 2

Im ersten Teil des Interviews mit Dustin Hoffmann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der PARTEI des Landesverbandes Berlin, gewährte er den Lesern bereits einen Einblick in seinen persönlichen Werdegang: von der PARTEI-Karteileiche bis zu den Büroräumlichkeiten des Europaparlaments in Straßburg und Brüssel, wo er seit Dienstag, 1. Juli 2014, tätig ist. Auch die PARTEI-Sicht auf aktuelle Mauerbauvorhaben in der Ukraine präsentierte er exklusiv – noch vor der offiziellen Stellungnahme des fraktionslosen Neuparlamentariers und PARTEI-Vorsitzenden Martin Sonneborn. Die PARTEI beweist sich regelmäßig durch Positionen, die recht absurd anmuten. In diesem zweiten Teil des Interviews stellt Face2Face die rhetorischen Fähigkeiten von Dustin Hoffman auf die Probe:

Face2Face: Haben Sie einen Lieblingspolitiker außerhalb der PARTEI?

Hoffmann: Interessante Frage. Ich bin Fan von Frau Beatrix von Storch aus der AfD. Sie ist immer mit interessanter und konstruktiver Kritik zur Stelle – etwa in Familienfragen. Oder sie stellt Geschäftsordnungsanträge.

Face2Face: Die AfD bringt scheinbar viele charismatische Menschen in die Politik. Das erinnert doch an das Konzept der Satire-PARTEI. Angesichts der Wahlergebnisse muss hier die Frage erlaubt sein: Plagiiert die AFD das Konzept der Partei, nur erfolgreicher?

Hoffmann: Was heißt denn erfolgreicher? Diese Partei verfolgt vor allem ein ganz anderes Konzept als wir: Ganz im Gegensatz zu uns, versuchen sie Inhalte zu vermitteln – manchmal auch unter dem Deckmantel der Inhaltslosigkeit. Aber immerhin haben sie das Potenzial, eine Lücke zu füllen: Gerade erst ist die FDP aus den allermeisten Regierungsämtern und Parlamenten entbunden worden.

Face2Face: Welche Emotionen weckt die „FDP“ in Ihnen?

Hoffmann: Mitleid, denn man muss das ja so sehen: die FDP war immer auch ein gewisser Garant für Unterhaltung und schon in fünf Jahren werden wir sagen: „Ha, wisst ihr noch die 18 Prozent-Kampagne von der FDP?“ Und irgendwann werde ich auch meinen Kindern davon erzählen: „Damals gab es so eine tolle Spaßpartei, heute ist alles so ernst!“

Face2Face: Wenn sich auf politisch-strategischer Ebene kein Vergleich anbietet: Wie ist es bei einer physischen Auseinandersetzung? Was schätzen Sie, wer wäre der oder auch die Stärkste im Plenarsaal des Europaparlaments?

Hoffmann: Wiederum eine interessante Frage. Unsere Nachbarn aus Österreich sehen sehr schlagkräftig aus. Aber grundsätzlich ist es so, dass das alles keine Preisboxer sind. Ich sehe die Voraussetzungen für eine solche Eskalation momentan noch nicht gegeben. Aber vielleicht mag das noch kommen. Darüber haben wir uns aber noch keine Gedanken gemacht.

 

Face2Face: Abschließend sei die Frage erlaubt: Wie viel Geld würden Sie denn für ein solches Interview normalerweise in Rechnung stellen?

Hoffmann: Normalerweise. Heißt das, dass ich das hier nicht mehr in Rechnung stellen kann? (Lacht) Nein, wirklich – Wir haben großen Respekt vor der Presse. Ich würde mich höchstens in Essen und Champagner bezahlen lassen. Das ist die Währung im Europaparlament.

Face2Face: Vielen herzlichen Dank für das Interview!