Idealismus und Träume – mein täglich Brot

Es sind diese beiläufigen Sätze, die uns immer wieder vor Augen halten, dass gewisse Lebensträume belächelt werden. Vor kurzem war ich bei einem Basketballspiel und plauderte während der Pause draußen mit der Frau eines Spielers. Sie erzählte von ihrer Familie, dass ihr Vater Musiker in Südafrika war und nach Deutschland immigrierte. „Und dann fragte ich neugierig: „Und hat er hier weiter Musik gemacht?“.  Sie tat meine Frage gleich als überflüssig ab: „Nee, davon kann man ja nicht leben.“

Solche Sätze machen mich traurig. Ich mache dieser jungen Frau gar keinen Vorwurf. Sondern eher unserer Gesellschaft oder auch der Art, wie wir lernen, mit unseren Träumen umzugehen – und zwar sie oft völlig außer Acht zu lassen. Wir schätzen unsere Träume, unsere Leidenschaften nicht. Bekommen oftmals vermittelt, dass sich damit kein Geld verdienen lässt, dass das ein viel zu steiniger Weg ist etc.pp. Besser auf die wichtigeren Dinge im Leben konzentrieren ist die Devise. Ich denke mir dann oft: Na klar, man soll nicht in der Illusion leben, dass es ein Zuckerschlecken wird, wenn wir eine Leidenschaft zum Beruf machen wollen. Aber was ist mit Musikern oder Schauspielern, die heute große Nummern sind? Die haben auch mal klein angefangen. Und es gab sicherlich zig Leute, die sie davon abbringen wollten und nicht an sie geglaubt haben. Was wäre, wenn ein Jimi Hendrix auf halber Strecke aufgegeben hätte? Uns wäre seine geniale Musik entgangen, die Millionen von Menschen bis heute begeistert.

Weit weg von zu Hause: Die richtige Zeit um sich seiner Träume bewusst zu werden (Foto: Mätzke-Hodzic)

Weit weg von zu Hause: Die richtige Zeit um sich seiner Träume bewusst zu werden (Foto: Mätzke-Hodzic)

Wir verlernen das Brennen für eine Sache eigentlich schon ganz früh. Weil uns sogleich gespiegelt wird: Deine Träume sind nichts wert. Ach, du willst Tänzerin werden? Ein müdes Lächeln unseres Gegenübers, das bereits alles sagt. Als wäre für diese Profession kein Platz. Aber woran liegt es, dass wir so schlampig mit Träumen umgehen? Sie belächeln. Was sagt das über die Wertevorstellung einer Gesellschaft? Ich finde es etwas wertvolles Leidenschaften zu haben oder sie vielleicht gerade erst zu entdecken. Aber sie müssen auch gefördert und genutzt werden. Sonst liegen sie brach und verwesen früher oder später völlig ungenutzt. Und schließlich ist noch kein Genie vom Himmel gefallen. Aber wir tragen mit dazu bei, dass viele erst gar nicht beginnen, an sich zu glauben. Wer weiß, wie viele potenzielle Schriftsteller, Musiker und Schauspieler ihr Talent in den Wind schießen oder es schon getan haben. Die sich unter uns tummeln mit ihren verborgenen Leidenschaften und Talenten. Die mit ihrem Schaffen Menschen beglücken, begeistern und inspirieren könnten. Viele Menschen schätzen die Künste, aber jeder rät davon ab, Künstler zu werden. Komisch, oder?

Ich bewundere Menschen, die sich einen Lebenstraum erfüllen. Die dieses eine kleine Café eröffnet haben, deren Einrichtung als detaillierte Skizze schon immer in ihrem Kopf spukte. Die alles auf eine Karte setzen. No risk no fun. Nicht wahr? Sind diese Menschen am Ende nicht nur Traumtänzer und gibt es nicht genug Beispiele für gescheiterte Existenzen, die sich verschuldet haben, die sich mit ihrem Lebenstraum in den Ruin getrieben haben? Ja, vielleicht darf man bei aller Träumerei, die Realität nicht aus den Augen verlieren. Und vermutlich gehört auch immer eine gehörige Prise Glück dazu.

Ich bekomme oft zu hören, ich sei zu idealistisch. Aber wenn ich diesen Idealismus nicht an den Tag legen würde, wäre dieses Leben für mich ziemlich trist und unerträglich. Mein Idealismus gibt mir immer wieder aufs Neue Kraft, er verpasst mir einen Schubs und ich rapple mich von neuem auf. Er verdeutlicht mir immer wieder, was ich ändern will und womit ich mich nicht abfinden kann. Mein Idealismus hat mich schon weitgebracht. Deshalb versteht dies als Aufruf: Nehmt eure Träume ernst. Seid Traumtänzer, probiert euch aus, habt Ideale und schenkt dem nächsten dahergelaufenem Deppen, der eure Träume belächelt, erst gar keine Beachtung.

Vorschau:  Nächste Woche erwartet euch hier wieder eine spannende Kolumne.

Einmal um die Wette reisen

On the road - die Landschaft auf Reisen genießen (Foto: Mätzke-Hodzic)

On the road – die Landschaft auf Reisen genießen (Foto: Mätzke-Hodzic)

Was einem für Menschen auf Reisen begegnen. Da sind Weltenbummler, die ihren Job an den Nagel gehängt haben und für mehrere Monate die Welt bereisen. Rastlose Seelen, die einen kleinen Hafenort Tausende Kilometer vom eigentlichen zu Hause zu ihrem neuen Wohnsitz auserkoren haben. Da ist ein junger Schriftsteller, der zufälligerweise auch noch Ernest heißt und in einer marokkanischen Stadt deren Fassaden fast vollständig in blau leuchten, in einem ruhigen Garten an seinem Roman schreibt und hier neue Inspiration findet. Oder zwei ältere Berber, die kurzerhand unseren von uns ernannten Guide  (ein italienischer Schweizer, der uns unverhofft vom Straßenrand aufsammelte, wo uns die sengende Hitze fast einen Sonnenstich beschert hätte) darum baten einen Brief auf Italienisch zu übersetzen. Der tat ihnen den Gefallen und verschwand in einem Laden, der vor Berberschmuck, alten Spiegeln, Truhen und Möbeln nur so überquoll. Wenige Mintuen später saßen wir auf kleinen Hockern vor diesem lebenden Antiquariat, tranken Tee und der Inhaber wollte zum Dank für das Übersetzen (was ja nicht mein Verdienst war) mir Schmuck anbieten. Am Ende baumelte an meinem Arm ein riesiger Reif verziert mit kleinen Steinchen und ich war um ein Erlebnis reicher.

Lieblingshostel - ein Hostel, das uns in sehr guter Erinnerung bleibt (Foto: Mätzke-Hodzcic)

Lieblingshostel – ein Hostel, das uns in sehr guter Erinnerung bleibt (Foto: Mätzke-Hodzic)

Ich trefe auf Reisen auch immer auf eine besondere Spezies – junge Mitzwanziger, die schon die halbe Welt bereist haben. Ich begutachte sie meistens mit einer anfänglichen Skepsis. Eigentlich bin ich aber auch ein klein bisschen neidisch. Stampfe innerlich wie ein kleines Kind auf den Boden und schreie lauthals: Ich will aber auch für acht Monate am Stück weg.

Der Traum von der Weltreise -  zum Greifen nah? (Foto: M. Hermsdorf  / pixelio.de)

Der Traum von der Weltreise – zum Greifen nah? (Foto: M. Hermsdorf / pixelio.de)

Oft drehen sich die Gespräche während so einer Reise auch ums…genau Reisen. Jeder packt seine größten Abenteuer aus der Erzählkiste und der Stolz der in Stimme mitschwingt ist nicht zu überhören. Aber Reiseerinnerungen können einem sehr ans Herz wachsen. Manchmal fange ich dann auch an mich an diesem Wettstreit zu beteiligen, man schaukelt sich gegenseitig hoch und insgeheim geht es darum, dass jemand aus der Gruppe, die vorherige Urlaubsanekdote toppt. Ein Lieblingsspiel von Backpackern? Ich muss mich dann manchmal zurücknehmen und wieder darauf konzentrieren dem Verlauf des Gespräches zu lauschen. Ich muss doch nicht auf Teufel komm raus jedem meine für mich besondere Reisemomente ausplaudern – vor allem nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass es eigentlich nicht um das Erlebnis geht sondern darum mächtig anzugeben.

Essen teilen - ein erster Freundschaftsbeweis (Foto: Mätzke-Hodzic)

Essen teilen – ein erster Freundschaftsbeweis (Foto: Mätzke-Hodzic)

Ja, auch ich würde gerne mal für eine Zeit aussteigen. Nicht nur einen Monat sondern gleich mehrere Monate am Stück verschiedene Länder bereisen. Doch dann kommen mir Zweifel auf. Während unserer Marokkoreise war ich oft völlig überwältigt von den vielen neuen Eindrücken. Wie ergeht es einem da, wenn man mehrere Monate quasi im Minutentakt mit neuen Eindrücken überflutet wird? Wenn man so viele Monate reist, lässt es das Budget auch nicht unbedingt zu bei den Übernachtungen wählerisch zu sein. Ich kann mich erinnern, wie sehr ich mich angekommen in Mainz auf mein Bett und eine richtige Dusche freute. In Marokko hatten wir in acht verschiedenen Hostels übernachtet – für den Preis waren alle akzeptabel. Eine Zeit lang kann man seine Bedürfnisse runterschrauben. Das ist eine super Sache und macht mal wieder deutlich was für einen Komfort wir in Deutschland gewöhnt sind. Die letzten Tage unserer Reise hatte ich dann aber genug. Eines Morgens war mein ganzer Körper mit roten Flecken übersät. Bisse von Bettwanzen. Das diese Mistviecher ausgerechnet an den letzten Tagen, die wir unbeschwert am Meer verbrachten, über mich herfielen und mein Mann völlig verschont von ihren mörderisch juckenden Bissen blieb. Ja, es gibt so einiges was man auf Reisen aushalten muss, wenn man backpackt. Und auch ein paar Sachen, die man nicht vermisst. Die Bettwanzen gehören definitiv dazu. Aber um eine weitere Reiseanekdote bin ich allemal reicher geworden.

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch hier wieder eine spannende Kolumne.

Lass den Herbst hinein

Wenn die Kastanien von den Bäumen fallen, ist der Herbst da! (Foto: Jörg Brinckheger  / pixelio.de )

Wenn die Kastanien von den Bäumen fallen, ist der Herbst da! (Foto: Jörg Brinckheger / pixelio.de )

Es ist wieder soweit – das Licht scheint besonders schön, die Bäume sind voller bunter Blätter, es riecht nass, feucht, erdig draußen und der mürrische Mann in der Eisenbahnlock in der Innenstadt bietet geröstete Esskastanien an. Am Straßenrand werden saftig rote Äpfel und Kürbisse in allen erdenklichen Formen und Größen angeboten. Endlich. Der Herbst steht vor der Tür! Ich liebe diese Jahreszeit und ich liebe es mich auf Jahreszeiten einzustimmen. Das Besondere ist ja gerade, dass man bestimmte Dinge eben nur jetzt tun kann. Oder sie eben dann besonders viel Freue bereiten. Raus zum Kastanien- oder Walnüsse Sammeln gehen beispielsweise, oder Herbstspaziergänge bei goldenem Licht. Ich habe mich bereits in Herbststimmung gebracht und meine erste Kürbissuppe zubereitet. Ein Herbst ohne Kürbissuppe. Für mich ganz undenkbar. Damit habe ich offiziell auch in meinem kleinen Heim den Herbst eingeläutet. Auch wenn ich manchmal denke, dass ich eigentlich viel lieber das ganze Jahr über Sommer haben würde, weiß ich doch im gleichen Moment, dass das eine Lüge ist. Die Abfolge der Jahreszeiten würde mir früher oder später ziemlich fehlen.

Der Herbst gibt ein langsameres Tempo an. Der Alltag wird entschleunigt. Man muss sich  nur die Natur anschauen. Die Zeit des Blühens ist vorbei. Bäume, Pflanzen und Tiere bereiten sich still und leise auf den Winter vor. Leider ist der wirkliche goldene Herbst meiner Meinung nach immer viel zu kurz. Die grauen, verregneten Tage gehören ebenso dazu. Doch selbst diese haben (zumindest anfänglich) ihren Charme. Sich in eine kuschelige Decke einwickeln und mit einem Tee sowie Buch einfach mal auf dem Sofa mümmeln. Das habe ich mir am Wochenende gegönnt. Und war überrascht, wie lange ich das nicht mehr gemacht hatte. Plötzlich muss ich kein schlechtes Gewissen mehr haben, niemandem Rechenschaft ablegen, wenn ich mich einfach mal etwas in meine vier Wände zurückziehe. Dank sei den Jahreszeiten. Die Zeit des Herbstes ist für mich eine Zeit der Rückgesinnung und des Reflektierens. Es wäre ja wohl auch der totale Wahnsinn, wenn wir 365 Tage am Stück immer unter Strom stehen, unsere Ziele verwirklichen, von einem Termin zum anderen hetzen. Der Herbst lädt dazu ein, mal einen Gang runter zu schalten. Plötzlich krame ich wieder Musik raus, die einfach nach Herbst klingt. Feist zum Beispiel. Es gibt immer einen Soundtrack zur jeweiligen Jahreszeit.

Und dann ist da noch das Pilzesammeln. Kaum zu glauben, aber ich bin noch nie in die Pilze gegangen. Diesen Herbst will ich mir das nicht entgehen lassen! Zweifelsohne. Der Herbst ist die letzte Chance nochmal viel Zeit draußen zu verbringen, bevor die kalten, grauen Wintermonate beginnen. Die Farben des Herbstes dagegen faszinieren mich. Eine so breite Farbpalette angefangen von einem tiefen Weinrot, wie die Weintrauben, die bereit zur Ernte sind. Erdige Brauntöne, moosiges Grün, wie bei einem Waldspaziergang oder ein sattes Gelb, wie die Getreidefelder, die hell strahlen. All diese Farben findet man in der Natur wieder und es überkommt mich regelrecht mir ein solches Herbstgewand, wie es die Natur trägt, überzustülpen. So lasse ich mich von diesen Farben inspirieren. Trage einen leuchtend Nagellack in einem Beerenton, werfe mir wollige Strickjacken um und meinen hellbraunen Hut vom Flohmarkt, den ich schon gefühlte Ewigkeiten besitze, will ich gar nicht mehr absetzen. Ich habe den Herbst hineingelassen. Nun hoffe ich, dass er mir auch noch eine Weile Gesellschaft leistet. Bevor der Winter beginnt, auf den ich mich zugebenermaßen nicht so sehr freue, aber auch diese Jahreszeit wird wohl etwas Gutes an sich haben. Nicht wahr?

Vorschau: Nächste Woche verrät Anne was passiert, wenn man Aufgaben einfach mal      liegen lässt.

Von einer verschollenen Fotobox

Erinnerungen - Kindheitsbilder versetzten einen zurück in die Vergangenheit (Elisabeth Patzal  / pixelio.de)

Erinnerungen – Kindheitsbilder versetzten einen zurück in die Vergangenheit ( Elisabeth Patzal / pixelio.de)

Ich bin aufgeregt. Seit einigen Tagen rede ich von nichts anderem mehr und fiebere meinem Urlaub wie ein kleines Kind entgegen. Die Rede ist von Marokko – ein langgehegter Traum, der nun Wirklichkeit wird. Für unseren Backpackingtrip haben mein Mann und ich uns eine gute Digitalkamera zugelegt – denn, wie ich mich kenne, werde ich dort völlig aus dem Häuschen sein und an jeder Ecke etwas erhaschen, das ich mit der Kamera unbedingt festhalten muss. Ich male mir schon jetzt aus, wie ich nach der Rückkehr im Wohnzimmer in einem Meer aus Bildern sitze und eine Auswahl der gelungensten Urlaubsmomente treffe, die dann an den Wänden unserer Wohnung eingerammt thronen sollen.

Ganz oldschool - wer entwickelt heute noch Bilder selbst? (Lupo  / pixelio.de)

Ganz oldschool – wer braucht heute noch Negative, wenn wir alles digital haben? (Lupo / pixelio.de)

Was Fotos anbelangt bin ich ziemlich oldschool. Am liebsten lasse ich Bilder im Drogeriemarkt entwickeln. Besonders groß ist die Spannung, wenn ich einen Film unserer analogen Kamera abgebe – ob die Bilder etwas geworden sind, ist nie sicher. Doch auch bei mir hat die Digitalisierung Einzug gewonnen und auf meinem Computer nisten sich still und leise die digitalen Fotonester ein – doch sind wir mal ehrlich, das ist einfach nicht dasselbe, als die Fotos in den Händen zu halten. Die digitalen Fotos nutzen wir am Ende ja doch nur dazu, um alle paar Wochen unsere Facebook-Profile aufzupolieren und mit unseren neuesten Bildern mächtig Eindruck zu schinden. Ich kann mir bessere Aussichten für Fotos vorstellen.

Vor kurzem schickte meine Mama mir Kinderfotos. Ich war hellauf begeistert. Nicht unbedingt, weil ich mich auf den Bildern superknuffig fand, (naja, vielleicht ein bisschen), aber so ein Foto hat eine ganz faszinierende Wirkung auf mich: Alleine es in den Händen zu halten, die Farbintensität, das Licht, zu bewundern – das erfüllt mich mit Freude und um mein Herz wird es plötzlich ganz wollig warm. So ein Paar „läppische Fotografien“ können auf mein Gesicht ein leuchtendes Strahlen zaubern. Kitschig. Ich weiß.

Ein anders Mal war ich gerade in Bonn, als mein Ehemann mich mit einem verheißungsvollen Fotoumschlag, in welchem sich nichts anderes als entwickelte Fotos tummeln konnten, überraschte – die Bilder stammten von einer Grillaktion mit Freunden. Mein Mann hatte immer wieder Leute aus der Gruppe in einem unbemerkten Moment fotografiert. Wieder lösten diese Bilder in mir ein besonders Gefühl aus – ich konnte die Wärme, die von den Bildern ausging förmlich spüren, eines davon zeigte mich und eine Freundin Arm in Arm – unsere Freude war uns wie ins Gesicht geschrieben. Wie kann es sein, dass eine Kamera Stimmungen so gut einfangen kann und diese plötzlich wieder auf einen überspringen?

Der originale Blitz zur Agfa Clack, einer Rollfilmkamera aus den 1960-er Jahren. Inzwischen sind Lampen zum Blitz hinzu gekommen.(Foto: Karl-Heinz Laube  / pixelio.de)

Fotohandwerk- Der originale Blitz zur Agfa Clack, einer Rollfilmkamera aus den 1960-er Jahren.  (Foto: Karl-Heinz Laube / pixelio.de)

Fotos sind für mich unglaublich wertvoll. Als meine Internatszeit vorbei war, muss ich irgendwo bei meinen zig Umzügen innerhalb Münchens eine Fotobox verloren haben. Darin verbargen sich lauter Kindheitserinnerungen – Anna in klein, im Kindergarten im stylishen 90er-Outfit, in der Grundschule mit Zahnlücken, die mich nicht davon abhielten, frech in die Kamera zu grinsen, bei Leichtathletikwettkämpfen – Anna beim Schmollen in einem Wald während eines Schulaufsflug. Ich könnte viele, viele Tränen vergießen, wenn ich daran denke, dass diese Fotobox irgendwo verstaubt. Ihre letzten Tage in Einsamkeit in einer stockdusteren Ecke in einem Keller oder auf einem Dachboden fristet. Oder vielleicht wurde sie ja achtlos in den Mülleimer geworfen und die lodernden Flammen einer Verbrennungsanlage habe meine Kindheitserinnerungen gierig verschlungen.

Urlaub in Marokko - viel Inspiration für neue Fotos (Foto: ASchick01  / pixelio.de )

Urlaub in Marokko – viel Inspiration für neue Fotos (Foto: ASchick01 / pixelio.de )

Es versetzt mir jedes Mal auf das neue einen tiefen Hieb, wenn ich an diese verschollene Fotobox denke. Es ist, als hätte man mir damit ein Kapitel meines Lebens einfach wegradiert. Dabei sind einige dieser Fotos wie in mein Gedächtnis gebrannt. Teilweise kann ich mich sogar ganz genau an Gesichtsausdrücke auf den Bildern erinnern.

Fotografien haben so etwas wie einen eigenen Charakter, eine Seele – vielleicht macht sie das so wertvoll für mich. Sie versetzen einen zurück in eine Zeit, die man nicht mehr zurückholen kann. Sie lassen einen innehalten. Sie zeigen Veränderung. Sie sind genügsam. Wenn man dann gut auf sie Acht gibt und an einem sicheren Ort aufbewahrt.

Bilder auf dem Monitor anzuglotzen, ist für mich so ungefähr genauso attraktiv, wie Fritten und Burger bei McDonalds – digitales Fast Food und auf dem Handy hat man es gleich noch „to go“. Ich habe nichts gegen Burger, nur eben in einem guten Burgerladen – das hat einfach mehr Stil. Ich kann meine Fotografien vielleicht nicht mehr auftreiben (auch wenn ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe), aber in Marokko werde ich die Gelegenheit nutzen, Menschen, Märkte, die Landschaft und meine Reisebegleiter mit der Kamera in den verschiedensten Situationen einzufangen. Meine Urlaubsbilder sollen mich aber auch nach der Reise weiterhin begleiten – ich will sie nicht verdammen und einfach sich selbst auf der PC-Festplatte überlassen. Sie sollen es gut haben und hübsch in der Wohnung ausgestellt werden. Wie kleine Schätze werde ich sie behandeln. Ihnen ab und zu ein paar Streicheleinheiten geben. Ehrenwort. Einmal an der Wand aufgehängt, können sie mir auch nicht so leicht abhandenkommen.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Eva hier davon, weshalb wir manchmal einfach machen sollen, statt zu viel nachzudenken.

Sinti und Roma – Nirgendwo zu Hause

Ewige Nomaden? In solchen Planwagen sollen sich Roma früher fortbewegt haben (Foto: Annamartha  / pixelio.de )

Ewige Nomaden? In solchen Planwagen sollen sich Roma früher fortbewegt haben (Foto: Annamartha / pixelio.de )

„When the road bends you can‘t walk straight“ – so lautet ein Sprichwort der Roma, das wohl kaum treffender ihren traurigen Leidensweg beschreibt. Wie oft mussten Roma andere Wege einschlagen, weil sich nicht erwünscht waren und Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Wie tief muss  die anhaltende Ausgrenzung und Demütigung der Roma in ihren Köpfen festsitzen? Wie kamen die Menschen dazu, schon vor Hunderten Jahren Roma zu diskriminieren, zu versklaven und zu verfolgen? Wieso missfiel ihnen gerade die Lebensweise dieses „fahrenden Volkes“? Eine irreführende Bezeichnung, wo viele Roma teilweise schon mehrere Hundert Jahre in Frankreich oder Spanien aber auch in Deutschland leben. Und oftmals weiter zogen, weil sie nicht geduldet wurden. Wieso haben sie bis heute mit so viel Hass und Vorurteilen zu kämpfen?

Stolperstein vor dem Historischen Rathaus Koeln: Das Trauma der Verfolgung und Tötung von Roma und Sinti sitzt tief (Bild: Berthold Bronisz  / pixelio.de)

Stolperstein vor dem Historischen Rathaus Köln: Das Trauma der Verfolgung und Tötung sitzt bei den Sinti und Roma tief (Bild: Berthold Bronisz / pixelio.de)

Roma bestehen aus verschiedenen Gruppen, die ihre Herkunft sowie Sprache verbindet, zu denen auch die Sinti zählen, deren Vorfahren vor etwa 600 Jahren in den deutschsprachigen Raum zogen. Ursprünglich migrierten Roma vor über 1000 Jahren aus Indien nach Europa und lebten über einen längeren Zeitraum hinweg in Persien,  Armenien sowie im Byzanz. Das spiegelt sich in der Sprache Romanes wieder, die unter anderem indische, aber auch persische, armenische sowie griechische Wörter aufweist. Über die Herkunft der abschätzigen Bezeichnung „Zigeuner“ gibt es verschiedene Quellen und Belege. Im Byzantinischen Reich nannte man die Roma „Athingani“ (Unberührbare). Irrtümlicherweise glaubte man bei der Ankunft der ersten Roma in Europa, dass diese aus Ägypten stammten, weshalb man sie als „Giptoi“ (Ägypter) (abgeleitet von dem Ort Gyp(p)e) bezeichnete. Heute weckt die Bezeichnung „Zigeuner“ böse Erinnerungen, ist zudem eine Fremdbezeichnung und wird von den meisten Roma und Sinti abgelehnt, da sie in einem rassistischen Kontext steht. In Europa ließen sie sich in verschiedenen Ländern nieder, wo sie zumeist eine Minderheit darstellten. Je nach Land und Kultur haben die Roma häufig Sprache aber auch Mehrheitsreligon des jeweiligen Landes, in dem sie sich niederließen, angenommen.

Im zweiten Weltkrieg fielen alleine in Deutschland Hunderttausende Roma dem Nazi-Regime zum Opfer. Sie wurden sterilisiert, menschenverachtende Experimente wurden an ihnen durchgeführt und in Konzentrationslagern starben sie einen qualvollen Tod. Die Demütigung der Roma scheint sich über Hunderte von Jahren zu erstrecken. Wirklich willkommen scheinen sie nirgendwo zu sein.

Leben in Baracken: Eine Romasiedlung Belgrad, der Haupstadt Serbiens (Foto: Julian Nitzsche  / pixelio.de)

Leben in Baracken: Eine Romasiedlung in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens (Foto: Julian Nitzsche / pixelio.de)

In Europa leben heute circa 12 Millionen Roma. Sie stellen die größte Minderheit in Europa dar, die jedoch auch mit den größten Vorurteilen konfrontiert ist. Fast unsichtbar leben sie oftmals am Rande von Städten in illegalen Siedlungen und hausen in notdürftigen Baracken. Anderen Bewohnern sind sie ein Dorn im Auge. Nicht selten werden diese Siedlungen auf Geheiß von Regierungen zerstört oder zwangsgeräumt. Wie schlecht steht es um die Roma wirklich, wenn sie an Stadtgrenzen gedrängt werden, kein richtiges Dach über dem Kopf haben, ihre Kinder keine Schulen besuchen? Wählen sie freiwillig den geringsten Weg des Widerstandes, die Isolation, weil sie aus jahrhundertelanger Unterdrückung wissen, dass viele Europäer Vorbehalte gegen sie hegen und sie fast tagtäglich Beschimpfungen wie „dreckige, faule Zigeuner“ über sich ergehen lassen müssen? Weshalb erniedrigen wir seit so vielen Jahren ein Volk, über das wir im Grunde genommen kaum etwas wissen? Über welches kaum Schriftquellen existieren, oder wenn nur solche, die von Nicht-Angehörigen der Sinti und Roma verfasst wurden.

Roma haben maßgeblich den spanischen Flamenco geprägt. Um 1425 kamen sie nach Spanien, wo sie vielen Repressalien ausgesetzt waren. Mit Gesetzen sollten sie zum Sesshaft-Sein gezwungen werden und durften außerdem keine traditionellen Berufe ausüben. Gitanos, wie Roma in Spanien genannt werden, haben in den Flamencoliedern ihr Leid und ihre Trauer zum Ausdruck gebracht. Diese Musik erlangte schnell große Beliebtheit über die Grenzen Spaniens hinaus. Die Gitanos waren es, die dem Flamenco zu seinem Erfolg verhalfen. Heute scheinen Gitanos in Spanien relativ anerkannt zu sein. Die Mehrzahl lebt in Wohnungen, ihre Kinder gehen zur Schule auch wenn trotz allem nur 1 % von Ihnen an einer Universität studiert.

Romajunge in Sarajevo, Bosnien: Viele Kinder werden zum Betteln auf die Straße geschickt oder verkaufen Schmuck, Taschentücher (Foto: Mätzke-Hodzic)

Roma-Junge in Sarajevo, Bosnien: Viele Kinder werden zum Betteln auf die Straße geschickt oder verkaufen Schmuck, Taschentücher oder anderes um etwas Geld zu verdienen (Foto: Mätzke-Hodzic)

Romamädchen in Guca, Serbien (Foto: Mätzke-Hodzic)

Roma-Mädchen in Guca, Serbien (Foto: Mätzke-Hodzic)

Viele Vorurteile über Roma halten sich hartnäckig – sie seien Diebe, faul, mysteriöse Wahrsager, ewige Nomaden, exotisch, primitiv. Wenn sie nicht gerade diskriminiert werden, dann wird in den höchsten Tönen von ihrer Musikalität geschwärmt. Ein Extrem scheint das nächste zu jagen, wenn wir von diesem Volk sprechen, das viele Fragen aufwirft und über welches doch so viel Unwissen herrscht. Musik spielt für einige Roma durchaus eine wichtige Rolle. Sie jedoch nur darauf zu stigmatisieren, scheint ihnen nicht gerecht zu werden. Der Filmregisseur Tony Gatlif, in Frankreich wohnhaft und in Algerien geboren, hat algerische sowie Roma-Vorfahren. In seinen Filmen widmet er sich den Lebensumständen der Roma in unterschiedlichen Ländern, in all seinen Facetten, setzt sich mit deren vielfältigen Traditionen, ihrer Geschichte und Herkunft auseinander. Durch seine Filme verdeutlicht er, wie heterogen Roma sind und leben. In einem aktuellen Film von ihm, „Liberte“ (in der englischen Fassung auch – Korkoro – was Frieden in der Romane-Sprache bedeutet), nähert er sich dem grausamen Kapitel des Völkermords an den Roma in Frankreich zur Zeit des 2. Weltkrieges.

Je fremder den Menschen ein Volk ist, umso misstrauischer stehen sie diesem oftmals gegenüber. Es bleibt  zu hoffen, dass die Roma in Zukunft mehr Anerkennung erlangen. Dass wir ihnen endlich den Frieden (zurück)geben, den sie verdienen. Uns von verstaubten Vorurteilen und Stereotypen, die bis in das Mittelalter zurückreichen befreien. Den Roma ihre Würde aber auch eine Stimme geben. Vielleicht wollen sie dann ja bleiben…

Vorschau: Nächste Woche erwatet Euch hier ein neuer Text von Anne!

Die Kunst des Liebens

Stellt euch vor, Liebe wäre eine Kunst, die man erlernen kann. Schenkt man Erich Fromm Glauben dann kann jeder – an dieser Stelle können diejenigen, die die Hoffnung an die Liebe endgültig aufgegeben haben einmal aufatmen – das Lieben erlernen. Eins sei aber gleich zu Beginn gesagt: Diese Kunst zu erlernen ist kein Zuckerschlecken. Ob es weniger talentierte Liebeskünstler gibt, darüber sind mir keine Informationen bekannt. Gehen wir also vom Idealfall aus: Jeder kann das lieben lernen. Liebe – das scheint ein Thema zu sein, mit dem sich jeder früher oder später rumärgern muss und sich zeitweise so sehr den Kopf darüber zerbricht, dass man nach stundenlanger Grübelei trotzdem nicht schlauer geworden ist. Dass die Liebe sich zur Abwechslung von ihrer unkomplizierten und harmoniebedürftigen Seite zeigt , ist eher eine Seltenheit, oder bin ich zu pessimistisch? Dabei ist das doch entgegen ihres Gemütes, oder nicht?

Die Liebe: So viel schöne Mythen ranken sie um die Liebe, doch sie bringt auch viel Kummer (Foto: Bluetenzauber  / pixelio.de )

Die Liebe: So viel Mythen ranken sie um das Phänomen Liebe, doch sie bringt auch viel Kummer (Foto: Bluetenzauber / pixelio.de )

Sprechen wir von Liebe, gehen wir zumeist wie ganz selbstverständlich von romantischer Liebe zwischen zwei Menschen aus. Ich weiß, ich will nicht wieder ein altes Fass aufrollen. Doch ich muss diese kitschigen Liebes- und Disneyfilme tadeln. Sie tragen eine enorme Schuld an unserer endlosen Suche nach dem richtigen, vollkommenen Partner. Diesen Filmen ist es zu verdanken, dass wir in Sachen Liebe nicht ganz richtig ticken und einge von uns schon wiederholte Male an einem gebrochenen Herzen gelitten haben. Heutzutage sind einige dahinter gekommen, dass diese vorgegaukelten Liebesideale wenig mit der Realität zu tun haben. So viele Menschen, scheinen bei der Suche nach diesem Mr. oder Mrs. Perfect schier zu verzweifeln, an ihrer zwanghaften Suche zu zerbrechen und die Hoffnung fast aufgegeben zu haben, dass sich dort draußen dieser eine Mensch, dieses sagenumwobene Gegenstück zu uns, wie es so lächerlicherweise angepriesen wird, tummelt. Es gibt so viele unterschiedliche Formen der Liebe. Angefangen von der Liebe zu Freunden oder der Familie. Liebesformen die in ihrer Intensivität genauso Anerkennung verdienen. Doch immer scheint die romantische Liebe, den anderen Liebesformen die Show zu stehlen. Wir suchen, der eine weniger verbissen als der andere, nach der „wahren Liebe“, scheinen unser ganzes Leben darauf hinzuarbeiten und wissen doch nie genau, was wir darunter eigentlich verstehen und wo wir danach Ausschau halten müssen.

Wir wollen geliebt werden, gleichzeitig aber auch unseren eigenen Interessen nachgehen und uns selber verwirklichen. Doch passt das alles unter einen Hut? Ist Liebe etwas, das man findet und dann einfach nur nach Gebrauchsanleitung hegen und pflegen muss?  Muss die Liebe zwischen zwei Menschen, nur wie ein junger Welpe etwas Benehmen anerzogen bekommen und ist fortan ein treuer Begleiter, der nicht weiter Ärger macht und an dem man sich tagtäglich erfreut? Ich fürchte so ist es ganz und gar nicht. Und ich glaube, dies ist auch der Grund warum so viele Beziehungen scheitern. Wir machen es uns zu einfach und haben so unglaublich hohe Erwartungen. Erich Fromm scheint mit seiner Vermutung Recht zu behalten. Im Kern wissen nur ganz wenig Menschen, wie man wirklich liebt. Doch kann man uns das zum Vorwurf machen? Wo lernen wir zu lieben? Idealerweise sollte die Familie der erste Ort sein an dem wir uns geborgen und geliebt fühlen und auch lernen andere zu lieben. Das erste Verliebtheitsgefühl ist großartig – keine Frage. Doch wir sind enttäuscht, wenn dieses sich langsam aber sicher verflüchtigt und nur noch einer schönen, fernen Zeit gleicht, an die man sich gerne zurückerinnert. Und wir scheinen nicht zu verstehen, dass eine Beziehung, dass der Weg zu Liebe, mit ungeheuer viel Geduld und Arbeit verbunden ist. Ja, genau ihr habt richtig verstanden. Arbeit und Geduld!

Viele Menschen scheinen naiver Weise zu glauben, dass, wenn sie einmal den richtigen Partner gefunden haben, die Liebe auch beständig erhalten bleibt. Doch an der Liebe zu seinem Lebenspartner muss man tagäglich arbeiten, sich selbst als Person weiterentwickeln, sich im Gedulidgsein üben, dem anderen seinen Freiraum lassen.

Wirkliche Liebe ist ein Projekt, das viel Zeit Anspruch nimmt. Und das gilt für Freundschaften und romantische Zweier-Beziehungen gleichermaßen! Die Mühe und Arbeit sollte ihr aber nicht Scheuen. Denn wer weiß – vielleicht werdet ihr eines Tages zu herausragenden Liebeskünstlern!

Vorschau: Eva widmet sich nächstes Mal dem Thema der Gleichberechtigung in Partnerschaften

Grün vor Neid? Warum wir dieser Eigenschaft schleunigst den Laufpass geben sollten

Grün vor Neid - aber haben wir wirklich Gründe neidisch zu sein? (Foto: uschi dreiucker  / pixelio.de)

Grün vor Neid – aber haben wir wirklich Gründe auf andere neidisch zu sein? (Foto: uschi dreiucker / pixelio.de)

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Eigenschaft Neid erst mit dem Älterwerden einstellt. Vielleicht romantisiere ich das Kind sein aber auch zu sehr. Sogleich fällt mir nämlich ein, dass ich mich mit Freundinnen im Kindesalter in die Haare bekam, mit ihnen raufte, wenn es sich etwa um die Aufteilung von Süßigkeiten drehte und jemand ungefragt diese schon früher anrührte, als abgemacht. Ist Neid eine ganz gewöhnliche, menschliche Eigenschaft? Bei längerem Überlegen fällt mir noch eine weitere Kindheitsanekdote ein: Früher war ich neidisch auf die beeindruckende Überraschungsei-Figurensammlung einer guten Freundin, die schon damals aus seltenen sowie begehrten Elefanten und „Hippos“ bestand. Was dazu führte, dass ich gelegentlich unauffällig eine Figur mitgehen ließ. Ja, noch heute schäme ich mich dafür in Grund und Boden.

Jeder will das größte Stück vom Kuchen: Das scheint sich auch mit dem erwachsen werden nicht zu ändern. Vielmehr weitet sich dieser Neid oft auf andere Lebensbereiche aus (Foto: Gabi Eder  / pixelio.de)

Jeder will das größte Stück vom Kuchen: Das scheint sich auch mit dem erwachsen werden nicht zu ändern. Vielmehr weitet sich dieser Neid oft auf andere Lebensbereiche aus (Foto: Gabi Eder / pixelio.de)

Ist es normal, dass wir auf den Teller des anderen rüber lugen, in der Befürchtung, der Sitznachbar, könne mehr vom leckeren Essen auf den Teller geschaufelt haben? Geht es euch auch manchmal so, dass ihr neidisch seid, wenn das Weihnachtsgeschenk der Geschwister viel besser ausgefallen ist und deren Geschmack getroffen hat? Neid – das bedeutet, dass wir Besitztümer, die sich nicht nur auf das Materielle begrenzen müssen, anderen Menschen nicht gönnen, oder aber uns an Ihre Stelle wünschen. Mit dem Älterwerden, habe ich festgestellt, dass das neidisch sein auch vor dem eigenen Freundeskreis nicht Halt macht. Und das ist etwas, was ich unmöglich akzeptieren kann. Ich würde mich als Menschen bezeichnen, der sich von Herzen für andere freut. Es macht mich gleichermaßen glücklich und stolz, wenn Freunde mir von Erfolgen berichten, sich einen langersehnten Wunsch erfüllen, oder für kontinuierlichen Fleiß belohnt werden und eine verdiente Praktikumsstelle erhalten. Aber ich will mich nicht als Heilige rühmen. Auch in mir macht sich ab und an der Neid breit. Wenn ich Menschen begegne und völlig davon geblendet bin, was diese in ihrem Leben bereits alles erreicht haben, erweckt das auch in mir bisweilen den abscheulichen Neid zum Leben. Plötzlich plustert er sich auf wie noch was. Langsam spüre wie er sich in mir ausbreitet und fast ganz Besitz von mir zu ergreifen scheint.

Lernen wir neidisch zu sein? Ich für meinen Teil  verabscheue es, wenn ich Menschen schon im Gesicht ablesen kann, dass sie auf etwas neidisch sind. Gespielte Freude, ein unbeholfenes, in die breite gezogenes Grinsen, das mehr einer Clownsgrimasse als einem ehrlichgemeinten Lächeln ähnelt – so könnt ihr den Neid garantiert sofort entlarven.  Neid – das ist eine Eigenschaft, die schleunigst aus der Welt verdammt werden muss. Sie beschwört nämlich nur Schlechtes herauf und macht selbst den hübschesten Menschen unsagbar hässlich.

Erfolg macht andere neidisch: Aber wieso gönnen wir Menschen ihren Erfolg oftmals nicht? (Foto: I-vista  / pixelio.de)

Erfolg macht andere neidisch: Aber wieso gönnen wir Menschen ihren Erfolg,  der viel Fleiß und Mühe abverlangt hat, oftmals nicht? (Foto: I-vista / pixelio.de)

Kein Wunder, dass im Christentum Neid eine schlechte Tugend ist und sogar eine der sieben Todsünden darstellt. Und auch im Islam wird Neid als etwas angesehen, dass es zu  überwinden gilt. Jener Miesepeter scheint wohl auch in direkter Verbindung mit dem Egoismus zu stehen. Darum geht es doch im Kern? Wir wollen unentwegt, dass sich alles um uns dreht. Und ja, in dieser Gesellschaft, werden wir zu egoistischen Wesen herangezogen, die nur auf ihr eigenes Wohl aus sind. Ich habe mir eine gute Taktik überlegt, wie ich den Neid, übers Ohr legen kann. Treffe ich Menschen, die ich bewundere, nennen wir das Kind ruhig beim Name, beneide, halte ich mir immer vor Augen, dass diese einen ganz anderen Lebensweg als ich eingeschlagen haben, durch andere Umstände, dorthin gelangten, wo sie heute stehen. Neidisch zu sein, ist bei genauerem Überlegen völlig unsinnig. Nie im Leben nämlich, werde ich wie diese Person sein, die vor mir steht. In meinem Leben haben sich andere Dinge ereignet, die mich an andere Stationen gebracht haben. Wir sollten nicht immer von uns aus gehen und immer sofort alles auf uns beziehen. Womit wir wieder beim Egoismus angelangt wären. Scheint ganz so als seien der Neid und der Egoismus alte Bekannte. Ich habe mir angewöhnt, Menschen zunächst einmal anzuhören und dabei nicht sofort irgendwelche Rückschlüsse auf mich zu ziehen. Das hilft. Und tut zudem Freundschaften gut und fördert neue Bekanntschaften. Deshalb sollten wir alle dem Neid den Laufpass geben. So kann zumindest ich mich viel besser auf Menschen einlassen, mich an Konversation erfreuen, etwas Nützliches daraus ziehen und am Ende vielleicht sogar motiviert und angespornt aus dieser hervorgehen.

Vorschau: Eva verrät nächstes Mal, warum wir öfter mal zum Stift greifen und Briefe schreiben sollten.

Soziales Engagement – Können wir die Welt (im Kleinen) verbessern?

Angesichts der unzähligen Kriege und Krisen, die auf der Welt wüten, Flüchtlingen, die vor dessen monströsen und unmenschlichen Ausmaßen flüchten, Armut, die für Familien das Überleben schier unmöglich macht, Kindern, die statt zur Schule zu gehen, harte Arbeiten verrichten, Rassismus und Homophobie, die Menschen weltweit diskriminieren und oftmals aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließen. Die Welt scheint aus einem Meer von Ungerechtigkeiten zu bestehen.

Viele Menschen fliehen vor den Kriegsumständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller  / pixelio.de)

Viele Menschen fliehen vor den Kriegszuständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller / pixelio.de)

Das regelmäßige Verfolgen der Nachrichten könnte einen schier verzweifeln lassen, wenn uns die Berichterstattung mal wieder mit einer neuen Welle an Katastrophen und Kriegen überflutet und den letzten Funken Optimismus erstickt. Den Glaube an die Menschheit völlig verlieren lässt. Manchmal fühle ich mich machtlos. Frage mich, wie ich etwas ändern kann. Was für eine Ironie steckt dahinter, dass ich mir darüber Gedanken mache, WIE ich helfen kann, während im selben Moment, Menschen um ihr Leben bangen.

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger  / pixelio.de)

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Jeder Mensch hat die Wahl sich gegen Ungerechtigkeit unterschiedlicher Art einzusetzen, das Problem an der Wurzel zu packen und die Ursachen zu bekämpfen. Leider gibt es viel zu viele Bereiche, in denen unserer Engagement und unserer Aktivismus tagtäglich gefragt wären. Wieso finden wir uns mit so viel Ungerechtigkeit einfach ab? Argumentieren damit, dass es auch schon früher schlimme Kriege gab. Dass wir eben nicht für alle Probleme der Welt aufkommen können. Wir scheinen oftmals zu unterschätzen, was für eine Macht wir eigentlich besitzen. Denn jeder Einzelne von uns kann etwas verändern. Und schließlich muss irgendwo begonnen und angesetzt werden. Gewiss kann sich jeder für etwas stark machen. Doch ich will nicht unzähligen Menschen Unrecht tun, die tagtäglich für etwas kämpfen. Seien es NGOs (Non-Governmental Organization) die weltweit auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen, Kundgebungen veranstalten oder Nothilfe in Krisengebieten leisten. Aktivisten die Networking mit unzähligen Länder betreiben, sich so über die Lage in diesen austauschen und solidarisieren.

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer "Fremd" ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer „Fremd“ ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Initiativen wie „teachers on the road“ geben Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschunterricht, auch „Save me“, eine deutschlandweite Initiative, begleitet Flüchtlinge bei Behördengängen, veranstaltet Kochabende und andere Aktivitäten, um so Flüchtlingen, deren Aufenthalt in den meisten Fällen sowieso ungewiss ist, dabei zu helfen, sich im Alltag zurecht zu finden und trotz der schwierigen Flüchtlingspolitik, nicht in Lethargie zu verfallen. Wieder andere haben sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben.  Manch einer mag glauben, Rassismus – das sei ein Randphänomen geworden und seit Apartheid und den Aufständen in Amerika längst bekämpft. Aber machen wir uns doch bitte nichts vor! In Amerika, im Bundesstaat North Carolina, sind vor einigen Tagen 3 junge amerikanische Muslime erschossen worden.  Der Täter wird weder als Terrorist bezeichnet, noch scheinen die westlichen Medien dem Geschehen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Alles „nur“ ein Nachbarschaftsstreit um Parkplätze? So berichten es zu mindestens die Medien. Kaum jemand scheint dahinter zu vermuten, dass ein Motiv des Täters vielleicht Islamhass gewesen sein könnte. Seltsam. Gehen wir einige Monate zurück: Im August 2014 wird in Ferguson, Missouri, ein unbewaffneter schwarzer Jugendliche von einem Polizisten erschossen. Das entfachte in Amerika eine Welle von Unruhen und Protesten und hauchte der Rassismus-Debatte in den USA neues Leben ein. Die schwarze Bevölkerung organisierte sich, hielt Plakate mit dem Slogan „Black Lives Matter“ in die Luft. Rassismus ist im 21. Jahrhundert noch weit davon entfernt, abgeschafft worden zu sein. Aber Rassismus ist durchaus kein Problem Amerikas alleine. Wer sich mehr mit dieser Thematik beschäftigen möchte, sollte einen Blick auf den sehr lesenswerten Blog von der  Aktivistin Emine werfen.

Frauen mit Kopftuch haben in Deutschland mit allerhand Vorurteile zu kämpfen. Bekommen trotz exzellenter Abschlüsse Arbeitsstellen auf Grund ihres Kopftuches, das für viele Ausdruck ihrer Religion ist, verwehrt. In Deutschland wird ein Asylant in Dresden tot aufgefunden. Asylantenheime werden fast regelmäßig mit rassistischen Slogans beschmiert.

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein Foto: ( © I(ESM)  / pixelio.de )

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein (Foto:  © (IESM) / pixelio.de )

Wir sollten uns mit Menschen solidarisieren. Gegen solche Diskriminierungen, die im eigenen Land geschehen, aber auch in anderen Teilen der Welt,  aufstehen und unsere Stimme erheben. Es geht uns alle an! Eher unabsichtlich habe ich mich vor allem auf das Thema Rassismus bezogen. Was wohl auch mit einer Bewegung, die sich mittlerweile – Gott sei Dank – aufgelöst hat, zu tun hat und den vielen rassistischen Übergriffen, die ich vermehrt zu hören bekomme, die mich sehr erbosen lassen, zugleich aber auch erschrecken. Wichtig ist, DASS wir etwas tun. Wir sollten nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, benachteiligter Menschen sein. Jeder Mensch kann nur ein wenig seiner wertvollen Zeit entbehren und zum Beispiel in seinem Umfeld an sozialen Initiativen mitwirken oder aber selbst Projekte auf die Beine stellen. Und wie sollen wir die Welt mitgestalten und verändern, wenn wir nicht in unserem Umfeld beginnen. Vielleicht sogar jetzt sofort!

Vorschau: Eva beschäftigt sich nächste Woche damit, weshalb es so gut tut, sich in Gesellschaft aufzuhalten.

Andere Länder, andere Sitten – von unterschiedlichen Familienkonzepten

Familienglück - danach sehen sich viele Menschen. Überall wird Familie für wichtig befunden und doch existieren ganz unterschiedliche Auffassungen von Familie (© Dieter Schütz  / pixelio.de)

Familienglück – danach sehen sich viele Menschen. Die Familienkonzepte können dabei je nach Land und Kultur ganz unterschiedlich ausfallen. (© Dieter Schütz / pixelio.de)

Vor kurzem hatten mein Mann und Ich Besuch von seinen langjährigen Freunden, einem Ehepaar aus Bosnien. An einem gemütlichen Abend unterhielten wir uns über Familienkonzepte in Deutschland und Bosnien. Sowohl die Freunde meines Mannes als auch ich schienen bestimmte Auffassungen davon zu haben, wie Familie im jeweils anderen Land „funktioniert“. Sie bewunderten die frühe Unabhängigkeit, die viele junge Erwachsene in Deutschland erlangen und ich beneidete sie um den unheimlich starken Familienzusammenhalt. Doch sind das nur Klischees, die wenig mit der Realität zu tun haben?

Durch meinen Ehemann, der Bosnier ist, habe ich Einblick in ein neues Familienkonzept bekommen und nicht nur das – ich kann mich so glücklich schätzen, um eine zweite Familie bereichert worden zu sein. Vermutlich sagt schon dieses kleine Detail viel darüber aus, in welcher Hinsicht sich eine bosnische Familie von einer deutschen unterscheidet – der besondere Stellenwert von Familie. Mit dem neuen Lebenspartner spaltet sich das Kind nicht von der Familie ab, sondern im Gegenteil auch der Partner wird als neues Mitglied der Familie angesehen und meist auch in Aufgaben des alltäglichen Familienlebens eingebunden. Für mich erweckt es oft den Anschein, dass Privatsphäre einen ganz anderen Stellenwert einnimmt als in Deutschland. Es wird ein immenser Teil der (Frei-)Zeit im Kreise der Familie verbracht. Was wohl damit zusammenhängt, dass die meisten bosnischen Familien viele Anstrengungen aufwenden, um ein Haus zu erbauen, welches später an die Kinder übergeht. So spielt sich ein Großteil des Lebens im trauten Heim ab und Gäste werden gerne und regelmäßig (unangekündigt!) empfangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass also mal niemand anzutreffen ist, geht gegen Null.

"Alle recht nett lächeln": Eine alte Fotografie der Ur-Großeltern lässt die Vergangenheit wieder aufleben (©Unbekannt um 1860-70/pixelio.)

„Alle recht nett lächeln“: Eine alte Fotografie der Urgroßeltern lässt die Vergangenheit für einen Moment wieder aufleben (©Unbekannt um 1860-70 / pixelio.de)

Wenn wir nach Bosnien fahren steht nicht selten eine kleine „wir-besuchen-die-Verwandtschaft-Odyssee“ auf dem Programm. So wird an einem Tag unterschiedlichen Verwandten ein Besuch abgestattet. Dann wiederholt sich der im Folgenden beschriebene und auf das Wesentlichste zusammengefasste Ablauf in scheinbarer Endlosschleife – Eintreten, alle begrüßen, ohne Wiederwille die Kaffeetasse unzählige Male nachfüllen lassen trotz bemerkbarem Herzrasen, üppige Portionen leckeren Essens verschlingen, vergeblich versuchen gegen das laute Stimmengewirr anzukommen. Das ist zugegebenermaßen für mich mit ziemlichen Strapazen verbunden. Ungeachtet dessen freue ich mich selbstverständlich, die Verwandten meines Mannes wiederzusehen. Jedes Mal aufs Neue bin ich von der Liebenswürdigkeit und dem unheimlichen Aufwand, der sich in den vielen leckeren Speisen, die den Essentisch schmücken, wiederspiegelt, zutiefst beeindruck. Ich scheine nur für Familienzusammenkünfte dieses Kalibers noch nicht so Recht gewappnet zu sein, was nur beweist, wie sehr der Mensch ein Produkt seiner Sozialisierung ist.

In Bosnien leben die Kinder oft auch im Erwachsenalter noch mit den Eltern unter einem Dach. (Was allerdings größtenteils der wirtschaftlichen Lage geschuldet ist) Dagegen folgt in Deutschland fast jeder ausnahmslos dem ungeschriebenen Naturgesetz und zieht mit dem Einstieg in das Berufs- oder Studienleben bei den Eltern aus – oder gönnt sich zuvor im Ausland eine Auszeit. Dieses sich Abnabeln von den Eltern ist in Bosnien ein enormer Kraftakt und der Schritt wird von ihnen oft nur schweren Herzens zugelassen.

Jedoch will ich an dieser Stelle anmerken, dass selbstverständlich in jedem Land diverse andere Familienkonzepte nebeneinander bestehen und Geltungsbedarf haben. Ein Volk stellt niemals eine homogene Gruppe dar, sondern besteht aus Individuen, die sich voneinander in vielen Punkten unterscheiden. Deshalb sollten meine Beispiele keineswegs den Anspruch erheben, als repräsentativ für diese Länder zu gelten. Es sind Feststellungen, die ich durch meine subjektive Wahrnehmung erlangt habe.

Was wohl aber allen Familien gemeinsam ist, ist der Wunsch, dass ihre Kinder einmal ein „gutes Leben“ führen. Ich nehme mir heraus zu behaupten, dass egal wo auf der Welt, Kinder und Eltern Streits über divergierende Wertvorstellungen austragen und sich ältere Menschen, über die verdorbene Jugend echauffieren. Im Kern scheint Familie aber überall gleichbedeutend zu sein, nur eben eingebettet in komplexe und verschiedenartige kulturelle „Rahmenbedingungen“.

Vorschau: Eva berichtet nächste Woche davon, warum sie es sich zur Aufgabe gemacht hat zu promovieren.

„Frohes Neues“ – von Vorsätzen für das neue Jahr

Mit Karacho ins neue Jahr: Mit den richtigen Vorsätzen steht dem nichts mehr im Wege (©Tim Reckmann  / pixelio.de)

Mit Karacho ins neue Jahr: Mit den richtigen Vorsätzen steht dem nichts mehr im Wege (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Das neue Jahr hat begonnen. Es wird wieder einige Wochen dauern, bis wir gleich beim ersten Anlauf die Jahreszahl des Datums korrekt schreiben. Eigentlich ist fast alles beim Alten geblieben, doch der Jahreswechsel weckt in vielen ungeahnte Kräfte. Plötzlich scheinen wir Berge versetzen zu können, können es kaum abwarten unsere neu geschmiedeten Pläne in die Tat umzusetzen oder uns schnell noch ein paar zusätzliche Vorsätze zu überlegen. Neigt sich das Jahr langsam dem Ende zu, scheint es ganz natürlich, dass wir es Revue passiere lassen. Wir malen uns aus was das neue wohl mit sich bringen mag. Die Silvesternacht ist die Nacht der Nächte. Etwas Magisches liegt in der Luft und wir murmeln gleich einem Zauberspruch unsere Vorsätze für das neue Jahr vor uns her. Doch wie sinnvoll ist es eigentlich, solche Vorsätze für das neue Jahr zu machen?

Bei der diesjährigen Silvesterfeier, die ich relativ unvorhergesehen in einer Berliner-Wohngemeinschaft verbrachte, waren die unterschiedlichsten Leute und Nationen vertreten. Kurz vor Mitternacht, bereits gut angeheitert und gesättigt von allerhand leckerem Essen, rannten wir wie Kinder voller Vorfreude raus, um ein paar Raketen abzufeuern oder uns einfach nur an der leuchtenden Wunderkerze in unserer Hand zu erfreuen. Um zwölf Uhr Nachts fielen wir uns dann alle überschwänglich in die Arme und wünschten einander ein frohes neues Jahr. Unglaublich eigentlich, dass sich bei so einer Silvesterfeier teilweise fremde Menschen in die Arme fallen und auf eine solch herzliche sowie aufrichtige Weise das Beste für das neue Jahr wünschen. Die eine oder andere Person fragte ich neugierig, ob sie mir einen Vorsatz für das neue Jahr verraten würde. Interessant ist, dass ich eigentlich von jedem einen persönlichen Vorsatz erzählt bekam. Niemand stellte sich quer. Niemand schien es lächerlich oder altmodisch zu finden explizit Vorsätze zu haben. Vorsätze für das neue Jahr zu machen scheint alles andere als aus der Mode gekommen zu sein!

 Schnell noch eine Wunderkerze angezündet. Die liegt zu Silvester auch bei Erwachsenen hoch im Kurs (© Sandra Probstfeld  / pixelio.de)

Schnell noch eine Wunderkerze angezündet. Die steht zu Silvester auch bei Erwachsenen hoch im Kurs (© Sandra Probstfeld / pixelio.de)

Die Vorsätze sind dabei von ganz unterschiedlicher Natur. Sie drehen sich darum ein bestimmtes Hobby zu vertiefen oder akademische Abschlüsse zu erreichen. Sich ein Stückchen mehr Selbstständigkeit zu erkämpfen indem zum Beispiel endlich das Bestehen des Führerscheins in Angriff genommen wird. Doch ich bekam durchaus auch solche Vorsätze zu hören, die sich eher allgemein auf das Leben beziehen. Es drehte sich dabei um ein bestimmtes Lebensgefühl, das man erlangen möchte oder es wurden Sehnsüchte beschrieben, die vielleicht sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, um in Erfüllung zu gehen. Mir hat diese kleine, spontan durchgeführte Feldforschung deutlich gemacht, dass es ungemein wichtig ist Vorsätze zu haben.

Diese Zeit kurz vor dem neuen Jahr ist ganz seltsam. Sie ähnelt einer Schwellenphase in der die Person zwischen zwei Welten schwebt. Fast möchte unsereiner aus dem Kokon schlüpfen und endlich dieses vollkommene Ich, das einem schon immer vorschwebte, aller Welt offenbaren.

Ich fühle ich mich etwas wehmütig und noch nicht bereit, dass Jahr schon gehen zu lassen. Doch diese letzten Stunden, Minuten und Sekunden, die einem bis zum neuen Jahr bleiben, lassen sich hervorragend dazu nutzen sich unserer Ziele bewusst zu werden oder den einen oder anderen Vorsatz nochmals zu überdenken. Zu sich selbst zu kommen und ganz einfach dankbar zu sein für bestimmte Erlebnisse die sich im letzten Jahr ereigneten, neue Bekanntschaften mit besonderen Menschen, die sich ganz zufällig ergaben. So sollten wir vor lauter ehrgeiziger Vorhaben nicht zu streng mit uns sein, auch das Unerwartete und Unvorhergesehene als Teil des Lebens akzeptieren und den Charme darin erkennen.

Vorschau: Eva berichtet nächstes Mal von dem Hype um den neuen Star Wars Film.