#LastNightInSweden

Bei seiner „Kampagne für Amerika” sprach der seit einem Monat amtierende US-Präsident Donald J. Trump vor 9.000 Anhängern und stellte eine eigene Version der Realität samt alternativen Fakten vor. Am Samstag, den 18. Februar, sprach er in Florida zunächst von „den furchtbaren Zuständen” in Deutschland. Danach folgte ein Satz, der die Aufmerksamkeit auf ein anderes Land lenkte: „Schaut Euch an, was gestern Nacht in Schweden passiert ist.“

Trumps Auftritt sorgte dafür, dass sich die sozialen Netzwerke  überschlugen. Der „Hashtag zur letzten Nacht in Schweden“ wird mit Inhalten gefüllt, die ganz und gar nicht auf das hindeuten, was Trump andeutete: Es gab weder einen Terroranschlag, noch einen Zwischenfall mit Migranten in Schweden. Aus der Frage, auf welchen Vorfall Trump diese Aussage beziehen könnte, entwickelte sich ein regelrechter Witz. Ob nun nackte Männer im Schnee oder ein Elch, der eine Statue mit Liebesofferten für sich zu gewinnen versucht – in der Harmlosigkeit dieser Bilder zeigt sich der starke Kontrast zur alternativen Wahrheit Trumps.

Der frühere schwedische Außenminister Carl Bildt fragt: „Schweden? Terrorangriff? Was hat er geraucht?“ Die schwedische Regierung fordert von Trump eine Erklärung des offenbar ausgedachten Vorfalls. Diese Erklärung lässt tief blicken: Trump habe sich, so erklärt das Weiße Haus, gar nicht auf einen bestimmten Vorfall bezogen. Vielmehr ginge es ihm um die  Entwicklung in Schweden im Allgemeinen. Er habe bei Fox News einen Bericht gesehen, der von steigenden Migrantenzahlen und mehr Waffengewalt in Schweden handelte. Er beruft sich damit auf die Medien, die er in der vergangenen Woche noch zum Feind des Volkes erklärte.

Die tatsächliche Flüchtlingssituation in Schweden scheint sich dagegen zu entspannen, so der SWR-Stockholm-Korrespondent Carsten Schmiester. Nach der Einführung von Grenzkontrollen seien die Asylbewerberzahlen im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Schmiester stellt zwar fest, dass die Lage in einigen Vororten größerer Städte nicht entspannt sei, in den Metropolen Stockholm und Malmö zum Beispiel hätten sich Viertel zu sozialen Brennpunkten herausgebildet. Diese Entwicklung ist aber bei weitem nicht neu. Auch ist dies keinesfalls ein schwedisches Problem. Zumindest ist im Nachgang des Twitter-Chaos tatsächlich etwas zu beobachten: Virtueller Aufruhr.

Die Trumpmania: „Make America great again!“

KOMMENTAR: 219 Millionen Menschen waren an diesem Dienstag, dem 8. November 2016 berechtigt den 45. Präsidenten, Donald Trump (Republikaner) oder erstmals eine Präsidentin, Hillary Clinton (Demokraten) zu wählen. Noch während Wählerstimmen am Mittwochmorgen ausgezählt werden,  ist die Entscheidung schon lange gefallen: Als Florida an den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Trump ging, war der Traum von einem Durchmarsch Clintons ausgeträumt. Bisher haben 306 Wahlmänner und -frauen ihre Stimme für Trump gegeben – sie sind es, die eine Wahl in den USA entscheiden. Sobald 270 Wahlmänner und -frauen einen Kandidaten gewählt haben, ist die Wahl de facto beendet. In 48 der 52 Staaten gilt dabei die Regel, dass alle Wahlmännerstimmen an den Kandidaten gehen, der eine Mehrheit erhält. Dieses „The Winner-Takes-It-All-Prinzip“ bringt das indirekte Wahlrecht vieler US-Bürger auf den Punkt. Wie bereits zuletzt im Jahr 2000 zieht dadurch der Kandidat ins Weiße Haus ein, der insgesamt weniger Wählerstimmen erhalten hat, aber die Wahlmänner und -frauen überzeugen konnte. Deshalb wird auch das Wahlsystem in Amerika regelmäßig kritisiert; neben den beiden etablierten Parteien und deren Vertretern, die sich konstant bekriegen, gibt es keine Opposition. Andere Parteien haben keine Chance auf politische Mitbestimmung. Und so hat es der Mann geschafft, den die Macher der „Simpsons“ schon vor 16 Jahren in diesem Amt gesehen haben. Es ist nicht nur das Symptom einer fragwürdigen Demokratie, die sich selbst unterläuft, sondern auch beängstigend. Indem er zum Beispiel den Klimawandel als von Menschenhand unabhängig beschreibt, gibt er sich selbst die Erlaubnis, Bodenschätze auszubeuten und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen. Machen wir uns nichts vor: Trump als Wirtschaftsliberaler wird bald politische Tatsachen schaffen, im Amt des Präsidenten. In diesen Tagen muss dieser Schock erst einmal verdaut werden.

In gewisser Weise führt die Wahl eines frauenverachtenden Populisten aber auch vor Augen, wie zumindest knapp die Hälfte der amerikanischen Wähler tickt. „Women for Trump“ sagen, sie wollen nicht länger Opfer sein. Natürlich leben wir in schnelllebigen und teilweise unüberschaubaren Zeiten, in der einfache Lösungen Mangelware sind. Aber was macht diese Frauen oder andere Anhänger der Trumpmania zu Opfern? Vielleicht fühlen sie sich durch diesen Mann repräsentiert, der beweist, dass absolut jeder Präsident sein kann – sozusagen dem american dream in Person. Er will Dinge vereinfachen, klare Tatsachen schaffen: Die Mauer an der Grenze zu Mexiko, die Einreisesperre und Ausweisung aller Muslime. Diese Entschlossenheit ist es, die viele nachdenklich und zuweilen besorgt stimmt. In den USA gibt es zwar Studentenproteste, aber dass die Wahl angefochten wird, gilt doch eher als unwahrscheinlich. Für die Bürger der USA bleibt nur zu hoffen, dass sie für sich die richtige Wahl getroffen haben. Die Ehrfurcht vor dem Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zumindest ist nach dieser Wahl größer denn je. Gleichzeitig drängt sich das Gefühl auf, die Amerikaner halten sich selbst mit Trump einen Spiegel vor. Ob ihnen dieser Anblick gefällt, wird sich im Laufe der Amtszeit des 45. Präsidenten der USA zeigen.