Philosophie des Fleisches – haben Tiere Rechte?

Ist es falsch, Fleisch und andere tierische Produkte zu essen? Wieso streicheln wir unsere Katze und essen sie nicht? Moral und Veganismus – wie geht das zusammen? Veganismus-Kritiker Jens und Neu-Veganerin Tatjana diskutieren über Moral, Ernährung und Gewohnheiten.

Jens:

Hallo Tatjana,
der Verzehr von tierischen Produkten ist moralisch indifferent. „Moral“ umfasst den Bereich dessen, was in einer Gesellschaft bezüglich der Individuen als „richtiges“ oder „falsches“

Moral und Veganismus

Finanziert sich seine Doktorarbeit als Zusteller bei der Post: Veganismus-Kritiker Jens (Foto: privat)

Handeln angesehen wird. Am Verzehr von Tieren oder Tierprodukten gibt es nichts, was in moralischer Hinsicht relevant sein könnte, da ich mit meiner Handlung niemandem schade, der ein Subjekt oder Objekt moralischer Pflichten ist. Man kann diese Tatsache leicht überprüfen, indem man sich vergegenwärtigt, dass dies tagtäglich in unserer Gesellschaft vollzogen wird, ohne dass eine Person für diese Handlung zur Rechenschaft gezogen werden müsste.

Tatjana:

Hallo Jens,
Moral kann aber ebenso gut das Empfinden einer einzelnen Person meinen. Ich als Individuum kann das Töten von Tieren und das Essen tierischer Produkte sowie die mit der Massentierhaltung einhergehende Umweltschädigung, die übrigens durchaus auch Menschen als „Subjekte moralischer Pflicht“ betrifft, als „falsch“ empfinden.

Moral und Veganismus

Setzt auf den „Tomateneffekt“ in Sachen Veganismus: Neu-Veganerin Tatjana (Foto: privat)

Du schreibst, dass der Verzehr von Tieren nicht bestraft wird, weil die Gesellschaft ihn als nicht moralisch verwerflich empfindet. Wir befinden uns jedoch alle in stetigem Wandel. Wieso sollte bezüglich des Konsums tierischer Produkte nicht auch irgendwann der sogenannte „Tomateneffekt“ zum Tragen kommen? Tomaten galten Jahrhunderte lang als giftig trotz überwältigender Gegenbeweise. Damals wurden sie gemieden, heute lieben wir sie. Nicht nur in der Geschichte der Medizin gibt es Beispiele dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zu Gunsten konventioneller Weisheiten ignoriert werden. Der Philosoph Arthur Schopenhauer beschreibt den Weg der Wahrheit in drei Stufen: Erstens wird sie verspottet. Zweitens wird sie gewaltsam bekämpft. Drittens wird sie als offensichtlich angenommen. Vielleicht ist eine rein pflanzlich basierte Ernährung in ein paar Jahren unsere Wahrheit und entspricht der gesellschaftlichen Moral?

Jens:

Das Regelsystem der oben angesprochenen Normen ist, wie du in deiner Antwort bereits angedeutet hast, nicht absolut, sondern unterliegt einem steten Wandel. Aus diesem Grund würde ich auch den von dir verwendeten Begriff „Wahrheit“ kritisch sehen, da er den Absolutheitsanspruch besitzt, der der Moral fehlt. Es gibt bezüglich vieler moralischer Themen eine gesellschaftliche Debatte, zu der seit einigen Jahren eben auch die Veganismus-Debatte bzw. die Frage, ob Tiere moralische Rechte wie das Recht zu leben besitzen, gehört.

Ich vertrete die Ansicht, dass Tiere keinerlei Rechte haben können, da Begriffe wie „Recht“ oder „Moral“ vom Menschen geschaffene Konstrukte sind, die folglich auch nur das Zusammenleben von Menschen betreffen können. Wo immer es ein bestimmtes Recht gibt, ergibt sich reziprok auch die moralische Pflicht, dieses Recht zu respektieren. Wenn wir Tiere zu Objekten von moralischem Handeln machen würden, ergäbe sich hingegen jedoch die absurde Situation, dass diese dann zwar Rechte, aber keinerlei Pflichten hätten, da Tiere ihr Handeln nicht wie Menschen reflektieren können. Kein Tier wird jemals verstehen, was dieses „Recht“ ist, das wir ihm da zugestehen.

Dieser Widerspruch wird an einem Problem besonders offensichtlich: Tiere essen Tiere. Wenn man das Essen von Tieren durch den Menschen unter Strafe stellen würde, müsste man sich auch die Frage stellen, ob Tiere andere Tiere essen dürfen. Wir Menschen sind zwar Omnivore, also „Allesfresser“, und können somit die Art unserer Ernährung entscheidend verändern. In der Tierwelt gibt es hingegen auch Carnivore, also „Fleischfresser“, deren Verdauungssystem ausschließlich auf den Verzehr von Fleisch ausgelegt ist und die keine oder kaum pflanzliche Nahrung vertragen. Diese Tiere könnten sich niemals selbstständig von ihrer natürlichen Ernährungsweise distanzieren. Wenn wir Tieren jedoch zugestehen, Fleisch zu essen, dies aber Menschen verbieten, verstoßen wir gegen das oberste moralische Prinzip der Gleichbehandlung.

Tiere können somit keine Träger moralischer Rechte oder Pflichten sein. Trotzdem halte ich es für wichtig, dass wir uns mit Themen wie Umwelt- und Tierschutz beschäftigen und die Lebensbedingungen von Tieren in Massentierhaltung verbessern. Ich halte es ebenso wie du für durchaus realistisch, dass sich unsere Gesellschaft in Zukunft immer weiter in Richtung veganer Ernährung entwickelt.

Tatjana:

Du schreibst, dass es absurd wäre Tiere zu Objekten moralischen Handelns zu machen, weil sie ihre neugewonnenen „Rechte“ nicht verstehen und gleichzeitig ihre „Pflichten“ nicht erfüllen könnten, weil sie ihr Handeln nicht wie Menschen reflektieren können. Aber was ist mit Haustieren? Eine Katze ist genauso ein Tier wie ein Kälbchen – aber die Katze hat das „Recht“ rundum versorgt und nicht als Sonntagsbraten serviert zu werden.

Moral_Veganismus

Hat dieses Schweinchen weniger Rechte als eine Katze? (Foto: Jerzy / pixelio.de)

Vielleicht sagst du jetzt, dass Haustiere ihre „Pflicht“ erfüllen, indem sie aufs Katzenklo gehen oder als Hund Stöckchen holen. In einigen asiatischen Ländern werden Katzen und Hunde gegessen. Einen einheitlichen Moralbegriff in Bezug auf „Tiere als moralische Objekte“ gibt es nicht.

Tiere essen Tiere, aber ein Raubtier würde niemals zehn Beutetiere reißen und sie dann liegenlassen. Beim Menschen hingegen sieht das schon anders aus.

Auch wenn das vielleicht den Eindruck macht – ich will gar nicht darauf hinaus, dass der Veganismus der einzig richtige Weg ist. Mit der von mir aus freien Stücken gewählten Ernährungsform fühle ich mich wohl. Daneben zählt für mich auch der gesundheitliche Aspekt. Es gibt inzwischen diverse Studien, die zeigen, welche negativen Auswirkungen tierische Produkte auf unseren Körper haben: Bei der Autopsie von 632 US-Amerikanern und 632 Ugandern, die im selben Alter starben, zeigte sich, dass 136 der US-Amerikaner an einem Herzinfarkt gestorben waren. Bei den Ugandern war genau einer an einem Herzinfarkt gestorben. Die Afrikaner – die China-Studie bescheinigt übrigens dasselbe für das ländliche China – hatten einen außergewöhnlich niedrigen Cholesterinspiegel, weil ihre Ernährung überwiegend aus pflanzlichen Lebensmitteln bestand.

Jens:

Ich gebe zu, dass der Begriff „Objekt“ in Bezug auf Tiere zunächst etwas sonderbar wirken mag; allerdings soll dieses Wort nicht abwertend gemeint sein. Vielmehr ist damit der Kreis an Lebewesen gemeint, auf die unser moralisches Denken gerichtet ist. Man könnte auch sagen: Moralische Objekte sind die Empfänger von Rechten, moralische Subjekte hingegen sind die Träger von Pflichten, womit auch deutlich wird, dass wir Menschen im Normalfall beides sind, Tiere hingegen – wenn überhaupt – nur ersteres sein könnten. Wir essen unsere Katzen und andere Haustiere nicht, weil wir eine Beziehung zu ihnen aufbauen und sie liebgewinnen. Das hat aber nichts mit dem moralischen Status dieser Tiere an sich zu tun.

Bezüglich des gesundheitlichen Aspekts hast du natürlich zu großen Teilen Recht – gerade in den westlichen Industrienationen ist der unreflektierte Fleischkonsum zu einem großen Problem geworden, wodurch natürlich auch die Massentierhaltung weiter forciert wird. Die Tatsache, dass wir Menschen als Allesfresser Fleisch verdauen können, bedeutet nicht, dass wir uns ausschließlich von Fleisch oder tierischen Produkten ernähren sollten. Das Ziel sollte hier eine ausgewogene Ernährung sein, die zu einem großen Teil auf pflanzlichen Produkten basieren, aber eben auch gelegentlich Fleisch, Fisch oder andere tierische Produkte umfassen sollte.

In den Ernährungswissenschaften existiert die einhellige Meinung, dass eine rein vegane Ernährung nur kerngesunden Menschen empfohlen werden kann und für viele Gruppen wie Kinder, Schwangere oder kranke Menschen eine Risiko- bzw. Mangelernährung darstellt. So sprachen sich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Bundesregierung deutlich gegen eine vegane Ernährung aus. Demnach könne langfristig gesehen eine vegane Ernährung nicht empfohlen werden, da sie zu Muskelabbau, Leistungseinbußen und Mangelerscheinungen führe. Durch bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und medizinische Aufklärung kann man diese Probleme sicherlich überwinden, auch wenn vegane Ernährung keine „natürliche“ Ernährung für uns Menschen darstellen wird.

Tatjana:

Ich stimme dir völlig zu, wenn du schreibst, dass vegane Ernährung nicht für jeden geeignet ist. Pauschal zu sagen, dass sie für Schwangere und Kranke nicht gut ist, kann jedoch so nicht stehen bleiben. Der Verzehr von gegrilltem Fleisch im ersten Schwangerschaftsdrittel steht laut Wissenschaftlern in Zusammenhang mit einem geringeren Geburtsgewicht, ebenso wie das bloße Einatmen der Grilldämpfe. Letzteres bringen die Wissenschaftler zudem mit einer kleineren Kopfgröße des Säuglings in Verbindung. Atmet eine Schwangere Grilldämpfe ein, kann das negative Auswirkungen auf die zukünftige kognitive Entwicklung des Kindes haben. Die Folge kann bspw. ein geringerer IQ sein.

vegan grillen

Lecker und gesundheitsschädlich? Grillen (Foto: 110stefan / pixelio.de)

Bei einem wissenschaftlichen Versuch in Schweden wurden hingegen 35 Asthmapatienten auf eine pflanzenbasierte Diät gesetzt. Von den 24 Patienten, die bei der veganen Ernährung blieben, ging es 70% nach vier Monaten, 90% nach einem Jahr besser. Gut, das ist nicht repräsentativ, aber ich möchte Dr. Michael Greger zitieren, der alle hier genannten Experimente in seinem Buch „How not to die“ aufgeführt hat: „Schaut man sich die gesundheitlichen Vorteile im Vergleich zu den Risiken an, ist eine pflanzenbasierte Ernährung den Versuch auf jeden Fall Wert.“

Tatsache ist, dass alle Vitamine und Nährstoffe bis auf B12 in Pflanzen enthalten sind. Auch die von dir erwähnte Deutsche Gesellschaft für Ernährung legt Menschen, die sich entgegen ihrer Empfehlung vegan ernähren wollen, nur ein Vitamin-B12-Präparat ans Herz – keine weiteren Nahrungsergänzungsmittel.

Trotzdem reagieren wir natürlich alle anders. Ich esse seit wenigen Monaten überwiegend vegan. Davor habe ich über zehn Jahren kein Fleisch aber Fisch gegessen, war per definitionem also Pescetarier. Und das komplett ohne Mangelerscheinungen, worauf ich mich regelmäßig untersuchen lasse. Ich kenne jedoch einen ähnlichen Fall, bei dem der Verzicht auf Fleisch zu einem starken Eisenmangel geführt hat, der selbst durch Nahrungsergänzungsmittel nicht kuriert werden konnte. In so einem Fall geht die Gesundheit natürlich vor.

Zudem kann vegane Ernährung ein Ansatz gegen die Umweltzerstörung sein. Knapp die Hälfte der Treibhausgase kommt aus der Massentierhaltung. Für Sojabohnen, die zu etwa 80% als Futter in die Massentierhaltung gehen, wird hektarweise Regenwald abgeholzt und das proteinhaltige Futter dann noch kilometerweit zu uns geschifft oder geflogen.

Jens:

Fakt ist, dass man sich mit einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung, in jedem Fall auf der sicheren Seite befindet. Sucht man im Internet nach den Auswirkungen veganer Ernährung, findet man unzählige sich widersprechende Aussagen. Für viele Gruppen wie Sportler oder Menschen mit einem hohen Stoffwechsel ist vegane Ernährung überwiegend kritisch zu sehen, wie zahlreiche durch Ärzte begleitete Selbstversuche (u.a. DIESER in der „Welt“ erschienene) belegen.

Auch, wenn wir zweifelsfrei feststellen würden, dass wir Menschen uns nicht gesund auf vegane Art ernähren könnten, könnte es trotzdem die moralische Forderung geben, dass wir Tiere nicht töten dürften, um sie anschließend zu essen. Auch der umgekehrte Fall wäre denkbar. Aber es ist doch viel interessanter, der Frage nachzugehen, ob hinter veganer Ernährung denn mehr steckt als nur ein subjektiver Lifestyle – ob Veganismus gar „richtig“ oder „falsch“ sein kann. Und richtig oder falsch kann etwas eben nur im faktischen, was hier auszuschließen ist, oder moralischen Sinne sein. Ethik ist ja geradezu definiert als die Suche nach dem Richtigen oder Falschen (vgl. hierzu u.a. das Standardwerk John Leslie Mackies).

Wenn Veganismus ein ethisches Grundprinzip wäre, an das sich jeder halten müsste, müsste es auch zwangsläufig für Tiere, die andere Tiere töten und essen, gelten. Denn obwohl du es nicht wahrhaben willst, töten Raubtiere nicht nur, um zu essen, sondern auch einfach so zum Spaß. Tiere töten ihre eigenen Jungen, um sich nicht mehr um sie kümmern zu müssen, sie töten ihre männlichen Artgenossen, um sich so eines Nebenbuhlers um ein Weibchen zu entledigen. Unsere geliebten Katzen spielen mit gefangenen Mäusen und quälen sie, anstatt sie schnell zu töten. Entgegen der allgemeinen romantischen Stimmung in Bezug auf das Tierreich muss man also festhalten: Tiere töten. (Vgl. hierzu den im „Spiegel“ erschienene Artikel „Killer mit Kulleraugen“)

Ich möchte gerne mit einem letzten hypothetischen Beispiel abschließen, um zu verdeutlichen, dass es nichts gibt, was am Fleischkonsum an sich moralisch relevant sein kann: Ich entschließe mich – rein hypothetisch gesprochen – einen Spaziergang zu machen und bemerke auf dem Waldweg einen toten Hasen. Es sind keine äußeren Zeichen von Gewalteinwirkung erkennbar und es hat noch kein Verwesungsprozess begonnen. Ich entschließe mich, den toten Hasen mitzunehmen und zu Hause zu verzehren. Die Gretchen-Frage: Was ist an meiner Handlung verwerflich?

Tatjana:

Tiere töten, da widerspreche ich nicht. Wir Menschen dagegen sind „Allesfresser“ und besitzen die Intelligenz abzuwägen, was wir essen wollen und was nicht. Übrigens auch noch ein kleiner Unterschied zwischen Mensch und Tier: Tiere verzehren ihr Beutetier. Menschen hingegen kaufen ihr Fleisch gerne abgepackt und wollen möglichst nicht mit der Tatsache konfrontiert werden, dass das Stück Fleisch auf ihrem Teller vor ein paar Stunden noch gelebt hat. Wieso sollten sie sonst so gereizt reagieren, wenn man sie darauf anspricht?

Gibt es wirklich keine Argumente dafür, dass Veganismus „richtig“ ist? Ich als Mensch möchte keinem Lebewesen Leid zufügen oder darüber entscheiden, ob es getötet wird. Hier kommt Arthur Schopenhauers Mitleidsethik ins Spiel: Moralisches Handeln lässt sich dann als solches verstehen, wenn wir ein empirisches Motiv finden – Motive wie altruistische Gefühle oder Mitleid beispielsweise. Die Anwendbarkeit des Mitleids auf alle Wesen ergibt einen gleichen moralischen Status für Mensch und Tier. Inwiefern wir aus diesem Mitleid unsere Konsequenzen ziehen, bleibt uns selbst überlassen. So beispielsweise auf deine hypothetische Geschichte mit dem Hasen bezogen: Tatsächlich ist es so, dass ich Tiere nicht mehr als Nahrungsquelle wahrnehme. Ich hätte ihn also begraben.

Vegane Ernährung kann gesund sein und sogar heilen – und für mich ist sie „richtig“. Trotzdem bleibt es jedem selbst überlassen, was er isst, solange er mit den Konsequenzen – gesundheitlicher oder ethischer Art – leben kann.

Jens:

Da kann ich dir nur zustimmen. Ich denke jedoch, dass du dir über die Tatsache bewusst bist, dass du als Veganerin mit dieser Aussage gleichzeitig eine Form von Toleranz gegenüber „Fleischessern“ zeigst, die viele andere Veganer gerade nicht teilen würden. Gerade weil wir „Allesfresser“ sind, ist die Entscheidung, sich ausschließlich von pflanzlicher Nahrung zu ernähren, eine individuelle, die man kritisch sehen und die niemandem vorgeschrieben werden kann.

Es ist interessant und lobenswert zugleich, dass du Schopenhauers Mitleidsethik heranziehst, um moralische Rechte für Tiere zu begründen. Diese Form der Ethik wurde in der Vergangenheit vielfach kritisiert, unter anderem besonders vehement von Friedrich Nietzsche, und besitzt in meinen Augen ein zentrales Problem: Es ist ein rein emotionaler Ansatz und aus diesem Grund nicht generalisierbar. Nicht jeder Mensch empfindet Mitleid in dem gleichen Maße und mit den gleichen Lebewesen. Es gibt durchaus ethische Gründe, um sich vegan zu ernähren, aber diese sind individuell und nicht generalisierbar.

Generell sollten Tier- und Umweltschutz in unserer Gesellschaft und in der Politik einen höheren Stellenwert einnehmen als dies momentan der Fall ist. Ich denke aber unser Gespräch konnte auch zeigen, dass es sehr schwierig ist, moralische Rechte für Tiere zu begründen oder den Verzehr von Fleisch an sich in Frage zu stellen. Ohne diese Grundlage bleibt Veganismus ein – für den einen mehr, für den anderen weniger – erstrebenswertes Ideal, das jedoch keine moralische Vorgabe sein kann.

Jetzt seid ihr dran, liebe Leser! Wer konnte euch überzeugen und warum? Schreibt es in die Kommentare oder auf unsere Facebook-Seite!

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Private Policy – Wie Politik mich zum Idioten macht

„Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!“, tönen die Großmäuler dann und wann. Was derb daherkommt und sich somit bei einer Podiumsdiskussion höchstens wortwörtlich als „Totschlagargument“ eignet, macht in ungeschönter Art und Weise deutlich, dass an „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ manchmal mehr dran ist als eine weitere, abgedroschene Redewendung.

Am eigenen Leib spürte ich dies erst vergangene Woche, als ich mich inmitten einer brodelnden politischen Debatte wiederfand, umzingelt von Teilzeit-Antifa-Aktivisten und fast auspromovierten Politikwissenschaftlern. Nicht, dass sich dort jemand auch nur höflichkeitshalber nach meiner Meinung erkundigt hätte – schließlich hatten sie sich selbst gerade in Rage und meiner Beobachtung nach teilweise nur knapp um Kopf und Kragen geredet – doch fühlte ich mich nichtsdestotrotz in der Pflicht, Stellung zu beziehen. Partei zu ergreifen. Im Geiste das Rednerpult zu erklimmen, großspurig zu gestikulieren, im Fremdworthülsenweitwurf einen langen Atem zu beweisen und so schlussendlich die jubelnde Menge zu überzeugen. Kurzum: Ein reinkarnierter Cicero müsste ich sein, bloß ohne Geheimratsecken und mit Kunstlederrock anstelle der Bademantelstola.

Bierfest

Ruhe auf den billigen Plätzen: Wie schön wäre es, würden Politiker Bierkrüge statt Reden schwingen (Foto: T.Gartner)

Stattdessen vergrub ich den Kopf fast vollständig in der Lack-Baldinini, in der Hoffnung, dort entweder auf komprimiertes politisches Wissen oder aber wenigstens auf meinen nach Zitrone und Olive duftenden Lippenbalsam zu stoßen, nach dem ich schon die gesamte erste Hälfte des Disputs gefingert habe. Die für meinesgleichen ungewöhnlich lange Kunst- und Sendepause hat meine Lippen schließlich ganz trocken werden lassen. Ich musste mir eingestehen: Ich hatte in politischen Belangen wirklich nicht viel zu melden. Weder zum Thema Rüstungspolitik noch zur Flüchtlingsfrage. Natürlich habe ich mir zu all‘ diesen Kontroversen stets irgendeine Meinung im Hinterkopf zusammengeschustert. Doch qualifiziert diese mich automatisch zur Mitsprache im Olymp oder macht sie mich lediglich zum Aushängeschild für unser ach so politikverdrossenes Deutschland?

„Dumm ist der, der Dummes tut“, wird mach ein Forrest Gump-Anhänger an dieser Stelle einwerfen. Im Umkehrschluss wäre meine Idiotie – oder nennen wir es die Beklemmung, die mich beschleicht, wann immer die Worte „Parlament“ oder „Delegierte“ fallen – nicht einmal selbstverschuldet, da ich mich ja streng genommen überhaupt nicht rühre.

Wenn ich denn überhaupt von aktivem Handeln meinerseits sprechen kann, dann vermutlich nur ex Negativo: Ich informiere mich scheinbar nicht ausreichend, um aus Eigeninitiative über „Angies“ letzten öffentlichen Auftritt zu frotzeln oder vorzugeben, mit Philipp Rösler früher die Schulbank gedrückt zu haben, indem ich ihn liebevoll gemeinsam mit den anderen Redakteuren „Fipsi“ schimpfe. Ich habe nicht bei der letzten Demo in vorderster Reihe mit Steinen geschmissen oder zwei Tage bei Wind und Wetter im Blockupy-Camp gezeltet. Und um Chauvinisten sogleich das Handwerk zu legen: Nein, ich habe von diesem, in unserem Gesetz verankerten Recht von Meinungs-und Versammlungsfreiheit nicht bloß keinen Gebrauch gemacht, weil es sich mit der Sendezeit von Germany’s Next Topmodel überschnitt.

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Mit Blödheit in den Bundestag: Immerhin besteht Hoffnung auf Modeschmuck aus der Region (Foto: Föhr)

Ich habe mich lediglich zurückgehalten, weil ich offen und ehrlich zugebe, nicht ausreichend über den Wunsch zu verfügen, mein Wissen und/oder meine Teilhabe auf dem Gebiet zu vergrößern. Ich gehe dennoch gewissenhaft zu jeder Wahl und führe mir gar politische TV-Duelle zu Gemüte.

Selbstverständlich erheitern Tuscheleien über Merkels „Schland“-Kette mir bei weitem schneller das Gemüt als etwa der Clinch mit Seehofer um die PKW-Maut für Ausländer. Und wieso? Ganz einfach, weil ich mich mit der Kette erst einmal verbundener fühle. Nicht nur, dass ich selbst eine in Idar-Oberstein gefertigte Edelsteinkette besitze – meine Expertise in Modefragen könnte mich blitzschnell zur Spitzenkandidatin einer neuen Partei katapultieren. Wenn es denn eine textil-und bijouteriefokussierte Partei jemals in den Bundestag schaffen würde. Vorher schätze ich meine Chancen als Abgeordnete eher gering ein.

Ich halte mich wohl oder übel also auch künftig in Podiumsdiskussionen vorsätzlich als Lümmel aus der letzten Reihe bedeckt und fahre alternativ meine ganz eigene Politik: Meine Meinung ist, sofern vorhanden, ganz allein meine Sache und wenn ich keine Ahnung habe, halte ich lieber einfach mal die Klappe Fresse.

Vorschau: In der kommenden Woche lesen wir, welchen Nutzen Kolumnist Sascha dem Konzept Familie zuspricht.

Filmzensur – gerechtfertigt oder pure Willkür? Teil 2 am Beispiel von Robert Rodriguez´ Kinofilm “Machete”

Die Debatte um die Grenze zwischen Mexiko und den USA, den so genannten „Tortilla Curtain“, sorgt seit jeher für Gesprächsstoff. Wie der „Focus“ 1994 berichtet, wurde in den USA bereits die Erbauung einer fünf Meter hohen Mauer in Betracht gezogen.[1] Diese Idee kommt der von Senator McLaughlin ziemlich nahe und lieferte so vielleicht die Grundlage für den politischen Konflikt im Film.

 Das propagandistische Programm McLaughlins wird nicht nur mittels seiner extrem rassistischen und unqualifizierten Ausdrucksweise, sondern auch durch seine realen Jagden auf illegale Einwanderer verurteilt. Der Tod des Senators gibt weiteren Spielraum für Interpretationen: Als Mexikaner verkleidet wir er von seiner eigene Grenzpatrouille an einem Stacheldraht lehnend erschossen. Das Bild ist zu eindeutig: Der Jäger wird zum Gejagten, die Verhältnisse kehren sich um. Nicht das Gesetz – das im Film als zahnloser Tiger auftritt –, sondern nur die eigene Weltanschauung gilt als nicht hinterfragte Bevollmächtigung, lügend und mordend durch die Welt zu ziehen. Es zeigt sich, dass im Falle des Senators nicht nur das Gesetz versagt hat, sondern auch die persönliche Weltanschauung, die dahinter steht.

 Hat die FSK diesen künstlerischen Anspruch eventuell erkannt und über die sich möglicherweise auf die Psyche auswirkenden Gewaltszenen gestellt? Denkbar wäre es, denn das Spiel mit dem Klischee der mit primitiven Waffen ausgestatteten, blutrünstigen Mexikaner gegen das in Verschwörungen verwickelte Amerika wird so eklatant zur Schau gestellt, dass eine Fehlinterpretation geradezu indiskutabel erscheint. Der Film ist eben Trash[2] – ganz nach Absicht von Rodriguez und Tarantino. Absolut überspitzt und „over the top“, um auf das oben aufgeführte Zitat Batzmans zurückzugreifen, – die Überaffirmation von Brutalität und Gewalt dient offensichtlich dem Zweck der Parodie. Bisher war aber auch das keinesfalls ein Ausschlusskriterium für Zensur. Die pornographischen Momente in Rammsteins Musikvideo „Pussy“ wurden eigens für Deutschland abgeändert beziehungsweise herausgeschnitten. M.I.A.s Video „Born free“, in dem die Absurdität des Rassismus mittels der Jagd auf und Tötung von Rothaarigen aufgezeigt wird, erreichte innerhalb einer kurzen Laufzeit nur noch die registrierten, über 18-jährigen Youtube-User – für alle übrigen wurde der Clip gesperrt.[3]

 Wie ist eine solche Differenzierung möglich? Und verlieren die Zensurorgane so nicht an der für sie so notwenigen Glaubwürdigkeit?

 An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf das Zitat von kino.to-User Henge zurückkommen: Das oberflächlich gefällte Urteil „furchtbar schlecht der Film“ zeigt leider wie missverständlich doch die Botschaft von Rodriguez sein kann. Abgesehen von der in meinen Augen ungerechtfertigten Einschätzung der schauspielerischen Leistungen der Akteure, sind beinahe alle weiteren von Henge genannten Kritikpunkte schlicht Bestandteile eines Trash-Films, der sich ja eben durch eine qualitativ minderwertige Machart auszeichnet. Wenn bereits das Genre des Films fehlinterpretiert wird, wie steht es dann erst um die politische Botschaft?

 Um aber auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Zwar konnte ich im Internet keine Forderungen auf härtere Zensur im Bezug auf „Machete“ finden, bin mir aber trotzdem sicher, dass solche existieren. Die Einschätzung der FSK „Machete“ ab 18 freizugeben, halte ich insofern für sinnvoll, als dass Thematiken wie die im Film behandelte, zumeist doch eher das Interesse Erwachsener treffen. Kinder und Heranwachsende können mit den Anspielungen Rodriguez womöglich noch nicht so viel anfangen und sehen vordergründig die doch stark ausgeprägte Gewalt. Aus meiner Sicht wäre es dennoch nicht gerechtfertigt die oben genannten oder auch andere Szenen aus dem Film zu schneiden. Das aufrüttelnde Moment, welches durch die Überaffirmation von Gewalt und Brutalität auf den Zuschauer wirkt, würde verloren gehen. Und mit ihm sowohl der künstlerische Anspruch, als auch die politische Botschaft. Kurzum: Mit Kürzungen wäre die Absicht Rodriguez´ auf einen Missstand im amerikanischen Politiksystem aufmerksam zu machen derartig zweckentfremdet, dass die Sinnhaftigkeit des Filmes in Frage zu stellen wäre.

 Nicht zu vergessen, dass viele Rezipienten vor allem brutalen Actionszenen reizen. Sollte es tatsächlich nur mit derartigen Gewaltdarstellungen möglich sein auf problematische Themen aufmerksam zu machen, so lautet mein Urteil klar: Eine Zensur darf hier keinesfalls durchgeführt werden. Wenn Ethik die Lehre vom richtigen Handeln ist, so wiegt für mich an dieser Stelle die tiefere Absicht des Regisseurs eindeutig mehr als die mögliche Fehlinterpretation durch einen Bruchteil der Zuschauer.

Vorschau: Nächsten Freitag erwartet euch an dieser Stelle der dritte Teil der Café-Serie von Jean-Claude.

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Teil 1 zum Thema Filmzensur findet ihr hier.

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[1]http://www.focus.de/politik/ausland/usa-mauer-gegen-fluechtlinge_aid_148399.html, 20.01.2011

[2] Trashfilm ist ein Begriff, der für Filme qualitativ schlechter Machart mit geringem Budget verwendet wird. Er stammt von Trash, dem englischen Wort für Müll. (Quelle: Wikipedia)

[3] Vgl. http://www.bild.de/BILD/unterhaltung/musik/2010/04/30/mia-brutales-video-born-free/spaltet-die-internet-welt.html, 20.01.2011.