Die Niederlande – Fahrradland Nummer eins?

Fahrradfahren ist für viele ein Hobby oder eine günstige, gesunde und umweltfreundliche Methode, um von einem Ort zu einem anderen zu kommen. Auch im Urlaub nutzen immer mehr dieses Fortbewegungsmittel, um möglichst viel von der Landschaft oder der entsprechenden Stadt zu sehen. Doch lässt sich eigentlich herausfinden, welches Land sich am besten für einen Urlaub mit Rad eignet oder Fahrradfahrern im Allgemeinen das Leben erleichtert?

Fahrradfreundliche Urlaubsländer

Der 1983 gegründete Europäische Radfahrer-Verband, kurz ECF, hat es sich zum Ziel gesetzt, das Radfahren in Europa zu fördern. Dieser hat insgesamt fünf Kriterien aufgestellt, die ein Land als besonders fahrradfreundlich kennzeichnen: Fahrradnutzung (täglicher Gebrauch des Rads als Transportmittel), Sicherheit, Fahrradtourismus (Anzahl der Fahrradtouren im Land durch Touristen), Mitglieder in einem Fahrradverband und Größe des Marktes (verkaufte Fahrräder pro Jahr). Beim „ECF Cycling Barometer“, einer 2015 durchgeführten Untersuchung für EU-Länder, kam heraus, dass Luxemburg und Malta am meisten Sicherheit für Fahrradfahrer bieten. Genutzt wird das Rad hingegen am häufigsten in den Niederlanden. Der Fahrradtourismus ist in Finnland am stärksten, jedoch findet der größte Absatz dieses Fortbewegungsmittels in Slowenien statt. In Dänemark sind allerdings die meisten Menschen Mitglied in einem Fahrradverband. Die Gesamtauswertung hat schließlich ergeben, dass Dänemark, die Niederlande und Schweden die drei fahrradfreundlichsten Länder sind.

Fietsen in den Niederlanden

Es sind trotzdem die Niederlande, die am ehesten mit dem Fahrradfahren (Niederländisch: Fietsen) in Verbindung gebracht werden und sich sicherlich durch noch mehr als die vom ECF festgelegten Kriterien als Fahrradland auszeichnen. So gibt es zum Beispiel sehr gut ausgebaute Fahrradwege. Radfahrer können die Niederlande auf insgesamt über 30.000 Kilometer langen beschilderten Fahrradrouten erkunden. Hinzu kommt, dass Fahrradfahren in einem flachen Land – wie den Niederlanden – auch ohne große Anstrengung möglich ist. Interessant ist ebenfalls, dass in den Niederlanden etwa 22 Millionen Fahrräder existieren – und das bei nur ca. 17,1 Millionen Einwohnern.

Typisch Niederlande: Fahrräder an jeder Ecke (Foto: S. Holitzner)

Fahrradstadt Amsterdam

Insbesondere Amsterdam ist wohl DIE Fahrradstadt der Niederlande. Allein dort gibt es rund 800.000 Fahrräder. Die Stadt verfügt über 400 Kilometer Fahrradwege. Aufgrund der Bauweise und den vielen engen Straßen und Grachten kommt man in der Innenstadt nur schlecht mit dem Auto voran. Wer nicht mit dem Boot fährt oder zu Fuß geht, nimmt da am besten das Fahrrad. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass 40% der gesamten Fortbewegung in dieser Stadt auf dem Rad erfolgt. Fahrräder haben daher in der Stadt so gut wie immer Vorrang, was gerade bei Touristen, die zu Fuß unterwegs sind, immer wieder für Verwirrung sorgt oder sogar zu kleineren Zusammenstößen führt. Seit Juni 2016 hat Amsterdam – als erste Stadt der Welt – sogar einen Fahrradbürgermeister bzw. eine Fahrradbürgermeisterin. Aktuell übt Anna Luten dieses Amt ehrenamtlich aus. Die Amtszeit beträgt zwei Jahre. Als „Stimme der Fahrradfahrer im Rathaus“ ist es die Aufgabe der Fahrradbürgermeisterin, sich bei der Gemeinde dafür einzusetzen, das Fahrradfahren in Amsterdam zu verbessern und international dafür zu werben.

Fahrradparkhäuser lösen das Problem

Ungewöhnliches Parkhaus: Die „Fietsflat“ in Amsterdam (Foto: S. Holitzner)

Wer viel mit dem Rad unterwegs ist, braucht auch einen geeigneten Abstellplatz. Bei der großen Anzahl an Fahrrädern mangelt es aber oft an sicheren Möglichkeiten. Die Niederländer haben dafür die perfekte Lösung gefunden: Fahrradparkhäuser. In Amsterdam gibt es beispielsweise die sogenannte „Fietsflat“ (zu Deutsch: Fahrradwohnung), die 2001 eröffnet wurde. Diese befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Amsterdam Centraal, dem Hauptbahnhof der Stadt. Die drei Stockwerke des überirdischen Parkhauses bieten Platz für 2.500 Fahrräder. In der Nähe des Hinterausgangs des Bahnhofes ist der Fahrradparkplatz „Fietspont“ gelegen. Dort können rund 400 Fahrräder auf einem alten Schiff abgestellt werden.

Das größte Fahrradparkhaus der Welt

In Utrecht entsteht derzeit – nach einem Entwurf von Ector Hoogstad Architecten – das größte Fahrradparkhaus der Welt. Bereits im Juli 2014 wurde mit dem Bau begonnen. Am 7. August 2017 wurde ein Teil der neuen, überwachten Fahrradtiefgarage bereits eröffnet. Sie befindet sich an der Jaarbeurskant bei der Centraal Station, dem Hauptbahnhof von Utrecht. Momentan können Pendler und Besucher dort rund 6.000 Fahrräder unterstellen. Bis Ende 2017 sollen dort 7.500 Fahrräder Platz finden. Über eine App und Schilder in der Stadt bekommen Nutzer freie Stellplätze angezeigt. Um zu diesen zu gelangen, ist es sogar erlaubt, in der Tiefgarage Fahrrad zu fahren. Kosten für die Unterstellung fallen erst nach einem Tag an. Die Plätze sind nummeriert und farblich markiert. Pro Platz können zwei Fahrräder abgestellt werden: eins stehend und eins darüber hängend. Ende 2018 – nach Fertigstellung des Bauprojekts – soll das Fahrradparkhaus auf drei Stockwerken Platz für ca. 12.500 „Fietsen“ bieten.

Mit dem Fahrrad zum Hit

Die Liebe zum Fahrradfahren geht in den Niederlanden sogar soweit, dass ganze Lieder diesem Thema gewidmet werden. So handelt zum Beispiel der Song „Bagagedrager“ (zu Deutsch: Gepäckträger) der niederländischen Rapper Gers Pardoel und Sef davon, dass ein männlicher Protagonist gemeinsam mit seiner Traumfrau auf seinem neuen Fahrrad die Gegend erkundet und überlegt, wohin er zusammen mit ihr fahren kann. Dabei wird das Fahrrad als einzig wahres Fortbewegungsmittel, mit dem Frauen beeindruckt werden können, angepriesen. Das Lied wurde 2011 veröffentlicht und entwickelte sich zu einem großen Hit in den Niederlanden und Belgien. So erreichte der Song Platz zwei der niederländischen und Platz drei der belgischen Singlecharts.

Cameron allein in Europa

Spätestens 2017 soll es so weit sein: Großbritannien wird über einen weiteren Verbleib in der Europäischen Union abstimmen. Dieses Vorhaben der Regierung verlas Königin Elizabeth II. in der vergangenen Woche in ihrer traditionellen Thronrede zur Eröffnung des neuen Parlamentsjahres. Ein solches Referendum hatte der britische Premierminister David Cameron vor den Unterhauswahlen am 7. Mai bereits in Aussicht gestellt. Nach dem Sieg der Konservativen will die Regierung, die nun mit absoluter Mehrheit im Parlament vertreten ist, dieses Wahlversprechen schnell umsetzen. „Die Regierung wird die Beziehungen zur EU neu verhandeln und Reformen zum Wohle aller Mitgliedsstaaten vorantreiben. Außerdem wird sie zügig das Gesetzt für ein Referendum vorlegen, in dem vor Ende 2017 über die weitere Mitgliedschaft des Landes in der EU entschieden wird“, hieß es entsprechend in der Eröffnungsrede der Queen. Um Werbung für die geplanten Reformen zu machen, reiste Cameron in der vergangenen Woche durch Europa.

Bereits vor dem Antritt seiner Reise war klar, dass dies kein leichtes Unterfangen für den britischen Premier werden würde. Besonders aus Frankreich und Deutschland war Widerstand gegen weitere Zugeständnisse an Großbritannien zu erwarten. Aus einem vertraulichen Schreiben war zu entnehmen, dass die deutsch-französische Position eine weitere Vertiefung der europäischen Integration vorsieht, keine Änderungen der bestehenden Vertragsgrundlage. Nach dem Treffen mit Cameron stimmt die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel aber versöhnlichere Töne an. Auch wenn es für sie „rote Linien“ gebe, könnte es Übereinstimmungen in anderen Punkten geben, die gegebenenfalls auch im Interesse der Bundesrepublik liegen. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, sagte die Kanzlerin in Hinblick auf eine einvernehmliche Lösung.

Verständnis für die britischen Sorgen und seine Position erhielt Cameron auch von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der zu Zugeständnissen an Großbritannien bereit wäre, um die Briten in der EU zu halten. Großbritannien hat sich bereits in der Vergangenheit als einziges Land mit Sonderregelungen von der europäischen Integration ausgenommen. „Wir würden ohnehin nur anerkennen, was für London längst gilt“, so Schulz.

Doch trotz der Anerkennung aller, möglicherweise gerechtfertigter Sorgen der Briten gegenüber der Entwicklung der Europäischen Union und dem zunehmenden Verlust nationaler Souveränität, steht Cameron mit seinen Reformbestrebungen in Europa allein da. Kein anderes der 28 EU-Mitgliedsländer strebt in den kommenden zwei Jahren Änderungen der bestehenden Verträge an. Ob die Vertreter der europäischen Staaten vor dem geplanten Referendum 2017 zu weiteren Zugeständnissen an Großbritannien bereit sein werden, ist also fraglich. Ebenso fraglich bleibt aber auch, ob die Briten tatsächlich bereit sind, ihrer Europaskepsis den EU-Austritt folgen zu lassen, sollten ihre Forderungen, vor allem im Bereich der Freizügigkeit und Migration innerhalb Europas, nicht doch noch erfüllt werden. Die Folgen eines freiwilligen Austritts eines Landes aus der Europäischen Union wären nicht abzusehen.

Das Geschäft mit der Angst

Kommentar: Seit einigen Monaten finden sich in der Presse immer wieder Berichte über den aktuellen Ausbruch des tödlichen Ebola-Fiebers in Westafrika. Inzwischen seien nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation mehr als 10.000 Menschen infiziert worden, daran verstorben rund 4.900 – wobei von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen wird.

Erste Fälle der aktuellen Epidemie traten im Februar in Guinea auf. In den letzten Wochen gibt es nun wiederholte Berichte über eine Ausbreitung in Europa, Amerika und Australien.
Bekannt ist die Krankheit bereits seit Mitte der 1970er. Zu Ausbrüchen außerhalb Afrikas kam es in dieser Zeit nur sehr selten. In Afrika allerdings kommt es seit Jahrzehnten immer wieder zu neuen Epidemien. Trotzdem sind bis heute weder Impfstoffe noch Heilmittel verfügbar. Neuerdings existieren aber zumindest experimentelle Mittel. Geforscht wird an diesen Mitteln erst seit kurzem – offensichtlich erst, seitdem sich der Westen durch die Krankheit bedroht sieht. Die Pharmaindustrie genießt kein gutes Ansehen. Auch im aktuellen Fall zeigt sich einmal mehr, wie menschenverachtend das Geschäft mit der Gesundheit eigentlich ist. Afrika stellt wohl keinen besonders attraktiven Absatzmarkt dar. So muss erst der Westen eine Bedrohung fühlen, bis die seit Jahrzehnten benötigten Forschungen in Gang kommen.

Inzwischen hat glücklicherweise die Europäische Union beschlossen, eine Milliarde Euro für die Bekämpfung der Seuche bereitzustellen. Auch das wirkt wie ein verschwindend geringer Betrag, erinnert man sich etwa an die – vor allem auf dem Papier gefährliche – Finanzkrise und die damals erfolgten Bankenrettungen.

Dabei scheint es nicht die tatsächliche Bedrohung durch die Krankheit zu sein, die die Forschung antreibt, sondern vielmehr die Angst der Menschen vor einer möglichen Pandemie. Zwar handelt es sich bei Ebola um eine hochgefährliche Krankheit. Glücklicherweise verläuft eine Ansteckung aber nur über den Kontakt mit Körperflüssigkeiten von Infizierten. Das Robert-Koch-Institut rechnet zudem nicht mit einer großen Bedrohung für Deutschland. Hier geht man davon aus, dass es nur zu vereinzelten Fällen kommen wird.

Und doch scheint Hysterie ein guter Verkaufshelfer für Medikamente zu sein: Man denke etwa an die Panik vor dem Ausbruch der Vogelgrippe und die unzähligen Tonnen Tamiflu, die damals für hohe Preise verkauft wurden. Wirklich benötigt wurde das Mittel nicht.
Seuchen sind keinesfalls zu unterschätzen. Bei mangelnder Koordination kann eine Krankheit wie Ebola schnell zur weltweiten Bedrohung werden. Tragisch scheint es aber, dass erst eine Angst vor dieser Bedrohung existieren muss, um sich überhaupt mit dem Problem auseinanderzusetzen. Den Toten der vergangenen Jahrzehnte werden die jetzt produzierten Heilmittel nicht mehr helfen.

Juncker als neuer EU-Kommissionspräsident nominiert

Nach wochenlangem Streit über einen geeigneten Kandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten ist die Entscheidung zugunsten des ehemaligen luxemburgischen Premierministers Jean-Claude Juncker gefallen. Gegen den Widerstand Großbritanniens und Ungarns gewann der 59-Jährige die Abstimmung der europäischen Staats- und Regierungschefs am vergangenen Freitag. Juncker war im Vorfeld der Europawahl am 25. Mai als Spitzenkandidat der europäischen Christdemokraten für diesen Posten vorgeschlagen worden und erhielt mit seiner Partei die Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

Die Abgeordneten haben das letzte Wort: Das Europaparlament in Straßburg ( © Erich Westendarp / pixelio.de )

Die Abgeordneten haben das letzte Wort: Das Europaparlament in Straßburg ( © Erich Westendarp / pixelio.de )

Nach der Europawahl wurden kritische Stimmen laut, die einen anderen Kandidaten im Amt des Kommissionspräsidenten sehen wollten. Vor allem die Vertreter Großbritanniens, Ungarns, Schwedens und der Niederlande sprachen sich gegen Juncker aus. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren Partei Juncker als Kandidat nominierte, äußerte sich zunächst zurückhaltend. Viele hatten auf grundlegende Reformen in der Europäischen Union gehofft und sahen in der Person Juncker einen Vertreter der etablierten Brüsseler Bürokratie.

Der britische Premierminister David Cameron und der ungarische Regierungschef Viktor Orbán befürchteten eine zunehmende Einschränkung ihrer nationalen Interessen. Nachdem abzusehen war, dass die Mehrheit der Länder ihren Widerstand gegen Juncker nicht aufrechterhalten würden, forderten sie gegen das übliche Vorgehen einstimmig einen Kandidaten zu nominieren die Abstimmung im Europäischen Rat. „Das ist ein schlechter Tag für Europa“, kommentierte Cameron das Wahlergebnis von 26 zu 2 Stimmen für Junckers Kandidatur.

Die Wahl Junckers zum neuen EU-Kommissionspräsidenten muss nun durch das Europäische Parlament erfolgen. Die Abstimmung hierfür ist für den 16. Juli vorgesehen. Dies scheint ein Sieg für die Vertreter der europäischen Demokratie zu sein, da es erstmals die Wähler waren, die über die Besetzung des höchsten Amtes der Europäischen Union mitentscheiden konnten. Doch welche Folgen die Wahl für den Zusammenhalt der Europäischen Union haben wird, bleibt abzuwarten. Die Gräben zwischen Großbritannien und dem Kontinent scheinen tiefer als je zuvor.

EU-Wahlen 2014 – eine kleine Auswertung

Gestern ging ein bedeutender Wahltag für die Europäische Union vorbei. Seit Donnerstag, den 22.05., konnten die Bürger das EU-Parlament wählen.  Die Ergebnisse in Deutschland sind nicht sehr überraschend – die CDU bleibt mit Verlusten die stärkste Partei, gefolgt von SPD und Grünen. Die europakritische Partei AFD zieht mit rund 7 Prozent erstmalig ins EU-Parlament ein. Erstmalig konnten auch kleine Parteien den Einzug schaffen, nachdem das Bundesverfassungsgericht die Drei-Prozent-Hürde im Februar diesen Jahres gekippt hatte.

Nun erheben sowohl der Luxemburger Jean-Claude Juncker von der Fraktion der Konservativen als auch der Deutsche Martin Schulz Anspruch auf den Posten des Kommissionspräsidenten, der vom EU-Parlament gewählt wird. Beide wurden von den großen Parteienfamilien als Spitzenkandidaten ins Rennen geschickt. Die Fraktionsbildung des Parlaments ist dabei mitentscheidend. Diese gestaltet sich etwas anders als auf nationalstaatlicher Ebene: Denn mögen viele Parteien in den EU-Ländern ähnlich heißen und positioniert sein, so vertreten sie dennoch unterschiedliche Interessen, was eine Fraktionsbildung erschwert.

Einen großen Zuspruch fanden dieses Jahr rechtspopulistische, europakritische Parteien. In Frankreich hat mit 26 Prozent der rechtsextreme „Front National“ von Marine Le Pen die meisten Stimmen bekommen. In Großbritannien konnte die „United Kingdom Independence Party“ – kurz UKIP – große Zugewinne erreichen. UKIP-Chef Nigel Farage sagte in einem Interview zu dem Wahlerfolg: „Ich will nicht nur, dass Großbritannien die Europäische Union verlässt. Ich will, dass Europa die Europäische Union verlässt.“

Die Wahlbeteiligung in Deutschland lag bei rund 49 Prozent. In ganz Europa konnten rund 400 Millionen Menschen aus 28 Ländern wählen gehen. Besonders gering war die Wahlbeteiligung in den osteuropäischen Ländern: In der Slowakei lag sie bei nur knapp 13 Prozent. Auch in Spanien und Italien ging die Wahlbeteiligung zurück.

Die Ukraine und der schmale Grat zum Frieden

Nach der gewaltsamen Eskalation der Proteste gegen den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch in der vergangenen Woche kam es am Freitag zum möglicherweise entscheidenden Durchbruch in den Verhandlungen der Konfliktparteien. Zur Beilegung des seit Monaten schwelenden Konflikts einigten sich Vertreter von Regierung, Opposition und Europäischer Union auf ein entsprechendes Abkommen. Unter großem Jubel wurde die Unterzeichnung auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz in Kiew von den anwesenden Demonstranten aufgenommen. „Dies ist ein guter Kompromiss für die Ukraine, der dem Frieden eine Chance gibt und den Weg freimacht für Reformen und für Europa“, teilte der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski via Twitter mit.

Hintergrund der Demonstrationen ist die Weigerung des ukrainischen Präsidenten ein lange geplantes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen und sich stattdessen Russland anzunähern. Zur Eskalation der Gewalt kam es am vergangenen Dienstag, als die ukrainische Polizei versuchte, den von der Opposition besetzten Unabhängigkeitsplatz zu räumen. Sicherheitskräfte und Demonstranten lieferten sich in den folgenden Tagen schwere Straßenschlachten, bei denen auch vermehrt Schusswaffen auf beiden Seiten zum Einsatz kamen. Nach offiziellen Angaben forderten die Ausschreitungen mindestens 77 Todesopfer. Fast 600 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Zum zentralen Symbol des Widerstands geworden: Der Maidan in Kiew ( © Helga Ewert  / pixelio.de )

Zum zentralen Symbol des Widerstands geworden: Der Maidan in Kiew ( © Helga Ewert / pixelio.de )

Regierung und Parlament sind nun dazu aufgefordert, Verfassungsänderungen vorzunehmen, die dem Stand des Jahres 2004 entsprechen, und vorgezogene Neuwahlen vorzubereiten. Diese sollen unmittelbar nach Abschluss der Reformen stattfinden, spätestens jedoch bis Dezember diesen Jahres. Im Gegenzug sind die Demonstranten verpflichtet, ihre Barrikaden in der Kiewer Innenstadt zu räumen, die besetzten Regierungsgebäude zu verlassen und illegale Waffen abzugeben. Zudem soll eine gemeinsame Kommission zur Untersuchung der Gewalttaten der letzten Woche eingerichtet werden.

Präsident Janukowitsch hat die ukrainische Hauptstadt unterdessen verlassen. Sein Wohnsitz wurde von Regierungsgegnern besetzt, die das Gelände verlassen und unbewacht vorgefunden haben. In einem Fernsehinterview bekräftigte Janukowitsch am Samstag zwar seinen Machtanspruch und verweigerte einen freiwilligen Rücktritt, wurde aber vom Parlament wenig später für abgesetzt erklärt. Die in der Zwischenzeit gebilligten Entscheidungen bezeichnete der nun ehemalige ukrainische Staatschef als illegal.

Am Montag teilte der kommissarische Innenminister Arsen Awakow mit, dass nach Janukowitsch wegen „Massenmordes“ gefahndet werden soll. Über seinen derzeitigen Aufenthaltsort ist nichts bekannt. Zudem entschied das Parlaments, die seit mehr als zwei Jahren inhaftierte Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko aus der Haft zu entlassen, deren Haftbedingungen bereits während der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2012 für politische Verstimmung zwischen dem Westen und der ukrainischen Führung gesorgt hatten. Am Wochenende verkündete Timoschenko bei der kommenden Präsidentenwahl kandidieren zu wollen.

 Ob der nun ausgehandelte Kompromiss wirklich einen friedlichen Ausweg aus dem derzeit herrschenden Chaos bietet, wird sich in den kommenden Tagen und Wochen noch zeigen müssen. Viele Demonstranten waren am Wochenende noch nicht bereit, den Unabhängigkeitsplatz zu verlassen. Zu groß ist das Misstrauen gegen die Politik. Der neuen Regierung muss es nun gelingen, die zersplitterte Opposition zu einen und eine gemeinsame Linie für die Zukunft des Landes zu finden.

Europäische Kulturhauptstadt 2014: Umeå

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Konnten schon vor dem Kulturhauptstadtjahr in Umeå bestaunt werden: Kunstobjekte aller Art (Foto: N. Schwalb)

Als Kulturinitiative der Europäischen Union wird seit dem Jahre 1985 der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ an mindestens zwei Städte der EU verliehen. In einem Programm aus vielfältigen kulturellen Veranstaltungen erhoffen sich diese Städte öffentliche Aufmerksamkeit und zahlreiche Besucher.
Träger dieses Titels sind in diesem Jahr die beiden Städte Riga in Lettland und Umeå in Schweden. Kennt man zumindest Riga als Hauptstadt des nordeuropäischen, im Baltikum gelegenen Staates Lettland, sollte Umeå für die meisten jedoch eher unbekannt sein. Zurecht – besieht man sich die Tatsache, dass Umeå mit seinen rund 120.000 Einwohnern und im hohen Norden Schwedens gelegen, wohl kaum mit der Bekanntheit einer Metropole wie Riga mithalten kann. Zwar hat Umeå mit Stieg Larsson, Autor der Millennium-Trilogie, oder Frontman Dennis Lyxzén der Band Refused, wohl einige bekannte Söhne und Töchter der Stadt hervorgebracht; dennoch wird sich so mancher fragen, wieso ein Städtchen inmitten der nordschwedischen Provinz den Titel einer KulturHAUPTstadt innehat.

Der International-Business-Student Sheng, der in Umeå aufgewachsen ist und die Stadt auch nicht verlassen hat, um anderorts zu studieren, findet auf diese Frage eine einfache Antwort. „Ich bin mir bewusst, dass es für Umeå schwer sein könnte, gegen andere Europäische Kulturhauptstädte anzukommen. Riga zum Beispiel ist immerhin eine Hauptstadt und hat viel mehr Einwohner als Umeå. Dennoch hat eine kleine Stadt wie Umeå ein ungeheures Potenzial, wenn man sie mit anderen Städten der gleichen Größenordnung vergleicht. Ich habe diese Stadt in jeder Hinsicht wachsen sehen, vor allem was den kulturellen Sektor angeht und kann diese Ansicht vertreten denn ich bin hier geboren und aufgewachsen“, so der 21-jährige.

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Eine rote herzähnliche Form: Das Logo für Umeå 2014 (Foto: N. Schwalb)

Überzeugt man sich selbst mit einem kurzen Blick auf die, eigenes für das Kulturhauptstadtjahr eingerichtete Homepage, so erkennt man jenes Potenzial, von dem der Student gesprochen hat. Denn Umeå ist nicht nur Siedlungsgebiet der Samen, einem indigenen Volk Skandinaviens, sondern hat auch in puncto kultureller Veranstaltungen einiges zu bieten. Die Verbindung von Tradition und Moderne scheint Umeå in jedem Falle zu gelingen, denn die Zahl acht, zurückzuführen auf die acht Jahreszeiten, in die die Samen das Jahr aufteilen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Kulturprogramm.

So präsentiert das örtliche Bildmuseet, auf dem Kunstcampus der Universität, beispielsweise acht verschiedene Samikünstler, die unterschiedlichste künstlerische Ausdrucksformen in verschiedenen Ausstellungen zum Besten geben werden. Auch die Oper Norrlands, eine der renommiertesten Kultureinrichtungen Umeås wird acht verschiedene Konzerte geben, eines passend zu jeder Jahreszeit. Umeå scheut sich ebenfalls nicht, härtere Töne anzuschlagen. So können sich Musikfans auf die aus Umeå stammende Hardcore-Punk Band Refused freuen, die mit dem Symphonieorchester des Opernhauses im Mai diesen Jahres ein Konzert geben werden.

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Eher ein Ausnahmefall der doch sehr funktionalen Bauwerke: Der Hauptbahnhof Umeås (Foto: N. Schwalb)

Ein besonders innovatives Projekt, das beim Überfliegen des Veranstaltungskalender sofort auffällt, ist das sogenannte UxU-Festival  – ein Festival von Menschen für Menschen. Die Organisation dahinter basiert auf der Idee des Crowdfunding, das heißt je nach dem wie viele Menschen an dem Festival teilhaben wollen, desto größer wird es, desto länger dauert es und desto bessere Acts werden ihre musikalischen Leistungen darbieten.

Ende letzten Monats fiel, bei der Eröffnungszeremonie des Kulturhauptstadtjahres, der Startschuss für weitere kulturelle Events. Schirmherren des Kulturhauptstadt-Projekts sind niemand anderes als Kronprinzessin Victoria und Prinz Daniel, die dem Kulturhauptstadtjahr ein bisschen royalen Glanz mit auf den Weg gegeben haben. Von Fotoausstellungen über Literaturlesungen, bis hin zu Kulturaustausch mit anderen Ländern, wird für alle kulturell begeisterten Gemüter etwas geboten sein.

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Ein doch sehr grünes Flecken Erde: Überall in der Stadt finden sich kleine Wäldchen (Foto: N. Schwalb)

Wer dort vor allem vor Ort war, waren die zahlreichen Austauschstudenten, die jedes Jahr nach Umeå strömen um dort zu studieren. Immerhin 500 ausländische Studierende aus fast 40 verschiedenen Ländern kann die Stadt für sich verbuchen. „Was Umeå zu einem so tollen Ort zum studieren macht, ist definitiv die Atmosphäre. Hier kommen viele Nationalitäten zusammen um gemeinsam zu lernen und Spaß zu haben und auch die Universität überzeugt durch qualitativ hochwertige Lehre.“, erzählt der gebürtige Niederländer Sjoerd, der in Umeå, fernab der Heimat, seinen Master-Abschluss absolviert. Bezüglich des Kulturhauptstadtjahres zeigt der 25-jährige sich jedoch kritisch: „Ich bin nicht allzu kulturbegeistert; dennoch wird es wohl einige Events geben, die ich besuchen werde. Ich glaube aber, das Programm der Kulturhauptstadt kommt wohl eher den Touristen zugute als den Studenten.“

Ob für Touristen, Einheimische oder ausländische Studierende gedacht, eines steht jedoch fest – Umeå wird den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2014 mit Ehren tragen und das volle Potenzial ausspielen, das diese junge und dynamische Stadt innehat. Auch die Finanzspritze der EU und der schwedischen Regierung wird der Stadt wohl zugutekommen. Das findet auch die angehende Krankenschwester und gebürtige Schwedin Greta (19): „Ich bin mir sicher mit dem Kulturhauptstadtjahr 2014 können wir uns auf viele interessante Veranstaltungen freuen. Die Langzeitfolgen des Projekts sind zwar nur schwer abzusehen, aber vielleicht bringt es in Zukunft mehr Menschen nach Umeå oder kurbelt die Wirtschaft ein bisschen an.“

 Vorschau: Nächste Woche geht es an dieser Stelle um den zweiten Teil des TuEsDay im Café Nelson im Mannheimer Jungbusch.

ERAS.. WAS? – Impressionen eines Auslandsaufenthaltes

„You are boring“, bringt mein Gesprächspartner mühevoll mit einem sofort wahrnehmbaren französischen Akzent hervor, nicht ohne mir mit seiner Whisky-Cola-Fahne ins Gesicht zu hauchen. Naserümpfend verziehe ich das Gesicht und muss mir eingestehen: das Argument, dass ich am frühen Morgen eine Klausur schreibe, zieht hier nicht.

Hier bedeutet in diesem Falle: Irgendwo in einem heruntergekommenen Studentenkorridor in Nordeuropa. Hier, inmitten einer Meute feierwütiger Austauschstudenten, die die letzten Abende ihres Auslandsaufenthaltes mit Unmengen an Alkohol begehen wollen. Hier, in eben diesem Land, das ich im letzten halben Jahr hassen und lieben gelernt habe. Hier, wo ich in weniger als 48 Stunden nicht mehr sein werde. Hier, wo ich ein gerade angefangenes Leben zurücklassen werde, wie ein halb leeres, eisgekühltes Bier auf der Theke einer Kneipe.

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Prägen den abendlichen Alltag: Trinklieder und Alkohol. (Foto: Privat)

Ich reiße einem meiner Freunde eine Flasche Sprite-Wodka aus der Hand und nehme einen tiefen Schluck. Die Mangelernährung der letzten Tage macht sich bald bemerkbar und der Alkohol durchströmt meinen Organismus. Während ich noch mehr Sprite-Wodka in mich hineinschütte, der Franzose mittlerweile bei Gin Tonic angelangt ist und das erste Pärchen Speichelaustausch betreibt, konsumiert eine Gruppe Spanier gerade eine Zigarette mit Hasch auf dem Balkon.

Gehen unsere Vorlieben bezüglich des präferierten Rauschmittels, mit dem wir Eskapismus betreiben weit auseinander, haben wir alle etwas gemeinsam: Erasmus, ein Austauschprogramm, mit dem sich die EU als „eine der großen Erfolgsgeschichten der Europäischen Union“ profiliert. Völkerverständigung und Kulturaustausch werden hier in hohem Maße betrieben, wie ich mit einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel nur bestätigen kann.

Die Universität und ihre Vorlesungen und Seminare sind in weite Ferne gerückt, der größer werdende Blätterstapel auf dem Schreibtisch fällt der perfektionierten Ignoranz zum Opfer und die Klausuren befinden sich nur noch rudimentär in den hintersten Winkeln unseres Gedächtnisses. Denn seien wir ehrlich: Die Milliarden an Euro, die unsere liebe EU semesterweise auf die Konten von Studenten überweist, kommen vielleicht erst in zweiter Linie unserer Fachkompetenz zugute. In erster Linie investiert die EU hier in die Ermöglichung von ausschweifenden Partys, Alkoholexzessen und unvergesslichen Reisen, die man in einem anderen Land unternimmt.

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Nicht minder prägend: Verschwommene Erinnerungen an gelungene Zeiten (Foto: Privat)

Ich grinse in mich hinein, denke an die vielen einzigartigen Momente, die wir hier alle hatten. Ich denke an die vielen verschiedenen Sprachen, in denen wir uns verständigt haben, das landesspezifische Essen, das wir gegessen und zubereitet haben. Daran, wie ich über grüne Wiesen rannte und neue Sportarten für mich entdeckte, um mich abends mit einer Runde Yoga zu entspannen. Wie wir durch Wälder streiften und an jedem Busch anhielten, um die dort wachsenden Beeren zu essen. Wie wir nackt in den örtlichen See gesprungen sind und uns danach zitternd am Lagerfeuer aufgewärmt haben. Wie ich mir dort zwei Stunden vorher Marshmallows in die Haare und Steaksoße auf den Pullover geschmiert habe. Daran, wie es war, fernab der Zivilisation auf eine Wandererhütte zu stoßen, in der sich Kerzen und ein Holzofen als der größte Luxus herausgestellt haben, den man sich vorstellen kann. Wie ich vergaß, wo ich mein Fahrrad hingestellt hatte und eine geschlagene halbe Stunde herumgeirrt bin, um es wiederzufinden. Daran, wie eine kalte Hundeschnauze mich mitten in der Nacht geweckt hat und ich mich auf dem Sofa meines Couchsurfing-Hosts wiederfand. Und wie wir bei -39°C nach einem Saunagang in den Schnee gesprungen sind, während Polarlichter den Himmel erleuchtet haben.

„You are boring“, vernimmt mein Verstand jetzt erst völlig verzögert die Beschuldigung und ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Ich zucke mit den Schultern, drehe mich um und bahne mir nach kurzer Verabschiedung den Weg durch die trinkende Meute.

Es mag unglaubwürdig klingen, aber auch meine Unvernunft hat irgendwann ein Ende und früher oder später schafft es dieser kleine Gedankenfetzen, der verheißt dass ich eine Prüfungsleistung erbringen sollte, sich an die Oberfläche vorzuarbeiten. Schließlich war ich dieses Semester schon oft genug unvernünftig. Wie oft habe ich mir selbst das Ultimatum gestellt, nie wieder Alkohol zu trinken, nachdem ich nach einer durchzechten Nacht mit einem alles in den Schatten stellenden Kater aufgewacht bin. Wie oft habe ich die horrenden Eintrittspreise bezahlt, die in diesem Land normal sind oder meinen Teil zur Finanzierung des Staatshaushaltes in Form von Branntweinsteuer beigetragen.

Es ist wohl Zeit, meiner Leber eine kleine Pause zu gönnen, Zeit ein bisschen zu schlafen, Zeit der Student zu sein, den sich die EU wünscht. Einem kann ich mir jedoch sicher sein: Ich habe das ganze Auslandssemester lang Zeit gefunden, eben diese Erfahrungen zu sammeln, die ein richtiges Studentenleben ausmachen und mein Leben nachhaltig beeinflussen werden.

Von Papst bis Ukraine – Politischer Jahresrückblick 2013

Nun ist es wieder einmal soweit: Das Jahr 2013 liegt beinahe hinter uns. Auf internationaler Ebene war es politisch geprägt von Umwälzungen und Revolutionen. Auf deutscher Ebene ging es eher weniger revolutionär zu: das politische Highlight dürfte wohl die Bundestagswahl gewesen sein, nach der mit einer Wiederwahl von Bundeskanzlerin Angela Merkel keine große Umwälzung stattfindet: lediglich der Koalitionspartner FDP wurde nach deren kläglichem Untergang durch die SPD ersetzt. Doch bleiben wir chronologisch im politischen Face2Face- Jahresrückblick 2013, in dem wir auf das zurückblicken möchten, was die Politik- und Wirtschaftsredaktion in diesem Jahr zum Schreiben veranlasst hat.

Im Februar verabschiedete sich der deutsche Papst Benedikt XVI aus dem Vatikan. Die Wahl seines argentinischen Nachfolgers Franziskus sorgte für einige Überraschungen, ist er doch der erste Papst aus Lateinamerika und gilt eher als modern und liberal, was viele konservative Positionen der katholischen Kirche angeht. Bis jetzt hat er der katholischen Kirche bereits zu einem etwas moderneren Ruf verholfen, was teils positiv, teils negativ aufgenommen wird.

In Deutschland ging derweil im Mai der Prozess gegen die dem rechtsradikalen NSU angehörende Beate Zschäpe und einige weitere Unterstützer los. Der Prozess wird auch in der internationalen Presse mit großem Interesse verfolgt und stellt somit eine große Herausforderung für die deutsche Gesellschaft dar: Wie soll mit Rechtsradikalismus, Rassismus und Nationalsozialismus im heutigen Deutschland umgegangen werden? Reichen symbolische Akte wie das Verfassen eines überparteilichen Bundestagsausschusses, der sich mit den Problemen befasst und wann müssen Taten folgen? Deutschland wird an diesen Problemen noch eine Weile zu knabbern haben.

Ende Mai begannen die Proteste in der Türkei um das Bauprojekt im Gezi-Park, das Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan durchsetzen wollte. Was mit einer friedlichen Parkbesetzung begann, endete in einem monatelangen Kampf zwischen Demonstranten und Polizei, der sich schnell auch auf andere Städte übertrug und in dem es bald um mehr ging als um die Rettung des Parks: nämlich um die in vielen Bereichen fehlenden Grundrechte in der Türkei. Auch nun zum Jahresende hin gehen in der Türkei wieder Menschen auf die Straße. Diesmal geht es um einen der größten Korruptionsskandale in der türkischen Geschichte, der erneut das Vertrauen der Bevölkerung zur Regierung auf die Probe stellt.

Eine der größten humanitären Katastrophen hat sich dieses Jahr in Syrien zugetragen. Bei dem dort herrschenden Bürgerkrieg mussten bis jetzt schon zehntausende Menschen ihr Leben lassen. Auch international sind die Zustände in Syrien ein enorm wichtiges Thema gewesen. Wann ist eine internationale Gemeinschaft berechtig einzugreifen und wann stellt dies einen Eingriff in die Souveränität eines anderen Staates dar? Wann und wie ist ein Eingriff sinnvoll und wann richtet er nur mehr Schaden an als dass er Gutes tut? Kurz vor einem militärischen Eingreifen ließ sich Syrien darauf ein, alle chemischen Waffen unter internationaler Kontrolle zu zerstören. Dies stellt sich als ein sehr langwieriges Verfahren dar.

Auch die Europäische Union hat sich in diesem Herbst nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Mindestens 366 Tote gab es bei einem Bootsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa, auf dem sich Flüchtlinge befanden. Der mediale Aufschrei war groß, die umstrittenen Dublin-II-Regelung und die ebenso umstrittene europäische Grenzzschutzagentur FRONTEX standen in der Kritik und es passierte – nichts. Wenn die EU den Tod etlicher Flüchtlinge in Kauf nimmt stellt sich die Frage, warum sie den Friedensnobelpreis verliehen bekommen hat.

Große Wellen schlug dieses Jahr auch der NSA-Abhörskandal, der von Whistleblower  (zu Deutsch: Skandalaufdecker) Edward Snowden enthüllt wurde. In Deutschland wurde der große Bruder Amerika zunächst in Schutz genommen bis herauskam, dass selbst das Mobiltelefon von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört wurde. Das hierauf folgende Entsetzen wurde als heuchlerisch wahrgenommen – schien sich die Kanzlerin doch erst wirklich um die Affäre zu kümmern, als sie selbst persönlich betroffen war.

Als Abschluss seien die Proteste in der Ukraine genannt, Tausende Ukrainer gehen auf die Straße, seit Ministerpräsident Wiktor Janukowytsch die Abkehr von der EU und die gleichzeitige Annäherung an Russland verkündet hatte. Auch bei eisiger Kälte harren die Menschen in Kiew aus, um ihren Unmut zu äußern.

Keines der in diesem Jahr angesprochenen Ereignisse scheint beendet zu sein, es geht weiter im nächsten Jahr, in einer Welt, in der die Zeit nie still steht. Auch wenn es häufig keine erfreulichen Nachrichten sind, über die wir berichten, freuen wir uns darauf, euch nächstes Jahr weiter auf dem Laufenden zu halten! Die Politik- und Wirtschaftsredaktion bedankt sich und wünscht einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Proteste in der Ukraine – Tausende Menschen fordern Janukowitschs Rücktritt

In der Ukraine protestieren weiterhin hunderttausende Menschen in Kiew gegen Staatschef Viktor Janukowitsch. Dieser hatte den Unmut der Bevölkerung auf sich gezogen, als er ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union hatte scheitern lassen. Dies gilt zugleich als Zeichen der Annäherung an Russland.

Hier versammeln sich in den letzten Tagen Hunderttausende Menschen, um gemeinsam zu demonstrieren: Platz der Unabhängigkeit in Kiew (Foto: Helga Ewert/ pixelio.de)

Hier versammeln sich in den letzten Tagen Hunderttausende Menschen, um gemeinsam zu demonstrieren: Platz der Unabhängigkeit in Kiew (Foto: Helga Ewert/ pixelio.de)

Im Zentrum der Verhandlungen über das Abkommen stand auch der schlechte gesundheitliche Zustand der inhaftierten Oppositionellenführerin Julija Tymoschenko. Die ehemalige Ministerpräsidentin setzt sich stark für einen europafreundlichen Kurs der Ukraine ein. Die Europäische Union hatte nun eine Ausreise Tymoschenkos zur medizinischen Behandlung als Bedingung für die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens gemacht. Sie selbst hatte vor einigen Tagen die EU dazu aufgefordert, das Abkommen auch ohne ihre Ausreise zu unterzeichnen. Das lehnte diese jedoch ab.

Zudem hatte der russische Präsident Wladimir Putin mit wirtschaftlichen Konsequenzen für die Ukraine gedroht, sollte sie sich der EU nähern. Da Russland der wichtigste Handelspartner der Ukraine ist, könnte dies enorme wirtschaftliche Folgen mit sich bringen. Moskau versucht schon lange, die Ukraine in eine postsowjetische Eurasische Union mit Weißrussland und Kasachstan zu zwingen und somit von der EU fernzuhalten.

Mittlerweile hat Janukowitsch laut russischen Medienberichten den Demonstranten versprochen, die Annäherung an die Europäische Union weiter voran zu treiben. Näheres dazu gibt es aber noch nicht. Zuvor hatte sich Janukowitsch von der Polizeigewalt der letzten Tage distanziert. Bei den friedlichen Demonstrationen der letzten Tage waren etliche Menschen aufgrund der harten Polizeigewalt verletzt worden.