Höflichkeit bekommen wir abgewöhnt

Erst kürzlich las ich einen Artikel, indem darauf gedrängt wurde, dass Eltern ihre Kinder zu Höflichkeit erziehen sollen. Die Grundlage war ein Plakat, in dem die Eltern zur Verantwortung aufgerufen wurden. Verantwortung gegenüber ihren Kindern, Verantwortung gegenüber der Erziehung. Das Plakat, das in verschiedenen Sprachen durchs Internet flatterte, stammt dabei scheinbar aus einer portugiesischen Schule und führt als ersten Punkt auf, dass Kinder „hallo, danke, gern geschehen, Entschuldigung und danke“ im täglichen Gebrauch verwenden sollen. Die Meldung hat mich wütend gemacht, und auch traurig.

Das Kind ist unantastbar?
Mitziehen oder antreiben? Helikoptereltern fehlt das richtige Maß (Grafik: OpenClipart-Vectors / pixabay.de)

Mitziehen oder antreiben? Helikoptereltern fehlt das richtige Maß (Grafik: OpenClipart-Vectors / pixabay.de)

Mit seiner Grundaussage hat das Plakat leider vollkommen recht. Was Erziehung ist und wie sie gestaltet werden sollte, ist dabei so vielseitig, wie die Menschen an sich. Die sogenannten Helikoptereltern, die ihre Kinder nie aus den Augen lassen, sind da gar nicht die Vorreiter. Erzieher wie Lehrer klagen, dass sie keine Autoritätspersonen mehr sein können, wenn ihre Kritik am Verhalten des Kindes, genauso wie dessen schlechte Leistungen, von Eltern wiederum als Kritikpunkt am Lehrer/Erzieher vorgebracht wird. Das Kind kommt im Unterricht nicht mit? Schuld ist der Lehrer. Das Kind stört andere? Schuld ist der Lehrer. Die Unantastbarkeit des eigenen Kindes ist der krasse Gegenentwurf zur Unantastbarkeit der Lehrkraft. Und beides ist Mist. Seltsam, oder? Wo die einen ihren Sprössling noch bis in den Vorlesungssaal der Uni begleiten, könnte anzunehmen sein, sie rissen sich um Verantwortung. Dabei geht es hier nicht um Verantwortung. Es geht um Kontrolle. Wer alle Entscheidungen des Kindes trifft, muss nie verantworten, es auch mal eine falsche treffen zu lassen. Eins aber ist auf den ersten Blick klar: Weder Lehrer und Erzieher haben an diesen Extremeltern ihre Freude, noch die Kinder. Helikoptereltern stehen denen, die ihr Kind am Kindergartentor abgeben und dann geflissentlich ignorieren in dem Punkt also in nichts nach.

Der andere Strang
Kleines Wort, große Wirkung: ein höfliches Danke (Foto: artemtation / pixabay.de)

Kleines Wort, große Wirkung: ein höfliches Danke (Foto: artemtation / pixabay.de)

Und jetzt fahr ich mal einen Ganz zurück. Denn es gibt sie noch. Die ganz normalen Eltern, die ihre Kinder hinfallen lassen und nicht gleich bei jedem Problem mit dem Anwalt drohen. Ich kenne eine ganze Menge davon. Und denen wird jetzt mal so über den Kamm vorgeworfen, dass ihre Kinder kein „Bitte“ und „Danke“ sagen können. Grausig zum einen ist, wie die Medien das Original-Plakat einfach für ihre Zwecke benutzen. Es gibt eine große Meldung zur fehlenden Höflichkeit und irgendwo klein steht dann, dass der Ursprung eine kleine Schule in Portugal ist. Das ist eine mediale Begeisterung, die Klicks sucht, Überschriften, aber keine Inhalt. Mit Journalismus hat das wenig zu tun. Und daneben wird lediglich das angebliche Unvermögen von Eltern angeprangert, deren Kinder unhöflich sind. Ein allgemeiner Jammer des Bildungssystems, das bisweilen berechtigt, aber eben auch nicht so ganz korrekt ist.

Erziehung ist Gemeinschaftsaufgabe
Zwischen KiTa und Zuhause? Erziehung ist Gemeinschaftssache! (Foto: Obermann)

Zwischen KiTa und Zuhause? Erziehung ist Gemeinschaftssache! (Foto: Obermann)

Ein kleines Beispiel: Ich habe drei Kinder, die je zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben in die KiTa gekommen sind. Bei jedem wurde ich noch in der Eingewöhnung darauf angesprochen, wie höflich die Kleinen doch seine, gerade WEIL sie immer „Bitte“ und „Danke“ sagten. Nach zwei Wochen in der KiTa war das vorbei. Ja, im Kindergartenalltag geht es hektisch zu, da werden auch mal Anfragen der Kinder schnell angefertigt. Doch immer wieder kämpfe ich darum zu Hause für „Bitte“ und „Danke“. Ein endloser Kreislauf. Ich bin absolut dafür, Kindern ein Grundmaß an Höflichkeit mit zugeben. Die Mitmenschen reagieren viel freundlicher, wenn ich ihnen diesen kleinen Respekt erweise und mir tut es ganz bestimmt nicht weh. Doch wenn das Bildungssystem, die Medien oder ein einzelner Alter auf seinem Schaukelstuhl darüber meckert, dass die heute Jugend unhöflich sei, soll er doch einfach mal das unhöfliche Getue lassen und mitmachen. Kinder werden zu Hause erzogen – aber nicht nur. Dafür sorgen auch Ganztageskindergartenplätze, Ganztagesschule, Hort, Tageseltern.

„Erziehung mit Kopf, Herz und Hand“ – Erlebnispädagoge Philipp Kabs im Interview

Etwa zwei Handvoll Fünft- und Sechstklässler stehen an einem Freitag-Nachmittag auf den Weichbodenmatten des „Judomaxx Speyer“. Vor ihnen: Ein Seil, gerade so hoch aufgespannt, dass ein Hinübersteigen nicht mehr möglich ist. Erlebnispädagoge Philipp Kabs (25) leitet an: „Ihr müsst alle über das Seil kommen, ohne es zu berühren!“. Kommt auch nur ein Gruppenmitglied in Kontakt mit dem Seil, gilt der Versuch als gescheitert, und es heißt für alle: Nochmal von vorne!

Im Interview mit Face2Face erläutert Kabs das Konzept und die Ideen hinter seiner Arbeit und erzählt aus dem Arbeitsalltag eines Erlebnispädagogen.

Face2Face: Herr Kabs, sie sind als Erlebnispädagoge tätig. Was genau hat man sich denn eigentlich unter „Erlebnispädagogik“ vorzustellen? Was ist die Idee dahinter?
Kabs: Die Idee hinter der erlebnispädagogischen Arbeit beschreibt eine ganzheitliche Erziehung mit Kopf, Herz und Hand. Die Ansätze kombinieren kognitive, emotionale und motorische Bereiche miteinander, eingefasst von sozialer Interaktion in Gruppen. Einen starken Erlebnischarakter bietet zum Beispiel das Klettern. Hier lernen die Kletterer eigene Grenzen kennen – und vielleicht auch, diese zu überschreiten! Wenn man sich gegenseitig sichert, muss Vertrauen aufgebracht und Verantwortung übernommen werden.

In anderen Fällen stelle ich Gruppen vor die Aufgabe bestimmte Probleme zu lösen. Probleme, die eben nur gemeinschaftlich gelöst werden können. Wichtig ist dabei, dass das Team sich des Gemeinschaftsaspektes bewusst wird. Generell werden hier soziales und autonomes Handeln miteinander verbunden. Aktionen in der Gruppe stehen im Mittelpunkt, da darf die Kommunikation untereinander natürlich nicht zu kurz kommen, die Gruppendynamik ist für Problemlösungen ganz zentral. Durch diese Aktionen in der Gruppe können die Teilnehmer ihr Selbstwertgefühl steigern, Ängste abbauen und schließlich Handlungskompetenzen entwickeln.

Der Lernprozess basiert auf einem Wechsel zwischen Aktion und Reflexion: Scheitert eine Gruppe an einer Aufgabe, werden die Gründe des Scheiterns thematisiert, um das Problem im nächsten Anlauf zu lösen. Nach jeder Aktion mit Kindern und Jugendlichen setze ich ein Gespräch an, in dem Eindrücke und Erfahrungen besprochen werden. Gelernt wird durch Einsicht. Wenn erst einmal verstanden worden ist, warum ein Lösungsansatz der Gruppe nicht funktioniert hat, finden sich schnell neue Lösungen. Ich motiviere dabei stets dazu, nicht aufzugeben. All das, was in der Gruppe gelernt wird, kann in der Regel auch gut auf den Alltag übertragen werden.

Face2Face: Erlebnispädagogik zielt also sowohl auf soziale Interaktion wie auch auf individuelle Fortschritte ab. Wie verwirklichen sie diese Ziele konkret?
Kabs: Eine pauschale Lösung gibt es hier nicht. Ich definiere die Ziele stets im Einzelfall und orientiere mich dabei an den Teilnehmern. In manchen Gruppen kriselt es und es werden Probleme beim Zusammenarbeiten deutlich – bildet sich keine Einheit, muss die Gemeinschaft gestärkt werden. Manchmal kommt es gar zu Wutausbrüchen. Hier muss ich mich emotional mit den Teilnehmern auseinandersetzen. So kommen alle Bereiche zusammen. Ich hole die Leute dort ab, wo sie stehen, mit all ihren Ressourcen, Fähigkeiten, aber auch mit ihren Ängsten. Flexibilität ist hier unabdingbar. Verschiedene Teilnehmer erfordern unterschiedliche Ansätze.

Face2Face: Das bringt sicher die eine oder andere Herausforderung mit sich. Gibt es Teilnehmer, die sich von diesem Programm nicht begeistern lassen?
Kabs: Probleme macht oft die Pubertät. Jugendliche wollen sich häufig nicht auf die Aktionen einlassen, um vor der Gruppe eine gewisse Coolness zu bewahren. Doch wer sich darauf einlässt – auch, wenn vorher möglicherweise Skepsis herrscht – nimmt regelmäßig etwas mit. Wollen sich Einzelne nicht auf die Gruppe einlassen, lässt sich das gewöhnlich über die Gruppendynamik lösen. Will sich aber die ganze Gruppe nicht auf bestimmte Aufgaben einlassen, erhöhe ich einfach den Erlebnisfaktor. Wenn wir Seilbrücken bauen oder Bogenschießen gehen, steigt die Begeisterung merklich.

Fehlt der Gruppe die Lust, hilft häufig auch eine Erhöhung des Schwierigkeitsgrades. Das motiviert. Hier achte ich allerdings darauf, nicht mit Aufgaben anzufangen, die leicht fehlschlagen können, stattdessen erhöhe ich Schwierigkeit und Intensität stufenweise. Ein Misserfolg, der an einen vorherigen Erfolg anschließt, lässt sich viel leichter verkraften als eine Übung, die direkt am Anfang fehlschlägt.

Face2Face: Gab es Erlebnisse, die sie in ihrer Berufswahl bestätigt haben?
Kabs: Als ich in Freiburg in einem ähnlichen Programm gearbeitet habe, hat der Veranstalter Feedbackbögen ausgegeben. Damals habe ich über 70 Veranstaltungen in einem Sommer organisiert, und bei allen 70 Veranstaltungen habe ich immer wieder sehr positive Rückmeldungen von Seiten der Teilnehmer erhalten. Das hat mich unheimlich motiviert, und ich habe mir gesagt: „Hey, das gefällt mir, und wenn es den anderen auch gefällt, dann mach ich das!“

Es kommt vor, dass ich bei manchen Schulklassen skeptisch bin und im Vorfeld daran zweifle, dass die Schüler sich einbringen. Wenn ich dann aber einen Fortschritt beobachten kann und die Teinehmer am Ende alle zusammenarbeiten, dann merke ich: Meine Arbeit hier hat etwas gebracht. Am meisten freut es mich, wenn ich sehe, dass sich Gruppendynamiken entwickeln.

Auf einer Abenteuerfreizeit ist mir eine Schulklasse so richtig ans Herz gewachsen. Bei Tag und Nacht gab es viele Aktionen, wir waren viel draußen und ich habe mein ganzes Repertoire innerhalb dieser Woche durchgeführt. Das war eine supercoole Truppe, und irgendwann fühlt man sich mehr als großer Bruder denn als Trainer.

Face2Face: Sie haben sich erst vor kurzem selbstständig gemacht. Wie kam es zur Gründung ihrer Firma „abenteuer erleben“?
Kabs: Für eben die Aktionen, die ich mit „abenteuer erleben“ anbiete, habe ich mich schon immer begeistern können – da war es naheliegend, solche Programme selbst anzubieten. „Eigentlich müsste ich mich ja selbstständig machen“, dachte ich mir. Es gab bereits vorher ähnliche Modelle im Umkreis, aber nicht in der Art, wie ich sie inzwischen anbiete. So konnte ich in der Branche Fuß fassen. Ich habe mich lange Zeit nicht getraut, diesen Schritt zu wagen, bin aber froh, mich dazu durchgerungen zu haben.

Face2Face: Welche Abenteuer erwarten denn interessierte Teilnehmer in der nächsten Zeit? Und wie kann man sich ins Abenteuer stürzen?
Kabs: Im Winter ist das Programm eingeschränkter als im Sommer. In der Regel führe ich meine Aktionen im Freien durch, jedoch habe ich auch die Möglichkeit verschiede Programme im „Judomaxx Speyer“ anzubieten. Ich kann somit all meine Aktionen zu jeder Jahreszeit und unabhängig vom Wetter durchführen. Diese Woche habe ich gerade ein Programm für eine Kinderbetreuung im Judosportverein veranstaltet. Wer sich für solche Aktionen interessiert, kann jederzeit mit mir in Kontakt treten und ein abgesprochenes Angebot buchen. Ich orientiere mich da an den Wünschen der Teilnehmer.

Interesse? Informationen und Kontaktmöglichkeiten findet ihr auf der Homepage von „abenteuer erleben“ oder auf der Facebookseite.

Vorschau: Am Dienstag, 23. Oktober erscheint im Panorama ein Interview mit „Was guckst du?“-Star Kaya Yanar.

Mit Tieren an seiner Seite, nicht zwischen den Zähnen – Vegetarier-Serie Teil 3

 

Nun wieder Vegetarierin: Die Studentin Johanna aus Darmstadt (Foto: Lobig)

Nun wieder Vegetarierin: Die Studentin Johanna aus Darmstadt (Foto: Lobig)

„Vegetarismus hat nichts mit ‚gut sein’ zu tun“

Einige Tierarten werden heutzutage nur noch zum Verzehr gezüchtet – und das unter Lebensbedingungen, gegen die Tierschützer seit jeher kämpfen. Tierliebe, eine bewusste Ernährung, manchmal sogar Kostengründe: Das sind oft die Ursachen dafür, dass Menschen sich für ein Leben ohne Fleisch, für ein Leben als Vegetarier, entscheiden. Face2Face fragt nach, wie sie dazu kamen und nun ihr Leben gestalten.

Johanna Kindermann ist 23 Jahre alt und studiert in Darmstadt Online-Journalismus. Der Vegetarismus ist für sie seit ihrer Kindheit gezwungenermaßen ein Thema gewesen – jetzt, wo sie in einer WG wohnt, holt er sie doch wieder ein.

Face2Face: Wie kamst du dazu Vegetarier zu werden und wann?
Johanna: Ich esse jetzt erst seit etwa vier Monaten wieder kein Fleisch. Davor war ich seit meiner frühen Jugend keine Vegetarierin mehr, aber richtig viel Fleisch gab es bei mir trotzdem nie.
Ich bin vegetarisch erzogen worden. Aber mit der Zeit ist es für mich einfach normal geworden, dass auf meiner Pizza oder in meinem Döner Fleisch ist und ich das mit esse. Wie ich dazu kam, lässt sich kaum sagen.
Ich habe einfach angefangen, darüber nachzudenken, wie ich essen will. Irgendwann gab es einfach kein Zurück mehr. Ich konnte es nicht mehr mit mir vereinbaren, Fleisch weiterhin zu essen.

Face2Face: Was ist dein Beweggrund dafür?
Johanna: So etwas hat meiner Meinung nach immer ein bisschen mit der Erziehung zu tun, denke ich. Was dir deine Eltern dazu erzählen, brennt sich in dein Gehirn.
Auch, wenn ich es als Kind verabscheut habe, dass es zu Hause Milch und Eier vom nächsten Bauern gibt, habe ich zwangsläufig irgendwann angefangen, mir Gedanken darüber zu machen. Einerseits will ich mich also „gesund“ ernähren. Andererseits stelle ich mich auch dagegen, dass Tiere meistens so unwürdig gezüchtet und geschlachtet werden.

Face2Face: Würden Tiere artgerechter gehalten werden vor der Schlachtung, würdest du dann Fleisch essen?
Johanna: Ja. Es gibt ja auch viele Tierhaltungen, die in meinen Augen okay sind. Abgesehen davon, dass es sehr schwierig ist, das genau zu überprüfen, würde ich dieses Fleisch bedenkenlos essen. Allerdings hab ich in diesen vergangenen vier Monaten festgestellt, dass mir Gerichte ohne Fleisch sogar besser schmecken, also würde ich es vielleicht doch nicht essen.

Face2Face: Was hat sich für dich verändert seither? Fühlst du dich besser?
Johanna: Bisher hat sich noch gar nichts verändert, aber es sind ja auch erst wenige Monate und ich habe vorher auch nie viel Fleisch gegessen.
Anstrengend finde ich es nur, wenn man in der Gruppe kocht. Da müssen sich die anderen dann doch etwas nach einem richten. Manchmal finden die das auch etwas befremdlich und sind genervt, „dass man ein guter Mensch sein will“. Obwohl das nichts mit gut sein zu tun hat, finde ich. So bin ich einfach. Ich finde es dabei auch völlig okay, dass andere trotzdem Fleisch essen.

Face2Face:„Vegetarier essen den Tieren das Essen weg“: Provokante Sprüche wie dieser – was sagst du dazu?
Johanna: Den Spruch habe ich noch nie von jemandem ernsthaft gehört. Ich bezweifele, dass das je jemand ernst gemeint hat. Ich glaube, dass sich viele Menschen eher angegriffen fühlen, wenn man verkündet, Vegetarier zu sein.
So, als ob ich ihn gleich bekehren wollen würde. Mich stört es nicht, wenn jemand einen Witz darüber reißt. Das muss man ja alles nicht so eng sehen.

Face2Face: Was würdest du dir wünschen in Bezug auf den Fleischverzehr in der heutigen Gesellschaft?Johanna: Etwas mehr Bewusstsein wäre schön. Es ist logisch, dass das Fleisch von bestimmten „No Name“-Marken so extrem billig ist, darüber denkt aber kaum jemand nach.

Face2Face: Wie stehst du selbst zu Tieren?
Johanna: Wir hatten mehrere Katzen und einen Hund, daher bin ich es gewohnt, Tiere wie Familienmitglieder zu behandeln. Andererseits bin ich genauso Schlachtung gewohnt. Neben uns züchtete jemand Hasen. Es war normal, dass manchmal der Hase, mit dem man am Vortag noch spielte, plötzlich weg war. Damit hatte ich aber nie ein Problem.

Face2Face: Wie ernährt man sich ohne Fleisch? Welches ist dein Lieblingsrezept?
Johanna: Kein Fleisch eben. Bei mir zu Hause ist das kein Problem, da habe ich mir nie Schnitzel gebraten oder Truthahn gemacht.
Nur unterwegs ist man die geringe Auswahl an vegetarischen Sachen schnell satt. Tomate mit Mozarella, da ist kein Bäcker kreativer. Ich habe aber eine Freundin, die vorher jeden Tag mindestens zum Mittagessen Fleisch aß. Deswegen wurde ihre Ernährung so stark umgeschmissen, dass sie Tabletten für die Ersatzstoffe nehmen muss.
Alles Gewöhnungssache. Mein Lieblingsrezept? Reispfanne mit angebratenen Karotten, Broccoli, Erdnüssen und Sojasauce.

Vorschau: Am nächsten Donnerstag gibt es ein Interview mit Manuela Leopold, Pferdezüchterin und Tierliebhaberin, zu lesen.

Tierisch gutes Team, Teil 3: „Das muss wahre Liebe sein“

Sonja & Daisy

Schmusen erlaubt: Nur Sonja lässt die Pudeldame so nah an sich ran (Foto: Lobig)

 Viele Kinder wünschen sich schon früh ein Haustier. Kuscheln, zu zweit die Welt erkunden und nie allein sein – das stellen sich die Kleinen darunter vor. Doch bis ein solches Vertrauensverhältnis zu einem tierischen Lebewesen aufgebaut ist, bedarf es viel Geduld, Pflege und Ausdauer. Das beweisen die hier vorgestellten Teams, die anfangs teilweise noch gar nicht geglaubt hatten, eben ein solches mit ihrem Tier werden zu können.

Immer an Sonjas Seite: der große Schimmel Fernando und die kleine Pudeldame Daisy (Foto: Lobig)

 Verschreckt, ängstlich und misstrauisch – so trat der kleine Pudel Daisy seiner heutigen Besitzerin Sonja Klassen bei deren ersten Begegnung entgegen. Der Vierbeiner hatte damals kein Vertrauen zu Menschen, ließ sich nur ungern anfassen und war von vorne bis hinten verspannt. Heute, vier Jahre später, sind Sonja und Daisy unzertrennlich. Die Hündin weicht ihrer „Mama“ nicht mehr von der Seite, verfolgt sie auf Schritt und Tritt und kann sich bei ihr auf dem Schoß völlig entspannen. „Mein Hund und ich geben uns Kraft – wir vertrauen uns blind. Als ich sie bekommen habe, hätte ich nie geglaubt, dass sie sich darauf einlassen kann“, so die 21-jährige. Neben ihrer Arbeit als Erzieherin gibt Sonja nachmittags Reitunterricht – der Pudel immer an ihrer Seite.  Sogar auf Kinder reagiert Daisy mittlerweile viel offener. Wer sich viel Mühe gibt, vorsichtig auf die Kleine zu zugehen, hat sogar die Chance, sie auf den Schoß nehmen zu dürfen. Wenn Sonja auf dem Pferd sitzt, schaut ihr Hund zu. Kaum ist sie wieder auf dem Boden, wedelt der Pudel, scheinbar strahlend bis über beide Ohren, auf zwei Beinen um ihr Frauchen herum.  „Das muss wahre Liebe sein“ bekommt die Erzieherin da oft, selbst von Fremden, zu hören. „Klar, es ist ungewöhnlich, dass ein Hund so extrem auf eine Person fixiert ist und mir kaum von der Seite weicht. Aber ich denke, das rührt noch von ihrem starken Misstrauen zu Menschen als Welpe“, glaubt Klassen. In den paar Jahren haben die beiden schon viel zusammen erlebt, was sie noch stärker zusammen geschweißt hat: Daisy war dabei auf Wanderritten mit dem Pferd, auf dem Pferd und oftmals die Attraktion auf Festen der Pferde. Denn, vor allem kleine Kinder, sind sofort fasziniert von dem quirligen, immer schwanz wedelnden Hund, den „man aber nicht so leicht streicheln kann“, wie Sonjas Reitschüler sagen. „Da brauch man eben viel Geduld und Einfühlungsvermögen“, weiß die Reitlehrerin. Auf Sonja hört Daisy jedoch zu jeder Zeit einwandfrei – auf Kommando springt sie sogar durch Reifen, über Hindernisse, gibt laut, rollt sich über den Boden und vieles mehr. Aufgrund ihrer starken Bindung überstanden die beiden selbst schwere Zeiten, wie Eingriffe beim Tierarzt, Tage getrennt, unfreiwillige Ausflüge des Pudels und das Teilen der „Mama“ mit einer Babykatze, problemlos.  Ein tierisch gutes Team eben – in allen Lebenslagen, Tag und Nacht – ein Geben und Nehmen.

Hier findet ihr Teil 1 und Teil 2 der Serie „Tierisch gutes Team“.