Philosophie des Fleisches – haben Tiere Rechte?

Ist es falsch, Fleisch und andere tierische Produkte zu essen? Wieso streicheln wir unsere Katze und essen sie nicht? Moral und Veganismus – wie geht das zusammen? Veganismus-Kritiker Jens und Neu-Veganerin Tatjana diskutieren über Moral, Ernährung und Gewohnheiten.

Jens:

Hallo Tatjana,
der Verzehr von tierischen Produkten ist moralisch indifferent. „Moral“ umfasst den Bereich dessen, was in einer Gesellschaft bezüglich der Individuen als „richtiges“ oder „falsches“

Moral und Veganismus

Finanziert sich seine Doktorarbeit als Zusteller bei der Post: Veganismus-Kritiker Jens (Foto: privat)

Handeln angesehen wird. Am Verzehr von Tieren oder Tierprodukten gibt es nichts, was in moralischer Hinsicht relevant sein könnte, da ich mit meiner Handlung niemandem schade, der ein Subjekt oder Objekt moralischer Pflichten ist. Man kann diese Tatsache leicht überprüfen, indem man sich vergegenwärtigt, dass dies tagtäglich in unserer Gesellschaft vollzogen wird, ohne dass eine Person für diese Handlung zur Rechenschaft gezogen werden müsste.

Tatjana:

Hallo Jens,
Moral kann aber ebenso gut das Empfinden einer einzelnen Person meinen. Ich als Individuum kann das Töten von Tieren und das Essen tierischer Produkte sowie die mit der Massentierhaltung einhergehende Umweltschädigung, die übrigens durchaus auch Menschen als „Subjekte moralischer Pflicht“ betrifft, als „falsch“ empfinden.

Moral und Veganismus

Setzt auf den „Tomateneffekt“ in Sachen Veganismus: Neu-Veganerin Tatjana (Foto: privat)

Du schreibst, dass der Verzehr von Tieren nicht bestraft wird, weil die Gesellschaft ihn als nicht moralisch verwerflich empfindet. Wir befinden uns jedoch alle in stetigem Wandel. Wieso sollte bezüglich des Konsums tierischer Produkte nicht auch irgendwann der sogenannte „Tomateneffekt“ zum Tragen kommen? Tomaten galten Jahrhunderte lang als giftig trotz überwältigender Gegenbeweise. Damals wurden sie gemieden, heute lieben wir sie. Nicht nur in der Geschichte der Medizin gibt es Beispiele dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zu Gunsten konventioneller Weisheiten ignoriert werden. Der Philosoph Arthur Schopenhauer beschreibt den Weg der Wahrheit in drei Stufen: Erstens wird sie verspottet. Zweitens wird sie gewaltsam bekämpft. Drittens wird sie als offensichtlich angenommen. Vielleicht ist eine rein pflanzlich basierte Ernährung in ein paar Jahren unsere Wahrheit und entspricht der gesellschaftlichen Moral?

Jens:

Das Regelsystem der oben angesprochenen Normen ist, wie du in deiner Antwort bereits angedeutet hast, nicht absolut, sondern unterliegt einem steten Wandel. Aus diesem Grund würde ich auch den von dir verwendeten Begriff „Wahrheit“ kritisch sehen, da er den Absolutheitsanspruch besitzt, der der Moral fehlt. Es gibt bezüglich vieler moralischer Themen eine gesellschaftliche Debatte, zu der seit einigen Jahren eben auch die Veganismus-Debatte bzw. die Frage, ob Tiere moralische Rechte wie das Recht zu leben besitzen, gehört.

Ich vertrete die Ansicht, dass Tiere keinerlei Rechte haben können, da Begriffe wie „Recht“ oder „Moral“ vom Menschen geschaffene Konstrukte sind, die folglich auch nur das Zusammenleben von Menschen betreffen können. Wo immer es ein bestimmtes Recht gibt, ergibt sich reziprok auch die moralische Pflicht, dieses Recht zu respektieren. Wenn wir Tiere zu Objekten von moralischem Handeln machen würden, ergäbe sich hingegen jedoch die absurde Situation, dass diese dann zwar Rechte, aber keinerlei Pflichten hätten, da Tiere ihr Handeln nicht wie Menschen reflektieren können. Kein Tier wird jemals verstehen, was dieses „Recht“ ist, das wir ihm da zugestehen.

Dieser Widerspruch wird an einem Problem besonders offensichtlich: Tiere essen Tiere. Wenn man das Essen von Tieren durch den Menschen unter Strafe stellen würde, müsste man sich auch die Frage stellen, ob Tiere andere Tiere essen dürfen. Wir Menschen sind zwar Omnivore, also „Allesfresser“, und können somit die Art unserer Ernährung entscheidend verändern. In der Tierwelt gibt es hingegen auch Carnivore, also „Fleischfresser“, deren Verdauungssystem ausschließlich auf den Verzehr von Fleisch ausgelegt ist und die keine oder kaum pflanzliche Nahrung vertragen. Diese Tiere könnten sich niemals selbstständig von ihrer natürlichen Ernährungsweise distanzieren. Wenn wir Tieren jedoch zugestehen, Fleisch zu essen, dies aber Menschen verbieten, verstoßen wir gegen das oberste moralische Prinzip der Gleichbehandlung.

Tiere können somit keine Träger moralischer Rechte oder Pflichten sein. Trotzdem halte ich es für wichtig, dass wir uns mit Themen wie Umwelt- und Tierschutz beschäftigen und die Lebensbedingungen von Tieren in Massentierhaltung verbessern. Ich halte es ebenso wie du für durchaus realistisch, dass sich unsere Gesellschaft in Zukunft immer weiter in Richtung veganer Ernährung entwickelt.

Tatjana:

Du schreibst, dass es absurd wäre Tiere zu Objekten moralischen Handelns zu machen, weil sie ihre neugewonnenen „Rechte“ nicht verstehen und gleichzeitig ihre „Pflichten“ nicht erfüllen könnten, weil sie ihr Handeln nicht wie Menschen reflektieren können. Aber was ist mit Haustieren? Eine Katze ist genauso ein Tier wie ein Kälbchen – aber die Katze hat das „Recht“ rundum versorgt und nicht als Sonntagsbraten serviert zu werden.

Moral_Veganismus

Hat dieses Schweinchen weniger Rechte als eine Katze? (Foto: Jerzy / pixelio.de)

Vielleicht sagst du jetzt, dass Haustiere ihre „Pflicht“ erfüllen, indem sie aufs Katzenklo gehen oder als Hund Stöckchen holen. In einigen asiatischen Ländern werden Katzen und Hunde gegessen. Einen einheitlichen Moralbegriff in Bezug auf „Tiere als moralische Objekte“ gibt es nicht.

Tiere essen Tiere, aber ein Raubtier würde niemals zehn Beutetiere reißen und sie dann liegenlassen. Beim Menschen hingegen sieht das schon anders aus.

Auch wenn das vielleicht den Eindruck macht – ich will gar nicht darauf hinaus, dass der Veganismus der einzig richtige Weg ist. Mit der von mir aus freien Stücken gewählten Ernährungsform fühle ich mich wohl. Daneben zählt für mich auch der gesundheitliche Aspekt. Es gibt inzwischen diverse Studien, die zeigen, welche negativen Auswirkungen tierische Produkte auf unseren Körper haben: Bei der Autopsie von 632 US-Amerikanern und 632 Ugandern, die im selben Alter starben, zeigte sich, dass 136 der US-Amerikaner an einem Herzinfarkt gestorben waren. Bei den Ugandern war genau einer an einem Herzinfarkt gestorben. Die Afrikaner – die China-Studie bescheinigt übrigens dasselbe für das ländliche China – hatten einen außergewöhnlich niedrigen Cholesterinspiegel, weil ihre Ernährung überwiegend aus pflanzlichen Lebensmitteln bestand.

Jens:

Ich gebe zu, dass der Begriff „Objekt“ in Bezug auf Tiere zunächst etwas sonderbar wirken mag; allerdings soll dieses Wort nicht abwertend gemeint sein. Vielmehr ist damit der Kreis an Lebewesen gemeint, auf die unser moralisches Denken gerichtet ist. Man könnte auch sagen: Moralische Objekte sind die Empfänger von Rechten, moralische Subjekte hingegen sind die Träger von Pflichten, womit auch deutlich wird, dass wir Menschen im Normalfall beides sind, Tiere hingegen – wenn überhaupt – nur ersteres sein könnten. Wir essen unsere Katzen und andere Haustiere nicht, weil wir eine Beziehung zu ihnen aufbauen und sie liebgewinnen. Das hat aber nichts mit dem moralischen Status dieser Tiere an sich zu tun.

Bezüglich des gesundheitlichen Aspekts hast du natürlich zu großen Teilen Recht – gerade in den westlichen Industrienationen ist der unreflektierte Fleischkonsum zu einem großen Problem geworden, wodurch natürlich auch die Massentierhaltung weiter forciert wird. Die Tatsache, dass wir Menschen als Allesfresser Fleisch verdauen können, bedeutet nicht, dass wir uns ausschließlich von Fleisch oder tierischen Produkten ernähren sollten. Das Ziel sollte hier eine ausgewogene Ernährung sein, die zu einem großen Teil auf pflanzlichen Produkten basieren, aber eben auch gelegentlich Fleisch, Fisch oder andere tierische Produkte umfassen sollte.

In den Ernährungswissenschaften existiert die einhellige Meinung, dass eine rein vegane Ernährung nur kerngesunden Menschen empfohlen werden kann und für viele Gruppen wie Kinder, Schwangere oder kranke Menschen eine Risiko- bzw. Mangelernährung darstellt. So sprachen sich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Bundesregierung deutlich gegen eine vegane Ernährung aus. Demnach könne langfristig gesehen eine vegane Ernährung nicht empfohlen werden, da sie zu Muskelabbau, Leistungseinbußen und Mangelerscheinungen führe. Durch bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und medizinische Aufklärung kann man diese Probleme sicherlich überwinden, auch wenn vegane Ernährung keine „natürliche“ Ernährung für uns Menschen darstellen wird.

Tatjana:

Ich stimme dir völlig zu, wenn du schreibst, dass vegane Ernährung nicht für jeden geeignet ist. Pauschal zu sagen, dass sie für Schwangere und Kranke nicht gut ist, kann jedoch so nicht stehen bleiben. Der Verzehr von gegrilltem Fleisch im ersten Schwangerschaftsdrittel steht laut Wissenschaftlern in Zusammenhang mit einem geringeren Geburtsgewicht, ebenso wie das bloße Einatmen der Grilldämpfe. Letzteres bringen die Wissenschaftler zudem mit einer kleineren Kopfgröße des Säuglings in Verbindung. Atmet eine Schwangere Grilldämpfe ein, kann das negative Auswirkungen auf die zukünftige kognitive Entwicklung des Kindes haben. Die Folge kann bspw. ein geringerer IQ sein.

vegan grillen

Lecker und gesundheitsschädlich? Grillen (Foto: 110stefan / pixelio.de)

Bei einem wissenschaftlichen Versuch in Schweden wurden hingegen 35 Asthmapatienten auf eine pflanzenbasierte Diät gesetzt. Von den 24 Patienten, die bei der veganen Ernährung blieben, ging es 70% nach vier Monaten, 90% nach einem Jahr besser. Gut, das ist nicht repräsentativ, aber ich möchte Dr. Michael Greger zitieren, der alle hier genannten Experimente in seinem Buch „How not to die“ aufgeführt hat: „Schaut man sich die gesundheitlichen Vorteile im Vergleich zu den Risiken an, ist eine pflanzenbasierte Ernährung den Versuch auf jeden Fall Wert.“

Tatsache ist, dass alle Vitamine und Nährstoffe bis auf B12 in Pflanzen enthalten sind. Auch die von dir erwähnte Deutsche Gesellschaft für Ernährung legt Menschen, die sich entgegen ihrer Empfehlung vegan ernähren wollen, nur ein Vitamin-B12-Präparat ans Herz – keine weiteren Nahrungsergänzungsmittel.

Trotzdem reagieren wir natürlich alle anders. Ich esse seit wenigen Monaten überwiegend vegan. Davor habe ich über zehn Jahren kein Fleisch aber Fisch gegessen, war per definitionem also Pescetarier. Und das komplett ohne Mangelerscheinungen, worauf ich mich regelmäßig untersuchen lasse. Ich kenne jedoch einen ähnlichen Fall, bei dem der Verzicht auf Fleisch zu einem starken Eisenmangel geführt hat, der selbst durch Nahrungsergänzungsmittel nicht kuriert werden konnte. In so einem Fall geht die Gesundheit natürlich vor.

Zudem kann vegane Ernährung ein Ansatz gegen die Umweltzerstörung sein. Knapp die Hälfte der Treibhausgase kommt aus der Massentierhaltung. Für Sojabohnen, die zu etwa 80% als Futter in die Massentierhaltung gehen, wird hektarweise Regenwald abgeholzt und das proteinhaltige Futter dann noch kilometerweit zu uns geschifft oder geflogen.

Jens:

Fakt ist, dass man sich mit einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung, in jedem Fall auf der sicheren Seite befindet. Sucht man im Internet nach den Auswirkungen veganer Ernährung, findet man unzählige sich widersprechende Aussagen. Für viele Gruppen wie Sportler oder Menschen mit einem hohen Stoffwechsel ist vegane Ernährung überwiegend kritisch zu sehen, wie zahlreiche durch Ärzte begleitete Selbstversuche (u.a. DIESER in der „Welt“ erschienene) belegen.

Auch, wenn wir zweifelsfrei feststellen würden, dass wir Menschen uns nicht gesund auf vegane Art ernähren könnten, könnte es trotzdem die moralische Forderung geben, dass wir Tiere nicht töten dürften, um sie anschließend zu essen. Auch der umgekehrte Fall wäre denkbar. Aber es ist doch viel interessanter, der Frage nachzugehen, ob hinter veganer Ernährung denn mehr steckt als nur ein subjektiver Lifestyle – ob Veganismus gar „richtig“ oder „falsch“ sein kann. Und richtig oder falsch kann etwas eben nur im faktischen, was hier auszuschließen ist, oder moralischen Sinne sein. Ethik ist ja geradezu definiert als die Suche nach dem Richtigen oder Falschen (vgl. hierzu u.a. das Standardwerk John Leslie Mackies).

Wenn Veganismus ein ethisches Grundprinzip wäre, an das sich jeder halten müsste, müsste es auch zwangsläufig für Tiere, die andere Tiere töten und essen, gelten. Denn obwohl du es nicht wahrhaben willst, töten Raubtiere nicht nur, um zu essen, sondern auch einfach so zum Spaß. Tiere töten ihre eigenen Jungen, um sich nicht mehr um sie kümmern zu müssen, sie töten ihre männlichen Artgenossen, um sich so eines Nebenbuhlers um ein Weibchen zu entledigen. Unsere geliebten Katzen spielen mit gefangenen Mäusen und quälen sie, anstatt sie schnell zu töten. Entgegen der allgemeinen romantischen Stimmung in Bezug auf das Tierreich muss man also festhalten: Tiere töten. (Vgl. hierzu den im „Spiegel“ erschienene Artikel „Killer mit Kulleraugen“)

Ich möchte gerne mit einem letzten hypothetischen Beispiel abschließen, um zu verdeutlichen, dass es nichts gibt, was am Fleischkonsum an sich moralisch relevant sein kann: Ich entschließe mich – rein hypothetisch gesprochen – einen Spaziergang zu machen und bemerke auf dem Waldweg einen toten Hasen. Es sind keine äußeren Zeichen von Gewalteinwirkung erkennbar und es hat noch kein Verwesungsprozess begonnen. Ich entschließe mich, den toten Hasen mitzunehmen und zu Hause zu verzehren. Die Gretchen-Frage: Was ist an meiner Handlung verwerflich?

Tatjana:

Tiere töten, da widerspreche ich nicht. Wir Menschen dagegen sind „Allesfresser“ und besitzen die Intelligenz abzuwägen, was wir essen wollen und was nicht. Übrigens auch noch ein kleiner Unterschied zwischen Mensch und Tier: Tiere verzehren ihr Beutetier. Menschen hingegen kaufen ihr Fleisch gerne abgepackt und wollen möglichst nicht mit der Tatsache konfrontiert werden, dass das Stück Fleisch auf ihrem Teller vor ein paar Stunden noch gelebt hat. Wieso sollten sie sonst so gereizt reagieren, wenn man sie darauf anspricht?

Gibt es wirklich keine Argumente dafür, dass Veganismus „richtig“ ist? Ich als Mensch möchte keinem Lebewesen Leid zufügen oder darüber entscheiden, ob es getötet wird. Hier kommt Arthur Schopenhauers Mitleidsethik ins Spiel: Moralisches Handeln lässt sich dann als solches verstehen, wenn wir ein empirisches Motiv finden – Motive wie altruistische Gefühle oder Mitleid beispielsweise. Die Anwendbarkeit des Mitleids auf alle Wesen ergibt einen gleichen moralischen Status für Mensch und Tier. Inwiefern wir aus diesem Mitleid unsere Konsequenzen ziehen, bleibt uns selbst überlassen. So beispielsweise auf deine hypothetische Geschichte mit dem Hasen bezogen: Tatsächlich ist es so, dass ich Tiere nicht mehr als Nahrungsquelle wahrnehme. Ich hätte ihn also begraben.

Vegane Ernährung kann gesund sein und sogar heilen – und für mich ist sie „richtig“. Trotzdem bleibt es jedem selbst überlassen, was er isst, solange er mit den Konsequenzen – gesundheitlicher oder ethischer Art – leben kann.

Jens:

Da kann ich dir nur zustimmen. Ich denke jedoch, dass du dir über die Tatsache bewusst bist, dass du als Veganerin mit dieser Aussage gleichzeitig eine Form von Toleranz gegenüber „Fleischessern“ zeigst, die viele andere Veganer gerade nicht teilen würden. Gerade weil wir „Allesfresser“ sind, ist die Entscheidung, sich ausschließlich von pflanzlicher Nahrung zu ernähren, eine individuelle, die man kritisch sehen und die niemandem vorgeschrieben werden kann.

Es ist interessant und lobenswert zugleich, dass du Schopenhauers Mitleidsethik heranziehst, um moralische Rechte für Tiere zu begründen. Diese Form der Ethik wurde in der Vergangenheit vielfach kritisiert, unter anderem besonders vehement von Friedrich Nietzsche, und besitzt in meinen Augen ein zentrales Problem: Es ist ein rein emotionaler Ansatz und aus diesem Grund nicht generalisierbar. Nicht jeder Mensch empfindet Mitleid in dem gleichen Maße und mit den gleichen Lebewesen. Es gibt durchaus ethische Gründe, um sich vegan zu ernähren, aber diese sind individuell und nicht generalisierbar.

Generell sollten Tier- und Umweltschutz in unserer Gesellschaft und in der Politik einen höheren Stellenwert einnehmen als dies momentan der Fall ist. Ich denke aber unser Gespräch konnte auch zeigen, dass es sehr schwierig ist, moralische Rechte für Tiere zu begründen oder den Verzehr von Fleisch an sich in Frage zu stellen. Ohne diese Grundlage bleibt Veganismus ein – für den einen mehr, für den anderen weniger – erstrebenswertes Ideal, das jedoch keine moralische Vorgabe sein kann.

Jetzt seid ihr dran, liebe Leser! Wer konnte euch überzeugen und warum? Schreibt es in die Kommentare oder auf unsere Facebook-Seite!

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Ekel, Nacktheit, Tod – was darf in den Medien gezeigt werden?

Ekelig: Die Schweinenase stand auf der Speisekarte der Dschungelcamp-Kandidaten (Foto: Andreas Preuß  / pixelio.de)

Ekelig: Die Schweinenase stand auf der Speisekarte der Dschungelcamp-Kandidaten (© Andreas Preuß / pixelio.de)

Erotik-Model Melanie Müller ist Deutschlands neue Dschungelkönigin. Auch in diesem Jahr mussten die mehr oder weniger prominenten Kandidaten im australischen Regenwald einiges über sich ergehen lassen. Hauptsächlich das Ekellevel beim Vertilgen von Schweinenase, Hoden und Rosette wurde hoch gehalten. Aber auch an der psychischen Verfassung der Kandidaten und deren Auswirkungen – Tränen, Schläge, Schockzustände – nahm Fernsehdeutschland vom heimischen Sofa aus teil.

Doch ist das noch in Ordnung? Ist es okay, Menschen bewusst in Extremsituationen zu versetzen, sie mit ihren Ängsten zu konfrontieren? Und vor allem: Darf ein Medium wie das Fernsehen so etwas zeigen? Ist das noch ethisch vertretbar?

Der Begriff Ethik leitet sich vom Griechischen „Ethos“ ab, was so viel bedeutet wie Gewohnheit, Charakter, Haltung. Ethik beschäftigt sich mit der Frage, wann Handeln gut und wann Handeln schlecht ist. Die Medienethik bezieht sich folglich auf die Beurteilung des Handelns in der öffentlichen Kommunikation.

Ist es nun also ethisch vertretbar, ein TV-Format wie das Dschungelcamp auszustrahlen? Ja, findet Alexander. Der 23-jährige Student ist der Meinung, dass man mit den Kandidaten nicht allzu viel Mitleid haben muss: „Sie wissen, worauf sie sich , denn sie bekommen Geld dafür. Sie nutzen die Sendung bewusst, um ihr Image zu verbessern.“ Schülerin Lena (16) sieht das anders: „Also ich finde, es gibt schon Grenzen! Wenn die anderen über eine Person herziehen oder jemand wirklich da sitzt und nicht mehr kann, dann sollten die Kameras ausgeschaltet werden.“

Im Dschungel ebenfalls ein Thema: Nacktheit. Doch im Gegensatz zum folgenden Szenario haben die Dschungelcamp-Kandidaten die Möglichkeit zu entscheiden, wie viel von ihrem Körper sie den Zuschauern präsentieren möchten, schließlich gibt es für sie Rückzugsmöglichkeiten ohne Kameras.

Dringen in die Privatsphäre Prominenter ein: Paparazzi (© B. Laube, bearbeitet von Karl-Heinz Laube  / pixelio.de)

Dringen in die Privatsphäre Prominenter ein: Paparazzi (© B. Laube, bearbeitet von Karl-Heinz Laube / pixelio.de)

Kate Middleton, Herzogin von Cambridge, hatte diese Möglichkeit nicht, als sie in einem Provence-Urlaub von einem Paparazzi oben ohne fotografiert wurde. Die französische Ausgabe von „Closer“ druckt die Herzogin wie Gott sie schuf auf dem Titel ab. Ist die Vorgehensweise der Zeitschrift ethisch zu rechtfertigen?

Hier sind sich Alexander und Lena einig: Wenn sie die Chefredakteure der Zeitschrift gewesen wären, hätten sie die Bilder nicht abgedruckt. „In der Funktion eines Mediums muss man immer abwägen zwischen Persönlichkeitsrechten und dem Interesse der Öffentlichkeit in einer Demokratie. Der Busen von Kate Middleton hat nun mal keinen Informationsgehalt und muss deshalb auch auf keinem Cover gezeigt werden“, erklärt Alexander.

Wie aber handeln die Verantwortlichen eines Mediums – ob Fernsehen, Zeitschrift oder Internet – richtig, wenn sie ein Foto einer toten oder sterbenden Person erhalten?

In der Nacht zum 31. August 1997 verunglückte Prinzessin Diana in Paris bei einem Autounfall. Ihr Wagen prallte mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Pfeiler. Die auch heute noch als „Königin der Herzen“ bekannte damalige Ehefrau des britischen Thronfolgers Charles starb wenige Stunden nach dem Unfall an den Folgen ihrer schweren inneren Verletzungen im Krankenhaus. Tatsächlich gelangte ein Foto der blutüberströmten Diana, das vermutlich noch am Unfallort gemacht wurde, an die Öffentlichkeit.

Solche Bilder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hält Lena für falsch. Und auch Alexander urteilt: „Das ist pietätlos. Als Publisher sollte man immer auch bedenken, dass dies kleine Kinder sehen könnten und man eine gewisse Verantwortung haben sollte – nicht nur gegenüber der Auflage, Aktionären und Mitarbeitern, sondern auch gegenüber der Gesellschaft.“

In Deutschland fungiert übrigens der Deutsche Presserat als freiwillige Selbstkontrolle der Branche. Zu seinen Aufgaben zählt unter anderem das Aufdecken und Beseitigen von Missständen im Pressewesen. Zur Orientierung gibt der Presserat den Deutschen Pressekodex heraus, der eine Art Selbstverpflichtung der Nachrichtenbranche darstellt. Seit 2009 gilt der Deutsche Pressekodex auch für Online-Journalismus.

Und jetzt seid ihr dran! Was dürfen die Medien aus eurer Sicht und was geht schlichtweg überhaupt nicht?

Vorschau: Am Dienstag, 25. Februar geht´s im Panorama ums Thema E-Sport.