Abhängigkeit und Sucht- Selbstverschuldung oder Gehirnkrankheit?

Illegale Drogen: Der World Drug Report 2016 (Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)

Illegale Drogen: Der World Drug Report 2016 (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Der World Drug Report 2016 der Vereinten Nationen ist erschienen und besagt, dass 29 Millionen Menschen weltweit an den Folgen illegaler Drogen und deren Bekämpfung leiden und es 207 000 Drogentote gab (alle Daten beziehen sich im Bericht auf 2014). Die Debatten können hiermit befeuert werden, denn der Bericht bezieht sich nur auf illegale Drogen und gerade deren Bekämpfung und die damit entstehende Korruption und Gewalt führt, so einige Stimmen, zu vielen Tötungsdelikten. In Deutschland gibt es seit längerem die Debatte, ob Cannabis legalisiert werden sollte, doch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, ist dagegen. Doch auch die legalen Drogen müssen in Betracht gezogen werden, denn sie verursachen mehr Tote und machen teilweise abhängiger, als viele illegale Drogen. Doch selbst bei Alkohol und Tabak geht es den meisten Konsumenten im Alltag gut und nur wenige sind wirklich süchtig. Doch ab wann macht etwas dann abhängig? Wann wird man süchtig?

Was ist Sucht?

Computerspielsucht: kommt häufiger vor, als man denkt (Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)

Computerspielsucht: kommt häufiger vor, als man denkt (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Abhängigkeit ist charakterisiert durch ein zwanghaftes Verlangen nach belohnenden Stimuli, ungeachtet nachteiliger Konsequenzen. Die Sucht tritt durch ein wiederholtes Aussetzen zu diesen Stimuli auf, welche als positiv und begehrenswert wahrgenommen werden und somit auch die Wahrscheinlichkeit eines wiederholten Aussetzens erhöhen. Es gibt eine substanzabhängige Abhängigkeit, bei der  eine Substanz diese positiven Stimuli auslöst. Zu diesen Substanzen gehören die meisten Drogen und der Körper entwickelt eine Toleranz gegenüber diesen Substanzen, sodass man irgendwann für den gleichen Effekt eine höhere Dosis braucht. Es gibt aber auch einen schädlichen Gebrauch von nicht abhängig machenden Substanzen. Diese Abhängigkeit ist eine Zwangsstörung und umfasst den Missbrauch von Arzneimitteln, Antidepressiva oder Steroiden. Auch eine substanzungebundene Abhängigkeit ist möglich und bezieht sich auf Glücksspiel, Computerspiele – und Internetsucht, Sexsucht, Pornographie, Arbeitszwang, Kaufzwang,  Extremsport und sogar exzessives Sporttreiben. Selbst intensive romantische Liebe zeigt die gleichen Symptome. All diesen Beispielen gemeinsam ist eine Störung der Impulskontrolle, bei dem die Kräfte des Verstandes dem Verlangen untergeordnet werden und es können physische und/oder psychologische Absetzerscheinungen bzw. Entzugssymptome auftreten.

Die Rolle des Gehirns

In den letzten Jahrzehnten unterstütze die Forschung die Sicht, dass Abhängigkeit eine Gehirnkrankheit ist. Die charakteristischen, zwanghaften Verhaltensweisen können immer besser zur Neurologie  verknüpft werden. Durch chronische Aussetzung zu einem suchterzeugenden Stimulus, kommt es im Belohnungszentrum des Gehirns zu transskriptionalen und epigenetischen Veränderungen und einer Desensibilisierung der Neuronenschaltkreise, die die Möglichkeit Vergnügen zu empfinden dämpfen und die Motivation senken, alltäglichen Aktivitäten nachzugehen.

Krankheit oder Wahl Dichotomie

Doch inwieweit ist die Person das Problem? Welche Wahl hat das Individuum, welchen Einfluss und kann man fehlende Selbstkontrolle verantwortlich machen? Es gibt viele Fälle von Süchtigen, die ohne medizinische Behandlung ihrer Sucht Herr werden und es gibt einige Stimmen, die besagen, dass psychosoziale Faktoren und das soziale Umfeld einzelner Personen den größten Faktor ausmachen und somit gar nicht zu einer Sucht führen oder zumindest, so andere, bei der Genesung stark helfen. Sucht ist kein Randproblem der Gesellschaft und ist auch kein eindimensionales Problem, sondern funktioniert auf vielen Leveln. Das Wichtigste ist, dass Süchtigen besser geholfen wird, sie nicht eingesperrt und von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, sondern, dass man sich um sie kümmert. Und vielleicht kann die Neurologie durch weitere  Forschungen einen Erfolg beschleunigen.

Kiffen für die Gesundheit – Der wissenschaftliche Stand zu Cannabis

Hanky der Dockarbeiter und die Kakerlake rauchen zwei Joints, in ihrem Kopf Weißer Rauch und der Staat erhält eine Zaubersteuer. Es gibt so viele Songs, die sich um die Legalisierung von Hasch drehen. In Deutschland plädieren einige Parteien dafür, es als medizinisches Mittel zu erlauben, wie es auch in einigen Staaten der USA der Fall ist. Ähnlich wie andere psychoaktive Substanzen gibt es einige Studien, die die positive Wirkung von Cannabis aufzeigen. Was ist der momentane Stand?

Allgemeines

Hanfpflanze in einem Hanffeld (Foto: NicoLeHe / pixelio.de)

Hanfpflanze in einem Hanffeld (Foto: NicoLeHe / pixelio.de)

Die Hanfpflanze Cannabis sativa ist eine Kulturpflanze, die schon seit Jahrtausenden vom Menschen genutzt wird. Nicht nur nahrhafte Samen, sondern auch reißfeste lange Fasern können von der Pflanze gewonnen werden. Als Heilpflanze gegen Malaria und Rheuma war sie im alten China und als Schmerzmittel im Antiken Europa bekannt. Daneben wird Hanf auch als halluzinogenes Rauschmittel genutzt. Hierbei gibt es die Blütentrauben, bekannt als Marihuana, und das Harz, bekannt als Haschisch, welche Tetrahydrocannibidol, THC, als hauptsächlich psychoaktive Substanz beinhalten. Das THC hat eine ähnliche Struktur, wie Stoffe, die unser Körper benutzt, die Endocannabinoide, und dockt daher an die gleichen Rezeptoren an. Im Elektroenzephalogram (EEG) kann ein größeres Rauschen beobachtet werden, was die psychoaktiven Effekte erklärt. Die Endocannabinoide und ihre Rezeptoren sind beteiligt an Gehirn- und Nervenaktivitäten, wie das Gedächtnis und Schmerz, aber auch am Metabolismus, Herzfunktionen und dem Immunsystem. Deshalb sind sie in die verschiedensten Krankheiten involviert.

Weil Cannabinnoide und ihre Rezeptoren auch bei der Gehirnentwicklung eine Rolle spielen, sollten Jugendliche, deren Gehirn sich noch fertig entwickelt nicht zu dieser Droge greifen. Eine neue Studie jedoch besagt, dass der gefundene niedrigere IQ bei jugendlichen Cannabiskonsumenten nicht direkt mit der Droge zusammenhängt, sondern mit anderen Faktoren, wie eine unstabile Familiensituation. Trotzdem besteht die Gefahr einer Auswirkung auf die Psyche, sollte Cannabis von jungen Menschen konsumiert werden.

Kann Cannabis Krebs heilen?

Oft wird behauptet, dass Cannabis Krebs heilt. Doch Krebs ist eine Sammelbezeichnung für eine Vielzahl von komplexen Erkrankungen. Und es gibt eine Vielzahl von Studien zu der Wirkung von Cannabinoiden. So konnte eine erhöhte Menge an THC das Wachstum von Krebszellen verhindern, störte aber auch Blutgefäßzellen, Endocannabinoide halfen ebenfalls das Tumorwachstum zu stoppen. Unter anderen Umständen halfen Cannabinoide allerdings auch den Krebszellen beim Wachsen. Eine weitere Studie besagte, dass unterschiedliche Effekte mit unterschiedlichen Mengen der Rezeptoren zusammenhängen können und auch Resistenz gegen Cannabinoide konnten beobachtet werden. Auch klinische Studien konnten noch keine Beweise dafür erbringen, dass THC gegen Krebs hilfreich ist. Die Zukunft muss in Erfahrung bringen, welches Cannabinoid und in welcher Dosis den besten Effekt bringt. Klar ist, dass eventuelle gesundheitliche Effekte beim Rauchen eines Joints von Marihuana mit Tabak von den negativen Effekten überlagert werden und zur Krebsentstehung beitragen.

Cannabis als Medikament

Doch Cannabis kann bei Vielem hilfreich sein. Schon jetzt gibt es einige zugelassene Medikamente mit Cannabis-verwandten Wirkstoffen, die gegen Übelkeit und Erbrechen und starken Schmerzen bei AIDS und Krebspatienten helfen oder gegen Schmerz und Spastiken bei Patienten mit Multipler Sklerose. Gleiches gilt für entzündlich rheumatoide Erkrankungen, wie Arthritis, Hilfe gegen Schlafstörungen und dem chronischen Müdigkeitssyndrom, Ticks bei Tourette, sowie für Epilepsie. Hinweise auf weiteres therapeutisches Potential gibt es bei Tinitus und Grüner Star (Glaukom), sogar bei Organtransplantaten könnte THC möglicherweise helfen. Für posttraumatische Belastungsstörung konnte man mit medizinisch verschriebenem Marihuana bereits positive Ergebnisse sehen. Uneinig sind die Studien zu Depression und Ängsten. Denn das THC scheint diese wohl eher zu fördern, während das Cannabidol, welches ebenfalls in Cannabis vorhanden ist, den gegenteiligen Effekt zu haben scheint. Bei Psychosen und Schizophrenie gibt es ebenfalls noch keinen Konsensus.

Egal, was man von Cannabis Konsum halten möchte, so ist klar, dass es erhebliches Potential beinhaltet. Weitere Forschung wird uns näher an Lösungen bringen. Manche Ärzte erhoffen sich von Cannabidolen ebenfalls Medikamente für ADHS, Demenz und Alzheimer.

Vorschau: Nächsten Monat geht es um das Reinigungssystem im Gehirn.

Psychoaktive Drogen- illegale Partysubstanzen oder effektive Medikamente

Für manche Menschen sind sie unabdingbar für eine Party, andere betrachten sie als gefährlich abhängig machend. Wer sich morgens um 7 Uhr in Amsterdam noch in der Innenstadt herumgetrieben hat, bekam sie wahrscheinlich von dubiosen Gestalten in jeglicher Form und Variation angeboten. Die Rede ist von psychoaktiven Substanzen. Doch die Wissenschaft ist sich einig, dass diese Substanzen effektive Therapien für viele psychische Krankheiten versprechen und eben nicht zu solchen mentalen Störungen führen, wie man früher angenommen hatte.

LSD und Pilze

LSD, welches für Lysergsäuredimethylamid steht und dessen halluzinogene Wirkung vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1943 entdeckt wurde. Weniger gefährlich als noch vor 50 Jahren verschrien, konnten klinische Studien zeigen, dass es bei Alkoholproblemen hilft. Es mindert Symptome von Psychosen und Ängsten und hat sogar Effekte auf das Immunsystem. Ähnlich wie LSD wirkt Psilocybin, das Halluzinogen, welches in den sogenannten Magic Mushrooms zu finden ist. Studien zeigten, dass es bei Abhängigkeit von Alkohol sowie beim Rauchen hilft. Der Einfluss auf die Stimmung macht es ebenfalls zu einem Mittel gegen Depression und Zwangsstörungen.

Ketamin und MDMA

Droge oder Medizin (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Droge oder Medizin (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Auch Ketamin, welches als starkes Anästhetikum eingesetzt wurde, zeigte diese Einflüsse auf die Stimmung und erste klinische Studien zeigen, dass es wirkt. MDMA, das Methamphetamin, welches auch der Hauptwirkstoff in Ecstasy ist, zeigt ebenfalls Einflüsse auf Ängste und Stimmung und wurde schon früher in der Psychotherapie eingesetzt. Eine Langzeitstudie zeigt, dass es bei Posttraumatischer Belastungsstörung, ein psychisches Trauma, welches unter PTSD bekannt und man zum Beispiel von heimkehrenden Soldaten kennt, hilft. Deshalb wird es nun in weiteren klinischen Studien getestet.

Hilfe bei psychischen Krankheiten

Viele dieser psychoaktiven Drogen helfen bei ähnlichen mentalen Problemen und psychischen Krankheiten. Sie wirken oft auf das Gehirn, besonders auf den Rezeptor für den Neurotransmitter Serotonin. Wissenschaftler untersuchten die Veränderungen im Gehirn von Menschen, die psychoaktive Drogen nahmen, durch Magnetresonanzscans. Man kann sich das so vorstellen, dass diese Halluzinogene die starren Strukturen, welche sich im mit dem Älterwerden ansammeln, im Gehirn temporär auflockern. Dies kann die Zyklen von Sucht oder Depression aufrütteln. Cannabis zählt ebenfalls zu diesen psychoaktiven Substanzen. Jedoch beschäftigen wir uns damit ein anderes Mal genauer.

Vorschau: Nächsten Monat geht es um den wissenschaftlichen Stand zu Cannabis.

Amy – Musikikone im Club 27

„Ich bin kein Mädchen, das ein Star sein will. Ich bin ganz einfach ein Mädchen, das singt.“ Vielleicht liegt genau in diesem Satz die Tragik des frühen Todes der britischen Sängerin Amy Winehouse. Vor vier Jahren starb sie im Alter von 27 Jahren und reiht sich auf tragische Weise in die Reihe einer Musikerliste ein, die den Namen „Klub 27“ trägt.

Der Club 27 wurde der Öffentlichkeit erst 1994, nach dem Tod Kurt Cobains ins Bewusstsein gerufen. In einem Interview sagte die Mutter des Nirvana Frontmanns: „Jetzt ist er von uns gegangen und diesem blöden Club beigetreten. Ich habe ihm gesagt, er soll diesem blöden Club nicht beitreten.“ Cobain hatte sich im Alter von 27 Jahren nach einer Überdosis Drogen selbst erschossen. Seitdem gibt es die Theorie, dass besonders begabte Musiker mit 27 Jahren sterben und somit einem Klub beitreten. Die Mitglieder des Klubs sind in der Tat sehr begabte Musiker gewesen. Der Rolling-Stones-Gitarrist  Brian Jones, der unter ungeklärten Umständen 1969 in einem Pool ertrank, der Ausnahmegitarrist Jimi Hendrix, die Sängerin Janis Joplin und der The-Doors Frontmann Jim Morissen starben genau wie Amy Winehouse im Alter von 27 Jahren.

Eine Frage stellen sich heute neben Musikredakteuren auch Biografen und Statistiker: Handelt es sich nur um eine traurige Allegorie oder steckt mehr dahinter? Was alle diese Künstler vereinte war der Hang zu Drogen und Alkohol. Und auch das Leben der britischen Soulsängerin Amy Winehouse war von Drogen und Alkohol gezeichnet. Ein Leben voller Höhen und Tiefen, dem sie mit ihrem Song „Rehab“ selbst einen Soundtrack gab. Bekannt ist, dass die anderen Mitglieder des Clubs 27 Winehouses musikalisches Leben entscheidend geprägt haben. Sie waren ihre Vorbilder, denen sie mehr als noch musikalisch folgte.

Im Film „Amy – The girl behind the Name“, der bei uns in Deutschland seit Mitte Juli in den Kinos zu sehen ist, wird ihr ereignisreiches Leben gezeigt. Die Dokumentation gibt Einblicke in das Leben der Sängerin, ob als  junges musikalisches Mädchen mit Gitarre, dass in die Kamera grinst, als Teenager in einem verrauchten Jazz-Club oder als junge Frau bei der Grammy-Verleihung. Das alles ist Amy Winehouse. In Amy wird ein Bild gezeichnet, das sanft die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die eigentlich nur singen wollte. Es kam der Ruhm, dann aber auch eine Situation mit der die Britin nur schwer umgehen konnte. Sie flüchtete sich in Drogen und Alkohol und starb am 23.Juli 2011 an einer Alkoholvergiftung.

Gegenliteratur(en)

Ab und an stößt man als eifriger Leser auf Werke, die sich durch die Art und Weise, wie sie geschrieben sind, deutlich von gewöhnlichen Büchern abheben; man denke etwa an die Werke von James Joyce oder William S. Burroughs. Joyce‘ Einsatz des Stream of Consciousness in Ulysses etwa mag das Werk für den Leser schwer zugänglich machen, und auch der Cut-Up-Stil, in dem Burroughs schreibt bietet wenig Ansatzpunkte für eine Umgang mit Literatur, wie er in der Schule vermittelt wird. Die wahllos aneinandergereihten Textteile in Burroughs Wer-ken verunmöglichen die Beantwortung von Fragen wie „Was will uns der Verfasser an dieser Stelle sagen?“. Der literarische Diskurs freilich hat solche autorbezogenen Interpretationsan-sätze längst überwunden, und nimmt man einmal Abstand von der Suche nach der „einen Wahrheit, die der Text propagiert“, bieten derlei Werke neben großartiger Unterhaltung gera-de durch ihre Vieldeutigkeit viel Raum für den Leser selbst.

Gegenliteratur: "Angst und Schrecken in Las Vegas" von Hunter S. Thompson und die "Illuminatus!"-Trilogie von Robert Anton Wilson und Robert Shea (Foto: Glaser).

Gegenliteratur: „Angst und Schrecken in Las Vegas“ von Hunter S. Thompson und die „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Anton Wilson und Robert Shea (Foto: Glaser).

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem bekanntesten Werk von Robert Anton Wilson – der Il-luminatus!-Trilogie – die in Zusammenarbeit mit Robert Shea entstand. Wilsons Schreibstil darf guten Gewissens als eigenwillig bezeichnet werden. Ganz bewusst brechen die Verfasser ständig die Zeitebenen, verarbeiten Drogentrips, Halluzinationen und innere Monologe, Erzäh-lerwechsel und andere Brüche in den Text, sodass oftmals nur durch ganz bewusstes Lesen klar wird, wer gerade spricht, was gerade passiert und ob gerade überhaupt etwas passiert. Auch eine Hauptfigur lässt sich kaum benennen. Die Autoren legen ein breites Figurenreper-toire an und erzählen in ständigem Wechsel – der gelegentlich mitten im Satz stattfindet – über die Verstrickungen dieser Personen. Die Handlung – so sie denn vorhanden ist! – dreht sich um ein Netz aus Verschwörungen, die parodistisch überhöht und esoterisch mystifiziert werden dargestellt werden. Man spürt hier deutlich den Eindruck der Paranoia des kalten Krieges. Hat man sich einmal an den eigenwilligen Stil von Illuminatus! gewöhnt, offenbart sich eine großartige, witzige, geniale Geschichte. So interessant sind die Werke Wilsons, weil er anarchistische Ideologie mit wissenschaftlichen Reflexionen über Quantenmechanik, Reali-tät, Drogentrips, Bewusstsein oder Semantik verbindet.

Auch wissenschaftliche Publikationen finden sich von Wilson zuhauf, wobei der Begriff „wis-senschaftlich“ an dieser Stelle mit Vorsicht zu gebrauchen ist. Wilson steht der New Age Be-wegung nahe, identifiziert sich aber offensichtlich nicht mit ihr; die meisten Aussagen esoteri-scher wie religiöser Glaubenssysteme dekonstruiert Wilson umgehend und weist auf Argu-mentationsfehler dieser Systeme hin. Als Anhänger verschiedenster Gegenkulturen – Wilson ist Anarchist, Agnostiker und Diskordianer, hat unter anderem für den Playboy veröffentlicht und geht offen (allerdings sehr reflektiert) mit seinem Drogenkonsum um – der eben auch noch über problematische Themen schreibt, mag er wissenschaftlichem Usus nach nicht unbe-dingt als zitierfähig gelten.

Dabei bieten die nicht-belletristischen Werke Wilsons – der promovierter Psychologe war – viele Ansätze, die bis heute in der Wissenschaftspraxis zu kurz kommen. Recht zentral ist da-bei etwa die Rolle der Semantik, die er in Orientierung an Alfred Korzybskis General Seman-tics entwickelt und die er nutzt, um Begriffe wie Wahrheit und Realität zu dekonstruieren. Immer wieder weist er darauf hin, wie solche Vorstellungen entwickelt werden, weil Begriffe verschiedenen Abstraktionsgrades miteinander gleichgesetzt oder verwechselt werden oder nach aristotelischer Logik Oppositionen wie „wahr/ falsch“ zugeordnet werden.

In Wilson findet sich also ein überaus interessanter, unterhaltsamer, genialer Schriftsteller und Wissenschaftler, der zwar ab und an etwas überspitzt und polemisch argumentieren mag, da-bei aber sehr erhellende Werke verfasst. Doch aufgrund seiner unkonventionellen Persönlich-keit mag er – trotz Bestsellerstatus von Werken wie Illuminatus! – wohl vor allem der Unter-grund- oder Gegenliteratur zugeordnet werden. In Deutschland scheinen die Werke jeden Falls immer noch eine Art „Geheimtipp“ zu sein.
Ganz ähnlich verhält es sich wohl mit den Werken Hunter S. Thompsons. Der promovierte Journalist glänzt nicht nur mit sehr exzentrischen Werken, sondern auch mit einer überaus un-terhaltsamen Biographie. Thompson, Verfasser von erfolgreich verfilmten Werken wie Fear and Loathing in Las Vegas oder The Rum Diary, darf wohl durchaus als Drogenpoet bezeich-net werden. Anders als die Illuminatus!-Trilogie aber lassen sich seine Werke recht problemlos lesen. Dabei scheinen sie über weite Strecken wie ausgedehnte Tripberichte. Die Protagonisten dieser Werke – oftmals angelegt als Alter Ego Thompsons – konsumieren eine unüberschauba-re Palette an Rauschmitteln und schlagen sich dann paranoid durch ihren Alltag. Es sind die Einblicke in diese exzessiven Lebensstile, die Thompsons Werken ihren Reiz verleihen.

Teils liest sich Thompsons Biographie wie die seiner Protagonisten – überall, wo Thompson auftaucht, löst er Chaos und Wahnsinn aus. So kandidierte er einst für das Amt des Sheriffs von Aspen und unterhielt den Ort mit absurden, teils wahnwitzig wirkenden Forderungen. Dabei stachelte er seine politischen Gegner solange an, dass er, vielleicht auch bedingt durch seine ausgeprägte Paranoia, die Nächte in einem spontan befestigten und mit Waffen bewach-ten Haus verbrachte.

Mit Wilson und Thompson finden sich zwei Literaten, die wohl nicht die breite Masse anspre-chen, aber ihre Leserschaft in Subkulturen finden, was den Werken oft Kultstatus einbringt. Dennoch scheinen viele öffentliche Meinungsmacher ihre Vorbehalte gegen die recht unkon-ventionellen Werke – oder Personen? – zu haben. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, fin-det in den genannten Werken großartige Unterhaltung.

Welcome to the Jungle

Ein stechender Schmerz in meinem Kopf zwingt mich dazu, meine Augen zu öffnen. Ich fasse mir an die Schläfe. Meine Hände sind mit schwarzem Lack besprenkelt. Unter meinen Fingernägeln findet sich das halbe Farbspektrum eines Regenbogens wieder. Bei einem Tablettenfrühstück in Form von Maaloxan und Dolormin verlese ich biedermeierliche Weltschmerzpoetik.

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Prägen die Szenerie: Bauschutt und Absperrband (Foto: Privat)

Retrospektive: Wir befinden uns irgendwo in der Speyrer Innenstadt – irgendjemand feiert eine Party. Wir kennen jemanden, der jemanden kennt und so weiter – man kennt das ja. Vor einem unscheinbaren Haus machen wir Halt. „Zur Party“ steht auf einer ausgehängten Tür, die auf dem vermeintlichen Boden liegt. Erst beim Überschreiten der Türschwelle fällt uns der klaffende Abgrund auf, der sich unter der Tür als provisorische Brücke befindet. Ein Schutthaufen versperrt uns die Sicht. Dahinter befinden sich leere Zimmerfluchten, ein kafkaeskes Wirrwarr aus Durchgangszimmern und abgetretenen Treppenstufen in weitere Stockwerke. Auf dem Dachboden eine 80er Jahre Motiv-Tapete, getüncht in rötliches Zwielicht. Ein lebensgroßer Posterausschnitt von Frank Zappa strahlt uns, in Unterhosen bekleidet, von der Wand aus an.

Überall im Haus tummeln sich Menschen, und ergießen sich in kreativer Destruktion. „Kick here“, steht an der merklich von Fußtritten mitgenommenen Wand. Daneben: Ein steht ein Affe mit übergroßem Schweif und Penis. Phallussymbolik überall – „Fuck U“ lautet der schonungslose Gruß auf der Fensterscheibe an die Außenwelt.

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Ein wiederkehrendes Motiv: Ein Phallus schmückt die Wand (Foto: Privat)

 Im ersten Obergeschoss ist die Party in vollem Gange. Gut dreißig Menschen tanzen zu dem Song „Aerials“ von der Band System Of A Down. Spekulationen über einen Mord in jüngster Vergangenheit machen ebenso die Runde, wie Gerüchte über den „Gender-Trouble“ des DJs. Die Badewanne, in der eine Frau ihren Mann erstochen haben soll, bietet uns an diesem Abend kühle Erfrischung in Form von alkoholischen Getränken. Der Dachboden des Abrisshauses wird kurzerhand zur Trinkspielarena erklärt. Die suboptimalen räumlichen Verhältnisse konfrontieren die Spieler mit Schmutz auf den Handflächen und Spinnweben in den Haaren. Im Mayhem-Raum erfahren die Spiele eine Fortsetzung. Eine Flasche, ein Würfel und eine Friedenspfeife zirkulieren unter den Mitspielern. Für demokratische Abstimmungen sorgt das „Schnick-Schnack-Schnuck“-Verfahren. Der Brunnen ist dabei keine zulässige Geste.

Das Haus fällt – einer Sandburg gleichend – der infantilen Zerstörungswut zum Opfer. In unbestimmter Zukunft werden Abrissbirnen das vollenden, was wir an diesem Abend begonnen haben. Unser Kunstprojekt kann nur in dieser ephemeren Gegenwelt existieren.

ERAS.. WAS? – Impressionen eines Auslandsaufenthaltes

„You are boring“, bringt mein Gesprächspartner mühevoll mit einem sofort wahrnehmbaren französischen Akzent hervor, nicht ohne mir mit seiner Whisky-Cola-Fahne ins Gesicht zu hauchen. Naserümpfend verziehe ich das Gesicht und muss mir eingestehen: das Argument, dass ich am frühen Morgen eine Klausur schreibe, zieht hier nicht.

Hier bedeutet in diesem Falle: Irgendwo in einem heruntergekommenen Studentenkorridor in Nordeuropa. Hier, inmitten einer Meute feierwütiger Austauschstudenten, die die letzten Abende ihres Auslandsaufenthaltes mit Unmengen an Alkohol begehen wollen. Hier, in eben diesem Land, das ich im letzten halben Jahr hassen und lieben gelernt habe. Hier, wo ich in weniger als 48 Stunden nicht mehr sein werde. Hier, wo ich ein gerade angefangenes Leben zurücklassen werde, wie ein halb leeres, eisgekühltes Bier auf der Theke einer Kneipe.

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Prägen den abendlichen Alltag: Trinklieder und Alkohol. (Foto: Privat)

Ich reiße einem meiner Freunde eine Flasche Sprite-Wodka aus der Hand und nehme einen tiefen Schluck. Die Mangelernährung der letzten Tage macht sich bald bemerkbar und der Alkohol durchströmt meinen Organismus. Während ich noch mehr Sprite-Wodka in mich hineinschütte, der Franzose mittlerweile bei Gin Tonic angelangt ist und das erste Pärchen Speichelaustausch betreibt, konsumiert eine Gruppe Spanier gerade eine Zigarette mit Hasch auf dem Balkon.

Gehen unsere Vorlieben bezüglich des präferierten Rauschmittels, mit dem wir Eskapismus betreiben weit auseinander, haben wir alle etwas gemeinsam: Erasmus, ein Austauschprogramm, mit dem sich die EU als „eine der großen Erfolgsgeschichten der Europäischen Union“ profiliert. Völkerverständigung und Kulturaustausch werden hier in hohem Maße betrieben, wie ich mit einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel nur bestätigen kann.

Die Universität und ihre Vorlesungen und Seminare sind in weite Ferne gerückt, der größer werdende Blätterstapel auf dem Schreibtisch fällt der perfektionierten Ignoranz zum Opfer und die Klausuren befinden sich nur noch rudimentär in den hintersten Winkeln unseres Gedächtnisses. Denn seien wir ehrlich: Die Milliarden an Euro, die unsere liebe EU semesterweise auf die Konten von Studenten überweist, kommen vielleicht erst in zweiter Linie unserer Fachkompetenz zugute. In erster Linie investiert die EU hier in die Ermöglichung von ausschweifenden Partys, Alkoholexzessen und unvergesslichen Reisen, die man in einem anderen Land unternimmt.

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Nicht minder prägend: Verschwommene Erinnerungen an gelungene Zeiten (Foto: Privat)

Ich grinse in mich hinein, denke an die vielen einzigartigen Momente, die wir hier alle hatten. Ich denke an die vielen verschiedenen Sprachen, in denen wir uns verständigt haben, das landesspezifische Essen, das wir gegessen und zubereitet haben. Daran, wie ich über grüne Wiesen rannte und neue Sportarten für mich entdeckte, um mich abends mit einer Runde Yoga zu entspannen. Wie wir durch Wälder streiften und an jedem Busch anhielten, um die dort wachsenden Beeren zu essen. Wie wir nackt in den örtlichen See gesprungen sind und uns danach zitternd am Lagerfeuer aufgewärmt haben. Wie ich mir dort zwei Stunden vorher Marshmallows in die Haare und Steaksoße auf den Pullover geschmiert habe. Daran, wie es war, fernab der Zivilisation auf eine Wandererhütte zu stoßen, in der sich Kerzen und ein Holzofen als der größte Luxus herausgestellt haben, den man sich vorstellen kann. Wie ich vergaß, wo ich mein Fahrrad hingestellt hatte und eine geschlagene halbe Stunde herumgeirrt bin, um es wiederzufinden. Daran, wie eine kalte Hundeschnauze mich mitten in der Nacht geweckt hat und ich mich auf dem Sofa meines Couchsurfing-Hosts wiederfand. Und wie wir bei -39°C nach einem Saunagang in den Schnee gesprungen sind, während Polarlichter den Himmel erleuchtet haben.

„You are boring“, vernimmt mein Verstand jetzt erst völlig verzögert die Beschuldigung und ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Ich zucke mit den Schultern, drehe mich um und bahne mir nach kurzer Verabschiedung den Weg durch die trinkende Meute.

Es mag unglaubwürdig klingen, aber auch meine Unvernunft hat irgendwann ein Ende und früher oder später schafft es dieser kleine Gedankenfetzen, der verheißt dass ich eine Prüfungsleistung erbringen sollte, sich an die Oberfläche vorzuarbeiten. Schließlich war ich dieses Semester schon oft genug unvernünftig. Wie oft habe ich mir selbst das Ultimatum gestellt, nie wieder Alkohol zu trinken, nachdem ich nach einer durchzechten Nacht mit einem alles in den Schatten stellenden Kater aufgewacht bin. Wie oft habe ich die horrenden Eintrittspreise bezahlt, die in diesem Land normal sind oder meinen Teil zur Finanzierung des Staatshaushaltes in Form von Branntweinsteuer beigetragen.

Es ist wohl Zeit, meiner Leber eine kleine Pause zu gönnen, Zeit ein bisschen zu schlafen, Zeit der Student zu sein, den sich die EU wünscht. Einem kann ich mir jedoch sicher sein: Ich habe das ganze Auslandssemester lang Zeit gefunden, eben diese Erfahrungen zu sammeln, die ein richtiges Studentenleben ausmachen und mein Leben nachhaltig beeinflussen werden.

Gonzo – „Buy the ticket, take the ride”

Alljährlich wird in Louisville, Kentucky, das Kentucky Derby veranstaltet – ein von zwei Wochen andauernden Feierlichkeiten begleitetes Pferderennen. Im Jahr 1970 haben zwei Journalisten ein Problem: Sie sollen über das Kentucky Derby berichten, haben es aber versäumt, sich Presseakkreditierungen zu besorgen. Betrunken treiben sie sich zwischen den Zuschauern herum, können vom Rennen selbst aber kaum etwas sehen. Notierte Gedankenfetzen des einen enthalten Pläne, akkreditierte Journalisten zu vermöbeln, um an die begehrten Pressepässe zu bekommen. Der andere zeichnet. Zeichnet Karikaturen von Zuschauern des Derbys, die auf großen Unmut bei den Portraitierten stoßen.

Der Redaktionsschluss naht. Notgedrungen sendet der Schreiber einige unbearbeitete Seiten aus seinem Notizbuch an die Redaktion von Scanlan’s Monthly – eine Dokumentation der exzessiven Umtriebe des Verfassers während des Rennens. Doch die Nachlässigkeiten während des Rennens kosten die beiden nicht etwa ihre Anstellung. Scanlan’s Monthly druckt die Notizen tatsächlich ab – und der Gonzo-Journalismus ist geboren.

Hunter S. Thompson, der Verfasser von The Kentucky Derby is Decadent and Depraved und ganz nebenbei auch promovierter Journalist ist heute weltweit bekannt – spätestens, seit 1998 sein Roman Fear and Loathing in Las Vegas verfilmt wurde. Der Kultfilm – Hauptrolle: Johnny Depp, bis zu Thompsons Tod eng befreundet mit dem Exzentriker – behandelt Thompsons Suche nach dem American Dream, ist den meisten wohl aber eher als Drogenfilm in Erinnerung geblieben. Eingebettet ist diese tatsächlich sehr drogenfokussierte Suche in zwei Veranstaltungen, über die der Protagonist berichten soll: Das Mint 400, ein Motorradrennen in der Wüste Nevadas sowie ein Kongress der Bezirksstaatsanwälte in Las Vegas. Romanvorlage wie auch Verfilmung konzentrieren sich dabei aber quasi überhaupt nicht auf das, worüber da berichtet werden soll – eben purer Gonzo-Journalismus.

Der Gonzo-Journalismus ist aber eigentlich gar kein Journalismus, scheint er doch jeglichen journalistischen Ansprüchen den Kampf erklärt zu haben und fällt so eher in den Bereich der Literatur. Typischerweise steht nicht die Berichterstattung über ein Ereignis im Mittelpunkt, sondern Wahrnehmung und Erleben des Verfassers von praktisch allem, was dieser für erzählenswert hält. Thompson selbst lebte den Gonzo-Journalismus. Er treibt sich ein Jahr lang mit den Outtlaws der Bikergang Hells Angels herum, um ein Buch zu veröffentlichen, in dem er offizielle Presseberichterstattung seinen eigenen Eindrücken entgegenstellt und darin die Presselandschaft der 60er-Jahre als reißerisch entlarvt. Er nimmt Ende der 60er-Jahre am Wahlkampf in Aspen teil und schmückt sein Programm mit wahnsinnig anmutenden Ideen – ein Punkt seiner Agenda lautet: „Change the name Aspen to Fat City. This would prevent greed heads, land rapers, and other human jackals from capitalizing on the name ‚Aspen‘. These swine should be fucked, broken, and driven across the land.“ (Etwa: “Aspen in Fat City umbenennen. Das sollte Geizkrägen, Landesvergewaltiger und menschliche Heuschrecken davon abhalten, aus dem Namen ‚Aspen‘ Kapital zu schlagen. Diese Schweinehunde sollten gefickt, gebrochen und übers Land geschleift werden.“)

Gewählt wird Thompson nicht, veröffentlicht jedoch einen langen Artikel im einflussreichen Kulturmagazin Rolling Stone, der seine Kampagne und seine Erlebnisse in den Rockies schildert. Er schreibt Kurzgeschichten, etwa eine über einen Berglöwen, der auf den Rücksitz seines fahrenden Wagens springt und den er nur unter Zuhilfenahme einer – warum auch immer – brennenden Zeitung, die sich auf eben diesem Rücksitz befindet, überwältigen kann. Eine ganze Sammlung solcher Geschichten aus seinem Leben veröffentlicht Thompson als Kingdom of Fear.

Unverkennbar ist Thompsons Leben eng mit der von ihm geschaffenen Literaturgattung verwoben. Inspiriert von dessen Lebenswerk drehen sich die meisten Gonzo-Stories um Drogenkonsum, Rebellion, Wahnsinn und Paranoia. Was erlebt wird, scheint dabei völlig egal; viel zentraler: Wie es erlebt wird. Die dem Journalismus so heilige Objektivität wird dabei vollkommen über Bord geworfen, an ihre Stelle tritt eine hochsubjektive Erzählweise gefüllt mit persönlichen Ansichten, Assoziationen und Gefühlen, illustriert durch Sarkasmus, Flüche und Beleidigungen. Das alles präsentiert sich für gewöhnlich als Wechselspiel von Fakten und Fiktionen.

Thompson nahm sich im Februar 2005 das Leben – nicht, ohne sich mit einem kurzen Brief, der später unter dem Titel Football Season Is Over im Rolling Stone veröffentlicht wurde – zu verabschieden. Doch der inzwischen in die Welt der Literatur eingegangene Gonzo-Journalismus überlebte dieses schmerzliche Ereignis. Besonders in den letzten Jahren erlebt die eigenwillige Kunstform eine wahre Renaissance – das Internet und die damit verbundenen digitalen Medien scheinen ein geschaffener Hafen für Thompsons Vermächtnis zu sein.

Thompson mag möglicherweise der genialste und gleichzeitig wahnsinnigste Journalist der jüngeren Literaturgeschichte gewesen sein – sicherlich war er der exzentrischste. In Gedenken an sein Schaffen hat nun auch Face2Face eine Gonzo-Redaktion einberufen, die zunächst einmal monatlich – jeden dritten Sonntag – in der Literaturrubrik veröffentlichen wird . In diesem Sinne – mit Thompson gesprochen: „Buy the ticket, take the ride“.

Vorschau: Nächste Woche erscheint an dieser Stelle ein Buchreview zu Mara und der Feuerbringer von Tommy Krappweis.

Game Over – Wenn Glücksspiel zur Sucht wird

Einfühlsam: Mit Tuncay kann man auch Verbotenes denken (Foto: privat)

„Ich selbst spiele auch mal Lotto. Gewettet habe ich auch schon“, gesteht Mete Tuncay, Sozialpädagoge und Berater aus Mannheim. Aus einem Praktikum im Drogenverein Mannheim e.V. wurde eine Leidenschaft und so ist der 32-Jährige bereits mehr als neun Jahre in der Suchtarbeit tätig. Dabei sieht er bei der Glücksspielsucht vor allem die Gefahr, dass diese – anders als bei substanzbezogenen Drogenproblemen wie Alkohol – äußerlich keine Zeichen mit sich tragen. Erkrankte seien meist jahrelang süchtig, bevor sie sich Hilfe holen.

Face2Face: Wie kann aus einem Spiel eine Sucht werden? Wodurch wird Glücksspielsucht ausgelöst?
Mete Tuncay: Das ist ein schleichender Prozess, der individuell und unterschiedlich lange ausfallen kann. Für die Suchtentwicklung spielen persönliche Faktoren, glücksspielspezifische Faktoren, aber auch die Gesellschaft eine Rolle. Ein Auslöser ist dabei das Gewinnerlebnis. Wenn der Spieler gedanklich durch den Tunnel fährt, er könne mit Spaß und Geschick in nur kurzer Zeit viel Geld machen, kann daraus ein gewohnheitsmäßiges und problematisches Spielen werden. Um denselben Effekt zu erzielen, muss der Spieler schließlich immer länger spielen und höhere Einsätze bieten. Man spielt immer weiter mit dem Motiv, eine Leere zu füllen oder den Verlust wieder gut zu machen.

Face2Face: An welchen Symptomen kann man eine Sucht erkennen?
Mete Tuncay: Ganz banal am Geldverkehr, am Kontoauszug und an den Schulden. Daran, dass eigene Verpflichtungen und Hobbys vernachlässigt werden und das Glücksspiel eine immer größere Rolle einnimmt. Beispielsweise, wenn man von den Spielerlebnissen fantasiert und träumt oder nur noch vom Spielen reden kann. Spielt man gerade nicht, so empfindet man eine innere Unruhe und Nervosität. Man lügt bezüglich des Ausmaßes, den das Glücksspiel einnimmt, verschuldet sich oder begeht kriminelle Handlungen, um die Einsätze bieten zu können.

Face2Face: Wie sehen die möglichen Folgen einer Glücksspielsucht aus?
Mete Tuncay: Eine mögliche Folge ist die finanzielle Verschuldung. Dies kann wiederum Depressionen und Suizidgedanken hervorrufen. Man ist einfach verzweifelt und sieht keinen Ausweg mehr. Mit dem finanziellen Ruin kann aber auch der Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung und der Familie einhergehen. Glücksspielsucht gefährdet nicht nur eine Person, sondern auch das nähere Umfeld. Der Verlust der Familie, die soziale Isolation, kann dann zu psychischen Erkrankungen beziehungsweise Depressionen beitragen.

Face2Face: Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es für Betroffene und wie wird genau therapiert?
Mete Tuncay:Es gibt Beratungsstellen, ambulante Therapieangebote, aber auch teil- und vollstationäre Entzugs-Behandlungen. Bei uns kann man zu den offenen Sprechstunden kommen, anrufen – auch bei der Beratungshotline – und sich anonym und kostenlos Hilfe holen. Bei einer Therapie steht der Mensch im Mittelpunkt. Man muss die Selbstbestimmung des Menschen wahren, auch wenn er sich gegen eine Therapie entscheidet. Dann versuchen wir den Schaden zu begrenzen und das Potential des Menschen auszuschöpfen. Entscheidet sich der Betroffene für eine Therapie, frage ich danach, welche Probleme der Patient hat, welches Ergebnis er aus der Sitzung ziehen möchte. Dabei unterhalten wir uns auf gleicher Augenhöhe, da der Mensch selbst der Experte für sein eigenes Leben ist und ich ihm nichts überstülpen möchte. Ziel sollte es sein, den Menschen zurück ins Leben zu holen.

Gefährlich: Aus harmlosem Spaß kann purer Ernst werden (© Thomas Siepmann / pixelio.de)

Face2Face: In welchem Maße kann das Umfeld angemessen reagieren und helfen? Beispielsweise durch Fremdsperre?
Mete Tuncay (lacht): Wenn es doch so einfach wäre. Sperren lassen kann man sich von den staatlichen Spielbanken, jedoch nicht von gewerblichen Spielhallen, Gaststätten, Imbissen oder dem Internet. Deshalb sollte sich das Umfeld unbedingt über das Thema erkundigen und keinesfalls im Affekt handeln. Es sollte alles auf einer guten Informationsbasis erfolgen. Man sollte mit dem Betroffenen darüber sprechen können, ohne dabei die Person zu kritisieren oder zu beschuldigen. Das gelingt aber kaum jemandem. Deshalb sollte man sich Hilfe suchen.

Face2Face: Wie kann man sich als Betroffener vor weiterem Glücksspiel schützen?
Mete Tuncay: Indem man sich Hilfe und Unterstützung sucht. Süchtige sollten selbst Respekt vor der Erkrankung haben, sich diese als solche eingestehen und sich über den eigenen Kontrollverlust bewusst werden.

Face2Face: Welches Bild sollte Kindern und Jugendlichen hinsichtlich des Glücksspiels suggeriert werden?
Mete Tuncay: Jugendliche müssen wissen: Der Automat gewinnt immer. Das hat nichts mit Können zu tun. Es ist egal, welche Tasten man drückt. Automaten sind nun mal programmierbar und man hat selbst keinen Einfluss darauf. Außerdem sollte man ihnen die möglichen Konsequenzen näher bringen und sie dafür sensibilisieren, dass aus dem Spiel ein Problem werden kann.

Face2Face: Sie sind der Meinung, dass Migranten aus dem orientalischen Kulturraum häufiger von Glücksspielsucht betroffen sind als andere. Woran liegt das?
Mete Tuncay: Laut Ergebnissen der „PAGE“-Studie (Anm. d. Red.: „PAGE“ steht für das Projekt „Pathologisches Glücksspielen und Epidemiologie“) sind Migranten dreimal mehr betroffen als andere. Es handelt sich um Menschen, die nur eingeschränkt sozial eingebunden sind und am gesellschaftlichen Leben nur bedingt partizipieren können. Durch das Glücksspiel versuchen sie Erlebnisse, die im Alltag vielleicht zu kurz kommen, nachzuholen: Erfolg, Selbstbewusstsein, das Gefühl, es zu etwas zu bringen beispielsweise.

Face2Face: Stichwort „Call-in-TV“, Pokerabende, Internet-Glücksspiel: Inwieweit spielen heutzutage die Medien, vor allem Fernsehen und Internet, eine Rolle bei der Glücksspielsucht?
Mete Tuncay: Die Medien haben einen massiven Einfluss auf das Glücksspiel. Es wird dadurch erst salonfähig gemacht. Glücksspiel ist omnipräsent und 24 Stunden lang verfügbar – die Werbung funktioniert dabei sehr perfide: Man inszeniert Erfolgstypen und Situationen, die in der Realität so nicht auftreten. Und je mehr man Glücksspiel bewirbt, umso mehr legitimiert man es und steigert die Toleranz. Man bereichert sich massiv an den Problemen einzelner. Das ist zwar juristisch legitim, moralisch jedoch nicht sauber.

Kontakt:
Drogenverein Mannheim e.V.

Mete Tuncay
Dipl.-Sozialpädagoge (BA)
K3, 11-14
Tel.: 0621/1 59 99 26
Fax: 0621/1 59 99 39
E-Mail: tuncay@drogenverein.de
Bundesweite Beratungshotline: 0800 137 27 00
Für türkischstämmige Anrufer: 0800 326 4762 (donnerstags von 20-22 Uhr)

Vorschau: Nächste Woche erscheint der siebte Teil unserer Traumberufe-Serie. Dieses Mal erzählt ein Radiologe, wie er zu seinem Beruf kam und weshalb er ihn schätzt.

Preview: März 2012

Wann ist ein Mann ein Mann? Wie wirken legale Drogen auf den menschlichen Körper? Und: Welches sind die besten Sites im World Wide Web?

Diese und noch einige weitere Fragen konnte die Face2Face-Redaktion im Februar für euch beantworten. Nun steht der März mit vielen, tollen Highlights an:

Wie läuft eigentlich ein Krimidinner ab – die Antwort auf diese Frage erwartet euch in der Kolumne. Gleich einen ganzen Katalog von Fragen wird Bloggerin „Cloudy“ in der Moderubrik beantworten. Die Tier&Umwelt-Rubrik fragt sich, wie kann man aus Pandakot Biokraftstoff gewinnen kann. Um die Ergebnisse der Leichtathletik-Hallen-WM kümmert sich die Sportredaktion und bei den Tipps&Tricks erfahrt ihr mehr über den Traumberuf Radiologe. Mit dem Thema Gewaltverherrlichung in Teenie-Serien wird die FilmKunstKultur für Diskussionsstoff sorgen.

Aber auch hochkarätige Interviewpartner sind im März wieder mit am Start: In der Musikrubrik freuen wir uns Schlagersängerin Laura Wilde begrüßen zu dürfen. Und im Panorama steht uns Schauspielerin Josephine Preuß Rede und Antwort zu ihrem neuen Kinofilm „Türkisch für Anfänger“.

Laufende Gewinnspiele:
Eine Ausgabe des Buches „Ja? Nein?… Jein!“ könnt ihr noch bis einschließlich Freitag, 23. März gewinnen. Mehr Infos findet ihr HIER.

Das „Kraftclub“-Gewinnspiel, bei dem ihr zwei Autogrammkarten gewinnen könnt, wird bis Mittwoch, 28. März verlängert. HIER gibt´s die Infos.

Eine von vier handsignierten Autogrammkarten von Schauspielerin Nora Tschirner könnt ihr noch bis Freitag, 30. März, gewinnen. Infos findet ihr HIER.

Wie ihr noch bis Freitag, 30. März eine Farbberatung plus typgerechtes Makeup bei Image-Consultant Birgit Diehsle gewinnen könnt, lest ihr HIER.

Ihr seid gefragt!
Ihr wollt eure Meinung über Face2Face kundtun? Lob, Kritik und so weiter könnt ihr HIER loswerden.

Werdet ein Teil von Face2Face:
Ihr wollt Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie der Indie-Pop-Band „Razorlight“ oder „taff“-Moderator Daniel Aminati führen, über große Veranstaltungen wie die Frankfurter Buchmesse oder die Internationale Automobilausstellung berichten? Ihr wollt Zutritt zu Backstage-Bereichen von Konzerten oder Fashionshows und eure dort erlebten Erfahrungen mit den Face2Face-Lesern teilen?

Auf vorläufig unentgeltlicher Basis bietet euch die Face2Face-Redaktion die Chance euch journalistisch voll auszuleben und in einem Team von über 20 jungen Autoren Erfahrungen im Pressebereich zu sammeln. Zurzeit suchen wir noch Mitarbeiter in den Bereichen Tier&Umwelt, Mode, Musik, Reise, Sport, Tipps&Tricks, Wirtschaft&Politik und Panorama. Je nach Anzahl der Mitarbeiter in der von euch gewählten Rubrik, solltet ihr in der Lage sein alle zwei bis alle fünf Wochen einen qualitativ hochwertigen Artikel liefern zu können.

Journalistische Erfahrungen sind erwünscht, aber keine Grundvoraussetzung. Bei Interesse schreibt einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Mitarbeit“ an tatjana.gartner@face2face-magazin.de, erzählt darin kurz etwas über euch (Ausbildung, Studium, Interessen usw.), erklärt weshalb ihr gerne für Face2Face schreiben und welche Rubrik ihr bevorzugen würdet und hängt – wenn vorhanden – eine (!) Arbeitsprobe, sowie mögliche Praktikumszeugnisse im Bereich Presse/PR an.

Wir freuen uns auf zahlreiche neue und motivierte Mitarbeiter!